[metamark (text connection)]Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklaerung haben es erstens an sich, nicht das was ist, sondern nur das was wird, was entsteht [metamark (text connection)]und vergeht, zu erklaeren. Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich ueberhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewoehnlichen Verstande des Wortes. Ideologien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklaeren, es auf Natuerliches zu reduzieren. Der Anspruch auf totale Welterklaerung Sie versprechen die totale Erklaerung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklaerung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwaertigen und verlaessliches Vorhersagen des Zukuenftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhaengig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts neues mitteilen kann, wenn das Mitgeteilte soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fuenf Sinnen gegeben ist und besteht ihr gegenueber auf einer »eigentlicheren« |17 Realitaet, die hinter diesem Gegebenen sich verbirgt, und es als Verschwoerungen oder geheimeKräfte aus dem Verborgenen [metamark (text connection)]beherrscht. und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benoetigen. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafuer errichteten Erziehungsanstalten »politischer Soldaten«, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklichkeit dient auch die Propaganda der totalitaeren Bewegungen, die immer darauf hinauslaeuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen [metamark (text connection)]Handeln eine verschwoererische Absicht unterzulegen. Sind totalitäre Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie , die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu veraendern. Diejenigen, von denen man behauptet, dass sie Verschwoerer sind -- die Juden, die Trotzkisten -- werden als Verschwoerer behandelt, und wenn Trotzkisten sich nicht mehr finden, werden beliebige Menschen zu Trotzkisten ernannt. Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu veraendern, verliessen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von aller Erfahrung auf das Verfahren ihrer Beweisfuehrung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Praemisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heisst natuerlich mit einer Stimmigkeit wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- [metamark (text connection)]alles Weitere deduziert. Das Deduzieren kann logisch oder dialektisch von statten gehen; in beiden Faellen handelt es sich um einen gesetzmaessig verlaufenden Argumentations-Prozess, der als Prozess-Denken imstande sein soll, die Bewegungen der uebermenschlichen, natuerlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, dass der Verstand im logischen oder dialektischen Prozess die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen [metamark (text connection)]nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfuegt. Die ideologische Beweisfuehrung, die immer logisch-deduzierend ist, wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, dass sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und dass sie andererseits diesen Bewegungsprozess nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, |18 der in der Praemisse als gegeben angenommen wird, stuetzt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiterer Erfahrung voellig unberuehrt laesst. Ideologisches Denken, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, ist prinzipiell von Erfahrung unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskaelte« der menschlichen Logik. Diese Logik -- und nicht so sehr der urspruengliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrueckung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen -- ueberzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der [metamark (text connection)]Welt nicht mehr zurechtfinden koennen. [metamark []An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reissenden Strom uebermenschlicher, natuerlicher oder geschichtlicher, Kraefte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt -- der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen voelkisch orientierten Ismen -- immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalitaet totalitaerer Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnt, erhaelt das ihnen immer inhaerente logische Element so sehr die Oberhand, dass nun die eigentliche Substanz der Ideologie -- die Arbeiterklasse oder die Nation -- in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierenz gleichsam zerrieben wird. In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese ideologisch aus der »Idee« entwickelte Logik, [metamark (text connection)]deren Zwang sich die Massen unterwerfen. Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitaeres Handeln sich ihrer als einem leitenden Prinzip bemaechtigt, erklaert auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gruenden versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhaenger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurueckzufuehren, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu ueberzeugen, als vielmehr sie daran zu verhindern, dass sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Praemisse |19 [metamark (text connection)]anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewoehnt sind. [metamark (text connection)]Man koennte sagen, dass es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Praemisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung fuer das, was sich zwangsmaessig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben diese Verwandlung der den Ideologien zu Grunde liegenden Ideen in solche Praemissen erst die totalitaeren Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges, die allen mit ihnen konkurrierenden nicht-totalitaeren Ideologen voelkischer oder kommunistischer Gesinnung weit ueberlegen waren, auch wenn sie von diesen oft verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben. Ihre eigentliche Originalitaet besteht darin, dass sie ideologische Aussagen buchstaeblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irre gefuehrt wird, nichts hatte traeumen lassen. Macht man damit ernst, dass im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muss, so folgt daraus, dass man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten darf. Macht man damit ernst, dass es im Leben der Voelker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, dass man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Laeusen, die man bekanntlich[metamark (text connection)][metamark (text connection)] mit Giftgas ausrottet. Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstaeblich Ernstnehmens ideologischer Meinungen haben alle erfahrenen Beobachter totalitaerer Bewegungen darum unterschaetzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, dass diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen ueber die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinungen gar nicht an Wahrheit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man uebersah, war das Element ihrer Beweisfuehrung, ihre eigentuemliche fanatische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Praemisse, mit der sie sich bereits angeschickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren. Die Praeparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitaere Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu’sche Prinzip politischen |20 Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhaerente Logik des Deduzierens.[metamark (text connection)][metamark ]] Auch hier hat es sich erwiesen, dass der Volksmund auf seine Weise vorzueglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafuer, ihre Argumentationen mit dem: »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, dass dieses Argument moderne Menschen auf ganz aehnliche, bezaubernde Weise ueberzeugt wie das: »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene.« [metamark (text connection)]Der Selbst-Zwang des deduzierenden Denkens, der Ideologien zu so vorzueglichen Praeparationsmitteln fuer den Zwang von Terror-Regimen macht, kommt in dem »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« vorzueglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst uns in Widersprueche zu verwickeln und durch solche Widersprueche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbst-Zwang machen die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhaengern Gestaendnisse verlangen, einen aeusserst ausgiebigen Gebrauch und haben dabei vielfach demonstriert, dass die dem Selbst-Zwang zu Grunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem ganzen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensivitaet2 durchaus aufnehmen kann. Das Argument, mit dem man ueberzeugte und loyale Parteianhaenger zu Gestaendnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsaetzlich immer das Gleiche: Da Du ein ueberzeugter[metamark (text connection)] Bolschewist bist, weisst Du, dass die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des Right or wrong my country gemeint: »Wir koennen nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«) Aus Gruenden des objektiven geschichtlichen Prozesses muss die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen muessen. Fuer diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast Du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir Dir zur Last legen wirklich begangen, und dann bist Du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heisst der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung) oder Du hast sie nicht begangen, und weigerst Dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann begehst Du das Verbrechen, das wir Dir zur Last legen, eben durch Deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst Dir nicht selbst widersprechen, weil dann Dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das Du einmal sagtest, hat eine absolute Herrschaft über Dich. | [metamark (text connection)]Ideologien in ihrem Anspruch auf totale Welterklaerung haben es erstens an sich, nicht das was ist, sondern nur das was wird, was entsteht [metamark (text connection)]und vergeht, zu erklaeren.Sie haben ein Element der Bewegung von vornherein in sich, weil sie sich ueberhaupt nur mit dem sich Bewegenden befassen, also mit Geschichte im gewoehnlichen Verstande des Wortes. Ideologien sind auch dann nur auf Geschichte gerichtet, wenn sie, wie im Falle des Rassismus, scheinbar von der Natur ausgehen; Natur dient hier nur dazu, Geschichtliches zu erklaeren, es auf Natuerliches zu reduzieren. Der Anspruch auf totale Welterklaerung Sie versprechendie totale Erklaerung alles geschichtlich sich Ereignenden, und zwar totale Erklaerung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwaertigen und verlaessliches Vorhersagen des Zukuenftigen. Als solches wird ideologisches Denken zweitens unabhaengig von aller Erfahrung, die ihr selbst dann nichts neues mitteilen kann, wenn das Mitgeteilte soeben erst entstanden ist. Es emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fuenf Sinnen gegeben ist und besteht ihr gegenueber auf einer »eigentlicheren« |15 Realitaet, die hinter diesem Gegebenen sich verbirgt, und es als Verschwoerungen oder geheimeKräfte aus dem Verborgenen [metamark (text connection)]beherrscht.und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benoetigen. Den sechsten Sinn vermittelt eben die Ideologie, bzw. jene ideologische Schulung, welche auf den eigens dafuer errichteten Erziehungsanstalten »politischer Soldaten«, den Ordensburgen der Nazis oder den Schulen der Komintern und Kominform vermittelt wird. Der Emanzipation des Denkens von erfahrener und erfahrbarer Wirklichkeit dient auch die Propaganda der totalitaeren Bewegungen, die immer darauf hinauslaeuft, jedem offenbar Geschehenden einen geheimen Sinn und jedem offenbaren politischen [metamark (text connection)]Handeln eine verschwoererische Absicht unterzulegen. Sind totalitäre Bewegungen erst einmal an die Macht gekommen, so beginnen sie, die Wirklichkeit im Sinne ihrer ideologischen Behauptungen zu veraendern. Diejenigen, von denen man behauptet, dass sie Verschwoerer sind -- die Juden, die Trotzkisten -- werden als Verschwoerer behandelt, und wenn Trotzkisten sich nicht mehr finden, werden beliebige Menschen zu Trotzkisten ernannt. Die Ideologien, die ja selbst nicht die Macht hatten, die Wirklichkeit zu veraendern, verliessen sich drittens in ihrer Emanzipation des Denkens von aller Erfahrung auf das Verfahren ihrer Beweisfuehrung selbst. Dem was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Praemisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit -- und das heisst natuerlich mit einer Stimmigkeit wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist -- [metamark (text connection)]alles Weitere deduziert. Das Deduzieren kann logisch oder dialektisch vonstatten gehen; in beiden Faellen handelt es sich um einen gesetzmaessig verlaufenden Argumentations-Prozess, der als Prozess-Denken imstande sein soll, die Bewegungen der uebermenschlichen, natuerlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, dass der Verstand im logischen oder dialektischen Prozess die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen [metamark (text connection)]nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfuegt. Die ideologische Beweisfuehrung, die immer logisch-deduzierend ist, wird den beiden vorhergenannten Elementen der Ideologien, dem Element der Bewegung und dem Element der Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung, dadurch gerecht, dass sie einerseits selber wesentlich ein sich aus sich selbst bewegendes Denken ist, und dass sie andererseits diesen Bewegungsprozess nur auf einen einzigen, noch der erfahrenen Wirklichkeit entnommenen Punkt, |16 der in der Praemisse als gegeben angenommen wird, stuetzt, die von hier aus entfaltete Bewegung dann aber von aller weiterer Erfahrung voellig unberuehrt laesst. Ideologisches Denken, hat es erst einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunkt statuiert, ist prinzipiell von Erfahrung unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar. So tritt an die Seite der angeblichen Erbarmungslosigkeit von Natur oder Geschichte, die (wie Hitler zu sagen liebte) »Eiskaelte« der menschlichen Logik. Diese Logik -- und nicht so sehr der urspruengliche Gehalt der Ideologien: die Unterdrueckung des Menschen durch den Menschen oder das Primat des Nationalen -- ueberzeugt Menschen, die sich auf ihre Erfahrungen nicht mehr verlassen wollen, weil sie sich mit ihnen in der [metamark (text connection)]Welt nicht mehr zurechtfinden koennen. [metamark []An die Stelle einer Orientierung in der Welt tritt der Zwang, mit dem man sich selbst zwingt, von dem reissenden Strom uebermenschlicher, natuerlicher oder geschichtlicher, Kraefte mitgerissen zu werden. Solange die Ideologien nur in der Form von Weltanschauungen bestehen, die ihnen das 19. Jahrhundert gegeben hat, bevor sie zu Mitteln einer neuen politischen Organisation geworden sind, ist ihr eigentlicher Inhalt -- der Kampf um Gerechtigkeit im Kommunismus und die Sorge um den Bestand der Nation in allen voelkisch orientierten Ismen -- immer noch vorherrschend. Erst wenn die Radikalitaet totalitaerer Bewegungen aus den Ideologien die Prinzipien ihres politischen Handelns gewinnt, erhaelt das ihnen immer inhaerente logische Element so sehr die Oberhand, dass nun die eigentliche Substanz der Ideologie -- die Arbeiterklasse oder die Nation -- in der folgerichtig stimmigen Bewegung eines reinen Deduzierenz gleichsam zerrieben wird. In diesem Sinne ist die Macht, die nach Marx der Idee eignet, wenn sie die Massen ergreift, eben diese ideologisch aus der »Idee« entwickelte Logik, [metamark (text connection)]deren Zwang sich die Massen unterwerfen. Der durchaus charakteristische Substanzschwund, den eine Ideologie immer schon erleidet, wenn sie »bewiesen« wird, und der zu einem kompletten Substanzverlust wird, sobald totalitaeres Handeln sich ihrer als einem leitenden Prinzip bemaechtigt, erklaert auch, warum es so leicht ist, ideologisch geschulte Menschen zu einem Wechsel der Ideologie zu bewegen, wenn das eigene System aus irgendwelchen Gruenden versagt hat. Wie schwer es andererseits ist, ehemalige Anhaenger irgendeiner Ideologie wieder in normale Denkformen und normales politisches Handeln zurueckzufuehren, ist genugsam bekannt. Schwer ist dabei niemals, sie von einem anderen Gehalt zu ueberzeugen, als vielmehr sie daran zu verhindern, dass sie mit ganz gleich welchem Gehalt wiederum die logische Operation des Deduzierens aus einer Praemisse |17 [metamark (text connection)]anstellen, an die sie aus ihrer Vergangenheit her gewoehnt sind. [metamark (text connection)]Man koennte sagen, dass es das eigentliche Wesen der Ideologie ist, aus einer Idee eine Praemisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was ist, eine Voraussetzung fuer das, was sich zwangsmaessig einsichtig ereignen soll. Jedoch haben diese Verwandlungder den Ideologien zu Grunde liegenden Ideen in solche Praemissen erst die totalitaeren Gewalthaber wirklich vollzogen. In diesem Sinne sind Stalin wie Hitler Ideologen allerersten Ranges,die allen mit ihnen konkurrierenden nicht-totalitaeren Ideologen voelkischer oder kommunistischer Gesinnung weit ueberlegen waren, auch wenn sie von diesen oft verachtet wurden, weil sie die Ideologien durch keinerlei neues Gedankengut bereichert haben. Ihre eigentliche Originalitaet besteht darin, dass sie ideologische Aussagen buchstaeblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand,der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irre gefuehrt wird, nichts hatte traeumen lassen. Macht man damit ernst, dass im Kampf der Klassen es immer »absterbende« Klassen geben muss, so folgt daraus, dass man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten darf. Macht man damit ernst, dass es im Leben der Voelker ebenso wie im Leben der Natur »Parasiten« gibt, so folgt daraus, dass man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Laeusen, die man bekanntlich[metamark (text connection)][metamark (text connection)] mit Giftgas ausrottet. Diese anscheinend kleine, in Wahrheit entscheidende Operation des buchstaeblich Ernstnehmens ideologischer Meinungen haben alle erfahrenen Beobachter totalitaerer Bewegungen darum unterschaetzt, weil sie wie Demagogie zum Zwecke der Volksversammlung aussah. Was man nicht sah und vor einigen Jahrzehnten wohl auch noch gar nicht sehen konnte, war, dass diese neuen, im 19. Jahrhundert geborenen Ideologien nicht nur, wie es den Anschein hatte, unverantwortliche Meinungen ueber die Wirklichkeit waren, die wie alle solche Meinungen gar nicht an Wahrheit, sondern an dem Beifall der Menge interessiert waren. Was man uebersah, war das Element ihrer Beweisfuehrung, ihre eigentuemliche fanatische Stimmigkeit und die Logik ihres Deduktionsprozesses aus einer Praemisse, mit der sie sich bereits angeschickt hatten, die Wirklichkeit selbst und die eigene Substanz zu verzehren. Die Praeparierung von Opfern und Henkern, welche das totalitaere Herrschaftssystem braucht und mit der es das Montesquieu’sche Prinzip politischen |18 Handelns ersetzt, ist also noch nicht einmal die Ideologie selbst, sondern vielmehr die jeder Ideologie inhaerente Logik des Deduzierens.[metamark (text connection)][metamark ]] Auch hier hat es sich erwiesen, dass der Volksmund auf seine Weise vorzueglich auf diese neue Art von Politik vorbereitet war. Hitler wie Stalin hatten immer eine besondere Vorliebe dafuer, ihre Argumentationen mit dem: »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen«, zu unterbauen, und es ist kein Zweifel, dass dieses Argument moderne Menschen auf ganz aehnliche, bezaubernde Weise ueberzeugt wie das: »Wo gehobelt wird, da fallen Spaene.« [metamark (text connection)]Der Selbst-Zwang des deduzierenden Denkens,der Ideologien zu so vorzueglichen Praeparationsmitteln fuer den Zwang von Terror-Regimen macht, kommt in dem »Wer A gesagt hat, muss auch B sagen« vorzueglich zum Ausdruck, weil er hier ganz offenbar identisch ist mit unserer Angst uns in Widersprueche zu verwickeln und durch solche Widersprueche uns selbst zu verlieren. Von diesem Selbst-Zwang machen die Bolschewisten, wenn sie von ihren eigenen Anhaengern Gestaendnisse verlangen, einen aeusserst ausgiebigen Gebrauch,1 und haben dabei vielfach demonstriert, dass die dem Selbst-Zwang zu Grunde liegende Angst, mit sich selbst und seinem ganzen Leben in Widerspruch zu geraten, es mit der Todesangst an Intensitaet2 durchaus aufnehmen kann. Das Argument, mit dem man ueberzeugte und loyale Parteianhaenger zu Gestaendnissen zwingt, ist in vielen Abwandlungen grundsaetzlich immer das Gleiche: Da Du ein ueberzeugter[metamark (text connection)] Bolschewist bist, weisst Du, dass die Partei immer recht hat. (Trotzki hat einmal in einer Variation des Right or wrong my country gemeint: »Wir koennen nur mit und durch die Partei recht haben, denn die Geschichte kennt keinen anderen Weg, recht zu haben.«)Aus Gruenden des objektiven geschichtlichen Prozesses muss die Partei in diesem Augenblick bestimmte Verbrechen bestrafen, welche historisch sich unausweichlich in diesem Zeitpunkt ereignen muessen. Fuer diese Verbrechen braucht sie Verbrecher. Entweder hast Du im Zug der historischen Notwendigkeit die Verbrechen, die wir Dir zur Last legen wirklich begangen, und dann bist Du ein Feind der historischen Entwicklung (und das heisst der Partei als dem Exponenten dieser Entwicklung) oder Du hast sie nicht begangen, und weigerst Dich, die historisch notwendige Rolle des Verbrechers zu spielen; dann begehst Du das Verbrechen, das wir Dir zur Last legen, eben durch Deine Weigerung, es zu bekennen. -- Das Zwingende des Arguments liegt in dem: Du darfst Dir nicht selbst widersprechen, weil dann Dein ganzes Leben sinnlos würde. Das A, das Du einmal sagtest, hat eine absolute Herrschaft über Dich. |19 Worauf die totalitaeren Herrschaftssysteme sich verlassen fuer die begrenzte Mobilisierung sich verhaltender Menschen, deren selbst sie [metamark (text connection)]nicht, oder noch nicht, entraten koennen,ist dieser Zwang, durch den wir uns selbst zwingen, weil wir uns fuerchten, uns sonst selbst in Widerspruechen zu verlieren. Die Tyrannei des zwangslaeufigen Schlussfolgerns, die unser Verstand jederzeit ueber uns selbst loslassen kann, ist der innere Zwang mit dem wir uns selbst in den aeusseren Zwang des Terrors einschalten und uns an ihn gleichschalten.3 | [keine Entsprechung vorhanden] | [keine Entsprechung vorhanden] |