Ideologie und Terror (TS, rekonstruierte Ursprungsfassung) Ideologie und Terror (TS) Ideologie und Terror (Offener Horizont: Festschrift für Karl Jaspers, 1953) Ideologie und Terror. Wesen und Originalität der totalitären Herrschaft (Rheinischer Merkur, 1953)
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Hannah Arendt
Hannah Arendt
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Ideologie und Terror
Ideologie und Terror
Ideologie und Terror
Ideologie und Terror
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Den folgenden Überlegungen liegt eine Überzeugung zugrunde, die weder selbstverständlich ist noch hier deutlich gemacht werden kann. Sie betrifft erstens die Natur der Krise, in die wir geraten sind und die zumeist lediglich als eine Bedrohung gesehen wird, welche die expansionslüsternen totalitären Machtapparate über das politische Leben der Völker der Erde gelegt haben. Sie betrifft zweitens die Natur dieser totalitären Herrschaftsformen, die zumeist mit den Ein-Partei-Systemen, aus denen sie in den beiden uns bekannten Fällen entstanden, identifiziert werden und somit in ihrem Anspruch, eine schlechthin neue Form menschlicher Herrschaft erfunden und etabliert zu haben, nicht ernst genommen werden. Wenn es nur nicht Stalin gäbe, wenn es Hitler nur nie gegeben hätte -- so glaubte man -- wäre alles in bester Ordnung. Wenn nur erst die Macht der Sowjetunion gebrochen sein wird, wie die Macht des Dritten Reiches gebrochen wurde, wird man mit mehr oder minder großen Schwierigkeiten die alte Ordnung ungestraft wiederherstellen können.
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Wesen und Originalität der totalitären Herrschaft
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Wenn es nur nicht Stalin und den Bolschewismus gäbe -- so glaubt man heute, wie man in den dreißiger Jahren meinte, wenn es nicht Hitler und den Nationalsozialismus gäbe -- wäre alles in bester Ordnung.
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[metamark (text connection)]Den folgenden Ueberlegungen liegt eine Ueberzeugung zu Grunde, die weder selbstverstaendlich ist noch hier deutlich gemacht werden kann. Sie betrifft die Natur der Krise, in die wir geraten sind und die zumeist lediglich als eine Bedrohung von Aussen gesehen wird, welche die expansionsluesternen totalitaeren Machtapparate ueber das politische Leben der Voelker der Erde gelegt haben.[metamark (text connection)] Sie betrifft zweitens die Natur dieser totalitaeren Herrschaftsformen, die zumeist mit den Ein-Partei-Systemen, aus denen sie in den beiden uns bekannten Faellen entstanden, identifiziert werden und somit in ihrem Anspruch, eine schlechthin neue Form menschlicher Herrschaft erfunden und etabliert zu haben, nicht ernst genommen werden. Wenn es nur nicht Stalin u. den Bolshewismus gaebe, -- So glaubt man heute, wie man in den dreissiger Jahren dachte, wenn es nur nicht Hitler und den NSismus gäbe, waere alles in bester Ordnung. Wenn nur erst die Macht der Sowjet Union gebrochen sein wird, wie die Macht des Dritten Reiches gebrochen wurde, wird man mit mehr oder minder Schwierigkeiten die alte Ordnung ungestraft wieder restorieren koennen. Demgegenueber unterstellen1 wir, dass2 die heutige Krise so wenig mit dem Wegraeumen Stalins3 erledigt sein wird wie sie nach5 dem Fall Hitlers erledigt wurde6. Es koennte7 sogar sein, dass8 die wirklichen Probleme der Zeit sich in ihrer wahren Gestalt (9wenn auch keineswegs notwendigerweise weiterhin in ihren blutigsten Formen)10 erst zeigen werden, wenn die totalitaeren11 Diktaturen eine Sache der Vergangenheit geworden sind.[metamark (text connection)] Diese Ueberzeugung stuetzt sich auf gewisse Einsichten in den totalitaeren Herrschaftsapparat, wie sie nur in einer konkreten historisch-politischen Analyse gewonnen werden koennen, die ich glaube, an anderer Stelle gegeben zu haben. Was ich ferner hier voraussetzen muss, ist die Einsicht in die bestürzende Originalitaet totalitaerer Herrschafts- und Organisationsmethoden welche in ihren Strukturen u. in ihren Taten die Kategorien u. Begriffe d. traditionellen polit. Wissenschaften und die of. Moral gesprengt haben.[metamark (text connection)]einerseits, und ihre bestuerzende Relevanz andererseits fuer die politischen Probleme eines Jahrhunderts, in dem die Menschheit aus einer Idee oder einem Ideal zu einer handgreiflichen politischen Wirklichkeit geworden ist. Dies scheint mir die Frage nach dem Wesen totalitaerer Herrschaft zu rechtfertigen, um von dieser Fragestellung aus, gewisse Aspekte der Krise zu entdecken, in der wir alle und ueberall leben.12[metamark (text connection)]
[metamark (text connection)]Den folgenden Ueberlegungen liegt eine Ueberzeugung zu Grunde, die weder selbstverstaendlich ist noch hier deutlich gemacht werden kann. Sie betrifft die Natur der Krise, in die wir geraten sind und die zumeist lediglich als eine Bedrohung von Aussen gesehen wird, welche die expansionsluesternen totalitaeren Machtapparate ueber das politische Leben der Voelker der Erde gelegt haben.[metamark (text connection)]Sie betrifft zweitens die Natur dieser totalitaeren Herrschaftsformen, die zumeist mit den Ein-Partei-Systemen, aus denen sie in den beiden uns bekannten Faellen entstanden, identifiziert werden und somit in ihrem Anspruch, eine schlechthin neue Form menschlicher Herrschaft erfunden und etabliert zu haben, nicht ernst genommen werden. Wenn es nur nicht Stalin u. den Bolshewismus gaebe, -- So glaubt man heute, wie man in den dreissiger Jahren dachte, wenn es nur nicht Hitler und den NSismus gäbe, waere alles in bester Ordnung. Wenn nur erst die Macht der Sowjet Union gebrochen sein wird, wie die Macht des Dritten Reiches gebrochen wurde, wird man mit mehr oder minder Schwierigkeiten die alte Ordnung ungestraft wieder restorieren koennen. Demgegenueber unterstellen1 wir, dass2 die heutige Krise so wenig mit dem Wegraeumen Stalins3 erledigt sein wird wie sie nach5 dem Fall Hitlers erledigt wurde6. Es koennte7 sogar sein, dass8 die wirklichen Probleme der Zeit sich in ihrer wahren Gestalt (9wenn auch keineswegs notwendigerweise weiterhin in ihren blutigsten Formen)10 erst zeigen werden, wenn die totalitaeren11 Diktaturen eine Sache der Vergangenheit geworden sind.[metamark (text connection)]Diese Ueberzeugung stuetzt sich auf gewisse Einsichten in den totalitaeren Herrschaftsapparat, wie sie nur in einer konkreten historisch-politischen Analyse gewonnen werden koennen, die ich glaube, an anderer Stelle gegeben zu haben. Was ich ferner hier voraussetzen muss, ist die Einsicht in die bestürzende Originalitaet totalitaerer Herrschafts- und Organisationsmethoden welche in ihren Strukturen u. in ihren Taten die Kategorien u. Begriffe d. traditionellen polit. Wissenschaften und die of. Moral gesprengt haben.[metamark (text connection)]einerseits, und ihre bestuerzende Relevanz andererseits fuer die politischen Probleme eines Jahrhunderts, in dem die Menschheit aus einer Idee oder einem Ideal zu einer handgreiflichen politischen Wirklichkeit geworden ist. Dies scheint mir die Frage nach dem Wesen totalitaerer Herrschaft zu rechtfertigen, um von dieser Fragestellung aus, gewisse Aspekte der Krise zu entdecken, in der wir alle und ueberall leben.12[metamark (text connection)]
Demgegenüber unterstellen1 wir, daß2 die heutige Krise so wenig mit dem Wegräumen Stalins3 erledigt sein wird,4 wie sie nach5 dem Fall Hitlers erledigt war6. Es könnte7 sogar sein, daß8 die wirklichen Probleme der Zeit sich in ihrer wahren Gestalt (9wenn auch keineswegs notwendigerweise weiterhin in ihren blutigsten Formen)10 erst zeigen werden, wenn die totalitären11 Diktaturen eine Sache der Vergangenheit geworden sind. Diese Überzeugung stützt sich auf gewisse Einsichten, wie sie nur in einer konkreten historisch-politischen Analyse gewonnen werden können, die ich glaube, an anderer Stelle gegeben zu haben. Was ich hier voraussetzen muß, ist die Einsicht in die außerordentliche Originalität totalitärer Herrschafts- und Organisationsmethoden einerseits, und ihre bestürzende Relevanz andererseits für die politischen Probleme eines Jahrhunderts, in dem die Menschheit aus einer Idee oder einem Ideal zu einer handgreiflichen politischen Wirklichkeit geworden ist. Dies zusammen scheint mir die Frage nach dem Wesen totalitärer Herrschaft zu rechtfertigen, um von dieser Fragestellung aus gewisse Aspekte der Krise zu entdecken, in der wir alle und überall leben.12
Demgegenüber glauben1 wir, daß2 die heutige Krise so wenig mit dem Ende des Bolschewismus3 erledigt sein wird,4 wie die damalige mit5 dem Fall Hitlers erledigt war6. Es könnte7 sogar sein, daß8 die wirklichen Probleme der Zeit sich in ihrer wahren Gestalt --9 wenn auch keineswegs notwendigerweise weiterhin in ihren blutigsten Formen --10 erst zeigen werden, wenn die totalitären11 Diktaturen eine Sache der Vergangenheit geworden sind.
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Was ferner hier vorausgesetzt werden muß, ist die Einsicht in die bestürzende Originalität totalitärer Organisationsmethoden, welche durch ihre Taten die Urteilsmöglichkeiten der abendländischen Moral und durch ihre Herrschaftsstruktur die Kategorien unseres politischen Denkens gesprengt haben. Beides zusammen aber rechtfertigt die Frage nach dem Wesen totalitärer Herrschaft, damit von dieser Fragestellung aus gewisse Aspekte der Krise entdeckt werden können, in der wir alle und überall leben.
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Ehre, Tugend oder Furcht?
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Wenn hier vom Wesen einer Staatsform die Rede ist, so in der bewußten Nachfolge Montesquieus, der in der abendländischen Tradition politischen Denkens Unterschied und Beziehung zwischen dem Wesen einer Regierung und ihrem Prinzip fand und der bestimmte, daß das Wesen der Staatsform (oder auch seine Struktur) das ist, was macht, daß der Staat so und nicht anders ist (eine Republik und keine Monarchie etwa), während das Prinzip einer jeden Regierung das ist, was bewirkt, daß gehandelt werden kann.
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So hat die Monarchie etwa ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Händen eines einzigen liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht. Die Republik hat ihr Wesen in verfassungsmäßiger Regierung, in der die Macht in den Händen des Volkes liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht. Die Tyrannis hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, in der Macht von der Willkür eines einzelnen ausgeübt wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht.
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Diese Prinzipien des Handelns (Ehre, Tugend, Furcht) dürfen nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind nicht so sehr Antriebe als Maßstäbe, an denen alle Akte des Handelns in den ihnen entsprechenden Staatsformen innerhalb des öffentlichen Lebens gemessen werden, und zwar das Handeln der Regierenden so gut wie das der Regierten.
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Die Originalitaet totalitaerer1 Herrschaft, deren Taten in der uns bekannten Geschichte und deren Organisationsform unter den von der klassischen politischen Theorie definierten Staatsformen ohne Parallele dastehen, zeigte sich vorerst in dem, was man gemeinhin als die Verbrechen dieser Systeme bezeichnet. Das Charakteristische der in Nuernberg2 abgeurteilten Taten des Nazi-Regimes war, dass3 sie sich weder mit unseren Begriffen von Suende4 und Vergehen -- wie sie seit Jahrtausenden in den Zehn Geboten niedergelegt und scheinbar endgueltig5 formuliert waren -- fassen, noch mit den uns zur Verfuegung6 stehenden juristischen Mitteln aburteilen und bestrafen liessen7. Der Satz: »Du sollst nicht toeten8« versagt gegenueber9 einer Bevoelkerungspolitik10, die systematisch und sogar fabrikmaessig11 daran geht, die »lebensuntauglichen und minderwertigen Rassen und Individuen« oder die »sterbenden Klassen« zu vernichten; und dies nicht als einmalige Aktion, sondern offenbar in einem auf Permanenz berechneten und angelegten Verfahren. Die Todesstrafe wird absurd, wenn man es nicht mit Moerdern12, die wissen was Mord ist, zu tun hat,14 sondern mit Bevoelkerungspolitikern15, die den Millionen-Mord so organisierten16, dass17 alle Beteiligten subjektiv unschuldig sind: die Ermordeten, weil sie sich nicht gegen das Regime vergangen haben; und die Moerder18, weil sie keineswegs aus »moerderischen19« Motiven handelten. Stellt man sich angesichts dieser neuesten Ereignisse auf den Boden spezifisch abendlaendischer20 Geschichte, so kann man sagen: Dies haette21 nicht geschehen duerfen22, und zwar in dem Sinn, in dem Kant meinte, dass waehrend23 eines Krieges nichts geschehen duerfe24, was einen spaeteren25 Frieden schlechthin unmoeglich26 machen wuerde27.
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Die Originalität totalitärer1 Herrschaft, deren Taten in der uns bekannten Geschichte und deren Organisationsform unter den von der klassischen politischen Theorie definierten Staatsformen ohne Parallele dastehen, zeigte sich vorerst in dem, was man gemeinhin als die Verbrechen dieser Systeme bezeichnet. Das Charakteristische der in Nürnberg2 abgeurteilten Taten des Nazi-Regimes war, daß3 sie sich weder mit unseren Begriffen von Sünde4 und Vergehen -- wie sie seit Jahrtausenden in den Zehn Geboten niedergelegt und scheinbar endgültig5 formuliert waren -- fassen, noch mit den uns zur Verfügung6 stehenden juristischen Mitteln aburteilen und bestrafen ließen7. Der Satz: »Du sollst nicht töten8« versagt gegenüber9 einer Bevölkerungspolitik10, die systematisch oder fabrikmäßig11 daran geht, die »lebensuntauglichen und minderwertigen Rassen und Individuen« oder die »sterbenden Klassen« zu vernichten; und dies nicht als einmalige Aktion, sondern offenbar in einem auf Permanenz berechneten und angelegten Verfahren. Die Todesstrafe wird absurd, wenn man es nicht mit Mördern zu tun hat12, die wissen,13 was Mord ist, sondern mit Bevölkerungspolitikern15, die den Millionen-Mord so organisieren16, daß17 alle Beteiligten subjektiv unschuldig sind: die Ermordeten, weil sie sich nicht gegen das Regime vergangen haben; und die Mörder18, weil sie keineswegs aus »mörderischen19« Motiven handelten. Stellt man sich angesichts dieser neuesten Ereignisse auf den Boden spezifisch abendländischer20 Geschichte, so kann man sagen: Dies hätte21 nicht geschehen dürfen22, und zwar in dem Sinn, in dem Kant meinte, daß während23 eines Krieges nichts geschehen dürfe24, was einen späteren25 Frieden schlechthin unmöglich26 machen würde27.
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Das Entsetzen, das sagt: Dies haette1 nicht geschehen duerfen2, meint nicht, dass3 wir dies nicht wieder gutmachen koennen,4 (denn gutmachen kann man ohnehin niemals, wo Menschen wirklich handeln) sondern dass6 wir dies nicht verantworten koennen7. Politisch uebernimmt8 jede Regierung eines Landes die Verantwortung fuer9 das, was die vorhergehende getan hat, auch wenn sie trachtet, es rueckgaengig10 zu machen. Ohne eine solche Uebernahme gaebe11 es keine geschichtliche Kontinuitaet12. Menschlich muessen13 wir weitgehend Verantwortung auch fuer14 das uebernehmen15, was Menschen ohne unser Wissen und Zutun irgendwo in der Welt verbrochen haben; sonst gaebe16 es keine Einheit des Menschengeschlechts. Wir koennen17 es, weil uns gerade die spezifisch boesen18 Motive oder die spezifisch berechnete |3 Zweckmaessigkeit19 der Handlung menschlich einsichtig ist. Auch die Bestrafung des Verbrechers ist noch ein Akt der Verantwortung und menschlicher Solidaritaet20. Die Gaskammern des Dritten Reichs und die Konzentrationslaeger21 der Sowjet-Union (die in Wahrheit ebenfalls Vernichtungslaeger22 sind, wenn gleich mit anderen Methoden) haben die Kontinuitaet abendlaendischer23 Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verantwortung fuer24 sie uebernehmen25 kann und man niemanden im Ernst fuer26 sie verantwortlich machen kann; zugleich27 bedrohen sie jene Solidaritaet28 von Menschen untereinander, welche die Voraussetzung dafuer29 ist, dass30 wir es ueberhaupt31 wagen koennen32, die Handlungen anderer zu beurteilen und abzuurteilen. Solche Ereignisse kann man nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man so tut, als haetten sie sich nicht ereignet, um sich wieder fuer ein paar Jahre oder ein paar Jahrzehnte zwar veraengstigter und veraengstigter in irgendeinem status quo halbwegs behaglich einzurichten.33
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Das Entsetzen, das sagt: Dies hätte1 nicht geschehen dürfen2, meint nicht, daß3 wir dies nicht wieder gutmachen können4 (denn gutmachen kann man ohnehin niemals, wo Menschen wirklich handeln),5 sondern daß6 wir dies nicht verantworten können7. Politisch übernimmt8 jede Regierung eines Landes die Verantwortung für9 das, was die vorhergehende getan hat, auch wenn sie trachtet, es rückgängig10 zu machen. Ohne eine solche Übernahme gäbe11 es keine geschichtliche Kontinuität12. Menschlich müssen13 wir weitgehend Verantwortung auch für14 das übernehmen15, was Menschen ohne unser Wissen und Zutun irgendwo in der Welt verbrochen haben; sonst gäbe16 es keine Einheit des Menschengeschlechts. Wir können17 es, weil uns gerade die spezifisch bösen18 Motive oder die spezifisch berechnete Zweckmäßigkeit19 der Handlung menschlich einsichtig ist. Auch die Bestrafung des Verbrechers ist noch ein Akt der Verantwortung und menschlicher Solidarität20. Die Gaskammern des Dritten Reichs und die Konzentrationslager21 der Sowjet-Union (die in Wahrheit ebenfalls Vernichtungslager22 sind, wenngleich mit anderen Methoden) haben die Kontinuität abendländischer23 Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verantwortung für24 sie übernehmen25 kann und man niemanden im Ernst für26 sie verantwortlich machen kann. Zugleich27 bedrohen sie jene Solidarität28 von Menschen untereinander, welche die Voraussetzung dafür29 ist, daß30 wir es überhaupt31 wagen können32, die Handlungen anderer zu beurteilen und abzuurteilen.
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Es ist Aufgabe der historisch-politischen Wissenschaften, diesen Ereignissen nachzugehen und herauszustellen, mit welchen Mitteln und in welchem Funktionszusammenhang sie ins Werk gesetzt werden1. Dabei ist wichtig, sich darueber2 klar zu werden, dass3 es sich nicht darum handeln kann, das spezifisch Unerhoerte4 durch beliebige Parallelen mit der Vergangenheit wegzuerklaeren5 oder auf jenen Aspekten totalitaerer6 Herrschaft, die sie mit anderen Gewaltherrschaften teilt und die in ihren Anfangsstadien deutlich in Erscheinung treten, zu bestehen, sondern im Gegenteil zu versuchen, das wesentlich Neue, das naemlich7 was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht, in den Blick zu bekommen. Selbstverstaendlich8 sind auch in dies wesentlich Neue eine Reihe von Elementen aus der Vergangenheit und aus Umstaenden9 in der nicht-totalitaeren10 Welt, in der die totalitaeren11 Bewegungen entstanden, eingegangen, und es ist wichtig genug, diese Elemente zu analysieren und in ihre geschichtlichen Urspruenge zurueckzuverfolgen12. Zu erklaeren13 ist das totalitaere Phaenomen14 aus seinen Elementen und Urspruengen15 so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von grosser16 Tragweite. In diesem Sinne ist der Glaube an Kausalitaet17 in den Geschichtswissenschaften ein Aberglaube, der dazu verfuehrt18, das eigentlich neu sich Ereignende, womit die Geschichtswissenschaft es jeweilig zu tun hat, aus der Geschichte wieder19 zu entfernen -- das heisst20, die Geschichtswissenschaften ihres eigentlichen Inhalts zu berauben.
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Es ist Aufgabe der historisch-politischen Wissenschaften, diesen Ereignissen nachzugehen und herauszustellen, mit welchen Mitteln und in welchem Funktionszusammenhang sie ins Werk gesetzt wurden1. Dabei ist wichtig, sich darüber2 klar zu werden, daß3 es sich nicht darum handeln kann, das spezifisch Unerhörte4 durch beliebige Parallelen mit der Vergangenheit wegzuerklären5 oder auf jenen Aspekten totalitärer6 Herrschaft, die sie mit anderen Gewaltherrschaften teilt und die in ihren Anfangsstadien deutlich in Erscheinung treten, zu bestehen, sondern im Gegenteil zu versuchen, das wesentlich Neue, das nämlich,7 was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht, in den Blick zu bekommen. Selbstverständlich8 sind auch in dies wesentlich Neue eine Reihe von Elementen aus der Vergangenheit und aus Umständen9 in der nicht-totalitären10 Welt, in der die totalitären11 Bewegungen entstanden, eingegangen, und es ist wichtig genug, diese Elemente zu analysieren und in ihre geschichtlichen Ursprünge zurückzuverfolgen12. Zu erklären13 ist das totalitäre Phänomen14 aus seinen Elementen und Ursprüngen15 so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von großer16 Tragweite. In diesem Sinne ist der Glaube an Kausalität17 in den Geschichtswissenschaften ein Aberglaube, der dazu verführt18, das eigentlich neu sich Ereignende, womit die Geschichtswissenschaft es jeweilig zu tun hat, aus der Geschichte zu entfernen -- das heißt20, die Geschichtswissenschaften ihres eigentlichen Inhalts zu berauben.
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Als Historiker sind wir an Neues gewoehnt1 und haben gleichsam kein Recht |4 [metamark –––––––––>]Offenkundig in dieser Bestimmung der Staatsformen ist2, dass sie sich - und dies geht natuerlich auf die Antike zurueck - an der Alternative zwischen gesetzlicher Regierung und u.tyrannischer Willkuer orientiert, und es ist diese Alternative, die auf totalitäre Herrschaft nicht mehr anwendbar ist.3[metamark []uns zu entsetzen. Die folgenden Ueberlegungen gehoeren4 nicht mehr eigentlich in das Gebiet der historisch-politischen Wissenschaften, obwohl sie sich direkt an ihre Ergebnisse anschliessen5. Das Entsetzen, aus dem sie [metamark (text connection)]entspringen, gilt nicht dem Neuen schlechthin, sondern der Tatsache, dass6 dies Neue den Kontinuitaetszusammenhang7 unserer Geschichte ebenso wie8 die Begriffe und Kategorien unseres politischen Denkens sprengt. Wenn wir sagen: Dies haette9 nicht geschehen duerfen10, so meinen wir, dass11 wir dieser Ereignisse mit den grossen12 und durch grosse13 Traditionen geheiligten Mitteln unserer Vergangenheit eder14 im politischen Handeln noch im geschichtlich-politischen Denken Herr werden koennen15.
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Als Historiker sind wir an Neues gewöhnt1 und haben gleichsam kein Recht, uns zu entsetzen. Die folgenden Überlegungen gehören4 nicht mehr eigentlich in das Gebiet der historisch-politischen Wissenschaften, obwohl sie sich direkt an ihre Ergebnisse anschließen5. Das Entsetzen, aus dem sie entspringen, gilt nicht dem Neuen schlechthin, sondern der Tatsache, daß6 dies Neue den Kontinuitätszusammenhang7 unserer Geschichte und8 die Begriffe und Kategorien unseres politischen Denkens sprengt. Wenn wir sagen: Dies hätte9 nicht geschehen dürfen10, so meinen wir, daß11 wir dieser Ereignisse mit den großen12 und durch große13 Traditionen geheiligten Mitteln unserer Vergangenheit weder14 im politischen Handeln noch im geschichtlich-politischen Denken Herr werden können15.
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I
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Die Sprengung unserer politischen Kategorien durch das Auftreten totalitaerer Bewegungen und Herrschaftsapparate wird ganz offenkundig, wenn wir uns vergegenwaertigen, dass unsere Urteile ueber Staaten1 und Regierungen seit den Theorien der Antike auf der Unterscheidung zwischen gesetzmaessiger Regierung und tyrannisch-gesetzloser Willkuer beruhen. zwar Totalitaere Herrschaft ist zwar2 »gesetzlos«, insofern sie prinzipiell [metamark (text connection)]alles positiv gesetzte Recht verletzt, gleich ob es sich um uebernommenes Recht handelt (das sie eigentuemlicherweise oft nicht einmal ausdruecklich abschafft) oder um von ihr selbst erlassene Gesetze;3 aber sie ist keineswegs willkuerlich4. An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmaechtig willkuerliche5 Wille des Machthabers, sondern das »Gesetz der Geschichte« oder das »Recht der Natur«, also eine Art von6 Instanz, wie sie das positive Recht, das wesentlich konkrete Ausgestaltung einer höheren Autorität ist,7 selbst benötigt, um seine8 Legitimität zu rechtfertigen.9 .
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Die Sprengung unserer politischen Kategorien durch das Auftreten totalitärer Bewegungen und Herrschaftsapparate wird ganz offenkundig, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß unsere Urteile über Staaten1 und Regierungen seit den Theorien der Antike auf der Unterscheidung zwischen gesetzmäßiger Regierung und tyrannisch-gesetzloser Willkür beruhen. Nun ist zwar totalitäre Herrschaft2 »gesetzlos«, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt, gleich ob es sich um übernommenes Recht handelt (das sie eigentümlicherweise nicht einmal abschafft) oder um von ihr selbst erlassene Gesetze;3 aber sie ist keineswegs willkürlich4. An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmächtig willkürliche5 Wille des Machthabers, sondern das »Gesetz der Geschichte« oder das »Recht der Natur«, also eine Art von6 Instanz, wie sie das positive Recht, das immer nur konkrete Ausgestaltung einer höheren Autorität zu sein behauptet,7 selbst braucht und auf die es sich als auf die Quelle seiner8 Legitimität immer irgendwie beruft9.
Offenkundig in der traditionellen Bestimmung der Staatsformen ist, daß sie sich an der Alternative: hier gesetzliche Regierung, dort tyrannische Willkür, orientiert,1 und es ist eben diese Alternative, die auf eine totalitäre Herrschaft nicht mehr anwendbar ist. Totalitäre Gewalt ist zwar2 »gesetzlos«, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt, aber sie ist keineswegs willkürlich4. An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmächtig willkürliche5 Wille des Machthabers, sondern das »Gesetz der Geschichte« oder das »Recht der Natur«, also eine Art Instanz, wie sie das positive Recht immer7 selbst benötigt, um seine8 Legitimität zu erweisen9.
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Es ist in der Tat die monstroese1, aber sehr schwer zurueckweisbare2 Behauptung der totalitaeren Machthaber3, dass4 sie nicht nur nicht gesetzlos und willkuerlich5 handelten, sondern im Gegenteil zu den Quellen der Autoritaet zurueckkehrten6, von denen alles positive Recht sich speist [metamark (text connection)]und seine Legitimitaet erst erhaelt7. Damit wird zwar der Unterschied zwischen Schuld und Unschuld, der immer nur an positivem Recht zu messen ist, abgeschafft -- und damit alle Beurteilung, Aburteilung und Bestrafung unmoeglich gemacht --, gleichzeitig aber angeblich eine hoehere Form von Gesetzestreue erzeugt, die es sich leisten koenne, mit dem kleinlichen Buchstaben positiv erlassener Gesetze nach Belieben umzuspringen, weil ihr ein Handeln entspringt, das eine direkte und unvermittelte |5 [metamark (text connection)]Ausfuehrung von Befehlen sei, die Geschichte oder Natur selbst gegeben haben. Im Gegensatz zu dem legalen Handeln, das durch positives Recht ermoeglicht wird und das immer durch einen Mangel gerade an Gerechtigkeit gekennzeichnet ist, weil das allgemeine Gesetz auf bestimmte Faelle angewandt wird, die es nie in ihrer Besonderheit voraussehen konnte und auf die es daher nie wirklich zugeschnitten ist, im Gegensatz zu dieser immer auch ungerechten Legalitaet behauptet die totalitaere Herrschaft eine Welt herstellen zu koennen, die von sich aus, unabhaengig vom Handeln der Menschen in ihr, gesetzmaessig ist, in Uebereinstimmung mit den die Welt eigentlich durchwaltenden Gesetzen funktioniert, wobei es gleichgueltig ist, ob dies Gesetz als das in der Natur geltende Recht oder ein dem geschichtlichen Ablauf immanentes Gesetz hingestellt wird.8
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Es ist in der Tat die monströse1, aber sehr schwer zurückweisbare2 Behauptung der totalitären Machthaber3, daß4 sie nicht nur nicht gesetzlos und willkürlich5 handelten, sondern im Gegenteil zu den Quellen der Autorität zurückkehrten6, von denen alles positive Recht sich speist und seine Legitimität erst erhält7. Damit wird zwar der Unterschied zwischen Schuld und Unschuld, der immer nur an positivem Recht zu messen ist, abgeschafft -- und damit alle Beurteilung, Aburteilung und Bestrafung unmöglich gemacht --, gleichzeitig aber angeblich eine höhere Form von Gesetzestreue erzeugt, die es sich leisten könne, mit dem kleinlichen Buchstaben positiv erlassener Gesetze nach Belieben umzugehen, weil ihr ein Handeln entspringt, das eine direkte und unvermittelte Ausführung von Befehlen sei, die Geschichte oder Natur selbst gegeben haben. Im Gegensatz zu dem legalen Handeln, das durch positives Recht ermöglicht wird und das immer durch einen Mangel gerade an Gerechtigkeit gekennzeichnet ist, weil das allgemeine Gesetz auf bestimmte Fälle angewandt wird, die es nie in ihrer Besonderheit voraussehen konnte und auf die es daher nie wirklich zugeschnitten ist, im Gegensatz zu dieser immer auch ungerechten Legalität behauptet die totalitäre Herrschaft eine Welt herstellen zu können, die von sich aus, unabhängig vom Handeln der Menschen in ihr, gesetzmäßig ist, in Übereinstimmung mit den die Welt eigentlich durchwaltenden Gesetzen funktioniert -- wobei es gleichgültig ist, ob dies Gesetz als das in der Natur geltende Recht oder ein dem geschichtlichen Ablauf immanentes Gesetz hingestellt wird.8
Es ist in der Tat die monströse1, aber sehr schwer zurückweisbare2 Behauptung der totalitären Systeme3, daß4 sie nicht nur nicht gesetzlos und willkürlich5 handelten, sondern im Gegenteil zu den Quellen der Autorität zurückkehrten6, von denen alles positive Recht sich speist und seine Legitimität erhält7.
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Menschen als Material
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In der Verachtung der totalitären Gewalthaber für positives Recht spricht sich eine unmenschliche2 Gesetzestreue aus, für welche Menschen nur das Material sind, an dem die übermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen, und3 das heißt hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert werden. Diese Exekution der objektiven Gesetze von Natur oder Geschichte soll schließlich eine Menschheit produzieren,5 -- sei es eine Rassengesellschaft oder eine klassen- und nationslose Gesellschaft -- die in sich selbst nur der Exponent der Gesetze ist, die in ihr verwirklicht wurden. Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, die alle totalitären Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiv handelnd Gesetze verkörpert7, die es sonst8 nur passiv, voller Widerstände und niemals vollkommen erleiden würde.
In der Verachtung der totalitären Gewalthaber für positives Recht spricht sich also1 eine Art unmenschlicher2 Gesetzestreue aus, für welche Menschen nur das Material sind, an dem die übermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen --3 das heißt hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert --4 werden. Diese Exekution der objektiven Gesetze von Natur oder Geschichte soll schließlich eine Menschheit produzieren -- sei es eine Rassengesellschaft oder eine klassen- und nationslose Gesellschaft --,6 die in sich selbst nur der Exponent der Gesetze ist, die in ihr verwirklicht wurden. Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, die alle totalitären Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiver Träger von Gesetzen geworden ist7, die es ohne totalitäres Handeln8 nur passiv, voller Widerstände und niemals vollkommen erleiden würde.
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An dieser Stelle kommt bereits der grundsätzliche Unterschied zwischen dem totalitären und allen anderen Begriffen von Gesetz und Recht ans Licht. Zwar ist es richtig, daß Natur oder Geschichte als die Quellen der Autorität für alles positive Recht sich auch nach nicht-totalitärer Anschauung im Menschen kund tun -- sei es als das lumen naturale des Naturrechts oder die Stimme des Gewissens alles historisch-religiös fundierten Rechts. Diese Kundgebung der Autorität im Menschen heißt ihn etwas tun, aber sie macht ihn nicht zu einer wandelnden Verkörperung von Gesetzen; gerade weil das lumen naturale Einsicht oder die Stimme des Gewissens Gehorsam fordern, sind sie deutlich von dem einsehenden oder gehorchenden Menschen als seine Autorität geschieden. Die Autorität des Gesetzes regelt die Handlungen der Menschen, sie ist keineswegs und niemals mit ihnen identisch. Das positive Recht ist im Vergleich mit der Quelle der Autorität, auf die es sich beruft, zeitgebunden, veränderlich, abänderbar je nach Umständen. Aber die Handlungen der Menschen, denen das positive Recht bestimmte Regeln vorschreibt, sind noch zeitgebundener, noch abhängiger von Umständen, so daß ihnen gegenüber das positive Recht eine relative Permanenz behauptet und den dauernd sich ändernden Umständen der Menschen eine relative Stabilität verleiht. Diese relative Permanenz ist gleichsam der in die Menschenwelt fallende Schein der -- nach menschlichen Maßstäben geurteilten -- ewigen Gegenwart der Quellen der Autorität und Legitimität aller positiven Gesetze, des jus naturale oder des offenbarten Wortes Gottes. Alle Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind stabilisierende Faktoren für die ewig sich ändernden Umstände, für die notwendige Unbeständigkeit menschlicher Angelegenheiten, in denen menschliches Handeln sich in einer ständigen Bewegung hält und ständig neue Bewegung hervorruft.
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Im Gegensatz zu dieser2 Funktion der Stabilisierung, die Gesetze in allen normal funktionierenden Gemeinschaften haben, sind die totalitären Gesetze von vornherein als Bewegungsgesetze, als Gesetze, die einer Bewegung immanent sind, bestimmt. Positives Recht wird verletzt, weil es4 in eine dauernde Veränderung hineingerissen ist5: was gestern Recht war, ist heute überholt und Unrecht geworden. (Juristisch gesprochen: aus jedem Gesetz ist eine Verordnung geworden.) Natur und Geschichte7 sind nicht mehr die stabilisierenden Quellen der Autorität für das Handeln sterblicher Menschen, sondern in sich selbst Prozesse, deren inhärente8 Bewegungsgesetze zwar beobachtet und berechnet werden können, die aber abgesehen von diesem äußeren Wahrgenommenwerden9 keinerlei Entsprechung mehr im Inneren des Menschen,10 wie die Einsicht des lumen naturale oder die Stimme des Gewissens,13 haben. Weder auf Einsicht14 noch auf Gewissen ist für das Handeln irgendein Verlaß. Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwin'sche Vorstellung vom Menschen als eines eigentlich zufälligen Resultats einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Menschen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der Bolschewisten an Geschichtsgesetze liegt Marx' Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergrößerter Geschwindigkeit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.15
An dieser Stelle kommt bereits der grundsätzliche Unterschied zwischen dem totalitären und allen anderen Begriffen von Gesetz und Recht ans Licht.1 Im Gegensatz zur2 Funktion der Stabilisierung, die Gesetze in allen normal funktionierenden Gemeinschaften haben, sind die totalitären Gesetze von vornherein als Bewegungsgesetze, also3 als Gesetze, die einer Bewegung immanent sind, bestimmt. Alles positive Recht ist gerade darum4 in eine dauernde Veränderung hineingerissen: was gestern Recht war, ist heute überholt und Unrecht geworden. Natur6 (als Quelle des »ius naturale«) und Geschichte (in der Gott seine Gebote offenbarte)7 sind nicht mehr die stabilisierenden Quellen der Autorität für das Handeln sterblicher Menschen, sondern in sich selbst Prozesse, deren Bewegungsgesetze zwar beobachtet und berechnet werden können, die aber keinerlei Entsprechung mehr im Inneren des Menschen (10wie die Einsicht des »11lumen naturale«12 oder die Stimme des Gewissens)13 haben. Weder auf Vernunft14 noch auf Gewissen ist für das Handeln irgendein Verlaß.
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Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwinsche Vorstellung vom Menschen als eines eigentlich zufälligen Resultats einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Menschen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der Bolschewisten an Geschichtsgesetze liegt Marx’ Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergrößerter Geschwindigkeit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.
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So hat selbst das Wort Gesetz in der totalitären Sprache seine Bedeutung geändert: es deutet nicht mehr auf den Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilität den Raum der Freiheit schafft und behütet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen;1 sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. In diesem Sinne wurde das Wort Gesetz bereits von den Ideologien gebraucht, das heißt von2 jenen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts, die von einer Prämisse ausgehend behaupteten, den Schlüssel für alles Geschehen in der Hand zu haben. Daß unter ihnen nur der dialektische Materialismus und der Rassismus zu politischer Bedeutung gekommen sind, mag unter anderem darin seinen Grund haben, daß diese beiden konsequenter als alle anderen als Prämisse eine überdimensionale Kraft (und nicht nur etwas überhaupt Übermächtiges) annahmen, die als Bewegung --6 der Natur oder der Geschichte --7 durch das Menschengeschlecht hindurchgeht8 und jeden einzelnen nolens volens an sich zieht und mitschleift. Auffallend ist9, daß -- so verschieden diese beiden Ideologien voneinander sind, so großartig erfüllt mit den besten abendländischen Traditionen der dialektische Materialismus, so kläglich-vulgär, wiewohl auf einem echten Erfahrungselement basierend, der Rassismus -- in beiden Konzeptionen das Bewegungsgesetz sich gleich äußert: es läuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von »Schädlichen«10 oder Überflüssigen zugunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung heraus, aus der schließlich gleich dem Phönix aus der Asche eine Art Menschheit erstehen soll. Würde das Bewegungsgesetz in positives Recht übersetzt, so könnte sein Gebot nur heißen: Du sollst töten! Die Ideologien ziehen diese Schlußfolgerung11 nicht, weil sie noch damit rechnen, daß der Prozeß irgendwann einmal12 an ein Ende kommen wird, etwa wenn die klassenlose Gesellschaft auf der ganzen Erde verwirklicht oder die Herrenrasse über die ganze Welt zur Herrschaft gekommen ist13.
So hat selbst das Wort Gesetz in der totalitären Sprache seine Bedeutung geändert: es deutet nicht mehr auf den Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilität den Raum der Freiheit schafft und behütet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen,1 sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. In diesem Sinne wurde das Wort Gesetz bereits von jenen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts gebraucht3, die,4 von einer Prämisse ausgehend,5 behaupteten, den Schlüssel für alles Geschehen in der Hand zu haben. Daß unter ihnen nur der dialektische Materialismus und der Rassismus zu politischer Bedeutung gekommen sind, mag unter anderem darin seinen Grund haben, daß diese beiden konsequenter als alle anderen als Prämisse eine überdimensionale Kraft (und nicht nur etwas überhaupt Übermächtiges) annahmen, die als Bewegung (6der Natur oder der Geschichte)7 durch das Menschengeschlecht hindurcheilt8 und jeden einzelnen, ob er will10 oder nicht, an sich zieht und mitschleift13.
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Auffallend ist, daß, so verschieden diese beiden Ideologien voneinander sind, in beiden Konzeptionen das Bewegungsgesetz sich notwendigerweise gleich äußert: es läuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von »Schädlichen« oder Überflüssigen zu Gunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung hinaus, aus der schließlich gleich dem Phönix aus der Asche, eine Art Menschheit erstehen soll. Im Sinne dieser Ideologien liegt es noch, ein Ende der Bewegung zu setzen, wenn die klassenlose Gesellschaft auf der ganzen Erde verwirklicht oder die Herrenrasse über die ganze Welt zur Herrschaft gekommen ist.
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Totalitäre Politik, die daran ging, die Rezepte von1 Ideologien zu befolgen, hat das wahre Wesen dieser2 Bewegungen insofern entlarvt, als sie deutlich machte, daß es ein Ende des Prozesses nicht geben könne. Wenn es das Gesetz der Natur ist, Schädliches und Lebensuntaugliches zu eliminieren, so wäre es das Ende der Natur überhaupt, wenn neue Kategorien von Schädlichen3 und Lebensuntauglichen4 nicht gefunden würden; wenn5 es das Gesetz der Geschichte ist, daß in einem Kampf der Klassen bestimmte Klassen »absterben«, so wäre das Ende menschlicher Geschichte gekommen, wenn nicht7 neue Klassen sich ansatzweise bildeten8, um9 dann von den totalitären Machthabern zum »Absterben« gebracht zu werden10. Mit anderen Worten, das Gesetz des Tötens, wonach totalitäre Bewegungen die Macht antreten, bleibt bestehen als ein Gesetz der Bewegung, selbst wenn es ihnen je gelingen sollte, die ganze Menschheit unter ihre Herrschaft zu zwingen. Die Menschheit selbst wird die Verkörperung des Prozesses, also ein ständig sich in seiner Gesamtheit Veränderndes und Bewegendes, in welchem die permanente Ausscheidung der Überflüssigen und Schädlichen nun gleichsam automatisch vor sich geht. Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis über das Land legt --11 und die in Wahrheit auch immer die Stille war,12 welche dem Entstehen eines neuen Anfangs günstig sein konnte --13 bleibt dem totalitär regierten Land so verwehrt wie Ruhe überhaupt. Zwar sind seine Bewohner alles in freier Spontaneität entspringenden Handelns oder auch nur Tätigseins beraubt; dennoch werden sie in dauernder Bewegung gehalten als Exponenten des gigantisch übermenschlichen Prozesses von Natur oder Geschichte, der durch sie hindurchrast.14
Totalitäre Politik, die daranging, die Rezepte dieser1 Ideologien zu befolgen, hat das wahre Wesen ihrer2 Bewegungen insofern entlarvt, als sie deutlich machte, daß es ein Ende des Prozesses nicht geben könne. Wenn es das Gesetz der Natur ist, Schädliches und Lebensuntaugliches zu eliminieren, so wäre es das Ende der Natur überhaupt, wenn neue Kategorien von Schädlichem3 und Lebensuntauglichem4 nicht gefunden würden. Wenn5 es aber6 das Gesetz der Geschichte ist, daß in einem Kampf der Klassen bestimmte Klassen »absterben«, so wäre das Ende menschlicher Geschichte gekommen, wenn neue Klassen, die9 dann von den totalitären Machthabern zum »Absterben« gebracht werden können, sich nicht mehr bildeten10. Mit anderen Worten, das Gesetz des Tötens, wonach totalitäre Bewegungen die Macht antreten, bleibt bestehen als ein Gesetz der Bewegung, selbst wenn es ihnen je gelingen sollte, die ganze Menschheit unter ihre Herrschaft zu zwingen. Die Menschheit selbst wird die Verkörperung des Prozesses, also ein ständig sich in seiner Gesamtheit Veränderndes und Bewegendes, in welchem die permanente Ausscheidung der Überflüssigen und Schädlichen nun gleichsam automatisch vor sich geht. Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis über das Land legt (11und die in Wahrheit auch immer die Stille war.12 welche dem Entstehen eines neuen Anfangs günstig sein konnte),13 bleibt dem totalitär regierten Land so verwehrt wie Ruhe überhaupt.
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Wege des Terrors
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Wie1 der Gesetzesstaat positives Recht benötigt, um das unveränderliche jus2 naturale oder die ewigen Gebote Gottes oder die aus unvordenklichen Zeiten stammenden und darum geheiligten Gebräuche und Traditionen zu verwirklichen, so braucht totalitäre Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungsgesetze in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen. Wie4 positives Recht das Vergehen und das Verbrechen in einer Gesellschaft jeweils festlegt, aber für seine Gültigkeit von Übertretungen ganz unabhängig ist -- Gesetze werden nicht überflüssig, wenn sich niemand gegen sie vergeht --, so wird auch totalitärer Terror (im Gegensatz zu den Einschüchterungsmethoden in allen Tyranneien und Diktaturen) nicht dann überflüssig, wenn es keine Opposition mehr gibt, gegen die er sich wenden könnte; auch er ist unabhängig geworden von allen Vergehen gegen das Regime. Ja, unsere Erfahrungen mit der Sowjet-Union wie mit dem Dritten Reich haben uns gelehrt, daß wir diesen Vergleich noch einen Schritt weiter treiben dürfen: wie das Gesetz in den uns bekannten Staatsgebilden desto vollkommener herrscht, je weniger Verbrechen es durchbrechen, so wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition, gegen die er sich wenden könnte (und in den ersten Stadien der Diktatur auch faktisch wendet), erloschen ist.6
So wie1 der Gesetzesstaat positives Recht benötigt, um das unveränderliche »ius2 naturale«3 oder die ewigen Gebote Gottes oder die aus unvordenklichen Zeiten stammenden und darum geheiligten Gebräuche und Traditionen zu verwirklichen, so braucht totalitäre Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungsgesetze in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen. So wie4 positives Recht das Vergehen und das Verbrechen in einer Gesellschaft jeweils festlegt, aber für seine Gültigkeit von Übertretungen ganz unabhängig ist -- Gesetze werden ja5 nicht überflüssig, wenn sich niemand gegen sie vergeht --, so wird auch totalitärer Terror (im Gegensatz zu den Einschüchterungsmethoden in allen Tyranneien und Diktaturen) nicht dann überflüssig, wenn es keine Opposition mehr gibt, gegen die er sich wenden könnte; auch er ist unabhängig geworden von allen Vergehen gegen das Regime.
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[metamark (text connection)]gierung1 sehen, dann koennen2 wir Terror als das eigentliche Wesen der totalitaeren3 Herrschaft bestimmen.
Wenn wir also in Übereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmäßigen Regierung1 sehen, dann können2 wir Terror als das eigentliche Wesen der totalitären3 Herrschaft bestimmen.
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II
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[metamark x]Wenn hier vom Wesen einer Staatsform die Rede ist, so in der bewussten1 Nachfolge Montesquieu’s2, der in der abendlaendischen3 Tradition politischen Denkens Unterschied und Beziehung zwischen dem Wesen einer Regierung und ihrem Prinzip fand und bestimmte, dass4 das Wesen der Staatsform (oder auch seine Struktur) das ist, was macht, dass5 der Staat so und nicht anders ist (eine Republik und keine Monarchie etwa), waehrend6 das Prinzip einer jeden Regierung das ist, was bewirkt, dass7 gehandelt werden kann. (»8Il y a cette différence entre la nature du gouvernement et son principe, que sa nature est ce qui le fait être9 tel; et son principe ce qui le fait agir.«10 Esprit des Lois, Livre III, chap. 1) So hat die Monarchie ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Haenden13 eines Einzigen14 liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht. Die Republik hat ihr Wesen in verfassungsmaessiger15 Regierung, in der die Macht in den Haenden16 des Volkes liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht. Die Tyrannis hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, in der Macht von der Willkuer17 eines Einzelnen ausgeuebt18 wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht. aber19 worauf diese Furcht beruht, sagt uns Montesquieu nicht. Das Wesen totalitaerer Herrschaft in diesem Sinne ist der Terror, der aber nicht willkuerlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines Einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Uebereinstimmung mit aussermenschlichen Prozessen und ihren natuerlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird. Als solcher er- setzt er den Zaun des Gesetzes, in dessen Umhegung Menschen in Freiheit sich bewegen koennen, durch ein eisernes Band, das die Menschen so stabilisiert, dass jede freie, unvorhersehbare Handlung ausgeschlossen wird. Terror in diesem Sinne ist gleichsam das »Gesetz«,20
Wenn hier vom Wesen einer Staatsform die Rede ist, so in der bewußten1 Nachfolge Montesquieus2, der in der abendländischen3 Tradition politischen Denkens Unterschied und Beziehung zwischen dem Wesen einer Regierung und ihrem Prinzip fand und bestimmte, daß4 das Wesen der Staatsform (oder auch seine Struktur) das ist, was macht, daß5 der Staat so und nicht anders ist (eine Republik und keine Monarchie etwa), während6 das Prinzip einer jeden Regierung das ist, was bewirkt, daß in ihr7 gehandelt werden kann. (Il y a cette différence entre la nature du gouvernement et son principe, que sa nature est ce qui le fait étre9 tel; et son principe ce qui le fait agir. »10Esprit des Lois«11, Livre III, chap. 1.12) So hat die Monarchie ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Händen13 eines einzigen14 liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht. Die Republik hat ihr Wesen in verfassungsmäßiger15 Regierung, in der die Macht in den Händen16 des Volkes liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht. Die Tyrannis hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, in der Macht von der Willkür17 eines einzelnen ausgeübt18 wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht;19 worauf diese Furcht beruht, sagt uns Montesquieu nicht.
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Diese Prinzipien des Handelns -- Ehre, Tugend, Furcht -- duerfen nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind nicht so sehr Antriebe als Masstaebe an denen alles Handeln in den ihnen entsprechenden Staatsformen innerhalb des oeffentlichen Lebens gemessen werden, und zwar das Handeln der Regierenden so gut wie das der Regierten.
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[metamark (text connection)]Offenkundig in dieser Bestimmung der Staatsformen ist, dass sie sich -- und dies geht natuerlich auf die Antike zurueck -- an der Alternative zwischen gesetzlicher Regierung tyrannischer Willkuer orientiert, und es ist diese Alternative, die auf totalitaere Herrschaft nicht mehr anwendbar ist. Totalitaere Gewalt ist zwar »gesetzlos«, insofern sie prinzipiell alles positiv gesetzte Recht verletzt, aber sie ist keineswegs willkuerlich. An die Stelle des positiv gesetzten Rechts tritt nicht der allmaechtig willkyerliche Wille des Machthabers, sondern das »Gesetz der Geschichte« oder das »Recht der Natur«, also eine Art Instanz, wie sie das positive Recht immer selbst benoetigt, um seine Legitimitaet zu erweisen. Es ist in der Tat die monstroese, aber sehr schwer zurueckweisbare Behauptung der totalitaeren Systeme, dass sie nicht nur nicht gesetzlos und willkuerlich handelten, sondern im Gegenteil zu den Quellen der Autoritaet zurueckkehrten, von denen alles positive Recht sich speist und seine Legitimaet[metamark (text connection)] erhaelt.
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[metamark (text connection)]Ausfuehrung von Befehlen sei, die Geschichte oder Natur selbst gegeben haben. Im Gegensatz zu dem legalen Handeln, das durch positives Recht ermoeglicht wird und das immer durch einen Mangel gerade an Gerechtigkeit gekennzeichnet ist, weil das allgemeine Gesetz auf bestimmte Faelle angewandt wird, die es nie in ihrer Besonderheit voraussehen konnte und auf die es daher nie wirklich zugeschnitten ist, im Gegensatz zu dieser immer auch ungerechten Legalitaet behauptet die totalitaere Herrschaft eine Welt herstellen zu koennen, die von sich aus, unabhaengig vom Handeln der Menschen in ihr, gesetzmaessig ist, in Uebereinstimmung mit den die Welt eigentlich durchwaltenden Gesetzen funktioniert, wobei es gleichgueltig ist, ob dies Gesetz als das in der Natur geltende Recht oder ein dem geschichtlichen Ablauf immanentes Gesetz hingestellt wird.
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In der Verachtung der totalitaeren Gewalthaber fuer positives Recht spricht sich eine un-menschliche Gesetzestreue aus, fuer welche Menschen nur das Material sind, an dem die uebermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen, und das heisst hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert werden. Diese Exekution der objektiven Gesetze von Natur oder Geschichte soll schliesslich eine Menschheit produzieren, -- sei es eine Rassengesellschaft oder eine klassen- und nationslose Gesellschaft -- die in sich selbst der Exponent der Gesetze ist, die in ihr verwirklicht wurden. Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, die alle totalitaeren Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiver Traeger von Gesetzen geworden ist, die es ohne totalitaeres Handeln nur passiv, [metamark x]voller Widerstaende und niemals vollkommen erleiden wuerde.
In der Verachtung der totalitaeren Gewalthaber fuer positives Recht spricht sich eine un-menschliche Gesetzestreue aus, fuer welche Menschen nur das Material sind, an dem die uebermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen, und das heisst hier im furchtbarsten Sinne des Wortes exekutiert werden. Diese Exekution der objektiven Gesetze von Natur oder Geschichte soll schliesslich eine Menschheit produzieren, -- sei es eine Rassengesellschaft oder eine klassen- und nationslose Gesellschaft -- die in sich selbst der Exponent der Gesetze ist, die in ihr verwirklicht wurden. Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, die alle totalitaeren Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiver Traeger von Gesetzen geworden ist, die es ohne totalitaeres Handeln nur passiv, [metamark x]voller Widerstaende und niemals vollkommen erleiden wuerde.
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An dieser Stelle kommt bereits der grundsaetzliche Unterschied zwischen dem totalitaeren und allen anderen Begriffen von Gesetz und Recht ans [metamark (text connection)]Licht. Zwar ist es richtig, das Natur oder Geschichte als die Quellen der Autoritaet fuer alles positive Recht sich auch nach nicht-totalitaerer Anschauung im Menschen kund tut -- sei es als das lumen naturale des Naturrechts oder die Stimme des Gewissens alles historisch-religioes fundierten Rechts. Diese Kundgebung der Autoritaet im Menschen heisst ihn etwas tun, aber sie macht ihn nicht zu einer wandelnden Verkoerperung von Gesetzen; gerade weil das lumen naturale Einsicht oder die Stimme des Gewissens Gehorsam fordern, sind sie deutlich von dem einsehenden oder gehorchenden Menschen als seine Autoritaet geschieden. Die Autoritaet des Gesetzes regelt die Handlungen der Menschen, sie ist keineswegs und |6 [metamark (text connection)]niemals mit ihnen identisch. Das positive Recht ist im Vergleich mit der Quelle der Autoritaet, auf die es sich beruft, zeitgebunden, veraenderlich, abaenderbar je nach Umstaenden. Aber die Handlungen der Menschen, denen das positive Recht bestimmte Regeln vorschreibt, sind noch zeitgebundener, noch abhaengiger von Umstaenden, sodass ihnen gegenueber das positive Recht eine relative Permanenz behauptet und den dauernd sich aendernden Umstaenden der Menschen eine relative Stabilitaet verleiht. Diese relative Permanenz ist gleichsam der in die Menschenwelt fallende Schein der -- nach menschlichen Masstaeben geurteilten -- ewigen Gegenwart der Quellen der Autoritaet und Legitimaet aller positiven Gesetze, des jus naturale oder des offenbarten Wortes Gottes. Alle Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind stablisierende Faktoren fuer die ewig sich aendernden Umstaende, fuer die notwendige Unbestaendigkeit menschlicher Angelegenheiten, in denen menschliches Handeln sich in einer staendigen Bewegung haelt und staendig neue Bewegung hervorruft.
An dieser Stelle kommt bereits der grundsaetzliche Unterschied zwischen dem totalitaeren und allen anderen Begriffen von Gesetz und Recht ans [metamark (text connection)]Licht. Zwar ist es richtig, das Natur oder Geschichte als die Quellen der Autoritaet fuer alles positive Recht sich auch nach nicht-totalitaerer Anschauung im Menschen kund tut -- sei es als das lumen naturale des Naturrechts oder die Stimme des Gewissens alles historisch-religioes fundierten Rechts. Diese Kundgebung der Autoritaet im Menschen heisst ihn etwas tun, aber sie macht ihn nicht zu einer wandelnden Verkoerperung von Gesetzen; gerade weil das lumen naturale Einsicht oder die Stimme des Gewissens Gehorsam fordern, sind sie deutlich von dem einsehenden oder gehorchenden Menschen als seine Autoritaet geschieden. Die Autoritaet des Gesetzes regelt die Handlungen der Menschen, sie ist keineswegs und |6 [metamark (text connection)]niemals mit ihnen identisch. Das positive Recht ist im Vergleich mit der Quelle der Autoritaet, auf die es sich beruft, zeitgebunden, veraenderlich, abaenderbar je nach Umstaenden. Aber die Handlungen der Menschen, denen das positive Recht bestimmte Regeln vorschreibt, sind noch zeitgebundener, noch abhaengiger von Umstaenden, sodass ihnen gegenueber das positive Recht eine relative Permanenz behauptet und den dauernd sich aendernden Umstaenden der Menschen eine relative Stabilitaet verleiht. Diese relative Permanenz ist gleichsam der in die Menschenwelt fallende Schein der -- nach menschlichen Masstaeben geurteilten -- ewigen Gegenwart der Quellen der Autoritaet und Legitimaet aller positiven Gesetze, des jus naturale oder des offenbarten Wortes Gottes. Alle Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind stablisierende Faktoren fuer die ewig sich aendernden Umstaende, fuer die notwendige Unbestaendigkeit menschlicher Angelegenheiten, in denen menschliches Handeln sich in einer staendigen Bewegung haelt und staendig neue Bewegung hervorruft.
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[metamark x]Im Gegensatz zu derr1 Funktion der Stabilisierung, die Gesetze in allen normal funktionierenden Gemeinschaften haben, sind die totalitaeren Gesetze von vornherein als Bewegungsgesetze,2- als Gesetze, die einer Bewegung immanent sind, bestimmt. Positives Recht wird verletzt, weil es in eine dauernde Veraenderung hineingerissenist: was gestern Recht war, ist heute ueberholt und Unrecht geworden. (Juristisch gesprochen: aus jedem Gesetz ist eine Verordnung geworden.) Natur als Quelle d. jus naturale und Geschichte in der Gott s. Gebote offenbarte, sind nicht mehr die stabilisierenden Quellen der Autoritaet fuer das Handeln sterblicher Menschen, sondern in sich selbst Prozesse, deren inhaerente Bewegungsgesetze zwar beobachtet und berechnet werden koennen, die aber abgesehen von diesem aeusseren Wahrgenommenwerden keinerlei Entsprechung mehr im Inneren des Menschen, wie die Einsicht des lumen naturale oder die Stimme des Gewissens, haben. Weder auf Vernunft noch auf Gewissen ist fuer das Handeln irgendein Verlass.[metamark (text connection)] Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwinsche Vorstellung vom Menschen als eines eigentlich zufaelligen Resultats einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Menschen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der Bolschewisten an Geschichtsgesetze liegt Marx’ Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergroesserter Geschwindigkeit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.
[metamark x]Im Gegensatz zu der1 Funktion der Stabilisierung, die Gesetze in allen normal funktionierenden Gemeinschaften haben, sind die totalitaeren Gesetze von vornherein als Bewegungsgesetze -2- als Gesetze, die einer Bewegung immanent sind, bestimmt. Positives Recht wird verletzt, weil es in eine dauernde Veraenderung hineingerissen ist : was gestern Recht war, ist heute ueberholt und Unrecht geworden. (Juristisch gesprochen: aus jedem Gesetz ist eine Verordnung geworden.) Natur als Quelle d. jus naturale und Geschichte in der Gott s. Gebote offenbarte, sind nicht mehr die stabilisierenden Quellen der Autoritaet fuer das Handeln sterblicher Menschen, sondern in sich selbst Prozesse, deren inhaerente Bewegungsgesetze zwar beobachtet und berechnet werden koennen, die aber abgesehen von diesem aeusseren Wahrgenommenwerdenkeinerlei Entsprechung mehr im Inneren des Menschen, wie die Einsicht des lumen naturale oder die Stimme des Gewissens, haben. Weder auf Vernunft noch auf Gewissen ist fuer das Handeln irgendein Verlass.[metamark (text connection)] Dem Glauben der Nazis an Rassegesetze lag die Darwinsche Vorstellung vom Menschen als eines eigentlich zufaelligen Resultats einer Naturentwicklung zugrunde, die nicht notwendig mit dem Menschen an ihr Ende gekommen zu sein braucht. Dem Glauben der Bolschewisten an Geschichtsgesetze liegt Marx’ Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft als dem Resultat eines gigantischen Geschichtsprozesses zugrunde, der mit immer vergroesserter Geschwindigkeit seinem Ende entgegenrast und sich selbst als Geschichte aus der Welt schafft.
[keine Entsprechung vorhanden]
[keine Entsprechung vorhanden]
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[metamark (text connection)]So hat selbst das Wort Gesetz in der totalitaeren Sprache seine Bedeutung geaendert: es deutet nicht mehr auf den Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilitaet den Raum der Freiheit schafft und behuetet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. In diesem Sinne wurde das Wort Gesetz bereits von den Ideologien, dh. von jenen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts gebraucht, die von einer Praemisse ausgehend behaupteten, den Schluessel fuer alles Geschehen in der [metamark (text connection)]Hand zu haben. [metamark []Dass unter ihnen nur der dialektische Materialismus und der Rassismus zu politischer Bedeutung gekommen sind, mag unter anderem darin seinen Grund haben, dass diese beiden konsequenter als alle anderen sie als Praemisse eine ueberdimensionale Kraft (und nicht nur etwas ueberhaupt Uebermaechtiges) annahmen, die als Bewegung -- der Natur oder [metamark (text connection)]der Geschichte -- durch das Menschengeschlecht hindurchrast und jeden Einzelnen nolens volens an sich zieht und mitschleift.[metamark ]] Auffallend ist dass -- so verschieden diese beiden Ideologien voneinander sind, so grossartig erfuellt mit den besten abendlaendischen Traditionen der dialektische Materialismus, so klaeglich-vulgaer, wiewohl auf einem echten Erfahrungselement basierend der Rassismus -- in beiden Konzeptionen das Bewegungsgesetz sich gleich aeussert: es laeuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von »Schaedlichen« oder Ueberfluessigen zu Gunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung heraus, aus der schliesslich gleich dem Phoenix aus der Asche eine Art Menschheit erstehen soll. Im Sinne der Ideologien liegt es noch ein Ende der Bewegung zu setzen wenn die klassenlose Gesellschaft ueber der ganzen Erde verwirklicht oder die Herrenrasse ueber die ganze Welt zur Herrschaft gekommen ist. Totalitaere Politik, die daran ging, die Rezepte dieser Ideologien zu befolgen, hat das wahre Wesen ihrer Bewegungen insofern entlarvt, als sie deutlich machte, dass es ein Ende des Prozesses nicht geben koenne. Wenn es das Gesetz der Natur ist, Schaedliches und Lebensuntaugliches zu eliminieren, so waere es das Ende der Natur ueberhaupt, wenn neue Kategorien von Schaedlichen und Lebensuntauglichen nicht gefunden wuerden; wenn es das Gesetz der Geschichte ist, dass in einem Kampf der Klassen bestimmte Klassen »absterben«, so waere das Ende menschlicher Geschichte gekommen, wenn neue Klassen sich nicht mehr bildeten, um dann von den totalitaeren Machthabern zum »Absterben |8 « gebracht zu werden. Mit anderen Worten, das Gesetz der Tötung wonach totalitaere Bewegungen die Macht antreten, bleibt bestehen als ein Gesetz der Bewegung, selbst wenn es ihnen je gelingen sollten, die ganze Menschheit unter ihre Herrschaft zu zwingen. [metamark []Die Menschheit selbst wird die [metamark (text connection)]Verkoerperung des Prozesses, also ein staendig sich in seiner Gesamtheit Veraenderndes und Bewegendes, in welchem die permanente Ausscheidung der Ueberfluessigen und Schaedlichen nun gleichsam automatisch vor sich geht. Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis ueber das Land legt -- und die in Wahrheit auch immer die Stille war, welche dem Entstehen eines neuen Anfangs guenstig sein konnte -- bleibt [metamark (text connection)]dem totalitaer regierten Land so verwehrt wie Ruhe ueberhaupt. Zwar sind seine Bewohner alles in freier Spontaneitaet entspringenden Handelns oder auch nur Taetigseins beraubt; dennoch werden sie in dauernder Bewegung gehalten als Exponenten des gigantisch uebermenschlichen Prozesses von Natur oder Geschichte, der durch sie hindurchrast.
[metamark (text connection)]So hat selbst das Wort Gesetz in der totalitaeren Sprache seine Bedeutung geaendert: es deutet nicht mehr auf den Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilitaet den Raum der Freiheit schafft und behuetet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. In diesem Sinne wurde das Wort Gesetz bereits von den Ideologien, dh. von jenen Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts gebraucht, die von einer Praemisse ausgehend behaupteten, den Schluessel fuer alles Geschehen in der [metamark (text connection)]Hand zu haben. [metamark []Dass unter ihnen nur der dialektische Materialismus und der Rassismus zu politischer Bedeutung gekommen sind, mag unter anderem darin seinen Grund haben, dassdiese beiden konsequenter als alle anderen sie als Praemisse eine ueberdimensionale Kraft (und nicht nur etwas ueberhaupt Uebermaechtiges) annahmen, die als Bewegung -- der Natur oder [metamark (text connection)]der Geschichte -- durch das Menschengeschlecht hindurchrast und jeden Einzelnen nolens volens an sich zieht und mitschleift.[metamark ]] Auffallend ist dass -- so verschieden diese beiden Ideologien voneinander sind, so grossartig erfuellt mit den besten abendlaendischen Traditionen der dialektische Materialismus, so klaeglich-vulgaer, wiewohl auf einem echten Erfahrungselement basierend der Rassismus -- in beiden Konzeptionen das Bewegungsgesetz sich gleich aeussert: es laeuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von »Schaedlichen« oder Ueberfluessigen zu Gunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung heraus, aus der schliesslich gleich dem Phoenix aus der Asche eine Art Menschheit erstehen soll. Im Sinne der Ideologien liegt es noch ein Ende der Bewegung zu setzen wenn die klassenlose Gesellschaft ueber der ganzen Erde verwirklicht oder die Herrenrasse ueber die ganze Welt zur Herrschaft gekommen ist. Totalitaere Politik, die daran ging, die Rezepte dieser Ideologien zu befolgen, hat das wahre Wesen ihrer Bewegungen insofern entlarvt, als sie deutlich machte, dass es ein Ende des Prozesses nicht geben koenne. Wenn es das Gesetz der Natur ist, Schaedliches und Lebensuntaugliches zu eliminieren, so waere es das Ende der Natur ueberhaupt, wenn neue Kategorien von Schaedlichen und Lebensuntauglichen nicht gefunden wuerden; wenn es das Gesetz der Geschichte ist, dass in einem Kampf der Klassen bestimmte Klassen »absterben«, so waere das Ende menschlicher Geschichte gekommen, wenn neue Klassen sich nicht mehr bildeten, um dann von den totalitaeren Machthabern zum »Absterben |8 « gebracht zu werden. Mit anderen Worten, das Gesetz der Tötung wonach totalitaere Bewegungen die Macht antreten, bleibt bestehen als ein Gesetz der Bewegung, selbst wenn es ihnen je gelingen sollten, die ganze Menschheit unter ihre Herrschaft zu zwingen. [metamark []Die Menschheit selbst wird die [metamark (text connection)]Verkoerperung des Prozesses, also ein staendig sich in seiner Gesamtheit Veraenderndes und Bewegendes, in welchem die permanente Ausscheidung der Ueberfluessigen und Schaedlichen nun gleichsam automatisch vor sich geht. Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis ueber das Land legt -- und die in Wahrheit auch immer die Stille war, welche dem Entstehen eines neuen Anfangs guenstig sein konnte -- bleibt [metamark (text connection)]dem totalitaer regierten Land so verwehrt wie Ruhe ueberhaupt. Zwar sind seine Bewohner alles in freier Spontaneitaet entspringenden Handelns oder auch nur Taetigseins beraubt; dennoch werden sie in dauernder Bewegung gehalten als Exponenten des gigantisch uebermenschlichen Prozesses von Natur oder Geschichte, der durch sie hindurchrast.
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[metamark (text connection)]Sowie der Gesetzesstaat positives Recht benoetigt, um das unveraenderliche jus naturale oder die ewigen Gebote Gottes oder die aus unvordenklichen Zeiten stammenden und darum geheiligten Gebraeuche und Traditionen zu verwirklichen, so braucht totalitaere Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungsgesetze[metamark (text connection)] in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen. [metamark []So wie positives Recht das Vergehen und das Verbrechen in einer Gesellschaft jeweils festlegen, aber fuer seine Gueltigkeit von Uebertretungen ganz unabhaengig ist -- Gesetze werden nicht ueberfluessig, wenn sich niemand gegen sie vergeht --, so wird auch totalitaerer Terror (im Gegensatz zu den Einschuechterungsmethoden in allen Tyranneien und Diktaturen) nicht dann ueberfluessig, wenn es keine Opposition mehr gibt, gegen die er sich wenden koennte; auch er ist unabhaengig geworden von allen Vergehen gegen das Regime.1 Ja, unsere Erfahrungen mit der Sowjet-Union2 wie mit dem Dritten Reich haben uns gelehrt, dass3 wir diesen Vergleich noch einen Schritt weiter treiben duerfen4: so wie das Gesetz in den uns bekannten Staatsgebilden desto vollkommener herrscht, je weniger Verbrechen es durchbrechen, so wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition, gegen die er sich wenden koennte5 (und in der6 ersten Stadien der Diktatur auch faktisch wendet), erloschen ist.
[metamark (text connection)]Sowie der Gesetzesstaat positives Recht benoetigt, um das unveraenderliche jus naturale oder die ewigen Gebote Gottes oder die aus unvordenklichen Zeiten stammenden und darum geheiligten Gebraeuche und Traditionen zu verwirklichen, so braucht totalitaere Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungsgesetze[metamark (text connection)] in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen. [metamark []So wie positives Recht das Vergehen und das Verbrechen in einer Gesellschaft jeweils festlegen, aber fuer seine Gueltigkeit von Uebertretungen ganz unabhaengig ist -- Gesetze werden nicht ueberfluessig, wenn sich niemand gegen sie vergeht --, so wird auch totalitaerer Terror (im Gegensatz zu den Einschuechterungsmethoden in allen Tyranneien und Diktaturen) nicht dann ueberfluessig, wenn es keine Opposition mehr gibt, gegen die er sich wenden koennte; auch er ist unabhaengig geworden von allen Vergehen gegen das Regime.1 Ja, unsere Erfahrungen mit der Sowjet-Union2 wie mit dem Dritten Reich haben uns gelehrt, dass3 wir diesen Vergleich noch einen Schritt weiter treiben duerfen4: so wie das Gesetz in den uns bekannten Staatsgebilden desto vollkommener herrscht, je weniger Verbrechen es durchbrechen, so wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition, gegen die er sich wenden koennte5 (und in der6 ersten Stadien der Diktatur auch faktisch wendet), erloschen ist.
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Ja, unsere Erfahrungen mit der Sowjetunion2 wie mit dem Dritten Reich haben uns gelehrt, daß3 wir diesen Vergleich noch einen Schritt weiter treiben dürfen4: so wie das Gesetz in den uns bekannten Staatsgebilden desto vollkommener herrscht, je weniger Verbrechen es durchbrechen, so wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition, gegen die er sich wenden könnte5 (und in den6 ersten Stadien der Diktatur auch faktisch wendet), erloschen ist.
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[metamark (text connection)]Wenn wir also in Uebereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmaessigen Regierung sehen, dann können wir Terror als das eigentliche Wesen totalitärer Herrschaft bestimmen. Als solcher dient er nicht nur dem Zweck, spontanes Handeln der Menschen zu verhindern, sondern |9 [metamark (text connection)]gierung sehen, dann koennen wir Terror als das eigentliche Wesen der totalitaeren Herrschaft bestimmen.
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II
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[metamark x]Wenn hier vom Wesen einer Staatsform die Rede ist, so1 in der bewussten Nachfolge Montesquieu’s, der in der abendlaendischen Tradition politischen Denkens Unterschied und Beziehung zwischen dem Wesen einer Regierung und ihrem Prinzip fand und bestimmte, dass das Wesen der Staatsform (oder auch seine Struktur) das ist, was macht, dass der Staat so und nicht anders ist (eine Republik und keine Monarchie etwa), waehrend das Prinzip einer jeden Regierung das ist2, was bewirkt, dass gehandelt werden kann. (»Il y a cette différence entre la nature du gouvernement et son principe, que sa nature est ce qui le fait être tel; et son principe ce qui le fait agir.« Esprit des Lois, Livre III, chap. 1) So hat die Monarchie ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Haenden eines Einzigen liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht. Die Republik hat ihr Wesen in verfassungsmaessiger Regierung, in der die Macht in den Haenden des Volkes liegt; gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht. Die Tyrannis hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, in der Macht von der Willkuer eines Einzelnen ausgeuebt wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht, aber worauf diese Furcht beruht, sagt uns Montesquieu nicht3. Das Wesen totalitaerer Herrschaft in diesem Sinne ist der Terror, der aber nicht willkuerlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines Einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Uebereinstimmung mit aussermenschlichen Prozessen und ihren natuerlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird.4 Als solcher ersetzt5 er den Zaun des Gesetzes6, in dessen Umhegung7 Menschen in Freiheit sich bewegen koennen8, durch ein eisernes Band, das die Menschen so stabilisiert, dass jede freie, unvorhersehbare Handlung ausgeschlossen wird. Terror in diesem Sinne ist gleichsam das »Gesetz«, |10 [metamark (text connection)]das nicht mehr uebertreten werden kann. Diese terroristische Stabilisierung dient der Befreiung der9 sich bewegenden Geschichte oder Natur. Eine Diskussion mit Anhaengern totalitaerer11 Bewegungen ueber12 Freiheit ist schon darum so ausserordentlich13 unergiebig, weil sie14 an menschlicher Freiheit, dh.15 an der Freiheit menschlichen Handelns nicht [metamark (text connection)]nur nicht interessiert sind, sondern sie fuer gefaehrlich fuer16 die Befreiung[metamark (text connection)] natuerlicher17 oder historischer Prozesse halten. Die sogenannte Freiheit der Geschichte und der Natur, die sich je18 nach beobachtbaren Regeln vollzieht, kann fuer den Menschen in der Tat nur im Gewand der Notwendigkeit auftreten. Sofern19 Natur und Geschichte Kraefte20 sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind, koennen21 sie, wenn mit ihnen ein politischer Körper konstituiert werden soll22, nur als Zwang verstanden und realisiert werden. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitaere23 Terror, indem er nicht gerechte oder ungerechte positive Gesetze erlaesst und anwendet, sondern den Bewegungsprozess dieser Kraefte vollstreckt im Sinne der Exekution24. Der Terror Er25 ist nicht ein Mittel zu einem Zweck, sondern die staendig benoetigte26 Exekution der Gesetze natuerlicher27 oder geschichtlicher[metamark (text connection)] Prozesse.
[metamark (text connection)]Wenn wir also1 in Uebereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmaessigen Regierung sehen2, dann können wir Terror als das eigentliche Wesen totalitärer Herrschaft bestimmen3. Als solcher dient5 er nicht nur dem Zweck6, spontanes Handeln der7 Menschen zu verhindern8, sondern |10 [metamark (text connection)]das nicht mehr uebertreten werden kann. Diese terroristische Stabilisierung dientder Befreiung der9 sich bewegenden Geschichte oder Natur. Eine Diskussion mit Anhaengern totalitaerer11 Bewegungen ueber12 Freiheit ist schon darum so ausserordentlich13 unergiebig, weil sie14 an menschlicher Freiheit, dh.15 an der Freiheit menschlichen Handelns nicht [metamark (text connection)]nur nicht interessiert sind, sondern sie fuer gefaehrlich fuer16 die Befreiung[metamark (text connection)] natuerlicher17 oder historischer Prozesse halten.Die sogenannte Freiheit der Geschichte und der Natur, die sich je18 nach beobachtbaren Regeln vollzieht, kann fuer den Menschen in der Tat nur im Gewand der Notwendigkeit auftreten. Sofern19 Natur und Geschichte Kraefte20 sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind, koennen21 sie, wenn mit ihnen ein politischer Körper konstituiert werden soll22, nur als Zwang verstanden und realisiert werden. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitaere23 Terror,indem er nicht gerechte oder ungerechte positive Gesetze erlaesst und anwendet, sondern den Bewegungsprozess dieser Kraefte vollstreckt im Sinne der Exekution24. Der Terror Er25 ist nicht ein Mittel zu einem Zweck, sondern die staendig benoetigte26 Exekution der Gesetze natuerlicher27 oder geschichtlicher[metamark (text connection)] Prozesse.
Das Wesen totalitärer Herrschaft1 in diesem Sinne ist der Terror, der aber nicht willkürlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines einzelnen (wie in der Tyrannis)2, sondern in Übereinstimmung mit außermenschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird3. Als solcher ersetzt5 er den Zaun des Gesetzes6, in dessen Umhegung7 Menschen in Freiheit sich bewegen können8, durch ein eisernes Band, das die Menschen so stabilisiert, daß jede freie, unvorhersehbare Handlung ausgeschlossen wird. Terror in diesem Sinne ist gleichsam das »Gesetz«, das nicht mehr übertreten werden kann. Diese terroristische Stabilisierung soll der Befreiung der9 sich bewegenden Geschichte oder Natur dienen10. Eine Diskussion mit Anhängern totalitärer11 Bewegungen über12 Freiheit ist schon darum so außerordentlich13 unergiebig, weil sie14 an menschlicher Freiheit, das heißt15 an der Freiheit menschlichen Handelns nicht nur nicht interessiert sind, sondern sie für gefährlich für16 die Befreiung natürlicher17 oder historischer Prozesse halten. Die sogenannte Freiheit der Geschichte und der Natur, die sich ja18 nach beobachtbaren Regeln vollzieht, kann für den Menschen in der Tat nur im Gewand der Notwendigkeit auftreten. Sofern19 Natur und Geschichte Kräfte20 sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind, können21 sie, wenn mit ihnen ein politischer Körper konstituiert wird22, nur als Zwang verstanden und realisiert werden. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitäre23 Terror, indem er nicht gerechte oder ungerechte positive Gesetze erläßt und anwendet, sondern den Bewegungsprozeß dieser Kräfte vollstreckt im Sinne der Exekution24. Der Terror25 ist nicht ein Mittel zu einem Zweck, sondern die ständig benötigte26 Exekution der Gesetze natürlicher27 oder geschichtlicher Prozesse.
Wenn wir also1 in Übereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmäßigen Regierung sehen2, dann können wir Terror als das Wesen totalitärer Herrschaft bestimmen3. Als solcher dient5 er nicht nur dem Zweck6, spontanes Handeln der7 Menschen zu verhindern8, sondern der Befreiung gleichsam der9 sich bewegenden Geschichte oder Natur. Eine Diskussion mit Anhängern totalitärer11 Bewegungen über12 Freiheit ist schon darum so außerordentlich13 unergiebig, weil diese14 an menschlicher Freiheit, also15 an der Freiheit menschlichen Handelns nicht nur nicht interessiert sind, sondern sie für gefährlich für16 die Befreiung natürlicher17 oder historischer Prozesse halten. Sofern --18 nach dieser Ideologie --19 Natur und Geschichte Kräfte20 sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind, können21 sie, wenn mit ihnen ein politischer Körper konstituiert werden soll22, nur als Zwang verstanden und realisiert werden. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitäre23 Terror. Er25 ist nicht ein Mittel zu einem Zweck, sondern die ständig benötigte26 Exekution der Gesetze natürlicher27 oder geschichtlicher Prozesse.
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»Erhabenes Hobeln«
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Terror macht die Menschen unbeweglich, als stuenden sie und ihre spontanen Bewegungen nur den Prozessen von Natur oder Geschichte im Wege, den[gap] die Bahn frei gemacht werden soll. Terror scheidet die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit willen, und zwar nicht nur jene die schliesslich wirklich seine Opfer werden, sondern grundsaetzlich alle, insofern der Geschichts- oder Naturprozess von dem neuen Beginnen und dem individuellen Ende, welches das [metamark (text connection)]Leben jedes Menschen ist, nur gehindert werden kann. Populaer1 und scheinbar harmlos aeussert2 sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort: »Wo gehobelt wird da fallen Spaene4«, einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Politik ueberhaupt5 anerkannt, wo Spaene6 auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen die Groesse7 von Ereignissen an der Zahl der Opfer gemessen wird9, die sie forderten10. Psychologisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig moegliche11 Vorbereitung fuer12 das Leben unter Verhaeltnissen13, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den geliebtesten Menschen und auch sich selbst als moegliche Spaene fuer14 das erhabene Hobeln von Natur oder Geschichte erkannt und geopfert.
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Terror macht die Menschen unbeweglich, als stünden sie und ihre spontanen Bewegungen nur den Prozessen von Natur oder Geschichte im Wege, denen die Bahn frei gemacht werden soll. Terror scheidet die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit willen, und zwar nicht nur jene, die schließlich wirklich seine Opfer werden, sondern grundsätzlich alle, insofern der Geschichts- oder Naturprozeß von dem neuen Beginnen und dem individuellen Ende, welches das Leben jedes Menschen ist, nur gehindert werden kann. Populär1 und scheinbar harmlos äußert2 sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort: »Wo gehobelt wird,3 da fallen Späne4«, einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Geschichte überhaupt5 anerkannt, wo Späne6 auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen die Größe7 von Ereignissen nur noch gemessen wird8 an der Zahl der Opfer, die sie fordern10. Psychologisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig mögliche11 Vorbereitung für12 das Leben unter Verhältnissen13, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den geliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche Späne für14 das erhabene Hobeln von Natur oder Geschichte erkannt und geopfert.
Populär1 und scheinbar harmlos äußert2 sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort: »Wo gehobelt wird,3 da fallen Späne4«, einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Geschichte überhaupt5 anerkannt, wo Späne6 auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen die Größe7 von Ereignissen an der Zahl der Opfer gemessen wird9, die sie forderten10. Psychologisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig mögliche11 Vorbereitung für12 das Leben unter Verhältnissen13, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den geliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche Späne für14 das »15erhabene Hobeln von Natur oder Geschichte«16 erkannt und geopfert.
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Die Versuchung, menschliches Handeln am Modell des Herstellens von Gegenstaenden2 zu orientieren, ist nicht neu, war aber natuerlicherweise3 niemals so maechtig4 und bedeutungsvoll wie in den letzten hundert Jahren, da Menschen -- erst in Europa und Amerika und dann mehr und mehr in der ganzen Welt -- sich zum ersten Mal5 wesentlich als arbeitende Wesen verstanden[metamark (text connection)] und bestimmten. [metamark []Dies neue Selbstverstaendnis6 des Menschen fand seinen ersten theoretischen Ausdruck in Marx, und die ausserordentliche7 Anziehungskraft des Marxismus auf alle Voelker8 der Erde verdankt dieser neuen Einschaetzung9 der Arbeit sicherlich nicht [metamark (text connection)]weniger als seinen sogenannten chiliastischen Elementen.[metamark ]] Arbeit nun, obwohl sicher nicht mit einfachem Herstellen identisch, steht diesem doch naeher10 als alle Arten menschlichen Handelns. Herstellen, auch wenn es von vielen zusammen und fabrikmaessig11 betrieben wird, hat es immer nur mit einem Subjekt zu tun, das einen Gegenstand hervorbringen will; auch Robinson auf seiner Insel ist noch Mensch im Sinne des homo faber. Handeln dagegen kann ich immer nur in Bezug12 auf andere und mit ihnen zusammen[gap] Alles Handeln ist in den Worten Burke’s14 »to act in concert«; was bei diesem Tun herauskommt, hat niemals ein Ende,15 und daher auch weder die Bestaendigkeit16 noch die Eindeutigkeit eines im Mittel-Zweck-Zusammenhang erzeugten Gegenstandes. Wenn im Herstellen wirklich gilt, der17 Zweck rechtfertigt die Mittel, so gilt im Handeln18 umgekehrt: eine gute Tat um e.19 bösen Zweckes willen,20 fügt der Welt, die wir durch unser Handeln konstituieren, e. Stück21 Güte zu, macht sie besser. Und umgekehrt e.22 böse Tat um e.23 guten Zweckes willen,24 macht die Welt effektiv böser25. Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind fuer ein Handeln in der Gesinnung des Herstellens oder der Gesinnung des »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene« ganz und gar ueberfluessig. Denn sie sichern Kontinuitaet in der Sphaere menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es einen durch Gegenstaende getragenen, an ihnen ausgerichteten und von ihnen garantierten Verlass ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuitaet menschlichen Zusammenlebens wird permanent durch das erschuettert, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist politisch die Geburt jedes neuen Menschen, der in dies Zusammenleben hinein geboren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. Initium ut esset, creatus est homo -- »der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei«, sagte Augustin (Civitas Dei, lib. 12, cap. 20). Diesen neuen Anfang hegen die Zaeune der Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert das Gesetz die Moeglichkeit eines unvoraussehbar, absolut Neuen und zugleich die Prae-Existenz einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuitaet alle |12 einzelnen Anfaenge uebersteigt, das ist eine Wirklichkeit, die alle neuen Urspruenge ins sich aufnimmt und von ihnen sich naehrt. Jede Gewaltherrschaft muss die Zaeune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen[metamark (text connection)]. Totalitaerer Terror, [metamark []sofern er dies in seinen Anfangstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der [metamark (text connection)]Tyrannis. Nur dass dieser nicht den willkuerlich-tyrannischen Willen eines Einzelnen ueber die ihres Schutzes beraubten und daher zur Ohnmacht verdammten Menschen loslassen will noch die despotische Macht eines Einzigen gegen alle anderen noch und am allerwenigstens die Anarchie des [metamark (text connection)]Krieges aller gegen alle. Die Tyrannis begnuegt sich mit Gesetzlosigkeit u. Willkür nicht begnügt sondern an die Stelle der Zaeune des Gesetzes und der gesetzmaessig etablierten und geregelten Kanaele menschlicher Kommunikation sein eisernes Band setzt , das alle so eng aneinander schliesst, dass nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmaessigen Staaten zwischen den Buergern existiert, sondern auch die Wueste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Misstrauens, die der Tyrannis eigentuemlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein [metamark (text connection)]einziges Wesen von gigantischen Ausmassen. [metamark []Auch dies drueckt der auf totalitaere Verhaeltnisse so trefflich vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von »den« Russen, oder »den« Franzosen spricht, sondern wie neuerdings uns erzaehlt, was der Russe will oder der Franzose sei. Terror als der folgsame Vollstrecker natuerlicher oder geschichtlicher Prozesse fabriziert dies Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, [metamark (text connection)]radikal vernichtet.[metamark ]] Das Wesentliche der totalitaeren Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schliesst, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit[metamark (text connection)] der Freiheit, verschwindet.26
Terror macht die Menschen unbeweglich, als stuenden sie und ihre spontanen Bewegungen nur den Prozessen von Natur oder Geschichte im Wege, den[gap] die Bahn frei gemacht werden soll. Terror scheidet die Individuen aus um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit willen, und zwar nicht nur jene die schliesslich wirklich seine Opfer werden, sondern grundsaetzlich alle, insofern der Geschichts- oder Naturprozess von dem neuen Beginnen und dem individuellen Ende, welches das [metamark (text connection)]Leben jedes Menschen ist, nur gehindert werden kann. Populaer und scheinbar harmlos aeussert sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort: »Wo gehobelt wird da fallen Spaene«, einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Politik ueberhaupt anerkannt, wo Spaene auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen die Groesse von Ereignissen an der Zahl der Opfer gemessen wird, die sie forderten. Psychologisch ist diese Gesinnung die beste, ja die einzig moegliche Vorbereitung fuer das Leben unter Verhaeltnissen, die vom Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten Freund, den geliebtesten Menschen und auch sich selbst als moegliche Spaene fuer das erhabene Hobeln von Natur oder Geschichte erkannt und geopfert.1 |11 Die Versuchung, menschliches Handeln am Modell des Herstellens von Gegenstaenden2 zu orientieren, ist nicht neu, war aber natuerlicherweise3 niemals so maechtig4 und bedeutungsvoll wie in den letzten hundert Jahren, da Menschen -- erst in Europa und Amerika und dann mehr und mehr in der ganzen Welt -- sich zum ersten Mal5 wesentlich als arbeitende Wesen verstanden[metamark (text connection)] und bestimmten. [metamark []Dies neue Selbstverstaendnis6 des Menschen fand seinen ersten theoretischen Ausdruck in Marx, und die ausserordentliche7 Anziehungskraft des Marxismus auf alle Voelker8 der Erde verdankt dieser neuen Einschaetzung9 der Arbeit sicherlich nicht [metamark (text connection)]weniger als seinen sogenannten chiliastischen Elementen.[metamark ]] Arbeit nun, obwohl sicher nicht mit einfachem Herstellen identisch, steht diesem doch naeher10 als alle Arten menschlichen Handelns. Herstellen, auch wenn es von vielen zusammen und fabrikmaessig11 betrieben wird, hat es immer nur mit einem Subjekt zu tun, das einen Gegenstand hervorbringen will; auch Robinson auf seiner Insel ist noch Mensch im Sinne des homo faber. Handeln dagegen kann ich immer nur in Bezug12 auf andere und mit ihnen zusammen[gap] Alles Handeln ist in den Worten Burke’s14 »to act in concert«; was bei diesem Tun herauskommt, hat niemals ein Ende,15 und daher auch weder die Bestaendigkeit16 noch die Eindeutigkeit eines im Mittel-Zweck-Zusammenhang erzeugten Gegenstandes. Wenn im Herstellen wirklich gilt, der17 Zweck rechtfertigt die Mittel, so gilt im Handeln18 umgekehrt: eine gute Tat um e.19 bösen Zweckes willen,20 fügt der Welt, die wir durch unser Handeln konstituieren, e. Stück21 Güte zu, macht sie besser. Und umgekehrt e.22 böse Tat um e.23 guten Zweckes willen,24 macht die Welt effektiv böser25. Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind fuer ein Handeln in der Gesinnung des Herstellens oder der Gesinnung des »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene« ganz und gar ueberfluessig. Denn sie sichern Kontinuitaet in der Sphaere menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es einen durch Gegenstaende getragenen, an ihnen ausgerichteten und von ihnen garantierten Verlass ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuitaet menschlichen Zusammenlebens wird permanent durch das erschuettert, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist politisch die Geburt jedes neuen Menschen, der in dies Zusammenleben hinein geboren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. Initium ut esset, creatus est homo -- »der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei«, sagte Augustin (Civitas Dei, lib. 12, cap. 20). Diesen neuen Anfang hegen die Zaeune der Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert das Gesetz die Moeglichkeit eines unvoraussehbar, absolut Neuen und zugleich die Prae-Existenz einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuitaet alle |12 einzelnen Anfaenge uebersteigt, das ist eine Wirklichkeit, die alle neuen Urspruenge ins sich aufnimmt und von ihnen sich naehrt. Jede Gewaltherrschaft muss die Zaeune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen[metamark (text connection)]. Totalitaerer Terror, [metamark []sofern er dies in seinen Anfangstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der [metamark (text connection)]Tyrannis. Nur dass diesernicht den willkuerlich-tyrannischen Willen eines Einzelnen ueber die ihres Schutzes beraubten und daher zur Ohnmacht verdammten Menschen loslassen will noch die despotische Macht eines Einzigen gegen alle anderen noch und am allerwenigstens die Anarchie des [metamark (text connection)]Krieges aller gegen alle. Die Tyrannis begnuegt sich mit Gesetzlosigkeit u. Willkür nicht begnügt sondern an die Stelle der Zaeune des Gesetzesund der gesetzmaessig etablierten und geregelten Kanaele menschlicher Kommunikation sein eisernes Band setzt , das alle so eng aneinander schliesst, dass nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmaessigen Staaten zwischen den Buergern existiert, sondern auch die Wueste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Misstrauens, die der Tyrannis eigentuemlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein [metamark (text connection)]einziges Wesen von gigantischen Ausmassen. [metamark []Auch dies drueckt der auf totalitaere Verhaeltnisse so trefflich vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von »den« Russen, oder »den« Franzosen spricht, sondern wie neuerdings uns erzaehlt, was der Russe will oder der Franzose sei. Terror als der folgsame Vollstrecker natuerlicher oder geschichtlicher Prozesse fabriziert dies Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, [metamark (text connection)]radikal vernichtet.[metamark ]] Das Wesentliche der totalitaeren Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schliesst, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit[metamark (text connection)] der Freiheit, verschwindet.26
Die Versuchung, menschliches Handeln am Modell des Herstellens von Gegenständen2 zu orientieren, ist nicht neu, war aber natürlicherweise3 niemals so mächtig4 und bedeutungsvoll wie in den letzten hundert Jahren, da Menschen -- erst in Europa und Amerika und dann mehr und mehr in der ganzen Welt -- sich zum ersten Male5 wesentlich als arbeitende Wesen verstanden und bestimmten. Dies neue Selbstverständnis6 des Menschen fand seinen ersten theoretischen Ausdruck in Marx, und die außerordentliche7 Anziehungskraft des Marxismus auf alle Völker8 der Erde verdankt dieser neuen Einschätzung9 der Arbeit sicherlich nicht weniger als seinen sogenannten chiliastischen Elementen. Arbeit nun, obwohl sicher nicht mit einfachem Herstellen identisch, steht diesem doch näher10 als alle Arten menschlichen Handelns. Herstellen, auch wenn es von vielen zusammen und fabrikmäßig11 betrieben wird, hat es immer nur mit einem Subjekt zu tun, das einen Gegenstand hervorbringen will; auch Robinson auf seiner Insel ist noch Mensch im Sinne des homo faber. Handeln dagegen kann ich immer nur in bezug12 auf andere und mit ihnen zusammen.13 Alles Handeln ist in den Worten Burkes14 »to act in concert«; was bei diesem Tun herauskommt, hat niemals ein Ende und daher auch weder die Beständigkeit16 noch die Eindeutigkeit eines im Mittel-Zweck-Zusammenhang erzeugten Gegenstandes. Wenn im Herstellen wirklich gilt: Der17 Zweck rechtfertigt die Mittel, so gilt im Bereich des Handelns18 umgekehrt: eine gute Tat um eines19 bösen Zweckes willen fügt der Welt Güte zu, eine22 böse Tat um eines23 guten Zweckes willen macht die Welt unausweichlich schlechter25.
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Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind für ein Handeln in der Gesinnung des Herstellens oder des1 »Wo gehobelt wird, da fallen Späne« ganz und gar überflüssig. Denn sie sichern Kontinuität in der Sphäre menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es einen durch Gegenstände getragenen, an ihnen ausgerichteten und von ihnen garantierten Verlaß ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuität menschlichen Zusammenlebens wird immer wieder2 durch das erschüttert3, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist4 politisch die Geburt jedes neuen Menschen, der in dies6 Zusammenleben hineingeboren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. Initium ut esset, creatus est homo -- »Der8 Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei«, sagte9 Augustin (»Civitas10 Dei«, lib.11 12, cap. 20). Diesen neuen Anfang hegen die Zäune der Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert das Gesetz die Möglichkeit eines unvoraussehbar, absolut Neuen und zugleich die Präexistenz12 einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuität alle einzelnen Anfänge übersteigt, das ist eine Wirklichkeit, die alle neuen Ursprünge in sich aufnimmt und von ihnen sich nährt.
Gesetze im Sinne des positiven Rechts sind für ein Handeln in der Gesinnung des »Wo gehobelt wird, da fallen Späne« ganz und gar überflüssig. Denn sie sichern Kontinuität in der Sphäre menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es einen durch Gegenstände getragenen, an ihnen ausgerichteten und von ihnen garantierten Verlaß ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuität menschlichen Zusammenlebens wird permanent erschüttert2 durch das, was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das geschieht auch4 politisch durch5 die Geburt jedes neuen Menschen, der in dieses6 Zusammenleben hineingeboren wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit, eine neue Welt anhebt. »7Initium ut esset, creatus est homo -- der8 Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei«, sagt9 Augustin (»De civitate10 Dei«, 12, cap. 20). Diesen neuen Anfang hegen die Zäune der Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert das Gesetz die Möglichkeit eines unvoraussehbar, absolut Neuen und zugleich die vorgängige Existenz12 einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuität alle einzelnen Anfänge übersteigt, das ist eine Wirklichkeit, die alle neuen Ursprünge in sich aufnimmt und von ihnen sich nährt.
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Jede Gewaltherrschaft muß die Zäune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen. Totalitärer Terror, sofern er dies in seinen Anfangsstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur daß dieser nicht den willkürlich-tyrannischen Willen eines einzelnen über die ihres Schutzes beraubten und zur Ohnmacht verdammten Menschen loslassen will, noch die despotische Macht eines einzigen gegen alle anderen, noch, und am allerwenigsten, die Anarchie eines Krieges aller gegen alle. Die Tyrannis begnügt1 sich mit der Gesetzlosigkeit; der totale Terror setzt2 an die Stelle der Zäune des Gesetzes und der gesetzmäßig etablierten und geregelten Kanäle menschlicher Kommunikation3 sein eisernes Band, das alle so eng aneinanderschließt, daß nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmäßigen Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch die Wüste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Mißtrauens, die der Tyrannis eigentümlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen5. Auch dies drückt der auf totalitäre Verhältnisse so trefflich vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von »den« Russen oder »den« Franzosen spricht, sondern uns6 neuerdings erzählt, was der Russe will oder der Franzose sei. Terror,8 als der folgsame Vollstrecker natürlicher oder geschichtlicher Prozesse,9 fabriziert dies Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radikal vernichtet. Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, daß sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, daß sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet;10 sondern einzig darin, daß sie Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, daß der Raum des Handelns,11 und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit,12 verschwindet.
Jede Gewaltherrschaft muß die Zäune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen. Totalitärer Terror, sofern er dies in seinen Anfangsstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur daß dieser sich mit der Gesetzlosigkeit der Willkür nicht begnügt, sondern2 an die Stelle der Zäune des Gesetzes sein eisernes Band setzt4, das alle so eng aneinander schließt, daß nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmäßigen Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch die Wüste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Mißtrauens, die der Tyrannis eigentümlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein grotesk-gigantisches Einzelwesen5. Auch dies drückt der auf totalitäre Verhältnisse so trefflich vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von »den« Russen oder »den« Franzosen spricht, sondern wie6 neuerdings uns7 erzählt, was der Russe will oder der Franzose sei. Terror als der folgsame Vollstrecker natürlicher oder geschichtlicher Prozesse fabriziert dies Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radikal vernichtet. Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, daß sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, daß sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet,10 sondern einzig darin, daß sie Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, daß der Raum des Handelns --11 und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit --12 verschwindet.
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»Verhängte« Geschichte
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[metamark []Das eiserne Band des Terrors konstituiert den totalitaeren1 politischen [metamark (text connection)]Koerper und macht ihn zu einem unvergleichlichen Instrument, die Bewegung des Natur- oder des Geschichtsprozesses zu beschleunigen2. Dem Terror gelingt es, die3 Menschen so zu organisieren als gaebe5 es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gaebe6 es nur einen gigantischen Menschen auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automatisch |13 notwendigen Natur- oder Geschichtsprozesses mit absoluter Sicherheit und Berechenbarkeit einfallen. Diese an sich notwendig ablaufenden Prozesse will der Terror auf eine Geschwindigkeit, gleichsam auf eine Tourenzahl bringen, die sie ohne die Mithilfe der zu Einem9 Menschen organisierten Menschheit nie erreichen koennten11. Praktisch heisst12 dies, dass13 Terror die Todesurteile, welche die Natur angeblich ueber14 »minderwertige Rassen und lebensunfaehige16 Individuen« oder die Geschichte ueber17 »absterbende Klassen« und »dekadente Voelker18« gesprochen haben19, auf der Stelle vollstreckt, ohne den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozess20 von [metamark (text connection)]Natur oder Geschichte selbst abzuwarten.
[keine Entsprechung vorhanden]
Das eiserne Band des Terrors konstituiert den totalitären1 politischen Körper, um ein Instrument zu gewinnen, mit dem die Bewegung des Natur- oder des Geschichtsprozesses beschleunigt werden kann2. Dem Terror gelingt es, Menschen so zu organisieren,4 als gäbe5 es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gäbe6 es nur einen gigantischen Menschen auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automatisch notwendigen Natur- oder Geschichtsprozesses mit absoluter Sicherheit und Berechenbarkeit einfallen. Diese an sich notwendig ablaufenden Prozesse will der Terror auf eine Geschwindigkeit, gleichsam auf eine Tourenzahl bringen, die sie ohne die Mithilfe der zu einem9 Menschen organisierten Menschheit nie erreichen könnten11. Praktisch heißt12 dies, daß13 Terror die Todesurteile, welche die Natur angeblich über14 »minderwertige Rassen«15 und »lebensunfähige16 Individuen« oder die Geschichte über17 »absterbende Klassen« und »dekadente Völker18« gesprochen hat19, auf der Stelle vollstreckt, ohne den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozeß20 von Natur oder Geschichte selbst abzuwarten.
Das eiserne Band des Terrors konstituiert den totalitären1 politischen Körper2. Dem Terror gelingt es, die3 Menschen so zu organisieren,4 als gäbe5 es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gäbe6 es nur einen gigantischen Menschen auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automatisch notwendigen Natur- oder Geschichtsprozesses mit absoluter Sicherheit und Berechenbarkeit einfallen. Diese an sich notwendig ablaufenden Prozesse will der Terror auf eine höhere7 Geschwindigkeit, gleichsam auf eine gewisse8 Tourenzahl bringen, die sie ohne die Mithilfe der zu »einem9 Menschen«10 organisierten Menschheit nie erreichen könnten11. Praktisch heißt12 dies, daß13 Terror die Todesurteile, welche die Natur angeblich über14 »minderwertige Rassen«15 und »lebensunfähige16 Individuen« oder die Geschichte über17 »absterbende Klassen« und »dekadente Völker18« gesprochen haben19, auf der Stelle vollstreckt, ohne den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozeß20 von Natur oder Geschichte selbst abzuwarten.
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Wir kennen keinen vollkommenen totalitaeren1 Herrschaftsapparat, denn er wuerde2 die Beherrschung der gesamten Erde voraussetzen. Wir wissen aber genug von den immer noch vorlaeufigen3 Experimenten totaler Organisation, um zu erkennen, dass4 die durchaus moegliche Perfektionierung5 dieses Apparats menschliches Handeln in dem uns bekannten Sinne abschaffen wuerde6. Handeln wuerde7 sich als ueberfluessig8 erweisen im Zusammenleben der Menschen, wenn alle Menschen zu Einem9 Menschen, alle Individuen zu Exemplaren der Gattung, alles Tun zu Beschleunigungsgriffen in der gesetsmaessigen10 Bewegungsapparatur der Geschichte oder der Natur, und alle Taten zu Vollstreckungen der Todesurteile geworden sind, die Geschichte oder Natur ohnehin verhaengt11 haben.
[keine Entsprechung vorhanden]
Wir kennen keinen vollkommenen totalitären1 Herrschaftsapparat, denn er würde2 die Beherrschung der gesamten Erde voraussetzen. Wir wissen aber genug von den immer noch vorläufigen3 Experimenten totaler Organisation, um zu erkennen, daß4 die durchaus mögliche Vervollkommnung5 dieses Apparats menschliches Handeln in dem uns bekannten Sinne abschaffen würde6. Handeln würde7 sich als überflüssig8 erweisen im Zusammenleben der Menschen, wenn alle Menschen zu einem9 Menschen, alle Individuen zu Exemplaren der Gattung, alles Tun zu Beschleunigungsgriffen in der gesetzmäßigen10 Bewegungsapparatur der Geschichte oder der Natur, und alle Taten zu Vollstreckungen der Todesurteile geworden sind, die Geschichte oder Natur ohnehin verhängt11 haben.
[keine Entsprechung vorhanden]
51
In solch einem bisher nicht erreichten perfekten Regime des Terrors wuerde Montesquieu’s1 zweite Bestimmung in der Definition von Staatsformen, die Bestimmung des »Prinzips«, das zu dem Wesen einer jeden Regierung gehoerend2 sie zum Handeln und damit im politischen Feld erst eigentlich in Bewegung bringt, ganz und gar fortfallen. Und in der Tat werden totalitaere3 Machthaber in ihrem Tun weder von Ehre noch von Tugend noch von Furcht geleitet. Insofern aber totalitaere4 Herrschaft ihre eigene vollkommene Auspraegung5 noch nicht erhalten hat und sich immer noch in einer Welt bewegt, in welcher es Handeln gibt und daher auch Prinzipien des Handelns benoetigt6 werden, braucht auch sie noch ein ihr eigentuemliches7 Prinzip, das ihren Terror-Apparat8 in Bewegung setzt und die ihm ausgelieferten Menschen in ihrem Verhalten inspiriert.
[keine Entsprechung vorhanden]
In solch einem bisher nicht erreichten perfekten Regime des Terrors würde Montesquieus1 zweite Bestimmung in der Definition von Staatsformen, die Bestimmung des »Prinzips«, das zu dem Wesen einer jeden Regierung gehörend2 sie zum Handeln und damit im politischen Feld erst eigentlich in Bewegung bringt, ganz und gar fortfallen. Und in der Tat werden totalitäre3 Machthaber in ihrem Tun weder von Ehre noch von Tugend noch von Furcht geleitet. Insofern aber totalitäre4 Herrschaft ihre eigene vollkommene Ausprägung5 noch nicht erhalten hat und sich immer noch in einer Welt bewegt, in welcher es Handeln gibt und daher auch Prinzipien des Handelns benötigt6 werden, braucht auch sie noch ein ihr eigentümliches7 Prinzip, das ihren Terrorapparat8 in Bewegung setzt und die ihm ausgelieferten Menschen in ihrem Verhalten inspiriert.
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52
Prinzipien des Handeln duer­fen1 nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind vielmehr die Masstaebe2, an denen oeffentlich-politisches3 Handeln, und nur dieses, gemessen wird. So wie es der Stolz eines Buergers4 einer Republik ist, nicht mehr zu gelten in oeffentlichen5 |14 Angelegenheiten als irgendein anderer Buerger6 -- dies ist seine »Tugend« --, so ist es der Stolz eines Untertanen in einer Monarchie sich auszu zeichnen7 und oeffentlich8 geehrt zu werden. Dies heisst9 nicht, dass10 die Buerger11 einer Republik nicht wissen, was Ehre ist, oder die Untertanen einer Monarchie sich nicht um »Tugend« bekuemmerten12, sondern lediglich, dass13 das oeffentliche14 Leben -- in welchem wir nur handeln koennen15 indem wir mit anderen zusammen handeln und betroffen sind nur von Angelegenheiten, die fuer17 jeden von gleicher Dringlichkeit sind -- immer von gewissen Regeln,19 Prinzipien bestimmt ist, die keinesfalls fuer20 alle Formen oeffentlichen21 Lebens die gleichen sind. Wenn solche Prinzipien ihre Gueltigkeit22 verlieren, wenn man in einer Republik nicht mehr weiss23 was Tugend ist, oder in einer Monarchie nicht mehr an Ehre glaubt, odern24 wenn in einer Tyrannis der Machthaber aufhoert25 seine Untertanen und die Beherrschten aufhoeren26 den Tyrannen zu fuerchten27, so geht jede dieser drei Regierungsformen ihrem Ende entgegen.
[keine Entsprechung vorhanden]
Prinzipien des Handelns dürfen1 nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind vielmehr die Maßstäbe2, an denen öffentlich-politisches3 Handeln, und nur dieses, gemessen wird. So wie es der Stolz eines Bürgers4 einer Republik ist, nicht mehr zu gelten in öffentlichen5 Angelegenheiten als irgendein anderer Bürger6 -- dies ist seine »Tugend« --, so ist es der Stolz eines Untertanen in einer Monarchie, sich auszuzeichnen7 und öffentlich8 geehrt zu werden. Dies heißt9 nicht, daß10 die Bürger11 einer Republik nicht wissen, was Ehre ist, oder die Untertanen einer Monarchie sich nicht um »Tugend« bekümmerten12, sondern lediglich, daß13 das öffentliche14 Leben -- in welchem wir nur handeln können,15 indem wir mit anderen zusammen handeln,16 und betroffen sind nur von Angelegenheiten, die für17 jeden von gleicher Dringlichkeit sind --,18 immer von gewissen Prinzipien bestimmt ist, die keinesfalls für20 alle Formen öffentlichen21 Lebens die gleichen sind. Wenn solche Prinzipien ihre Gültigkeit22 verlieren, wenn man in einer Republik nicht mehr weiß,23 was Tugend ist, oder in einer Monarchie nicht mehr an Ehre glaubt, oder24 wenn in einer Tyrannis der Machthaber aufhört,25 seine Untertanen und die Beherrschten aufhören,26 den Tyrannen zu fürchten27, so geht jede dieser drei Regierungsformen ihrem Ende entgegen.
[keine Entsprechung vorhanden]
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Montesquieu benoetigte1 dies Prinzip, das seine Staatsformen erst in Bewegung setzt, in dem es Machthabern wie Buergern2 die Masstaebe fuer3 ein einheitliches oeffentliches4 Handeln und Sich-Verhalten gibt, weil das Wesen der Staatsformen selbst5, so wie es aus den antiken Definitionen uebernommen6 war, an sich selbst stabil und unbeweglich ist und7 allem Handeln also nur bestimmte Grenzen setzt, nicht aber es veranlassen und inspirieren kann. Unter totalitaeren8 Bedingungen, da Terror zum Wesen der Herrschaft geworden ist,9 scheint ein bewegendes Prinzip einerseits ueberfluessig10, weil das Wesen jetzt an sich selbst bereits Bewegung ist,11 andererseits das einzige Prinzip des Handelns, das rein praktisch in Frage zu kommen scheint13, wie in allen Tyranneien die Furcht zu sein.
[keine Entsprechung vorhanden]
Montesquieu benötigte1 dies Prinzip, das seine Staatsformen erst in Bewegung setzt, indem es Machthabern wie Bürgern2 die Maßstäbe für3 ein einheitliches öffentliches4 Handeln und Sich-Verhalten gibt, weil das Wesen der Staatsformen, so wie es aus den antiken Definitionen übernommen6 war, an sich selbst stabil und unbeweglich ist,7 allem Handeln also nur bestimmte Grenzen setzt, nicht aber es veranlassen und inspirieren kann. Unter totalitären8 Bedingungen scheint ein bewegendes Prinzip einerseits überflüssig geworden zu sein10, weil das Wesen jetzt an sich selbst bereits Bewegung ist;11 andererseits scheint12 das einzige Prinzip des Handelns, das rein praktisch in Frage kommt13, wie in allen Tyranneien die Furcht zu sein.
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Furcht entsteht in der Tyrannis dadurch1, daß der Raum der Freiheit, den die Gesetze umhegten, von der Willkür des Tyrannen in eine Wüste verwandelt ist. Auch in2 dieser Wüste gibt es noch3 ein Minimum menschlichen Kontakts und sie bewahrt noch eine Spur jenes Raumes, den menschliche Freiheit braucht, um wirklich zu werden4. In ihr bewegen sich Menschen noch und begegnen einander5, beraten von den Prinzipien der Furcht und des Mißtrauens. Furcht und Mißtrauen können aber keine6 Ratgeber mehr7 sein, wenn unter totalitärer Herrschaft der8 Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Kriterien, ohne allen Bezug auf irgendwelche Gedanken oder Handlungen der Betroffenen, auszuwählen. Furcht hört damit auf10, einen praktischen Sinn zu haben. Zwar bleibt sie noch die alles durchdringende Stimmung,11 die das Herz jedes einzelnen verwüstet12, so wie Mißtrauen noch die Beziehungen aller Menschen zueinander vergiftet13, aber einen Rat14, wie zu handeln sei, können weder Furcht noch Mißtrauen geben, da vom eigenen Handeln das Schicksal gar nicht mehr abhängt15.
Es ist klar1, daß dieser Vollstreckungsmechanismus3 ein Prinzip des Handelns im Sinne Montesquieus nicht benötigt4. Selbst Furcht5, das Prinzip des Handelns in der Tyrannis, hört auf, ein6 Ratgeber zu7 sein, wenn der totale8 Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Kriterien, also9 ohne allen Bezug auf irgendwelche Gedanken oder Handlungen der Betroffenen, auszuwählen, so daß schließlich Ermordete wie Mörder gleich unschuldig werden --11 die Ermordeten12, weil sie sich nie gegen das Regime vergingen13, und die Mörder14, weil sie keineswegs aus den uns bekannten mörderischen Motiven handelten15.
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Totalitäre Herrschaft, deren Wesen der Terror ist und die daher auf ihn als ein furchteinflößendes Mittel der Beherrschung nicht mehr rechnen kann, rechnet überhaupt nicht mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, und sei es das Prinzip der Furcht, gebrauchen. An seine Stelle setzt sie etwas ganz und gar anders Geartetes, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafür aber seinem Bedürfnis nach Einsicht entgegenkommt und ihn lehrt, die Bewegungsgesetze zu verstehen, die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur ohnehin verhängt worden sind.
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Furcht entsteht in der Tyrannis dadurch, dass der Raum der Freiheit, den die Gesetze umhegten, von der Willkuer des Tyrannen zerstoert und in eine Wueste verwandelt ist. Auch in dieser Wueste gibt es noch ein Minimum menschlichen Kontakts und sie bewahrt noch eine Spur jenes Raumes, den menschliche Freiheit braucht, um wirklich zu werden. In ihr bewegen sich Menschen noch und begegnen einander, beraten von den Prinzipien der Furcht und des Misstrauens. Furcht und Misstrauen koennen Xaber keine Ratgeber mehr sein, wenn unter totalitaerer Herrschaft der Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Kriterien, ohne allen Bezug zu irgendwelchen Gedanken oder Handlungen der Betroffenen, auszuwaehlen. |15 Furcht hoert damit auf, einen praktischen Sinn zu haben. Zwar bleibt sie noch die alles durchdringende Stimmung, die das Herz jedes einzelnen verwuestet so wie Misstrauen noch die Beziehungen aller Menschen zueinander vergiftet, aber einen Rat wie zu handeln sei, koennen weder Furcht noch Misstrauen geben, da vom eigenen Handeln das Schicksal gar nicht mehr abhaengt. [metamark (text connection)]Totalitaere Herrschaft, deren Wesen der Terror ist und die daher auf ihn als ein Furcht einfloessendes Mittel der Beherrschung nicht mehr rechnen kann, rechnet ueberhaupt nicht mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, und sei es das Prinzip der Furcht, gebrauchen. An seine Stelle setzt sie etwas ganz und gar anders Geartetes, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafuer aber seinem Beduerfnis nach Einsicht entgegenkommt und ihn lehrt, die Bewegungsgesetze zu verstehen, die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur ueber eine ihnen ausgelieferte Menschheit ohnehin verhaengt worden sind.1 Innerhalb solcher ueber2 die Menschheit verhangten Prozesse in die alle eingefangen sind und an denen sie nichts aendern koennen, ausser dass sie dazu bestellt scheinen, ihre Geschwindigkeit zu erhoehen,3 kann es nur Voll- strecker4 und Opfer der ihnen inhaerenten5 Gesetze geben Im Sinne dieser Bewegungsgesetze liegt es, dass und7 die, welche heute die Vollstrecker sind und »minderwertige Rassen und lebensunfaehige8 Individuen« oder »absterbende Klassen und dekadente Voelker9« liquidieren, können10 morgen diejenigen sein , an denen dieser Ausscheidungsprozess12 vollzogen werden muss13. Das Verlangen nach Einsicht in diesen Prozess14 mobilisiert die totalitaere15 Herrschaft, um beide, Vollstrecker wie Opfer, auf diesen Prozess16 vorzubereiten. An die Stelle des Prinzips des Handelns tritt die Praeparierung17 der Opfer, welche Natur- oder Geschichtsprozess18 fordern werden, und zwar eine Praeparierung19, die gegebenenfalls den Einzelnen20 gleich gut fuer21 die Rolle des Vollstreckers wie fuer22 die Rolle des Opfers vorbereiten kann. [metamark (text connection)]Diese Praeprierung leistet in der totalitaeren Herrschaft die Ideologie und sie entspricht Montesquieu’s Prinzip des oeffentlichen Handelns, insofern als auch sie fuer beide, Herrscher und Beherrschte, Vollstrecker und Opfer gleichermassen gueltig und zwingend ist.23
[metamark []Das eiserne Band des Terrors konstituiert den totalitaeren politischen [metamark (text connection)]Koerperund macht ihn zu einem unvergleichlichen Instrument, die Bewegung des Natur- oder des Geschichtsprozesses zu beschleunigen.[gap] Dem Terror gelingt es, die Menschen so zu organisieren als gaebe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gaebe es nur einen gigantischen Menschen auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automatisch |11 notwendigen Natur- oder Geschichtsprozesses mit absoluter Sicherheit und Berechenbarkeit einfallen. Diese an sich notwendig ablaufenden Prozesse will der Terror auf eine Geschwindigkeit, gleichsam auf eine Tourenzahl bringen, die sie ohne die Mithilfe der zu Einem Menschen organisierten Menschheit nie erreichen koennten. Praktisch heisst dies, dass Terror die Todesurteile, welche die Natur angeblich ueber »minderwertige Rassen und lebensunfaehige Individuen« oder die Geschichte ueber »absterbende Klassen« und »dekadente Voelker« gesprochen haben, auf der Stelle vollstreckt, ohne den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozess von [metamark (text connection)]Natur oder Geschichte selbst abzuwarten. Wir kennen keinen vollkommenen totalitaeren Herrschaftsapparat, denn er wuerde die Beherrschung der gesamten Erde voraussetzen. Wir wissen aber genug von den immer noch vorlaeufigen Experimenten totaler Organisation, um zu erkennen, dass die durchaus moegliche Perfektionierung dieses Apparats menschliches Handeln in dem uns bekannten Sinne abschaffen wuerde. Handeln wuerde sich als ueberfluessig erweisen im Zusammenleben der Menschen, wenn alle Menschen zu Einem Menschen, alle Individuen zu Exemplaren der Gattung, alles Tun zu Beschleunigungsgriffen in der gesetsmaessigen Bewegungsapparatur der Geschichte oder der Natur, und alle Taten zu Vollstreckungen der Todesurteile geworden sind, die Geschichte oder Natur ohnehin verhaengt haben. In solch einem bisher nicht erreichten perfekten Regime des Terrors wuerde Montesquieu’s zweite Bestimmung in der Definition von Staatsformen, die Bestimmung des »Prinzips«, das zu dem Wesen einer jeden Regierung gehoerend sie zum Handeln und damit im politischen Feld erst eigentlich in Bewegung bringt, ganz und gar fortfallen. Und in der Tat werden totalitaere Machthaber in ihrem Tun weder von Ehre noch von Tugend noch von Furcht geleitet. Insofern aber totalitaere Herrschaft ihre eigene vollkommene Auspraegung noch nicht erhalten hat und sich immer noch in einer Welt bewegt, in welcher es Handeln gibt und daher auch Prinzipien des Handelns benoetigt werden, braucht auch sie noch ein ihr eigentuemliches Prinzip, das ihren Terror-Apparat in Bewegung setzt und die ihm ausgelieferten Menschen in ihrem Verhalten inspiriert. Prinzipien des Handeln duer­fen nicht mit psychologischen Motiven verwechselt werden. Sie sind vielmehr die Masstaebe, an denen oeffentlich-politisches Handeln, und nur dieses, gemessen wird. So wie es der Stolz eines Buergers einer Republik ist, nicht mehr zu gelten in oeffentlichen |12 [metamark (text connection)] Es ist klar, dass dieser Vollstreckungsmechanismus ein Prinzip des Handelns in Montesquieu’s Sinne nicht benoetigt. Selbst Furcht das Prinzip des Handelns in der Tyrannis, hoert auf, ein Ratgeber zu sein, wenn der totale Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Kriterien, ohne allen Bezug auf irgendwelche Gedanken oder Handlungen der Betroffenen auszuwaehlen, sodass schliesslich Ermordete wie Moerder gleich unschuldig werden -- die Ermordeten, weil sie sich nie gegen das Regime vergingen und die Moerder, weil sie keineswegs aus den uns bekannten moerderischen Motiven handelten. [metamark (text connection)]Hier hoert Furcht auf, einen praktischen Sinn zu haben. |13 Furcht hoert damit auf, einen praktischen Sinn zu haben. Zwar bleibt sie noch die alles durchdringende Stimmung,die das Herz jedes einzelnen verwuestet so wie Misstrauen noch die Beziehungen aller Menschen zueinander vergiftet, aber einen Rat wie zu handeln sei, koennen weder Furcht noch Misstrauen geben, da vom eigenen Handeln das Schicksal gar nicht mehr abhaengt. [metamark (text connection)]Totalitaere Herrschaft, deren Wesen der Terror ist und die daher auf ihn als ein Furcht einfloessendes Mittel der Beherrschung nicht mehr rechnen kann, rechnet ueberhaupt nicht mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, und sei es das Prinzip der Furcht, gebrauchen. An seine Stelle setzt sie etwas ganz und gar anders Geartetes, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafuer aber seinem Beduerfnis nach Einsicht entgegenkommt und ihn lehrt, die Bewegungsgesetze zu verstehen, die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur ueber eine ihnen ausgelieferte Menschheit ohnehin verhaengt worden sind.1 Innerhalb solcher ueber2 die Menschheit verhängten Prozessein die alle eingefangen sind und an denen sie nichts aendern koennen, ausser dass sie dazu bestellt scheinen, ihre Geschwindigkeit zu erhoehen,3 kann es nur Voll- strecker4 und Opfer der ihnen inhaerenten5 Gesetze geben Im Sinne dieser Bewegungsgesetze liegt es, dass und7 die, welche heute die Vollstrecker sind und »minderwertige Rassen und lebensunfaehige8 Individuen« oder »absterbende Klassen und dekadente Voelker9« liquidieren, können10 morgen diejenigen sein, an denen dieser Ausscheidungsprozess12 vollzogen werden muss13. Das Verlangen nach Einsicht in diesen Prozess14 mobilisiert die totalitaere15 Herrschaft, um beide, Vollstrecker wie Opfer, auf diesen Prozess16 vorzubereiten. An die Stelle des Prinzips des Handelns tritt die Praeparierung17 der Opfer, welche Natur- oder Geschichtsprozess18 fordern werden, und zwar eine Praeparierung19, die gegebenenfalls den Einzelnen20 gleich gut fuer21 die Rolle des Vollstreckers wie fuer22 die Rolle des Opfers vorbereiten kann. [metamark (text connection)]Diese Praeprierung leistet in der totalitaeren Herrschaft die Ideologie und sie entspricht Montesquieu’s Prinzip des oeffentlichen Handelns, insofern als auch sie fuer beide, Herrscher und Beherrschte, Vollstrecker und Opfer gleichermassen gueltig und zwingend ist.23
Totalitäre Herrschaft, deren Wesen der Terror ist und die daher auf ihn als ein Furcht einflößendes Mittel der Beherrschung nicht mehr rechnen kann, rechnet überhaupt nicht mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, und sei es das Prinzip der Furcht, gebrauchen. An seine Stelle setzt sie etwas ganz und gar anders Geartetes, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafür aber seinem Bedürfnis nach Einsicht entgegenkommt und ihn lehrt, die Bewegungsgesetze zu verstehen, die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur über eine ihnen ausgelieferte Menschheit ohnehin verhängt worden sind.1 Innerhalb solcher über2 die Menschheit verhängten Prozesse, in die alle eingefangen sind und an denen sie nichts ändern können, außer daß sie dazu bestellt scheinen, ihre Geschwindigkeit zu erhöhen,3 kann es nur Vollstrecker4 und Opfer der ihnen inhärenten5 Gesetze geben.6 Im Sinne dieser Bewegungsgesetze liegt es, daß7 die, welche heute die Vollstrecker sind und »minderwertige Rassen und lebensunfähige8 Individuen« oder »absterbende Klassen und dekadente Völker9« liquidieren, morgen diejenigen sein können11, an denen dieser Ausscheidungsprozeß12 vollzogen werden muß13. Das Verlangen nach Einsicht in diesen Prozeß14 mobilisiert die totalitäre15 Herrschaft, um beide, Vollstrecker wie Opfer, auf diesen Prozeß16 vorzubereiten. An die Stelle des Prinzips des Handelns tritt die Präparierung17 der Opfer, welche Natur- oder Geschichtsprozeß18 fordern werden, und zwar eine Präparierung19, die gegebenenfalls den einzelnen20 gleich gut für21 die Rolle des Vollstreckers wie für22 die Rolle des Opfers vorbereiten kann.
Innerhalb solcher über2 die Menschheit verhängter Prozesse3 kann es nur Vollstrecker4 und Opfer der ihnen innewohnenden5 Gesetze geben.6 Im Sinne dieser Bewegungsgesetze liegt es, daß7 die, welche heute die Vollstrecker sind und »minderwertige Rassen und lebensunfähige8 Individuen« oder »absterbende Klassen und dekadente Völker9« liquidieren, morgen diejenigen sein können11, an denen dieser Ausscheidungsprozeß12 vollzogen werden muß13. Das Verlangen nach Einsicht in diesen Prozeß14 mobilisiert die totalitäre15 Herrschaft, um beide, Vollstrecker wie Opfer, auf diesen Prozeß16 vorzubereiten. An die Stelle des Prinzips des Handelns tritt die Präparierung17 der Opfer, welche Natur- oder Geschichtsprozeß18 fordern werden, und zwar eine Präparierung19, die gegebenenfalls den einzelnen20 gleich gut für21 die Rolle des Vollstreckers wie für22 die Rolle des Opfers vorbereiten kann.
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[keine Entsprechung vorhanden]
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Diese Präparierung leistet in der totalitären Herrschaft die Ideologie, und sie1 entspricht Montesquieus Prinzip des öffentlichen Handelns, insofern auch sie für beide, Herrscher und Beherrschte, Vollstrecker und Opfer, gleichermaßen gültig und zwingend ist.
Diese Präparierung leistet in der totalitären Herrschaft die Ideologie. Sie1 entspricht Montesquieus Prinzip des öffentlichen Handelns, insofern auch sie für beide, Herrscher und Beherrschte, Vollstrecker und Opfer, gleichermaßen gültig und zwingend ist.
58
III
III
III
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59
[keine Entsprechung vorhanden]
[keine Entsprechung vorhanden]
Der Gebrauch der Ideologien als politische Waffe ist so wenig auf totalitäre Bewegungen beschränkt, wie der Gebrauch des Terrors zum Zwecke der Einschüchterung auf totalitäre Herrschaft beschränkt ist. Auf dem uralten Gebiet der Grausamkeit haben sich die totalitären Gewalthaber etwas Neues weder ausdenken können noch wollen; die fabrikmäßig betriebene Vernichtung von Menschen wird oft sogar mit einem Minimum an Grausamkeit ins Werk gesetzt. So haben die totalitären Bewegungen auch den von ihnen übernommenen Ideologien, dem Kommunismus oder dem Rassismus, der Lehre vom Kampf der Klassen oder der Lehre vom Recht des Stärkeren, nicht einen einzigen neuen Gedanken, ja nicht einmal ein einziges neues Propagandaschlagwort hinzugefügt.
[keine Entsprechung vorhanden]
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Der Gebrauch der Ideologien als politische Waffe ist so wenig auf totalitaere Bewegungen beschraenkt wie der Gebrauch der Terrors zum [metamark (text connection)]Zwecke der Einschuechterung auf totalitaere Herrschaft beschraenkt ist. Auf dem uralten Gebiet der Grausamkeit haben sich die totalitaeren Gewalthaber etwas Neues weder ausdenken koennen noch wollen; die fabrikmaessig betriebene Vernichtung von Menschen wurde im Falle des Nazi- Regimes sogar bewusst mit einem Minimum an Grausamkeit ins Werk gesetzt. So haben die totalitaeren Bewegungen auch den von ihnen uebernommenen Ideologien, dem1 Kommunismus oder dem Rassismus, der Lehre vom Kampf der Klassen oder der Lehre vom Recht des Staerkeren, nicht einen einzigen neuen Gedanken, ja nicht einmal ein einziges neues Propaganda-Schlagwort hinzugefuegt. Obwohl Weder Kommunismus2 noch Rassismus sind3 an sich totalitaer Dennoch4 enthalten sie wie nahezu alle Ismen gewisse totalitaere7 Elemente, die sie zu so eminent geeigneten Werkzeugen in der Hand totalitaerer Bewegun-gen8 gemacht haben, dass9 man meinen moechte10, erst in diesem Gebrauch sei das wahre Wesen der Ideologien ans Licht getreten. Solcher Elemente im ideologischen Denken gibt es drei, und sie haengen11 aufs engste miteinander zusammen:
Der Gebrauch der Ideologien als politische Waffe ist so wenig auf totalitaere Bewegungen beschraenkt wie der Gebrauch der Terrors zum [metamark (text connection)]Zwecke der Einschuechterung auf totalitaere Herrschaft beschraenkt ist. Auf dem uralten Gebiet der Grausamkeit haben sich die totalitaeren Gewalthaber etwas Neues weder ausdenken koennen noch wollen; die fabrikmaessig betriebene Vernichtung von Menschen wurde im Falle des Nazi- Regimes sogar bewusst mit einem Minimum an Grausamkeit ins Werk gesetzt. So haben die totalitaeren Bewegungen auch den von ihnen uebernommenen Ideologien, dem1 Kommunismus oder dem Rassismus, der Lehre vom Kampf der Klassen oder der Lehre vom Recht des Staerkeren, nicht einen einzigen neuen Gedanken, ja nicht einmal ein einziges neues Propaganda-Schlagwort hinzugefuegt. ObwohlWeder Kommunismus2 noch Rassismus sind3 an sich totalitaer. Dennoch4 enthalten sie wie nahezu alle Ismen gewisse totalitaere7 Elemente, die sie zu so eminent geeigneten Werkzeugen in der Hand totalitaerer Bewegun-gen8 gemacht haben, dass9 man meinen moechte10, erst in diesem Gebrauch sei das wahre Wesen der Ideologien ans Licht getreten. Solcher Elemente im ideologischen Denken gibt es drei, und sie haengen11 aufs engste miteinander zusammen:
Obwohl weder1 Kommunismus noch Rassismus an sich totalitär sind,4 enthalten sie doch5 wie nahezu alle Ismen,6 gewisse totalitäre7 Elemente, die sie zu so eminent geeigneten Werkzeugen in der Hand totalitärer Bewegungen8 gemacht haben, daß9 man meinen möchte10, erst in diesem Gebrauch sei das wahre Wesen der Ideologien ans Licht getreten. Solcher Elemente im ideologischen Denken gibt es drei, und sie hängen11 aufs engste miteinander zusammen:
Der Gebrauch der Ideologie als einer politischen Waffe ist so wenig auf totalitäre Bewegungen beschränkt wie der Gebrauch des Terrors zum Zwecke der Einschüchterung auf totalitäre Herrschaft. Weder1 Kommunismus noch Rassismus sind3 an sich totalitär. Dennoch4 enthalten sie doch5 wie nahezu alle Ismen gewisse totalitäre7 Elemente, die sie zu so eminent geeigneten Werkzeugen in der Hand totalitärer Bewegungen8 gemacht haben, daß9 man meinen könnte10, erst in diesem Gebrauch sei das wahre Wesen der Ideologien ans Licht getreten. Solcher Elemente im ideologischen Denken gibt es drei, und sie hängen11 aufs engste miteinander zusammen:
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Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklärung haben es erstens an sich, nicht das, was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht, zu erklären. Sie versprechen die totale Erklärung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklärung des Vergangenen, totales Sichauskennen im Gegenwärtigen und verläßliches Vorhersagen des Zukünftigen.
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Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklärung haben es erstens an sich, nicht das, was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht, zu erklären. Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich überhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewöhnlichen Verstande des Wortes. Ideologien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklären, es auf Natürliches zu reduzieren. Der Anspruch auf totale Welterklärung verspricht die totale Erklärung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklärung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwärtigen und verläßliches Vorhersagen des Zukünftigen.1 Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhängig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts Neues mitteilen kann, wenn das Mitzuteilende2 soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so3 wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer »eigentlicheren« Realität, die sich4 hinter diesem Gegebenen verberge,5 es aus dem Verborgenen beherrsche und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benötigen6. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafür errichteten Erziehungsanstalten »politischer Soldaten«, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform, vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklichkeit dient auch die Propaganda der totalitären Bewegungen, die immer darauf hinausläuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen Handeln eine verschwörerische Absicht unterzulegen.7 Sind die Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu verändern. Der Begriff der Feindschaft wird durch den der Verschwörung ersetzt und damit eine politische Realität hergestellt9, in der hinter jeder Erfahrung des Wirklichen -- wirklicher Feindschaft oder wirklicher Freundschaft -- der Natur der Sache nach etwas anderes vermutet werden muß10.
Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhängig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts Neues mitteilen kann, wenn das Mitgeteilte2 soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit so,3 wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer »eigentlicheren« Realität, die hinter diesem Gegebenen sich verbirgt und5 es aus dem Verborgenen als Verschwörung beherrscht6. Sind die Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie unfehlbar damit8, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu verändern. Diejenigen, von denen man behauptet, daß sie Verschwörer seien (die Juden9, die Trotzkisten), werden als Verschwörer behandelt, und wenn Trotzkisten sich nicht mehr finden, werden beliebige Menschen zu Trotzkisten ernannt10.
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Ideologen sind unbelehrbar
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Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu verändern, verließen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von Erfahrung und erfahrener2 Wirklichkeit auf das Verfahren ihrer Beweisführung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, daß es aus einer als sicher angenommenen Prämisse4 nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heißt natürlich,5 mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- alles Weitere deduziert6. Das Deduzieren7 kann einfach8 logisch oder auch9 dialektisch vonstatten gehen; in beiden Fällen handelt es sich um einen gesetzmäßig verlaufenden Argumentationsprozeß10, der als Prozeßdenken11 imstande sein soll, die Bewegungen der übermenschlichen, natürlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, daß der Verstand im logischen oder dialektischen Prozeß die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfügt. Die ideologische Beweisführung, die immer logisch-deduzierend ist,12 wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, daß sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und daß sie andererseits diesen Bewegungsprozeß nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, der in der Prämisse als gegeben angenommen wird, stützt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiteren Erfahrung völlig unberührt läßt. Ideologisches Denken ist, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt, statuiert,13 prinzipiell von Erfahrung unbeeinflußbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar.
Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu verändern, verließen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von aller1 Erfahrung und aller erfahrenen2 Wirklichkeit auf das Verfahren ihrer Beweisführung selbst. Dem,3 was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, daß es aus einer als sicher angenommenen Voraussetzung4 nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heißt natürlich:5 mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- alles Weitere ableitet6. Das Ableiten7 kann logisch oder dialektisch vonstatten gehen; in beiden Fällen handelt es sich um einen gesetzmäßig verlaufenden Argumentations-Prozeß10, der als Prozeß-Denken11 imstande sein soll, die Bewegungen der übermenschlichen, natürlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, daß der Verstand im logischen oder dialektischen Prozeß die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfügt. Die ideologische Beweisführung wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, daß sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und daß sie andererseits diesen Bewegungsprozeß nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, der in der Prämisse als gegeben angenommen wird, stützt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiteren Erfahrung völlig unberührt läßt. Ideologisches Denken ist damit13 prinzipiell von Erfahrung unbeeinflußbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar.
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So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskälte« der menschlichen Logik. Diese Logik -- und nicht so sehr der ursprüngliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen -- überzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der Welt nicht mehr zurechtfinden können.
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So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskälte« der menschlichen Logik. Diese Logik - und nicht so sehr der ursprüngliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen - überzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der Welt nicht mehr zurechtfinden können.1 An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reißenden Strom übermenschlicher, natürlicher oder geschichtlicher Kräfte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt --2 der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen völkisch orientierten Ismen --3 immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalität totalitärer4 Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnt5, erhält das ihnen immer inhärente6 logische Element so sehr die Oberhand, daß nun die eigentliche Substanz der Ideologie selbst --7 die Arbeiterklasse oder die Nation --8 in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierens zerrieben wird.
An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reißenden Strom übermenschlicher, natürlicher oder geschichtlicher Kräfte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt (2der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen völkisch orientierten Ismen)3 immer noch vorherrschend. Erst wenn die totalitären4 Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnen5, erhält das ihnen immer innewohnende6 logische Element so sehr die Oberhand, daß nun die eigentliche Substanz der Ideologie selbst (7die Arbeiterklasse oder die Nation)8 in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierens gleichsam9 zerrieben wird. In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese ideologisch aus der »Idee« entwickelte Logik, deren Zwang sich die Massen unterwerfen.10
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Für normales Denken verloren
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In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese aus der »Idee« entwickelte Logik, deren Zwang sich die Massen unterwerfen.1 Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitäres Handeln sich ihrer als eines leitenden Prinzips bedient2, erklärt auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gründen versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhänger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurückzuführen, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu überzeugen, als vielmehr,3 zu verhindern, daß sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Prämisse anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewöhnt sind.
Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitäres Handeln sich ihrer als eines leitenden Prinzips bemächtigt2, erklärt auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gründen versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhänger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurückzuführen, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu überzeugen, als vielmehr sie daran3 zu verhindern, daß sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Prämisse anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewöhnt sind.
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Man könnte sagen, daß es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsmäßig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben die1 Verwandlung der den Ideologien zugrunde liegenden Ideen in solche Prämissen2 erst die totalitären Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges, die allen mit ihnen konkurrierenden nicht totalitären Ideologen völkischer oder kommunistischer Gesinnung weit überlegen waren, auch wenn sie von diesen oft und zu Unrecht verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben3. Ihre eigentliche Originalität bestand4 darin, daß sie ideologische Aussagen buchstäblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irregeführt wird,5 nichts hatte träumen lassen. Macht man damit ernst, daß im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muß, so folgt daraus, daß man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten muß6. Macht man damit ernst, daß es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, daß man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.
Man könnte sagen, daß es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung für das, was sich zwangsmäßig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben diese1 Verwandlung erst die totalitären Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges. Ihre eigentliche Originalität besteht4 darin, daß sie ideologische Aussagen buchstäblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand nichts hatte träumen lassen. Macht man damit ernst, daß im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muß, so folgt daraus, daß man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten darf6. Macht man damit ernst, daß es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, daß man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.
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[metamark (text connection)]Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklaerung haben es erstens an sich, nicht das was ist, sondern nur das was wird, was entsteht [metamark (text connection)]und vergeht, zu erklaeren. Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich ueberhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewoehnlichen Verstande des Wortes. Ideologien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklaeren, es auf Natuerliches zu reduzieren. Der Anspruch auf totale Welterklaerung Sie versprechen die totale Erklaerung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklaerung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwaertigen und verlaessliches Vorhersagen des Zukuenftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhaengig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts neues mitteilen kann, wenn das Mitgeteilte soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fuenf Sinnen gegeben ist und besteht ihr gegenueber auf einer »eigentlicheren« |17 Realitaet, die hinter diesem Gegebenen sich verbirgt, und es als Verschwoerungen oder geheimeKräfte aus dem Verborgenen [metamark (text connection)]beherrscht. und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benoetigen. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafuer errichteten Erziehungsanstalten »politischer Soldaten«, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklichkeit dient auch die Propaganda der totalitaeren Bewegungen, die immer darauf hinauslaeuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen [metamark (text connection)]Handeln eine verschwoererische Absicht unterzulegen. Sind totalitäre Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie , die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu veraendern. Diejenigen, von denen man behauptet, dass sie Verschwoerer sind -- die Juden, die Trotzkisten -- werden als Verschwoerer behandelt, und wenn Trotzkisten sich nicht mehr finden, werden beliebige Menschen zu Trotzkisten ernannt. Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu veraendern, verliessen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von aller Erfahrung auf das Verfahren ihrer Beweisfuehrung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Praemisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heisst natuerlich mit einer Stimmigkeit wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- [metamark (text connection)]alles Weitere deduziert. Das Deduzieren kann logisch oder dialektisch von statten gehen; in beiden Faellen handelt es sich um einen gesetzmaessig verlaufenden Argumentations-Prozess, der als Prozess-Denken imstande sein soll, die Bewegungen der uebermenschlichen, natuerlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, dass der Verstand im logischen oder dialektischen Prozess die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen [metamark (text connection)]nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfuegt. Die ideologische Beweisfuehrung, die immer logisch-deduzierend ist, wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, dass sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und dass sie andererseits diesen Bewegungsprozess nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, |18 der in der Praemisse als gegeben angenommen wird, stuetzt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiterer Erfahrung voellig unberuehrt laesst. Ideologisches Denken, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, ist prinzipiell von Erfahrung unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskaelte« der menschlichen Logik. Diese Logik -- und nicht so sehr der urspruengliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrueckung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen -- ueberzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der [metamark (text connection)]Welt nicht mehr zurechtfinden koennen. [metamark []An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reissenden Strom uebermenschlicher, natuerlicher oder geschichtlicher, Kraefte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt -- der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen voelkisch orientierten Ismen -- immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalitaet totalitaerer Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnt, erhaelt das ihnen immer inhaerente logische Element so sehr die Oberhand, dass nun die eigentliche Substanz der Ideologie -- die Arbeiterklasse oder die Nation -- in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierenz gleichsam zerrieben wird. In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese ideologisch aus der »Idee« entwickelte Logik, [metamark (text connection)]deren Zwang sich die Massen unterwerfen. Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitaeres Handeln sich ihrer als einem leitenden Prinzip bemaechtigt, erklaert auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gruenden versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhaenger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurueckzufuehren, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu ueberzeugen, als vielmehr sie daran zu verhindern, dass sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Praemisse |19 [metamark (text connection)]anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewoehnt sind. [metamark (text connection)]Man koennte sagen, dass es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Praemisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung fuer das, was sich zwangsmaessig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben diese Verwandlung der den Ideologien zu Grunde liegenden Ideen in solche Praemissen erst die totalitaeren Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges, die allen mit ihnen konkurrierenden nicht-totalitaeren Ideologen voelkischer oder kommunistischer Gesinnung weit ueberlegen waren, auch wenn sie von diesen oft verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben. Ihre eigentliche Originalitaet besteht darin, dass sie ideologische Aussagen buchstaeblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irre gefuehrt wird, nichts hatte traeumen lassen. Macht man damit ernst, dass im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muss, so folgt daraus, dass man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten darf. Macht man damit ernst, dass es im Leben der Voelker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, dass man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Laeusen, die man bekanntlich[metamark (text connection)][metamark (text connection)] mit Giftgas ausrottet. Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstaeblich Ernstnehmens ideologischer Meinungen haben alle erfahrenen Beobachter totalitaerer Bewegungen darum unterschaetzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, dass diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen ueber die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinungen gar nicht an Wahrheit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man uebersah, war das Element ihrer Beweisfuehrung, ihre eigentuemliche fanatische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Praemisse, mit der sie sich bereits angeschickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren. Die Praeparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitaere Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu’sche Prinzip politischen |20 Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhaerente Logik des Deduzierens.[metamark (text connection)][metamark ]] Auch hier hat es sich erwiesen, dass der Volksmund auf seine Weise vorzueglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafuer, ihre Argumentationen mit dem: »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, dass dieses Argument moderne Menschen auf ganz aehnliche, bezaubernde Weise ueberzeugt wie das: »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene.« [metamark (text connection)]Der Selbst-Zwang des deduzierenden Denkens, der Ideologien zu so vorzueglichen Praeparationsmitteln fuer den Zwang von Terror-Regimen macht, kommt in dem »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« vorzueglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst uns in Widersprueche zu verwickeln und durch solche Widersprueche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbst-Zwang machen die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhaengern Gestaendnisse verlangen, einen aeusserst ausgiebigen Gebrauch und haben dabei vielfach demonstriert, dass die dem Selbst-Zwang zu Grunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem ganzen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensivitaet2 durchaus aufnehmen kann. Das Argument, mit dem man ueberzeugte und loyale Parteianhaenger zu Gestaendnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsaetzlich immer das Gleiche: Da Du ein ueberzeugter[metamark (text connection)] Bolschewist bist, weisst Du, dass die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des Right or wrong my country gemeint: »Wir koennen nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«) Aus Gruenden des objektiven geschichtlichen Prozesses muss die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen muessen. Fuer diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast Du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir Dir zur Last legen wirklich begangen, und dann bist Du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heisst der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung) oder Du hast sie nicht begangen, und weigerst Dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann begehst Du das Verbrechen, das wir Dir zur Last legen, eben durch Deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst Dir nicht selbst widersprechen, weil dann Dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das Du einmal sagtest, hat eine absolute Herrschaft über Dich.
[metamark (text connection)]Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklaerung haben es erstens an sich, nicht das was ist, sondern nur das was wird, was entsteht [metamark (text connection)]und vergeht, zu erklaeren.Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich ueberhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewoehnlichen Verstande des Wortes. Ideologien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklaeren, es auf Natuerliches zu reduzieren. Der Anspruch auf totale Welterklaerung Sie versprechendie totale Erklaerung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklaerung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwaertigen und verlaessliches Vorhersagen des Zukuenftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhaengig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts neues mitteilen kann, wenn das Mitgeteilte soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fuenf Sinnen gegeben ist und besteht ihr gegenueber auf einer »eigentlicheren« |15 Realitaet, die hinter diesem Gegebenen sich verbirgt, und es als Verschwoerungen oder geheimeKräfte aus dem Verborgenen [metamark (text connection)]beherrscht.und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benoetigen. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafuer errichteten Erziehungsanstalten »politischer Soldaten«, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklichkeit dient auch die Propaganda der totalitaeren Bewegungen, die immer darauf hinauslaeuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen [metamark (text connection)]Handeln eine verschwoererische Absicht unterzulegen. Sind totalitäre Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu veraendern. Diejenigen, von denen man behauptet, dass sie Verschwoerer sind -- die Juden, die Trotzkisten -- werden als Verschwoerer behandelt, und wenn Trotzkisten sich nicht mehr finden, werden beliebige Menschen zu Trotzkisten ernannt. Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu veraendern, verliessen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von aller Erfahrung auf das Verfahren ihrer Beweisfuehrung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Praemisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heisst natuerlich mit einer Stimmigkeit wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- [metamark (text connection)]alles Weitere deduziert. Das Deduzieren kann logisch oder dialektisch vonstatten gehen; in beiden Faellen handelt es sich um einen gesetzmaessig verlaufenden Argumentations-Prozess, der als Prozess-Denken imstande sein soll, die Bewegungen der uebermenschlichen, natuerlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, dass der Verstand im logischen oder dialektischen Prozess die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen [metamark (text connection)]nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfuegt. Die ideologische Beweisfuehrung, die immer logisch-deduzierend ist, wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, dass sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und dass sie andererseits diesen Bewegungsprozess nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, |16 der in der Praemisse als gegeben angenommen wird, stuetzt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiterer Erfahrung voellig unberuehrt laesst. Ideologisches Denken, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, ist prinzipiell von Erfahrung unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskaelte« der menschlichen Logik. Diese Logik -- und nicht so sehr der urspruengliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrueckung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen -- ueberzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der [metamark (text connection)]Welt nicht mehr zurechtfinden koennen. [metamark []An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reissenden Strom uebermenschlicher, natuerlicher oder geschichtlicher, Kraefte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt -- der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen voelkisch orientierten Ismen -- immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalitaet totalitaerer Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnt, erhaelt das ihnen immer inhaerente logische Element so sehr die Oberhand, dass nun die eigentliche Substanz der Ideologie -- die Arbeiterklasse oder die Nation -- in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierenz gleichsam zerrieben wird. In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese ideologisch aus der »Idee« entwickelte Logik, [metamark (text connection)]deren Zwang sich die Massen unterwerfen. Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitaeres Handeln sich ihrer als einem leitenden Prinzip bemaechtigt, erklaert auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gruenden versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhaenger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurueckzufuehren, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu ueberzeugen, als vielmehr sie daran zu verhindern, dass sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Praemisse |17 [metamark (text connection)]anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewoehnt sind. [metamark (text connection)]Man koennte sagen, dass es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Praemisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung fuer das, was sich zwangsmaessig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben diese Verwandlungder den Ideologien zu Grunde liegenden Ideen in solche Praemissen erst die totalitaeren Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges,die allen mit ihnen konkurrierenden nicht-totalitaeren Ideologen voelkischer oder kommunistischer Gesinnung weit ueberlegen waren, auch wenn sie von diesen oft verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben. Ihre eigentliche Originalitaet besteht darin, dass sie ideologische Aussagen buchstaeblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand,der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irre gefuehrt wird, nichts hatte traeumen lassen. Macht man damit ernst, dass im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muss, so folgt daraus, dass man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten darf. Macht man damit ernst, dass es im Leben der Voelker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, dass man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Laeusen, die man bekanntlich[metamark (text connection)][metamark (text connection)] mit Giftgas ausrottet. Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstaeblich Ernstnehmens ideologischer Meinungen haben alle erfahrenen Beobachter totalitaerer Bewegungen darum unterschaetzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, dass diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen ueber die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinungen gar nicht an Wahrheit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man uebersah, war das Element ihrer Beweisfuehrung, ihre eigentuemliche fanatische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Praemisse, mit der sie sich bereits angeschickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren. Die Praeparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitaere Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu’sche Prinzip politischen |18 Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhaerente Logik des Deduzierens.[metamark (text connection)][metamark ]] Auch hier hat es sich erwiesen, dass der Volksmund auf seine Weise vorzueglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafuer, ihre Argumentationen mit dem: »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, dass dieses Argument moderne Menschen auf ganz aehnliche, bezaubernde Weise ueberzeugt wie das: »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene.« [metamark (text connection)]Der Selbst-Zwang des deduzierenden Denkens,der Ideologien zu so vorzueglichen Praeparationsmitteln fuer den Zwang von Terror-Regimen macht, kommt in dem »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« vorzueglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst uns in Widersprueche zu verwickeln und durch solche Widersprueche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbst-Zwang machen die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhaengern Gestaendnisse verlangen, einen aeusserst ausgiebigen Gebrauch,1 und haben dabei vielfach demonstriert, dass die dem Selbst-Zwang zu Grunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem ganzen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensitaet2 durchaus aufnehmen kann. Das Argument, mit dem man ueberzeugte und loyale Parteianhaenger zu Gestaendnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsaetzlich immer das Gleiche: Da Du ein ueberzeugter[metamark (text connection)] Bolschewist bist, weisst Du, dass die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des Right or wrong my country gemeint: »Wir koennen nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«)Aus Gruenden des objektiven geschichtlichen Prozesses muss die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen muessen. Fuer diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast Du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir Dir zur Last legen wirklich begangen, und dann bist Du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heisst der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung) oder Du hast sie nicht begangen, und weigerst Dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann begehst Du das Verbrechen, das wir Dir zur Last legen, eben durch Deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst Dir nicht selbst widersprechen, weil dann Dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das Du einmal sagtest, hat eine absolute Herrschaft über Dich. |19 Worauf die totalitaeren Herrschaftssysteme sich verlassen fuer die begrenzte Mobilisierung sich verhaltender Menschen, deren selbst sie [metamark (text connection)]nicht, oder noch nicht, entraten koennen,ist dieser Zwang, durch den wir uns selbst zwingen, weil wir uns fuerchten, uns sonst selbst in Widerspruechen zu verlieren. Die Tyrannei des zwangslaeufigen Schlussfolgerns, die unser Verstand jederzeit ueber uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang mit dem wir uns selbst in den aeusseren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten.3
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Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstäblich Ernstnehmens ideologischer Meinungen haben alle erfahrenen Beobachter totalitärer Bewegungen darum unterschätzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah, und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, daß diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen über die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinungen gar nicht an Wahrheit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man übersah, war das Element ihrer Beweisführung, ihre eigentümliche fanatische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Prämisse, mit der sie sich bereits angeschickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren.
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Die Präparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitäre Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu'sche1 Prinzip politischen Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhärente Logik des Deduzierens. Auch hier hat es sich erwiesen, daß der Volksmund auf seine Weise vorzüglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafür, ihre Argumentationen mit dem:2 »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen«,3 zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, daß dieses Argument moderne Menschen auf ganz ähnliche Weise überzeugt wie das »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«.5
Die Präparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitäre Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieusche1 Prinzip politischen Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhärente Logik des Deduzierens. Auch hier hat es sich erwiesen, daß der Volksmund auf seine Weise vorzüglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafür, ihre Argumentationen mit dem »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen« zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, daß dieses Argument moderne Menschen auf ganz ähnliche, bezaubernde4 Weise überzeugt wie das »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«
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Der Selbst-Zwang des deduzierenden Denkens kommt in dem »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen« vorzüglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst, uns in Widersprüche zu verwickeln und durch solche Widersprüche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbst-Zwang haben die Bolschewisten, wenn sie von überzeugten Anhängern Geständnisse verlangen, einen äußerst ausgiebigen Gebrauch gemacht und vielfach demonstriert, daß die dem Selbst-Zwang zugrunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensität durchaus aufnehmen kann.
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Das Argument, mit dem man überzeugte und loyale Parteianhänger zu Geständnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsätzlich immer das gleiche: Da du ein überzeugter Bolschewist bist, weißt du, daß die Partei immer recht hat.
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Trotzki hat einmal in einer Variation des Right or wrong my country gemeint: »Wir können nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«
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Der Selbstzwang des deduzierenden Denkens, der Ideologien zu so vorzüglichen Präparationsmitteln für den Zwang von Terrorregimen macht, kommt in dem »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen« vorzüglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst, uns in Widersprüche zu verwickeln und durch solche Widersprüche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbstzwang haben die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhängern Geständnisse verlangten, einen äußerst ausgiebigen Gebrauch gemacht und vielfach demonstriert, daß die dem Selbstzwang zugrunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem ganzen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensität durchaus aufnehmen kann. Das Argument, mit dem man überzeugte und loyale Parteianhänger zu Geständnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsätzlich immer das gleiche: Da du ein überzeugter Bolschewist bist, weißt du, daß die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des »right or wrong, my country« gemeint: »Wir können nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«)1 Aus Gründen des objektiven geschichtlichen Prozesses muß die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen müssen. Für diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir dir zur Last legen, wirklich begangen, und dann bist du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heißt der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung),2 oder du hast sie nicht begangen und3 weigerst dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann4 begehst du5 das Verbrechen, das wir dir zur Last legen, eben durch deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst dir nicht selbst widersprechen, weil dann dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das du einmal sagtest, hat absolute Herrschaft über dich um deiner selbst willen7.
Aus Gründen des objektiven geschichtlichen Prozesses muß die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen müssen. Für diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir dir zur Last legen, wirklich begangen, und dann bist du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heißt der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung) --2 oder du hast sie nicht begangen,3 weigerst dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen, und4 begehst das Verbrechen, das wir dir zur Last legen, eben durch deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst dir nicht selbst widersprechen, weil dann dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das du einmal sagtest, hat eine6 absolute Herrschaft über dich.
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Worauf die totalitären Herrschaftssysteme sich verlassen für die begrenzte Mobilisierung sich verhaltender Menschen, deren selbst sie nicht, oder noch nicht, entraten können, ist dieser Zwang, durch den wir uns selbst zwingen, weil wir uns fürchten, uns sonst selbst in Widersprüchen zu verlieren. Die Tyrannei des zwangsläufigen Schlußfolgerns, die unser Verstand jederzeit über uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang, mit dem wir uns selbst in den äußeren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten. Das einzige Gegenprinzip gegen diesen Zwang und gegen die Angst, sich selbst im Widersprechen zu verlieren, liegt in der menschlichen Spontaneität, in unserer Fähigkeit, »eine Reihe von vorne anfangen« zu können. Alle Freiheit liegt in diesem Anfangenkönnen beschlossen. Über den Anfang hat keine zwangsläufige Argumentation je Gewalt, weil er aus keiner logischen Kette je ableitbar ist, ja von allem deduzierenden Denken immer schon vorausgesetzt werden muß, um das Zwangsläufige zum Funktionieren zu bringen. Darum beruht die Argumentation des »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen«, auf der rücksichtslosen Ausschaltung aller Erfahrung und alles Denkens, das von sich aus irgendwo von neuem zu erfahren und zu denken anhebt.
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Worauf die totalitaeren Herrschaftssysteme sich verlassen fuer die begrenzte Mobilisierung sich verhaltender Menschen, deren selbst sie [metamark (text connection)]nicht, oder noch nicht, entraten koennen, ist dieser Zwang, durch den wir uns selbst zwingen, weil wir uns fuerchten, uns sonst selbst in Widerspruechen zu verlieren. Die Tyrannei des zwangslaeufigen Schlussfolgerns, die unser Verstand jederzeit ueber uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang mit dem wir uns selbst in den aeusseren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten. [metamark (text connection)] Das einzige Gegenprinzip gegen diesen Zwang und gegen diese Angst vor dem sich selbst widersprechen liegt in der menschlichen Spontaneitaet, in unserer Faehigkeit, »eine Reihe von uns aus anzufangen«. Alle Freiheit liegt in diesem Anfangen koennen beschlossen. Ueber den Anfang hat keine zwangslaeufige Argumentation je Gewalt, weil er aus keiner logischen Kette je ableitbar ist, ja von allem deduzierenden Denken immer schon vorausgesetzt werden muss, um das Zwangslaeufige zum Funktionieren zu bringen. Darum beruht die Argumentation des »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, auf der ruecksichtlosen Ausschaltung aller Erfahrung und alles Denkens, das von sich aus irgendwo von Neuem zu erfahren und zu denken anhebt. So wie das eiserne Band des Terrors1, der aus vielen Menschen Einen Menschen machen will, verhindern muss2, dass mit der Geburt eines jeden Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt3, eine neue Welt anhebt, so soll4 der Selbst-Zwang der Logik verhueten5, dass jemand je neu anfaengt zu denken, also anstatt B und C zu sagen, und so weiter bis zum Ende6 [metamark (text connection)]des moerderischen Alphabets, von sich aus A sagt7. Der äussere Zwang8, der Menschen in Massen zusammenpresst9 und so den Raum der Freiheit zwischen ihnen vernichtet, und der Zwang des logischen Deduzierens der jeden Einzelnen11 auf den durch Terror organisierten Marsch praepariert und ihn in die gehoerige Bewegung versetzt12, gehoeren13 zusammen, entsprechen und beduerfen14 einander, um die totalitaere15 Bewegung staendig16 in Bewegung zu halten. Der aeussere17 Zwang des Terrors vernichtet mit der Zerstoerung18 des Raums der Freiheit alle Beziehungen zwischen Menschen; in der Zusammenpressung gegen alle andern19 ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert.[metamark [] Der innere Zwang des konsequent ideologischen Denkens sichert diesem Zwang seine Wirksamkeit, indem er die also isolierten Individuen in einen permanenten,20 jederzeit uebersehbaren21, weil konsequent logischen Prozess hineinreisst22, in welchem ihnen jene Ruhe |22 niemals gegoennt24 ist, in die allein die25 Wirklichkeit einer erfahrbare baren26 Welt begegnen kann27.
[metamark (text connection)]Das einzige Gegenprinzip gegen diesen Zwang und gegen diese Angst vor dem sich selbst widersprechen liegt in der menschlichen Spontaneitaet, in unserer Faehigkeit, »eine Reihe von uns aus anzufangen«. Alle Freiheit liegt in diesem Anfangen koennen beschlossen. Ueber den Anfang hat keine zwangslaeufige Argumentation je Gewalt, weil er aus keiner logischen Kette je ableitbar ist, ja von allem deduzierenden Denken immer schon vorausgesetzt werden muss, um das Zwangslaeufige zum Funktionieren zu bringen. Darum beruht die Argumentation des »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, auf der ruecksichtlosen Ausschaltung aller Erfahrung und alles Denkens, das von sich aus irgendwo von Neuem zu erfahren und zu denken anhebt. So wie das eiserne Band des Terrors1, der aus vielen Menschen Einen Menschen machen will, verhindern muss2, dass mit der Geburt eines jeden Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt3, eine neue Welt anhebt, so soll4 der Selbst-Zwang der Logik verhueten5, dass jemand je neu anfaengt zu denken, also anstatt B und C zu sagen, und so weiter bis zum Ende6 [metamark (text connection)]des moerderischen Alphabets, von sich aus A sagt7. Der äussere Zwang8, der Menschen in Massen zusammenpresst9 und so den Raum der Freiheit zwischen ihnen vernichtet, und der Zwang des logischen Deduzierens der jeden Einzelnen11 auf den durch Terror organisierten Marsch praepariert und ihn in die gehoerige Bewegung versetzt12, gehoeren13 zusammen, entsprechen und beduerfen14 einander, um die totalitaere15 Bewegung staendig16 in Bewegung zu halten. Der aeussere17 Zwang des Terrors vernichtet mit der Zerstoerung18 des Raums der Freiheit alle Beziehungen zwischen Menschen; in der Zusammenpressung gegen alle andern19 ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert.[metamark [] Der innere Zwang des konsequent ideologischen Denkens sichert diesem Zwang seine Wirksamkeit, indem er die also isolierten Individuen in einen permanenten,20 jederzeit uebersehbaren21, weil konsequent logischen Prozess hineinreisst22, in welchem ihnen jene Ruhe |20 niemals gegoennt24 ist, in die allein die25 Wirklichkeit einer erfahrbaren26 Welt begegnen kann27.
Wie das eiserne Band des Terrors1, der aus vielen Menschen Einen Menschen machen will, verhindern muß2, daß mit der Geburt eines jeden Menschen ein neuer Anfang in die Welt kommt3, eine neue Welt anhebt, so soll4 der Selbstzwang der Logik verhüten5, daß jemand irgendeinmal neu anfängt zu denken, also anstatt B und C zu sagen, und so weiter bis zum Ende6 des mörderischen Alphabets, von sich aus A sagt7. Der Zwang des totalen Terrors8, der Menschen in Massen zusammenpreßt9 und so den Raum der Freiheit zwischen ihnen vernichtet, und der Zwang des logischen Deduzierens,10 der jeden einzelnen11 auf den durch Terror organisierten Marsch präpariert und ihn in die gehörige Bewegung versetzt12, gehören13 zusammen, entsprechen und bedürfen14 einander, um die totalitäre15 Bewegung ständig16 in Bewegung zu halten. Der äußere17 Zwang des Terrors vernichtet mit der Zerstörung18 des Raums der Freiheit alle Beziehungen zwischen Menschen; zusammengepreßt mit allen andern19 ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert. Der innere Zwang des konsequent ideologischen Denkens sichert diesem Zwang seine Wirksamkeit, indem er die also isolierten Individuen in einen permanenten,20 jederzeit übersehbaren21, weil konsequent logischen Prozeß hineinreißt22, in welchem ihnen jene Ruhe niemals gegönnt24 ist, in der sie allein der25 Wirklichkeit einer erfahrbaren26 Welt begegnen können27.
So ist1, worauf die totalitären Herrschaftssysteme sich verlassen für die Mobilisierung des Menschen2, deren selbst sie nicht (oder noch nicht) entraten können3, der innere Zwang5, mit dem wir uns selbst in den äußeren Zwang6 des Terrors einschalten und uns ihm gleichschalten7. Der äußere Zwang8, der Menschen in Massen zusammenpreßt9 und so den Raum der Freiheit zwischen ihnen vernichtet, und der Zwang des logischen Deduzierens,10 der jeden einzelnen11 auf den durch Terror organisierten Marsch präpariert12, gehören13 zusammen, entsprechen und bedürfen14 einander, um die totalitäre15 Bewegung ständig16 in Bewegung zu halten. Der äußere17 Zwang des Terrors vernichtet mit der Zerstörung18 des Raums der Freiheit alle Beziehungen zwischen Menschen; in der Zusammenpressung gegen alle anderen19 ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert. Der innere Zwang des konsequent ideologischen Denkens sichert diesem Zwang seine Wirksamkeit, indem er die also isolierten Individuen in einen permanenten und20 jederzeit übersehbaren21, weil konsequent logischen Prozeß hineinreißt22, in welchem ihnen niemals23 jene Ruhe gegönnt24 ist, in der allein dem Menschen die25 Wirklichkeit einer erfahrbaren26 Welt begegnen kann27.
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Die grosse1 Anziehungskraft, die das dem Terror entsprechende, sich selbst zwingende Denken auf moderne Menschen ausuebt2, liegt in seiner [metamark (text connection)]Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung. Je weniger die modernen Massen in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein koennen3, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhoelle4 abkommandieren zu lassen, in der alles gekannt, erklaert5 und von uebermenschlichen6 Gesetzen im vorhinein bestimmt ist. Verlieren sie im Prozess7 dieser Entwicklung, in welcher sie selbst von der8 einmal losgelassenen9 Bewegung erbarmungslos porcessiert10 werden, auch zumeist den Glauben an die urspruengliche11 ideologische Praemisse12 -- die »klassenlose Gesellschaft« oder die »Herrenrasse« --, so bleibt ihnen doch wenigstens das ganze in sich stimmige Netz von abstrakt logischen Deduktionen, Folgerungen uns Schluessen13, um sie vor dem Schock des rein Tatsaechlichen14 zu schuetzen15. Aneinandergepresst16, aber auch gehalten von dem eisernen Band des Terrors, vorwaertsgetrieben17, aber auch staendig getroestet18 von der nie versagenden Folgerichtigkeit eines ganz abstrakten logischen Raesonnierens19, bleibt ihnen in ihrem Marsch in die Zukunft alle Begegnung mit der wirklichen, daseienden Welt versagt, aber auch alle Erfahrungen eines menschlichen Lebens erspart -- bis in die Erfahrung des eigenen Todes, wenn es schliesslich20 an ihnen ist, die »Ueberfluessigen21« und »Schaedlichen22« den Prozessen des Terrors zur Verfuegung23 zu stellen.
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Die große1 Anziehungskraft, die das dem Terror entsprechende, sich selbst zwingende Denken auf moderne Menschen ausübt2, liegt in seiner Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung. Je weniger die modernen Massen in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein können3, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhölle4 abkommandieren zu lassen, in der alles gekannt, erklärt5 und von übermenschlichen6 Gesetzen im vorhinein bestimmt ist. Verlieren sie im Prozeß7 dieser Entwicklung, in welcher sie selbst in die8 einmal losgelassene9 Bewegung erbarmungslos hineingezogen10 werden, auch zumeist den Glauben an die ursprüngliche11 ideologische Prämisse12 -- die »klassenlose Gesellschaft« oder die »Herrenrasse« --, so bleibt ihnen doch wenigstens das ganze in sich stimmige Netz von abstrakt logischen Deduktionen, Folgerungen und Schlüssen13, um sie vor dem Schock des rein Tatsächlichen14 zu schützen15. Aneinandergepreßt16, aber auch gehalten von dem eisernen Band des Terrors, vorwärtsgetrieben17, aber auch ständig aufrecht gehalten18 von der nie versagenden Folgerichtigkeit eines ganz abstrakten logischen Räsonierens19, bleibt ihnen in ihrem Marsch in die Zukunft alle Begegnung mit der wirklichen, daseienden Welt versagt, aber auch alle Erfahrungen eines menschlichen Lebens erspart -- bis in die Erfahrung des eigenen Todes, wenn es schließlich20 an ihnen ist, die »Überflüssigen21« und »Schädlichen22« den Prozessen des Terrors zur Verfügung23 zu stellen.
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IV
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Bis in die Familie hinein
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Wollen wir, wie wir zu Beginn sagten,1 in dem totalitären Phänomen2 bestimmte Aspekte der Krise entdecken, in der wir alle und überall4 leben, so müssen5 wir uns fragen, welches die menschlich-soziale Grunderfahrung ist6, aus der der doppelte Zwang von Terror und Ideologie entspringt.7
Wollen wir, wie wir zu Beginn sagten,1 in dem totalitaeren Phaenomen2 bestimmte Aspekte der Krise entdecken, in der wir heute3 alle und ueberall4 leben, so muessen5 wir uns fragen, welches die menschlich-soziale Grunderfahrung ist6, aus der der doppelte Zwang von Terror und Ideologie entspringt.7
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Wollen wir nun1 in dem totalitären Phänomen2 bestimmte Aspekte der Krise entdecken, in der wir heute3 alle und überall4 leben, so müssen5 wir uns fragen, welches die menschlich-soziale Grunderfahrung sei6, aus der der doppelte Zwang von Terror und Ideologie entspringt:7
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IV1 Wir sagten zu Beginn dieser Ausfuehrungen2, dass3 wir nicht nur versuchen wollten, das Wesen totalitaerer4 Herrschaft zu verstehen, sondern in ihm auch die Grundzuege5 jener Krise zu entdecken hofften, in der wir alle und ueberall7 leben. Im Sinne8 Montesquieu, dem wir auch in dieser abschliessenden9 Betrachtung zu folgen gedenken, heisst10 dies die Frage nach dem eigentuemlichen12, geschichtlichen Einssein13 von Kulturen stellen, die ihn urspruenglich14 zu der Suche des15 »esprit des lois«, dem Geist der die verschiedenen und18 in allen Laendern19 verschieden auftretenden Regierungsformen und ihre Gesetze beseelte. Mit dieser Fragestellung aber |23 hat Montesquieu gleichzeitig, wenn auch ohne es ausdruecklich zu wissen, ein Kriterium entdeckt, nach welchem es vielleicht moeglich ist zu erkennen, ob eine bestimmte Regierungsform einer der wenigen urspruenglichen Weisen menschlichen Zusammenseins entspricht, ob sie eine echte Staatsform ist oder ein Bastardgebilde, mit dem man sich, da doch nun einmal zusammengelebt sein muss, irgendwie weiterhilft.20
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Wir sagten zu Beginn dieser Ausführungen2, daß3 wir nicht nur versuchen wollten, das Wesen totalitärer4 Herrschaft zu verstehen, sondern in ihm auch die Grundzüge5 jener Krise zu entdecken hofften, in der wir heute6 alle und überall7 leben. Für8 Montesquieu, dem wir auch in dieser abschließenden9 Betrachtung zu folgen gedenken, hieß10 dies,11 die Frage nach der eigentümlichen12, geschichtlichen Einheitlichkeit13 von Kulturen stellen, die ihn ursprünglich14 zu der Suche nach dem15 »esprit des lois« veranlaßte16, dem Geist,17 der je verschieden die18 in allen Ländern19 verschieden auftretenden Regierungsformen und ihre Gesetze beseelte.
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Dasjenige, was nach Montesquieu diesen einheitlichen Geist in einer jeden politischen Formation garantiert, ist die Grunderfahrung, aus der die verschiedenen Prinzipien oeffentlichen1 Handelns entspringen2 und die also3 solche gleichsam der gemeinsame Grund sind4, der5 Struktur der Staatsform und Prinzip des ihr angemessenen Handelns verbindet. Solch eine Grunderfahrung menschlichen Lebens, die zu ausschlaggebender politischer Bedeutung in einer Republik gelangt, ist die Tatsache6, dass7 alle Menschen gleich sind; dieser Gleichheit entsprechen republikanische Gesetze und aus der Liebe zu ihr, die Tugend ist, entspringt republikanisches Handeln. Die politisch ausschlaggebende Grunderfahrung, die einer Monarchie -- und eigentlich allen hierarchisch geordneten Staatsformen -- zu Grunde8 liegt, ist die Erfahrung, dass9 wir durch Geburt einer vom andern verschieden und auf eine natuerliche10 Weise voneinander und voreinander ausgezeichnet sind. Der Liebe zur Auszeichnung, die Ehre ist, muss11 die monarchische Gesetzgebung gerecht werden, denn sie bestimmt das Handeln in einer Monarchie. Die Grundtatsache also, an der eine Republik sich orientiert, ist die Gleichheit, und zwar, nicht die Gleichheit aller Menschen vor Gott und nicht die Gleichheit alles menschlichen Schicksals vor dem Tod, sondern die Gleichheit menschlicher Staerke13. Dass14 wir gleich geboren werden, heisst15 politisch nur, dass16 wir alle17 -- bei aller Verschiedenheit der Anlagen -- von Natur mit gleicher Staerke18 ausgestattet sind. (Diese19 Gleichheit hat20 Hobbes bekanntlich21 als eine »equality of ability« zu toeten definiert22.) Die Grunderfahrung der Republik ist das Zusammensein mit gleich starken Mitbuergern23; die republikanische Tugend, die das oeffentliche24 Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, nicht allein zu sein; denn nur weil wir von Natur gleich, mit gleicher Kraft begabt sind, sind wir miteinander zusammen. Allein sein heisst25 immer zu existieren ohne meinesgleichen26. (One is one and alone and ever more shall be so« -- wie der mittelalterliche Abzaehlvers29 anzudeuten wagte, was menschlich nur als die Tragoedie30 des Einen Gottes |24 verstanden werden kann.) Die Grunderfahrung der Monarchie ist, dass31 man sich im Zusammensein mit anderen und im Kampf mit ihnen auszeichnen und so zu dem kommen kann, was jeder wahrhaft sein Eigen nennen darf; die Ehre, die das oeffentliche32 Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude dies Eigene gefunden und in oeffentlicher34 Anerkennung bestaetigt35 zu haben.
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Dasjenige, was nach Montesquieu diesen einheitlichen Geist in einer jeden politischen Formation garantiert, ist die Grunderfahrung, aus der das jeweils verschiedene Prinzip öffentlichen1 Handelns entspringt2 und die als3 solche das Gemeinsame ist4, was5 Struktur der Staatsform und Prinzip des ihr angemessenen Handelns verbindet. Solch eine Grunderfahrung menschlichen Lebens, die zu ausschlaggebender politischer Bedeutung in einer Republik gelangt, ist die Erfahrung6, daß7 alle Menschen gleich sind; dieser Gleichheit entsprechen republikanische Gesetze und aus der Liebe zu ihr, die Tugend ist, entspringt republikanisches Handeln. Die politisch ausschlaggebende Grunderfahrung, die einer Monarchie -- und eigentlich allen hierarchisch geordneten Staatsformen -- zugrunde8 liegt, ist die Erfahrung, daß9 wir durch Geburt einer vom andern verschieden und auf eine natürliche10 Weise voneinander und voreinander ausgezeichnet sind. Der Liebe zur Auszeichnung, die Ehre ist, muß11 die monarchische Gesetzgebung gerecht werden, denn sie bestimmt das Handeln in einer Monarchie. Die Grundtatsache also, an der eine Republik sich orientiert, ist die Gleichheit, und zwar, da es sich um eine politische und öffentliches Handeln fundierende Tatsache handelt,12 nicht die Gleichheit aller Menschen vor Gott und nicht die Gleichheit alles menschlichen Schicksals vor dem Tod, sondern die Gleichheit menschlicher Stärke13. Daß14 wir gleich geboren werden, heißt15 politisch nur, daß16 wir -- bei aller Verschiedenheit der Anlagen -- von Natur mit gleicher Stärke18 ausgestattet sind. (Gleichheit konnte20 Hobbes daher im »Leviathan«21 als eine »equality of ability« zu töten definieren22.) Die Grunderfahrung der Republik ist das Zusammensein mit gleich starken Mitbürgern23; die republikanische Tugend, die das öffentliche24 Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, nicht allein zu sein; denn nur weil wir von Natur gleich, mit gleicher Kraft begabt sind, sind wir miteinander zusammen. Allein sein heißt25 immer zu existieren ohne seinesgleichen26. (»27One is one and all28 alone and ever more shall be so« -- wie der mittelalterliche Abzählvers29 anzudeuten wagte, was menschlich nur als die Tragödie30 des Einen Gottes verstanden werden kann.) Die Grunderfahrung der Monarchie ist, daß31 man sich im Zusammensein mit anderen und im Kampf mit ihnen auszeichnen und so zu dem kommen kann, was jeder wahrhaft sein Eigen nennen darf; die Ehre, die das öffentliche32 Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude,33 dies Eigene gefunden und in öffentlicher34 Anerkennung bestätigt35 zu haben.
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Wir bemerkten schon, dass1 Montesquieu es unterliess2, die Grundtatsache, auf die3 eine Tyrannis beruht, und die Grunderfahrung, der die Furcht als Prinzip politischen Handelns entspringt, zu nennen. Der Grund fuer4 diese Unterlassung war einfach5, dass6 Montesquieu die Tyrannis nicht fuer7 eine echte politische Form menschlichen Zusammenseins hielt. Angesichts unserer juengsten8 Erfahrungen und angesichts der Tatsache, dass totalitaere9 Herrschaftsformen so haeufig10 mit tyrannischen identifiziert und, wie wir glauben, verwechselt werden, wird es vielleicht nuetzlich11 sein, Montesquieu’s12 Prinzipien der Untersuchung kurz auf diejenige Staatsform anzuwenden, mit der die totalitaere13 Herrschaft zweifellos am meisten Aehnlichkeit14 hat.
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Wir bemerkten schon, daß1 Montesquieu es unterließ2, die Grundtatsache, auf der3 eine Tyrannis beruht, und die Grunderfahrung, der die Furcht als Prinzip politischen Handelns entspringt, zu nennen. Der Grund für4 diese Unterlassung war, daß6 Montesquieu die Tyrannis nicht für7 eine echte politische Form menschlichen Zusammenseins hielt. Angesichts unserer jüngsten8 Erfahrungen und angesichts der Tatsache, daß totalitäre9 Herrschaftsformen so häufig10 mit tyrannischen identifiziert und, wie wir glauben, verwechselt werden, wird es vielleicht nützlich11 sein, Montesquieus12 Prinzipien der Untersuchung kurz auf diejenige Staatsform anzuwenden, mit der die totalitäre13 Herrschaft zweifellos am meisten Ähnlichkeit14 hat.
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Furcht als Prinzip oeffentlich-politischen1 Handelns in der Tyrannis steht in engstem Zusammenhang mit jener Grundangst, die wir alle in Situationen voelliger2 Ohnmacht erfahren haben, naemlich3 in Situationen, in denen wir aus gleich welchen Gruenden4 nicht handeln koennen5. Macht entspringt immer nur dort, wo Menschen zusammen handeln; ein Mensch allein oder eine Gruppe von Menschen, denen die Moeglichkeit6 des Handelns genommen ist, immer ohnmaechtig8, unfaehig9 sogar, die eigene Staerke10 zu verwirklichen, da ein Minimum an Macht, ein Minimum an Handeln mit anderen auch hierfuehr11 erforderlich ist. Furcht ist die Verzweiflung in der Ohnmacht, der jeder auch immer irgednwann12 einmal ausgesetzt, insofern menschliches Handeln immer auch eine Grenze hat.
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Furcht als Prinzip öffentlich-politischen1 Handelns in der Tyrannis steht in engstem Zusammenhang mit jener Grundangst, die wir alle in Situationen völliger2 Ohnmacht erfahren haben, nämlich3 in Situationen, in denen wir aus gleich welchen Gründen4 nicht handeln können5. Macht entspringt immer nur dort, wo Menschen zusammen handeln; ein Mensch allein oder eine Gruppe von Menschen, denen die Möglichkeit6 des Handelns genommen ist, ist7 immer ohnmächtig8, unfähig9 sogar, die eigene Stärke10 zu verwirklichen, da ein Minimum an Macht, ein Minimum an Handeln mit anderen auch hierfür11 erforderlich ist. Furcht ist die Verzweiflung in der Ohnmacht, der jedes menschliche Leben irgendwann12 einmal ausgesetzt ist13, insofern menschliches Handeln immer auch eine Grenze hat.
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Furcht ist daher eigentlich gar kein Prinzip des Handelns, sondern im Gegenteil die Verzweiflung, nicht handeln zu koennen1; innerhalb des politischen Bereichs ist es eine Art anti-politisches Prinzip. Darum meinte Montesquieu, dass2 die von ihr beseelte Tyrannis die einzige Staatsform sei, die an sich selbst zugrunde geht, die den Kern des eigenen Verderbens in sich traegt3. Es bedarf aeusserer Umstaende4, um Monarchien zu Fall zu bringen oder Republiken zu verderben; bei der Tyrannis ist dies Verhaeltnis5 genau umgekehrt: sie verdankt ihren Bestand immer nur aeusseren Umstaenden6, sich selbst ueberlassen7 geht sie an sich selbst zugrunde. (Esprit des Lois, Livre VIII, chap. 10)
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Furcht ist daher eigentlich gar kein Prinzip des Handelns, sondern im Gegenteil die Verzweiflung, nicht handeln zu können1; innerhalb des politischen Bereichs ist es eine Art anti-politisches Prinzip. Darum meinte Montesquieu, daß2 die von ihr beseelte Tyrannis die einzige Staatsform sei, die an sich selbst zugrunde geht, die den Kern des eigenen Verderbens in sich trägt3. Es bedarf äußerer Umstände4, um Monarchien zu Fall zu bringen oder Republiken zu verderben; bei der Tyrannis ist dies Verhältnis5 genau umgekehrt: sie verdankt ihren Bestand immer nur äußeren Umständen6, sich selbst überlassen,7 geht sie an sich selbst zugrunde. (»8Esprit des Lois«9, Livre VIII, chap. 10.10)
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Es ist eine alte, noch aus der Antike herruehrende1 Einsicht, dass2 Staatsformen |25 ,[metamark (text connection)] die auf der Gleichheit ihrer Buerger3 beruhen, in besonders grosser4 Gefahr stehen, in Tyranneien umzuschlagen. Wenn die republikanischen Gesetze, deren Sinn immer ist, die natuerliche5 Kraft jedes einzelnen Buergers6 so zu begrenzen, dass7 Raum bleibt fuer8 die als gleich angesetzte Staerke9 seiner Mitbuerger10, zusammenbrechen, entsteht ein Chaos, in welchem die Staerke11 jedes einzelnen sich nicht nur nicht mehr mit der seiner Mitbuerger12 verbinden kann, sondern in dem sogar ganz spezifisch jede Kraft ueberhaupt13 von ihrer Gegenkraft paralysiert wird. In dieser Situation des Untergangs wird nicht nur verhindert, dass15 Macht entsteht; es wird Ohnmacht direkt erzeugt.
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Es ist eine alte, noch aus der Antike herrührende1 Einsicht, daß2 Staatsformen, die auf der Gleichheit ihrer Bürger3 beruhen, in besonders großer4 Gefahr stehen, in Tyranneien umzuschlagen. Wenn die republikanischen Gesetze, deren Sinn immer ist, die natürliche5 Kraft jedes einzelnen Bürgers6 so zu begrenzen, daß7 Raum bleibt für8 die als gleich angesetzte Stärke9 seiner Mitbürger10, zusammenbrechen, entsteht ein Chaos, in welchem die Stärke11 jedes einzelnen sich nicht nur nicht mehr mit der seiner Mitbürger12 verbinden kann, sondern in dem sogar ganz spezifisch jede Kraft überhaupt13 von ihrer Gegenkraft aufgehoben, das heißt durch Furcht14 paralysiert wird. In dieser Situation des Untergangs wird nicht nur verhindert, daß15 Macht entsteht; es wird Ohnmacht direkt erzeugt.
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89
In dieser1 allgemeinen Ohnmacht entspringt die Furcht vor der Staerke2 eines jeden anderen und aus ihr der Wille, alle anderen zu beherrschen, die4 dem Tyrannen eignet, sowohl wie5 die Bereitschaft sich von einem6 beherrschen zu lassen, welche die Tyrannis fuer7 die Unterworfenen ertraeglich8 macht. So wie Tugend im politischen Leben eigentlich Liebe zur Gleichheit im Maechtigsein9 ist, so ist Furcht eigentlich Wille zur Macht in der Ohnmacht, das heisst10 Wille zu Herrschen11 oder Wille beherrscht zu werden.
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Aus der1 allgemeinen Ohnmacht entspringt die Furcht vor der Stärke2 eines jeden anderen und aus ihr einerseits3 der Wille, alle anderen zu beherrschen, der4 dem Tyrannen eignet, andererseits5 die Bereitschaft, sich6 beherrschen zu lassen, welche die Tyrannis für7 die Unterworfenen erträglich8 macht. So wie Tugend im politischen Leben eigentlich Liebe zur Gleichheit im Mächtigsein9 ist, so ist Furcht eigentlich Wille zur Macht in der Ohnmacht, das heißt10 Wille zu herrschen11 oder Wille beherrscht zu werden.
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Da aber Macht immer nur aus dem Zusammenhandeln von Menschen entsteht, kann dieser Machthunger nie wirklich gestillt werden. Gerade an Machtmangel geht die Tyrannis zu Grunde1. Macht im echten und verlaesslichen2 Sinne kann die Tyrannis nicht erzeugen, weil sie die Pluralitaet3 des gemeinsamen Handelns in Einstimmigkeit, das »acting in concert«, im Beherrschen abgeschafft hat. Wem es wirklich um Macht zu tun ist, der muss4 den unter Menschen unabdingbaren Preis zahlen, auf das Herrschen aus einer Distanz zu verzichten,5 und sich in den Raum begeben, wo Macht entsteht, naemlich6 in den Zwischen-Raum, der zwischen Menschen sich bildet, die etwas Gemeinsames unternehmen. In ihm waechst7 dann gleichsam von selbst jedem Einzelnen8 Macht zu, wenn alle zusammen zu handeln beginnen.
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Da aber Macht immer nur aus dem Zusammenhandeln von Menschen entsteht, kann dieser Machthunger nie wirklich gestillt werden. Gerade an Machtmangel geht die Tyrannis zugrunde1. Macht im echten und verläßlichen2 Sinne kann die Tyrannis nicht erzeugen, weil sie die Pluralität3 des gemeinsamen Handelns in Einstimmigkeit, das »acting in concert«, im Beherrschen abgeschafft hat. Wem es wirklich um Macht zu tun ist, der muß4 den unter Menschen unabdingbaren Preis zahlen, auf das Herrschen aus einer Distanz zu verzichten und sich in den Raum begeben, wo Macht entsteht, nämlich6 in den Zwischen-Raum, der zwischen Menschen sich bildet, die etwas Gemeinsames unternehmen. In ihm wächst7 dann gleichsam von selbst jedem einzelnen8 Macht zu, wenn alle zusammen zu handeln beginnen.
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Waere totalitzere1 Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so wuerde die2 sich damit begnuegen4, die politisch-oeffentliche Sphaere handelnder5 Menschen zu zerstoeren. Dies ist das Bereich, in welchem Macht erzeugt6 wird, und die Grunderfahrung der Tyrannis ist daher auch die Ohnmacht. Totale Herrschaft hingegen bemaechtigt sich gerade auch des privat-personalen Lebens der ihr Unterworfenen und spannt es7 in das eiserne Band ihrer8 Terrors. Dadurch zerstoert10 sie die11 nach Fortfall des oeffentlichen Bereichs12 noch zahlreich13 verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen, macht sie zu voellig Isolierten14 und voneinander Verlassenen.
Wäre totalitäre1 Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie2 sich gleich ihr3 damit begnügen4, die politische Sphäre der5 Menschen zu zerstören, also Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft6 wird wahrhaft total in dem Augenblick -- und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebührend zu rühmen --, wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen7 in das eiserne Band des8 Terrors spannt9. Dadurch zerstört10 sie einerseits alle11 nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre12 noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, daß die also völlig Isolierten14 und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echtem politischem Handeln) wieder eingesetzt werden können15. In der Ohnmacht der Tyrannis können Menschen innerhalb einer von Furcht und Mißtrauen beherrschten Welt sich immer noch bewegen; diese Bewegungsfreiheit in der Wüste ist es, die von totalitärer Herrschaft vernichtet wird. Totalitäre Herrschaft beraubt Menschen nicht nur ihrer Fähigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitären Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen.16
Wäre totalitäre1 Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie2 sich damit begnügen4, die politisch-öffentliche Sphäre handelnder5 Menschen zu zerstören. Dies ist der Bereich, in welchem Macht erzeugt6 wird, und die Grunderfahrung der Tyrannis ist daher auch die Ohnmacht. Totale Herrschaft hingegen bemächtigt sich gerade auch des privat-personalen Lebens der ihr Unterworfenen und spannt es7 in das eiserne Band ihres8 Terrors. Dadurch zerstört10 sie die11 nach Fortfall des öffentlichen Bereichs12 noch zahlreich13 verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und macht sie zu völlig isolierten14 und voneinander Verlassenen.
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Die Zerstörung der Pluralität1, die der2 Terror bewirkt, hinterläßt in jedem einzelnen das Gefühl, von allen andern ganz3 und gar verlassen zu sein. (Die Institution der Konzentrationslager4, deren Insassen von allen andern, auch von der eigenen Familie, vergessen werden müssen, gründet sich auf die genaue Umkehrung jenes Grundsatzes, der für alle gesunden Gemeinwesen gilt und den Clémenceaus großer politischer Instinkt während der Dreyfus-Affäre formulierte: »L'affaire d'un seul est l'affaire de tous.«) Das dieser Verlassenheit entspringende Räsonnement5 ist der Prozeß des logischen Deduzierens, der sich verzweifelt im Strudel des beliebig Möglichen, weil von niemandem mehr verläßlich kontrollierten, an einer Prämisse festhält6. (7Die Bolschewisten wissen, daß Geständnisse auf der Grundlage des »Wer A gesagt hat8, muß auch B sagen«,9 am besten und ohne Tortur von denen erpreßt werden, die man erst einmal auf längere10 Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitätsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat.) Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.11
Die Grunderfahrung1, auf welcher2 Terror als Wesen totalitärer Herrschaft3 und ideologisch-logisches Denken als Prinzip ihres Handelns beruhen4, ist Verlassenheit6. Die Bolschewisten wissen, daß Geständnisse auf der Grundlage des »Wer A sagt8, muß auch B sagen« am besten und ohne Tortur von denen erpreßt werden, die man erst einmal auf lange10 Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitätsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat.
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Waere totalitaere Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so wuerde sie sich gleich ihr damit begnuegen, die politische Sphaere der Menschen zu zerstoeren, also Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Die Grunderfahrung in der Tyrannis, aus der Furcht entspringt, ist die Ohnmacht. Totalitaere Herrschaft wird wahrhaft total in dem Augenblick -- und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebuehrend zu ruehmen -- wenn sie sich des privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen bemächtigt und in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch |26 zerstoert sie einerseits alle nach Fortfall der po­li­tisch-oef­fent­lichen Sphaere noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen, und erzwingt andererseits, dass die also voellig Isolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natuerlich nicht zu echtem politischem Handeln) wieder eingesetzt werden koennen. In der Ohnmacht der Tyrannis koennen Menschen innerhalb einer von Furcht und Misstrauen beherrschten Welt sich immer noch bewegen; diese Bewegungsfreiheit in der Wueste selbst ist es, die totalitaere Herrschaft vernichtet. Totalitaere Herrschaft beraubt Menschen nicht nur ihrer Faehigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitaeren Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen.1 [metamark (text connection)]Die Grunderfahrung auf welcher Terror als Wesen totalitaerer Herrschaft und ideologisch-logisches Denken als Prinzip ihres Handeln beruhen ist Verlassenheit. Die Bolschewisten wissen, dass Gestaendnisse auf der Grundlage des »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« am besten und ohne Tortur von denen erpresst werden, die man erst einmal auf lange Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitaetsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat. Die merkwuerdige2 Verbindung zwischen dem zwangslaeufig- zwingenden3 Deduzieren der Ideologien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos von den totalitaeren5 Herrschaftsapparaten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden ist6. Aber sie findet sich andeutungsweise in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen »Erbaulichen Schriften« unter dem Titel »Warum die Einsamkeit zu fliehen?« ueber8 die Bibelstelle macht, in der steht, dass9 es nicht gut sei fuer10 den Menschen allein zu sein. Luther sagt dort: »Ein solcher (naemlich12 ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum aergsten13Luther, der einige Erfahrungen in den Phaenomenen der Einsamkeit und Verlassenheit hatte (und der einmal zu sagen wagte, es muesse schon darum einen Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauche, dem er wirklich vertrauen koenne), verstand, Worum es sich hier handelt, ist, dass das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt ueberfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Pluralitaet von Praemissen, aus denen gleich zwingend-evident gefolgert werden kann, herstellt, sodass das zwingend Beweisbare |27 dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird. Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen Henker und Opfer gleich gut auf das Funktionieren eines totalen Herrschaftsapparats vorzubereiten, -- wie »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene,« und »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« -- volkstuemliche Sprueche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemand, der seine Freunde und wen er liebt, bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene« wirklich ernst sein; und nur wer darueber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, sodass nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafuer bieten kann, dass es ihn auch wirklich gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen, ein B sagen und vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern seine Person, seine Ehre und das Andenken an [metamark (text connection)]sich zu opfern. Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, sowie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusammen. und dies Selbst ist, das es niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann, zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann. Dies ist die Zwiespaeltigkeit der Einsamkeit, in der ich immer auf mich selbst zurueckbezogen mich niemals als Einen, in seiner Identitaet Unverwechselbaren, wirklich Eindeutigen erfahren kann. Aus der Zwiespaeltigkeit und Vieldeutigkeit der Einsamkeit werde ich erloest durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, dass sie mich als diesen Einen, Unverwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rechnen, in meiner Identitaet erst bestaetigen. In ihren Zusammenhang gebunden und mit ihnen verbunden bin ich erst wirklich als Einer in der Welt. und erhalte mein Teil Welt von allen anderen, mit denen ich die Interessen in der Welt teile.14
zerstoert sie einerseits alle nach Fortfall der po­li­tisch-oef­fent­lichen Sphaere noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen, und erzwingt andererseits, dass die also voellig Isolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natuerlich nicht zu echtem politischem Handeln) wieder eingesetzt werden koennen. In der Ohnmacht der Tyrannis koennen Menschen innerhalb einer von Furcht und Misstrauen beherrschten Welt sich immer noch bewegen; diese Bewegungsfreiheit in der Wueste selbst ist es, die totalitaere Herrschaft vernichtet. Totalitaere Herrschaft beraubt Menschen nicht nur ihrer Faehigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitaeren Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen.1 [metamark (text connection)]Die Grunderfahrung auf welcher Terror als Wesen totalitaerer Herrschaft und ideologisch-logisches Denken als Prinzip ihres Handeln beruhen ist Verlassenheit. Die Bolschewisten wissen, dass Gestaendnisse auf der Grundlage des »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« am besten und ohne Tortur von denen erpresst werden, die man erst einmal auf lange Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden Realitaetsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat. Die merkwuerdige2 Verbindung zwischen dem zwangslaeufig- zwingenden3 Deduzieren der Ideologien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos von den totalitaeren5 Herrschaftsapparaten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden ist6. Aber sie findet sich andeutungsweise in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen »Erbaulichen Schriften« unter dem Titel »Warum die Einsamkeit zu fliehen?« ueber8 die Bibelstelle macht, in der steht, dass9 es nicht gut sei fuer10 den Menschen allein zu sein. Luther sagt dort: »Ein solcher (naemlich12 ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum aergsten13Luther, der einige Erfahrungen in den Phaenomenen der Einsamkeit und Verlassenheit hatte (und der einmal zu sagen wagte, es muesse schon darum einen Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauche, dem er wirklich vertrauen koenne), verstand, Worum es sich hier handelt, ist, dass das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt ueberfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Pluralitaet von Praemissen, aus denen gleich zwingend-evident gefolgert werden kann, herstellt, sodass das zwingend Beweisbare |22 dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird. Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen Henker und Opfer gleich gut auf das Funktionieren eines totalen Herrschaftsapparats vorzubereiten, -- wie »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene,« und »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« -- volkstuemliche Sprueche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemand, der seine Freunde und wen er liebt, bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene« wirklich ernst sein; und nur wer darueber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, sodass nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafuer bieten kann, dass es ihn auch wirklich gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen, ein B sagen und vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern seine Person, seine Ehre und das Andenken an [metamark (text connection)]sich zu opfern. Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, sowie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusammen. und dies Selbst ist, das es niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann, zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann.Dies ist die Zwiespaeltigkeit der Einsamkeit, in der ich immer auf mich selbst zurueckbezogen mich niemals als Einen, in seiner Identitaet Unverwechselbaren, wirklich Eindeutigen erfahren kann. Aus der Zwiespaeltigkeit und Vieldeutigkeit der Einsamkeit werde ich erloest durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, dass sie mich als diesen Einen, Unverwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rechnen, in meiner Identitaet erst bestaetigen. In ihren Zusammenhang gebunden und mit ihnen verbunden bin ich erst wirklich als Einer in der Welt. und erhalte mein Teil Welt von allen anderen, mit denen ich die Interessen in der Welt teile.14
Die merkwürdige2 Verbindung zwischen dem zwangs­läu­fig-zwin­gen­den3 Deduzieren der Ideologien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos erst4 von den totalitären5 Herrschaftsapparaten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden. Aber sie findet sich andeutungsweise bereits7 in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen »Erbaulichen Schriften« unter dem Titel »Warum die Einsamkeit zu fliehen?« über8 die Bibelstelle macht, in der steht, daß9 es nicht gut sei für10 den Menschen,11 allein zu sein. Luther sagt dort: »Ein solcher (nämlich12 ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten13Luther, der einige Erfahrungen in den Phänomenen der Einsamkeit und Verlassenheit hatte (und der einmal zu sagen wagte, es müsse schon darum einen Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauche, dem er wirklich trauen könne), verstand, daß das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt überfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Pluralität von Prämissen, aus denen gleich zwingend-evident gefolgert werden kann, herstellt, so daß das zwingend Beweisbare dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird.14
Die merkwürdige2 Verbindung zwischen dem zwangs­läu­fig-zwin­gen­den3 Deduzieren der Ideologien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos von den totalitären5 Herrschaftsapparaten entdeckt und zu ihren Zwecken ausgenutzt worden. Aber sie findet sich andeutungsweise in einer kleinen Bemerkung, die Luther einmal in seinen »Erbaulichen Schriften« unter dem Titel »Warum die Einsamkeit zu fliehen?« über8 die Bibelstelle macht, in der steht, daß9 es nicht gut sei für10 den Menschen,11 allein zu sein. Luther sagt dort: »Ein solcher (nämlich12 ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem andern und denkt alles zum ärgsten13
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Worum es sich hier handelt, ist, daß das spezifisch Zwingende der logischen Folgerungen nur den Verlassenen mit ganzer Gewalt überfallen kann, weil in jeder Gemeinschaft sich alsbald eine Mehrzahl von Voraussetzungen, aus denen gleich zwingend-evident gefolgert werden kann, herstellt, so daß das zwingend Beweisbare dauernd in Schach und unter Kontrolle gehalten wird.
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Auf sich selbst zurückgeworfen
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Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen, Henker und Opfer gleich gut auf das Funk­tio­nieren ei­nes to­ta­len Herr­schafts­ap­pa­ra­tes vor­zu­be­rei­ten -- wie1 »Wo ge­ho­belt2 wird, da fal­len Spä­ne3«, und4 »Wer A gesagt hat, muß auch B sa­gen5« --6, volks­tüm­liche7 Sprüche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemand8, der seine Freunde und wen er liebt,10 bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem »Wo gehobelt wird, da fallen Späne« wirklich ernst sein; und nur wer darüber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, so daß nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafür bieten kann, daß es ihn auch wirklich gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen,11 ein »12B« zu13 sagen und zu14 vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern seine Person, seine Ehre und das Andenken an sich zu opfern.
Genau gesprochen sind alle die Redensarten, welche dazu dienen, Henker und Opfer gleich gut auf das Funktionieren eines totalen Herrschaftsapparats vorzubereiten (1»Wo gehobelt2 wird, da fallen Späne3« --4 »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen5«)6, volkstümliche7 Sprüche, welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemandem8, der seine Freunde (9und wen er liebt)10 bereits verlassen hat und darum verlassen ist, wird es mit dem »Wo gehobelt wird, da fallen Späne« wirklich ernst sein; und nur wer darüber hinaus auch von sich selbst bereits verlassen ist, so daß nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen ihm eine Garantie dafür bieten kann, daß es ihn auch wirklich gegeben hat, wird ein B sagen und vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern seine Person, seine Ehre und das Andenken an sich zu opfern.
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Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein;1 ich bin mit mir selbst zusammen, und dies Selbst, das niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann,2 ist zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann. Dies ist die Zwiespältigkeit der Einsamkeit, in der ich immer auf mich selbst zurückbezogen mich niemals als Einen, in seiner Identität Unverwechselbaren, wirklich Eindeutigen erfahren kann. Aus der Zwiespältigkeit und Vieldeutigkeit der Einsamkeit werde ich erlöst durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, daß sie mich als diesen Einen, Unverwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rechnen, in meiner Identität erst bestätigen. In ihren Zusammenhang gebunden und mit ihnen verbunden bin ich erst wirklich als Einer in der Welt und erhalte mein Teil Welt von allen anderen, mit denen ich die Interessen in der Welt teile.3
Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein:1 ich bin mit mir selbst zusammen, und dies Selbst ist zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann.
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Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird,1 oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. Zu einer politisch tragfähigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natürlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren und unfähig,2 die eigene, von den andern3 nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde5. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verläßlich bestätigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist.
Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. Zu einer politisch tragfähigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natürlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, die eigene, von den anderen3 nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt:4 echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zu Grunde5. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verläßlich bestätigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mitgarantiert ist.
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Das einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des Satzes: zweimal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichtsverschiebung: es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert immer eins1 aus dem andern und denkt alles zum ärgsten«. Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Extremismus, der allem ideologischen Denken eignet,2 und an dem gemessen menschlich3 freies und kontrolliertes Denken immer an mangelnder Radikalität zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalität totalitärer Ideologien ist nur der Extremismus des Ärgsten und hat mit echter Radikalität gar nichts zu tun.
Das einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des Satzes: zwei mal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichtsverschiebung: es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert eines1 aus dem andern und denkt alles zum ärgsten«. Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Extremismus, der allem ideologischen Denken eignet und an dem gemessen freies und von anderen4 kontrolliertes Denken immer an mangelnder Radikalität zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalität totalitärer Ideologien ist nur der Extremismus des Ärgsten und hat mit echter Radikalität, die an die Wurzeln geht,5 gar nichts zu tun.
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Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so daß jeder von jedem verlassen ist und auf nichts mehr Verlaß ist. Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt und die »eiskalte Logik«, mit der totalitäre Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten,2 als das einzige, worauf wenigstens noch Verlaß ist. Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyrannis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wüste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, daß er sich auf alle Teile der bewohnten Erde lege.3
Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so daß jeder von jedem verlassen ist und auf nichts mehr Verlaß ist. Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt,1 und die »eiskalte Logik« als das einzige, worauf wenigstens noch Verlaß ist.
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Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyrannis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wüste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, daß er sich auf alle Teile der bewohnten Erde lege.
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Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwüstenden Sandstürme. Ihre Gefahr ist nicht, daß sie etwas Bleibendes errichten können. Totalitäre Herrschaft trägt, gleich der Tyrannis, den Kern ihres Verderbens in sich. Wie Furcht und Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein anti-politisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situation darstellen, so sind Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine anti-soziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip.
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[metamark (text connection)]Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gruenden ein Mensch aus dieser Welt hinausgestossen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gruenden diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen ploetzlich auf sich selbst zurueckgeworfen . Zu einer politisch tragfaehigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natuerlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, |28 naemlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfaehig den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren und unfaehig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestaetigte Identitaet mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heisst echte Denkfaehigkeit und echte Erfahrungsfaehigkeit, zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verlasslich bestaetigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist. Das Einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des Satzes: zwei mal zwei ist vier. Damit erfaehrt das zwingend Einsehbare fuer den Verlassenen eine eigentuemliche Gewichtsverschiebung: es ist nicht mehr die selbstverstaendliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprueche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert eines aus dem andern und denkt alles zum aergsten.« Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Extremismus, der allem ideologischen Denken eignet, und an dem gemessen freies und von anderen kontrolliertes Denken immer an mangelnder Radikalitaet zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalitaet totalitaerer Ideologien ist nur der Extremismus des Aergsten und hat mit echter Radikalitaet, die an die Wurzeln geht, gar nichts zu tun. Was moderne Menschen so leicht in die totalitaeren Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet fuer die totalitaere Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen ist und auf nichts mehr Verlass ist. Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitaere Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reisst, erscheint so als ein letzter Halt und die »eiskalte Logik«, mit der totalitaere Gewalthaber ihre Anhaenger auf das Aergste vorbereiten, als das Einzige, worauf wenigstens noch Verlass ist. Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyrannis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wueste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, dass er sich auf alle Teile |29 der bewohnte Erde lege. Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwuestenden Sandstuerme. Ihre Gefahr ist nicht, dass sie etwas Bleibendes errichten koennen. Totalitaere Herrschaft gleich der Tyrannis traegt den Kern ihres Verderbens in sich. Sowie Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt ein anti-politisches Prinzip und eine dem politischen Handeln kontraere Situation darstellen, so ist Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Aergsten hin eine anti-soziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierndes Prinzip.1 Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, ueber2 die der tyrannisch-willkuerliche3 Wille eines Einzelnen4 herrscht. Ihre Gefahr ist, dass5 sie die uns bekannte Welt, die ueberall6 an ein Ende geraten scheint, zu verwuesten8 droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist.9 Initium ut esset, creatus est homo -- »10damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen«.11 Dieser Anfang ist immer und ueberall12 da und bereit. Seine Kontinuitaet13 kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt jedes14 Menschen.
[metamark (text connection)]Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gruenden ein Mensch aus dieser Welt hinausgestossen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gruenden diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen ploetzlich auf sich selbst zurueckwirft. Zu einer politisch tragfaehigen Grunderfahrung kann Verlassenheit natuerlich nur in dem zweiten Fall werden. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, |23 naemlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfaehig den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren und unfaehig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestaetigte Identitaet mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heisst echte Denkfaehigkeit und echte Erfahrungsfaehigkeit, zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit, die von keinem mehr verlasslich bestaetigt werden kann, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist. Das Einzige, was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt, sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des Satzes: zwei mal zwei ist vier. Damit erfaehrt das zwingend Einsehbare fuer den Verlassenen eine eigentuemliche Gewichtsverschiebung: es ist nicht mehr die selbstverstaendliche Regelung menschlichen Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprueche zu vermeiden; sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert eines aus dem andern und denkt alles zum aergsten.« Dies entfesselte Zwangsfolgern ist der Extremismus, der allem ideologischen Denken eignet, und an dem gemessen freies und von anderen kontrolliertes Denken immer an mangelnder Radikalitaet zu leiden scheint. Die sogenannte Radikalitaet totalitaerer Ideologien ist nur der Extremismus des Aergsten und hat mit echter Radikalitaet, die an die Wurzeln geht, gar nichts zu tun. Was moderne Menschen so leicht in die totalitaeren Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet fuer die totalitaere Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen ist und auf nichts mehr Verlass ist. Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitaere Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reisst, erscheint so als ein letzter Halt und die »eiskalte Logik«, mit der totalitaere Gewalthaber ihre Anhaenger auf das Aergste vorbereiten, als das Einzige, worauf wenigstens noch Verlass ist. Vergleicht man diese Praxis mit der Praxis der Tyrannis, so ist es, als sei das Mittel gefunden worden, die Wueste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm loszulassen, dass er sich auf alle Teile |29 der bewohnte Erde lege. Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwuestenden Sandstuerme. Ihre Gefahr ist nicht, dass sie etwas Bleibendes errichten koennen. Totalitaere Herrschaft gleich der Tyrannis traegt den Kern ihres Verderbens in sich. Sowie Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt ein anti-politisches Prinzip und eine dem politischen Handeln kontraere Situation darstellen, so ist Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Aergsten hin eine anti-soziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierndes Prinzip.1 Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, ueber2 die der tyrannisch-willkuerliche3 Wille eines Einzelnen4 herrscht. Ihre Gefahr ist, dass5 sie die uns bekannte Welt, die ueberall6 an ein Ende geraten scheint, zu verwuesten8 droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist.9 Initium ut esset, creatus est homo -- »10damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen«.11 Dieser Anfang ist immer und ueberall12 da und bereit. Seine Kontinuitaet13 kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt jedes14 Menschen.
Die Bedingungen, unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter der Bedrohung dieser verwüstenden Sandstürme. Ihre Gefahr ist nicht, daß sie etwas Bleibendes errichten können. Totalitäre Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Kern ihres Verderbens in sich. So wie die Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situation darstellen, so sind die Verlassenheit und das ihr entspringende logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip.1 Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über2 die der tyrannisch-willkürliche3 Wille eines einzelnen4 herrscht. Ihre Gefahr ist, daß5 sie die uns bekannte Welt, die überall6 an ein Ende geraten scheint, zu verwüsten8 droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist.9 Initium ut esset, creatus est homo -- »10damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen11 Dieser Anfang ist immer und überall12 da und bereit. Seine Kontinuität13 kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt jedes14 Menschen.
Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über2 die der tyrannisch-willkürliche3 Wille eines einzelnen4 herrscht. Ihre Gefahr ist, daß5 sie die uns bekannte Welt, die überall6 an ein Ende zu7 geraten scheint, zu verwüsten8 droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist: »9Initium ut esset, creatus est homo -- damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen11 Dieser Anfang ist immer und überall12 da und bereit. Seine Kontinuität13 kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt des14 Menschen.