Über den Imperialismus (Wandlung, 1945-1946) | Über den Imperialismus (Sechs Essays, 1948) |
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Über den Imperialismus | Über den Imperialismus |
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Betrachtet man die unmittelbaren Motive und die nächstliegenden Veranlassungen, die am Ende des vorigen Jahrhunderts in den »scramble for Africa« und damit in die imperialistische Epoche führten, in der wir noch leben, so kommt man leicht zu dem Schlusse, daß hier, zum Spott der Völker und zum Hohn des Menschen, Maulwurfshügel gekreißt haben, und ein Elefant geboren ward. Denn gemessen an dem schließlichen Resultat der Verheerung aller europäischen Länder, des Zusammenbruchs aller abendländischen Traditionen, der Existenzbedrohung aller europäischen Völker und der sittlichen Verwüstung eines großen Teiles der westlichen Menschheit | Betrachtet man die unmittelbaren Motive und die nächstliegenden Veranlassungen, die am Ende des vorigen Jahrhunderts in den »scramble for Africa« und damit in die imperialistische Epoche führten, in der wir noch leben, so kommt man leicht zu dem Schlusse, daß hier, zum Spott der Völker und zum Hohn des Menschen, Maulwurfshügel gekreißt haben, und ein Elefant geboren ward. Denn gemessen an dem schließlichen Resultat der Verheerung aller europäischen Länder, des Zusammenbruchs aller abendländischen Traditionen, der Existenzbedrohung aller europäischen Völker und der sittlichen |Arendt-III-001-00000010 Verwüstung eines großen Teiles der westlichen Menschheit |
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Diese unselige Diskrepanz zwischen Ursache und Folge liegt historisch wie sachlich der unmenschlichen Absurdität unserer Zeit zugrunde. Sie drückt vielen wichtigen Ereignissen der neueren Geschichte den Stempel des blutigen Spektakels, der karikierenden Verzerrung auf. Je blutiger das Spektakel endet, das sich zuerst in der Dreyfus-Affäre in Frankreich fast wie eine Komödie anließ, desto verletzender ist es für das Bewußtsein von der Würde des Menschen. Daß es eines Weltkrieges bedurfte, mit Hitler fertig zu werden, ist gerade darum so beschämend, weil es auch komisch ist. Die Historiker unserer Zeit haben, verständlich genug, immer wieder versucht, dieses Element des blutigen Narrenspiels zu verdecken, auszulöschen, und den Geschehnissen eine gewisse Größe oder Würde zu verleihen, die sie nicht haben, die sie aber menschlich erträglicher machen würde. Es liegt zweifellos eine große Versuchung darin, - anstatt über das gegenwärtige Stadium des Imperialismus und über den Rasse-Wahn - über Imperien überhaupt zu reden, über Alexander den Großen, das Römische Reich oder die Wohltaten, welche der britische Imperialismus vielen Ländern |Arendt-III-005-00000002 der Erde brachte, gerade weil diese Länder nicht eindeutig imperialistisch verwaltet werden konnten, sondern vom englischen Parlament und der englischen öffentlichen Meinung mitkontrolliert wurden. Schwerer sind schon jene zu verstehen, welche immer noch an jenen »ökonomischen Faktor« und seine notwendige »Fortschrittlichkeit« glauben, auf den sich die Imperialisten jedesmal beriefen, wenn sie eines der zehn Gebote abzuschaffen sich gezwungen sahen. Sie trösten sich manchmal mit Marx, der sich seinerseits mit Goethe getröstet hatte -: | Diese unselige Diskrepanz zwischen Ursache und Folge liegt historisch wie sachlich der unmenschlichen Absurdität unserer Zeit zugrunde. Sie drückt vielen wichtigen Ereignissen der neueren Geschichte den Stempel des blutigen Spektakels, der karikierenden Verzerrung auf. Je blutiger das Spektakel endet, das sich zuerst in der Dreyfus-Affäre in Frankreich fast wie eine Komödie anließ, desto verletzender ist es für das Bewußtsein von der Würde des Menschen. Daß es eines Weltkrieges bedurfte, mit Hitler fertig zu werden, ist gerade darum so beschämend, weil es auch komisch ist. Die Historiker unserer Zeit haben, verständlich genug, immer wieder versucht, dieses Element des blutigen Narrenspiels zu verdecken, auszulöschen, und den Geschehnissen eine gewisse Größe oder Würde zu verleihen, die sie nicht haben, die sie aber menschlich erträglicher machen würde. Es liegt zweifellos eine große Versuchung darin, - anstatt über das gegenwärtige Stadium des Imperialismus und über den Rasse-Wahn - über Imperien überhaupt zu reden, über Alexander den Großen, das Römische Reich oder die Wohltaten, welche der britische Imperialismus vielen Ländern der Erde brachte, gerade weil diese Länder nicht eindeutig imperialistisch verwaltet werden konnten, sondern vom englischen Parlament und der englischen öffentlichen Meinung mitkontrolliert wurden. Schwerer sind schon jene zu verstehen, welche immer noch an jenen »ökonomischen Faktor« und seine notwendige »Fortschrittlichkeit« glauben, auf den sich die Imperialisten jedesmal beriefen, wenn sie eines der zehn Gebote abzuschaffen sich gezwungen sahen. Sie trösten sich |Arendt-III-001-00000011 manchmal mit Marx, der sich seinerseits mit Goethe getröstet hatte -: Sollte diese Qual uns quälen, Da sie unsre Lust vermehrt? Hat nicht Myriaden Seelen Timurs Herrschaft aufgezehrt? |
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Nur daß man Marx entschuldigen könnte damit, daß er wirklich nur Imperien, erobernde und eroberte Völker, aber nicht Imperialismus, nämlich höhere und niedere Rassen, kannte. Seit Carthago hat die abendländische Menschheit keine Irrlehre mehr gekannt, die blutigere Opfer und schmählichere sacrificia intellectus verlangt und erhalten hat, als die imperialistische Irrlehre. Dies war kaum vorauszusehen, als sie noch im Lammsgewand den neuen Fetisch der Allzu-Reichen, den Profit, predigte oder als sie noch an den alten Fetisch der Allzu-Armen, das Glück, appellierte. | [keine Entsprechung vorhanden] |
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Als in den siebziger und achtziger Jahren die Diamanten- und Goldfelder Südafrikas entdeckt wurden, verband sich zum ersten Male dieser neue Wille zum Profit um jeden Preis mit der alten Jagd nach dem Glück. Seite an Seite mit dem Kapital zogen aus industriell entwickelten Ländern die Goldgräber, die Abenteurer, der Mob der großen Städte in den dunklen Erdteil. Von nun an begleitete der Mob, erzeugt von der ungeheuren Akkumulation des Kapitals im neunzehnten Jahrhundert, seinen Erzeuger auf all seinen abenteuerlichen Entdeckungsreisen, bei denen es nichts zu entdecken gab als profitable Anlagemöglichkeiten. In manchen Ländern, vor allem in England, war das neue Bündnis zwischen den Allzu-Reichen und den Allzu-Armen auf die überseeischen Besitzungen beschränkt. In anderen, vor allem in denen, welche bei der Verteilung der Erde schlechter weggekommen waren, wie Deutschland und Frankreich, oder welche gar, wie Österreich, gar nichts erhalten hatten, wurde das Bündnis sofort innerhalb des nationalen Territoriums selbst geschlossen, um eine sogenannte Kolonialpolitik einzuleiten. Das Paris der Anti-Dreyfusards, das Berlin der Stöcker- und Ahlwardtbewegung, das Wien von Schönerer und Lueger, die |Arendt-III-005-00000003 Alldeutschen in Preußen, die Pan-Germanisten in Österreich, die Pan-Slawisten in Rußland - sie alle übertrugen die neuen politischen Möglichkeiten, die dieses Bündnis erschließt, unmittelbar auf die innere Politik der Heimat. Was bei den Anhängern der »Pan«-Bewegungen sich als Primat der Außenpolitik gab, war in Wahrheit schon der erste, wenn auch noch schüchterne Versuch, die Nation zu imperialisieren, sie umzuorganisieren in ein Instrument für die verheerende Eroberung fremder Gebiete und die ausrottende Unterdrückung fremder Völker. | Als in den siebziger und achtziger Jahren die Diamanten- und Goldfelder Südafrikas entdeckt wurden, verband sich zum ersten Male dieser neue Wille zum Profit um jeden Preis mit der alten Jagd nach dem Glück. Seite an Seite mit dem Kapital zogen aus industriell entwickelten Ländern die Goldgräber, die Abenteurer, der Mob der großen Städte in den dunklen Erdteil. Von nun an begleitete der Mob, erzeugt von der ungeheuren Akkumulation des Kapitals im neunzehnten Jahrhundert, seinen Erzeuger auf all seinen abenteuerlichen Entdeckungsreisen, bei denen es nichts zu entdecken gab als profitable Anlagemöglichkeiten. In manchen Ländern, vor allem in England, war das neue Bündnis zwischen den Allzu-Reichen und den Allzu-Armen auf die überseeischen Besitzungen beschränkt. In anderen, vor allem in denen, welche bei der Verteilung der Erde schlechter weggekommen waren, wie Deutschland und Frankreich, oder welche gar, wie Österreich, gar nichts erhalten hatten, wurde das Bündnis sofort innerhalb des nationalen Territoriums selbst geschlossen, um eine sogenannte Kolonialpolitik einzuleiten. |Arendt-III-001-00000012 Das Paris der Anti-Dreyfusards, das Berlin der Stöcker- und Ahlwardtbewegung, das Wien von Schönerer und Lueger, die Alldeutschen in Preußen, die Pan-Germanisten in Österreich, die Pan-Slawisten in Rußland - sie alle übertrugen die neuen politischen Möglichkeiten, die dieses Bündnis erschließt, unmittelbar auf die innere Politik der Heimat. Was bei den Anhängern der »Pan«-Bewegungen sich als Primat der Außenpolitik gab, war in Wahrheit schon der erste, wenn auch noch schüchterne Versuch, die Nation zu imperialisieren, sie umzuorganisieren in ein Instrument für die verheerende Eroberung fremder Gebiete und die ausrottende Unterdrückung fremder Völker. |
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Am Anfang aller konsequent imperialistischen Politik steht dieses Bündnis zwischen Kapital und Mob. Die beiden großen Kräfte, die anfänglich seinem vollen Funktionieren im Wege zu stehen schienen, die Tradition des Nationalstaates und die Arbeiterbewegung, haben sich schließlich als gleich hilflos erwiesen. Zwar hat das instinktive Mißtrauen nationaler Staatsmänner gegen Kolonialpolitik, dem nur Robespierre mit seinem »Périssent les colonies - elles nous en coûtent l’honneur, la liberté« bewußt politischen Ausdruck verlieh, verhältnismäßig lange vorgehalten; Bismarck lehnte den französischen Besitz in Afrika, der ihm 1871 zum Entgelt für Elsaß-Lothringen angeboten wurde, ab und tauschte zwanzig Jahre später Helgoland gegen Uganda, Sansibar und Witu ein - »eine Badewanne für zwei Königreiche«, wie die deutschen Imperialisten verächtlich meinten. Clemenceau verklagte in den achtziger Jahren die »herrschende Partei der Wohlhabenden« in Frankreich, die ein Expeditionskorps gegen England in Ägypten verlangte, weil sie nur an den Schutz ihres Kapitals denke und die Republik in überseeische Abenteuer verwickeln wolle; und er gab leichten Herzens mehr | Am Anfang aller konsequent imperialistischen Politik steht dieses Bündnis zwischen Kapital und Mob. Die beiden großen Kräfte, die anfänglich seinem vollen Funktionieren im Wege zu stehen schienen, die Tradition des Nationalstaates und die Arbeiterbewegung, haben sich schließlich als gleich hilflos erwiesen. Zwar hat das instinktive Mißtrauen nationaler Staatsmänner gegen Kolonialpolitik, dem nur Robespierre mit seinem »Périssent les colonies - elles nous en coûtent l’honneur, la liberté« bewußt politischen Ausdruck verlieh, verhältnismäßig lange vorgehalten; Bismarck lehnte den französischen Besitz in Afrika, der ihm 1871 zum Entgelt für Elsaß-Lothringen angeboten wurde, ab und tauschte zwanzig Jahre später Helgoland gegen Uganda, Sansibar und Witu ein - »eine Badewanne für zwei Königreiche«, wie die deutschen Imperialisten verächtlich meinten. Clemenceau verklagte in den achtziger Jahren die »herrschende Partei der Wohlhabenden« in Frankreich, die ein Expeditionskorps gegen England in Ägypten verlangte, weil sie nur an den Schutz ihres Kapitals denke und die Republik in überseeische Abenteuer verwickeln wolle; und er gab leichten Herzens mehr |
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Trotz aller »Internationalen« blieben auch die europäischen Arbeiterbewegungen mit ihrem ausschließlichen Interesse an Innenpolitik in Kämpfen innerhalb der Nation | Trotz aller »Internationalen« blieben auch die europäischen Arbeiterbewegungen mit ihrem ausschließlichen Interesse an Innenpolitik in Kämpfen innerhalb der Nation |
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Heute aber geht es nur noch um die politische Struktur imperialistischer Gebilde und um die Zerstörung imperialistischer Irrlehren, die Menschen zur Verteidigung oder zur Errichtung dieser Gebilde mobilisieren können. Längst hat die imperialistische Politik die Bahnen der ökonomischen Gesetzmäßigkeit verlassen. Der ökonomische Faktor ist längst dem imperialen zum Opfer gefallen. An die unveräußerlichen Rechte der Profitrate glauben nur noch einige ältere Herren in den hohen Finanzkreisen aller Welt, welche der Mob, der nur an Rasse glaubt, deshalb noch duldet, weil er erfahren hat, daß er im Falle der Not auf die tat- und finanzkräftige Hilfe der Profitgläubigen auch dann rechnen kann, wenn es ganz offenbar nichts mehr zu profitieren, aber vielleicht noch Reste einstiger Vermögen zu retten gibt. Denn in dem Bündnis zwischen Mob und Kapital ist die Initiative offenbar auf den Mob übergegangen. Sein Glaube an Rasse hat gesiegt über die verwegenen Hoffnungen auf überirdische Profite. Sein Zynismus gegen alle vernünftigen und moralischen Wertungen hat die Heuchelei, und damit die Grundlagen des kapitalistischen Systems, erschüttert und teilweise bereits zerstört. | Heute aber geht es nur noch um die politische Struktur imperialistischer Gebilde und um die Zerstörung imperialistischer Irrlehren, die Menschen zur Verteidigung oder zur Errichtung dieser Gebilde mobilisieren können. Längst hat die imperialistische Politik die Bahnen der ökonomischen Gesetzmäßigkeit verlassen. Der ökonomische Faktor ist längst dem imperialen zum Opfer gefallen. An die unveräußerlichen Rechte der Profitrate glauben nur noch einige ältere Herren in den hohen Finanzkreisen aller Welt, welche der Mob, der nur an Rasse glaubt, deshalb noch duldet, weil er erfahren hat, daß er im Falle der Not |Arendt-III-001-00000014 auf die tat- und finanzkräftige Hilfe der Profitgläubigen auch dann rechnen kann, wenn es ganz offenbar nichts mehr zu profitieren, aber vielleicht noch Reste einstiger Vermögen zu retten gibt. Denn in dem Bündnis zwischen Mob und Kapital ist die Initiative offenbar auf den Mob übergegangen. Sein Glaube an Rasse hat gesiegt über die verwegenen Hoffnungen auf überirdische Profite. Sein Zynismus gegen alle vernünftigen und moralischen Wertungen hat die Heuchelei, und damit die Grundlagen des kapitalistischen Systems, erschüttert und teilweise bereits zerstört. |
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So wie aber jede Hypokrisie noch das Kompliment an die Tugend enthält, so ist auch die wirkliche Gefahr erst da, seit die Heuchelei nicht mehr funktioniert. In der Sprache der Politik heißt dies, daß es kaum möglich sein wird, das bewährte englische System einer absoluten prinzipiellen Trennung zwischen Kolonialpolitik auf der einen und einer normalen Außen- und Innenpolitik auf der anderen Seite aufrechtzuerhalten, daß das einzige imperialistische System, das bisher die Bumerangwirkungen des Imperiumbaues auf die politische Struktur der Nation vermieden, damit den Kern des Volkes gesund und die Grundlagen des Nationalstaates einigermaßen intakt erhalten hatte, überaltert ist. Denn die Rassenorganisation, die den eigentlichen Kern des Faschismus bildete, wird sich |Arendt-III-005-00000005 sehr bald als die unausweichliche Konsequenz aller | So wie aber jede Hypokrisie noch das Kompliment an die Tugend enthält, so ist auch die wirkliche Gefahr erst da, seit die Heuchelei nicht mehr funktioniert. In der Sprache der Politik heißt dies, daß es kaum möglich sein wird, das bewährte englische System einer absoluten prinzipiellen Trennung zwischen Kolonialpolitik auf der einen und einer normalen Außen- und Innenpolitik auf der anderen Seite aufrechtzuerhalten, daß das einzige imperialistische System, das bisher die Bumerangwirkungen des Imperiumbaues auf die politische Struktur der Nation vermieden, damit den Kern des Volkes gesund und die Grundlagen des Nationalstaates einigermaßen intakt erhalten hatte, überaltert ist. Denn die Rassenorganisation, die den eigentlichen Kern des Faschismus bildete, wird sich sehr bald als die unausweichliche Konsequenz aller |
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Die Erzeugung des Mob durch das kapitalistische Gesellschafts- und Produktionssystem ist frühzeitig beobachtet, sein Wachstum sorgfältig und besorgt von allen ernsteren Historikern des neunzehnten Jahrhunderts notiert worden. Der historische Pessimismus von Burckhardt bis Spengler gründet sich wesentlich auf solche Beobachtungen. Was die mit dem reinen Phänomen traurig beschäftigten Historiker nicht sahen, war dies: daß der Mob nicht mit der wachsenden Industrie-Arbeiterschaft und gewiß nicht mit dem Volk zu identifizieren war, sondern daß er sich von vornherein aus den Abfällen sämtlicher Klassen zusammensetzte. Dadurch konnte es scheinen, als seien in ihm gerade die Klassenscheidungen aufgehoben und als sei er - der außerhalb der in Klassen zerspaltenen Nation stand - das Volk (die »Volksgemeinschaft« in der Sprache der Nazis), dessen Wider- und Zerrbild er in Wahrheit ist. Was die historischen Pessimisten verstanden, war die wesenhafte Verantwortungslosigkeit dieser neuen Schicht; was sie richtig, von Beispielen aus der Geschichte belehrt, voraussahen, war die Möglichkeit eines Umschlages der Demokratie in eine Despotie, deren Herrscher aus dem Mob hervorgehen und sich auf ihn stützen. Was sie nicht verstanden, war, daß der Mob nicht nur der Abfall der |Arendt-III-005-00000006 Gesellschaft, sondern ihr Abfallprodukt ist, von ihr direkt erzeugt und daher nie ganz von ihr zu trennen. Was sie zu notieren unterließen war die ständig wachsende Bewunderung der guten Gesellschaft für die Unterwelt, die sich wie ein roter Faden durch das neunzehnte Jahrhundert zieht, ihr stetiges allmähliches Nachgeben in allen moralischen Fragen, ihre wachsende Vorliebe für den anarchischen Zynismus ihres Sprößlings - bis am Ende des Jahrhunderts, während der Dreyfus-Affäre in Frankreich, für einen kurzen Augenblick Unterwelt und gute Gesellschaft sich so innig miteinander verbündeten, daß es schwer wird, irgendeinen der »Helden« der Affäre eindeutig zuzuordnen: sie sind gute Gesellschaft und Unterwelt zugleich. | Die Erzeugung des Mob durch das kapitalistische Gesellschafts- und Produktionssystem ist frühzeitig beobachtet, sein Wachstum sorgfältig und besorgt von allen ernsteren Historikern des neunzehnten Jahrhunderts notiert worden. Der historische Pessimismus von Burckhardt bis Spengler gründet sich wesentlich auf solche Beobachtungen. Was die mit dem reinen Phänomen traurig beschäftigten Historiker nicht sahen, war dies: daß der Mob nicht mit der wachsenden Industrie-Arbeiterschaft und gewiß nicht mit dem Volk zu identifizieren war, sondern daß er sich von vornherein aus den Abfällen sämtlicher Klassen zusammensetzte. Dadurch konnte es scheinen, als seien in ihm gerade die Klassenscheidungen aufgehoben und als sei er - der außerhalb der in Klassen zerspaltenen Nation stand - das Volk (die »Volksgemeinschaft« in der Sprache der Nazis), dessen Wider- und Zerrbild er in Wahrheit ist. Was die historischen Pessimisten verstanden, war die wesenhafte Verantwortungslosigkeit dieser neuen Schicht; was sie richtig, von Beispielen aus der Geschichte belehrt, voraussahen, war die Möglichkeit eines Umschlages der Demokratie in eine Despotie, deren Herrscher aus dem Mob hervorgehen und sich auf ihn stützen. Was sie nicht verstanden, war, daß der Mob nicht nur der Abfall der Gesellschaft, sondern ihr Abfallprodukt ist, von ihr direkt erzeugt und daher nie ganz von ihr zu |Arendt-III-001-00000016 trennen. Was sie zu notieren unterließen |
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Dieses Zugehörigkeitsgefühl, das den Erzeuger mit dem Sprößling verbindet - und das bereits in den Balzac’schen Romanen einen klassischen Ausdruck gefunden hatte - ist früher als alle ökonomischen, politischen, sozialen Zweckmäßigkeitserwägungen, welche schließlich in unserer Zeit die deutsche gute Gesellschaft bewogen, die Maske der Hypokrisie abzuwerfen, sich eindeutig zum Mob zu bekennen und ihn zum Vorkämpfer ihrer Besitzinteressen ausdrücklich zu berufen. Natürlich war es kein Zufall, daß dies gerade in Deutschland geschah. Während in England und Holland die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verhältnismäßig ungestört vor sich ging, und die Bourgeoisie dieser Länder Jahrhunderte der Sicherheit und Furchtlosigkeit kannte, war die Geschichte ihrer Entstehung in Frankreich von einer großen Volksrevolution begleitet, welche sie nie hat zum ungestörten Genuß ihrer Herrschaft kommen lassen; in Deutschland vollends, wo sie erst in der Mitte und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts voll zur Entwicklung kam, war ihre Herrschaft von Anbeginn von dem Anwachsen einer revolutionären Arbeiterbewegung begleitet, die eine nahezu ebenso lange Tradition hat wie sie. Die Zuneigung der guten Gesellschaft zum Mob offenbarte sich in Frankreich noch früher als in Deutschland und war schließlich in beiden Ländern gleich stark; nur daß Frankreich auf Grund der Tradition der Französischen Revolution und der mangelnden Industrialisierung des Landes sehr wenig Mob produziert hat. Je unsicherer eine Gesellschaft sich fühlt, desto weniger wird sie der Versuchung widerstehen können, die lästige Bürde der Heuchelei abzuwerfen. | Dieses Zugehörigkeitsgefühl, das den Erzeuger mit dem Sprößling verbindet - und das bereits in den Balzac’schen Romanen einen klassischen Ausdruck gefunden hatte - ist früher als alle ökonomischen, politischen, sozialen Zweckmäßigkeitserwägungen, welche schließlich in unserer Zeit die deutsche gute Gesellschaft bewogen, die Maske der Hypokrisie abzuwerfen, sich eindeutig zum Mob zu bekennen und ihn zum Vorkämpfer ihrer Besitzinteressen ausdrücklich zu berufen. Natürlich war es kein Zufall, daß dies gerade in Deutschland geschah. Während in England und Holland die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verhältnismäßig ungestört vor sich ging, und die Bourgeoisie dieser Länder Jahrhunderte der Sicherheit und Furchtlosigkeit kannte, war die Geschichte ihrer Entstehung in Frankreich von einer großen Volksrevolution begleitet, welche sie nie hat zum ungestörten Genuß ihrer Herrschaft kommen lassen; in Deutschland vollends, wo sie erst in der Mitte und am Ende des neunzehnten Jahrhunderts voll zur Entwicklung kam, war ihre Herrschaft von Anbeginn von dem Anwachsen einer revolutionären Arbeiterbewegung begleitet, die eine nahezu ebenso lange Tradition hat wie sie. Die Zuneigung der guten Gesellschaft zum Mob offenbarte sich in Frankreich noch früher als in Deutschland und war schließlich in beiden Ländern gleich stark; nur daß Frankreich auf Grund der Tradition der Französischen Revolution und |Arendt-III-001-00000017 der mangelnden Industrialisierung des Landes sehr wenig Mob produziert hat. Je unsicherer eine Gesellschaft sich fühlt, desto weniger wird sie der Versuchung widerstehen können, die lästige Bürde der Heuchelei abzuwerfen. |
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Wie immer es im einzelnen um diese rein geschichtlich bedingten Vorgänge bestellt sein mag - und sie liegen im Grunde viel klarer zutage als es heute, da im Feuer des Krieges die Historiker sich in Ankläger oder Verteidiger von Nationen verwandelt haben, |Arendt-III-005-00000007 erscheinen muß -, die politische Weltanschauung des Mob, wie sie uns in so vielen zeitgenössischen imperialistischen Ideologien entgegentritt, hat eine verblüffend starke Affinität zu der politischen Weltanschauung der bürgerlichen Gesellschaft. Gereinigt von aller Heuchelei, noch unbeirrt von späteren, temporären Zugeständnissen an die christliche Tradition ist sie von Hobbes, dem größten Vertreter, den die Bourgeoisie je gehabt hat, vor fast dreihundert Jahren bereits entworfen und formuliert worden. In unübertroffener Offenheit, mit einer durchaus großartigen Konsequenz wurde in der Hobbes’schen Philosophie die prinzipielle Grundlage entwickelt, auf welche die neue Klasse sich zu berufen lange Zeit selbst dann nicht den Mut hatte, wenn sie zu entsprechenden Aktionen eindeutig genug gezwungen wurde. Was ihr in neuester Zeit die nihilistischen Weltanschauungen des Mob auch intellektuell so verführerisch erscheinen läßt, ist eine prinzipielle Verwandtschaft mit ihnen, die sehr viel älter ist als die Entstehung des Mob selbst. | Wie immer es im einzelnen um diese rein geschichtlich bedingten Vorgänge bestellt sein mag - und sie liegen im Grunde viel klarer zutage als es heute, da im Feuer des Krieges die Historiker sich in Ankläger oder Verteidiger von Nationen verwandelt haben, erscheinen muß -, die politische Weltanschauung des Mob, wie sie uns in so vielen zeitgenössischen imperialistischen Ideologien entgegentritt, hat eine verblüffend starke Affinität zu der politischen Weltanschauung der bürgerlichen Gesellschaft. Gereinigt von aller Heuchelei, noch unbeirrt von späteren, temporären Zugeständnissen an die christliche Tradition ist sie von Hobbes, dem größten Vertreter, den die Bourgeoisie je gehabt hat, vor fast dreihundert Jahren bereits entworfen und formuliert worden. In unübertroffener Offenheit, mit einer durchaus großartigen Konsequenz wurde in der Hobbes’schen Philosophie die prinzipielle Grundlage entwickelt, auf welche die neue Klasse sich zu berufen lange Zeit selbst dann nicht den Mut hatte, wenn sie zu entsprechenden Aktionen eindeutig genug gezwungen wurde. Was ihr in neuester Zeit die nihilistischen Weltanschauungen des Mob auch intellektuell so verführerisch erscheinen läßt, ist eine prinzipielle Verwandtschaft mit ihnen, die sehr viel älter ist als die Entstehung des Mob selbst. |
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[keine Entsprechung vorhanden] | Betrachten wir die Weltanschauung des Mob - oder: die Weltanschauung der Bourgeoisie, gereinigt von aller Heuchelei -, in der einzigen reinen philosophischen Begriffs-Sprache, die sie bislang gefunden hat, so sind ihre wesentlichsten Axiome die folgenden: |
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1. Der Wert des Menschen ist sein Preis, den der Käufer, nicht der Verkäufer bestimmt. Wert ist, was früher Tugend geheißen hatte; der Wert wird festgestellt durch die »Schätzung der Anderen«, das ist die Mehrheit der Anderen, die als Gesellschaft konstituiert in der öffentlichen Meinung die Preise nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot bestimmen. | 1. Der Wert des Menschen ist sein Preis, den der Käufer, nicht der Verkäufer bestimmt. Wert ist, was früher Tugend geheißen hatte; der Wert wird festgestellt durch die »Schätzung der Anderen«, das ist die Mehrheit der Anderen, die als Gesellschaft konstituiert in der öffentlichen |Arendt-III-001-00000018 Meinung die Preise nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot bestimmen. |
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2. Macht ist die akkumulierte Herrschaft über die öffentliche Meinung, welche dem einzelnen erlaubt, die Preise so festzusetzen, Angebot und Nachfrage so zu regeln, daß sie dem Macht besitzenden Individuum zum Vorteil gereichen. Die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft ist so verstanden, daß das Individuum in der absoluten Minorität der Vereinzelung seinen Vorteil erkennen, ihn aber nur mit Hilfe | 2. Macht ist die akkumulierte Herrschaft über die öffentliche Meinung, welche dem einzelnen erlaubt, die Preise so festzusetzen, Angebot und Nachfrage so zu regeln, daß sie dem Macht besitzenden Individuum zum Vorteil gereichen. Die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft ist so verstanden, daß das Individuum in der absoluten Minorität der Vereinzelung seinen Vorteil erkennen, ihn aber nur mit Hilfe |
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3. In ihrem Streben nach Macht wie in ihrer ursprünglichen Machtkapazität sind sich alle Menschen gleich, denn die Gleichheit der Menschen beruht auf der Tatsache, daß jeder von Natur genug Macht hat, den anderen totzuschlagen. Schwäche ist durch List auszugleichen. Die Gleichheit der potentiellen Mörder versetzt alle |Arendt-III-005-00000008 gleichmäßig in die gleiche Unsicherheit, aus der das Bedürfnis nach Staatengründung entsteht. Der Grund des Staates ist das Sicherheitsbedürfnis des Menschen, der sich von seinesgleichen prinzipiell bedroht fühlt. | 3. In ihrem Streben nach Macht wie in ihrer ursprünglichen Machtkapazität sind sich alle Menschen gleich, denn die Gleichheit der Menschen beruht auf der Tatsache, daß jeder von Natur genug Macht hat, den anderen totzuschlagen. Schwäche ist durch List auszugleichen. Die Gleichheit der potentiellen Mörder versetzt alle gleichmäßig in die gleiche Unsicherheit, aus der das Bedürfnis nach Staatengründung entsteht. Der Grund des Staates ist das Sicherheitsbedürfnis des Menschen, der sich von seinesgleichen prinzipiell bedroht fühlt. |
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4. Der Staat entsteht durch die Delegation von Macht (und nicht von Rechten!). Er erhält das Monopol des Tötenkönnens und gewährt als Entgelt eine bedingte Garantie vor dem Totgeschlagenwerden. Sicherheit wird hergestellt durch das Gesetz, das eine unmittelbare Emanation des Machtmonopols des Staates ist (und nicht von Menschen nach menschlichen Maßstäben von Recht und Unrecht erlassen worden ist). Und da dies Gesetz ein Ausfluß der absoluten Macht ist, stellt es sich für den Menschen, der unter ihm lebt, als absolute Notwendigkeit dar. Gegenüber dem Gesetz des Staates, das heißt gegenüber der akkumulierten und vom Staate monopolisierten Macht der Gesellschaft, gibt es keine Frage nach Recht oder Unrecht, sondern nur den absoluten Gehorsam, den blinden Konformismus der bürgerlichen Welt. | 4. Der Staat entsteht durch die Delegation von Macht (und nicht von Rechten!). Er erhält das Monopol des Tötenkönnens und gewährt als Entgelt eine bedingte Garantie vor dem Totgeschlagenwerden. Sicherheit wird hergestellt durch das Gesetz, das eine unmittelbare Emanation des Machtmonopols des Staates ist (und nicht von Menschen nach menschlichen Maßstäben von Recht und Unrecht erlassen worden ist). Und da dies Gesetz ein Ausfluß der absoluten Macht ist, stellt es sich für den Menschen, der unter ihm lebt, als absolute Notwendigkeit dar. Gegenüber dem Gesetz des Staates, das heißt gegenüber der akkumulierten und vom Staate monopolisierten Macht der Gesellschaft, gibt es keine Frage nach Recht oder Unrecht, |Arendt-III-001-00000019 sondern nur den absoluten Gehorsam, den blinden Konformismus der bürgerlichen Welt. |
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5. Das politisch entrechtete Individuum, dem sich das staatlich-öffentliche Leben in der Maske der Notwendigkeit zeigt, nimmt ein neues und gesteigertes Interesse an seinem Privatleben und seinem privaten Schicksal. Mit dem Verlust jeglicher Funktion in der Verwaltung der allen Bürgern gemeinsamen öffentlichen Angelegenheiten hat das Individuum seinen angestammten Platz in der Gesellschaft und seine sachlich fundierten Beziehungen zu seinen Mitmenschen verloren. Für die Beurteilung seines privaten individuellen Daseins bleibt ihm der Vergleich mit den Schicksalen anderer Individuen, und die durchgehende Beziehung zu seinen Mitmenschen innerhalb der Gesellschaft wird die Konkurrenz. Nachdem der Lauf der öffentlichen Angelegenheiten vom Staate in der Maske der Notwendigkeit geregelt worden ist, nimmt das gesellschaftliche Leben der Konkurrenten, das ja in seinem privaten Inhalt weitgehend von den außermenschlichen Mächten, die man Glück und Unglück nennt, abhängig ist, die Maske des Zufalls an. In einer Gesellschaft von Individuen, welche alle von der Natur mit der gleichen Machtkapazität ausgestattet und vom Staate gleichermaßen gegeneinander gesichert sind, kann nur noch der Zufall die Erfolgreichen auswählen und die Glücklichen an die Spitze bringen.1 | 5. Das politisch entrechtete Individuum, dem sich das staatlich-öffentliche Leben in der Maske der Notwendigkeit zeigt, nimmt ein neues und gesteigertes Interesse an seinem Privatleben und seinem privaten Schicksal. Mit dem Verlust jeglicher Funktion in der Verwaltung der allen Bürgern gemeinsamen öffentlichen Angelegenheiten hat das Individuum seinen angestammten Platz in der Gesellschaft und seine sachlich fundierten Beziehungen zu seinen Mitmenschen verloren. Für die Beurteilung seines privaten individuellen Daseins bleibt ihm der Vergleich mit den Schicksalen anderer Individuen, und die durchgehende Beziehung zu seinen Mitmenschen innerhalb der Gesellschaft wird die Konkurrenz. Nachdem der Lauf der öffentlichen Angelegenheiten vom Staate in der Maske der Notwendigkeit geregelt worden ist, nimmt das gesellschaftliche Leben der Konkurrenten, das ja in seinem privaten Inhalt weitgehend von den außermenschlichen Mächten, die man Glück und Unglück nennt, abhängig ist, die Maske des Zufalls an. In einer Gesellschaft von Individuen, welche alle von der Natur mit der gleichen Machtkapazität ausgestattet und vom Staate gleichermaßen gegeneinander gesichert sind, kann nur noch der Zufall die Erfolgreichen auswählen und die Glücklichen an die Spitze bringen.1 |
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Aus der Konkurrenz, welche das Leben der Gesellschaft ist, scheiden der ganz Unglückliche und der ganz Erfolglose automatisch aus. Glück und Ehre einerseits, Unglück und Schande andererseits werden identische Begriffe. Mit der Abtretung seiner politischen Rechte hat das Individuum auch seine gesellschaftlichen Pflichten an den Staat delegiert; es verlangt vom Staate, daß er ihm die Sorge für die Armen abnimmt in genau dem gleichen Sinne wie es von ihm Schutz vor Verbrechern verlangt. Der Unterschied zwischen Armen und Verbrechern verwischt sich; beide stehen außerhalb der Gesellschaft. Der Erfolglose ist der Tugend der Alten beraubt und der Unglückliche kann nicht mehr an das Gewissen der Christen appellieren. | |
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7. Die aus der Gesellschaft ausgeschiedenen Individuen wiederum, die Erfolglosen, Unglücklichen, Schändlichen sind aller Verpflichtungen gegen die Gesellschaft und gegen den Staat ledig, sofern er nicht für sie sorgt. Sie sind wieder in den Naturzustand versetzt und können dem Grundtrieb der Macht ungestört folgen, die Grundfähigkeit des Tötenkönnens, unbekümmert um moralische Gebote, ausnutzen und damit die fundamentale Gleichheit der Menschen, welche von der Gesellschaft nur aus Zweckmäßigkeitsgründen verdeckt ist, wieder herstellen. Und da der Naturzustand des Menschen als Krieg Aller gegen Alle definiert ist, ist gleichsam apriorisch die mögliche Vergesellschaftung der Deklassierten in eine Mörderbande vorgezeichnet. | 7. Die aus der Gesellschaft ausgeschiedenen Individuen wiederum, die Erfolglosen, Unglücklichen, Schändlichen sind aller Verpflichtungen gegen die Gesellschaft und gegen den Staat ledig, sofern er nicht für sie sorgt. Sie sind wieder in den Naturzustand versetzt und können dem Grundtrieb der Macht ungestört folgen, die Grundfähigkeit des Tötenkönnens, unbekümmert um moralische Gebote, ausnutzen und damit die fundamentale Gleichheit der Menschen, welche von der Gesellschaft nur aus Zweckmäßigkeitsgründen verdeckt ist, wieder herstellen. Und da der Naturzustand des Menschen als Krieg Aller gegen Alle definiert ist, ist gleichsam apriorisch die mögliche Vergesellschaftung der Deklassierten in eine Mörderbande vorgezeichnet. |
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8. Ausdrücklich werden die Fundamente von Freiheit, Recht, summum bonum, welche in den Etappen der abendländischen Staatsgründungen, in der griechischen Polis, in der Römischen Republik, in der christlichen Monarchie, sichtbar geworden waren, als Absurditäten verworfen. Ausdrücklich, und von ihrem größten Theoretiker, wird der neuen Gesellschaft vorgeschlagen, den Bruch mit der abendländischen Tradition zu vollziehen. Der neue Staat soll lediglich auf dem Fundament der akkumulierten Macht aller Untertanen beruhen, die sich in absoluter Machtlosigkeit und relativer Gesichertheit dem Machtmonopol des Staates beugen. | 8. Ausdrücklich werden die Fundamente von Freiheit, Recht, summum bonum, welche in den Etappen der abendländischen Staatsgründungen, in der griechischen Polis, in der Römischen Republik, in der christlichen Monarchie, sichtbar geworden waren, als Absurditäten verworfen. Ausdrücklich, und von ihrem größten Theoretiker, wird der neuen Gesellschaft vorgeschlagen, den Bruch mit der abendländischen Tradition zu vollziehen. Der neue Staat soll lediglich auf dem Fundament der akkumulierten Macht aller Untertanen beruhen, die sich in absoluter |Arendt-III-001-00000021 Machtlosigkeit und relativer Gesichertheit dem Machtmonopol des Staates beugen. |
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9. Da Macht wesentlich nur ein Mittel und keinen Zweck darstellt, kann ein nur auf Macht gegründetes Gemeinwesen in der Ruhe der Stabilität nur zerfallen; gerade in der völlig geordneten Sicherheit stellt es sich heraus, daß es auf Sand gebaut ist. Der Staat, der seine Macht erhalten will, muß danach streben, mehr Macht zu erwerben, denn nur in der dauernden Machterweiterung, in dem Prozeß der Machtakkumulation selbst kann er sich stabil erhalten. Ein ewig schwankendes Gebäude, ist er darauf angewiesen, daß er dauernd von außen neue Stützen erhält, soll er nicht über Nacht | 9. Da Macht wesentlich nur ein Mittel und keinen Zweck darstellt, kann ein nur auf Macht gegründetes Gemeinwesen in der Ruhe der Stabilität nur zerfallen; gerade in der völlig geordneten Sicherheit stellt es sich heraus, daß es auf Sand gebaut ist. Der Staat, der seine Macht erhalten will, muß danach streben, mehr Macht zu erwerben, denn nur in der dauernden Machterweiterung, in dem Prozeß der Machtakkumulation selbst kann er sich stabil erhalten. Ein ewig schwankendes Gebäude, ist er darauf angewiesen, daß er dauernd von außen neue Stützen erhält, soll er nicht über Nacht |
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10. Die gleiche Einsicht in die notwendige Unstabilität eines auf Macht gegründeten Gemeinwesens kommt philosophisch in der Konzeption von dem unendlichen Prozeß zum Ausdruck. Entsprechend der dauernd notwendigerweise anwachsenden Macht muß dieser Prozeß sich als | 10. Die gleiche Einsicht in die notwendige Unstabilität eines auf Macht gegründeten Gemeinwesens kommt philosophisch in der Konzeption von dem unendlichen Prozeß zum Ausdruck. Entsprechend der dauernd notwendigerweise anwachsenden Macht muß dieser Prozeß sich als |
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Es ist dieser aus der Verabsolutierung der Macht sich konsequent ergebende Prozeß einer unabsehbar fortschreitenden Machtakkumulation, welcher die Fortschrittsideologie des Groß und Größer, Weit und Weiter, Mächtig und Mächtiger im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert bestimmt und das Entstehen des Imperialismus begleitet. Der Fortschrittsbegriff des achtzehnten Jahrhunderts, wie er im vorrevolutionären Frankreich konzipiert wurde, wollte die Vergangenheit kritisieren dürfen, um die Gegenwart in die Hand zu bekommen und die Zukunft selbst bestimmen zu können; für ihn war der Fortschritt mit der Mündigkeit des Menschen abgeschlossen und er hat mit dem unendlichen Prozeß der bürgerlichen Gesellschaft nur soviel zu tun, daß er unerkennbar in ihm verschwunden, von ihm aufgelöst worden ist. Denn wenn dem unendlichen Prozeß wesentlich die Notwendigkeit seines Fortschreitens eignet, so dem Fortschrittsbegriff des achtzehnten Jahrhunderts gerade die Freiheit und Autonomie des Menschen, den er von allen scheinbaren Notwendigkeiten befreien will, damit er nach von ihm selbst geschaffenen Gesetzen sich regiere. | Es ist dieser aus der Verabsolutierung der Macht sich konsequent ergebende Prozeß einer unabsehbar fortschreitenden Machtakkumulation, welcher die Fortschrittsideologie des Groß und Größer, Weit und Weiter, Mächtig und Mächtiger im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert bestimmt und das Entstehen des Imperialismus begleitet. Der Fortschrittsbegriff des achtzehnten Jahrhunderts, wie |Arendt-III-001-00000022 er im vorrevolutionären Frankreich konzipiert wurde, wollte die Vergangenheit kritisieren dürfen, um die Gegenwart in die Hand zu bekommen und die Zukunft selbst bestimmen zu können; für ihn war der Fortschritt mit der Mündigkeit des Menschen abgeschlossen und er hat mit dem unendlichen Prozeß der bürgerlichen Gesellschaft nur soviel zu tun, daß er unerkennbar in ihm verschwunden, von ihm aufgelöst worden ist. Denn wenn dem unendlichen Prozeß wesentlich die Notwendigkeit seines Fortschreitens eignet, so dem Fortschrittsbegriff des achtzehnten Jahrhunderts gerade die Freiheit und Autonomie des Menschen, den er von allen scheinbaren Notwendigkeiten befreien will, damit er nach von ihm selbst geschaffenen Gesetzen sich regiere. |
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Aus diesem sinnlosen, unendlichen, zwangsläufig sich steigernden Prozeß, den Hobbes’ Philosophie kaltblütig folgernd vorwegnahm | Aus diesem sinnlosen, unendlichen, zwangsläufig sich steigernden Prozeß, den Hobbes’ Philosophie kaltblütig folgernd vorwegnahm und den die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts identifizierte, ergibt sich zwanglos die Großmannssucht des imperialistisch gewordenen Geschäftsmannes, den die Sterne ärgern, weil er sie nicht annektieren kann. Politisch folgt aus dem notwendigen Prozeß der Machtakkumulation, daß »Expansion alles ist«, - ökonomisch: daß der reinen Anhäufung von Kapital keine Grenze gesetzt werden darf, - und gesellschaftlich: die unendliche Karriere des Parvenus. |
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Der auf der Ideologie eines unendlichen Fortschrittes sich gründende Optimismus ist in der Tat für das ganze neunzehnte Jahrhundert charakteristisch und hat sich sogar noch durch die ersten Stadien des Imperialismus bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges erhalten. Wesentlicher für unseren Zusammenhang ist jene, gleichfalls aus dem neunzehnten Jahrhundert immer wieder durchbrechende schwere Melancholie, jene Traurigkeit, die ihn verdunkelt, und der nahezu alle europäischen Dichter seit Goethes Tod ihre eindringlichsten und wahrhaft unsterblichen Gesänge darbrachten. Aus ihnen, aus Baudelaire, aus Swinburne, aus Nietzsche - und nicht aus den fortschrittsfreudigen Ideologen oder den expansionshungrigen Geschäftsleuten oder den unbeirrbaren Karrieristen - spricht die Grundstimmung des Zeitalters, jene grundsätzliche Verzweiflung, welche lange vor Kiplings großer Formulierung ahnte, daß »das große Spiel erst aus ist, wenn alle tot sind«. Ein halbes Menschenalter vor Kipling, ein ganzes vor Spenglers Theorien von dem organisch notwendigen Werden und Vergehen der Kulturen, hat Swinburne den Untergang des Menschengeschlechts besungen. Unbeirrt von Theorien muß der Dichter, der für die »Kinder der Welt« spricht, dem wirklichen Lauf der Welt verbunden bleiben. Ist der Lauf der Welt dem Zwang seiner eigenen materialen Gesetze überlassen, bleibt er von der gesetzgebenden Kraft des Menschen unbeeinflußt, so bleibt nur jene allgemeine Melancholie, die seit dem Prediger Salomonis die Weisheit dieser Welt ist. Erkennt der Mensch diesen zwangsmäßigen Ablauf gar als sein eigenes oberstes Gesetz an und stellt er sich ihm zur Verfügung, so kann er nichts anderes vorbereiten als den Untergang des Menschengeschlechts. Denn erst nach dem Untergang des Menschengeschlechts kann der zwangsläufige Prozeß des Laufs der Welt ungestört und von der Freiheit des Menschen ungefährdet in jener »ewigen Wiederkehr« walten, welche das Gesetz der vom Menschen unberührten Natur sein mag, in welcher der Mensch aber von Hause nichts zu suchen |Arendt-III-005-00000012 hat, in der er nur leben kann, wenn er sie verändert. Das Lied von der »Germanen Untergang« ist nur die vulgarisierte Todessehnsucht, der alle anheimfallen, die sich dem zwangsmäßigen Prozeß des Laufes der Welt anvertraut haben. | Der auf der Ideologie eines unendlichen Fortschrittes sich gründende Optimismus ist in der Tat für das ganze neunzehnte Jahrhundert charakteristisch und hat sich sogar noch durch die ersten Stadien des Imperialismus bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges erhalten. Wesentlicher für unseren Zusammenhang ist jene, gleichfalls aus dem neunzehnten Jahrhundert immer wieder durchbrechende schwere Melancholie, jene Traurigkeit, die ihn verdunkelt, und der nahezu alle europäischen Dichter seit Goethes Tod ihre eindringlichsten und wahrhaft unsterblichen Gesänge darbrachten. Aus ihnen, aus Baudelaire, aus Swinburne, aus Nietzsche - und nicht aus den fortschrittsfreudigen Ideologen oder den expansionshungrigen |Arendt-III-001-00000023 Geschäftsleuten oder den unbeirrbaren Karrieristen - spricht die Grundstimmung des Zeitalters, jene grundsätzliche Verzweiflung, welche lange vor Kiplings großer Formulierung ahnte, daß »das große Spiel erst aus ist, wenn alle tot sind«. Ein halbes Menschenalter vor Kipling, ein ganzes vor Spenglers Theorien von dem organisch notwendigen Werden und Vergehen der Kulturen, hat Swinburne den Untergang des Menschengeschlechts besungen. Unbeirrt von Theorien muß der Dichter, der für die »Kinder der Welt« spricht, dem wirklichen Lauf der Welt verbunden bleiben. Ist der Lauf der Welt dem Zwang seiner eigenen materialen Gesetze überlassen, bleibt er von der gesetzgebenden Kraft des Menschen unbeeinflußt, so bleibt nur jene allgemeine Melancholie, die seit dem Prediger Salomonis die Weisheit dieser Welt ist. Erkennt der Mensch diesen zwangsmäßigen Ablauf gar als sein eigenes oberstes Gesetz an und stellt er sich ihm zur Verfügung, so kann er nichts anderes vorbereiten als den Untergang des Menschengeschlechts. Denn erst nach dem Untergang des Menschengeschlechts kann der zwangsläufige Prozeß des Laufs der Welt ungestört und von der Freiheit des Menschen ungefährdet in jener »ewigen Wiederkehr« walten, welche das Gesetz der vom Menschen unberührten Natur sein mag, in welcher der Mensch aber von Hause nichts zu suchen hat, in der er nur leben kann, wenn er sie verändert. Das Lied von der »Germanen Untergang« ist nur die vulgarisierte Todessehnsucht, der alle anheimfallen, die sich dem zwangsmäßigen Prozeß des Laufes der Welt anvertraut haben. |
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Es ist diese Hintergrundswelt des neunzehnten Jahrhunderts - und weder sein eigenes, noch das Zeitalter des achtzehnten Jahrhunderts -, was Hobbes vorwegnehmend analysierte. Seine Philosophie, auf deren nackte Brutalität die Elite der Bourgeoisie sich erst in unserer Zeit zu berufen wagt, nimmt nur voraus, was sich am Anfang bereits klar abzeichnete. Sie kommt nicht zur Geltung, weil die Vorbereitung der Französischen Revolution und ihr Vollzug mit der Formulierung und Idealisierung des Menschen als eines gesetzgebenden Wesens, als citoyen, beinahe dem »zwangsläufigen« Prozeß den Boden unter den Füßen weggeschlagen hätte. Erst nach der letzten der europäischen, von der Französischen Revolution bestimmten Revolutionen, nach der Abschlachtung der Communards (1871), hat sich die Bourgeoisie so sicher gefühlt, daß sie daran denken konnte, die Hobbessche Philosophie zu akzeptieren und den von Hobbes entworfenen Staat zu planen. | Es ist diese Hintergrundswelt des neunzehnten Jahrhunderts - und weder sein eigenes, noch das Zeitalter des achtzehnten Jahrhunderts -, was Hobbes vorwegnehmend analysierte. Seine Philosophie, auf deren nackte Brutalität die Elite der Bourgeoisie sich erst in unserer Zeit zu berufen wagt, nimmt nur voraus, was sich am Anfang bereits klar abzeichnete. Sie kommt nicht zur Geltung, weil die Vorbereitung der Französischen Revolution und ihr Vollzug mit der Formulierung und Idealisierung des |Arendt-III-001-00000024 Menschen als eines gesetzgebenden Wesens, als citoyen, beinahe dem »zwangsläufigen« Prozeß den Boden unter den Füßen weggeschlagen hätte. Erst nach der letzten der europäischen, von der Französischen Revolution bestimmten Revolutionen, nach der Abschlachtung der Communards (1871), hat sich die Bourgeoisie so sicher gefühlt, daß sie daran denken konnte, die Hobbessche Philosophie zu akzeptieren und den von Hobbes entworfenen Staat zu planen. |
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Im imperialistischen Zeitalter wird die Machtphilosophie des Hobbes zur Philosophie der Elite. Sie hat erfahren und ist bereit | Im imperialistischen Zeitalter wird die Machtphilosophie des Hobbes zur Philosophie der Elite. Sie hat erfahren und ist bereit |
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Zwar weiß die Philosophie des Hobbes noch nichts von den modernen Rassedoktrinen, welche nicht nur den Mob begeistern, sondern die auch sehr real die Organisationsformen vorzeichnen, in welchen die Menschheit sich selbst vernichten könnte. Seine |Arendt-III-005-00000013 | Zwar weiß die Philosophie des Hobbes noch nichts von den modernen Rassedoktrinen, welche nicht nur den Mob begeistern, sondern die auch sehr real die Organisationsformen vorzeichnen, in welchen die Menschheit sich selbst vernichten könnte. Seine |
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Unsere neuere Zeit hat uns gelehrt, mit drei Sorten von Nihilisten zu rechnen: erstens mit denen, die wissentlich und zumeist unwissentlich an das Nichts glauben. Diese sind harmlose Narren, denn sie wissen nicht, wovon sie reden. Unter ihnen befinden sich die Mehrzahl unserer Gelehrten, und sie sind die harmlosesten von allen, denn sie wissen noch nicht einmal, daß sie an das Nichts glauben. Nächst ihnen kommen die, welche das Nichts irgendwann einmal erfahren zu haben meinen. Diese sind auch harmlos, aber keine Narren, denn sie wissen zumindest, wovon sie reden. Dichter und Charlatane in der bürgerlichen Gesellschaft (nur selten gesellt sich zu ihnen ein Philosoph) -, nimmt sie ohnehin niemand ernst, selbst wenn sie eine so ehrlich-eindeutige Sprache führen wie der bisher größte von ihnen allen, der Lawrence von Arabien. Dann, nach ihnen, aber kommt die dritte Sorte, und das sind die Leute, |Arendt-III-005-00000014 welche sich vorgenommen haben, das Nichts herzustellen. Nun ist es zwar wahr, daß auch sie, gleich den Nichts-Gläubigen, Narren sind, denn niemand kann das Nichts herstellen; aber sie sind weit davon entfernt, harmlos zu sein. Ihnen vielmehr ist es gegeben, in dem vergeblichen Bemühen, das Nichts herzustellen, Vernichtung auf Vernichtung zu häufen. Dies tun sie unter dem bewundernden Beifallsgeschrei ihrer minder begabten oder minder skrupellosen Kollegen, welche ihre geheimen Träume oder ihre privatesten Erfahrungen in die Realität versetzt erblicken. | Unsere neuere Zeit hat uns gelehrt, mit drei Sorten von Nihilisten zu rechnen: erstens mit denen, die wissentlich und zumeist unwissentlich an das Nichts glauben. Diese sind harmlose Narren, denn sie wissen nicht, wovon sie reden. Unter ihnen befinden sich die Mehrzahl unserer Gelehrten, und sie sind die harmlosesten von allen, denn sie wissen noch nicht einmal, daß sie an das Nichts |Arendt-III-001-00000026 glauben. Nächst ihnen kommen die, welche das Nichts irgendwann einmal erfahren zu haben meinen. Diese sind auch harmlos, aber keine Narren, denn sie wissen zumindest, wovon sie reden. Dichter und Charlatane in der bürgerlichen Gesellschaft (nur selten gesellt sich zu ihnen ein Philosoph) -, nimmt sie ohnehin niemand ernst, selbst wenn sie eine so ehrlich-eindeutige Sprache führen wie der bisher größte von ihnen allen, der Lawrence von Arabien. Dann, nach ihnen, aber kommt die dritte Sorte, und das sind die Leute, welche sich vorgenommen haben, das Nichts herzustellen. Nun ist es zwar wahr, daß auch sie, gleich den Nichts-Gläubigen, Narren sind, denn niemand kann das Nichts herstellen; aber sie sind weit davon entfernt, harmlos zu sein. Ihnen vielmehr ist es gegeben, in dem vergeblichen Bemühen, das Nichts herzustellen, Vernichtung auf Vernichtung zu häufen. Dies tun sie unter dem bewundernden Beifallsgeschrei ihrer minder begabten oder minder skrupellosen Kollegen, welche ihre geheimen Träume oder ihre privatesten Erfahrungen in die Realität versetzt erblicken. |
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Vernichtung nämlich ist die radikalste Form der Herrschaft sowohl wie des Besitzes. Dies hat kein philosophierender Machtanbeter nach Hobbes, der die Gleichheit der Menschen auf das Töten-Können gründete, je wieder mit der gleichen grandiosen Unbekümmertheit auszusprechen gewagt. Ein Gesellschaftssystem, das sich wesentlich auf den Besitz gründete, konnte zu gar nichts anderem vorschreiten als zu der schließlichen Vernichtung allen Besitzes; denn nur was ich vernichte, habe ich definitiv und für alle Zeiten wirklich besessen. Und nur was ich in dieser vernichtenden Art besitze, kann ich wirklich definitiv beherrschen. Dieses letzte Geheimnis der Macht hat die bürgerliche Gesellschaft zu ihrem und unser aller Heile weder je erkannt, noch, als es ihr von Hobbes präsentiert wurde, je wirklich akzeptiert. Dies war der Sinn ihrer so außerordentlich vernünftigen und segensreichen Heuchelei, dem erst ihr Sprößling, der Mob, ein Ende bereitete. Dieser Heuchelei, diesem segensreichen Mangel an Konsequenz nämlich ist es ebensosehr zu verdanken wie der Stärke der abendländischen Tradition, die sich mit der Französischen Revolution für ein ganzes Jahrhundert noch einmal durchsetzte, daß erst dreihundert Jahre nach | Vernichtung nämlich ist die radikalste Form der Herrschaft sowohl wie des Besitzes. Dies hat kein philosophierender Machtanbeter nach Hobbes, der die Gleichheit der Menschen auf das Töten-Können gründete, je wieder mit der gleichen grandiosen Unbekümmertheit auszusprechen gewagt. Ein Gesellschaftssystem, das sich wesentlich auf den Besitz gründete, konnte zu gar nichts anderem vorschreiten als zu der schließlichen Vernichtung allen Besitzes; denn nur was ich vernichte, habe ich definitiv und für alle Zeiten wirklich besessen. Und nur was ich in dieser vernichtenden Art besitze, kann ich wirklich definitiv beherrschen. Dieses letzte Geheimnis der Macht hat die bürgerliche Gesellschaft zu ihrem und unser aller Heile weder je erkannt, noch, als es ihr von Hobbes präsentiert wurde, je wirklich akzeptiert. Dies war der Sinn ihrer so außerordentlich vernünftigen und segensreichen Heuchelei, dem erst ihr Sprößling, der Mob, ein Ende bereitete. Dieser Heuchelei, diesem segensreichen Mangel an |Arendt-III-001-00000027 Konsequenz nämlich ist es ebensosehr zu verdanken wie der Stärke der abendländischen Tradition, die sich mit der Französischen Revolution für ein ganzes Jahrhundert noch einmal durchsetzte, daß erst dreihundert Jahre nach |
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Die Disparatheit von Ursache und Wirkung, welche das Entstehen des Imperialismus kennzeichnet, ist somit selbst kein Zufall. Der Anlaß, das überflüssige, durch »oversaving« entstandene Kapital, das des Mobs bedurfte, um sich sicher und profitabel zu investieren, setzte einen Hebel in Bewegung, der verborgen und von besseren Traditionen verdeckt in der Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft immer mitenthalten gewesen war. Die von allen Prinzipien gereinigte Machtpolitik konnte sich ferner erst durchsetzen, als sie mit einer Masse von Menschen rechnen konnte, die aller Prinzipien ledig und numerisch so stark angewachsen war, daß sie die Fürsorgetätigkeit und Fürsorgefähigkeit des Staates überstieg. |Arendt-III-005-00000015 Daß dieser Mob von niemand anderem als imperialistischen Politikern bisher hat organisiert und von nichts anderem als Rasse-Doktrinen hat begeistert werden können, erweckt den verhängnisvollen Anschein, als könnte der Imperialismus mit den schweren innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Problemen unserer Zeit fertig werden. | Die Disparatheit von Ursache und Wirkung, welche das Entstehen des Imperialismus kennzeichnet, ist somit selbst kein Zufall. Der Anlaß, das überflüssige, durch »oversaving« entstandene Kapital, das des Mobs bedurfte, um sich sicher und profitabel zu investieren, setzte einen Hebel in Bewegung, der verborgen und von besseren Traditionen verdeckt in der Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft immer mitenthalten gewesen war. Die von allen Prinzipien gereinigte Machtpolitik konnte sich ferner erst durchsetzen, als sie mit einer Masse von Menschen rechnen konnte, die aller Prinzipien ledig und numerisch so stark angewachsen war, daß sie die Fürsorgetätigkeit und Fürsorgefähigkeit des Staates überstieg. Daß dieser Mob von niemand anderem als imperialistischen Politikern bisher hat organisiert und von nichts anderem als Rasse-Doktrinen hat begeistert werden können, erweckt den verhängnisvollen Anschein, als könnte der Imperialismus mit den schweren innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Problemen unserer Zeit fertig werden. |
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Je mehr in dem Bündnis zwischen Mob und Kapital die Initiative auf den Mob überging, desto mehr kristallisierte sich die imperialistische Ideologie um den Antisemitismus. Der Judenfrage war zwar schon eine gewisse Bedeutung innerhalb der rein national-staatlichen Entwicklung der Völker zugekommen; sie blieb aber für die große Politik von durchaus nebensächlichem Interesse. Der Mob, zu dessen Wesen es gehört, daß er sowohl aus dem Klassensystem der Gesellschaft wie aus der nationalen Verfassung der Staaten ausgeschaltet war, konzentrierte seine haßerfüllte Aufmerksamkeit von vornherein auf diejenigen, welche ebenfalls außerhalb der Gesellschaft und nur sehr unvollkommen innerhalb des Nationalstaates standen - auf die Juden. Der Mob blickte auf die Juden mit Neid wie auf den glücklicheren, erfolgreichen Konkurrenten. Mit einer doktrinären Konsequenz ohnegleichen, unbeirrt von der Frage, ob denn den Juden an sich überhaupt genügend Bedeutung zukäme, um sie zum Zentrum einer politischen Ideologie zu machen, entdeckten die Führer des Mobs sehr frühzeitig in ihnen eine nur scheinbar dem Nationalstaate eingegliederte, in Wahrheit international organisierte Gruppe von Menschen, die offenbar wesentlich durch die Bande des Blutes zusammengehalten waren. Darum hat auch die zusammengestümperte Fälschung der | Je mehr in dem Bündnis zwischen Mob und Kapital die Initiative auf den Mob überging, desto mehr kristallisierte sich die imperialistische Ideologie um den Antisemitismus. Der Judenfrage war zwar schon eine gewisse Bedeutung innerhalb der rein national-staatlichen Entwicklung der Völker zugekommen; sie blieb aber für die große Politik von durchaus nebensächlichem Interesse. Der Mob, zu dessen Wesen es gehört, daß er sowohl aus dem Klassensystem der Gesellschaft wie aus der nationalen Verfassung der Staaten ausgeschaltet war, konzentrierte seine |Arendt-III-001-00000028 haßerfüllte Aufmerksamkeit von vornherein auf diejenigen, welche ebenfalls außerhalb der Gesellschaft und nur sehr unvollkommen innerhalb des Nationalstaates standen - auf die Juden. Der Mob blickte auf die Juden mit Neid wie auf den glücklicheren, erfolgreichen Konkurrenten. Mit einer doktrinären Konsequenz ohnegleichen, unbeirrt von der Frage, ob denn den Juden an sich überhaupt genügend Bedeutung zukäme, um sie zum Zentrum einer politischen Ideologie zu machen, entdeckten die Führer des Mobs sehr frühzeitig in ihnen eine nur scheinbar dem Nationalstaate eingegliederte, in Wahrheit international organisierte Gruppe von Menschen, die offenbar wesentlich durch die Bande des Blutes zusammengehalten waren. Darum hat auch die zusammengestümperte Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion, die lehrte, wie man mit staatlichen Organismen und gesellschaftlichen Systemen fertig werden kann, mehr Einfluß auf die politische Taktik des Faschismus gehabt als alle Prediger der Macht, ja selbst als die eindeutig imperialistischen Rasse-Ideologien. |
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Das bisher stärkste Bollwerk gegen die schrankenlose Herrschaft der bürgerlichen Gesellschaft, gegen die Ergreifung der Macht durch den Mob und die Einführung imperialistischer Politik in die Struktur abendländischer Staaten ist der Nationalstaat gewesen. Seine Souveränität, die einst die Souveränität des Volkes selbst ausdrücken sollte, ist heute von allen Seiten bedroht. Zu der genuinen Feindschaft gegen ihn von seiten des Mob gesellt sich ein nicht weniger genuines Mißtrauen von seiten des Volkes selbst, das sich in ihm nicht mehr repräsentiert und durch ihn in seinem Bestand nicht mehr gesichert fühlt. Dieses grundsätzliche Gefühl der |Arendt-III-005-00000016 Unsicherheit war der stärkste Bundesgenosse, den Hitler zu Beginn des Krieges in Europa fand, und es wird durch die Besiegung Hitler-Deutschlands nicht einfach wieder verschwinden. | Das bisher stärkste Bollwerk gegen die schrankenlose Herrschaft der bürgerlichen Gesellschaft, gegen die Ergreifung der Macht durch den Mob und die Einführung imperialistischer Politik in die Struktur abendländischer Staaten ist der Nationalstaat gewesen. Seine Souveränität, die einst die Souveränität des Volkes selbst ausdrücken sollte, ist heute von allen Seiten bedroht. Zu der genuinen Feindschaft gegen ihn von seiten des Mob gesellt sich ein nicht weniger genuines Mißtrauen von seiten des Volkes selbst, das sich in ihm nicht mehr repräsentiert und durch ihn in seinem Bestand nicht mehr gesichert fühlt. Dieses grundsätzliche Gefühl der Unsicherheit war der stärkste Bundesgenosse, den Hitler zu Beginn des Krieges in Europa fand, und es wird durch die Besiegung Hitler-Deutschlands nicht einfach wieder verschwinden. |
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So erklärlich es ist, daß der Untergang des Nationalstaates im Verband mit dem Imperialismus gleichsam automatisch jenen Leviathan erzeugt hat dessen Grundstruktur Hobbes so meisterhaft vorentworfen hatte, so groß die Gefahr immer noch ist, daß der Mob diesen Untergang einer politischen Organisationsform abendländischer Völker in einen Untergang des Abendlandes verwandelt, so groß erscheinen auch heute wieder die Chancen, daß die Völker selbst, welche so lange mehr oder minder apathisch der Zersetzung ihrer politischen Körper zusahen, mit diesen Gefahren fertig werden. Nicht nur, weil die Unstabilität dieser nur auf Macht gegründeten Gebilde sich schneller erwiesen hat, als irgendwer hat voraussehen können. Sondern vor allem auch, weil sich herausgestellt hat, daß die Völker in ihrer Gesamtheit nicht in den Mob zu verwandeln sind. Hierzu wäre es nötig gewesen, daß der | So erklärlich es ist, daß der Untergang des Nationalstaates im Verband mit dem Imperialismus gleichsam automatisch jenen Leviathan erzeugt hat dessen Grundstruktur |Arendt-III-001-00000029 Hobbes so meisterhaft vorentworfen hatte, so groß die Gefahr immer noch ist, daß der Mob diesen Untergang einer politischen Organisationsform abendländischer Völker in einen Untergang des Abendlandes verwandelt, so groß erscheinen auch heute wieder die Chancen, daß die Völker selbst, welche so lange mehr oder minder apathisch der Zersetzung ihrer politischen Körper zusahen, mit diesen Gefahren fertig werden. Nicht nur, weil die Unstabilität dieser nur auf Macht gegründeten Gebilde sich schneller erwiesen hat, als irgendwer hat voraussehen können. Sondern vor allem auch, weil sich herausgestellt hat, daß die Völker in ihrer Gesamtheit nicht in den Mob zu verwandeln sind. Hierzu wäre es nötig gewesen, daß der |
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Wenn aller Voraussicht, aller berechtigten Hoffnung in die Lebensfähigkeit der europäischen Völker, allen Beweisen für die |Arendt-III-005-00000017 Unmöglichkeit, sie in ihrer Gesamtheit in Mob zu verwandeln, zum Trotz | Wenn aller Voraussicht, aller berechtigten Hoffnung in die Lebensfähigkeit der europäischen Völker, allen Beweisen für die Unmöglichkeit, sie in ihrer Gesamtheit in Mob zu verwandeln, zum Trotz es sich eines Tages bewahrheiten sollte, daß wir wirklich am Anfang jenes unendlichen Prozesses stehen, von dem Hobbes spricht, und der uns mit Notwendigkeit nur in den Untergang führen kann, so ist bereits heute klar, daß dieser wirkliche Untergang des Abendlandes sich in der Form des Unterganges oder der Verwandlung von Völkern in Rassen vollziehen wird. Bis von dem deutschen Volke wirklich nur noch »germanische« Rassestämme, von dem russischen nur noch »Slawen«, von dem englischen nur noch »weiße Männer« und von dem französischen nur noch » |
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Denn die Rasse ist - was immer auch die Gelehrten von den natur- und geschichtswissenschaftlichen Fakultäten dazu sagen mögen -, politisch gesprochen, nicht der Anfang, sondern das Ende der Menschheit, nicht der Ursprung des Volkes, sondern sein Untergang, nicht die natürliche Geburt des Menschen, sondern sein unnatürlicher Tod. | Denn die Rasse ist - was immer auch die Gelehrten von den natur- und geschichtswissenschaftlichen Fakultäten dazu sagen mögen -, politisch gesprochen, nicht der Anfang, sondern das Ende der Menschheit, nicht der Ursprung des Volkes, sondern sein Untergang, nicht die natürliche Geburt des Menschen, sondern sein unnatürlicher Tod. |
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1 Mit der Erhebung des Zufalls zum letzten Maßstab über Sinn und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens entsteht der bürgerliche Schickcsalsbegriff, der ent im 19. Jahrhundert zur vollen Entwicklung kommt. Auf ihm beruht die neue Gattung des Romans, der nur Schicksale zu erzählen weiß, und der Verfall des Dramas, das in einer Welt ohne Handlung, in der nämlich der Handelnde sich immer schon der Notwendigkeit unterworfen oder vom Zufall profitiert hat, nichts mehr darstellen kann. Der Roman hingegen, für den seit Balzac selbst die Leidenschaften, von Tugend und Laster entleert, sich als Schicksale von außen präsentieren, konnte jene sentimentale Verliebtheit in das eigene Schicksal lehren, welche am Ende des Jahrhunderts, vor allem seit Nietzsche, eine so große Rolle in der Intelligenz gespielt hat. Durch solche Verliebtheit versuchte man aus der Unmenschlichkeit des zufälligen Verdiktes zurückzukehren in die Fassung- und Leidenskraft des Menschen, der, wenn er schon sonst nichts mehr war, doch wenigstens ein bewußtes Opfer sein sollte. | 1 Mit der Erhebung des Zufalls zum letzten Maßstab über Sinn und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens entsteht der bürgerliche Schicksalsbegriff, der erst im 19. Jahrhundert zur vollen Entwicklung kommt. Auf ihm beruht die neue Gattung des Romans, der nur Schicksale zu erzählen weiß, und der Verfall des Dramas, das in einer Welt ohne Handlung, in der nämlich der Handelnde sich immer schon der Notwendigkeit unterworfen oder vom Zufall profitiert hat, nichts mehr darstellen kann. Der Roman hingegen, für den seit Balzac selbst die Leidenschaften, von Tugend und Laster entleert, sich als Schicksale von außen präsentieren, konnte jene sentimentale Verliebtheit in das eigene Schicksal lehren, welche am Ende des Jahrhunderts, vor allem seit Nietzsche, eine so große Rolle in der Intelligenz gespielt hat. Durch solche Verliebtheit versuchte man aus der Unmenschlichkeit des zufälligen Verdiktes zurückzukehren in die Fassung- und Leidenskraft des Menschen, der, wenn er schon sonst nichts mehr war, doch wenigstens ein bewußtes Opfer sein sollte. |