Rahel Varnhagen. Eine Biographie (Typoskript 1933, Berliner Fassung) Rahel Varnhagen. Eine Biographie (Typoskript 1956, New Yorker Fassung) Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik (1959) Aus dem Judentum kommt man nicht heraus (Vorabdruck) Paria und Parvenu: Rahel Varnhagen und die Assimilation der deutschen Juden
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Rahel Varnhagen. Eine Biographie [Berliner Fassung]
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I. Kapitel. Benachteiligtsein.
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Im Jahre 1771 wird Rahel Levin in Berlin geboren: der Vater ein jüdischer Juwelenhändler, wohlhabend, klug und ungebildet, die Mutter ohne eigene Kontur, anlehnungsbedürftig, in ständiger Angst vor der Tyrannei des Mannes, Mutter von fünf Kindern. Das Haus schon fast traditionslos geworden - wenn auch die äusseren Gebräuche noch gehalten werden, noch nicht assimiliert. Der Scharfsinn ist nur der Scharfsinn des Erwerbs; man kennt weder Bildung noch Talmudwissen. Geistigkeit wird repräsentiert in Mendelssohn. Man kennt ihn und seine Freundschaft mit Lessing, auf die man stolz ist, man kennt den Nathan, - Lessings Bild hängt an der Wand -. Wissen soll den Kindern gegeben werden, man engagiert einen Hauslehrer, der sehr mittelmässig ausfällt. Merkwürdige Aufgabe, diesen Kindern, deren Eltern von nichts etwas wissen, Bildung zu vermitteln.
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Rahel hat nichts gelernt, sie kann keine »Antworten lernen«, sie bleibt eine »Ignorantin«. Die uralte Hochschätzung des Wissens, die dem Ghettojuden allein noch die Würde seiner Existenz garantierte und unabhängig machte von der Schätzung der nicht-jüdischen Umwelt, weil in diesem Wissen die Auserwähltheit des Volkes und der Sinn seines Unglücks verborgen war; das Vorbild Mendelssohns, dem es allein schon durch eine Bildungsassimilation gelungen ist, einen Namen zu bekommen, nicht totgeschwiegen zu werden, nicht verachtet zu sein, - beides macht die Ignoranz zu einem Stigma des Benachteiligtseins.
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Der Vater ist klug, er ist witzig und er ist unumschränkter Herr des Hauses. Er ist launisch bis zur völligen Unberechenbarkeit, seine Ausbrüche sind nicht Strafe für etwas Wohlverdientes, sondern unvorhersehbare Ereignisse. Diese Ereignisse sind psychologisch |2 durchschaubar, sie sind nur Launen und frisieren sich zu Geschehnissen auf. Sie sind zwar mächtig, aber nicht undurchsichtig. Der Vater ist nur rücksichtslos. Aber das Kind kann nicht destruieren. Es ist an die Autorität gebunden; ist diese unberechenbar, so muss es sich doch fügen. Für das Kind sind auch Launen Ereignisse, denen man sich fügen muss, wie Schicksalsschlägen. Und vielleicht ist es auch gleichgültig, woher der Schlag kommt und wichtig nur das eine: dass man lernt, dass es keine Rücksicht gibt.
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Rücksicht. Aber Rücksicht worauf? Auf das, was sie ist, natürlicherweise ist, auf alles, was Entwicklung an den Tag bringen kann, auf jede naturhafte Sensibilität der Seele, auf die bestimmte einmalige Anordnung des Seelischen gerade in ihr; auf ihre Reaktionen, auf ihre Nerven, auf ihre Organe. Es gibt keine Zärtlichkeit für dieses Kind, das so zart ist, dass es gleich nach der Geburt in Baumwolle gepackt werden musste, um nur am Leben zu bleiben. Die Natur wird zurückgeworfen und Rahel wird »wie eine Pflanze, die nach der Erde hinein treibt: die schönsten Eigenschaften werden die widrigsten«.
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Rahel Varnhagen Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik
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Für Anne seit 1921
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We tell you, tapping on our brows, The story as it should be, - As if the story of a house Were told or ever could be; We’ll have no kindly veil between Her visions and those we have seen, - As if we guessed what hers have been, Or what they are or would be. Meanwhile we do no harm; for they That with a god have striven, Not hearing much of what we say, Take what the god has given; Though like waves breaking it may be, Or like a changed familiar tree, Or like a stairway to the sea Where down the blind are driven.
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Edwin Arlington Robinson
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Vorwort
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Das Manuskript dieses Buches war bis auf die letzten beiden Kapitel fertig, als ich Deutschland 1933 verließ, und auch die beiden letzten Kapitel sind vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben. Ich beabsichtigte ursprünglich, dem Buch einen ausführlichen Anhang und Anmerkungsapparat beizugeben, in welchem ein Teil des ungedruckten Brief- und Tagebuchmaterials, das sich im Varnhagen-Archiv der Handschriften-Abteilung der Preußischen Staatsbibliothek befand, veröffentlicht werden sollte. Das Varnhagen-Archiv, das außer dem Rahel-Nachlaß sehr reiche Bestände aus dem Romantiker-Kreis besaß1, ist während des Krieges zusammen mit anderen wertvollen Handschriften in eine der östlichen Provinzen Deutschlands ausgelagert worden und nicht wieder nach Berlin zurückgekehrt; über seinen Verbleib ist meines Wissens nichts bekannt. So ist es mir unmöglich, meinen damaligen Plan auszuführen, und ich habe mich statt dessen begnügen müssen, aus meinen alten Exzerpten, Fotokopien und Abschriften das mitzuteilen, was mir auch ohne nochmalige Vergleichung mit den Originalen als einigermaßen gesichert erscheint. Besonders bedauerlich ist, daß auf diese Weise der vollständige Text der Briefe von Gentz an Rahel, von denen in den |II-001-Lebensgeschichte-1959-00000006 vorliegenden Veröffentlichungen sehr interessante und für die Vorurteilslosigkeit der Zeit sehr bezeichnende Teile der Biedermeier-Moral zum Opfer gefallen sind, wieder nicht publiziert werden kann; in meinen Abschriften finden sich nur diejenigen Ergänzungen, die ich für meine Darstellung brauchte. Für die Darstellung selbst ist der größte Verlust der umfangreiche Briefwechsel zwischen Rahel und Pauline Wiesel, der Geliebten des Prinzen Louis Ferdinand, der einhundertsechsundsiebzig Briefe von Pauline an Rahel und hundert Briefe von Rahel an Pauline umfaßte. Sie waren die wichtigste Quelle für Rahels Leben nach ihrer Heirat mit Varnhagen, und auf sie vor allem stützen sich die zuweilen recht radikalen Korrekturen an dem gängigen Rahel-Bild der Literatur, die sich in meiner Biographie finden. Dieser Briefwechsel ist kaum je benutzt worden, weil Varnhagen, der die meisten Briefe der Rahel in seiner leserlichen Handschrift abgeschrieben (diese Abschriften bildeten einen Teil des Varnhagen-Archivs) und so zum Druck bereits vorbereitet hatte, von den Briefen an Pauline nur siebzehn kopierte; die späteren Bearbeiter des Nachlasses dürften dieses Material wohl schon darum nicht benutzt haben, weil Handschriften und Orthographie beider Frauen schwer leserlich waren. Eine Auswahl aus dieser Korrespondenz hat Carl Atzenbeck in seinem Briefband Pauline Wiesel veröffentlicht.
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Abgesehen von den bekannten Publikationen der Rahel-Briefe, die in der Bibliographie aufgezählt sind, stützt sich die Darstellung auf ein recht umfangreiches, nicht gedrucktes Material. Hierhin gehören auch zahlreiche Korrekturen und Ergänzungen der Briefe und Tagebucheintragungen, die Varnhagen in den drei Bänden Buch des Andenkens 1834 veröffentlicht hat.2 Die große Eigenmächtigkeit Varnhagens in der Veröffentlichung oder Vorbereitung des Rahelschen Nachlasses, die in manchen, nicht häufigen Fällen auch vor Interpolationen und Vernichtung oder Verstümmelung von Briefen nicht zurückscheute3, durchgängig korrigierte, wesentliche Abschnitte ausließ und Personennamen so |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000007 verschlüsselte, daß der Leser absichtlich irregeführt wurde, ist bekannt genug.4 Das hat nicht hindern können, daß sich Varnhagens Auffassung der Rahel, seine Platt- und Schönmalerei wie seine absichtlichen Verfälschungen ihres Lebens nahezu unumstritten durchgesetzt haben. Was die letzteren betrifft, so ist für uns vor allem von Belang, daß die Auslassungen und irreführenden Verschlüsselungen von Namen in nahezu allen Fällen dazu dienen sollten, Rahels Umgang und Freundeskreis weniger jüdisch und mehr aristokratisch zu machen und Rahel selber in einem konventionelleren und dem Geschmack der Zeit genehmeren Licht erscheinen zu lassen. Für das erstere ist charakteristisch, daß Henriette Herz immer als Frau von B. oder Frau von Bl. erscheint, auch an den Stellen, wo Rahel sich nicht weiter ungünstig über sie äußert; daß Rebecca Friedländer, die sich als Schriftstellerin Regina Frohberg nannte, stets mit der Chiffre Frau von Fr. bezeichnet ist; für das letztere, daß die wenigen Briefe und Briefauszüge an Pauline Wiesel als Tagebuchnotizen frisiert oder an eine Frau von V. gerichtet erscheinen, so daß die Rolle, die diese Freundschaft in Rahels Leben spielte, aus den Dokumenten herausredigiert ist.
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Es hat immer etwas Mißliches, wenn ein Autor über sein eigenes Buch spricht, auch wenn seine Entstehung ein halbes Menschenleben zurückliegt. Da aber die Darstellung aus einem in der Biographien-Literatur ungewohnten Aspekt entstanden und geschrieben ist, darf ich mir vielleicht doch einige erläuternde Bemerkungen erlauben. Ich hatte niemals die Absicht, ein Buch über die Rahel zu schreiben, über ihre Persönlichkeit, die man psychologisch und in Kategorien, die der Autor von außen mitbringt, so oder anders interpretieren und verstehen kann; oder über ihre Stellung in der Romantik und die Wirkung des von ihr eigentlich inaugurierten Goethe-Kultes in Berlin; oder über die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000008 Bedeutung ihres Salons in der Gesellschaftsgeschichte der Zeit; oder über ihre Gedankenwelt und ihre »Weltanschauung«, sofern sich eine solche aus ihren Briefen konstruieren lassen sollte. Was mich interessierte, war lediglich, Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können. Warum sie selbst sich, im Unterschied zu dem, was andere über sie sagten, für außerordentlich hielt, hat sie in nahezu jeder Epoche ihres Lebens in sich gleichbleibenden Wendungen und Bildern, die alle das umschreiben sollten, was sie unter Schicksal verstand, zum Ausdruck gebracht. Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, daß es sie treffen konnte »wie Wetter ohne Schirm« (»Was machen Sie? Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen.«5) und weder Eigenschaften noch Meinungen - über die ihr begegnenden Menschen, über die Umstände und Zustände der Welt, über das Leben selbst - dazu zu benutzen, sich selbst einigermaßen zu schützen. Hierzu gehört, daß sie nicht wählen und nicht handeln kann, weil Wahl und Handeln bereits dem Leben zuvorkommen und das reine Geschehen verfälschen würden. Was ihr zu tun verblieb, war ein »Sprachrohr« des Geschehenen zu werden, das Geschehene in ein Gesagtes umzuwandeln. Dies gelingt, indem man in der Reflexion sich selbst und anderen die eigene Geschichte immer wieder vor- und nacherzählt; dadurch wird sie zum Schicksal: »Es hat ein jeder ein Schicksal, der da weiß, was er für eines hat.« Die einzigen Eigenschaften, die man hierzu haben oder in sich mobilisieren muß, sind eine nie nachlassende Wachheit und Schmerzfähigkeit, um treffbar und bewußt zu bleiben.
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Das romantische Element, das in diesem Unterfangen steckt, hat Rahel selbst sehr klar bezeichnet, als sie einmal sich den »größten Künstlern« verglich und meinte: »Mir aber war das Leben angewiesen.« Das Leben so zu leben, als sei es ein Kunstwerk, zu glauben, daß man aus seinem eigenen Leben durch »Bildung« eine Art Kunstwerk machen könne, ist der große Irrtum, den Rahel mit ihren Zeitgenossen teilte, oder vielleicht auch nur das Selbstmißverständnis, das unausweichlich war, wollte sie ihr Lebensgefühl - die Entschlossenheit, das Leben und die Geschichte, die es den Lebendigen diktiert, wichtiger und ernster zu nehmen als die eigene Person - in den Kategorien ihrer Zeit verstehen und aussprechen.
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Die Darstellung also folgt, wiewohl sie sich naturgemäß einer anderen Sprache bedient und nicht nur in Variationen von Zitaten besteht, mit |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000009 größtmöglicher Genauigkeit den Reflexionen der Rahel und tritt auch dann nicht aus deren Rahmen, wenn anscheinend so etwas wie Kritik an Rahel geübt wird. Die Kritik entspricht der Rahelschen Selbstkritik, und da sie, von modernen Minderwertigkeitsgefühlen unbeschwert, mit Recht von sich sagen konnte, daß sie nicht eitel nach Beifall strebe, »den ich mir nicht selbst gebe«, hatte sie es auch nicht nötig, »Schmeichelvisiten bei sich selbst abzulegen«. Ich kann hier natürlich nur davon sprechen, was ich beabsichtigte; wo immer mir dies Beabsichtigte nicht geglückt ist, mag es dann so aussehen, als ob von irgendeiner höheren Warte über Rahel geurteilt würde; dann ist mir eben das, was ich eigentlich wollte, mißlungen.
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Ähnliches gilt für die behandelten Personen und die Literatur der Zeit. Sie ist durchgängig aus ihrem Aspekt gesehen, und es wird kaum ein Autor erwähnt, von dem es nicht sicher oder zumindest wahrscheinlich ist, daß sie ihn gekannt und daß das, was er geschrieben hat, von Bedeutung für ihre eigene Reflexion geworden ist. Schwieriger schon ist, daß das gleiche auch für die Judenfrage gilt, die für Rahels Schicksal ihrer eigenen Meinung nach entscheidend war. Denn in diesem Falle ist ihr Verhalten und ihre Reaktion maßgebend geworden für Verhalten und Seelenverfassung eines Teils des gebildeten deutschen Judentums und hat daher eine begrenzte geschichtliche Bedeutung bekommen, auf die aber dies Buch gerade nicht eingeht.
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Das deutschsprachige Judentum und seine Geschichte ist ein durchaus einzigartiges Phänomen, das auch im Bereich der sonstigen jüdischen Assimilationsgeschichte nicht seinesgleichen hat. Die Umstände und Bedingungen dieses Phänomens zu erforschen, das sich unter anderem in einem geradezu bestürzenden Reichtum an Begabungen und wissenschaftlicher und geistiger Produktivität äußerte, wird eine historische Aufgabe ersten Ranges sein, die aber natürlicherweise erst heute in Angriff genommen werden kann, nachdem die Geschichte der deutschen Juden zu Ende ist. Die vorliegende Biographie ist zwar schon mit dem Bewußtsein des Untergangs des deutschen Judentums geschrieben (wiewohl natürlich ohne jede Ahnung davon, welche Ausmaße die physische Vernichtung des jüdischen Volkes in Europa annehmen würde); aber die Distanz, in der das Phänomen im ganzen erscheint, habe ich damals, kurz vor Hitlers Machtübernahme, nicht gehabt. Sieht man dies Buch als einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Juden, so darf man nicht übersehen, daß hier nur ein Aspekt der Problematik der Assimilation |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000010 behandelt ist, nämlich die Art und Weise, in der das Sich-Assimilieren an das geistige und gesellschaftliche Leben der Umwelt sich konkret in einer Lebensgeschichte auswirkte und so zu einem persönlichen Schicksal werden konnte. Andererseits darf nicht vergessen werden, daß der behandelte Stoff durchaus ein historischer ist und daß heute nicht nur die Geschichte der deutschen Juden, sondern auch ihre spezifische Problematik eine Sache der Vergangenheit ist.
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Es liegt in der Natur der gewählten Methode, daß bestimmte Beobachtungen psychologischer Art, die sich aufzudrängen scheinen, kaum erwähnt und überhaupt nicht kommentiert werden. Der moderne Leser wird schwerlich umhin können, sofort zu bemerken, daß Rahel weder schön noch attraktiv war, daß alle Männer, mit denen sie in einem Liebesverhältnis gestanden hat, erheblich jünger waren als sie selbst; daß ihrer außerordentlichen Klugheit und leidenschaftlichen Ursprünglichkeit keinerlei Gaben zur Verfügung standen, durch die sie das Erfahrene hätte transformieren und objektivieren können; schließlich, daß sie eine typisch »romantische« Existenz war und daß das Frauenproblem, nämlich die Diskrepanz zwischen dem, was Männer von Frauen »überhaupt« erwarteten und dem, was sie geben konnte oder ihrerseits erwartete, in den Verhältnissen der Zeit vorgezeichnet und nahezu unüberbrückbar war. Meine Darstellung, die hiervon nur das Nötigste, das in den faktischen biographischen Zusammenhang gehört, erwähnt, konnte auf all dies keine Rücksicht nehmen, da es sich gerade darum handelte, nicht mehr wissen zu wollen, als was Rahel selbst gewußt hat, und ihr kein anderes Schicksal aus vermeintlich überlegenen Beobachtungen anzudichten, als sie bewußt gehabt und erlebt hat. Die moderne Indiskretion, die versucht, dem anderen auf die Schliche zu kommen, und mehr zu wissen wünscht oder zu durchschauen meint, als er selbst von sich gewußt hat oder preiszugeben gewillt war, wie der zu dieser Art Neugier gehörende, m. E. pseudowissenschaftliche Apparat von Tiefenpsychologie, Psychoanalyse, Graphologie usw. sind hier bewußt vermieden.
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Daß ich mich entschloß, dies Manuskript aus der Schublade zu nehmen, in der es schließlich nach manchen Irrfahrten friedlich gelandet war, ist ausschließlich der Anregung und großzügigen Hilfe des Leo-Baeck-Instituts (Jerusalem - London - New York) geschuldet, das eine englische Ausgabe der Biographie in London veranlaßte mit einem Anhang bisher unveröffentlichter Briefe und Tagebuchstellen der Rahel. Nachdem |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000011 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000012 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000013 aber das Buch in Übersetzung erschienen war, mochte ich es auch nicht mehr in seiner Originalfassung unveröffentlicht lassen. Und da ich hoffe, daß im heutigen Deutschland ein mehr als nur wissenschaftlich-akademisches Interesse an der Geschichte und Physiognomie des deutschen Judentums besteht, habe ich der deutschen Ausgabe eine Auswahl von Briefen der Rahel beigegeben und auf den Anhang verzichtet.
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Es ist natürlich nahezu unmöglich, ein fünfundzwanzig Jahre altes Manuskript, das noch nicht zum Druck fertiggestellt war, in philologisch einwandfreier Weise mit dem nötigen Anmerkungsapparat und Quellennachweisen herauszugeben. Und wenn es möglich wäre, so würde es mehr Zeit und Mühe kosten, als sachlich zu verantworten wäre. Aber soweit es möglich ist, hat Frau Dr. Lotte Köhler es geleistet. Sie hat die Zitate in meinem Text fast alle nochmals kontrolliert. Sie hat auch aus meinen alten Notizen die Bibliographie, so gut es gehen wollte, zusammengestellt und die Zeittafel hinzugefügt. Dabei konnte die Rahel-Literatur, die zu einem großen Teil aus Zeitschriftenartikeln und Essays in Sammelwerken besteht, von uns hier in Amerika nicht berücksichtigt werden. Schließlich hat sie mit mir zusammen die Auswahl der Rahel-Briefe in dem zweiten Teil dieses Buches besorgt und all die Briefe, welche nur in der Varnhagenschen Redaktion vorlagen, also in dem dreibändigen Buch des Andenkens von 1834, nach meinen Notizen aus dem Varnhagen-Archiv korrigiert. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich ihr danke. Ohne ihre Hilfe hätte ich gar nicht daran denken können, dies Manuskript doch noch zu veröffentlichen.
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New York, Herbst 1958
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1. Kapitel Jüdin und Schlehmihl 1
Jüdin und Schlemihl1771-17951
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»Welche Geschichte! - Eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe und Pflege von Euch! ... Mit erhabenem Entzücken denk’ ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumfernen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht’ ich das jetzt missen.« So berichtet Varnhagen von Rahels Totenbett. Dreiundsechzig Jahre hat sie gebraucht zu lernen, was 1700 Jahre vor ihrer Geburt begann, zur Zeit ihres Lebens eine entscheidende Wendung und hundert Jahre nach ihrem Tode - sie starb am 7. März 1833 - ein vorläufiges Ende nahm.
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Schwer mag es sein, seine eigene Geschichte zu kennen, wenn man 1771 in Berlin geboren wird und diese Geschichte schon 1700 Jahre früher in Jerusalem beginnt. Kennt man sie nicht, und ist man auch nicht geradezu ein Lump, der jederzeit Gegebenes anerkennt, Widriges umlügt und Gutes vergißt, so rächt sie sich und wird in ihrer ganzen Erhabenheit zum persönlichen Schicksal, was für den Betroffenen kein Vergnügen ist. Rahels Geschichte wird zwar nicht kürzer, weil sie sie vergessen hat, und nicht originaler, weil sie in voller Ahnungslosigkeit alles wie zum ersten Male erfährt. Aber einprägsamer wird Geschichte, wenn sie als individuelles Schicksal einmal - wie selten - rein sich auswirken kann; wenn sie auf einen Menschen trifft, der sich nicht hinter Eigenschaften und Talenten verkriechen, nicht unter Sitten und Konvention verbergen kann wie unter einem Schirm bei schlechtem Wetter; wenn man zusehen kann, wie sie dem kleinen Schlemihl von Mensch, dem das alles höchst unerwartet kommt, einiges von ihrer Bedeutung einpaukt.
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»Was ist der Mensch ohne seine Geschichte? Produkt der Natur - nicht Persönlichkeit2.« Die Geschichte der Persönlichkeit ist älter als das Produkt der Natur, beginnt früher als das individuelle Schicksal, kann das, was Natur in uns ist und bleibt, beschützen oder zerstören. Die grosse3 Geschichte, in der unsere kleine Geburt sich fast verliert, muss4 kennen und abschätzen können, wer von ihr Schutz und Hilfe erwartet. Dem »Naturprodukt« schlägt sie über dem Kopfe5 zusammen, gibt seinem Natürlichsten6 gerade keinen Ausweg, lässt7 es degenerieren --8 »wie eine Pflanze, die nach der Erde hineintreibt: die schönsten Eigenschaften werden die widrigsten.«9
»Was ist der Mensch,1 ohne seine Geschichte? Produkt der Natur, und nichts Persönliches2.« Die Geschichte der Persönlichkeit ist älter als das Produkt der Natur, beginnt früher als das individuelle Schicksal, kann das, was Natur in uns ist und bleibt, beschützen oder zerstören. Die große3 Geschichte, in der unsere kleine Geburt sich fast verliert, muß4 kennen und abschätzen können, wer von ihr Schutz und Hilfe erwartet. Dem »Naturprodukt« schlägt sie über dem Kopf5 zusammen, gibt seinem Nützlichsten6 gerade keinen Ausweg, läßt7 es degenerieren - »wie eine Pflanze, die nach der Erde hineintreibt: die schönsten Eigenschaften werden die hideusesten«.9
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Schwer mag es sein, seine eigene Geschichte zu kennen, wenn man 1771 in Berlin geboren wird und diese Geschichte schon 1700 Jahre früher in Jerusalem beginnt. Kennt man sie nicht und ist man auch nicht direkt ein Lump, der jederzeit Gegebenes anerkennt, Widriges umlügt und Gutes vergisst, so rächt sie sich und wird in ihrer ganzen Erhabenheit zum persönlichen Schicksal, was für den Betroffenen kein Vergnügen ist. Rahels Geschichte wird zwar nicht kürzer, weil sie sie vergessen hat, und nicht originaler, weil sie in voller Ahnungslosigkeit alles wie zum ersten Mal erfährt.
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Aber einprägsamer wird Geschichte, wenn sie selber als individuelles Schicksal einmal rein sich auswirken kann; wenn sie auf einen Menschen trifft, der sich nicht hinter Eigenschaften und Talenten verkriechen, nicht unter Sitten und Konvention zu verbergen vermag wie unter einem Schirm bei schlechtem Wetter; wo man dann sehen kann, wie sie dem kleinen Schlehmihl von Mensch, dem das alles |2 höchst unerwartet kommt, einiges von seiner Bedeutung einpaukt. »Welche Geschichte ! - Eine aus Ägypten und Palestina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe, Pflege von Euch!.. Mit erhabenem Entzücken denke ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neusten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumentfernungen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die grösste Schmach, das Leid und Unglück meines Lebens war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen.« (So berichtet Varnhagen von ihrem Totenbett)
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Man1 kann sein Leben sehen als die kontinuierliche Folge dessen, was man immer schon war. Die Welt wird dann im weitesten Sinn4 zur Schule, die Menschen zu Erziehern oder5 Verführern. Man kann sich von der Welt zurückziehen und man findet sich6, den der man war, bevor man anfing. Die eigene Substanz7 ist dem Leben transzendent8, das Leben kann nur bestätigen, es kann erfüllen oder enttäuschen9. Das Leben kann scheitern oder gelingen, aber man selbst ist untreffbar. Diese erste Unantastbarkeit ist nicht tragfähig; scheitert10 das Leben wirklich, so scheint der Schmerz nicht ertragbar11, die Natur wird zwar nicht zerstört12, aber ausgelaugt. Die13 einzige Kontinuität in der Zeit, die die14 Natur kennt, die Entwicklung, ist im Scheitern abgeschnitten, und der15 Mensch, |3 nur auf seine16 Natur verwiesen, geht an seiner Erfahrungslosigkeit zu Grunde. Er bleibt ohne Geschichte. Nur dort17, wo Natur und Leben identisch sind18, - »was man in der Jugend sich wünscht, hat man im Alter die Fülle« - hat die Entwicklung einen tragenden Sinn. Dann sind alle »Werke« »Bruchstücke einer grossen Konfession«, und ihre Geschichte wird zugleich die Geschichte der deutschen Literatur. Vor dieser Identität wird die Alternative von Innen und Aussen hinfällig. Die Unantastbarkeit des Anfangs schlägt um in Repräsentation - nicht von etwas Bestimmten - sondern in die Repräsentation seiner19 selbst, in der man die Welt auch ohne Erfahrung hat, weil man die Geschichte ist20.
Ist man in der Welt beheimatet, so1 kann man2 sein Leben sehen als die Entwicklung des »Naturproduktes«, als die3 kontinuierliche Folge dessen, was man immer schon war. Die Welt wird dann im weitesten Sinne4 zur Schule, die Menschen zu Erziehern und5 Verführern. Schade nur6, dass die rein sich entwickelnde Menschennatur auf Glück angewiesen7 ist, wie Getreide auf gutes Wetter9. Denn miss= lingt10 das Leben wirklich in den paar wichtigsten Dingen11, die von ihm natürlicherweise erwartet werden12, so ist die13 einzige Kontinuität in der Zeit, welche14 Natur kennt, die Entwicklung, abgeschnitten und der Schmerz überwältigend. Der15 Mensch, nur auf Natur verwiesen, geht an seiner Erfahrungslosigkeit, an seiner Unfähigkeit18, mehr zu begreifen, als sich19 selbst, zu Grunde20.
Ist man in der Welt beheimatet, so1 kann man2 sein Leben sehen als die Entwicklung des »Naturproduktes«, als die3 kontinuierliche Folge dessen, was man immer schon war. Die Welt wird dann im weitesten Sinne4 zur Schule, die Menschen zu Erziehern und5 Verführern. Schade nur6, daß die rein sich entwickelnde Menschennatur auf Glück angewiesen7 ist, wie Getreide auf gutes Wetter9. Denn mißlingt10 das Leben wirklich in den paar wichtigsten Dingen11, die von ihm natürlicherweise erwartet werden12, so ist die13 einzige Kontinuität in der Zeit, welche14 Natur kennt, die Entwicklung, abgeschnitten und der Schmerz überwältigend. Der15 Mensch, nur auf Natur verwiesen, geht an seiner Erfahrungslosigkeit, an seiner Unfähigkeit18, mehr zu begreifen als sich19 selbst, zugrunde20.
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Die deutsche Geschichte kennt nur ein einziges Beispiel wirklicher Identität von Natur und Geschichte: »Als ich 18 Jahre alt1 war, war die deutsche Literatur2 auch erst 18.3« (Goethe) Ein einziges Mal durfte Entwicklung, natürlichste Entwicklung einen das Leben tragenden Sinn, eine die Geschichte erhellende Bedeutung bekommen; einmal nur6 durften »Werke« nichts sein als |3 »Bruchstücke einer grossen7 Konfession« (Goethe)8, weil ihre Geschichte einmal und nie wieder zur Geschichte der deutschen Literatur wurde.
Die deutsche Geschichte kennt nur ein einziges Beispiel wirklicher Identität von Natur und Geschichte: »Als ich achtzehn1 war, war Deutschland2 auch erst achtzehn3« (Goethe).4 Ein einziges Mal durfte Entwicklung, natürlichste Entwicklung,5 einen das Leben tragenden Sinn, eine die Geschichte erhellende Bedeutung bekommen; einmal durften »Werke« nichts sein als »Bruchstücke einer großen7 Konfession«, weil ihre Geschichte einmal und nie wieder zur Geschichte der deutschen Literatur wurde.
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Vor solcher Identität, solchem grossen1, gekannten und höchst geliebten Beispiel konnten auch Klügeren und Begabteren die Mass= stäbe2 verrutschen, konnten auch Vernünftigere und Gebildetere zu übermässigen3 Glücksansprüchen, zu übermässiger4 Schmerzempfindlichkeit verführt werden. In solcher Identität allerdings schlägt die Unantastbarkeit des Anfangs in Repräsentation um --5 nicht von etwas Bestimmten6, Anderen7, sondern --8 seiner selbst, in der die Welt auch ohne Erfahrung gekannt ist von dem, welcher selbst die Geschichte ist.
Vor solcher Identität, solchem großen1, gekannten und höchst geliebten Beispiel konnten auch Klügeren und Begabteren die Maßstäbe2 verrutschen, konnten auch Vernünftigere und Gebildetere zu übermäßigen3 Glücksansprüchen, zu übermäßiger4 Schmerzempfindlichkeit verführt werden. In solcher Identität allerdings schlägt die Unantastbarkeit des Anfangs in Repräsentation um - nicht von etwas Bestimmtem6, Anderem7, sondern - seiner selbst, in der die Welt auch ohne Erfahrung gekannt ist von dem, welcher selbst die Geschichte ist.
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Juden konnten damals in Berlin aufwachsen wie Kinder wilder Völkerstämme. Auch Rahel hat nichts gelernt, nicht ihre eigene Geschichte, nicht die des andern1 Volkes, dessen volle Mitbürgerin zu sein zeitlebens ihr schönster Traum, ihre böseste Illusion blieb2. Gelderwerb und Studium des Gesetzes waren die Lebenszentren des Ghettos gewesen. Reichtum und Bildung halfen seine Tore sprengen: Generalprivilegierte3 Münzjuden und Moses Mendelssohn. Juden des 19.4 Jahrhunderts haben sich beider Dinge zu bemächtigen gewusst5. Sicherheitshalber liessen6 reiche Eltern ihre Söhne auch noch studieren. In der kurzen und recht stürmischen Spanne7 zwischen Ghetto und Assimilation gab es das noch nicht. Reiche waren nicht gebildet, und Gebildete nicht reich. Rahel stammt aus dem Hause eines reich gewordenen Juwelenhändlers. Das entschied bereits über ihre8 Erziehung, sie bleibt Zeit ihres Lebens »der grösste9 Ignorant10
Juden konnten damals in Berlin aufwachsen wie Kinder wilder |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000017 Völkerstämme. Auch Rahel hat nichts gelernt, nicht ihre eigene Geschichte, nicht die des anderen1 Volkes. Gelderwerb und Studium des Gesetzes waren die Lebenszentren des Ghettos gewesen. Reichtum und Bildung halfen seine Tore sprengen: generalprivilegierte3 Münzjuden und Moses Mendelssohn. Juden des neunzehnten4 Jahrhunderts haben sich beider Dinge zu bemächtigen gewußt5. Sicherheitshalber ließen6 reiche Eltern ihre Söhne auch noch studieren. In der kurzen und recht stürmischen Zwischenspanne7 zwischen Ghetto und Assimilation gab es das noch nicht. Reiche waren nicht gebildet, und Gebildete nicht reich. Rahel stammt aus dem Hause eines reich gewordenen Juwelenhändlers. Das entschied bereits über das Schicksal ihrer8 Erziehung, sie bleibt Zeit ihres Lebens »der erste9 Ignorant«.10
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Leider bleibt sie nicht reich. Als der Vater stirbt, übernehmen die Söhne das Geschäft, sichern der Mutter einen Lebensunterhalt und wollen die beiden Schwestern schleunigst verheiraten. Was bei der jüngeren Schwester gelingt, scheitert bei Rahel, die ohne eigenes Vermögen auf den Lebensunterhalt der Mutter und nach deren Tod auf die sehr zweifelhafte Grossmut1 der Brüder angewiesen bleibt3. Armut kann sich wie eine Verurteilung auswirken, im Judentum zu verbleiben, in einer Gesellschaft, die sich rapid zersetzt, die als Umwelt mit einem bestimmten Selbstbewusstsein4, mit eigenen Sitten und Urteilen kaum noch existiert; die nur flüchtig zusammengehalten wird von der zweifelhaften5 Solidarität zwischen Menschen, die das Gleiche6 wollen: als Einzelne7 sich retten, -8 und aus der nur Schlehmihle9 und Gescheiterte nicht herauskommen.
Leider bleibt sie nicht reich. Als der Vater stirbt, übernehmen die Söhne das Geschäft, sichern der Mutter einen Lebensunterhalt und wollen die beiden Schwestern schleunigst verheiraten. Was bei der jüngeren Schwester gelingt, scheitert bei Rahel, die ohne eigenes Vermögen auf den Lebensunterhalt der Mutter und nach deren Tod auf die sehr zweifelhafte Großmut1 der Brüder sich2 angewiesen findet3. Armut kann sich wie eine Verurteilung auswirken, im Judentum zu verbleiben, in einer Gesellschaft, die sich rapid zersetzt, die als Umwelt mit einem bestimmten Selbstbewußtsein4, mit eigenen Sitten und Urteilen kaum noch existiert; die nur flüchtig zusammengehalten wird von der fragwürdigen5 Solidarität zwischen Menschen, die das gleiche6 wollen: als einzelne7 sich retten;8 und aus der nur Schlemihle9 und Gescheiterte nicht herauskommen.
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Schönheit kann eine Macht sein bei Frauen, und Judenmädchen werden manchmal nicht nur ihrer Mitgift wegen geheirtaet. Aber mit Rahel hat die Natur keine grossen Umstände gemacht. Sie hat etwas »unangenehm Unansehnliches, ohne dass man besonders auffallende Difformitäten gleich entdeckte.«
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Rahels böse Jugend wird durch das, was kommt, weder dementiert noch rückgängig gemacht, höchstens bestätigt. An die Stelle des Hauses, in dem das Kind unter der Tyrannei des Vaters leidet und der jüngeren Schwester gegenüber benachteiligt wird, tritt die Gesellschaft, zu der die Jüdin erschwerten Zutritt hat. Eine jüdische Umwelt gibt es für diese Generation kaum mehr. Es gibt zwar noch andere Juden, die in derselben Situation sind; aber diese Situation gerade soll ja überwunden werden, also auch die Solidarität mit andern Juden. Da der Staat sich noch nicht entschliessen kann, die Juden in ihrer Gesamtheit zu emanzipieren, muss jeder Einzelne versuchen, allein aus dem Judentum irgendwie herauszukommen. Damit wird als Jude Geborensein zum persönlichen Problem, das jeder persönlich lösen muss. Lösung heisst: in die »Welt« hinein kommen, von der Gesellschaft anerkannt sein. Die Gesellschaft wird zur Welt überhaupt. Der Zutritt zur Umwelt in der Zeit der Aufklärung und in der Stadt Friedrich des Grossen nicht einfach unmöglich; man kann Zutritt erlangen, ja man kann in dieser Welt leben, aber man ist und bleibt in ihr benachteiligt.
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Schönheit hat1 Macht über die Menschen; viele huldigen der Henriette |4 Herz2. Rahel aber ist nicht schön, sie4 hat etwas »unangenehm Unansehnliches, ohne dass5 man besonders auffallende Difformitäten gleich entdeckte«, sie ist klein7, gebrechlich, hat8 zu kleine Hände9 und Füsse. Das10 Gesicht ist nicht einheitlich11, eine gute klare12 Stirn, durchsichtige Augen, aber ein13 zu langes14 Kinn, das nicht durchgebildet ist, sondern nur zu lang - in15 ihm, so16 meint sie selbst17, verstecken18 sich ihre »schlechtesten Eigenschaften19, eine zu grosse21 Dankbarkeit und zu viel Rücksicht für menschlich Angesicht;« ihr fehlt25 die Grazie26, weil27 sie sich auch an das Niveaulose hängt28, weil sie auch dem zufällig hingeworfenen guten Wort untertan bleibt29.
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Schönheit kann eine1 Macht sein bei Frauen, und Judenmädchen werden manchmal nicht nur ihrer Mitgift wegen geheiratet2. Aber mit3 Rahel hat die Natur keine großen Umstände gemacht. Sie4 hat etwas »unangenehm Unansehnliches, ohne daß5 man besonders auffallende Difformitäten im Einzelnen6 gleich entdeckte«. Klein von Gestalt7, mit8 zu kleinen Händen9 und Füßen, im10 Gesicht eine Disproportion zwischen Ober- und Unterpartie11, unter der klaren12 Stirn und den schönen durchsichtigen Augen das13 zu lange14 Kinn, das nicht durchgebildet ist, als sei es an das Gesicht nur angehängt. In15 ihm, meint sie, drückt18 sich ihre »schlechteste Eigenschaft« aus19, eine »20zu große21 Dankbarkeit und zu viel Rücksicht für menschlich Angesicht«. Das gleiche erscheint ihrer Umwelt als Niveau- oder Geschmacklosigkeit. Auch dies weiß sie. »Ich habe keine Grazie22; nicht einmal die, einzusehen, woran das liegt: außerdem, daß |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000018 ich nicht hübsch bin, habe ich auch keine innere Grazie. ... Ich bin unansehnlicher als häßlich. ... So wie manchmal Menschen keinen hübschen Zug im Gesicht, keine zu lobende Proportion am Körper haben, und doch einen gefälligen Eindruck machen; ... so ist es bei mir umgekehrt23«, schreibt sie viele Jahre später, als sie Anlaß hat, auf eine Reihe unglücklicher Liebesgeschichten zurückzusehen, in24 ihr Tagebuch, fügt aber gleich hinzu: »Das denk ich schon sehr lange.« In einer Frau schafft Schönheit25 die Distanz26, aus der her27 sie urteilen und wählen kann. Keine Klugheit und keine Erfahrung können den Mangel solch natürlich gegebenen Raumes für die Urteilskraft aufholen. Also nicht reich28, nicht gebildet und nicht schön! Also eigentlich ohne Waffen, den großen Kampf um Anerkanntsein in der Gesellschaft, um soziale Existenz, um ein Stückchen Glück, um Sicherheit und bürgerliche Situation zu unternehmen29.
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Jüdinsein1 ist schlimmer2: »Ich habe solche Phantasie; als wenn ein ausserirdisches3 Wesen, wie ich in diese Welt4 getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestossen5 hätte: ›Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei gross6 und edel, ein ewiges Denken kann ich dir7 auch nicht nehmen. Eins hat man aber vergessen;8 sei eine Jüdin!‹ und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung;9 mich ruhig halten kann es fristen: Jede11 Bewegung sie zu stillen neuer Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tode14 selbst möglich. ... Ich15 kann Ihnen jedes Übel, jedes Unheil, jeden Verdruss16 da herleiten ...17«
Nicht reich, nicht gebildet und nicht schön! Also eigentlich ohne Waffen, den grossen Kampf um Anerkanntsein in der Gesellschaft, um sociale Existenz, um ein Stückchen Glück, um Sicherheit, um bürgerliche Situation zu unternehmen. Was an die Stelle der persönlichen Waffen und Unternehmungen treten könnte, ein politischer Kampf um gleiche Rechte1 ist dieser Generation , deren jüdische Vertreter sogar die Massentaufe anbieten (David Friedländer) völlig unbekannt. Juden wollen nicht einmal als Gesamtheit emanzipiert werden, wollen nur aus dem Judentum heraus, wenn es irgend geht als Einzelne, heimlich und verschwiegen loswerden, was sie für einen persönlichen Makel, ein persönliches Unglück halten. Hat man für die persönliche |5 Lösung der Judenfrage, für den individuellen Ausweg in die Gesellschaft, der in der Stadt Friedrich des Grossen nicht einfach unmöglich, sondern nur erschwert ist, nicht auch die persönlichen Gaben in Waffen verwandelt, konzentriert auf ein einziges Ziel hin sie entwickelt, so ist man im Sinne des Glücks in dieser Welt ganz einfach verloren2: »Ich habe solche Phantasie; als wenn ein ausserirdisches3 Wesen, wie ich in diese Zeit4 getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestossen5 hätte: ›Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei gross6 und edel, ein ewiges Denken kann ich Dir7 auch nicht nehmen. Eins hat man aber vergessen:8 sei eine Jüdin! ‹ und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung,9 mich ruhig halten,10 kann es fristen. Jede11 Bewegung,12 sie zu stillen,13 neuer Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tode14 selbst möglich... Ich15 kann Ihnen jedes Übel, jedes Unheil, jeden Verdruss16 da herleiten..«
Was an die Stelle der persönlichen Waffen und Unternehmungen treten könnte, ein politischer Kampf um gleiche Rechte,1 ist dieser Generation, deren jüdische Vertreter sogar die Massentaufe anbieten (David Friedländer), völlig unbekannt. Juden wollen nicht einmal als Gesamtheit emanzipiert werden, nur aus dem Judentum heraus; wenn es irgend geht als einzelne, heimlich und verschwiegen das lösen, was sie für ein persönliches Problem, ein persönliches Unglück halten. Hat man für die persönliche Lösung der Judenfrage, für den individuellen Ausweg in die Gesellschaft, der in der Stadt Friedrichs II. nicht einfach unmöglich, sondern nur erschwert ist, nicht auch die persönlichen Gaben in Waffen verwandelt, konzentriert auf ein einziges Ziel sie entwickelt, so ist man im Sinne des Glücks in dieser Welt ganz einfach verloren. So schreibt sie dem Jugendfreund David Veit2: »Ich habe solche Phantasie; als wenn ein außerirdisches3 Wesen, wie ich in diese Welt4 getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen5 hätte: ›Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei groß6 und edel, ein ewiges Denken kann ich dir7 auch nicht nehmen. Eins hat man aber vergessen:8 sei eine Jüdin!‹ und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung;9 mich ruhig halten,10 kann es fristen; jede11 Bewegung,12 sie zu stillen,13 neuer Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tod14 selbst möglich. ... ich15 kann Ihnen jedes Übel, jedes Unheil, jeden Verdruß,16 da herleiten ...17«
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Jüdinsein heisst damals: nicht mehr im Ghetto, aber ohne Bürgerrecht leben, nicht mehr an die Tradition gebunden sein, aber die Arbeit der Assimilation noch vor sich haben. In dieser Schwebe, vis à vis de rien, die natürliche Umgebung verachtend, aber in eine neue noch kaum eingedrungene, lebt der Jude jenseits alles dessen, was das Leben an Ruhe und Sicherheit zu geben vermag. Die fremde Welt zwar scheint in der Aufklärung und nach der Französischen Revolution zum ersten Mal für den Juden offen zu stehen; er kann hinein, aber wo ist der Platz, an den er sich stellen kann, an den er gehört?
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Die Forderung einer »bürgerlichen Verbesserung der Juden« wird |5 in Deutschland wirksam1 unter dem Einfluss2 der Aufklärung; sie wird in aller Ausführlichkeit ausgesprochen von Ch. W. Dohm4. Ausgeschlossen von der5 Kultur und der6 Geschichte ihrer Umwelt sind die Juden in den Augen des Wirtsvolks8 auf einer niederen Stufe menschlicher Kultur zurückgeblieben. Ihre soziale und bürgerliche9 Situation ist seit Jahrhunderten die gleiche;11 sie sind die Unterdrückten12. Als diese Unterdrückten werden sie emanzipiert, nicht aus irgendwelcher Sympathie13, sondern weil es für das Bewusstsein des gebildeten, d.h14. aufgeklärten Deutschen des 18. Jahrhunderts15 unerträglich wird16, Unterdrückte17 unter sich zu wissen. Die Sache der Menschheit wird zugleich die Sache der Juden. Man reklamiert18 die Sache19 der Menschheit und man ist gezwungen,20 zugleich die Rechte der Juden21 zu reklamieren. Der22 Juden: keineswegs derjenigen23, die glaubten24 das auserwählte Volk Gottes zu sein - das ist ein Vorurteil - nicht einmal derjenigen,25 die das Alte Testament, ihr Jahrhunderte altes Besitztum immer noch für das Buch der Bücher hielten - das26 ist teils vergangen, teils so eingegangen in den Bestand der europäischen Kultur, daß28 man die29 Juden, die30 gegenwärtigen Juden, als31 Autorvolk nicht mehr sieht. Sie sind in dem Streit um die Emanzipation32 nicht mehr die ewigen Widersacher des Christentums, wie sie es im Mittelalter gewesen waren33. Das Alte Testament ist Kulturgut, vielleicht »eine der ältesten Urkunden des Menschengeschlechts« (Herder),34 aber die Juden sind nur ein unterdrücktes35, ungebildetes36, zurückgebliebenes Volk37, das der Menschheit zurückgewonnen werden soll. Man will aus den Juden Menschen machen; schlimm genug, dass38 es Juden gibt,39 es bleibt nicht40 anderes übrig, als sie zu Menschen,41 d.h. aber42 zu Menschen der Aufklärung zu machen.
Die Forderung einer »bürgerlichen Verbesserung der Juden« wird in Preussen1 unter dem Einfluss2 der Aufklärung wirksam3; sie wird in aller Ausführlichkeit von dem preussischen Beamten Christian Wilhelm DOHM ausgesprochen4. Ausgeschlossen seit Jahrhunderten von5 Kultur und Geschichte ihrer Umwelt,7 sind die Juden in den Augen der Wirtsvölker8 auf einer niederen Stufe menschlicher Kultur zurückgeblieben. Ihre soziale und politische9 Situation ist seit Jahrhunderten unverändert: überall sind11 sie, im seltensten und besten Falle nur geduldet, gewöhnlich aber unterdrückt und verfolgt12. Für Unterdrückte appelierte Dohm an das Gewissen der Menschheit; nicht für Mitbürger13, nicht einmal für ein Volk, dem man sich irgendwie verbunden fühlt14. Dem geschärften Gewissen der Aufklärung ist es15 unerträglich geworden16, Rechtlose17 unter sich zu wissen. Die Sache der Menschheit wird zugleich die Sache der Juden. »Ein Glück für uns , wenn man auf18 die Rechte19 der Menschheit nicht dringen kann, ohne20 zugleich die unsrigen21 zu |6 reklamieren.« (Moses Mendelssohn). Die22 Juden, ein zufällig verbliebener peinlicher Rest des Mittelalters23, glauben ebensowenig mehr,24 das auserwählte Volk Gottes zu sein, wie die Andern, dass sie nur25 die gerechte Strafe für ihre Unbekehrbarkeit erlitten. Das alte Testament, ihr Jahrhunderte altes Besitztum,26 ist teils so27 vergangen, teils so eingegangen in den Bestand der europäischen Kultur, dass28 man in den29 Juden, den30 gegenwärtigen Juden, das31 Autorvolk gar32 nicht mehr erkannte33. Das Alte Testament ist Kulturgut, vielleicht »eine der ältesten Urkunden des Menschengeschlechts« (Herder),34 aber die Juden nur Glieder eines unterdrückten35, ungebildeten36, zurückgebliebenen Volkes37, das der Menschheit zurückgewonnen werden soll. Man will aus den Juden Menschen machen; schlimm genug, dass38 es Juden gibt;39 es bleibt nichts40 anderes übrig, als sie zu Menschen d.h. zu Menschen der Aufklärung zu machen.
Die Forderung einer »bürgerlichen Verbesserung der Juden« wird in Preußen1 unter dem Einfluß2 der Aufklärung wirksam3; sie wird in aller |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000019 Ausführlichkeit von dem preußischen Beamten Christian Wilhelm Dohm ausgesprochen4. Ausgeschlossen seit Jahrhunderten von5 Kultur und Geschichte ihrer Umwelt,7 sind die Juden in den Augen der Wirtsvölker8 auf einer niederen Stufe menschlicher Kultur zurückgeblieben. Ihre soziale und politische9 Situation ist seit den gleichen10 Jahrhunderten unverändert: überall sind11 sie im seltensten und besten Falle nur geduldet, gewöhnlich aber unterdrückt und verfolgt12. Für Unterdrückte appellierte Dohm an das Gewissen der Menschheit; nicht für Mitbürger13, nicht einmal für ein Volk, dem man sich irgendwie verbunden fühlt14. Dem geschärften Gewissen der Aufklärung ist es15 unerträglich geworden16, Rechtlose17 unter sich zu wissen. Die Sache der Menschheit wird zugleich die Sache der Juden. »Ein Glück für uns, wenn man auf18 die Rechte19 der Menschheit nicht dringen kann, ohne20 zugleich die unsrigen21 zu reklamieren« (Moses Mendelssohn). Die22 Juden, ein zufällig und peinlich verbliebener Rest des Mittelalters23, glauben ebensowenig noch daran,24 das auserwählte Volk Gottes zu sein wie die anderen, daß sie nur25 die gerechte Strafe für ihre Unbekehrbarkeit erlitten. Das Alte Testament, ihr Jahrhunderte altes Besitztum,26 ist teils so27 vergangen, teils so eingegangen in den Bestand der europäischen Kultur, daß28 man in den29 Juden, den30 gegenwärtigen Juden, das31 Autorvolk gar32 nicht mehr erkannte33. Das Alte Testament ist Kulturgut, vielleicht »eine der ältesten Urkunden des Menschengeschlechts« (Herder);34 aber die Juden sind nur Glieder eines unterdrückten35, ungebildeten36, zurückgebliebenen Volkes37, das der Menschheit zurückgewonnen werden soll. Man will aus den Juden Menschen machen; schlimm genug, daß38 es Juden gibt;39 es bleibt nichts40 anderes übrig, als sie zu Menschen,41 d. h. zu Menschen der Aufklärung zu machen.
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An diese Emanzipationstheorie des Wirtsvolks1 assimilieren sich die Juden. Sie gestehen von vorn herein2 ihre eigene3 Minderwertigkeit zu;4 die Geschichte habe sie verdorben, aber7 nicht ihre eigene |6 Geschichte oder Tradition8. Das Festhalten9 am Judentum hat jeden Sinn verloren. Die Tradition ist nur ein schlechtes Produkt des Ghettos; sie ist nur eine Hemmung für die Einbürgerung. An diesem Ghetto aber ist das Wirtsvolk schuld.10 Abgesehen von dieser11 Schuldfrage bleibt die Tatsache der Minderwertigkeit.
An solche und ähnliche Emanzipationstheorien der Aufklärung1 assimilieren sich die Juden. Sie gestehen mit Begeisterung2 ihre eigne3 Minderwertigkeit zu,4 die ja die Schuld der Anderen ist: [gap]ie bösartige Christenheit und deren finstere5 Geschichte habe sie verdorben - ihre eigene ist komplett vergessen. Man könnte meinen6, die gesamte europäische Geschichte sei nichts als eine einzige Inquisitionsepoche gewesen, an der die armen guten Juden Gott sei Dank7 nicht teilgenommen hätten und die an ihnen wieder gut gemacht werden müsste8. Selbstverstänndlich wird man9 am Judentum nicht festhalten -- woran denn auch, nachdem sich die gesamte jüdische Geschicht e und Tradition als ein Elendsprodukt des Ghettos herausgestellt hat, an den man noch dazu ganz unschuldig ist?10 Abgesehen von der11 Schuldfrage bleibt heimlich12 die Tatsache der Minderwertigkeit bestehen13.
An solche und ähnliche Emanzipationstheorien der Aufklärung1 assimilieren sich die Juden. Sie gestehen mit Begeisterung2 ihre eigene3 Minderwertigkeit zu,4 die ja die Schuld der anderen ist; die bösartige Christenheit und deren finstere5 Geschichte habe sie verdorben - ihre eigene ist vollständig vergessen. Man könnte meinen6, die gesamte europäische Geschichte sei nichts als eine einzige Inquisitionsepoche gewesen, an der die armen guten Juden, Gott sei Dank,7 nicht teilgenommen hätten und die an ihnen wiedergutgemacht werden müßte8. Selbstverständlich wird man9 am Judentum nicht festhalten - woran denn auch, nachdem sich die gesamte jüdische Geschichte und Tradition als ein Elendsprodukt des Ghettos herausgestellt hat, an dem man noch dazu ganz |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000020 unschuldig ist!10 Abgesehen von der11 Schuldfrage bleibt heimlich12 die Tatsache der Minderwertigkeit bestehen13.
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Rahels Leben ist an die Weigerung, an die Minderwertigkeit ihrer Geburt von vornherein fixiert. Was kommt, ist nur Bestätigung, »Verblutung«. Also jeden Anlass der Bestätigung meiden, nicht handeln, nicht lieben, sich nicht mit der Welt einlassen. Das einzige, was die absolute Weigerung frei zu lassen scheint, ist das Denken.
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Zu Beginn ihres Lebens gibt es eine kurze Zeit1, in2 der das Denken wirklich zu helfen3 scheint. Das Benachteiligtsein von Natur und Gesellschaft wird neutralisiert in der Wut »alles zu besehen und unmenschlich zu fragen«. Die Unmenschlichkeit dieses6 Denkens bagatellisiert das Nur-Menschliche, das Nur-Zufällige7 des Unglücks. Die Vernunft zieht8 das Fazit des eigenen Daseins9, und sie bestimmt zugleich, was zu »fühlen« ist. Man10 braucht nur zu denken, »um zu wissen, wie man fühlen muss12 und was einem übrig bleibt oder nicht«. Ein recht aufklärerischer Satz, dessen Blamage vor der Wirklichkeit sie oft hat erfahren müssen. Aber für eine Zeit hilft er und seine Unmenschlichkeit. Das Denken14 gibt im Fazit zugleich die absolute Freiheit aller Möglichkeiten, über die die Vernunft verfügt. Das Denken lässt die Wirklichkeit vergessen15, »es17 wird mir nie einkommen, dass18 ich ein Schlemihl19 und eine Jüdin bin, da es mir nach den langen Jahren und dem vielen Denken drüber nicht bekannt wird20, so werd ichs auch nie recht wissen: Darum21 nascht auch die22 Mordaxt nicht an meiner Wurzel -23 darum leb ich noch«.24
Rahels Leben ist an die Minderwertigkeit, an ihre »infame Geburt« von Jugend an fixiert. Was kommt1, ist nur Bestätigung, |7 »Verblutung«. Also jeden Anlass2 der Bestätigung meiden, nicht handeln, nicht lieben, sich nicht mit der Welt einlassen. Das einzige, was die absolute Weigerung frei zu lassen3 scheint, ist das DENKEN4. Das Benachteiligtsein von Natur und Gesellschaft wird neutralisiert in der Wut »alles zu besehen und unmenschlich zu fragen«. Das Unpersönliche des6 Denkens bagatellisiert das Nur-Menschliche, Nur-Zufällige,7 des Unglücks. Die Vernunft, die8 das Fazit des Lebens zieht9, braucht nur zu denken, »um zu wissen«11, wie man fühlen muss12 und was einem übrig bleibt oder nicht.13« Denken wirkt wie eine aufgeklärte Art von Zauberei, die Erfahrung, Welt, Menschen und Gesellschaft ersetzen, hervorbringen und voraussehen lässt. Die N[gap]twendigkeit der Vernunft14 gibt der Möglichkeit einen Schimmer von Wirklichkeit, haucht den vernünftigen Wünschen eine Art illusionären Lebens ein, lässt das uneinsehbare Wirkliche nicht herankommen15, erkennt es nicht an.16 »Es17 wird mir nie einkommen, dass18 ich ein Schlehmihl19 und eine Jüdin bin, da es mir nach den langen Jahren und dem vielen Denken drüber nicht bekannt ward20, so werd ichs auch nie recht wissen: darum21 nascht auch die22 Mordaxt nicht an meiner Wurzel -23 darum leb ich noch24
Rahels Leben ist an die Minderwertigkeit, an ihre »infame Geburt« von Jugend an fixiert. Was kommt1, ist nur Bestätigung, »Verblutung«. Also jeden Anlaß2 der Bestätigung meiden, nicht handeln, nicht lieben, sich nicht mit der Welt einlassen. Das einzige, was die absolute Weigerung freizulassen3 scheint, ist das Denken4. Das Benachteiligtsein von Natur und Gesellschaft wird neutralisiert in der Wut,5 »alles zu besehen und unmenschlich zu fragen«. Das Unpersönliche des6 Denkens bagatellisiert das Nur-Menschliche, Nur-Zufällige7 des Unglücks. Die Vernunft, die8 das Fazit des Lebens zieht9, braucht nur zu denken, »um zu wissen, wie man fühlen muß12 und was einem übrigbleibt oder nicht.13« Denken wirkt wie eine aufgeklärte Art von Zauberei, welche Erfahrung, Welt, Menschen und Gesellschaft ersetzen, hervorbringen und voraussehen läßt. Die Notwendigkeit der Vernunft14 gibt der erdachten Möglichkeit einen Schimmer von Wirklichkeit, haucht den vernünftigen Wünschen eine Art illusionären Lebens ein, läßt das uneinsehbare Wirkliche nicht herankommen15, erkennt es nicht an. Die Zwanzigjährige schreibt:16 »Es17 wird mir nie einkommen, daß18 ich ein Schlemihl19 und eine Jüdin bin, da es mir nach den langen Jahren und dem vielen Denken drüber nicht bekannt wird20, so werd ichs auch nie recht wissen. Darum ›21nascht auch der Klang der22 Mordaxt nicht an meiner Wurzel‹,23 darum leb ich noch24
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»Selbstdenkenden Köpfen«, sagt Lessing, »ist es nun einmal gegeben1, dass die2 das ganze Gefild der Gelehrsamkeit übersehen |7 ,3 und jeden Pfad desselben zu finden wissen, sobald es der Mühe verlohnt, ihn zu betreten.4« Herrschend ist die Autorität der Vernunft5, zu der6 jeder allein und von sich aus kommen7 kann. Der denkende Mensch lebt in einer absoluten Isolierung, wenn die Autonomie der Vernunft nicht als Resultat der Erziehung des Menschengeschlechts (Lessing) verstanden wird, sondern als reine Anlage, die jedem Menschen, unabhängig von seiner Geschichte zukommt. In diesem Sinne interpretiert Mendelssohn, der uns als Repräsentant der jüdischen Assimilation an die Aufklärung gilt. Mendelssohn ist von Haus aus keinem Gegenstand der fremden Kulturwelt verpflichtet, und er braucht in der Atmosphäre der Aufklärung dieses In-Nichts-stehen noch nicht zu entdecken. Bildung ist für ihn unabhängig von der Kenntnis der Geschichte; sie ist nichts als Befreiung zum Denken. Die Vernunft ist allen gleichmässig beschieden8, jeder kann allein das Vernünftige entdecken, und der zeitliche Ort ist für den Inhalt des Gedachten unerheblich. »Im Grunde ist das menschliche Geschlecht fast in allen Jahrhunderten, wenn9 die Metapher gelten soll10, Kind und Mann und Greis zugleich11, nur an verschiedenen Orten und Weltgegenden«. Diese Eliminierung der Wirklichkeit ist der Ausdruck12 für die faktische Stellung des Juden in der Welt. Die Welt ging ihn in einem solchen Masse nichts an13, dass sie zu dem Unveränderlichen schlechthin wurde. Die neue Freiheit der Bildung14, die Freiheit des Selbstdenkens und der Vernunft ändert daran nichts15. Die geschichtliche Welt bleibt für den »gebildeten« Juden in derselben Gleichgültigkeit wie für den unterdrückten des Ghetto.16
Die Aufklärung hat die Vernunft zur Autorität erhoben1, hat2 das Denken3 und »Selbstdenken4« (Lessing)5, das6 jeder allein und von sich aus leisten7 kann, zur höchsten Fähigkeit des Menschen gestempelt. Nun war zwar für Lessing die Vernunft selbst das Resultat der Erziehung des Menschengeschlechts und der vernünftige Mensch nie völlig gelöst und isoliert von seiner Vergangenheit. Aber die jüdische Assimilation, repräsentiert in seinem Freund Mendelssohn, die, ausgesprochen oder nicht, ihre Geschichte verleugnete, fälschte das Lessing’sche Selbstdenken zu einer reinen |8 Naturgabe um8, die jedem Menschen, unabhängig von seiner Geschichte zukomme. »Im Grunde ist das menschliche Geschlecht fa st in allen Jahrhunderten, wenn9 die Metapher gelten soll10, Kind und Mann und Greis zugleich11, nur an verschiedenen Orten und Weltgegenden.« (Mendelssohn) So wird Raum geschaffen12 für gebildete Ignoranten, die - von Haus aus keinem Gegenstand der fremden Kulturwelt verpflichtet - nur alte Vorurteile abzustreifen13, zum Denken sich zu befreien brauchen14, um Zeitgenossen zu werden15.
Die Aufklärung hat die Vernunft zur Autorität erhoben1, hat2 das Denken3 und »Selbstdenken4« (Lessing)5, das6 jeder allein und von sich aus leisten7 kann, zur höchsten Fähigkeit des Menschen gestempelt. »Auf das Selbstdenken kommt alles an«, meint Rahel im Gespräch zu Brinckmann, um gleich hinzuzufügen, worauf die Aufklärung schwerlich gekommen wäre: »auf die Gegenstände oft sehr wenig; wie oft auf die Geliebte selbst weniger als auf das Lieben.« Das Selbstdenken befreit von den Gegenständen und ihrer Realität, schafft einen Raum des nur Denkbaren und eine Welt8, die ohne Wissen und ohne Erfahrung jedem Vernünftigen zugänglich ist. Sie befreit vom Gegenstand wie die romantische Liebe den Liebenden von der Wirklichkeit der Geliebten erlöst. Und wie aus der romantischen Liebe9 die »großen Liebenden« erstehen10, die von keinem Geliebten mehr störbar11, deren Gefühl von keiner Wirklichkeit mehr irritierbar ist, so gibt das so verstandene Selbstdenken den Boden her12 für gebildete Ignoranten, die - von Haus aus keinem |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000021 Gegenstand der fremden Kulturwelt verpflichtet - nur alte Vorurteile abzustreifen13, zum Denken sich zu befreien brauchen14, um Zeitgenossen zu werden15.
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Die Freiheit der Vernunft ist nur die Freiheit von der Autorität. Die Vernunft wird zur Richterin, und sie richtet bei Lessing selbst über die Wahrheit der Offenbarung. Etwas Menschliches ist zum Richter erhoben, etwas, das jederzeit anrufbar ist, jederzeit in der Verfügung des Menschen steht. An der Vernunft |8 wird menschliches Handeln und Fühlen gemessen, gemäss der Vernunft kann es sich jederzeit ändern. Die Vernunft kann die Vergangenheit verurteilen; die Zukunft, die Möglichkeit des Menschen bleibt unberührt. Als Jüdin geboren sein ist ein Unglück, aber man kann sich ändern und es ungeschehen machen.
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Wie kann man die Wirklichkeit unwirksam machen? Wie kann man das wirklich Gewesene und selbst durch Vernunft nicht mehr zu Ändernde, revidieren? Wie verschafft man sich die Freiheit von der Vergangenheit? Ist Freiheit wirklich Freiheit der Mög- lichkeit, so muss die Vergangenheit in die Möglichkeit zurückverwandelt werden können. (Nur wenn dies wirklich gelingt, hat »die Mordaxt« noch nicht »an ihrer Wurzel genascht«.) Diese Rückverwandlung leistet die Reflexion.
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Die Vernunft kann von den Vorurteilen der Vergangenheit befreien und sie kann die Zukunft des Menschen leiten. Nur leider genügt das offensichtlich nicht: sie kann nur individuell befreien und nur die Zukunft von Robinsonen liegt in ihrer Hand. Das solchermassen2 befreite Individuum stösst3 doch immer auf eine Welt, eine Gesellschaft, deren Vergangenheit in Gestalt von »Vorurteilen« Macht hat, in der ihm bewiesen wird, dass4 gewesene Wirklichkeit auch Wirklichkeit ist. Als Jüdin geboren zu sein, das mag für Rahel nur auf längst Vergangenes hindeuten, mag im Denken ganz und gar ausgelöscht sein; als Vorurteil in den Köpfen Anderer5 wird es eben doch zur leidigsten Gegenwart.
Die Vernunft kann von den Vorurteilen der Vergangenheit befreien und sie kann die Zukunft des Menschen leiten. Nur leider genügt das offensichtlich nicht: sie kann nur individuell befreien,1 und nur die Zukunft von Robinsonen liegt in ihrer Hand. Das solchermaßen2 befreite Individuum stößt3 doch immer auf eine Welt, eine Gesellschaft, deren Vergangenheit in Gestalt von »Vorurteilen« Macht hat, in der ihm bewiesen wird, daß4 gewesene Wirklichkeit auch Wirklichkeit ist. Als Jüdin geboren zu sein, das mag für Rahel nur auf längst Vergangenes hindeuten, mag im Denken ganz und gar ausgelöscht sein; als Vorurteil in den Köpfen anderer5 wird es eben doch zur leidigsten Gegenwart.
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Wie kann man die Gegenwart unwirksam machen? Wie kann man die menschliche Freiheit so ungeheuer erweitern, dass1 sie an keinerlei Grenzen mehr stösst2; wie kann man das Selbstdenken so isolieren, dass3 das denkende Individuum sich an keinerlei »unvernünftiger« Wirklichkeit mehr den Kopf einzuschlagen braucht? Wie kann man gebieten über unabänderlich Geschehenes, als sei es die freie Möglichkeit des morgigen Tages? Wie kann man die Schande des Unglücks, die Infamie der Geburt von sich abstreifen? Wie kann man,4 ein zweiter Weltschöpfer --5 die Wirklichkeit in ihre Möglichkeit zurückverwandeln und so der »Mordaxt« entgehen?
Wie kann man die Gegenwart unwirksam machen? Wie kann man die menschliche Freiheit so ungeheuer erweitern, daß1 sie an keinerlei Grenzen mehr stößt2; wie kann man das Selbstdenken so isolieren, daß3 das denkende Individuum sich an keinerlei »unvernünftiger« Wirklichkeit mehr den Kopf einzuschlagen braucht? Wie kann man gebieten über unabänderlich Geschehenes, als sei es die freie Möglichkeit des morgigen Tages? Wie kann man die Schande des Unglücks, die Infamie der Geburt von sich abstreifen? Wie kann man -4 ein zweiter Weltschöpfer - die Wirklichkeit in ihre Möglichkeit zurückverwandeln und so der »Mordaxt« entgehen?
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Die Reflexion neutralisiert die Schande des Unglücks. Sie verlässt sich nur auf die eigene Seele1, über die nichts Macht hat2, sie isoliert von der Welt und versucht die Welt unwirksam zu machen. In3 der Isoliertheit wird das Innen unbegrenzt. Es gibt kein Aussen mehr, an4 das es stösst, an dem es eine Grenze hätte;5 es gibt keine Welt mehr, in der man handelt, in der eine ungeahnte Konsequenz auf die Handlung folgen kann6. Die Autonomie des Menschen wird zur Übermacht der Möglichkeiten, an der jede Wirklichkeit abprallt. Die Wirklichkeit kann nichts geben, sie kann höchstens enttäuschen. In der Reflexion kann der Mensch sich schützen gegen alle Schicksalsschläge, immer7 in sein Inneres ausweichen8, jedes einzelne Unglück zum schlechten Aussen11 überhaupt generalisieren und den12 Schreck des13 diesmal und gerade14 diesmal Getroffenseins paralysieren. Was doch noch bleibt15, ist16 die Erinnerung an das Erlittene,17 die eine Bleibe scheint vor19 der Flüchtigkeit des paralysierten Geschehens20.
Schlägt das Denken in sich selbst zurück und findet an der eigenen Seele seinen einzigen Gegenstand1, wird es zur Reflexion, so erzwingt es allerdings2, sofern es vernünftig bleibt, einen Schein unbegrenzter Macht, indem es sich eben von3 der Welt isoliert, an ihr sich desinteressiert, sich schützend vor den einzigen »interessanten« Gegenstand stellt:4 das eigene Innere. In der durch Reflexion geleisteten Isoliertheit wird5 es unbegrenzt, weil kein Aussen es mehr behelligt; weil kein Handeln mehr verlangt wird, dessen Konsequenzen auch den Freiesten einschränken6. Die Autonomie des Menschen wird zur Übermacht der Möglichkeiten, an der jede Wirklichkeit abprallt. Die Wirklichkeit kann nichts Neues bringen, die Reflexion hat immer schon alles vorweggenommen. Selbst vor Schicksalsschlägen gibt es die Flucht7 in das eigene Innere8, wenn9 jedes einzelne Unglück schon vorher10 zum schlechten Aussen11 überhaupt generalisiert ist und so der12 Schreck,13 diesmal und grade14 diesmal getroffen zu sein, gar nicht erst aufkommt. Unangenehm ist nur15, dass16 die Erinnreung ja doch selbst dieser17 die Seele nur gaz flüchtig streifenden Gegenwart18 eine Bleibe bietet und19 der Mensch so nachträglich, wenn auch nur nachträglich, an dem Geschehenen einen höchst störenden Realitätsindex entdecken wird20.
Schlägt das Denken in sich selbst zurück und findet an der eigenen Seele seinen einzigen Gegenstand1, wird es zur Reflexion, so erzwingt es allerdings2, sofern es vernünftig bleibt, einen Schein unbegrenzter Macht, indem es sich eben von3 der Welt isoliert, an ihr sich desinteressiert, sich schützend vor den einzigen »interessanten« Gegenstand stellt:4 das eigene Innere. In der durch Reflexion geleisteten Isoliertheit wird5 es unbegrenzt, weil kein Außen es mehr behelligt; weil kein Handeln mehr verlangt wird, dessen Konsequenzen auch den Freiesten einschränken6. Die Autonomie des Menschen wird zur Übermacht der Möglichkeiten, an der jede Wirklichkeit abprallt. Die Wirklichkeit kann nichts Neues bringen, die Reflexion hat immer schon alles vorweggenommen. Selbst vor Schicksalsschlägen gibt es die Flucht7 in das eigene Innere8, wenn9 jedes einzelne Unglück schon vorher10 zum schlechten Außen11 überhaupt generalisiert ist, so daß der12 Schreck,13 diesmal und gerade14 diesmal getroffen zu sein, gar nicht erst aufkommen kann. Unangenehm ist nur15, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000022 daß16 die Erinnerung ja doch selbst dieser17 die Seele nur ganz flüchtig streifenden Gegenwart18 eine Bleibe bietet und19 der Mensch so wenigstens nachträglich an dem Geschehenen einen höchst störenden Realitätsindex entdecken wird20.
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Rousseau1 ist das grosse Vorbild für alle2 Reflexionssucht, die wir als typisch romantisch kennen. Ihm3 ist es gelungen4, auch |9 die5 Erinnerung in eine Sicherung vor dem Aussen zu verwandeln, ja6 in die zuverlässigste Sicherung. Er lässt8 die Erinnerung wehmütig werden und9 die Konturen des erinnerten Ereignisses verlöschen; was11 bleibt, sind nur12 die sentiments, die bei ihnen empfunden worden sind. Dies scheint eine Möglichkeit14, das eigene Schicksal15 ganz zu vergessen. Aber sie gelingt vollkommen nur bei Rousseau17, der durch18 die Phantasie19 selbst die Gegenwart20 schon in eine »sentimentale« Vergangenheit verwandelt. Erinnerung und Phantasie überwuchern bei ihm vollständig die Gegenwart21. Nie ist Gegenwart wirklich da, sie taucht22 erst auf in23 der Erinnerung: sie wird in das immer gleich gegenwärtige Innen hineingezogen und in die Möglichkeit zurückgewandelt26. Vergangenes kann bedrücken »comme s’il n’était comme que d’hier«; denn die Möglichkeit zu bereuen besteht immer weiter, sie ist nicht zerstörbar, auch dann nicht, wenn nichts mehr gut zu machen ist,27 und vielleicht nur28 die Verzweiflung bliebe29.
ROUSSEAU1 ist das grösste Beispiel aller2 Reflexionssucht, weil es ihm gelungen3 ist, auch mit der5 Erinnerung noch fertig zu werden, ja sie in wahrhaft genialer Weise6 in die zuverlässigste Sicherung vor dem Aussen zu verwandeln7. Er lässt8 die Erinnerung wehmütig werden, wodurch9 die Konturen des erinnerten Ereignisses selbst10 verlöschen. Was11 bleibt, sind die sentiments, die bei ihnen empfunden worden sind, also wieder nur Seelenleben13. Die wehmütige Erinnerung ist das beste Instrument14, das eigene Schicskal15 ganz und gar16 zu vergessen. Voraussetzung dafür ist17, dass18 die Gegenwart19 selbst schon in eine |10 »sentimentale« Vergangenheit verwandelt worden ist21. Für Rousseau (Confessions) taucht Gegenwart immer22 erst aus23 der Erinnerung auf24: sie wird sofort25 in das immer gleich gegenwärtige Innen hineingezogen und in die Möglichkeit zurückverwandelt26. Vergangenes kann bedrücken, comme s’il n’êtait commis d’hier; nur weil die Möglichkeit zu bereuen weiter besteht und von der Zeit nicht zerstörbar ist, auch dann nicht, wenn nichts mehr gut zu machen ist. Die ständig mögliche Reue schützt vor der Verzweiflung. Macht27 und Autonomie der Seele sind gesichert. Allerdings um den Preis der Wahrheit,28 die ohne Wirklichkeit, mit andern Menschen geteilte Wirklichkeit, jeden Sinn verliert29. Aus der Reflexion und ihrer Hybris entspringt die Lüge.30
Rousseau1 ist das größte Beispiel aller2 Reflexionssucht, weil es ihm gelungen3 ist, auch mit der5 Erinnerung noch fertig zu werden, ja sie in wahrhaft genialer Weise6 in die zuverlässigste Sicherung vor dem Außen zu verwandeln7. Er läßt8 die Erinnerung wehmütig werden, wodurch9 die Konturen des erinnerten Ereignisses selbst10 verlöschen. Was11 bleibt, sind die sentiments, die bei ihnen empfunden worden sind, also wieder nur Seelenleben13. Die wehmütige Erinnerung ist das beste Instrument14, das eigene Schicksal15 ganz und gar16 zu vergessen. Voraussetzung dafür ist17, daß18 die Gegenwart19 selbst schon in eine »sentimentale« Vergangenheit verwandelt worden ist21. Für Rousseau (Confessions) taucht Gegenwart immer22 erst aus23 der Erinnerung auf24: sie wird sofort25 in das immer gleich gegenwärtige Innen hineingezogen und in die Möglichkeit zurückverwandelt26. Macht27 und Autonomie der Seele sind gesichert. Allerdings um den Preis der Wahrheit,28 die ohne Wirklichkeit, mit andern Menschen geteilte Wirklichkeit, jeden Sinn verliert29. Aus der Reflexion und ihrer Hybris entspringt die Lüge.30
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Macht und Autonomie sind gesichert gegen das Aussen, das sie dauernd zu zerstören droht.
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51
»Aus Facta mach ich mir gar nichts;1 denn sie seien entweder wahr oder nicht, so kann man sie abläugnen2; hab ich also was getan, so tat ichs,3 weil ichs wollte; und wills mir einer übel nehmen,4 oder mich belügen, so bleibt mir wieder nichts als ›Nein‹ und ich sags auch.« So schreibt Rahel im Herbst 1794 an David Veit.5 Jedes Faktum6 ist ungeschehen zu ma- chen7, durch Lüge auszulöschen. Die Lüge kann das Aussen8 dementieren. In ihr bekundet sich die Autonomie des Menschen, seine Verachtung der Fakten9, seine Freiheit wie10 in der Reflexion11. »Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen; und ein wichtiger Bestandteil12 unserer Freiheit.« Wie will das Faktum noch etwas bedeuten, wenn der Mensch ihm seine Bestätigung versagt? Am Sabbath zu fahren, ist für den14 Juden ein Verstoss gegen das Gesetz15; Rahel |10 ist doch mit der Marchetti »am hellichten Sabbath gefahren; es hat mich niemand gesehen, ich hätts18 und würd und werd es jedem abstreiten«. Was bleibt übrig von diesem Faktum, wenn sie es bestreiten,19 als eine Meinung gegen eine andere Meinung?21 Fakten sind auflösbar in Meinungen, wenn22 man ihnen den eigenen Consens verweigert23. Sie haben ihre eigene Art wahr zu sein,24 ihre Wahrheit muss25 immer anerkannt werden. Wirklichkeit besteht vielleicht nur in der Zustimmung aller Menschen, ist vielleicht nur ein soziales Phänomen, und stürzt27 zusammen, sobald einer den Mut hat, wirklich und konsequent ihr Vorhandensein zu leugnen. Jedes Geschehnis geht vorüber, sinkt zurück in die Vergangenheit28 - wer will morgen noch29 wissen, ob es wirklich war.
»Aus Facta mach ich mir gar nichts;1 denn sie seien entweder wahr oder nicht, so kann man sie ableugnen2; hab ich also was getan, so tat ichs weil ichs wollte; und wills mir einer übel nehmen oder mich belügen, so bleibt mir wieder nichts als ›Nein‹ und ich sags auch.« Jedes Factum6 ist ungeschehen zu machen7, durch Lüge auszulöschen. Die Lüge kann das Aussen8 dementieren, das die Reflexion in rein seelische Eigenschaft verwandelte. Die Lüge tritt ihre Erbschaft an9, zieht das Fazit und verwirklicht die10 in der Reflexion erworbene Freiheit11. »Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen; und ein wichtiger Bestandteil12 unserer Freiheit.« Wie will das Faktum noch etwas bedeuten, wenn der Mensch ihm seine Bestätigung versagt?14 Juden dürfen am Sabbath nicht fahren15; Rahel ist doch mit der Schauspielerin16 Marchetti »am hellichten Sabbath gefahren; es hat mich niemand gesehen, ich hätts18 und würd und werd es jedem abstreiten.« Wenn sie abstreitet, so bleibt von der Tatsache nichts19 als eine Meinung übrig, die20 gegen |11 andere Meinungen steht.21 Fakten sind auflösbar in Meinungen, sobald22 man die eigene Zustimmung verweigert, sich aus ihrem Zusammenhang herausstellt23. Sie haben ihre eigene Art wahr zu sein:24 ihre Wahrheit muss25 immer anerkannt, bezeugt26 werden. Wirklichkeit besteht vielleicht nur in der Zustimmung aller Menschen, ist vielleicht nur ein soziales Phänomen, stürzt vielleich t27 zusammen, sobald einer den Mut hat, wirklich und konsequent ihr Vorhandensein zu leugnen. Jedes Geschehnis geht vorüber - wer will morgen wissen, ob es wirklich war? Was durch Denken nicht bewiesen ist, ist nicht beweisbar, kann man also ableugnen, durch Lüge umfälschen, ist der Freiheit anheimgegeben, beliebig zu ändern und unwirksam zu machen30. Nur von Vernunft gefundene Wahrheit kann jederzeit jedem zur Einsicht gebracht werden, ist unumstösslich. Arme Wirklichkeit, die abhängig ist von Menschen, die an sie glauben und sie bezeugen. Denn sie wie ihre Bezeugung sind vergänglich und nicht einmal immer präsentierbar.31
»Aus Facta mach ich mir gar nichts«, schreibt sie an Veit und zeichnet diesen Brief: »Confessions de J. J. Rahel«, »1denn sie seien entweder wahr oder nicht, so kann man sie ableugnen2; hab ich also was getan, so tat ichs,3 weil ichs wollte; und wills mir einer übel nehmen ...4 oder mich belügen, so bleibt mir wieder nichts als ›Nein‹ und ich sags auch.« Jedes Faktum6 ist ungeschehen zu machen7, durch Lüge auszulöschen. Die Lüge kann das Außen8 dementieren, das die Reflexion in eine seelische Eigenschaft verwandelte. Die Lüge tritt die Erbschaft der Reflexion an9, zieht das Fazit und verwirklicht die10 in ihr erworbene Freiheit11. »Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen; und ein wichtiger Teil12 unserer Freiheit.« Wie will das Faktum noch etwas bedeuten, wenn der Mensch selbst13 ihm seine Bestätigung versagt:14 Juden dürfen am Sabbath nicht fahren15; Rahel ist doch mit der Schauspielerin16 Marchetti »am hellichten Sabbath ...17 gefahren; es hat mich niemand gesehen, ich hätte18 und würd und werd es jedem abstreiten«. Wenn sie abstreitet, so bleibt von der Tatsache nichts19 als eine Meinung übrig, die20 gegen andere Meinungen steht.21 Fakten sind auflösbar in Meinungen, sobald22 man die eigene Zustimmung verweigert, sich aus ihrem Zusammenhang herausstellt23. Sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000023 haben ihre eigene Art wahr zu sein:24 ihre Wahrheit muß25 immer anerkannt, bezeugt26 werden. Wirklichkeit besteht vielleicht nur in der Zustimmung aller Menschen, ist vielleicht nur ein soziales Phänomen, stürzt vielleicht27 zusammen, sobald einer den Mut hat, wirklich und konsequent ihr Vorhandensein zu leugnen. Jedes Geschehnis geht vorüber - wer will morgen wissen, ob es wirklich war? Was durch Denken nicht bewiesen ist, ist nicht beweisbar; also abzuleugnen, also durch Lüge umzufälschen, der Freiheit anheimgegeben, beliebig zu ändern und unwirksam zu machen30. Nur von Vernunft gefundene Wahrheit kann jederzeit jedem zur Einsicht gebracht werden, ist unumstößlich. Arme Wirklichkeit, die abhängig ist von Menschen, die an sie glauben und sie bezeugen. Denn sie wie ihre Bezeugung sind vergänglich und nicht einmal immer präsentierbar.31
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Herrschen tut allein die Vernunft, deren Wahrheit einsehbar ist, jederzeit jedem zur Einsicht gebracht werden kann. Die Wahrheit der Geschichte ist abhängig von den Menschen, die an sie glauben; aber sie wie ihre Bezeugung gehen vorüber und sind nicht immer präsentierbar.
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Dass1 die Geschichte keine beweisende Kraft für die Vernunft hat4, dass die Geschichtswahrheiten eigentlich nicht »wahr« sind -5 und seien sie noch so gut bezeugt -6 weil sowohl ihre Faktizität wie ihre Bezeugung stets7 zufällig sind, weil auch die Bezeugung noch geschichtlich ist8, - diese Trennung von Vernunft - und Geschichtswahrheiten ist10 das wichtigste Stück Aufklärung, das Mendelssohn von Lessing übernahm. Trotz dieser Trennung behält bei Lessing die Geschichte ihre Bedeutung12 für den Menschen;13 die Geschichte ist14 die Erzieherin der Menschheit, und die15 Geschichtswahrheiten werden nachträglich von der Vernunft anerkannt; denn auch16 die Freiheit der Vernunft entspringt der erziehenden Geschichte. Während so bei Lessing17 Geschichte und Vernunft verschiedenen Entwicklungsstufen der Menschheit zugeteilt sind, tritt18 in der Mendelssohnschen Rezeption eine Verfestigung |11 der Trennung ein. Mendelssohn erst scheidet den Wahrheit suchenden Menschen aus19 der Geschichte aus; die Vernunft hat bei ihm keinerlei Rückverankerung mehr in20 der Geschichte; ausdrücklich21 wendet er22 sich gegen Lessings23 Geschichtsphilosophie die »Erziehung des Menschengeschlechts, die sich mein verewigter Freund Lessing von ich weiss25 nicht welchem Geschichtsforscher der Menschheit hat einbilden lassen.26« Allem Wirklichen,28 Umwelt, Geschichte, Mitmenschen29 fehlt die Legitimation der Vernunft.
Dass1 die Fakten - oder die2 Geschichte -3 keine beweisende Kraft für die Vernunft haben4, und seien sie noch so gut bezeugt,6 weil sowohl ihre Faktizität wie ihre Bezeugung zufällig sind, dass nur »Vernunftwahrheiten« (Lessing)8, Resultate des reinen Denkens, Anspruch auf Gültigkeit, Wahrheit, Überzeugungskraft haben, ist9 -- für die Sophistik der Assimi lation -10 das wichtigste Stück deutscher11 Aufklärung, das Mendelssohn von Lessing übernahm. Übernahm und verfälschte. Denn12 für Lessing ist13 die Geschichte die Erzieherin der Menschheit, und »15Geschichtswahrheiten« erkennt das mündig gewordene Individuum kraft seiner Vernunft. Auch16 die Freiheit der Vernunft ist ein Produkt der17 Geschichte, eine höhere Entwicklungsstufe. Erst18 in der Mendelssohnschen Rezeption werden »Geschichts- und Vernunftwahrheiten« so endgültig voneinander geschieden, dass19 der Wahrheit |12 suchende Mensch selbst aus20 der Geschichte ausscheidet. Ausdrücklich21 wendet Mendelssohn22 sich gegen Lessing’s23 Geschichtsphilosophie,24 die »Erziehung des Menschengeschlechts, die sich mein verewigter Freund Lessing von ich weiss25 nicht welchem Geschichtsforscher der Menschheit hat einbilden lassen.26« (Mendelssohn)27 Allem Wirklichen:28 Umwelt, Geschichte, Gesellschaft29 fehlt - Gott sei Dank -30 die Legitimation der Vernunft.
Daß1 die Fakten - oder die2 Geschichte -3 keine beweisende Kraft für die Vernunft haben4, und seien sie noch so gut bezeugt,6 weil sowohl ihre Faktizität wie ihre Bezeugung zufällig sind, daß nur »Vernunftwahrheiten« (Lessing)8, Resultate des reinen Denkens, Anspruch auf Gültigkeit, Wahrheit, Überzeugungskraft haben, ist9 - für die Sophistik der Assimilation -10 das wichtigste Stück deutscher11 Aufklärung, das Mendelssohn von Lessing übernahm. Übernahm und verfälschte. Denn12 für Lessing ist13 die Geschichte die Erzieherin der Menschheit, und »15Geschichtswahrheiten« erkennt das mündig gewordene Individuum kraft seiner Vernunft. Auch16 die Freiheit der Vernunft ist ein Produkt der17 Geschichte, eine höhere Entwicklungsstufe. Erst18 in der Mendelssohnschen Rezeption werden »Geschichts- und Vernunftwahrheiten« so endgültig von einander geschieden, daß19 der Wahrheit suchende Mensch selbst aus20 der Geschichte ausscheidet. Ausdrücklich21 wendet er22 sich gegen Lessings23 Geschichtsphilosophie,24 die »Erziehung des Menschengeschlechts, die sich mein verewigter Freund Lessing von ich weiß25 nicht welchem Geschichtsforscher der Menschheit hat einbilden lassen«.27 Allem Wirklichen:28 Umwelt, Geschichte, Gesellschaft29 fehlt - Gott sei Dank -30 die Legitimation der Vernunft.
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Vielleicht kann man das Benachteiligtsein leugnen, vielleicht braucht man sich von ihm nicht überzeugen zu lassen, wenn man sich gar nicht erst auf es einlässt. Im reinen Selbstdenken gibt es keine Benachteiligungen, und alles Denken hat Rahel nicht zu überzeugen vermocht, dass sie eine Jüdin sei.
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Rahels Kampf gegen die Fakten, vor allem gegen das Faktum als Jude geboren zu sein, wird sehr schnell zu einem Kampf gegen sich selbst. Sich selbst muss2 sie den Konsens verweigern, sich selbst, die Benachteiligte, verleugnen, verändern, umlügen, da sie ja nicht sich selbst einfach die Existenz bestreiten kann.
Rahels Kampf gegen die Fakten, vor allem gegen das Faktum,1 als Jude geboren zu sein, wird sehr schnell zu einem Kampf gegen sich selbst. Sich selbst muß2 sie den Konsens verweigern, sich selbst, die Benachteiligte, verleugnen, verändern, umlügen, da sie ja nicht sich selbst einfach die Existenz bestreiten kann.
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So lange Don Quichotte noch auszieht, die wirkliche Welt in eine mögliche, erträumte, illusionistische zu verzaubern, ist er nur ein Narr und vielleicht ein glücklicher;1 vielleicht ein edler, sofern2 er es unternimmt, ein bestimmtes Ideal in die Welt hineinzuzaubern. Beginnt er aber ohne bestimmtes Ideal, ohne bestimmte erträumte Veränderung der Welt,3 nur sich selbst in irgendeine leere Möglichkeit zu verwandeln, die er sein könnte, so ist er nur ein Schlehmihl4 und ein opportunistischer dazu, der seine Existenz vernichten möchte - um besser leben zu können.
Solange Don Quichotte noch auszieht, die wirkliche Welt in eine |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000024 mögliche, erträumte, illusionistische zu verzaubern, ist er nur ein Narr und vielleicht ein glücklicher:1 vielleicht ein edler, wenn2 er es unternimmt, ein bestimmtes Ideal in die Welt hineinzuzaubern. Beginnt er aber ohne bestimmtes Ideal, ohne bestimmte erträumte Veränderung der Welt nur sich selbst in irgendeine leere Möglichkeit zu verwandeln, die er sein könnte, so ist er nur ein »närrischer Phantast«4 und ein opportunistischer dazu, der seine Existenz vernichten möchte - um besser leben zu können.
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Ihr Kampf gegen die Fakten ist ein Kampf gegen sich selbst. Sich selbst muss sie den Konsens verweigern1, sich selbst, die Benachteiligte, leugnen. Aber wie soll sie sich selbst leugnen? Sie kann nicht leugnen, dass sie existiert. Also muss sie sich umwandeln. Aber in was soll sie verwandeln? Die Möglichkeiten2 anders zu sein, als man ist, sind unendlich viele, und es3 gibt - -4 hat man erst einmal nein5 zu sich gesagt,6 keine Wahl. Es gibt nur eins: immer7 gerade und im Augenblick anders zu sein als man ist. Nie sich behaupten, sondern schmiegsam zu werden9, alles, nur nicht man selbst. Aber wer kann diese11 unmenschliche Wachheit aushalten12, sich nicht zu verraten, anonym zu bleiben,13 alles zu verschweigen, ohne ein bestimmtes Geheimnis zu haben, das man hüten kann,15 an das man sich halten kann?16 »Denn ich bin krank durch gene18, durch Zwang, solang ich lebe; ich lebe wider meine Neigungen ...19 Ich verstell mich, artig bin ich ...20 aber ich bin zu klein, das auszuhalten, zu klein; ...21 Mein ewiges Verstellen, mein Vernünftigsein22, mein Nachgeben, welches ich |12 selbst nicht mehr24 merke, und25 meine Einsicht verzehren, ich halt es nicht mehr aus; und nichts und27 niemand kann mir helfen.«
Denn der Möglichkeiten1, anders zu sein, als man ist, sind unendlich viele. Es3 gibt - hat man erst einmal Nein5 zu sich gesagt -6 keine Wahl. Es gibt nur eins: Immer7 gerade und im Augenblick anders zu sein als man ist. Nie sich behaupten, sondern schmiegsam sein9, alles werden10, nur nicht man selbst. Eine11 unmenschliche |13 Wachheit gehört dazu12, sich nicht zu verraten, alles zu verschweigen, ohne doch14 ein bestimmtes Geheimnis zu haben, an das man sich halten könnte.16 »Denn ich bin krank,17 durch gêne18, durch Zwang, solang ich lebe; ich lebe wider meine Neigungen --19 Ich verstell mich, artig bin ich.. aber ich bin zu klein, das auszuhalten, zu klein; .. Mein ewiges Verstellen, mein Vernünftigsein22, mein Nachgeben, welches ich selbst nicht merke, meine Einsicht verzehren mich26, ich halt es nicht mehr aus; und nichts und27 niemand kann mir helfen.«
Denn der Möglichkeiten1, anders zu sein, als man ist, sind unendlich viele. Es3 gibt - hat man erst einmal nein5 zu sich gesagt -6 keine Wahl. Es gibt nur eins: immer7 gerade und im Augenblick anders zu sein,8 als man ist. Nie sich behaupten, sondern schmiegsam werden9, alles, nur nicht man selbst. Eine11 unmenschliche Wachheit gehört dazu12, sich nicht zu verraten, alles zu verschweigen, ohne doch14 ein bestimmtes Geheimnis zu haben, an das man sich halten könnte. So schreibt sie zweiundzwanzigjährig an Veit:16 »Denn ich bin krank,17 durch gêne18, durch Zwang, solang ich lebe; ich lebe wider meine Neigung ...19 Ich verstell mich, artig bin ich ...20 aber ich bin zu klein, das auszuhalten, zu klein; ...21 Mein ewiges Verstellen, meine Vernünftigkeit22, mein einziges23 Nachgeben, welches ich selbst nicht mehr24 merke, und25 meine Einsicht verzehren mich26, ich halt es nicht mehr aus; und nichts,27 niemand kann mir helfen.«
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Die Allmacht der Meinung und der Lüge hat eine Grenze, über die hinaus nichts mehr veränderbar ist:1 sein Gesicht kann man nicht ändern, und das Faktum, so und nicht anders auf die Welt gekommen zu sein, mit diesem Körper, mit diesen Neigungen und mit diesen Anlagen, ist nicht durch2 Denken und nicht durch beliebige Aussagen wegzuleugnen. Es bleibt höchstens die Zeit3, die jeden älter werden lässt und den Menschen von Geburt an in eine dauernde Veränderung hineinreisst4. Aber die Zeit hilft nicht, älter werde doch immer nur ich selbst, und was die Zeit bringt, ist ungewiss, so ungewiss, dass jede Veränderung Furcht einjagt.5 »Nichts wünsch ich jetzt als mich zu verändern, äusserlich7 und innerlich, ich ...8 bin mich überdrüssig; dazu werd ich aber nicht gelangen und werd9 so bleiben, so gut als mein Gesicht; älter können wir beide wohl werden, sonst aber nichts ... Auch fürcht ich jede Veränderung.10« Zu dem, was11 die Welt gibt und geben kann - »gemeine Sachen12, die man aber haben muss« - kann sie kein Vertrauen mehr haben. Die Welt ist wie Schlamm, der nicht nur hindert; jeder Schritt vor- oder rückwärts stösst sie tiefer hinein. Die Welt ist also doch allmächtig, man13 kann aus ihr nicht heraus14, nur in ihr, im »Schlamm« begraben werden. »Ja15, wenn ich aus der Welt leben könnte, ohne Sitten, ohne Verhältnisse, fleissig in einem Dorf« - aber auch dazu muss die Welt noch ihre Einwilligung geben: »Ich habe16 aber nicht zu leben17«. Verhältnisse und Sitten18 in ihrer Allgemeinheit sind so unumstösslich wie die Natur; gegen ein einzelnes Faktum19 kann der Mensch wohl an20, wenn er es leugnet, nicht gegen21 die Gesamtheit aller Fakten, die wir Welt nennen22. In dieser Welt kann man leben23, wenn man einen Stand hat, eine Stelle, an24 der |13 man steht; Rahel ist nichts, weil sie nirgends steht, die25 Welt hat sie nicht vorgesehen; die einzelnen26 Sitten und einzelnen27 Verhältnisse werden ihr28, die sie keine Stelle hat, zur indefiniten Welt überhaupt - zu »Schlamm29«, der sie an jedem Schritt30, an jeder Handlung hindert. Da hilft keine Einsicht mehr, Einsicht kann nur noch bestätigen, sie wird verzehrend -31 »nichts, niemand kann mir helfen«.32
Die Allmacht der Meinung und der Lüge hat eine Grenze, über die hinaus nichts mehr veränderbar ist;1 sein Gesich t kann man nicht verwandeln; weder2 Denken noch Freiheit3, weder Lüge noch Ekel noch Überdruss helfen aus der eignen Haut heraus4. »Nichts wünsch ich jetzt mehr,6 als mich zu verändern, äusserlich7 und innerlich, ich.. bin mich überdrüssig; dazu werd ich aber nicht gelangen und werd9 so bleiben, so gut als mein Gesicht; älter können wir beide wohl werden, sonst aber nichts...10« Bleibt also höchstens11 die Zeit12, die jeden älter werden lässt und den Menschen von Geburt an in eine dauernde Veränderung hineinreisst. Nur dass diese Veränderung gar nichts nutzt, da sie in kein Traumparad ies und kein Land unbegrennzter Möglichkeiten führt. So isolieren13 kann sich kein menschliches Wesen14, dass es nicht immer auf die Welt verwiesen wird15, wenn es durchaus hoffen will auf das was die Welt nur geben kann -- »gemeine Sachen, die man16 aber haben muss17«. Weil man sich18 in sein Ich nur hinein-- aber nicht herausreflektieren19 kann, behält21 die Welt schliesslich doch immer das letzte Wort22. »Ja23, wenn ich aus24 der Welt leben könnte, ohne26 Sitten, ohne27 Verhältnisse, fleissig in einem Dorf29«, was man eben nur kann30, wenn die Welt es so eingerichtet hat:31 »ich habe aber nicht zu leben.«32
Die Allmacht der Meinung und der Lüge hat eine Grenze, über die hinaus nichts mehr veränderbar ist;1 sein Gesicht kann man nicht verwandeln; weder2 Denken noch Freiheit3, weder Lüge noch Ekel noch Überdruß helfen aus der eigenen Haut heraus4. Sie schreibt im gleichen Winter:5 »Nichts wünsch ich jetzt,6 als mich zu verändern, äußerlich7 und innerlich, ich ...8 bin mich überdrüssig; dazu werd ich aber nicht gelangen und ich muß9 so bleiben, so gut als mein Gesicht; älter können wir beide wohl werden, sonst aber nichts.« Bleibt also höchstens11 die Zeit12, die jeden älter werden läßt und den Menschen von Geburt an in eine dauernde Veränderung hineinreißt. Nur daß diese Veränderung gar nichts nutzt, da sie in kein Traumparadies und kein Land unbegrenzter Möglichkeiten führt. So isolieren13 kann sich kein menschliches Wesen14, daß es nicht immer auf die Welt verwiesen wird15, wenn es durchaus hoffen will auf das, was nur die Welt geben kann - »gemeine Sachen. Die man16 aber haben muß17«. Weil man sich18 in sein Ich nur hinein-, aber nicht herausreflektieren19 kann, behält21 die Welt schließlich doch immer das letzte Wort22. »Ja23, wenn ich aus24 der Welt leben könnte, ohne26 Sitten, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000025 ohne27 Verhältnisse, fleißig in einem Dorf29«, was man eben nur kann30, wenn die Welt es so eingerichtet hat:31 »ich habe aber nicht zu leben«.32
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Verhältnisse und Sitten in ihrer Allgemeinheit sind für den Einzelnen1 so unumstösslich2 wie die Natur. Gegen ein einzelnes Faktum kann der Mensch wohl an, wenn er es leugnet, nicht gegen die Gesamtheit der Fakten, die wir Welt nennen. In ihr kann man leben, wenn man einen Stand hat, eine Stelle, an der man steht, einen Platz, auf den man gehört. Wenn man von der Welt so wenig vorgesehen3 ist,4 wie Rahel, ist man nichts, weil man von Aussen5 gar nicht begrenzt ist. Alles Einzelne6, Sitten, Verhältnisse, Konventionen ist7 unübersehbar, wird8 zur indefiniten Welt überhaupt, die in ihrer Gesamtheit nur hindert. »Auch fürcht ich jede Veränderung.« Da hilft keine Einsicht mehr, Einsicht kann nur noch voraussehen,9 und vorhersagen; kann nur die Hoffnung »verzehren10 »Nichts, niemand kann mir helfen.«
Verhältnisse und Sitten in ihrer Allgemeinheit sind für den einzelnen1 so unumstößlich2 wie die Natur. Gegen ein einzelnes Faktum kann der Mensch wohl an, wenn er es leugnet, nicht gegen die Gesamtheit der Fakten, die wir Welt nennen. In ihr kann man leben, wenn man einen Stand hat, eine Stelle, an der man steht, einen Platz, auf den man gehört. Wenn man von der Welt so wenig vorhergesehen3 ist wie Rahel, ist man nichts, weil man von außen5 gar nicht begrenzt ist. Alle Einzelheiten6, Sitten, Verhältnisse, Konventionen sind7 unübersehbar, werden8 zur indefiniten Welt überhaupt, die in ihrer Gesamtheit nur hindert. »Auch fürcht ich jede Veränderung.« Da hilft keine Einsicht mehr, Einsicht kann nur noch voraussehen und vorhersagen; kann nur die Hoffnung »verzehren«.10 »Nichts, niemand kann mir helfen.«
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Nichts Vorhersehbares kann helfen1 und niemand, den sie kennt. Also vielleicht das schlechthin Unvorhersehbare, der Zufall, das Glück. Etwas tun2, unternehmen ist sinnlos4, also5 vielleicht einfach warten, auf das Leben selbst6 warten. »Und ich7 küsse doch wo ich ihr nur begegnen kann, aus Dank und Wunder der Fortuna den Staub von den Füssen9Aber auch die Bereitschaft für den10 Zufall enttäuscht; die Welt11 ist indefinit, nirgends eine Stelle12, an13 der der Zufall auftauchen könnte. Das Glück kann nicht zu ihr kommen14, es findet nicht hin durch den »Schlamm« - »mich dünkt ich freue mich so sehr15, nicht unglücklich zu sein16, dass ein Blinder müsste sehen können, dass ich gar nicht glücklich sein kann.« So schreibt sie 1795, als sie17, vierundzwanzig Jahre alt18, noch nichts eigentlich erlebte, ihr Leben noch ohne jeden persönlichen Inhalt war19. Dieser Verzicht wird endgültig; er kümmert sich nicht darum, dass sie weiter auf das Glück hofft20 - fast ein Leben lang hofft; er weiss nur - und sie weiss insgeheim bei allem, was ihr passieren wird - dass er nur wartet, bestätigt zu werden.21
Nichts Vorher sehbares1 und niemand, den sie kennt. Also vielleicht das schlechthin Unvorhersehbare, der Zufall, das Glück. Sinnlos ist es2, etwas zu3 unternehmen in der ungeordneten4, unbestimmten Welt. Also5 vielleicht einfach warten, auf das Leben eslbst6 warten. »Und ich7 küsse doch wo ich ihr nur begegnen kann, aus Dank und Wunder der Fortuna den Staub von den Füssen9Der10 Zufall ist eine herrliche Sache für Hoffnung12, die13 der Verzweiflung zum Verwechseln ähnlich sieht. Hoffnung verführt14, in die Welt auszuspähen nach einer kleinen15, winzig kleinen Ritze16, welche die Verhältnisse gelassen haben könnten; nach einer Ritze - sie sei noch so schmal - die doch die indefinite Welt gliedern17, zentrieren hülfe18, weil das ersehnte Unerwartete als bestimmtes Glück aus dieser Stelle schliesslich hervorsteigen muss19. Hoffnung führt zur Verzweiflung, wenn Einsicht keine Ritze ausfindig macht, keine Glückschance20 - »mich dünkt, ich freue mich so sehr, nicht unglücklich zu sein, dass ein Blinder müsste sehen können ,dass ich gar nicht glücklich sein kann.«21
Nichts Vorhersehbares1 und niemand, den sie kennt. Also vielleicht das schlechthin Unvorhersehbare, der Zufall, das Glück. Sinnlos ist es2, etwas zu3 unternehmen in der ungeordneten4, unbestimmten Welt. Also5 vielleicht einfach warten, auf das Leben selbst6 warten. »Ich7 küsse doch,8 wo ich ihr nur begegnen kann, aus Dank und Wunder der Fortuna den Staub von den Füßen9Der10 Zufall ist eine herrliche Sache für Hoffnung12, die13 der Verzweiflung zum Verwechseln ähnlich sieht. Hoffnung verführt14, in der Welt auszuspähen nach einer kleinen15, winzig kleinen Ritze16, welche die Verhältnisse gelassen haben könnten; nach einer Ritze - sie sei noch so schmal - die doch die indefinite Welt gliedern17, zentrieren hülfe18, weil das ersehnte Unerwartete als bestimmtes Glück schließlich aus ihr hervortreten muß19. Hoffnung führt zur Verzweiflung, wenn Einsicht keine Ritze ausfindig macht, keine Glückschance20 - »mich dünkt, ich freue mich so sehr, nicht unglücklich zu sein, daß ein Blinder müßte sehen können, daß ich gar nicht glücklich sein kann«.21
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So sieht es in der Vierundzwanzigjährigen aus, die noch nichts eigentlich erlebt hat, deren Leben noch ohne jeden persönlichen Inhalt is1.t Der Verzicht2 wird endgültig; er3 kümmert sich nicht darum, dass sie4 weiter auf das Glück -5 fast ein Leben lang hofft; er weiss nur -- und sie weiss6 insgeheim bei allem, was ihr passieren7 wird - dass er8 nur wartet, bestätigt zu werden. Von Geburt an benachteiligt, ohne vom Schicksal geschlagen zu sein, unglücklich, ohne ein bestimmtes Unglück ertragen zu müssen, ist der »Schmerz grösser9 als der Anlass10.. reifer präpariert.« (12Burgsdorff)13. Im Verzicht - ohne auf etwas bestimmtes14 verzichten zu müssen - hat sie alle Erfahrungen schon vorweg genommen, scheint das Leiden zu kennen, ohne doch gelitten zu haben. »Ein langer Schmerz hat Sie 15erzogen16 .. es ist wahr, dass17 eine Spur des erlittenen Schicksals an Ihnen sichtbar ist, dass18 man das früh gelernte Schweigen und Verbergen in Ihnen sieht.« (Burgsdorff.)19
So sieht es in der Vierundzwanzigjährigen aus, die noch nichts eigentlich erlebt hat, deren Leben noch ohne jeden persönlichen Inhalt ist1. »Ich hab’ Unglück; ich laß’ es mir nicht ausreden; und das hat immer einen schlechten Effekt.« Die Einsicht2 wird endgültig; sie3 kümmert sich nicht darum, daß Rahel4 weiter auf das Glück fast ein Leben lang hofft; Rahel weiß6 insgeheim bei allem, was ihr geschehen7 wird, daß die Einsicht der Jugend8 nur wartet, bestätigt zu werden. Von Geburt an benachteiligt, ohne vom Schicksal geschlagen zu sein, unglücklich, ohne ein bestimmtes Unglück ertragen zu müssen, ist der »Schmerz größer9 als der sichtbare |Arendt-II-001-00000026 Anlaß,10 ...11 reifer präpariert«, wie Wilhelm von12 Burgsdorff, der nahe Freund Caroline von Humboldts ihr in jenen Jahren schrieb13. Im Verzicht - ohne auf etwas Bestimmtes14 verzichten zu müssen - hat sie alle Erfahrungen schon vorweg genommen, scheint das Leiden zu kennen, ohne doch gelitten zu haben. »Ein langer Schmerz hat Sie erzogen .16.. es ist wahr, daß17 eine Spur des erlittenen Schicksals an Ihnen sichtbar ist, daß18 man das früh gelernte Schweigen und Verbergen in Ihnen sieht.«
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Im Warten auf die konkrete Bestätigung, die zunächst1 noch ausbleibt - dies2 Warten beginnt früher als der ausdrückliche Verzicht3 - schlägt die Unbestimmtheit von Welt und Leben um4 in das Generelle; kein einzelnes Hindernis steht ihr5 entgegen, sondern schlechthin6 alles, die Welt. Aus dem Indefiniten entspringt der »Hang zum Generalisieren«, die Welt wird erfassbar durch |14 die Vernunft, die Vernunft8 rettet ein zweites Mal, sie rettet diesmal vor dem »Schlamm«. Das was10 sie sucht, ist zwar im Einzelnen und konkret nicht treffbar, aber es ist sachlich überall herauszufinden. Sie liebt keinen Menschen, aber sie liebt das Sich-Treffen bei der Wahrheit. Sie trifft die11 Vernunft in jedem Menschen, und dieses Treffen13 bleibt »geniessbar14«, solange sie sich keinem Menschen verschreibt, solange sie die Distanz wahrt:15 »wie16 glücklich der Mensch, der seine Freunde liebt,17 und ohne Unruhe ohne sie leben kann«.18 Das Generelle ist nicht verlierbar, es kann jederzeit wieder gefunden werden. Sie ist nicht glücklich -20 kann nicht glücklich sein, aber sie ist nicht unglücklich. Sie kann keinen Menschen lieben, aber in vielen vieles22.
Im Warten auf die konkrete Bestätigung, die vorerst1 noch ausbleibt - das2 Warten überdauert den voreiligen Verzicht3 - schlägt die Unbestimmtheit von Welt und Leben in das Generelle um. Es stehen ihr nicht einzelne Hindernisse, wegräumbare,5 entgegen, sondern alles, die Welt. Aus dem aussichtslosen Kampf mit dem7 Indefiniten entspringt der »Hang zum Generalisieren«. Die Vernunft erfasst das einzeln nicht Bestimmbare im Begriff und8 rettet dadurch9 ein zweites Mal. Sie lenkt in der Abstraktion vom Einzelnen ab,10 sie lenkt die Sucht, glücklich zu werden um in »Wahrheits leidenschaft«. »Sie lehrt Genüsse, die nichts mit Persönlichem zu schaffen haben. Rahel liebt keinen Menschen, aber die11 Vernunft begegnet12 in jedem Menschen, das13 bleibt »geniessbar14«, solange sie sich keinem Menschen verschreibt, solange sie die Distanz wahrt.15 »Wie16 glücklich der Mensch, der seine Freunde liebt und ohne Unruhe ohne sie leben kann18 Das Generelle ist nicht verlierbar, es kann jederzeit wieder gefunden |16 oder produziert19 werden. Sie ist nicht glücklich,20 kann nicht glücklich sein, aber sie ist auch21 nicht unglücklich. Sie kann keinen Menschen lieben, aber in vielen Vieles22.
Im Warten auf die konkrete Bestätigung, die vorerst1 noch ausbleibt - das2 Warten überdauert die voreilige Einsicht3 - schlägt die Unbestimmtheit von Welt und Leben in das Generelle um. Es stehen ihr nicht einzelne Hindernisse, wegräumbare,5 entgegen, sondern alles, die Welt. Aus dem aussichtslosen Kampf mit dem7 Indefiniten entspringt der »Hang zum Generalisieren«. Die Vernunft erfaßt das einzeln nicht Bestimmbare im Begriff und8 rettet dadurch9 ein zweites Mal. Sie lenkt in der Abstraktion vom einzelnen ab,10 sie wandelt die Sucht, glücklich zu werden, um in »Wahrheitsleidenschaft«. Sie lehrt »Genüsse«, die nichts mit Persönlichem zu schaffen haben. Rahel liebt keinen Menschen, aber sie liebt das Sich-Treffen bei der Wahrheit. Die11 Vernunft begegnet12 in jedem Menschen, das13 bleibt »genießbar14«, solange sie sich keinem Menschen verschreibt, solange sie die Distanz wahrt.15 »Wie16 glücklich der Mensch, der seine Freunde liebt und ohne Unruhe ohne sie leben kann18 Das Generelle ist nicht verlierbar, es kann jederzeit wieder gefunden oder produziert19 werden. Sie ist nicht glücklich,20 kann nicht glücklich sein, aber sie ist auch21 nicht unglücklich. Sie kann keinen Menschen lieben, aber in Vielen vieles22.
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Sie lernt viele Menschen kennen. Die »Dachstube« in der Jäger= strasse1 wird der Treffpunkt für die Freunde. Der älteste und lange Jahre hindurch der vertrauteste ist David Veit, ein junger jüdischer Berliner Student. Er studiert Mitte der neunziger Jahre in Göttingen,2 Medizin;3 sie schreiben sich oft, grosse Briefe4, kleine Tagebücher. Er kennt sie und ihr Milieu, weil er aus einem ähnlichen stammt, er kennt die häuslichen Verhältnisse; sie lässt5 ihn alles wissen, ohne Scheu, zeigt ihm, mit tausend Einzelzügen belegt, die Inadäqua theit zwischen ihr selbst und der häuslichen Umgebung, demonstriert sie, führt den Indizienbeweis, hängt sich an Einzelnes6. Veit versteht nicht die Stärke der Verzweiflung. Man muss7 aus dem Judentum heraus, man muss8 sich taufen lassen - er tut es wenige Jahre später - man kann dieser Umgebung und diesen Efrfahrungen10 entgehen, man kann sie dann später vergessen. Sie merkt, dass11 ihrer Klage der Inhalt fehlt. Einzelne Hindernisse können beseitigt werden, sie weiss12 am besten, das Einzelne13 kann man leugnen. Den Inbegriff, den sie meint, kann sie noch nicht ausdrücken, nur Erfahrung kann ihn erläutern, nur Erlebtes zum Beispiel werden.
Sie lernt viele Menschen kennen. Die »Dachstube« in der Jägerstraße1 wird der Treffpunkt für die Freunde. Der älteste und lange Jahre hindurch der vertrauteste ist David Veit, ein junger jüdischer Berliner Student. Er studiert Mitte der neunziger Jahre in Göttingen Medizin,3 sie schreiben sich oft, große Journale4, kleine Tagebücher. Er kennt sie und ihr Milieu, weil er aus einem ähnlichen stammt, er kennt die häuslichen Verhältnisse; sie läßt5 ihn alles wissen, ohne Scheu, zeigt ihm, mit tausend Einzelzügen belegt, die Inadäquatheit zwischen ihr selbst und der häuslichen Umgebung, demonstriert sie, führt den Indizienbeweis, hängt sich an einzelnes6. Veit versteht nicht die Stärke der Verzweiflung. Man muß7 aus dem Judentum heraus, man muß8 sich taufen lassen - er tut es wenige Jahre später -,9 man kann dieser Umgebung und diesen Erfahrungen10 entgehen, man kann sie dann später vergessen. Sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000027 merkt, daß11 ihrer Klage der Inhalt fehlt. Einzelne Hindernisse können beseitigt werden, sie weiß12 am besten, das einzelne13 kann man leugnen. Den Inbegriff, den sie meint, kann sie noch nicht ausdrücken, nur Erfahrung kann ihn erläutern, nur Erlebtes zum Beispiel werden.
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Sie lernt viele Menschen kennen; ihr kleines Zimmer1 in der Jägerstrasse wird der Treffpunkt für die Freunde. Der älteste und lange Jahre hindurch der vertrauteste ist David Veit, ein junger jüdischer Student aus Berlin. Er studiert Mitte der neunziger Jahre in Göttingen Medizin, sie schreiben sich oft, grosse Journale, kleine Tagebücher. Er kennt sie und ihr Milieu, weil er aus einem ähnlichen kommt, er kennt die häuslichen Verhältnisse; sie lässt ihn alles wissen, ohne Scheu, zeigt ihm, mit tausend Einzelzügen belegt, die Inadäquatheit zwischen ihr selbst und der häuslichen Umgebung auf, demonstriert sie, führt den Indizienbeweis, hängt sich an Einzelnes. Veit versteht nicht die Stärke der Verzweiflung, man muss aus dem Judentum heraus, man muss sich taufen lassen - er tut es wenige Jahre später in Paris - , man kann2 diesen Erfahrungen entgehen, man kann sie später vergessen. Sie merkt, dass ihrer Klage der Inhalt fehlt, das Einzelne kann nicht überzeugen, es3 ist veränderbar; sie weiss am besten4, das Einzelne kann man leugnen: |15 ihr fehlt noch ein anderer Ausdruck für das, was sie meint. So fehlt diesen Briefen in ihrem Beginn trotz ihrer Lebendigkeit der Inhalt.5 Veit bringt6 ihr Nachricht von der Welt,7 von allem, wovon sie sich ausgeschlossen fühlt8. Sie schätzt seine akkurate, zuverlässige Berichterstattung9, vergisst10 ihm nie, dass11 er bei12 der Beschreibung seines Besuches bei Goethe,13 kein Wort, kein Détail14 unterschlägt. Ihre Briefe sind ebenso akkurate15, ebenso zuverlässige Antworten. Nie ist ein Wort ins Leere geschrieben, es wird mit Sicherheit aufgefangen, kommentiert, beantwortet. Der Brief ersetzt das Gespräch,16 sie bringt ihn zum Sprechen über Menschen und Dinge. Sie hat ausgeschlossen aus der Gesellschaft ohne natürlichen Verkehr einen ungeheueren20 Menschenhunger. Sie21 ist neugierig auf jedes intime Détail22, gespannt auf jede Äusserung23. Dabei beginnt schon eine dauernde Beteuerung der Exklusivität24, - »man kann nicht mit wenig genug Leuten über Dinge sprechen und über nicht zu wenig Dinge mit denen«25. Dies gilt als Mahnung an Veit26; sie selbst ist in ihrem Verkehr schon jetzt so wahllos wie später27. »Sie sind«,28 schreibt Veit »aufrichtig gegen Bekannte, die von ihren30 Worten keine Silbe verstehen,31 und diese Aufrichtigkeit missdeuten32; diese Bekannten fordern Aufrichtigkeit von Ihnen, wo Sie33 zurückhaltend sind, und danken für die Wahrheit nicht.« Statt mit Wenigen34 über Weniges35 zu sprechen, spricht Rahel mit allen über Alles36. Man schreit sie als boshaft aus und traut ihr,37 macht sie zum Confident. Ihre Anwesenheit genügt38, um39 aus den Menschen alles herauszulocken, ihre40 Abwesenheit aber lässt sie41 zweideutig erscheinen: sie42 spricht zu jedem43 über jedes. Man weiss44 nie, was sie von einem denkt, man geht weg und weiss47 nichts von ihr. Das frühzeitige Schweigen- und Verbergenmüssen hat eine48 Atmosphäre von Zweideutigkeit, von49 Unsicherheit erzeugt50.
Wichtiger als Verständnis1 in diesen Dingen3 ist, dass5 Veit ihr erster Berichterstatter7 von der zeitgenössischen Welt wird8. Sie schätzt seine akkuraten zuverlässigen Rapporte9, vergisst10 ihm nie, dass11 er in12 der Beschreibung seines Besuches bei Goethe kein Wort, kein Detail14 unterschlägt. Ihre Briefe sind ebenso genaue15, ebenso zuverlässige Antw orten. Nie ist ein Wort ins Leere geschrieben, es wird mit Sicherheit aufgefangen, kommentiert, beantwortet. Der Brief ersetzt das Gespräch;16 sie bringt ihn zum Sprechen über Menschen und Dinge. |17 Sie hat,17 ausgeschlossen aus der Gesellschaft,18 ohne natürlichen Verkehr,19 einen ungeheuren20 Menschenhunger,21 ist gierig nach jedem kleinsten Ereignis22, gespannt auf jede Äusserung23. In der unbekannten, feindlichen, durch keine Erziehung24, keine Überlieferung, keine Konvention irgendeiner Art geordneten Welt ist keine Orientierung möglich; nur Details werden verschlungen in wahlloser Neugier25. Keine Vornehmheit, keine Exclusivität, kein angeborener Geschmack zügeln die Gier nach Neuem, Ungekanntem26; keine Menschenkenntnis, kein gesellschaftlicher Instinkt, kein wählerischer Takt hindern die Wahllosigkeit ihres Verkehrs, schreiben ihr eine bestimmte, gegründete richtige Haltung den Bekannten gegenüber vor27. »Sie sind« schreibt Veit »aufrichtig gegen Bekannte, die von ihren30 Worten keine Silbe verstehen und diese Aufrichtigkeit missdeuten32; diese Bekannten fordern Aufrichtigkeit von Ihnen, wo Sie33 zurückhaltend sind , und danken für die Wahrheit nicht.« Statt mit Wenigen34 über weniges35 zu sprechen, spricht Rahel mit allen über Alles36. Man schreit sie als boshaft aus - und37 macht sie zum Confident. Ihre Neugier wirkt wie ein heimlich verborgener Magnet38, ihr leidenschaftliches Gespanntsein lockt39 aus den Menschen ihre Geheimnisse heraus. Ihre40 Abwesenheit aber lässt41 zweideutig erscheinen. Sie42 spricht zu Jedem43 über jedes. Man weiss44 nie, was sie von einem denkt, in welchem Verhältnis45 man zu ihr steht; man46 geht weg und weiss47 nichts von ihr. Sie hat ja Bestimmtes nicht zu verbergen noch zu gestehen. Nur das Allgemeine zu verschweigen. Das gerade erzeugt die48 Atmosphäre von Zweideutigkeit und49 Unsicherheit.
Wichtiger als Verständnis1 in diesen Dingen3 ist, daß5 Veit ihr erster Berichterstatter7 von der zeitgenössischen Welt wird8. Sie schätzt seine akkuraten, zuverlässigen Rapporte9, vergißt10 ihm nie, daß11 er bei12 der Beschreibung seines Besuches bei Goethe kein Wort, kein Detail14 unterschlägt. Ihre Briefe sind ebenso genaue15, ebenso zuverlässige Antworten. Nie ist ein Wort ins Leere geschrieben, es wird mit Sicherheit aufgefangen, kommentiert, beantwortet. Der Brief ersetzt das Gespräch;16 sie bringt ihn zum Sprechen über Menschen und Dinge. Sie hat,17 ausgeschlossen aus der Gesellschaft,18 ohne natürlichen Verkehr,19 einen ungeheuren20 Menschenhunger,21 ist gierig nach jedem kleinsten Ereignis22, gespannt auf jede Äußerung23. In der unbekannten, feindlichen, durch keine Erziehung24, keine Überlieferung, keine Konvention irgendeiner Art geordneten Welt ist Orientierung nicht möglich; nur Details werden verschlungen in wahlloser Neugier25. Keine Vornehmheit, keine Exklusivität, kein angeborener Geschmack zügeln die Gier nach Neuem, Ungekanntem26; keine Menschenkenntnis, kein gesellschaftlicher Instinkt, kein Takt hindern die Wahllosigkeit ihres Verkehrs, schreiben ihr eine bestimmte, gegründete, richtige Haltung den Bekannten gegenüber vor27. »Sie sind«,28 schreibt Veit,29 »aufrichtig gegen Bekannte, die von Ihren30 Worten keine Silbe verstehen und diese Aufrichtigkeit mißdeuten32; diese Bekannten fordern Aufrichtigkeit von Ihnen, wo sie33 zurückhaltend sind, und danken für die Wahrheit nicht.« Statt mit wenigen34 über weniges35 zu sprechen, spricht Rahel mit allen über alles36. Man schreit sie als boshaft aus - und37 macht sie zum Confident. Ihre Neugier wirkt wie ein heimlich verborgener Magnet38, ihr leidenschaftliches Gespanntsein lockt39 aus den Menschen ihre Geheimnisse heraus. Ihre40 Abwesenheit aber läßt sie41 zweideutig erscheinen. Sie42 spricht zu jedem43 über jedes. Man weiß44 nie, was sie von einem denkt, in welchem Verhältnis45 man zu ihr steht; man46 geht weg und weiß47 nichts von ihr. Sie hat ja Bestimmtes nicht zu verbergen noch zu gestehen. Nur das Allgemeine zu verschweigen. Das gerade erzeugt die48 Atmosphäre von Zweideutigkeit und49 Unsicherheit.
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Dies1 mangelnde Verhältnis zu Menschen geht ihr ihr2 ganzes Leben lang nach. Erst zwanzig Jahre später ist ihr klar, worauf ihr Ruf und ihre Verrufenheit, ihre Zweideutigkeit in aller Unschuld, beruhen. »Obwohl ich in einem durchdringenden Blick |18 eine nicht irre zu machende Überzeugung von den Menschen habe --3 so kann ich mich in gröblichem Irrtum befinden, ohne mich über diejenigen, so zu sagen, die ich vor mir habe, zu irren. Weil ich mich zu der rasenden Willkür, einen einzelnen, groben, gemeinen Fall anz-u nehmen4, den Menschen, welchen ich gerade5 vor mir habe, ihn ausführen zu lassen, nicht entschliesse6. Ich will nicht sagen, entschliessen7 kann: nicht entschliessen8 mag. Ich beschimpfe, verunreinige dadurch mich selbst.9« Sie erwartet im Wesentlichen10 von allen Menschen das Gleiche11, kann nur generalisierend mit ihnen umgehen, kann nicht die Zufälligkeit der einzelnen Physiognomie, die »grobe und gemeine« Zufälligkeit gerade dieser Person, gerade dieser zusammengewürfel= ten12 Eigenschaften anerkennen. Details sind so wichtig, weil sie ihr sofort typisch werden und viel mehr vermitteln, ihrer hungernden Neugier viel mehr Einsicht zuführen, ihren auf Kombination angewies-e nen13 Orientierungsversuchen viel mehr erschliessen14, als irgendwer ahnen15 oder auch nur verstehen16 könnte. »Da aber bei mir ganz kleine Züge über den ganzen inneren menschlichen Kernwert für alle Ewigkeit... entscheiden, so wird es ja unmöglich, dass17 ich ihm zeige, wofür ich ihn halte, was ich von diesem bestimmten Umstand, in welchem wir uns befinden, denke!! Sie müssten18 mich für rasend halten .. Drum bleibt mir schweigen, schonen, ärgern, meiden, betrachten, zerstreuen, gebrauchen, ungeschickt wütig sein, und noch obenein mich mit grösster20 Geläufigkeit tadlen21 zu lassen, von ordentlichen Tieren!« Dass22 ein Mensch nicht mehr sein soll als seine Eigenschaften, kann sie, die von vornherein gar keine Eigenschaften als die allerformalsten - wie Klugheit, Aufmerksamkeit, Leidenschaftlichkeit --23 mitbringt, nicht zugeben. Es hiesse24 für sie, die Würde des Menschen beleidigen. Aber die Behandlung der Menschen, als seien sie anders als sie sind, als seien sie mehr als die zufällige Summe ihrer Eigenschaften, kann sie |19 nicht durchhalten. Denn »was einer fähig ist, weiss25 niemand besser als ich:26 niemand geschwinder.« Ihre Zweideutigkeit addiert sich aus jener Haltung und diesem Wissen, das sie einer extremen und durch Zurücksetzung dauernd gesteigerten Sensibilität verdankt. »Diese Penetration also, und jene Entschlusslosigkeit27 machen nun, dass28 ich auch eine doppelte Behandlung für die Menschen habe: eine voller Betragen und Voraussetzung.. äusserlich29; und eine richtende, strenge,30 verachtende oder vergötternde, innen. Leicht kann ein jeder mich inkonsequent, feig, biegsam,31 und furchtsam.. finden und glauben, die besser33 Überzeugung komme bei mir nur vor- oder nachher, und der Augenblick könne mir Leidenschaftlichkeit über Sinn und Verstand werfen.« Die Diskrepanz zwischen Behandlung und Urteil - »vorher und nachher«, auf jeden Fall hinter dem Rücken - geschieht naiv und ist nicht heimtückisch. Sie kann, soll sie mit Menschen umgehen, sie nicht anders behandeln, als seien sie unabhängig wie sie selbst von ihren guten und schlechten Eigenschaften; sie kann, soll sie über sie urteilen, sich ihres Scharf blicks nicht erwehren. Nach ihrem Urteil fragen wird sie ins Gesicht so leicht niemand. Und selbst wenn es einer täte, sie urteilt ja nicht auf Grund bestimmter Handlungen, sie verurteilt ja nicht moralisch diesen oder jenen und sie hat ja keinen Wertmasstab35 und kein noch so nützliches Vorurteil; ihr bleiben nur »ganz kleine Züge«, also Unbeweisbares, also36 die formale Qualität als beurteilbare37 zwischen den Händen; gleichsam der Stoff aus dem einer gemacht ist, die Konsistenz seiner Seele, das Niveau, das er hat oder nicht hat.
Dieses1 mangelnde Verhältnis zu Menschen geht ihr ein2 ganzes Leben lang nach. Erst zwanzig Jahre später ist ihr klar, worauf ihr Ruf und ihre Verrufenheit, ihre Zweideutigkeit in aller Unschuld, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000028 beruhen. »Obwohl ich in einem durchdringenden Blick eine nicht irre zu machende Überzeugung von den Menschen habe, ...3 so kann ich mich in gröblichem Irrtum befinden, ohne mich über diejenigen, so zu sagen, die ich vor mir habe, zu irren. Weil ich mich zu der rasenden Willkür, einen einzelnen, groben, gemeinen Fall anzunehmen4, den Menschen, welchen ich grade5 vor mir habe, ihn ausführen zu lassen, nicht entschließe6. Ich will nicht sagen, entschließen7 kann: nicht entschließen8 mag. Ich beschimpfe, verunreinige dadurch mich selbst!9« Sie erwartet im wesentlichen10 von allen Menschen das gleiche11, kann nur generalisierend mit ihnen umgehen, kann nicht die Zufälligkeit der einzelnen Physiognomie, die »grobe und gemeine« Zufälligkeit gerade dieser Person, gerade dieser zusammengewürfelten12 Eigenschaften anerkennen. Details sind so wichtig, weil sie ihr sofort typisch werden und viel mehr vermitteln, ihrer hungernden Neugier viel mehr Einsicht zuführen, ihren auf Kombination angewiesenen13 Orientierungsversuchen viel mehr erschließen14, als irgendwer verstehen15 oder auch nur ahnen16 könnte. »Da aber bei mir ganz kleine Züge über den ganzen inneren menschlichen Kernwert für alle Ewigkeit ... entscheiden, so wird es ja unmöglich, daß17 ich ihm zeige, wofür ich ihn halte, was ich von diesem bestimmten Umstand, in welchem wir uns befinden, denke!! Sie müßten18 mich für rasend halten ...19 Drum bleibt mir schweigen, schonen, ärgern, meiden, betrachten, zerstreuen, gebrauchen, ungeschickt wütig sein, und noch obenein mich mit größter20 Geläufigkeit tadeln21 zu lassen, von ordentlichen Tieren!« Daß22 ein Mensch nicht mehr sein soll als seine Eigenschaften, kann sie, die von vornherein gar keine Eigenschaften als die allerformalsten - wie Klugheit, Aufmerksamkeit, Leidenschaftlichkeit - mitbringt, nicht zugeben. Es hieße24 für sie, die Würde des Menschen beleidigen. Aber die Behandlung der Menschen, als seien sie anders als sie sind, als seien sie mehr als die zufällige Summe ihrer Eigenschaften, kann sie nicht durchhalten. Denn »was einer fähig ist, weiß25 niemand besser als ich;26 niemand geschwinder.« Ihre Zweideutigkeit addiert sich aus jener Haltung und diesem Wissen, das sie einer extremen und durch Zurücksetzung dauernd gesteigerten Sensibilität verdankt. »Diese Penetration also, und jene Entschlußlosigkeit,27 machen nun, daß28 ich auch eine doppelte Behandlung für die Menschen habe: eine voller Betragen und Voraussetzung ... äußerlich29; und eine richtende, strenge verachtende oder vergötternde, innen. Leicht kann ein jeder mich inkonsequent, feig, biegsam und furchtsam ...32 finden und glauben, die bessere33 Überzeugung komme bei |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000029 mir nur vor- oder nachher, und der Augenblick könne mir Leidenschaftlichkeit über Sinn und Verstand werfen.« Die Diskrepanz zwischen Behandlung und Urteil - »vorher und nachher«, auf jeden Fall hinter dem Rücken - geschieht naiv und ist nicht heimtückisch. Sie kann, soll sie mit Menschen umgehen, sie nicht anders behandeln, als seien sie unabhängig wie sie selbst von ihren guten und schlechten Eigenschaften; sie kann, soll sie über sie urteilen, sich ihres Scharfblicks nicht erwehren. Nach ihrem Urteil fragen wird sie ins Gesicht so leicht niemand. Und selbst wenn es einer täte, sie urteilt ja nicht auf Grund bestimmter Handlungen, sie verurteilt ja nicht moralisch diesen oder jenen,34 und sie hat ja keinen Wertmaßstab35 und kein noch so nützliches Vorurteil; ihr bleiben nur »ganz kleine Züge«, also Unbeweisbares, die formale Qualität als Beurteilung37 zwischen den Händen; gleichsam der Stoff,38 aus dem einer gemacht ist, die Konsistenz seiner Seele, das Niveau, das er hat oder nicht hat.
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Das Misstrauen gegen1 sie ist ihr vorerst nahezu unverständlich2. |16 Keine - so meint sie mit Recht - ist aufrichtiger als sie, keine will mehr gekannt sein. Sie stellt Veit wiederholt frei, alle Briefe von ihr anderen4 zu zeigen, sie habe keine Geheimnisse, im5 Gegenteil,6 aus den7 Briefen werde man sie besser erkennen, sie hofft,8 man wird9 gerechter gegen sie sein. Die10 Welt ist ihr noch11 so indefinit12, was ihr geschieht, scheint so wenig sie und gerade sie13 zu treffen14, dass15 Diskretion ihr unverständlich ist. »Warum wollten16 Sie niemanden einen Brief ganz von mir zeigen? mir würd17 es gleich sein, nichts davon darf scheuen, gesehen zu werden. ... Könnt18 ich mich nur den Menschen aufschliessen19, wie man einen Schrank öffnet; und mit einer Bewegung geordnet die Dinge in Fächern zeigt22. Sie würden gewiss23 zufrieden sein; und sobald sie25 sähen auch verstehen.«
Einsicht in solche Dinge erwirbt1 sie spät und bezahlt sie unverhältnismässig teuer2. Keine - so meint sie in der Jugend3 mit Recht - ist aufrichtiger als sie, keine will mehr gekannt sein. Sie stellt Veit wiederholt frei, alle Briefe von ihr andern4 zu zeigen, sie habe keine Geheimnisse. Im5 Gegenteil:6 aus ihren7 Briefen werde man sie besser erkennen, werde8 man gerechter gegen sie sein. Welt und Menschen sind11 so unübersehbar12, was ihr geschieht, scheint so wenig gerade auf sie gemünzt13 zu sein14, dass15 Diskretion ihr unverständlich ist. »Warum wollen16 Sie niemanden einen Brief ganz von mir zeigen? mir würd17 es gleich sein, nichts davon darf scheuen, gesehen zu werden. Könnt18 ich mich nur den Menschen aufschliessen19, wie man einen Schrank öffnet; und mit einer Bewegung geordnet die Dinge in Fächern zeigen22. Sie würden gewiss23 zufrieden sein; und sobald sie25 sähen auch verstehen.«
Einsicht in solche Dinge erwirbt1 sie spät und bezahlt sie unverhältnismäßig teuer2. Keine - so meint sie in der Jugend3 mit Recht - ist aufrichtiger als sie, keine will mehr gekannt sein. Sie stellt Veit wiederholt frei, alle Briefe von ihr anderen4 zu zeigen, sie habe keine Geheimnisse. Im5 Gegenteil:6 aus ihren7 Briefen werde man sie besser erkennen, werde8 man gerechter gegen sie sein. Welt und Menschen sind11 so unübersehbar12, was ihr geschieht, scheint so wenig gerade auf sie gemünzt13 zu sein14, daß15 Diskretion ihr unverständlich ist. »Warum wollten16 Sie niemanden einen Brief ganz von mir zeigen? Mir würd’17 es gleich sein, nichts davon darf scheuen, gesehen zu werden. ... Könnt’18 ich mich nur den Menschen aufschließen19, wie man einen Schrank öffnet; und,20 mit einer Bewegung,21 geordnet die Dinge in Fächern zeigt22. Sie würden gewiß23 zufrieden sein; und,24 sobald sie’s25 sähen,26 auch verstehen.«
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Verstanden werden ist das eigentliche Glück des Gesprächs. Das Imaginäre ihrer Existenz, das Imaginäre ihrer Leiden will durch diese Bestätigung Realität erhalten.
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Sie ist vom Schicksal geschlagen, benachteiligt, ohne dass ein bestimmter Schlag gerade sie gemeint hätte. Sie ist unglücklich, aber das Unglück selbst ist nicht offenbar, der »Schmerz ist grösser als der Anlass«, er ist »reifer präpariert« (Burgsdorff), er hat gleichsam alle Erfahrungen schon vorweg genommen, er hat aus der Möglichkeit schon seine Intensität gesogen und scheint der Wirklichkeit entbehren zu können. »Ein langer Schmerz hat sie erzogen« und »es ist wahr, dass eine Spur des erlittenen Schicksals an Ihnen sichtbar ist, dass man das früh gelernte Schweigen und Verbergen in Ihnen sieht« (Burgsdorff).
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Der Schmerz1 ist sichtbar2, aber nicht sein Anlass3, so bleibt wieder alles im Imaginären4. Realität bringt die Antwort5, die verstehende Antwort6 der Menschen. Die besondere Qualifikation10 des Einzelnen11 ist dafür ganz gleichgültig. Je mehr Menschen sie verstehen, desto realer wird sie selbst12. Schweigen ist nur der |17 Schutz vor dem Nichtverstandenwerden, die Stummheit, die sich verschliesst14, um nicht berührt zu werden. Schweigen als Angst gerade vor dem Verstandenwerden kennt sie nicht. Sie ist mit sich selbst16 indiskret.
Verstanden werden1 ist das eigentliche Glück des Gesprächs. Je imaginärer eine Existenz ist2, je imaginärer ein Leiden3, desto süchtiger nach Zuhörern, nach Bestätigung4. Gerade weil Rahels Verzweiflung sichtbar5, ihr Anlass aber unbekannt und ihr selbst unverständlich ist, wird sie unbesprochen, ungezeigt zur reinsten Hypochondrie. In6 der verstehenden Art der7 Menschen liegt ein Stückchen Realität verborgen8. Fremde Erfahrung soll eigene ergänzen.9 Die besondere Qualification10 des Einzelnen11 ist dafür ganz gleichgültig. Je mehr Menschen sie verstehen, desto realer wird sie werden12. Schweigen ist nur der Schutz vor dem Nichtverstandenwerden, die Stummheit, die sich verschliesst14, um nicht berührt zu werden. Schweigen als Angst gerade vor dem Verstandenwerden,15 kennt sie nicht. Sie ist mit sich selber16 indiskret.
Verstanden werden1 ist das eigentliche Glück des Gesprächs. Je imaginärer eine Existenz ist2, je imaginärer ein Leiden3, desto süchtiger nach Zuhörern, nach Bestätigung4. Gerade weil Rahels Verzweiflung sichtbar5, ihr Anlaß aber unbekannt und ihr selbst unverständlich ist, wird sie unbesprochen, ungezeigt zur reinsten Hypochondrie. In6 der verstehenden Antwort der7 Menschen liegt ein Stückchen Realität verborgen8. Fremde Erfahrung soll eigene ergänzen.9 Die besondere Qualifikation10 des einzelnen11 ist dafür ganz gleichgültig. Je mehr Menschen sie verstehen, desto realer wird sie werden12. Schweigen ist ihr13 nur der Schutz vor dem Nichtverstandenwerden, die Stummheit, die sich |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000030 verschließt14, um nicht berührt zu werden. Schweigen als Angst gerade vor dem Verstandenwerden kennt sie nicht. Sie ist mit sich selbst16 indiskret.
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70
Indiskretion und Schamlosigkeit sind bekannt aus1 der Romantik. Das erste grosse Denkmal dieser2 Indiskretion mit sich selbst sind die Rousseauschen Confessions; deren Einzigartigkeit nach Rousseau selbst nicht in den berichteten Fakten besteht3, sondern in4 der wahrhaftigen Aufzeigung seiner Gefühle. Rousseau offenbart sich5 dem Anonymen, dem zukünftig Anonymen, der Nachwelt6. Die Nachwelt kann auf keine Weise mehr in dies, sein Leben7 eindringen,8 sie kann durch keinen Zufall Wirklichkeit werden, die richtet oder vergibt9; sie ist nur die phantasierte Folie des sich erkennenden Innern. Mit dem Verlust dessen, dem gebeichtet wird,10 ist die Einsamkeit eine vollkommene11 geworden. Vor der Folie der12 Anonymität hebt sich die Einzigartigkeit der Person, die Einmaligkeit des Charakters ab. Nichts soll dem anonymen Leser verborgen bleiben.13 Alles ist gleich wichtig und nichts ist verboten. Die Wichtigkeit der sentiments besteht unabhängig davon, ob sie in der Wirklichkeit eine Folge gehabt haben14, oder ob mit ihnen eine bestimmte Handlung, ein bestimmtes Geschehen motiviert werden kann15. Die Wahrheit des Innern ist unabhängig von allem Aussermenschlichen, ja von allem16, was ausserhalb dieses einen beichtenden Selbsts liegt17. Der Mensch ist in dieser rückhaltlosen Beichte18 nicht nur gegen die Geschehnisse des öffentlichen Lebens isoliert, sondern auch gegen die Fakten und19 Ereignisse seines privaten. Das eigene Leben wird ihm nur wirklich20 in der Beichte, d.h.21 in der Erinnerung22 an die23 Gefühle, die er während seines Lebens24 gehabt hat. Ein solches Leben erhält erst in der Aussprache einen Schein von Realität. Da der |18 Hörer der Beichte wiederum anonym ist25, ist das Sich-Aussprechen unbegrenzt. Vor der Anonymität ist nichts verboten26. Die Hemmungslosigkeit der Aussprache27, die kein Residuum des Schweigens mehr kennt, gehört -28 nach Rousseaus eigenem Urteil - zu der29 Einzigartigkeit der Confessions30. Sie ist nur möglich auf Grund einer absoluten Isoliertheit31, in32 die kein Mensch und keine aussermenschliche33 Macht mehr einzugreifen im Stande34 ist.
Indiskretion und Schamlosigkeit sind Phänomene der Zeit,1 der Romantik. Das erste grosse Vorbild aber der2 Indiskretion mit sich selbst sind die Rousseau’schen Confessionen, die sich vor dem zukünftigen Leser3, der Nachwelt,5 dem Anonymen bis in jede Falte preisgeben6. |21 Die Nachwelt kann auf keine Weise mehr in das Leben dieses seltsamen Beichtkindes7 eindringen;8 sie kann weder richten noch vergeben9; sie ist nur die phantasierte Folie des sich erkennenden Innern. Mit dem Verlust des Priesters und s eines Urteils10 ist die Einsamkeit des Beichtenden grenzenlos11 geworden. Vor dem Hintergrund einer unbestimmten12 Anonymität hebt sich die Einzigartigkeit der Person, die Einmaligkeit des Charakters ab. Alles ist gleich wichtig und nichts ist verboten. Die Scham erlischt in der vollkommenen Isoliertheit. Die Wichtigkeit der Gefühle besteht unabhängig von möglichen Folgen14, unabhängig von Handlungen und Motiven. Rousseau erzählt weder seine Lebensgeschichte noch seine Erfahrungen15. Er bekennt nur, was er in seinem Leben je fühlte16, begehrte, wünschte, empfand17. In solcher rücksichtslosen Beichte ist der Mensch18 nicht nur gegen die Geschehnisse des öffentlichen Lebens isoliert, sondern auch gegen die Ereignisse seines privaten. Das eigene Leben wird ihm überhaupt erst20 in der Beichte zur Wirklichkeit; erst21 in den Erinnerungen22 an Gefühle, die er irgendwann24 gehabt hat. Nicht die Gefühle25, die erzählten Gefühle allein können den Hypochonder überzeugen und überwältigen26. Die Hemmungslosigkeit, die kein Residuum des Schweigens mehr kennt bildet --28 nach Rousseaus eigenem Urteil -- die29 Einzigartigkeit seiner Bekenntnisse30. Sie ist nur möglich auf Grund einer absoluten Einsamkeit31, die kein Mensch und keine objective33 Macht mehr zu durchbrechen imstande34 ist.
Indiskretion und Schamlosigkeit sind Phänomene der Zeit,1 der Romantik. Das erste große Vorbild aber der2 Indiskretion mit sich selbst sind die Rousseauschen Konfessionen, die sich vor dem zukünftigen Leser3, der Nachwelt,5 dem Anonymen bis in jede Falte preisgeben6. Die Nachwelt kann auf keine Weise mehr in das Leben dieses seltsamen Beichtkindes7 eindringen;8 sie kann weder richten noch vergeben9; sie ist nur die phantasierte Folie des sich erkennenden Innern. Mit dem Verlust des Priesters und seines Urteils10 ist die Einsamkeit des Beichtenden grenzenlos11 geworden. Vor dem Hintergrund einer unbestimmten12 Anonymität hebt sich die Einzigartigkeit der Person, die Einmaligkeit des Charakters ab. Alles ist gleich wichtig und nichts ist verboten. Die Scham erlischt in der vollkommenen Isoliertheit. Die Wichtigkeit der Gefühle besteht unabhängig von möglichen Folgen14, unabhängig von Handlungen oder Motiven. Rousseau erzählt weder seine Lebensgeschichte noch seine Erfahrungen15. Er bekennt nur, was er in seinem Leben je fühlte16, begehrte, wünschte, empfand17. In solch rückhaltloser Beichte ist der Mensch18 nicht nur gegen die Geschehnisse des öffentlichen Lebens isoliert, sondern auch gegen die Ereignisse seines privaten. Das eigene Leben wird ihm überhaupt erst20 in der Beichte zur Wirklichkeit; erst21 in den Erinnerungen22 an Gefühle, die er irgendwann24 gehabt hat. Nicht die Gefühle25, die erzählten Gefühle allein können den Hypochonder überzeugen und überwältigen26. Die Hemmungslosigkeit, die kein Residuum des Schweigens mehr kennt, bildet -28 nach Rousseaus eigenem Urteil - die29 Einzigartigkeit seiner Bekenntnisse30. Sie ist nur möglich auf Grund einer absoluten Einsamkeit31, die kein Mensch und keine objektive33 Macht mehr zu durchbrechen imstande34 ist.
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Diese1 hemmungslose Aussprache wird zur Indiskretion, wenn sie sich nicht schlechthin3 an das Anonyme wendet, sondern an einen wirklichen Hörer, der aber7 so behandelt wird, als wäre er anonym, als könne er nicht antworten, als wäre er nur da, um zu hören. Diese8 Indiskretion finden wir in9 der Umwelt Rahels sowohl im Tugendbund der Henriette Herz, wie10 in Schlegels11 Lucinde, die bis zu einem gewissen Grad Kennzeichen einer gewissen Generation ist12.
Die1 hemmungslose Aussprache wird zur offenen2 Indiskretion, wenn sie sich nicht nur3 an die Nachwelt,4 das schlechthin5 Anonyme,6 wendet, sondern an einen wirklichen Hörer, der nur7 so behandelt wird, als wäre er anonym, als könne er nicht antworten, als wäre er nur da, um zu hören. Solche8 Indiskretion finden wir nur allzu reichlich belegt aus9 der nächsten Umgebung der Rahel; finden sie |22 »klassisch« dargestellt10 in der11 Lucinde von Friedrich Schlegel, an die allein wir uns halten wollen12.
Die1 hemmungslose Aussprache wird zur offenen2 Indiskretion, wenn sie sich nicht nur3 an die Nachwelt,4 das schlechthin5 Anonyme,6 wendet, sondern an einen wirklichen Hörer, der nun7 so behandelt wird, als wäre er anonym, als könne er nicht antworten, als wäre er nur da, um zu hören. Solche8 Indiskretion finden wir nur allzu reichlich belegt aus9 der nächsten Umgebung der Rahel; finden sie »klassisch« dargestellt10 in der11 Lucinde von Friedrich Schlegel, an die allein wir uns halten wollen12.
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Zum Tugendbund, der Ende der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts in Berlin gegründet wurde, gehören vor allem Wilhelm von Humboldt, Carl de Laroche, Dorothea Veit und Henriette Herz. Schon der sogenannte »Damentee« von 1790, den Brinckmann ins Leben gerufen hatte, und dem ein weiterer Kreis zugehört - Spalding, Humboldt, Alexander von Dohna, Ancillon, Gentz - ist kein Bund mehr, sondern ein Salon; das heisst, es besteht zwischen den einzelnen Teilnehmern keine weitere Verpflichtung. Im Tugendbund ist man nicht nur zur rückhaltlosen Aufdeckung seiner selbst verpflichtet, sondern zur »Aufdeckung alles dessen, was uns von andern vertraut wird«. Die Begründung für diese Indiskretion ist eine doppelte, einmal »dass jene Personen, die uns ein Geheimnis anvertrauen, es ihnen ebensogut anvertrauen würden, wenn sie sie so genau kennte, wie sie uns kennten, und zwei-tens, dass wir die Verbindlichkeit eingegangen sind, so viel uns möglich ist, Menschenkenntnis zu vermehren« (Baron von Humboldt |19 ). Der Glaube an die Austauschbarkeit der hörenden Personen zeigt, in welcher Abstraktheit das Sich-Aussprechen verbleibt; zeigt, wie andererseits der Hörer jederzeit bereit ist, nur als Tugendhafter überhaupt, nicht als ein Bestimmter zu gelten. In seiner Tugendhaftigkeit verliert der Hörer sein Gesicht und wird so anonym, wie es die Rousseauische »Nachwelt« ist. Die Aussprache ist kein Gespräch, in dem einer dem andern etwas anvertraut; sie ist nur noch der »Erguss der Seelen« überhaupt. Gegen diese Austauschbarkeit der Personen revoltiert Caroline von Humboldt, Humboldt scheidet aus dem Kreis aus, der rasch zerfällt. Was von ihm bleibt, sind »lumpige Tugendübungen« (Schlegel); aber über den Kreis hinaus bleibt die Indiskretion als Interesse am interessanten Menschen, das Interesse an psychischen Komplikationen und menschlichen Verwicklungen. Die Interessantheit des Menschen ist zu steigern, wenn man ihn in interessante Situationen versetzt. Dieses Variieren leistet die Phantasie; sie besteht in der Reflexion über sich selbst wie über interessante Menschen.
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In dieser Sphäre der variierenden Reflexion bewegt sich1 die Lucinde. Sie ist so wenig2 eine Lebensgeschichte wie die Schleiermacherschen Monologe3. Alles,4 was wir in der Lucinde von Julius’ Leben5 erfahren, bleibt in einer Allgemeinheit, in der nur noch eine Stimmung, kein wirkliches6 Geschehen wiedergegeben werden kann. Jede Situation wird in der Zusammenhanglosigkeit zur reflektierenden Stimmung. In der Steigerung der Reflektiertheit erfährt Schlegel erst sein eigenes Leben7. Die Lucinde ist Ausdruck der enthusiastischen Wiederholung dieses Lebens. Aber in den Enthusiasmus geht keine8 Kontinuität ein,9 das Leben wird10 zu einer »Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang«.11 Da jedes dieser Bruchstücke ins Unendliche12 gesteigert ist, wird jedes13 zum Fragment im romantischen Sinne, »einem kleinen Kunstwerk von der umgebenden Umwelt15 ganz abgesondert und in sich vollendet |20 wie ein Igel«.16
So wenig wie Rousseau’s Confessionen ist1 die Lucinde eine Lebens-Geschichte3. Alles was wir in dem Roman von des Helden Leben5 erfahren, bleibt in einer Allgemeinheit, in der nur noch eine Stimmung, kein wirk= liches6 Geschehen wiedergegeben werden kann. Jede Situation wird aus ihrem Zusammenhang gerissen, reflektiert, und zu einer besonders interessanten Begebenheit aufgeputzt7. Ohne jede8 Kontinuität wird9 das Leben zu einer »Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang«. (Schlegel.)11 Da jedes dieser Bruchstücke in der unendlichen Reflexion zur Masslosigkeit12 gesteigert ist, wird es13 zum Fragment im romantischen Sinne, »einem kleinen Kunstwerk,14 von der umgebenden Welt15 ganz abgesondert und in sich vollendet wie ein Igel« (Schlegel.)16
So wenig wie Rousseaus Confessions ist1 die Lucinde eine Lebensgeschichte3. Alles,4 was wir in dem Roman vom Leben des Helden5 erfahren, bleibt in einer Allgemeinheit, in der nur noch eine Stimmung, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000031 kein wirkliches6 Geschehen wiedergegeben werden kann. Jede Situation wird aus ihrem Zusammenhang gerissen, reflektiert und zu einer besonders interessanten Begebenheit aufgeputzt7. Ohne jede8 Kontinuität wird9 das Leben zu einer »Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang« (Schlegel).11 Da jedes dieser Bruchstücke in der unendlichen Reflexion maßlos12 gesteigert ist, wird es13 zum Fragment im romantischen Sinne, »einem kleinen Kunstwerk,14 von der umgebenden Welt15 ganz abgesondert und in sich vollendet wie ein Igel« (Schlegel).16
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Wie die Reflexion die Wirklichkeit einer bestimmten1 Situation in der Stimmung vernichtet, erhebt2 sie zugleich alles Subjektive in eine bestimmte Art von Objektivität: in3 der Stimmung verwischen sich4 die Grenzen von5 intim und öffentlich; das Intime wird öffentlich und6 das Öffentliche wird intim. Das Öffentlichwerden des Intimen - das bei Erscheinen7 der Lucinde bekanntlich einen Sturm der Entrüstung hervorrief - hat seine Rechtfertigung in der Stimmung. Sie allein hat die Macht des Zaubers, sie vermag10 das Wirkliche in die Möglichkeit zurückzuverwandeln, und11 dem Nur-Möglichen für einen Augenblick den Schein des Wirklichen12 zu verleihen. In der Stimmung liegt die »furchtbare Allmacht der Phantasie«, die die Grenzen15 zu verwischen vermag16, da sie an sich selbst17 grenzenlos ist. In der verzauberten Stimmung, für18 die das Einzelne nur noch Anstoss19 ins Unendliche ist - wie jede Situation nur Anstoss ins unendliche Sinnieren - wird20 das Unendliche nur noch im Intimsten sichtbar21. In der Gehaltlosigkeit einer Welt22, die nur noch in der intimsten Stimmung als Reflexion Bestand hat, wird jede Mitteilung Aussprache,24 grenzenlose Aussprache, so grenzenlos wie die25 Stimmung selbst26. Je weniger die Aussprache etwas Bestimmtes mitteilt28, desto mehr klammert29 sie sich30 ans intime Détail31. Gerade die letzte Intimität kann nun32 in ihrer Einmaligkeit und Un-Allgemeinheit der33 Einbruch für das Unendliche sein34, das sich aus allem Wirklichen, Greifbaren zurückgezogen hat. Wie36 das Unendliche sich früher37 offenbart hat38, so kann40 es sich hier höchstens in der Privatheit41 verraten. Schlegel42 ist es in der ganzen Schamlosigkeit der44 Bekenntnisse in der Lucinde wirklich nur45 um die »Objektivität seiner Liebe« zu tun46.
Wie die Reflexion die wirkliche vorhandene1 Situation in der Stimmung vernichtet, so umgibt2 sie zugleich alles Subjective mit der Weihe der Objectivität, Öffentlichkeit, höchster Interessantheit. In3 der Stimmung verwischen die Grenzen zwischen5 intim und öffentlich; das Intime wird veröffentlicht,6 das Öffentliche nur im Intimen, schliesslich nur im Klatsch, erfahrbar und aussprechbar. Die Schamlosigkeit7 der Lucinde - die8 bekanntlich bei ihrem Erscheinen9 einen Sturm der Entrüstung hervorrief - soll gerechtfertigt werden durch den Zauber der Stimmung, der10 das Wirkliche in die Möglichkeit zurückzu= verwandeln, der11 dem Nur-Möglichen für einen Augenblick den Schein der Realität12 zu verleihen vermag13. In der Stimmung liegt die »furchtbare Allmacht der Phantasie« (Schlegel)14, welcher keine Grenze heilig15 zu sein braucht16, da sie an sich selber17 grenzenlos ist. In der verzauberten Stimmung, die das Detial19 ins Unendliche ausweitet, erscheint20 das Unendliche als kostbarster Aspekt der Intimität21. In der Gehaltlosigkeit einer Gesellschaft22, die gleichsam23 nur noch |23 im Dämmerschein Bestand hat, interessiert Mitteilung nur noch um den Preis der Maskierung. Nur als24 grenzenlose Aussprache wird sie der sich unendlich dünkenden25 Stimmung gerecht26. Je weniger aber27 die Aussprache etwas Bestimmtes, Sachliches mitteilen darf28, desto mehr ist29 sie ans intime, unbekannte, Neugier erregende Detail verwiesen31. Gerade die letzte Intimität soll32 in ihrer Einmaligkeit und Un-Allgemeinheit den33 Einbruch des Unendlichen markieren34, das sich aus allem Wirklichen, Greifbaren, Verstehbaren35 zurückgezogen hat. Wenn36 das Unendliche sich früheren Jahrhunderten37 offenbart hatte38, wenn es der Vernunft der noch nicht gestorbenen Generation sich zu enträtseln begann,39 so verlangt diese,40 es soll sich ihr privatim und höchstpersönlich41 verraten. Darum allein42 ist es Schlegel43 in der ganzen Schamlosigkeit seiner44 Bekenntnisse wirklich zu tun, nämlich45 um die »Objektivität seiner Liebe« (Schlegel)46.
Wie die Reflexion die wirkliche, vorhandene1 Situation in der Stimmung vernichtet, so umgibt2 sie zugleich alles Subjektive mit der Weihe der Objektivität, Öffentlichkeit, höchster Interessantheit. In3 der Stimmung verwischen sich4 die Grenzen von5 intim und öffentlich; das Intime wird veröffentlicht,6 das Öffentliche nur im Intimen, schließlich im Klatsch erfahrbar und aussprechbar. Die Schamlosigkeit7 der Lucinde - die8 bekanntlich bei ihrem Erscheinen9 einen Sturm der Entrüstung hervorrief - sucht ihre Rechtfertigung in der Stimmung. Der Stimmung soll der Zauber eignen,10 das Wirkliche in die Möglichkeit zurückzuverwandeln und11 dem Nur-Möglichen für einen Augenblick den Schein der Realität12 zu verleihen. In der Stimmung liegt die »furchtbare Allmacht der Phantasie« (Schlegel)14, welcher keine Grenze heilig15 zu sein braucht16, da sie an sich selbst17 grenzenlos ist. In der verzauberten Stimmung, die das Detail19 ins Unendliche ausweitet, erscheint20 das Unendliche als kostbarster Aspekt der Intimität21. In der Gehaltlosigkeit einer Gesellschaft22, die gleichsam23 nur noch im Dämmerschein Bestand hat, interessiert Mitteilung nur noch um den Preis der Demaskierung. Nur als24 grenzenlose Aussprache wird sie der sich unendlich dünkenden25 Stimmung gerecht26. Je weniger aber27 die Aussprache etwas Bestimmtes, Sachliches mitteilen darf28, desto mehr ist29 sie ans intime, unbekannte, Neugier erregende Detail verwiesen31. Gerade die letzte Intimität soll32 in ihrer Einmaligkeit und Un-Allgemeinheit den33 Einbruch des Unendlichen markieren34, das sich aus allem Wirklichen, Greifbaren, Verstehbaren35 zurückgezogen hat. Wenn36 das Unendliche sich früheren Jahrhunderten37 offenbart hatte38, wenn es sich der Vernunft der noch nicht gestorbenen Generation zu enträtseln begann,39 so verlangt diese,40 es soll sich ihr privatim und höchstpersönlich41 verraten. Darum allein42 ist es Schlegel43 in der ganzen Schamlosigkeit seiner44 Bekenntnisse wirklich zu tun, nämlich45 um die »Objektivität seiner Liebe« (Schlegel)46.
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Die Indiskretheit der Stimmung verträgt nicht die Ablösung von der Person. In der Lucinde ist die Welt des Zaubers zu einer Welt des Scheins geworden. Das einzige, was der Offenheit |21 der Stimmung bleibt, ist die Faszination des Augenblicks, das Gespräch. Den Zauber des Gesprächs muss der junge Schlegel so gut besessen haben, wie ihn Rahel besass, von der Gentz einmal sagt, sie wäre romantisch gewesen, bevor noch das Wort erfunden war. Rahel wird zum »Konfident«, weil sie den Freunden erst zum Bewusstsein bringt, was alles zu vertrauen sein kann. Sie »versteht« - »das war meine Mitgift bei meiner Geburt«.
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76
Im Verstehen1, in der Grenzenlosigkeit des Gesprächs ist wieder2 die Wirklichkeit ausgeschaltet wie3 im reinen Selbstdenken4. Was man kennen lernen will5, sind die sentiments des Menschen6, weder seine Erfahrungen7 noch sein Leben8. Rahels Freundschaften sind9 in dieser Zeit alle sozusagen unter vier Augen. »Man ist nie mit einem Menschen zusammen, als wenn man allein mit ihm ist.« Jede Realität12 kann die Vertrautheit stören. Erwartet wird das blosse Zuhören als solches, jede Antwort auch die verstehende kann zerstören. Im13 Gespräch zu Zweien ist der Zweite14 fast schon zu viel. Von ihm darf nur gerade so viel da sein, als in ihm bereit ist, zuzuhören.15 »Ich gehe noch weiter, - man ist es (sc.16 zusammen) nie eigentlicher,17 als wenn man an ihn in seiner Abwesenheit denkt,18 und sich vorstellt, was man ihm sagen will.19« In der Freundschaft20 und in der Aussprache bleibt die Möglichkeit, sich von der Welt zurückzuziehen21, aus der sie ausgeschlossen ist; es ist die Möglichkeit, die eigene Situation zu bestätigen, und ihr den Stachel des Benachteiligtseins zu nehmen22. Die Bestätigung muss immer wiederholt werden. Rahel hat viele Freunde. Die nächsten sind für eine Zeit Brinckmann und Burgsdorff.23
Was dem Roman misslingt1, weil die Stimmung, die Faszination nicht2 die Ablösung von der Person vertragen, kann3 im Gespräch gelingen4. Den Zauber der Person muss der junge Schlegel so gut besessen haben wie Rahel5, von der Gentz einmal sagte6, sie sei romantisch gewesen, bevor7 noch das Wort erfunden war8. In der Grenzenlosigkeit des Gesprächs,9 in der persönlichen Faszination ist die Wirklichkeit ebenso ausgeschaltet wie in der Reflexion oder im reinen Selbstdenken. Rahels Freundschaften10 dieser Zeit sind11 alle sozusagen unter vier Augen. »Man ist nie mit einem Menschen zusammen, als wenn man allein mit ihm ist.« Jeder zufällig Hinzukommende12 kann die Vertrautheit stören. Auch der Zweite ist dem stimmungsvollen13 Gespräch fast schon zu viel. »Ich gehe noch weiter, - man ist nie eigentlicher (16zusammen)17 als wenn |24 man an ihn in seiner Abwesenheit denkt und sich vorstellt, was man ihm sagen will,19« und er - könnte man hinzufügen - um jede Chance einer Antwort betrogen21, man selbst von jedem Risiko einer Antwort befreit ist22.
Was dem Roman mißlingt1, weil die Stimmung, die Faszination nicht2 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000032 die Ablösung von der Person vertragen, kann3 im Gespräch gelingen4. Den Zauber der Person muß der junge Schlegel so gut besessen haben wie Rahel5, von der Gentz einmal sagte6, sie sei romantisch gewesen, bevor7 noch das Wort erfunden war8. In der Grenzenlosigkeit des Gesprächs,9 in der persönlichen Faszination ist die Wirklichkeit ebenso ausgeschaltet wie in der Reflexion oder im reinen Selbstdenken. Rahels Freundschaften10 dieser Zeit sind11 alle sozusagen unter vier Augen. »Man ist nie mit einem Menschen zusammen, als wenn man allein mit ihm ist.« Jeder zufällig Hinzukommende12 kann die Vertrautheit stören. Auch der zweite ist dem stimmungsvollen13 Gespräch fast schon zu viel. »Ich gehe noch weiter, - man ist nie eigentlicher16 zusammen,17 als wenn man an ihn in seiner Abwesenheit denkt und sich vorstellt, was man ihm sagen will« und - könnte man hinzufügen - er um jede Chance einer Antwort betrogen21, man selbst von jedem Risiko einer Ablehnung befreit ist22.
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Brinckmann ist schwedischer Gesandter in Berlin; er ist vor allem bekannt aus seinem Briefwechsel mit Schleiermacher und später mit Gentz. Die Briefe sind voll von der Schilderung der Bekannten und von Weibergeschichten. Er ist niemals sehr engagiert, er will nur jede kennen lernen. Er ist schmiegsam |22 und hat die Begabung der Höflichkeit; er lebt von einem zum andern, ist gebildet ohne Mittelpunkt. Er reflektiert, - in ausgesprochener Abhängigkeit von Schleiermacher, dessen Schüler er sich selbst nennt - auch philosophisch; sein Ansatzpunkt bleibt immer im Psychologischen und seine Grübeleien ohne Konsequenz. Die Frauen werden als psychologisch wichtiges, weil unerforschtes Gebiet entdeckt. Das Interesse am Menschen wird zum psychologischen Interesse an einem neuentdeckten Typus Mensch. Brinckmann ist ein »Menschengrübler ... dem die Weiber solches Hauptstudium sind«. Die Frau spielt die doppelte Rolle des psychologischen Rätsels und der Versteherin. So wird Rahel die »Freundin ohne Beiwort und Zusatz«; sie ist psychologisch am schwersten zu verstehen, sie ihrerseits scheint alles verstehen zu können. Ihre Briefe sind nur ein verlängertes Gespräch. »Sie kam, sprach und siegte - mit dem Munde oder mit der Feder, denn beides war ihr eins, und so bieten uns ihre mündlichen Überlieferungen, wie ihr schriftlicher Nachlass, wohl eine köstliche Sammlung von gewichtigen Kernsprüchen, von blitzfeurigem Witz und geflügelten Worten der begeisterten Denkerin, nur kein gemeisseltes Kunstwerk.«
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Die Aussprache bestätigt und lässt die Irrealität als selbstgewählt erscheinen. Jedes Lob feuert an1, »Tadel hat wenig Macht über mich, mit Lob aber bin ich zu fangen«. Rahel lebt in einer Atmosphäre2 des Gelobtwerdens - denn sie ist wirklich »einzig« - sie braucht3 immer neue »Lober«4, wie soll sich sonst5 die Einzigartigkeit erhalten? Nichts anders will sie von sich gesagt haben6, als dass sie einzig sei. Ihr Leben hat ja keinen bestimmten »Zweck«, für den sie bestimmte Eigenschaften brauchte. Jeder Tadel kann nur im Ganzen negieren oder im Einzelnen machtlos sein7. Sie kann sich auf Tadel8 gar nicht erst einlassen, es sei denn sie gäbe zu, dass10 sie »nichts« ist. Der Tadel zwingt sie |23 zu keiner Antwort, daher hat11 er »wenig Macht über sie«12. Wilhelm von Humboldt gegenüber, der sie und ihre Wahllosigkeit nicht erträgt, wird14 sie eigentümlich harthörig - und versucht doch15 zu kaptivieren. Sie16 versucht erst,17 jeden für sich einzunehmen. Sie nimmt Tadel oder Ablehnung nie an.18 Wird sie dann doch zurückgestossen19, so sieht sie darin nur eine Kränkung, eine Verletzung, vor der sie Angst hat und von der sie glaubt, man könne ihr ausweichen. Daher21 schreibt sie »ganz unwichtigen Menschen aber22 die unterwürfigsten Briefe; bloss dass23 das einzige Verhältnis, das zwischen uns sein kann: Böse sein24, aufhören soll25
In solcher Aussprache zieht sich Rahel von der Gesellschaft zurück1, die sie ausgeschlossen hat; in ihr kann sie die eigene Situation bestätigen und ihr den Stachel2 des unfreiwilligen Benachteiligtseins nehmen. Bestätigung muss3 immer wiederholt werden4, wie die Benachteiligung sich wiederholt spürbar macht. Jedes Lob feuert an6, »Tadel hat wenig Macht über mich, mit Lob aber bin ich zu fangen.« In einer Atmosphäre des Gelobtwerdens allein kann sie sich ihre Einzigartigkeit beweisen, sie konsumiert immer neue Lober7. Auf Tadel kann sie sich8 gar nicht erst einlassen, es sei denn,9 sie gäbe zu, dass10 sie »nichts« ist. Der Tadel zwingt sie zu keiner Antwort, daher ist11 er machtlos12. Wilhelm von Humboldt gegenüber, der sie und ihre Wahllosigkeit nicht erträgt, ist14 sie eigentümlich harthörig - und versucht ihn doch15 zu kaptivieren. Wahllos16 versucht sie17 jeden für sich einzunehmen. Wird sie dennoch zurückgestossen19, so sieht sie darin nur eine Kränkung, eine Verletzung, vor der sie Angst hat und von der sie glaubt, man könne ihr durch Machinationen20 ausweichen. So21 schreibt sie »ganz unwichtigen Menschen die unterwürfigsten Briefe; bloss dass23 das einzige Verhältnis, das zwischen uns sein kann: Böse-sein24, aufhören soll«.25
In solcher Aussprache zieht sich Rahel von der Gesellschaft zurück1, die sie ausgeschlossen hat; in ihr kann sie die eigene Situation bestätigen und ihr den Stachel2 des unfreiwilligen Benachteiligtseins nehmen. Bestätigung muß3 immer wiederholt werden4, wie die Benachteiligung sich wiederholt spürbar macht. Jedes Lob feuert an6, »Tadel hat wenig Macht über mich, mit Lob aber bin ich zu fangen«. In einer Atmosphäre des Gelobtwerdens allein kann sie sich ihre Einzigartigkeit beweisen, sie konsumiert immer neue Lober7. Auf Tadel kann sie sich8 gar nicht erst einlassen, es sei denn,9 sie gäbe zu, daß10 sie »nichts« ist. Der Tadel zwingt sie zu keiner Antwort, daher ist11 er machtlos12. Zum Beispiel13 Wilhelm von Humboldt gegenüber, der sie und ihre Wahllosigkeit nicht erträgt, ist14 sie eigentümlich harthörig - und versucht doch ihn15 zu kaptivieren. Wahllos16 versucht sie,17 jeden für sich einzunehmen. Wird sie dennoch zurückgewiesen19, so sieht sie darin nur eine Kränkung, eine Verletzung, vor der sie Angst hat und von der sie glaubt, man könne ihr durch Machinationen20 ausweichen. So21 schreibt sie »ganz unwichtigen Menschen die unterwürfigsten Briefe; bloß daß23 das einzige Verhältnis, das zwischen uns sein kann: Böse-sein24, aufhören soll«.25
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Dies Missverständnis1 scheint unausweichlich. Die Anderen2 sind niemals die »Spiegel«3, die ihr »4Inneres« - ein bestimmtes, unveränderliches - zurückwerfen, an denen ihr ihr5 »Inneres6 deutlicher werden könnte«; sie7 besitzt sich ja selbst nicht, und ihre Reflexion will zwar stets8 wissen, was ihr geschieht, will das Unglück kennen9, um dagegen gefeit zu sein; aber alle Reflexion wird10 ihr nie zeigen können11, wer sie ist - etwa ein »Schlemihl oder eine Jüdin«. Sie ist so wenig Herr ihres Innern12, dass13 selbst ihre Realität14 abhängig ist von der Bestätigung der Andern. Weil15 sie ihrer selbst in keinem Sinne sicher ist, hat Tadel wenig Macht über sie; und ihre Worte sind weit entfernt von der stolzen Gelassenheit, mit der Goethe sagen konnte: »Widersacher kommen nicht in Betracht ...; sie verwerfen die Zwecke nach welchen mein Tun gerichtet ist.18 ... Ich weise sie daher ab und ignoriere sie ...«
Dies Missverständnis1 scheint unausweichlich. Die Anderen2 sind niemals die »Spiegel, die ihr Inneres« - ein bestimmtes, unveränderliches - zurückwerfen, an denen ihr Inneres5 »deutlicher werden könnte« (Goethe). Sie7 besitzt sich ja selbst nicht, und |25 ihre Reflexion will nur8 wissen, was ihr passieren kann9, um dagegen gefeit zu sein; aber sie soll10 ihr nie zeigen, wer sie ist - etwa ein »Schlemihl oder eine Jüdin«. Sie ist so wenig Herr ihres Inneren12, dass13 selbst ihr Raelitätsbewusstsein14 abhängig ist von der Bestätigung anderer. Nur weil15 sie ihrer selbst in keinem Sinne sicher ist, hat Tadel wenig Macht über sie; und ihre Worte sind weit entfernt von der stolzen Gelassenheit, mit der Goethe sagen konnte: »Widersacher kommen nicht in Betracht .....16; sie verwerfen die Zwecke,17 nach welchen mein Tun gerichtet ist,18 ... Ich weise sie daher ab und ignoriere sie ...«
Dies Mißverständnis1 scheint unausweichlich. Die anderen2 sind niemals die »Spiegel, die ihr Inneres« - ein bestimmtes, unveränderliches - zurückwerfen, an denen ihr ihr Inneres5 »deutlicher werden könnte« (Goethe). Sie7 besitzt sich ja selbst nicht, und ihre Reflexion will nur8 wissen, was ihr passieren kann9, um dagegen gefeit zu sein; aber sie soll10 ihr nie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000035 zeigen, wer sie ist - etwa ein »Schlemihl oder eine Jüdin«. Sie ist so wenig Herr ihres Inneren12, daß13 selbst ihr Realitätsbewußtsein14 abhängig ist von der Bestätigung anderer. Nur weil15 sie ihrer selbst in keinem Sinne sicher ist, hat Tadel wenig Macht über sie; und ihre Worte sind weit entfernt von der stolzen Gelassenheit, mit der Goethe sagen konnte: »Widersacher kommen nicht in Betracht ...; sie verwerfen die Zwecke,17 nach welchen mein Tun gerichtet ist.18 ... Ich weise sie daher ab und ignoriere sie ...«
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Unter den »Lobern« sind für eine Zeit die wichtigsten Brinckmann und Burgsdorff. Brinckmann, schwedischer Gesandter in Berlin, ist bekannt aus seinen Briefen an Schleiermacher und Gentz, Briefe vollgeschrieben mit der Schilderung von Bekannten, mit Klatsch und Weibergeschichten. Dieser höchst durchschnittliche und sehr typische Sohn seiner Zeit ist schmiegsam und hat die Begabung der Höflichkeit; er lebt von einem zum anderen, ist gebildet ohne Mittelpunkt. Er reflektiert - in ausgesprochener Abhängigkeit von Schleiermacher, dessen Schüler er sich nennt - auch philosophisch; sein Ansatzpunkt bleibt immer im Psychologischen und seine Grübeleien ohne Konsequenz. Die Frauen werden als psychologisch wichtigstes, weil unerforschtes Gebiet nicht erst von ihm entdeckt . Das Interesse an Menschen degeneriert in der Zeit allgemein zu einem psychologischen Interesse an einem neuentdeckten Typ Mensch. Brinckmann ist nur ein »Menschengrübler« unter vielen, »dem die Weiber solches Hauptstudium sind« (Brinckmann). Rahel eignet sich grossartig4 zur »Freundin ohne Beiwort und Zusatz« (Brinckmann)5, sie ist psychologisch am schwersten |26 zu verstehen, während6 sie ihrerseits affektiert, alles verstehen zu können. Sie ist eine geniale Gesprächspartnerin: »Sie kam, sprach und siegte« (Brinckmann).
Unter den »Lobern« sind für eine Zeit die wichtigsten Brinckmann und Burgsdorff. Brinckmann, schwedischer Gesandter in Berlin, ist bekannt aus seinen Briefen an Schleiermacher und Gentz, Briefe,1 vollgeschrieben mit der Schilderung von Bekannten, mit Klatsch und Weibergeschichten. »Brinckmann«, meint Prinz Louis Ferdinand zu Pauline Wiesel, »ist wirklich göttlich, die Liebenden schreiben der Liebe wegen, der liebt der Briefe wegen«.2 Dieser höchst durchschnittliche und sehr typische Sohn seiner Zeit ist nie sehr engagiert; ist3 schmiegsam und hat die Begabung der Höflichkeit; er lebt von einem zum anderen, ist gebildet ohne Mittelpunkt. Er reflektiert - in ausgesprochener Abhängigkeit von Schleiermacher, dessen Schüler er sich nennt - auch philosophisch; sein Ansatzpunkt bleibt immer im Psychologischen und seine Grübeleien ohne Konsequenz. Die Frauen werden als psychologisch wichtigstes, weil unerforschtes Gebiet nicht erst von ihm entdeckt. Das Interesse an Menschen degeneriert in der Zeit allgemein zu einem psychologischen Interesse an einem neuentdeckten Typ Mensch. Brinckmann ist nur ein »Menschengrübler« unter vielen, »dem die Weiber solches Hauptstudium sind« (Brinckmann). Rahel eignet sich großartig4 zur »Freundin ohne Beiwort und Zusatz«, sie ist psychologisch am schwersten zu verstehen, sie ihrerseits affektiert, alles verstehen zu können. Sie ist eine geniale Gesprächspartnerin: »Sie kam, sprach und siegte« (Brinckmann).
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Zu den »Lobern« gehört1 Burgsdorff, der spätere langjährige Freund der Caroline von Humboldt. Rahel2 lernt ihn3 durch Brinckmanns Vermittlung in Teplitz kennen. Sie lebt5 dort Wochen mit ihm zusammen,6 glücklich über den Begleiter, über den unermüdlichen Sprecher, über den Gebildeten, über seine7 »Empfänglichkeit« des Geistes9. Brinckmann hat trotz aller Ablehnung der Welt doch noch |24 Ehrgeiz,11 Veit versucht gerade auf Grund seiner ursprünglichen Ausgeschlossenheit mit allen Mitteln in die Welt12 zu gelangen; nur in dem »märkischen Edelmann« findet sie den selbstverständlichen Verzicht auf Amt, Würden und Wirken. Burgsdorff wird für sie der wahrhaft Gebildete.14
Burgsdorff lernt Rahel3 durch Brinckmanns Vermittlung in Bad4 Teplitz kennen. Sie lebt5 dort Wochen mit ihm zusammen,6 glücklich über den Begleiter, über den unermüdlichen Sprecher, über den Gebildeten, über die ausserordentliche7 »Empfänglichkeit« seines Geistes9. Brinckmann hat trotz aller gespielten10 Ablehnung der Welt doch noch Ehrgeiz,11 Veit versucht gerade auf Grund seiner ursprünglichen Ausgeschlossenheit mit allen Mitteln in die Gesellschaft12 zu gelangen; nur in dem »märkischen Edelmann« findet sie den selbstverständlichen Verzicht auf Amt, Würden und Wirken.
Burgsdorff lernt Rahel im Sommer 17953 durch Brinckmanns Vermittlung in Bad4 Teplitz kennen. Sie verbringt5 dort den Sommer bei der Gräfin Pachta und ist6 glücklich über den Begleiter, über den unermüdlichen Sprecher, über den Gebildeten, über die außerordentliche7 »Empfänglichkeit seines Geistes8« (Varnhagen)9. Brinckmann hat trotz aller gespielten10 Ablehnung der Welt doch noch Ehrgeiz.11 Veit versucht gerade auf Grund seiner ursprünglichen Ausgeschlossenheit mit allen Mitteln in die Gesellschaft12 zu gelangen; nur in dem »märkischen Edelmann« |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000036 (Varnhagen),13 findet sie den selbstverständlichen Verzicht auf Amt, Würden und Wirken.
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Diese wenigen Namen sollen nur exemplarisch belegen, welcher Art ihre Freundschaften waren: weder Brinckmann noch Burgsdorff noch Veit lieben sie. Bei ihnen allen ist es schwer, sich vorzustellen, wie sie überhaupt in eine Liebessituation kommen könnten3. Brinckmann treibt ein wirkliches Interesse4 von einer Frau zur anderen, Burgsdorff kennen wir aus seiner Liebe zu Caroline von Humboldt,5 und wir kennen den eigentümlich motivlosen und darum nicht weniger6 furchtbaren Verfall dieser Liebe: wie jede Konsequenz ihm unverständlich ist, wie Carolinens7 Liebe ihm lästig wird, wie er aus Paris flieht, als es sich um mehr und anderes handelt als »die10 individuellsten Charakterzüge aufzufassen und die leisesten Töne«.
Diese wenigen Namen sollen nur exemplarisch belegen, welcher Art ihre Freundschaften waren: weder Brinckmann,1 noch Burgsdorff noch Veit lieben sie. Bei ihnen allen ist es schwer, sich vorzustellen, wie sie überhaupt in eine Liebessituation hineingeraten sollen3. Brinckmann treibt eine neugierige Unruhe4 von einer Frau zur anderen, Burgsdorff kennen wir aus seiner Liebe zu Caroline von Humboldt und wir kennen den eigentümlich motivlosen und darum nicht minder6 furchtbaren Verfall dieser Liebe: wie jede Konsequenz ihm unverständlich ist, wie Carolines7 Liebe ihm lästig wird, wie er aus Paris vor ihr8 flieht, als es sich um mehr und anderes handelt,9 als die »10individuellsten Charakterzüge aufzufassen und die leisesten Töne«.
Diese wenigen Namen sollen nur exemplarisch belegen, welcher Art ihre Freundschaften waren: weder Brinckmann noch Burgsdorff,2 noch Veit lieben sie. Bei ihnen allen ist es schwer, sich vorzustellen, wie sie überhaupt in eine Liebessituation hineingeraten sollen3. Brinckmann treibt eine neugierige Unruhe4 von einer Frau zur anderen, Burgsdorff kennen wir aus seiner Liebe zu Caroline von Humboldt,5 und wir kennen den eigentümlich motivlosen und darum nicht minder6 furchtbaren Verfall dieser Liebe: wie jede Konsequenz ihm unverständlich ist, wie Carolines7 Liebe ihm lästig wird, wie er aus Paris vor ihr8 flieht, als es sich um mehr und anderes handelt,9 als die »10individuellsten Charakterzüge aufzufassen und die leisesten Töne«.
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83
Veit hat als erster Freund und als Bundesgenosse im Kampf mit der fremden Welt eine andere1 Stellung. Er ist der erste, zu dem Rahel sagt: »nur2 die Galeerensklaven kennen sich«.3 Er entdeckt bei ihr alles zum ersten Mal: ihre Möglichkeit des Verstehens, ihre Treffsicherheit, ihre Klugheit. Er ist der erste, der sie zu »4brauchen« versteht, dass5 sie zu mehr gut ist, als den »6Zucker konsumieren helfen«. Von Liebe ist auch da nie die Rede.
Veit hat als erster Freund und als Bundesgenosse im Kampf mit der fremden Welt eine besondere1 Stellung. Er ist der erste, zu dem Rahel sagt: »Nur2 die Galeerensklaven kennen sich«.3 Er entdeckt bei ihr alles zum ersten Mal: ihre Möglichkeit des Verstehens, |27 ihre Treffsicherheit, ihre Klugheit. Er ist der erste, der sie »zu4 brauchen« versteht, - dass5 sie zu mehr gut ist, als »den6 Zucker konsumieren helfen«. Von Liebe ist auch da nie die Rede.
Veit hat als erster Freund und als Bundesgenosse im Kampf mit der fremden Welt eine besondere1 Stellung. Er ist der erste, zu dem Rahel sagt: »Nur2 die Galeerensklaven kennen sich3 Er entdeckt bei ihr alles zum ersten Mal: ihre Möglichkeit des Verstehens, ihre Treffsicherheit, ihre Klugheit. Er ist der erste, der sie »zu4 brauchen« versteht, - daß5 sie zu mehr gut ist, als »den6 Zucker mit7 konsumieren zu8 helfen«. Von Liebe ist auch da nie die Rede.
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Neben diesem Leben mit den Freunden läuft ein anderes, inoffizielles,1 weiter, das2 sie vor den Freunden verbirgt, das sich aber3 den Brüdern gegenüber offen ausspricht: es4 hält die Kontinuität der ersten Rückschläge durch, ja vermerkt aufmerksam,5 mit einer »boshaften Freude« jede Bestätigung des Schlemihlseins: »Ich weiss7 nicht, es ist als wär’9 vor vielen Jahren etwas in mir zerbrochen worden, |25 woran ich nun selbst eine boshafte Freude hätte, dass10 man es doch nun nicht mehr zerbrechen kann,11 und nicht daran zerren und12 schlagen; obgleich es nun ein Ort geworden ist, wo ich selbst nicht mehr hinkommen kann. (Und ist ein solcher Ort in einem, so kann man gleich nicht glücklich sein.) Ich kann mich auf nichts mehr besinnen; und gelingen mir Kleinigkeiten nicht, so muss13 ich mir im Augenblick so eine Raison darüber machen, dass14 es kein anderer15 glaubt, und ich mich darüber erschrecke16. ...17 Denn es ist schrecklich sich für die einzige alles verunglückende Kreatur halten zu müssen.«
Neben diesem Leben mit den Freunden läuft ein anderes, inoffizielles weiter, das2 sie vor den Freunden verbirgt, das sich aber3 den Brüdern gegenüber offen ausspricht. Es4 hält die Kontinuität der ersten Rückschläge durch, ja vermerkt aufmerksam,5 mit einer »boshaften Freude« jede Bestätigung des Schlemihlseins: »Ich weiss7 nicht, es ist als wär,9 vor vielen Jahren etwas in mir zerbrochen worden, woran ich nun selbst eine boshafte Freude hätte, dass10 man es doch nun nicht mehr zerbrechen kann und nicht daran zerren und12 schlagen; obgleich es nun ein Ort geworden ist, wo ich selbst nicht mehr hinkommen kann. (Und ist ein solcher Ort in einem, so kann man gleich nicht glücklich sein.) Ich kann mich auf nichts mehr besinnen; und gelingen mir Kleinigkeiten nicht, so muss13 ich mir im Augenblick so eine Raison darüber machen, dass14 es kein Anderer15 glaubt, und ich mich darüber schrecke16. .. Denn es ist schrecklich,18 sich für die einzige alles verunglückende Kreatur halten zu müssen.«
Neben diesem Leben mit den Freunden läuft ein anderes, inoffizielles weiter, dessen Details2 sie vor den Freunden verbirgt, dessen Misere sie nur3 den Brüdern gegenüber offen ausspricht. Es4 hält die Kontinuität der ersten Rückschläge durch, ja vermerkt aufmerksam mit einer »boshaften Freude« jede Bestätigung des Schlemihlseins: nicht reich, nicht schön und jüdisch. Wie es im allgemeinen steht, sagt sie den Freunden und schreibt an Brinckmann aus Teplitz, wo sie zufällig Goethe getroffen und kurz kennengelernt hat:6 »Ich weiß7 nicht, es ist,8 als wär9 vor vielen Jahren etwas in mir zerbrochen worden, woran ich nun selbst eine boshafte Freude hätte, daß10 man es doch nun nicht mehr zerbrechen kann und nicht daran zerren,12 schlagen; obgleich es nun ein Ort geworden ist, wo ich selbst nicht mehr hinkommen kann. (Und ist ein solcher Ort in einem, so kann man gleich nicht glücklich sein.) Ich kann mich auf nichts mehr besinnen; und gelingen mir Kleinigkeiten nicht, so muß13 ich mir im Augenblick so eine Raison darüber machen, daß14 es kein Anderer15 glaubt, und ich mich darüber erschrecke16. ...17 Denn es ist schrecklich,18 sich für die einzige alles verunglückende Kreatur halten zu müssen. ... Denn außer das ist mir meines Wissens nie etwas geglückt19«.20
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2. Kapitel Hinein in die Welt - durch Heirat1
Hinein in die Welt1795-17991
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I. Durch Heirat
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Den Freunden gegenüber äussert sie sich in Allgemeinheiten dieser Art, die zwar als solche wahr sind, aber doch das eigentlich Quälende verbergen; den Brüdern schreibt sie alles, das kleinste Détail, an dem ihre krankhafte Reizbarkeit sich stösst.
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Erst glaubt sie, der Wechsel der Umgebung könne helfen: die Reise nach Breslau 1794 ist der Gegenbeweis. (»Und was bin ich nicht von jeher für ein Schlemihl; mit Haltern muss ich reisen, mit dem niemand reist ...« usw.). Sie wechselt das Milieu nicht, kommt in die kleinjüdische Atmosphäre ihres Onkels, sieht sich aus purer Neugier eine jüdische Hochzeit an, diesen Dingen schon so entfremdet, dass dies eine Art Sensation für sie werden kann. -
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Die nächste Reise aber gelingt. Sie fährt im August 1795 nach Teplitz, dem Treffpunkt der gebildeten Welt. Sie lernt Burgsdorff kennen, den Prince de Ligne und die Gräfin Pachta, die erste wirkliche Freundin, um deretwillen sie dort bleibt. Dann fährt sie weiter nach Karlsbad und trifft Goethe.
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Goethe und das Leben sind ihr eins - ein ganzes langes Leben lang. »Goethe ist der Vereinigungspunkt für alles was Mensch heisst« - und so bleibt es bis ans Ende. Ihn lesen, ihn verstehen, ihn deuten und zitieren, |26 zu ihm flüchten und ihn beschwören, scheint die einzige Art dem Leben gewachsen zu bleiben. Die Begegnung mit ihm, auf die sie immer gewartet hat, auf die sie letztlich ihr ganzes Leben lang vergeblich warten soll, bleibt ohne alle Konsequenzen. Es gibt keine Briefe von Goethe an sie, nur ein paar sehr schöne, sehr treffende Worte über sie und ihre Originalität, Worte, die sicher geeignet waren, einen Moment lang alles Andere vergessen zu lassen, eine ungeheure Bestätigung, die grösste, die man damals erhalten konnte. Dennoch bleibt Goethe für sie letzten Endes stumm. Das was sie geben kann, »Verstehen«, kann er nicht brauchen. Veit hat sie gelehrt, dass sie etwas tun kann in der Welt, der Einzige, für den sie gern alles täte, braucht sie nicht.
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Für ihn ist sie bestimmt nicht geboren. Bei aller Anerkennung: für ihn hätte sie niemals geboren zu werden brauchen.
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Viele Jahre später, Rahel ist fast schon eine alte Frau, ist sie mit Goethe noch einmal zusammengetroffen. Goethe kam in Frankfurt zu ihr, machte ihr eine Morgenvisite; sie war weder frisiert noch angezogen, als er gemeldet wurde. Aus Angst, ihn warten zu lassen, ging sie in irgendeinem alten Hauskleid zu ihm ins Zimmer. Er blieb zehn Minuten, man sprach über Gleichgültiges, dann ging er. Darauf zog sie sich ihr bestes Kleid an und kämmte sich. Sie hat ihn nie wieder gesehen.
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II. Kapitel. Zurückgestossenwerden.
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1.
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Im Winter des Jahres 1795 sieht Rahel aus ihrer Theaterloge den Grafen Karl von Finckenstein. Sie lernt ihn kennen und ist bald darauf mit ihm verlobt.
Im Winter des Jahres 1795 sieht Rahel aus ihrer Theaterloge den Grafen Karl von Finckenstein. Sie lernt ihn kennen und ist bald darauf mit ihm verlobt.
Im Winter des Jahres 1795 sieht Rahel aus ihrer Theaterloge den Grafen Karl von Finckenstein. Wenige Monate vorher hat sie an Brinckmann geschrieben: »Ich bin nun völlig überzeugt, daß ich heirate.«1 Sie lernt ihn kennen und ist bald darauf mit ihm verlobt.
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Rahel will aus dem Judentum heraus. Wenn sie den Grafen heiratet, wird sie Gräfin Finckenstein werden. Sie3 hat nicht um ihn geworben4, sondern er war5 der Erste6, »le premier qui a voulu que je l’aime«. Aber das erste Mal8 hat sie gleich Ja9 gesagt, als hätte sie nur auf etwas derartiges gewartet,11 und als hätte sie12 nie auf einen Menschen gewartet, auf einen bestimmten13. Als hätte sie nur auf einen gewartet14, der sie fortnimmt15. Wenn sie erst Gräfin sein wird, wird sie ihr Benachteiligtsein über Nacht vergessen können; nichts wird ihr bleiben von dem Jüdinsein als die selbst-verständliche16 Solidarität mit allen, die auch aus dem Judentum heraus wollen.
Rahel will aus dem Judentum heraus. Wenn sie den Grafen heiratet, wird sie Gräfin Finckenstein werden. Er3 hat sich in sie verliebt4, ist »ziegenblond« und5 der Erste6, »le premier qui a voulu que je l’aime«. Gleich8 hat sie Ja9 gesagt, hat sie zugegriffen,10 als hätte sie nur auf ein solches Ereignis11 und nie auf einen Menschen gewartet. Als hätte sie nur Fortgenommenwerden ersehnt14, Heirat15. Wenn sie erst Gräfin sein wird, wird sie ihr Benachteiligtsein über Nacht vergessen können; nichts wird ihr bleiben von dem Jüdinsein als die selbstverständliche16 Solidarität mit allen, die auch aus dem Judentum heraus wollen.
Rahel will aus dem Judentum heraus. »Leider bleibt kein Jude, kein Stein auf dem anderen, aber ich unselige Kreatur bleibe«, schreibt sie wieder an Brinckmann wenige Jahre später, als alle Heiratsaussichten sich zerschlagen haben.1 Wenn sie den Grafen heiratet, den Sohn des preußischen Ministers,2 wird sie Gräfin Finckenstein werden. Er3 hat sich in sie verliebt4, ist »ziegenblond« und5 der erste6, »le premier qui a voulu que je l’aime«, wie sie sechzehn Jahre später an Alexander von der Marwitz berichtet7. Gleich8 hat sie ja9 gesagt, hat zugegriffen,10 als hätte sie nur auf ein solches Ereignis11 und nie auf einen Menschen gewartet. Als hätte sie nur Fortgenommenwerden ersehnt14, Heirat15. Wenn sie erst Gräfin sein wird, wird sie ihr Benachteiligtsein über Nacht vergessen können; nichts wird ihr bleiben von dem Jüdinsein als die selbstverständliche16 Solidarität mit allen, die auch aus dem Judentum herauswollen.
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Rahel will aus dem Judentum heraus; dies scheint die einzige Möglichkeit der Assimilation1. Diese alternative Situation besteht in ihrer ganzen Schärfe erst in2 den 90er3 Jahren. Solange es möglich gewesen war, sich an die Aufklärung zu assimilieren und nur an sie, weil sie das geistige Leben Deutschlands repräsentierte, war die5 soziale Stellung6 für den Juden noch nicht das Ausschlaggebende7. Ausschlaggebend war allein8 die Möglichkeit der Rezeption, die Möglichkeit sich zu bilden9. So hatte noch Moses Mendelssohn sich an die fremde Umwelt assimilieren können, ohne sein Judentum aufzugeben. Er konnte noch11 glauben, dass12 sein Weg vorbildlich sei und nicht das zufällige Schicksal eines Einzelnen13. Fünfzig Jahre früher kam14 er nach15 Berlin, dreissig17 |28 Jahre früher nannte man ihn, der erst zwei Jahrzehnte in Berlin lebte, schon zusammen mit dem »gelehrten Berlin«, mit Ramler, Nicolai und Lessing. Er galt damals schon als einer der18 Repräsentanten der deutschen Aufklärung, er,19 von dem jeder wusste20, dass21 er ein Jude war, er,22 der ausdrücklich an der jüdischen23 Tradition festhielt. Sein bürgerliches Ausgestossensein24 drückte ihn auch nicht25, und der Gedanke einer politischen Emanzipation wurde ihm erst von Christian Wilhelm26 Dohm nahegelegt, der in ihm - wie später Mirabeau und alle, die sich für Einbürgerung der Juden27 einsetzten - den Garanten dafür sah, dass die Juden einer bürgerlichen Verbesserung würdig wären28. Mendelssohn selbst hatte an einer sozialen Einordnung nur29 ein sehr sekundäres Interesse. Ihm genügte der aufgeklärte Staat Friedrich des Grossen30, in welchem »die Juden in der Ausübung ihrer Religion die anständigste Freiheit geniessen31«, in welchem »Künste und Wissenschaften blühend und vernünftige Freiheit zu denken so allgemein gemacht ist, dass32 sich ihre Wirkung33 bis auf den geringsten Einwohner seiner Staaten erstreckt«. Er war es zufrieden, der »geringste Einwohner« zu sein. Denn auch als solcher hatte er »Gelegenheit und Veranlassung gefunden, sich zu bilden, über seine und seiner Mitbürger Bestimmung nachzudenken und über Menschen Schicksal und Vorsehung nach Massgabe36 seiner Kräfte Betrachtungen anzustellen«. Da er am Judentum festhielt, da er die Geschichte nicht kannte, hatte er eine stolze Gelassenheit der Geschichte38 gegenüber, die ihn an die letzte Stelle der Gesellschaft verbannte39. Er wollte höchstens das Judentum verteidigen, er wollte für alle Juden die Achtung, die ihm von Lessing und vom40 geistigen Deutschland entgegengebracht wurde41; aber er wollte sich auf keinen Fall für oder wider das Christentum entscheiden, »wie es ein Sokrates getan hätte«; denn »solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann |29 uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, den wir dem Gesetz44 schuldig sind«.
Rahel will aus dem Judentum heraus; eine andere Möglichkeit, sich zu assimilieren scheint es nicht zu geben1. Trotz gemischter Geselligkeit, trotz ephemeren Verschwindens des Judenhasses unter2 den Gebildeten, verschärft sich die Situation schon in den neunziger3 Jahren. Solange es möglich gewesen war, sich an die Aufklärung zu assimilieren und nur an sie, weil sie das geistige Leben Deutschlands voll4 repräsentierte, war der5 soziale Aufstieg6 für den Juden noch nicht unbedingt notwendig7. Es gab8 die Möglichkeit der Rezeption, die Chance einer Bildung, die leicht war, solange die Eigenmächtigkeit der menschlichen Vernunft noch von keiner Ahnung von Geschichte beeinträchtigt war9. So hatte noch Moses Mendelssohn sich an die fremde Umwelt assimilieren können, ohne sein |29 Judentum aufzugeben. Er brauchte nur eine sehr trügerische Gegenwart zu rezipieren, alte »Vorurteile« abzulegen und Denken zu lernen. Er10 konnte auch11 glauben, dass12 sein Weg vorbildlich sei und nicht das zufällige Schicksal eines Einzelnen13. Fünfzig Jahre früher war14 er in15 Berlin angekommen16, dreissig17 Jahre früher nannte man ihn, der erst zwei Jahrzehnte in Berlin lebte, schon zusammen mit dem »gelehrten Berlin«, mit Ramler, Nicolai und Lessing. Er zählte mit zu den18 Repräsentanten der deutschen Aufklärung, er von dem jeder wusste20, dass21 er ein Jude war, er der ausdrücklich an jüdischer23 Tradition festhielt. Sein bürgerliches Ausgestossensein24 drückte ihn wenig25, und der Gedanke einer politischen Emanzipation wurde ihm erst von Dohm nahegelegt, der in ihm - wie später Mirabeau und alle, die sich für die bürgerliche Verbesserung (Dohm) der Juden27 einsetzten - den Garanten für ihre Würdigkeit sah28. Mendelssohn selbst hatte an einer sozialen Einordnung noch29 ein sehr sekundäres Interesse. Ihm genügte der aufgeklärte Absolutismus Friedrich II30, in welchem »die Juden in der Ausübung ihrer Religion die anständigste Freiheit geniessen31«, in welchem »Künste und Wissenschaften blühend und vernünftige Freiheit zu denken so allgemein gemacht ist, dass32 sich ihre Wirkungen33 bis auf den geringsten Einwohner seiner Staaten erstreckt« (Mendelssohn)34. Er war es zufrieden, der »geringste Einwohner« zu sein. Denn auch als solcher hatte er »Gelegenheit und Veranlassung gefunden, sich zu bilden, über seine und seiner Mitbürger Bestimmung nachzudenken und über Menschen,35 Schicksal und Vorsehung nach Massgabe36 seiner Kräfte Betrachtungen anzustellen« (Mendelssohn)37. Da er am Judentum festhielt, da er die Geschichte nicht kannte, hatte er eine stolze Gelassenheit der Gesellschaft38 |30 gegenüber, die ihn an die unterste Stufe ihrer Stufenleiter verwies39. Er wollte höchstens das Judentum verteidigen, er wollte für alle Juden die Achtung, die ihm von Lessing und dem40 geistigen Deutschland entgegengebracht ward41; aber er wollte sich auf keinen Fall,42 für oder wider das Christentum entscheiden, »wie es ein Sokrates getan hätte« (Lavater)43; denn »solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, den wir dem Gesetze44 schuldig sind« (Mendelssohn)45.
Rahel will aus dem Judentum heraus; eine andere Möglichkeit sich zu assimilieren, scheint es nicht zu geben1. Trotz gemischter Geselligkeit, trotz ephemeren Verschwindens des Judenhasses unter2 den Gebildeten verschärft sich die Situation schon in den neunziger3 Jahren. Solange es möglich gewesen war, sich an die Aufklärung zu assimilieren und nur an sie, weil sie das geistige Leben Deutschlands voll4 repräsentierte, war der5 soziale Aufstieg6 für den Juden noch nicht unbedingt notwendig7. Es gab8 die Möglichkeit der Rezeption, die Chance einer Bildung, die leicht war, solange die Eigenmächtigkeit der menschlichen Vernunft |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000038 noch von keiner Ahnung von Geschichte beeinträchtigt war9. So hatte noch Moses Mendelssohn sich an die fremde Umwelt assimilieren können, ohne sein Judentum aufzugeben. Er brauchte nur in einer sehr trügerischen Gegenwart alte »Vorurteile« abzulegen und denken zu lernen. Er10 konnte noch11 glauben, daß12 sein Weg vorbildlich sei und nicht das zufällige Schicksal eines einzelnen13. Fünfzig Jahre früher war14 er in15 Berlin angekommen16, dreißig17 Jahre früher nannte man ihn, der erst zwei Jahrzehnte in Berlin lebte, schon zusammen mit dem »gelehrten Berlin«, mit Ramler, Nicolai und Lessing. Er zählte mit zu den18 Repräsentanten der deutschen Aufklärung, er,19 von dem jeder wußte20, daß21 er ein Jude war, er,22 der ausdrücklich an jüdischer23 Tradition festhielt. Sein bürgerliches Ausgestoßensein24 drückte ihn wenig25, und der Gedanke einer politischen Emanzipation wurde ihm erst von Dohm nahegelegt, der in ihm - wie später Mirabeau und alle, die sich für die »bürgerliche Verbesserung der Juden« (Dohm)27 einsetzten - den Garanten für ihre Würdigkeit sah28. Mendelssohn selbst hatte an einer sozialen Einordnung noch29 ein sehr sekundäres Interesse. Ihm genügte der aufgeklärte Absolutismus Friedrichs II.30, in welchem »die Juden in der Ausübung ihrer Religion die anständigste Freiheit genießen31«, in welchem »Künste und Wissenschaften blühend und vernünftige Freiheit zu denken so allgemein gemacht ist, daß32 sich ihre Wirkungen33 bis auf den geringsten Einwohner seiner Staaten erstreckt« (Mendelssohn)34. Er war es zufrieden, der »geringste Einwohner« zu sein. Denn auch als solcher hatte er »Gelegenheit und Veranlassung gefunden, sich zu bilden, über seine und seiner Mitbürger Bestimmung nachzudenken und über Menschen,35 Schicksal und Vorsehung nach Maßgabe36 seiner Kräfte Betrachtungen anzustellen« (Mendelssohn)37. Da er am Judentum festhielt, da er die Geschichte nicht kannte, hatte er eine stolze Gelassenheit der Gesellschaft38 gegenüber, die ihn an die unterste Stelle ihrer Stufenleiter verwies39. Er wollte höchstens das Judentum verteidigen, er wollte für alle Juden die Achtung, die ihm von Lessing und dem40 geistigen Deutschland entgegengebracht ward41; aber er wollte sich auf keinen Fall für oder wider das Christentum entscheiden, »wie es ein Sokrates getan hätte« (Lavater)43; denn »solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, den wir dem Gesetze44 schuldig sind« (Mendelssohn)45.
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Aber diesen1 strengen Gehorsam kennen schon seine Schüler nicht mehr. Sie fühlen sich nur noch3 als Juden, weil sie gemeinsam versuchen4, die jüdische Religion loszuwerden. Sie sehen mit zweifelhaftem Recht ihre Assimilation schon als gelungen an, weil sie sich der Blindheit der Aufklärung assimiliert haben, der die Juden nur als Unterdrückte galten. Was aus ihnen geworden ist, daran ist die fremde Geschichte schuld,5 was ihnen als Juden eigen ist, ist nur Hemmung für ihre6 Einbürgerung. Die Betrachtung der jüdischen Religion ist eingestandenermassen nur noch ein7 Mittel unter anderen,8 »die politische Verfassung der Juden zu ändern«. So kommt es 1799 zu dem von Friedländer verfassten10 Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter, das unter Berufung auf die Aufklärung, auf Vernunft und moralisches Gefühl die Taufe anbietet: sie wollen12 sich »öffentlich der Gesellschaft einverleiben13«. Dies peinliche Angebot macht Friedländer in einer Zeit, in der Rahel,14 wie ihre ganze Generation,15 schon weiss16 und erfahren hat, dass17 man nur als Einzelner18 aus dem Judentum herauskommt und dass19 die Berufung auf die Aufklärung nichts mehr hilft20. Friedländer klammert sich noch an die Aufklärung22, aber sie hilft auch ihm nichts. Probst Teller23, an den er das Schreiben adressiert, antwortet kühl, und Schleier-macher24 wehrt sich gegen diese25 unliebsamen Gäste energisch. Er rechnet charakteristischerweise das Sendschreiben der »älteren Schule unserer Literatur« zu und hebt gegen den Appell an Vernunft und moralisches Gefühl das Eigentümliche des Christentums hervor, das durch solche Proselyten nur verwässert werden könne. Die Vernunft hat nichts mit dem Christentum zu tun. Schleiermacher will das Individuelle26 der eigenen27 Religion gegen das notwendig Andere der fremden schützen28. Die Vernunft ist29 nur noch eine partielle Einigung - sie gilt für das Staatsbürgertum, |30 nicht30 für die Religion. Schleiermacher will31 schnellste Einbürgerung, aber diese ist nicht mehr32 der Anfang für völlige Assimilation, obwohl gerade das33 die Juden anbieten. Als Staatsbürger bleibt der Jude in seiner Eigentümlichkeit das, was er war36. Die Einbürgerung ist nicht mehr die Lösung des Judenproblems, wenn37 die Juden als Gesamtheit eingebürgert werden38. »Die39 Aufklärungsmanier«,40 ist »verächtlich« geworden. Die ablehnende Antwort Schleiermachers weiss vielleicht besser, wer der Jude ist als Friedländer selbst41. Ihm, der die42 Aufklärung verewigen möchte43, weil sie es ermöglicht, die eigene Herkunft zu vergessen, ihm44 ist es entgangen, dass45 er nicht mehr in der Aufklärung46 lebt,47 und dass48 Herders Einsicht in die Macht der Geschichte auch die Judenfrage in ein neues Licht gerückt hat; dass die Judenfrage50 nicht mehr durch einen »Religionsdisput« zu lösen ist.
Diesen »1strengen Gehorsam«2 kennen schon seine Schüler nicht mehr. Sie fühlen sich nur als Juden, weil sie versuchen müssen4, die jüdische Religion loszuwerden. Sie sehen mit zweifelhaftem Recht ihre Assimilation schon als gelungen an, weil sie sich der Blindheit der Aufklärung assimiliert haben, der die Juden nur als Unterdrückte galten. Was aus ihnen geworden ist, daran ist die fremde Geschichte schuld;5 was ihnen als Juden eigen ist, ist nur Hemmung für die6 Einbürgerung. Die Betrachtung der jüdischen Religion wird eingestandenermassen zum7 Mittel,8 »die politische Verfassung der Juden zu ändern« (David Friedländer)9. So kommt es 1799 zu dem von Friedländer verfassten10 Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter, das unter Berufung auf die Aufklärung, auf Vernunft und moralisches Gefühl,11 die Taufe anbietet, um12 sich »öffentlich der Gesellschaft einzuverleiben13«. Dies peinliche Angebot macht Friedländer in einer Zeit, in der Rahel wie ihre ganze Generation,15 schon weiss16 und erfahren hat, dass17 man nur als Einzelner18 aus dem Judentum herauskommt und dass19 die Berufung auf die Aufklärung nichts mehr nützt20. Auch21 Friedländer hilft sie nichts. Probst Teller22, ein liberaler und aufgeklärter Theologe23, an den er |31 das Schreiben adressiert, antwortet kühl, und Schleiermacher24 wehrt sich gegen die25 unliebsamen Gäste energisch. Er rechnet charakteristischerweise das Send schreiben der »älteren Schule unserer Literatur« zu und hebt gegen den Appell an Vernunft und moralisches Gefühl das Eigentümliche des Christentums hervor, das durch solche Proselyten nur verwässert werden könne. Die Vernunft hat nichts mit der Religion zu tun, sondern mit dem Staatsbürgertum28. Sie kann29 nur noch eine partielle Einigung erreichen. Schleiermacher ist denn auch30 für schnellste Einbürgerung, die aber nicht den Anfang32 der völligen Assimilation des Verschwindens bedeuten soll - was33 die Juden gerade34 anbieten. Als jüdischer35 Staatsbürger bleibt der Jude in seiner Eigentümlichkeit bestehen36. Es handelt sich also um nichts weniger als um37 die Lösung der Judenfrage38. »Die39 Aufklärungsmanier« ist »verächtlich« geworden (Schleiermacher)41. Friedländer möchte die Mendelssohnsche42 Aufklärung verewigen, weil sie es ermöglicht, die eigene Herkunft zu vergessen. Ihm44 ist es entgangen, dass45 er nicht mehr in jener Zeit46 lebt und dass48 Herders Einsicht in die Macht der Geschichte auch die Judenfrage - zum Mindesten für die Anderen -49 in ein neues Licht gerückt hat; dass sie50 nicht mehr durch einen »Religionsdisput« (Herder)51 zu lösen ist.
Diesen »1strengen Gehorsam«2 kennen schon seine Schüler nicht mehr. Sie fühlen sich nur als Juden, weil sie als Juden versuchen4, die jüdische |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000039 Religion loszuwerden. Sie sehen mit zweifelhaftem Recht ihre Assimilation schon als gelungen an, weil sie sich der Blindheit der Aufklärung assimiliert haben, der die Juden nur als Unterdrückte galten. Was aus ihnen geworden ist, daran ist die fremde Geschichte schuld;5 was ihnen als Juden eigen ist, ist nur Hemmung für die6 Einbürgerung. Die Betrachtung der jüdischen Religion wird eingestandenermaßen zum7 Mittel - unter anderen -8 »die politische Verfassung der Juden zu ändern« (David Friedländer)9. So kommt es 1799 zu dem von Friedländer verfaßten10 Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter, das unter Berufung auf die Aufklärung, auf Vernunft und moralisches Gefühl die Taufe anbietet, um12 sich »öffentlich der Gesellschaft einzuverleiben13«. Dies peinliche Angebot macht Friedländer in einer Zeit, in der Rahel wie ihre ganze Generation schon weiß16 und erfahren hat, daß17 man nur als einzelner18 aus dem Judentum herauskommt und daß19 die Berufung auf die Aufklärung nichts mehr nützt20. Auch21 Friedländer hilft sie nicht. Probst Teller22, ein liberaler und aufgeklärter Theologe23, an den er das Schreiben adressiert, antwortet kühl, und Schleiermacher24 wehrt sich gegen die25 unliebsamen Gäste energisch. Er rechnet charakteristischerweise das Sendschreiben der »älteren Schule unserer Literatur« zu und hebt gegen den Appell an Vernunft und moralisches Gefühl das Eigentümliche des Christentums hervor, das durch solche Proselyten nur verwässert werden könne. Die Vernunft hat nichts mit der Religion zu tun, sondern mit dem Staatsbürgertum28. Sie kann29 nur noch eine partielle Einigung erreichen. Schleiermacher ist denn auch30 für schnellste Einbürgerung, die aber nicht den Anfang32 der völligen Assimilation, des Verschwindens bedeuten soll - was33 die Juden gerade34 anbieten. Als jüdischer35 Staatsbürger bleibt der Jude in seiner Eigentümlichkeit bestehen36. Es handelt sich also um nichts weniger als um37 die Lösung der Judenfrage38. Die »39Aufklärungsmanier« ist »verächtlich« geworden (Schleiermacher)41. Friedländer möchte die Mendelssohnsche42 Aufklärung verewigen, weil sie es ermöglicht, die eigene Herkunft zu vergessen. Ihm44 ist es entgangen, daß45 er nicht mehr in jener Zeit46 lebt und daß48 Herders Einsicht in die Macht der Geschichte auch die Judenfrage - zumindest für die anderen -49 in ein neues Licht gerückt hat; daß sie50 nicht mehr durch einen »Religionsdisput« (Herder)51 zu lösen ist.
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Herder identifiziert als erster in Deutschland ausdrücklich die jetzigen gegenwärtigen Juden mit ihrer Geschichte und mit dem Alten2 Testament. Die Juden sind nicht nur die Unterdrückten3, das Produkt der schlechten Behandlung ihrer Umwelt: Herder versteht die4 Geschichte der Juden so5, wie sie selbst diese Geschichte6 deuteten,7 als die Geschichte des auserwählten Volks Gottes8. Ihre Zerstreuung ist ihm9 Beginn und Vorbedingung ihrer Wirkung auf das menschliche Geschlecht. Er verfolgt ihre Geschichte den Ausblicken nach bis zur Gegenwart und wird10 aufmerksam auf ihr eigentümliches Lebensgefühl, das sich an das Vergangene hält und das Vergangene11 in der Gegenwart zu halten versucht12. Ihre Klage über das vor unendlichen Zeiten zerstörte Jerusalem, ihre Hoffnung auf den Messias sind ihm nicht Vorurteile13, sondern das14 Zeichen dafür15, dass16 »die Trümmer Jerusalems ...17 gleichsam im Herzen der Zeit ...18 gegründet sind19 Ihre Religion ist weder eine Quelle der Vorurteile noch die Mendelssohn’sche20 Vernunftreligion, sondern das »unveräusserliche21 Erbstück ihres |31 Geschlechts«. Zugleich sieht22 Herder, dass23 ihre Geschichte, wie sie24 aus dem Gesetz Moses25 stammt, von ihm nicht zu trennen ist, mit der Befolgung des Gesetzes steht und fällt. Ihre Religion ist ferner eine26 Religion Palästinas, und an ihr festhalten, heisst eigentlich27, das Volk Palästinas und damit »in Europa ein unserem Erdteil fremdes asiatisches Volk« bleiben28. Nicht ihre Gleich-heit29 mit allen anderen Völkern30 wird zugestanden - für die Aufklärung das einzige Mittel31, sie überhaupt zu Menschen zu machen - sondern ihre32 Fremdheit betont. Dabei wird auf Assimilation keineswegs verzichtet, sie wird sogar radikaler gefordert. War die Judenfrage und ihre Diskussion noch bei Lessing und Dohm vor allem geleitet33 von der Religionsfrage und ihrer Tolerierung35, von dem verderblichen Einfluss des Sozialen36, an dem allein das Wirtsvolk schuld ist37, so wird die Emanzipation der Juden bei Herder zu einer Staatsfrage. Aufgabe ist es jetzt,38 weder eine an-dere39 Religion zu dulden,40 wie man ja viele Vorurteile zu dulden gezwungen ist,41 noch eine sozial schädliche Situation zu ändern42, sondern Deutschland43 eine andere Nation einzuverleiben. »Wiefern nun dies45 Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- oder Lebens-weise46 in unsere Staaten gehöre, ist kein Religionsdisput mehr, wo über Meinung und Glauben discuttiert47 würde, sondern eine einfache Staatsfrage«.49
Herder identifiziert als erster in Deutschland ausdrücklich die jetzigen gegenwärtigen Juden mit ihrer Geschichte und mit dem alten2 Testament, das heisst er bemüht sich, ihre4 Geschichte so zu verstehen5, wie sie selbst einst sie6 deuteten:7 als die Geschichte des auserwählten Volkes8. Ihre Zerstreuung betrachtet er als9 Beginn und Vorbedingung ihrer Wirkung auf das menschliche Geschlecht. Er macht10 aufmerksam auf ihr eigentümliches Lebensgefühl, das sich an das |32 Vergangene hält,11 in der Gegenwart das Vergangene festzuhalten sucht12. Ihre Klage über das vor unendlichen Zeiten zerstörte Jerusalem, ihre Hoffnung auf den Messias sind für ihn kein Aberglaube13, sondern ein14 Zeichen, dass16 »die Trümmer Jerusalems .. gleichsam im Herzen der Zeit .. gegründet sind19 Ihre Religion ist weder eine Quelle der Vorurteile noch die Mendelssohnsche20 Vernunftreligion, sondern das »unveräusserliche21 Erbstück ihres Geschlechts«. Zugleich meint22 Herder, dass23 ihre Geschichte, wie sie24 aus dem Gesetz Moses25 stammt, von ihm nicht zu trennen ist, mit der Befolgung des Gesetzes steht und fällt. Jüdische Geschichte in der Diaspora war ein Festhalten der26 Religion Palästinas; im Verfolg ihrer eigenen Geschichte sind die Juden Fremde geblieben27, das Volk Palästinas und damit »in Europa ein unserem Erdteil fremdes asiatisches Volk«. Nicht ihre individuelle Gleichheit29 mit allen anderen Menschen30 wird bewiesen31, sondern ihre kollektive, geschichtliche32 Fremdheit betont. Dabei wird auf Assimilation keineswegs verzichtet, sie wird sogar radikaler gefordert. War die Judenfrage und ihre Diskussion noch bei Lessing und Dohm [metamark (unknown)] geleitet von der Forderung nach Toleranz,33 von dem Protest gegen die Verletzung34 der Menschenwürde in einem unterdrückten Volk35, von der Scham über das Unrecht36, das das christliche Europa so vielfältig begangen37, so wird die Emanzipation der Juden bei Herder zu einer Staatsfrage. Aufgabe ist es jetzt weder eine andere39 Religion zu dulden -40 wie man ja viele Vorurteile zu dulden gezwungen wäre -41 noch eine sozial schädliche Situation zu verbessern42, sondern eine andere Nation dem deutschen Volke und Europa44 einzuverleiben. »Wiefern nun dieses45 Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- und Lebensweise46 in unsere Staaten gehöre, ist kein Religionsdisput mehr, wo über Meinung und Glauben |33 discurriert47 würde, sondern eine einfache Staatsfrage.48« (Herder)49
Herder identifiziert als erster in Deutschland ausdrücklich die jetzigen,1 gegenwärtigen Juden mit ihrer Geschichte und mit dem Alten2 Testament, das heißt, er bemüht sich, ihre4 Geschichte so zu verstehen5, wie sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000040 selbst einst sie6 deuteten:7 als die Geschichte des auserwählten Volkes8. Ihre Zerstreuung betrachtet er als9 Beginn und Vorbedingung ihrer Wirkung auf das menschliche Geschlecht. Er macht10 aufmerksam auf ihr eigentümliches Lebensgefühl, das sich an das Vergangene hält,11 in der Gegenwart das Vergangene festzuhalten sucht12. Ihre Klage über das vor unendlichen Zeiten zerstörte Jerusalem, ihre Hoffnung auf den Messias sind für ihn kein Aberglaube13, sondern ein14 Zeichen, daß16 »die Trümmer Jerusalems ...17 gleichsam im Herzen der Zeit ...18 gegründet sind«.19 Ihre Religion ist weder eine Quelle der Vorurteile noch die Mendelssohnsche20 Vernunftreligion, sondern das »unveräußerliche21 Erbstück ihres Geschlechts«. Zugleich meint22 Herder, daß23 ihre Geschichte, die24 aus dem Gesetz Moses’25 stammt, von ihm nicht zu trennen ist, mit der Befolgung des Gesetzes steht und fällt. Jüdische Geschichte in der Diaspora war ein Festhalten der26 Religion Palästinas; im Verfolg ihrer eigenen Geschichte sind die Juden Fremde geblieben27, das Volk Palästinas und damit »in Europa ein unserem Erdteil fremdes asiatisches Volk«. Nicht ihre individuelle Gleichheit29 mit allen anderen Menschen30 wird zugestanden31, sondern ihre kollektive, geschichtliche32 Fremdheit betont. Dabei wird auf Assimilation keineswegs verzichtet, sie wird sogar radikaler gefordert. War die Judenfrage und ihre Diskussion noch bei Lessing und Dohm vor allem geleitet von der Forderung nach Toleranz,33 von dem Protest gegen die Verletzung34 der Menschenwürde in einem unterdrückten Volk35, von der Scham über das Unrecht36, das das christliche Europa so vielfältig begangen37, so wird die Emanzipation der Juden bei Herder zu einer Staatsfrage. Aufgabe ist es jetzt,38 weder eine andere39 Religion zu dulden -40 wie man ja viele Vorurteile zu dulden gezwungen wäre -41 noch eine sozial schädliche Situation zu verbessern42, sondern eine andere Nation dem deutschen Volke und Europa44 einzuverleiben. »Wiefern nun dieses45 Gesetz und die aus ihm entspringende Denk- und Lebensweise46 in unsere Staaten gehöre, ist kein Religionsdisput mehr, wo über Meinung und Glauben discurriert47 würde, sondern eine einfache Staatsfrage« (Herder).49
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Für den einzelnen Juden, der ohnehin nicht mehr an seine Religion im traditionellen Sinne gebunden ist, fällt erst jetzt, da es sinnlos geworden ist, den »ewigen Gehalt« zu retten, die letzte Bindung fort. Gleichzeitig ist ihm die Illusion genommen, er brauche nur auf seine Vergangenheit zu verzichten, um so zu sein wie alle anderen. Herder hat seine Situation ja gerade aus der Vergangenheit verstanden und gedeutet. Die Vergangenheit kann nur noch vergessen werden durch die Technik Einzelner.
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Juden bringen der neuen von Herder wesentlich beeinflussten1 Zeit und Generation nicht das mindeste2 Verständnis entgegen. Das beweisen nicht nur die paar offiziellen »jüdischen Hausväter«, sondern[metamark (unknown)] fast ausnahmslos jeder einzelne Jude. Sie begreifen nur eins: dass3 der Kollektivität als solcher die Vergangenheit unauslöschlich anhängt, dass4 man nur als Einzelner5 herauskann. Das persönliche Problem verschärft sich, die Praktiken des Einzelnen6 verfeinern sich, die individuellen Auswege werden [metamark (unknown)] die Juden erfinderischer. Die Geschichte der deutschen Juden löst sich für eine kurze Zeit - bis zum ersten Emanzipationsdekret von 1812 - in die Geschichte von Einzelfällen auf, denen es gelungen ist zu entrinnen.
Juden bringen der neuen von Herder wesentlich beeinflußten1 Zeit und Generation wenig2 Verständnis entgegen. Das beweisen nicht nur die paar offiziellen »jüdischen Hausväter«, sondern fast ausnahmslos jeder einzelne Jude. Sie begreifen nur eins, daß3 der Kollektivität als solcher die Vergangenheit unauslöschlich anhängt, daß4 man nur als einzelner5 herauskann. Das persönliche Problem verschärft sich, die Praktiken |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000041 der einzelnen6 verfeinern sich, die individuellen Auswege werden zahlreicher,7 die Juden psychologisch raffinierter und gesellschaftlich8 erfinderischer. Die Geschichte der deutschen Juden löst sich für eine kurze Zeit - bis zum ersten Emanzipationsdekret von 1812 - in die Geschichte von Einzelfällen auf, denen es gelungen ist,9 zu entrinnen.
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Ein solcher Einzelfall ist Henriette Herz. Auf den ersten Blick ist ihre Situation dieselbe1 wie die der Rahel. Es ist kein2 Zufall, dass3 sie stets beide4 zusammen genannt werden, sie gehören beide der gleichen Generation an5. Henriette Herz’ Jugenderinnerungen sind durchaus typisch. Aus ihnen ist zu ersehen, dass6 das letzte gleichsam physische Hemmnis7 der Assimilation, die jüdische Tradition, bereits überwunden ist. Henriette Herz9 heiratet sehr jung den Naturwissenschaftler und Kantschüler Marcus Herz, der in Berlin als Arzt ebenso angesehen ist wie als Gelehrter. Seine Schüler, die zu den Vorträgen ins Haus kommen, werden ihre Freunde, sie bilden ihren Kreis10, von ihnen lernt sie.11 Henriette Herz lernt12 Latein, Griechisch, etwas Sanskrit, Mathematik und Physik. Das Christentum, das ihr durch13 Schleiermacher vermittelt wird14, wird ihr zum selbstverständlichen Bildungsgut, und ihre Taufe, die verhältnismässig15 spät erfolgt16, weil sie aus Pietät auf17 den Tod ihrer Mutter wartet, ist nur die selbstverständliche Konsequenz ihrer Überzeugung18. Sie ist geachtet, sie ist schön20, sie wird viel geliebt. Man nennt sie kalt, weil sie unberührt bleibt22, weil nichts zu ihr dringt23. Sie schreibt, wenn einer24 sich in sie verliebt hat25, komisch und prätentiös zugleich26: »Die27 verderblichste Gabe der Götter hat ihn geblendet«, ist aber im Grunde nur unerfahren. Sie versucht nachträglich Wurzeln zu schlagen. Sie wehrt sich mit gutem Instinkt gegen jede Leidenschaft, gegen jedes ernsthafte Eingehen auf die Welt. Sie glaubt, man kann die Welt lernen, sie glaubt, man kann32 die Welt33 durch Tugend bestechen. Und die Welt gibt ihr Recht34, indem sie sie achtet.
Ein solcher Einzelfall ist Henriette Herz. Auf den ersten Blick ist ihre Situation die gleiche1 wie die der Rahel. Kein2 Zufall, dass3 sie beide zumeist4 zusammen genannt werden. Henriette Herz’ Jugenderinnerungen sind durchaus typisch. Aus ihnen ist zu ersehen, dass6 das letzte [metamark (unknown)] physische Hemm nis7 der Assimilation, die jüdische Tradition, bereits in der Jugend8 überwunden ist. Henriette heiratet sehr jung den Naturwissenschaftler und Kantschüler Marcus Herz, der in Berlin als Arzt ebenso angesehen ist wie als Gelehrter. Seine Schüler, die zu den Vorträgen ins Haus kommen, werden ihre Freunde, sie bilden einen der ersten jüdischen Salons10, von ihnen lernt Henriette, -12 Latein, Griechisch, etwas Sanskrit, Mathematik und Physik. Das Christentum, das Schleiermacher ihr vermittelt14, wird ihr zum selbstverständlichen Bildungsgut. Sie lässt sich trotzdem verhältnismässig15 spät taufen16, weil sie erst17 den Tod ihres Mannes |34 und dann den ihrer Mutter abwartet18. Sie ist geachtet, weil19 sie sehr tugendhaft ist20, sie wird viel geliebt, weil sie sehr schön ist21. Man nennt sie kalt, weil nichts zu ihr dringt22, weil sie unberührt bleibt23. Sie schreibt, wenn Einer24 sich in sie verliebt, komisch und prätentiös: »die27 verderblichste Gabe der Götter hat ihn geblendet«, ist aber im Grunde nur unerfahren. Sie versucht nachträglich,28 Wurzeln zu schlagen, durch Lernen29. Sie wehrt sich mit gutem Instinkt gegen jede Leidenschaft, gegen jedes ernsthafte Eingehen auf die Welt. Sie glaubt, man kann die Welt lernen und32 die Gesellschaft33 durch Tugend bestechen. Und die Welt gibt ihr Recht34, indem sie sie achtet.
Ein solcher Einzelfall ist Henriette Herz. Auf den ersten Blick ist ihre Situation die gleiche1 wie die der Rahel. Kein2 Zufall, daß3 sie beide zumeist4 zusammen genannt werden. Henriette Herz’ Jugenderinnerungen sind durchaus typisch. Aus ihnen ist zu ersehen, daß6 das letzte gleichsam physische Hemmnis7 der Assimilation, die jüdische Tradition, bereits in der Jugend8 überwunden ist. Henriette heiratet sehr jung den Naturwissenschaftler und Kantschüler Marcus Herz, der in Berlin als Arzt ebenso angesehen ist wie als Gelehrter. Seine Schüler, die zu den Vorträgen ins Haus kommen, werden ihre Freunde, sie bilden einen der ersten jüdischen Salons10, von ihnen lernt Henriette -12 Latein, Griechisch, etwas Sanskrit, Mathematik und Physik. Das Christentum, das Schleiermacher ihr vermittelt14, wird ihr zum selbstverständlichen Bildungsgut. Sie läßt sich trotzdem verhältnismäßig15 spät taufen16, weil sie erst17 den Tod ihres Mannes und dann den ihrer Mutter abwarten muß18. Sie ist geachtet, weil19 sie sehr tugendhaft ist20, sie wird viel geliebt, weil sie sehr schön ist21. Man nennt sie kalt, weil nichts zu ihr dringt22, weil sie unberührt bleibt23. Sie schreibt, wenn einer24 sich in sie verliebt, komisch und prätentiös: »Die27 verderblichste Gabe der Götter hat ihn geblendet«, ist aber im Grunde nur unerfahren. Sie versucht nachträglich,28 Wurzeln zu schlagen durch Lernen, versteht »keinen generellen Gedanken, oder seine Anwendung«29. Sie wehrt sich mit gutem Instinkt gegen jede Leidenschaft, gegen jedes ernsthafte Eingehen auf die Welt, »sie kann keinen Irrtum über die Dinge von der stillen Natur der Dinge unterscheiden;30 ... sie kommt gleich auf Approbation, oder Abstimmung der Menschen«.31 Sie glaubt, man kann die Welt lernen und32 die Gesellschaft33 durch Tugend bestechen. Und die Welt gibt ihr recht34, indem sie sie achtet.
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Aber:1 »Götter der Welt! Wie kann man bei so wenig Leben leben bleiben!« Als sie schliesslich3 alt wird, als das Leben vorbei gegangen ist an der »kollossalen4 Gestalt«, ohne ihr et-was5 |33 zu geben, zurückgeschreckt von ihrer »6Tugend«7, da wird die Tugend lächerlich9. Im Alter braucht man diese Tugend nicht mehr10, und »zum Spott der sich tugendhaft glaubenden Menschen las-sen12 die etwaigen13 Götter die14 Gebilde untergehen!« Sie geht unter16, sie zerfällt17, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein18 »Gebilde«, das langsam abbröckelt, wenn nichts mehr da ist, dem es standhalten könnte. »Wie19 um einen Kirchenturm20 ist ihr der Wind um das hohe Haupt gegangen21
Aber »Götter der Welt! Wie kann man bei so wenig Leben leben bleiben!« Als sie schliesslich3 alt wird, als das Leben vorbeigegangen ist an der »kolossalen4 Gestalt«, ohne ihr etwas5 zu geben, zurückgeschreckt von soviel6 Tugend, da wird sogar8 die Tugend ridicul9. Im Alter hat die nicht mehr sehr viel Sinn10, und »zum Spott der sich tugendhaft glaubenden Menschen lassen12 die ewigen13 Götter dies14 Gebilde untergehen!« Nichts gelernt16, nichts erfahren17, nicht gelebt -18 »wie19 um einen Kirchturm20 ist ihr der Wind um das hohe Haupt gegangen21
Aber »Götter der Welt! Wie kann man bei so wenig Leben leben bleiben!« meint Rahel.2 Als sie schließlich3 alt wird, als das Leben vorbeigegangen ist an der »kolossalen4 Gestalt«, ohne ihr etwas5 zu geben, zurückgeschreckt von soviel6 Tugend, da wird sogar8 die Tugend ridikül9. Im Alter hat die nicht mehr sehr viel Sinn; was bleibt10, ist ein »Wunder der Nichtigkeit«,11 und »zum Spott der sich tugendhaft glaubenden Menschen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000042 lassen12 die ewigen13 Götter dies14 Gebilde untergehen! Und ungerecht findet man’s, eine doch lebende Seele dazu zu gebrauchen15«. Nichts gelernt16, nichts erfahren17, nicht gelebt -18 »wie19 um einen Kirchturm20 ist ihr der Wind um das hohe Haupt gegangen«.21
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Ein solcher Einzelfall ist Dorothea Schlegel. Sie, die jüngste Tochter von Moses Mendelssohn könnte man mit viel2 Recht und ohne allzuviel Bösartigkeit als das gelungenste3 Produkt der naiv-zweideutigen Orthodoxie ihres Vaters ansehen. Er liess4 ihr nämlich eine modern-europäische Erziehung zuteil werden - und verheiratete sie dann auf gut jüdisch, ohne ihre Zustimmung, an einen angesehenen Berliner jüdischen Kaufmann. Resultat: sie läuft ihrem Mann und zwei Kindern weg und Friedrich Schlegel zu wie die Motte ans5 Licht. Die Söhne aus erster Ehe werden die frömmsten |35 christlichen Maler der Epoche, Nazarener genannt.
Ein solcher Einzelfall ist Dorothea Schlegel. Sie, die jüngste Tochter von Moses Mendelssohn,1 könnte man mit einigem2 Recht und ohne allzuviel Bösartigkeit als das vollkommenste3 Produkt der naiv-zweideutigen Orthodoxie ihres Vaters ansehen. Er ließ4 ihr nämlich eine modern-europäische Erziehung zuteil werden - und verheiratete sie dann auf gut jüdisch, ohne ihre Zustimmung, an einen angesehenen Berliner jüdischen Kaufmann. Resultat: sie läuft ihrem Mann und zwei Kindern weg und Friedrich Schlegel zu wie die Motte dem5 Licht. Die Söhne aus erster Ehe werden die frömmsten christlichen Maler der Epoche, »6Nazarener«7 genannt.
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Rahel kann nicht lernen, sie betont schon Veit gegenüber ihre »Ignoranz« und dass sie sich nicht ändern könne, »man müsse sie so aufbrauchen«. Keine Tradition hat ihr etwas übermittelt, in keiner Geschichte war ihre Existenz vorhergesehen. Ungebunden schlechthin, weil in keine Bildungswelt hineingeboren, vorurteilslos, weil scheinbar keiner vor ihr geurteilt hat, gleichsam in der paradoxen Situation des ersten Menschen, ist sie gezwungen, sich alles so anzueignen, als ob es ihr zum ersten Mal begegnete. Sie ist angewiesen auf Ursprünglichkeit . Herder hat einmal expressis verbis Vorurteilslosigkeit von dem »gebildeten Juden« verlangt. Das Freisein von allen Inhalten ist bei Henriette Herz umgeschlagen für schlechthin alles: alles wird erlernbar. Ihre Ungebundenheit wird zu einer sinnlosen Begabtheit für alles. Da Rahel auf ihrer Ignoranz besteht, dokumentiert sich in ihr wirklich die Freizügigkeit und Unfixiertheit an eine bestimmte, historisch gegebene Welt; daher stammt ihre schlagende Art, Dinge, Menschen, Situationen zu beschreiben. Alles präsentiert sich ihr gleichsam zum ersten Mal. Für nichts hat sie eine angelernte Formel bereit. Ihr Witz, der schon das junge Mädchen gefürchtet sein liess, ist nur die völlig unbeschwerte Art zu sehen. Sie lebt in keiner bestimmten Ordnung der Welt, sie weigert sich, eine Ordnung der Welt zu lernen; sie kann das Entfernteste |34 im Witz zusammenbringen, sie kann im Zusammenhängendsten die Zusammenhanglosigkeit aufdecken. Dies rühmen ihre Freunde als Originalität, dies empfinden ihre Feinde als Stillosigkeit, als Unordnung, als unmotivierte Lust am Paradox. Ihre Art sich auszudrücken, ist vielleicht wirklich stillos, denn sie hat kein Vorbild, keine Tradition und kein strenges Bewusstsein davon, welche Worte zueinandergehören und welche nicht. Aber sie ist wirklich »originell«, sie wird nie einem gewöhnten Ausdruck zuliebe eine Sache verdecken. Bei aller Originalität, bei aller Eroberungssucht dokumentiert sich in Rahel nicht nur die Vorurteilslosigkeit, sondern zugleich auch die Leere dessen, der restlos auf Erfahrungen angewiesen ist, der für jede Meinung das ganze Leben braucht. Sie ist zu jung, um Erfahrungen zu haben, zu isoliert, um zu wissen, wo das Leben sie treffen könnte.
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Ein solcher Einzelfall ist1 Dorothea Schlegel. Sie, die jüngste Tochter von Moses Mendelssohn, hat schon von Haus aus eine gewisse Bildung. Sie läuft dem eigenen Mann weg und Friedrich Schlegel zu wie die Motte ans Licht. Sie2 lernt nicht die Welt kennen, sondern Schlegel, sie gehört nicht zu der Romantik, sondern zu Schlegel, sie wird nicht zum Katholizismus bekehrt, sondern zu Schlegels Glauben. Ihm möchte sie »einen Tempel errichten«. Ihre Liebe ist völlig unreflektiert, nur der reflektorische Ausdruck für ihr Gebanntsein3. Sie ist rührend in ihr bis auf den heutigen Tag; selbst ihre4 gehässigen Klatschereien gegen Caroline Schlegel, die ihr absolut überlegen war, äussern5 ein so naives Ressentiment, eine so kindische Parteiischkeit6 und Uneinsichtigkeit, dass7 man sie gleich wieder vergisst8. Was bleibt,9 ist das Faktum10, dass11 es ihr gelungen ist, sich aufzugeben12, sich an einen Menschen zu hängen,13 und von ihm sich durch die Welt schleifen zu lassen. Die Welt - nichts als |35 die vergehende Folie für die14 Gefühle, für die ganze aufgeregte15 Leidenschaftlichkeit ihres Innern. Im Alter, als16 die Leidenschaft versiegt war17, wird sie bigott.
Dorothea lernt nicht die Welt kennen, sondern Schlegel, sie gehört nicht zu der Romantik, sondern zu Schlegel, sie wird nicht zum Katholizismus bekehrt, sondern zu Schlegels Glauben. Ihm möchte sie »einen Tempel errichten«. Ihre Liebe ist völlig unreflektiert, nur der reflektorische Ausdruck ihres Gebanntsein3. Ihre4 gehässigen Klatschereien gegen Caroline Schlegel, die ihr absolut überlegen war, äussern5 ein so naives Ressentiment, eine so kindliche Parteiischkeit6 und Uneinsichtigkeit, dass7 man sie gleich wieder vergessen möchte8. Was bleibt ist, dass11 es ihr gelungen ist, sich loszuwerden12, sich an einen Menschen zu hängen und von ihm sich durch die Welt schleifen zu lassen. Die Welt - nichts als die vergehende Folie für ihre14 Gefühle, für die ganze aufgestörte15 Leidenschaftlichkeit ihres Innern. Als im Alter16 die Leidenschaft versiegt, wird sie bigott.
Dorothea lernt nicht die Welt kennen, sondern Schlegel, sie gehört nicht zu der Romantik, sondern zu Schlegel, sie wird nicht zum Katholizismus bekehrt, sondern zu Schlegels Glauben. Ihm möchte sie »einen Tempel errichten«. Ihre Liebe ist völlig unreflektiert, nur der reflektorische Ausdruck ihres Gebanntseins3. Selbst ihre4 gehässigen Klatschereien gegen Caroline Schlegel, die ihr absolut überlegen war, äußern5 ein so naives Ressentiment, eine so kindische Parteilichkeit6 und Uneinsichtigkeit, daß7 man sie gleich wieder vergessen möchte8. Was bleibt,9 ist, daß11 es ihr gelungen ist, sich loszuwerden12, sich an einen Menschen zu hängen und von ihm sich durch die Welt schleifen zu lassen. Die Welt - nichts als die vergehende Folie für ihre14 Gefühle, für die ganze aufgestörte15 Leidenschaftlichkeit ihres Innern. Als im Alter16 die Leidenschaft versiegt, wird sie bigott.
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Dorothea Schlegel hat das Leben einmal getroffen, als sie Schlegel traf, als er sie liebte. Aber sie hat ihr Leben sofort wieder aufgegeben in der Verewigung dieses einen Augenblicks. Ihr Leben ist unerzählbar, weil es keine Geschichte hat, weil es obstinat auf den1 einmal im Blitze eines Augenblicks Erfahrenen besteht. Sie hat ihr Leben an diesen2 Augenblick fortgeworfen. Rahel sagt von sich, sie könne nicht lieben. Ihre Umwelt bestätigt dies. So bleibt ihr zwar ihr Leben, aber dies Leben scheint vorerst die Hoffnungslosigkeit selbst, es ist nichts als das tägliche Weiter.4
Dorothea Schlegel hat das Leben einmal getroffen, als sie Schlegel traf, als er sie liebte. Aber sie hat ihr Leben sofort wieder aufgegeben in der Verewigung dieses einen Augenblicks. Ihr Leben ist unerzählbar, weil es keine Geschichte hat, weil es obstinat auf dem1 einmal im Blitze eines Augenblicks Erfahrenen besteht. Sie hat ihr Leben an einen2 Augenblick einfach3 fortgeworfen.
Dorothea Schlegel hat das Leben einmal getroffen, als sie Schlegel traf, als er sie liebte. Aber sie hat ihr Leben sofort wieder aufgegeben in der Verewigung dieses einen Augenblicks. Ihr Leben ist unerzählbar, weil es keine Geschichte hat, weil es obstinat auf dem1 einmal im Blitze eines Augenblicks Erfahrenen besteht. Sie hat ihr Leben an einen2 Augenblick einfach3 fortgeworfen.
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Solche Einzelnen1 sind die Schwestern Marianne und Sarah Meier. Beide kommen2 aus einem reichen Haus, das ihnen eine »vornehme Erziehung und bildenden Unterricht« vermittelte. Ihre Klugheit, ihre Bildung sind identisch mit5 Weltgewandtheit. Marianne heiratet den Fürsten Reuss6 und führt7 nach seinem Tode den Titel einer8 Frau von Eybenberg. Sarah lebt9 viele Jahre in einer glücklichen10 Ehe mit einem livländischen11 Baron Grotthus. Beide leben in der grossen12 Welt, umgeben von Anerkennung und Schmeichelei. Bekannt ist ihre Beziehung zu Goethe. Frau von Grotthus endet in Geistesverwirrung, in einer pathologischen Eitelkeit;13 Frau von Eybenberg lebt bis zu ihrem Tode in Wien in der grossen14 Gesellschaft. Dort ist der Aufstieg nicht so erstaunlich; neben ihr halten die Schwestern Itzig, die Frau von Eskeles und die Frau von Arnstein Salon. Die15 Männer, angesehene Bankiers,17 treten ähnlich zurück wie Marcus Herz im Salon seiner Frau. Die eigentliche Assimilation vollziehen zu20 jener Zeit die Frauen, weil sie21 die Zeit haben, sich22 zu bilden23. »Die Weiber sind ...24 bei den Juden ...25 100 Prozent besser als die Männer« (Gentz). Die Frauen26 |36 sind jedenfalls27 in der28 Gesellschaft aufgenommen, wenn sie auch hier und da noch plötzlich zurückgewiesen werden, wenn es auch Häuser gibt, in die selbst30 sie keinen Zutritt erlangen, wenn auch Gentz meint, ihre Geselligkeit grenze doch immer an »mauvaise societé31«,32 und wenn das Wort des Prince de Ligne, der den Baron Arnstein »le premier baron du vieux testament« nennt34, durch ganz Wien geht. Diese kleinen35 Kränkungen,36 auf die jede jederzeit gefasst37 sein musste38, erzeugt39 bei Frau Grotthus die masslose41 Eitelkeit und bei Frau Eybenberg die »feindliche Menschenkenntnis«43. Sie erzeugt44 aber auch Klugheit, Wachsamkeit und die Kunst, selbst »die Langeweile noch unterhaltsam zu machen«.
Einzelfälle1 sind die Schwestern Marianne und Sarah Meier. Beide kamen2 aus einem reichen Haus, das ihnen bereits3 eine »vornehme Erziehung und bildenden Unterricht« (Varnhagen)4 vermittelte. Ihre Klugheit, ihre Bildung sind nur5 Weltgewandtheit. Marianne heiratet den Fürsten Reuss6 und wird7 nach seinem Tode Frau von Eybenberg. Sarah führt9 viele Jahre eine glückliche10 Ehe mit einem [metamark (unknown)] schen11 Baron Grotthus. Beide leben in der grossen12 Welt, umgeben von |36 Anerkennung und Schmeichelei. Bekannt ist ihre Beziehung zu Goethe. Frau von Grotthus endet in Geistesverwirrung, in einer pathologischen Eitelkeit.13 Frau von Eybenberg lebt bis zu ihrem Tode in Wien in der grossen14 Gesellschaft. Dort ist der Aufstieg nicht so erstaunlich; neben ihr halten die Schwestern Itzig, die Frau von Eskeles und die Frau von Arnstein Salon. Der österreichische Staat braucht fast noch dringender Geld als der preussische; und ihre15 Männer, österreichische Hofjuden oder Staatsbankiers, sind infolgedessen höchst16 angesehene Leute. Im Salon17 treten dennoch die Männer18 ähnlich zurück wie Marcus Herz im Salon seiner Frau. Die eigentliche gesellschaftliche19 Assimilation vollziehen in20 jener Zeit die Frauen, die Zeit haben; die Männer sind22 zu beschäftigt mit der ökonomischen Seite der Angelegenheit23. »Die Weiber sind .. bei den Juden .. 100 Prozent besser als die Männer« (Gentz). Jedenfalls26 sind sie27 in die28 Gesellschaft aufgenommen, wenn sie auch hier und da noch plötzlich zurückgewiesen werden, wenn es auch immer29 Häuser gibt, in die sie keinen Zutritt erlangen, wenn auch Gentz meint, ihre [metamark (unknown)]Geselligkeit [metamark (unknown)]««32 und wenn auch33 das Wort des Prince de Ligne, der den Baron Arnstein »le premier baron du vieux testament« taufte34, durch ganz Wien geht. Kleine35 Kränkungen auf die jede jederzeit gefasst37 sein muss38, erzeugen39 bei Frau von40 Grotthus die masslose41 Eitelkeit und bei Frau von42 Eybenberg die [metamark (unknown)] (Varnhagen)43. Sie erzeugen44 aber auch Klugheit, Wachsamkeit und die Kunst, selbst »die Langeweile noch unterhaltsam zu machen« (Varnhagen)45.
Einzelfälle1 sind die Schwestern Marianne und Sarah Meier. Beide kommen2 aus einem reichen Haus, das ihnen bereits3 eine »vornehme Erziehung und bildenden Unterricht« (Varnhagen)4 vermittelte. Ihre Klugheit, ihre Bildung sind nur5 Weltgewandtheit. Marianne heiratet den Fürsten Reuß6 und führt7 nach seinem Tode den Titel einer8 Frau von |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000043 Eybenberg. Sarah lebt9 viele Jahre in glücklicher10 Ehe mit einem livländischen11 Baron Grotthus. Beide leben in der großen12 Welt, umgeben von Anerkennung und Schmeichelei. Bekannt ist ihre Beziehung zu Goethe. Frau von Grotthus endet in Geistesverwirrung, in einer pathologischen Eitelkeit.13 Frau von Eybenberg lebt bis zu ihrem Tode in Wien in der großen14 Gesellschaft. Dort ist der Aufstieg nicht so erstaunlich; neben ihr halten die Schwestern Itzig, die Frau von Eskeles und die Frau von Arnstein Salon. Der österreichische Staat braucht fast noch dringender Geld als der preußische, und ihre15 Männer, österreichische Hofjuden oder Staatsbankiers, sind infolgedessen höchst16 angesehene Leute. Im Salon17 treten dennoch die Männer18 ähnlich zurück wie Marcus Herz im Salon seiner Frau. Die eigentliche gesellschaftliche19 Assimilation vollziehen in20 jener Zeit die Frauen, die Zeit haben; die Männer sind22 zu beschäftigt mit der ökonomischen Seite der Angelegenheit23. »Die Weiber sind ...24 bei den Juden ...25 100 Prozent besser als die Männer« (Gentz). Jedenfalls26 sind sie27 in die28 Gesellschaft aufgenommen, wenn sie auch hier und da noch plötzlich zurückgewiesen werden, wenn es auch immer29 Häuser gibt, in die sie keinen Zutritt erlangen, wenn auch Gentz meint, ihre Geselligkeit »grenze doch immer an mauvaise société31«,32 und wenn auch33 das Wort des Prince de Ligne, der den Baron Arnstein »le premier baron du vieux testament« taufte34, durch ganz Wien geht. Kleine35 Kränkungen,36 auf die jede jederzeit gefaßt37 sein muß38, erzeugen39 bei Frau von40 Grotthus die maßlose41 Eitelkeit und bei Frau von42 Eybenberg die »feindliche Menschenkenntnis« (Varnhagen)43. Sie erzeugen44 aber auch Klugheit, Wachsamkeit und die Kunst, selbst »die Langeweile noch unterhaltsam zu machen« (Varnhagen)45.
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Solche Gesellschaftsassimilation durch Heirat gab es verhältnismässig viel. Man kann Rahels Verlobung mit Finckenstein als den Versuch einer solchen Gesellschaftsassimilation ansehen.
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Was nun Rahel betrifft, so kann sie keine »Antworten lernen« wie Henriette Herz. Sie bleibt Zeit ihres Lebens eine »1Ignorantin«,2 die man3 so »4aufbrauchen« muss5. Keine Tradition hat ihr etwas übermittelt |37 und in keiner Geschichte war ihre Existenz vorhergesehen. Ungebunden, weil in keine Bildungs welt hineingeboren, vorurteilslos, weil scheinbar keiner vor ihr geurteilt hat, gleichsam in der paradoxen Situation des ersten Menschen, ist sie gezwungen, sich alles so anzueignen, als ob es ihr zum ersten Male7 begegnete. Sie ist angewiesen auf Ursprünglichkeit. Herder hat einmal expressis verbis Vorurteilslosigkeit von dem »gebildeten Juden« verlangt. Das Freisein von allen Inhalten ist bei Henriette Herz umgeschlagen [metamark (unknown)]in Offenheit [metamark (unknown)] [metamark (unknown)] Ihre Ungebundenheit äussert9 sich in der10 sinnlosen Begabtheit für alles11. [metamark (unknown)]Da Rahel auf ihrer Ignoranz besteht, dokumentiert sich in ihr wirklich die Freizügigkeit und Unfixiertheit an eine bestimmte, historisch gegebene Welt.
Was nun Rahel betrifft, so kann sie keine »Antworten lernen« wie Henriette Herz. Sie bleibt Zeit ihres Lebens eine Ignorantin, »2die sich3 so aufbrauchen« muß5. Keine Tradition hat ihr etwas übermittelt,6 und in keiner Geschichte war ihre Existenz vorhergesehen. Ungebunden, weil in keine Bildungswelt hineingeboren, vorurteilslos, weil scheinbar keiner vor ihr geurteilt hat, gleichsam in der paradoxen Situation des ersten Menschen, ist sie gezwungen, sich alles so anzueignen, als ob es ihr zum ersten Mal7 begegnete. Sie ist angewiesen auf Ursprünglichkeit. Herder hat einmal expressis verbis Vorurteilslosigkeit von dem »gebildeten Juden« verlangt. Das Freisein von allen Inhalten ist bei Henriette Herz umgeschlagen in Offenheit für schlechthin alles; alles wird erlernbar.8 Ihre Ungebundenheit äußert9 sich in einer10 sinnlosen, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000044 gegenstandslosen Begabtheit11. Da Rahel auf ihrer Ignoranz besteht, dokumentiert sich in ihr wirklich die Freizügigkeit und Unfixiertheit an eine bestimmte, historisch gegebene Welt.
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Daher stammt ihre schlagende Art, Dinge, Menschen, Situationen zu beschreiben. Ihr Witz, der schon das junge Mädchen gefürchtet sein liess1, ist nur die völlig unbeschwerte Art zu sehen. Sie lebt in keiner bestimmten Ordnung der Welt, sie weigert sich, eine Ordnung zu lernen. Sie kann das Entfernteste im Witz zusammenbringen, sie kann im Zusammenhängendsten die Zusammenhanglosigkeit aufdecken. Dies rühmen ihre Freunde als Originalität, dies empfinden ihre Feinde als Stillosigkeit, als Unordnung, als unmotivierte Lust am Paradox. Sie schrieb5 Briefe - meint Gentz - »wo die Blüten und Früchte drinliegen, mitsamt den Wurzeln und der Erde dran, aus dem Boden gezogen«. - Sie hat weder Vorbild noch Tradition und daher kein strenges Bewusstsein7 davon, welche Worte zueinandergehören, welche nicht. Aber sie ist wirklich originell, sie wird nie einem gewohnten Ausdruck zu Liebe8 eine Sache verdecken. Bei aller Originalität, bei aller Eroberungssucht,9 dokumentiert sich in |38 Rahel nicht nur die Vorurteilslosigkeit, sondern zugleich auch die Leere dessen, der restlos auf Erfahrungen angewiesen ist, der für jede Meinung ein ganzes Leben braucht. Sie ist zu jung, um Erfahrungen zu haben, zu isoliert, um zu wissen, wo das Leben sie treffen könnte.
Daher stammt ihre schlagende Art, Dinge, Menschen, Situationen zu beschreiben. Ihr Witz, der schon das junge Mädchen gefürchtet sein ließ1, ist nur die völlig unbeschwerte Art zu sehen. Sie lebt in keiner bestimmten Ordnung der Welt, sie weigert sich, eine Ordnung zu lernen. Sie kann das Entfernteste im Witz zusammenbringen, sie kann im Zusammenhängendsten die Zusammenhanglosigkeit aufdecken. Dies rühmen ihre Freunde als »die große2 Originalität«3, die auch Goethe an dem jungen Mädchen auffiel;4 dies empfinden ihre Feinde als Stillosigkeit, als Unordnung, als unmotivierte Lust am Paradox. Sie schriebe5 Briefe - meint Gentz -,6 »wo die Blüten und Früchte drinliegen, mitsamt den Wurzeln und der Erde dran, aus dem Boden gezogen«. - Sie hat weder Vorbild noch Tradition und daher kein eigentliches Bewußtsein7 davon, welche Worte zueinandergehören, welche nicht. Aber sie ist wirklich originell, sie wird nie einem gewohnten Ausdruck zuliebe8 eine Sache verdecken. Bei aller Originalität, bei aller Eroberungssucht dokumentiert sich in Rahel nicht nur die Vorurteilslosigkeit, sondern zugleich auch die Leere dessen, der restlos auf Erfahrungen angewiesen ist, der für jede Meinung ein ganzes Leben braucht. Sie ist zu jung, um Erfahrungen zu haben, zu isoliert, um zu wissen, wo das Leben sie treffen könnte.
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Um sich an ein sogenanntes Genie zu hängen, war sie vermutlich zu klug, sicher auch zu neugierig;4 hatte sie zu früh begonnen auf eigene Faust,6 mit sich und der Welt fertig zu werden. Bleibt also nur die Gesellschaftsassimilation durch Heirat, welche in der Zeit sehr häufig war. Rahels Verlobung mit Finckenstein war schwerlich etwas anderes im Beginn als ein solcher Versuch.
Um sich an ein sogenanntes Genie zu hängen, war sie vermutlich zu klug; »aus eben der Ursach’ ist’s ja1, daß ich mich gar nicht blindlings von einem Menschen kann einnehmen lassen, darum bet’ ich ja nicht an ... denn sonst wär’ ich ja in Goethe verliebt, und ich bet’ ihn ja nur an«, schreibt sie an Veit unmittelbar nach dem Treffen mit Goethe;2 sicher war sie3 auch zu neugierig,4 hatte sie zu früh begonnen,5 auf eigene Faust mit sich und der Welt fertig zu werden. Bleibt also nur die Gesellschaftsassimilation durch Heirat, welche in der Zeit sehr häufig war. Rahels Verlobung mit Finckenstein war schwerlich etwas anderes im Beginn als ein solcher Versuch.
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Die Finckensteins sind eine der ältesten Adelsfamilien des Landes1. Ihr Stammhaus ist Madlitz, wo die Kinder aufgewachsen sind,2 Karl und seine drei Schwestern. Die Eltern, er, die Schwestern bilden eine kleine Einheit für sich, jeder an den anderen durch Liebe und selbstverständliche Zugehörigkeit gebunden. Zwar liebt Karl Finckenstein4 noch besonders seine älteste Schwester, deren Glück ihm das »Heiligste5« seines eigenen6 Lebens ist. Aber auch diese Liebe ist nur scheinbar speziell; auch sie ist nur der Ausdruck,7 für die Zugehörigkeit zum Ganzen. »Sobald Sie in dies Haus treten, werden Sie ein Mitglied der liebenswürdigen8 Familie, dafür ist’s aber auch um all Ihre Freiheit getan, Sie hören ganz auf ein einzelner, für sich bestehender Mensch zu sein, und haben keinen Willen mehr recht für sich« (Burgsdorff).10
Die Finckensteins sind eine der ältesten preussischen Adelsfamilien1. Ihr Stammhaus ist Madlitz, in dem2 Karl und seine drei Schwestern aufwachsen3. Die Eltern, er, die Schwestern bilden eine kleine Einheit für sich, jeder an den anderen durch Liebe und selbstverständliche Zugehörigkeit gebunden. Zwar liebt Karl noch besonders seine älteste Schwester, deren Glück ihm das »heiligste5« seines Lebens ist. Aber auch diese Liebe ist nur scheinbar speziell; auch sie ist nur der Ausdruck für die Zugehörigkeit zum Ganzen. »Sobald Sie in dies Haus treten, werden Sie ein Mitglied der liebenswürdigsten8 Familie, dafür ist’s aber auch um all Ihre Freiheit getan, Sie hören ganz auf ein einzelner, für sich bestehender Mensch zu sein, und haben keinen Willen mehr recht für sich.9« (Burgsdorff)
Die Finckensteins sind eine der ältesten preußischen Adelsfamilien1. Ihr Stammhaus ist Madlitz, in dem2 Karl und seine drei Schwestern aufwachsen3. Die Eltern, er, die Schwestern bilden eine kleine Einheit für sich, jeder an den anderen durch Liebe und selbstverständliche Zugehörigkeit gebunden. Zwar liebt Karl noch besonders seine älteste |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000045 Schwester, deren Glück ihm das »heiligste5« seines Lebens ist. Aber auch diese Liebe ist nur scheinbar speziell; auch sie ist nur der Ausdruck für die Zugehörigkeit zum Ganzen. »Sobald Sie in dies Haus treten, werden Sie ein Mitglied der liebenswürdigsten8 Familie, dafür ist’s aber auch um all Ihre Freiheit getan, Sie hören ganz auf ein einzelner, für sich bestehender Mensch zu sein, und haben keinen Willen mehr recht für sich« (Burgsdorff).10
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Das Haus des Grafen Finckenstein gehört zu den Ständen des Kurmärkischen Kreises, desselben Kreises,1 der Hardenberg und |37 Stein in den Jahren der Reformen unter Führung des alten Grafen2 Finckenstein und Ludwig August von der Marwitz mit allen Mitteln bekämpfte. Der Adel hatte »seit fast über hundert Jahren politisch so gut wie nichts mehr zu bedeuten gehabt« (Hardenberg); die Aufklärung des Bürgertums hatte3 immer weitere Kreise dieses4 Adels ergriffen und seine geistigen6 Grundlagen zerstört. Nur der Landadel lebte auf seinen Gütern noch völlig abgeschlossen,7 und - sofern die Güter nicht verschuldet waren - gesichert8. Daher war »das patriarchalische und Familienwesen noch so fest gegründet, dass9 das blosse10 Lesen keinen Eindruck machte« (Marwitz). Das konservierende Element ist die Familie. In dieser Familie spielt13 das einzelne Glied als diese Person mit ihrem persönlichen Schicksal keine15 Rolle; dennoch16 ist der Einzelne unerhört17 wichtig als Vertreter des Standes und als Garant der Unsterblichkeit des Geschlechts. Dass18 dieser Einzelne19 ein Recht auf sein persönliches Leben habe, dass20 er den Anspruch habe21, »22glücklich zu sein«23, ist jene »grundfalsche Prämisse« der modernen Zeit, aus der »die ganze Teufelei, die seitdem Europa auf den Kopf gestellt hat« (Marwitz) folgt. Das Individuum ist nur der Augenblick, gegen den die Erinnerung des Geschlechts steht und die Sorge für sein27 zukünftiges Bestehen. Der Einzelne28 ist nichts als29 Repräsentant des »dauernden und unveränderlichen Interesses eines30 Standes als einer moralischen, sonach unsterblichen Person«. In diesem Sinne ist für31 Marwitz auch der Deputierte der Bürgerschaft nur Repräsentant seines Standes32. Den Adel als Stand aber zeichnet vor allem die Zugehörigkeit zum Geschlecht aus. Dies Geschlecht33 kann nicht durch Deputierte (wie die Korporation des Bürgerstandes34), sondern nur durch die Person vertreten werden. So gilt zwar35 die Person alles, aber das Individuum nichts. Wie wenig das Individuum Träger des Adels ist, zeigt sich deutlich in der von Marwitz vorgeschlagenen |38 »36Reform des Adels«37, derzufolge die jüngeren Söhne, die nicht den Grundbesitz - der im Interesse des Geschlechts ungeteilt bleiben soll - erben, in den Bürgerstand zurücktreten und keine Vorrechte vor den übrigen Bürgern38 haben sollen. Die Auflösung der Stände, die jedem Einzelnen ermöglicht,39 seinen Stand zu verlassen, die »ein wildes Drängen von unten nach oben erregt«40 hat, weil jeder »Bauerssohn ein Handwerker, jeder Handwerkerssohn ein Schreiber, jeder Schreiberssohn ein Präsident, jeder Schulmeister ein Gelehrter, jeder Kaufmann oder Gelehrter ein grosser41 Herr werden« will und kann, diese Auflösung der Gebundenheit des Individuums an eine bestimmte Stelle im sozialen Gefüge bedeutet für Marwitz den »Krieg ...43 des Augenblicks gegen die Vergangenheit und Zukunft, des Individuums gegen die Familie44 Wenn Marwitz vom Bürger45 spricht, so meint er die Gewerbe,46 die Handwerker. Das aufstrebende Bürgertum47 aber, das für Gewerbefreiheit kämpft, für die Möglichkeit,49 Grund und Boden zu kaufen50, von dem schliesslich51 die »Revolutionierung des Landes« ausgeht52, ist vor allem im Kaufmannsstande zu finden53. Dieser Bürger ist nur, »was er hat« (Wilhelm Meister) und hat deshalb ein Interesse55 nur an seinem eigenen Leben und an seinen Erfolgschancen. Er gehört keinem Stand im alten Sinne an, er repräsentiert nichts. Er kann nur präsentieren57, was er hat58; will er etwas »scheinen«, so59 ist er »lächerlich und abgeschmackt«. Er kann sich nicht »61darstellen«62, er63 ist keine »öffentliche Person«, sondern nur64 ein Privatmann, so bleibt ein eigentlich privater Mensch, der diesen66 bestimmten Beruf hat, der nichts mit ihm, der öffentlichen Person, zu tun hat, immer noch daneben übrig. Daher entstand dann die »grosse67 Verirrung dieser Zeit ... dass68 man meinte, eine69 und die nämliche Person könne eine zwiefache Meinung hegen und zu erkennen geben, die eine als Privatmann, die andere als Staatsbürger« (Marwitz). Charakteristisch für diese70 Doppelheit |39 der bürgerlichen Existenz ist die Unterscheidung des Liberalen71 Buchholz von Haben und Sein. »Es gibt«, so schreibt er, »auf die Frage: Wer ist der und der? eigentlich keine unpassendere Antwort,72 als die, welche aussagt, dass73 er Minister, Präsident ...74 oder dergleichen ist. Diese Antwort würde nur gut sein, wenn vom Haben die Rede wäre; denn alsdann würde sie aussagen, dass75 jemand eine Minister- oder Präsidenten ...77 Stelle habe, die ihm erlaube, soundsoviel zu repräsentieren. ...78 Das reiche Sein strebt immer nur nach Gelegenheit sich zu offenbaren und hasst79 jede Art von Repräsentation, man möchte sagen instinktmässig80, weil sie immer nur ein Scheinen ist.« In der Repräsentation war der Mensch sichtbar als der, der er ist. Im Bürgertum, das auf Repräsentation verzichten muss81, entsteht nach Auflösung der Stände die Angst, nicht mehr sichtbar zu sein, nicht mehr in der eigenen Realität garantiert zu werden. Wilhelm Meister versucht durch Bildung das Sichdarstellen zu erlernen. Gelingt ihm dies, so ist er eine »öffentliche Person« und nicht mehr einer, der nur ist und hat. Aber zu dieser Öffentlichkeit führt ein privater Weg. Die Ausbildung erhält Meister bei denen, die ausserhalb jeder82 Gesellschaft stehen, der bürgerlichen wie der adligen, und darum alles scheinen können. »Auf den Brettern scheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanz83 als in den oberen Klassen; Geist und Körper müssen bei jeder Bemühung gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen könne85, als irgend anderswo.86« Im Salon treffen sich die, die darstellen können88, was sie sind. Ihre Darstellung ist das Gespräch.89 Der Schauspieler ist stets der »Schein« seiner selbst, der Bürger hat als Einzelner90 gelernt,91 sich zu zeigen, nicht ein Sein,92 das hinter ihm steht, sondern nichts als sich selbst. Der Adlige verliert langsam in der Aufklärung das, was er repräsentierte, er wird93 zurückgeschlagen |40 auf sich selbst und »verbürgerlicht«. Die »94Welt der Vornehmheit«95 bleibt im Landadel am längsten bestehen in der festen Gefügtheit der Familie. Tritt der Einzelne96 aus dieser Familie heraus, so darf er nur in den Kreis der Vornehmen gehen, wo von ihm nichts verlangt wird, als »ein Glied der Familie« zu sein, wo er von vornherein als dieses Glied aufgenommen und anerkannt97 wird.
Das Haus des Grafen Finckenstein gehört zu den Ständen des Kurmärkischen Kreises, der Hardenberg und Stein in den Jahren der Reformen unter Führung des alten Finckenstein und Ludwig August von der Marwitz mit allen Mitteln bekämpfte. Der Adel hatte »seit |39 fast über hundert Jahren politisch so gut wie nichts mehr zu bedeuten gehabt« (Hardenberg); die Aufklärung und das Bürgertum hatten3 immer weitere Kreise des4 Adels geistig5 ergriffen und seine ideologischen6 Grundlagen zerstört. Nur der Landadel lebte auf seinen Gütern noch verhältnismässig gesichert7 und unangefochten vom Geiste der Zeit8. Daher war »das patriarchalische und Familienwesen noch so fest gegründet, dass9 das blosse10 Lesen noch11 keinen Eindruck machte« (Marwitz). Das konservierende Element ist die Familie, in welcher13 das einzelne Glied als diese bestimmte14 Person mit ihrem persönlichen Schicksal kaum eine15 Rolle spielt. Dennoch16 ist der Einzelne unersetzbar17 wichtig als Vertreter des Standes und als Garant der Unsterblichkeit des Geschlechts. Dass18 dieser Einzelne19 ein Recht auf sein persönliches Leben habe, dass20 er den Anspruch geltend mache21, »22glücklich zu sein«23, ist jene »grundfalsche Prämisse« der modernen Zeit, aus der »die ganze Teufelei«24, die seitdem Europa auf den Kopf gestellt hat,25« (Marwitz) folgt. Das Individuum ist nur der Augenblick, gegen den die Erinnerung des Geschlechts steht und die Sorge für dessen27 zukünftiges Bestehen. Der Einzelne28 ist nur der29 Repräsentant des »dauernden und unveränderlichen Interesses des30 Standes als einer moralischen, sonach unsterblichen Person« (31Marwitz)32. Das Geschlecht, das den einzelnen Adligen auszeichnet,33 kann nicht durch Deputierte (wie die Korporation des Bürgerstandes34), sondern nur durch die Person vertreten werden. So gilt die Person alles, aber das Individuum nichts. Wie wenig das Individuum Träger des Adels ist, zeigt sich deutlich in der von Marwitz vorgeschlagenen Reform des Adels, derzufolge die jüngeren Söhne, die nicht den Grundbesitz - der im Interesse des Geschlechts ungeteilt bleiben soll - erben, in den Bürgerstand |40 zurücktreten und keine Vorrechte vor den übrigen Bevölkerungsklassen38 haben sollen. Die Auflösung der Stände, die jedem Individuum ermöglichte39 seinen Stand zu verlassen, die »ein wildes Drängen von unten nach oben« entfesselt40 hat, weil jeder »Bauerssohn ein Handwerker, jeder Handwerkerssohn ein Schreiber, jeder Schreiberssohn ein Präsident, jeder Schulmeister ein Gelehrter, jeder Kaufmann oder Gelehrter ein grosser41 Herr werden« will und kann, diese Auflösung der Gebundenheit des Individuums an eine bestimmte Stelle im sozialen Gefüge bedeutet für Marwitz ganz einfach42 den »Krieg des Augenblicks gegen die Vergangenheit und Zukunft, des Individuums gegen die Familie44 Wenn Marwitz vom Bürgertum45 spricht, so meint er die Gewerbe und46 die Handwerker. Das aufstrebende kaufmännische Unternehmertum47 aber, das für die48 Gewerbefreiheit kämpft, für die Möglichkeit Grund und Boden zu erwerben50, von dem schliesslich51 die »Revolutionierung des Landes« getragen wird52, kennt er nur als Gegenstand von Hass und Verachtung53. Dieser Bürger ist nur, »was er hat« (Wilhelm Meister) und hat deshalb nur an seinem eigenen Leben und an seinen Erfolgschancen ein Interesse56. Er gehört keinem Stand im alten Sinne an, er repräsentiert nichts. Er kann nur präsentieren57, was er besitzt58; will er etwas »scheinen«, ist er gleich60 »lächerlich und abgeschmackt«. Er kann sich nicht darstellen, ist keine »öffentliche Person«, sondern ein Privatmann. Kommt er durch irgendeinen Zufall doch in die Öffentlichkeit65, so bleibt ein eigentlich privater Mensch, der einen66 bestimmten Beruf hat, der nichts mit ihm, der öffentlichen Person, zu tun hat, immer noch daneben übrig. Daher entstand dann die »grosse67 Verirrung dieser Zeit .. dass68 man meinte, ein69 und die nämliche Person |41 könne eine zwiefache Meinung hegen und zu erkennen geben, die eine als Privatmann, die andere als Staatsbürger« (Marwitz). Charakteristisch für die70 Doppelheit der bürgerlichen Existenz ist die Unterscheidung des liberalen Schriftstellers71 Buchholz von Haben und Sein. »Es gibt«, so schreibt er, »auf die Frage: Wer ist der und der? eigentlich keine unpassendere Antwort als die, welche aussagt, dass73 er Minister, Präsident .. oder dergleichen ist. Diese Antwort würde nur gut sein, wenn vom Haben die Rede wäre; denn alsdann würde sie aussagen, dass75 jemand eine Minister- oder Präsidenten .. Stelle habe, die ihm erlaube, soundsoviel zu repräsentieren. .. Das reiche Sein strebt immer nur nach Gelegenheit sich zu offenbaren und hasst79 jede Art von Repräsentation, man möchte sagen, instinktmässig80, weil sie immer nur ein Scheinen ist.« In der Repräsentation war der Mensch sichtbar als der, der er ist. Im Bürgertum, das auf Repräsentation verzichten muss81, entsteht nach Auflösung der Stände die Angst, nicht mehr sichtbar zu sein, nicht mehr in der eigenen Realität garantiert zu werden. Wilhelm Meister versucht durch Bildung das Sichdarstellen zu erlernen. Gelingt ihm dies, so ist er eine »öffentliche Person« und nicht mehr einer, der nur ist und hat. Aber zu dieser Öffentlichkeit führt ein privater Weg. Die Ausbildung erhält Meister bei denen, die ausserhalb der82 Gesellschaft stehen, der bürgerlichen wie der adligen, und darum alles scheinen können. »Auf den Brettern scheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanze83 als in den oberen Klassen; Geist und Körper müssen bei jeder Bemühung den84 gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen können85, als irgend anderswo.86« (Wilhelm Meister)87 Im Salon treffen sich die, welche gelernt haben im Gespräch |42 darzustellen88, was sie sind. Der Schauspieler ist stets der »Schein« seiner selbst, der Bürger hat als Einzelner90 gelernt sich zu zeigen, nicht ein Sein das hinter ihm steht, sondern nichts als sich selbst. Der Adlige verliert langsam in der Aufklärung das, was er repräsentierte, er wird93 zurückgeschlagen auf sich selbst und »verbürgerlicht«. Die Welt der Vornehmen95 bleibt im Landadel am längsten bestehen in der festen Gefügtheit der Familie. Tritt der Einzelne96 aus dieser Familie heraus, so darf er nur in den Kreis der Vornehmen gehen, wo von ihm nichts verlangt wird, als »ein Glied der Familie« zu sein, wo er von vornherein als dieses Glied aufgenommen und geehrt97 wird.
Das Haus des Grafen Finckenstein gehört zu den Ständen des Kurmärkischen Kreises, der Hardenberg und Stein in den Jahren der Reformen unter Führung des alten Finckenstein und Ludwig August von der Marwitz mit allen Mitteln bekämpfte. Der Adel hatte »seit fast über hundert Jahren politisch so gut wie nichts mehr zu bedeuten gehabt« (Hardenberg); die Aufklärung und das Bürgertum hatten3 immer weitere Kreise des4 Adels geistig5 ergriffen und seine ideologischen6 Grundlagen zerstört. Nur der Landadel lebte auf seinen Gütern noch verhältnismäßig gesichert7 und unangefochten vom Geiste der Zeit8. Daher war »das patriarchalische und Familienwesen noch so fest gegründet, daß9 das bloße10 Lesen noch11 keinen Eindruck machte« (Ludwig von der12 Marwitz). Das konservierende Element ist die Familie, in welcher13 das einzelne Glied als diese bestimmte14 Person mit ihrem persönlichen Schicksal kaum eine15 Rolle spielt. Dennoch16 ist der einzelne unersetzbar17 wichtig als Vertreter des Standes und als Garant der Unsterblichkeit des Geschlechts. Daß18 dieser einzelne19 ein Recht auf sein persönliches Leben habe, daß20 er den Anspruch geltend mache21, glücklich zu sein, ist jene »grundfalsche Prämisse« der modernen Zeit, aus der »die ganze Teufelei, die seitdem Europa auf den Kopf gestellt hat« (Marwitz),26 folgt. Das Individuum ist nur der Augenblick, gegen den die Erinnerung des Geschlechts steht und die Sorge für dessen27 zukünftiges Bestehen. Der einzelne28 ist nur der29 Repräsentant des »dauernden und unveränderlichen Interesses des30 Standes als einer moralischen, sonach unsterblichen Person« (31Marwitz)32. Das Geschlecht, das den einzelnen Adligen auszeichnet,33 kann nicht durch Deputierte (wie die Korporation des Bürgestandes34), sondern nur durch die Person vertreten werden. So gilt die Person alles, aber das Individuum nichts. Wie wenig das Individuum Träger des Adels ist, zeigt sich deutlich in der von Marwitz vorgeschlagenen »36Reform des Adels«37, derzufolge die jüngeren Söhne, die nicht den Grundbesitz - der im Interesse des Geschlechts ungeteilt bleiben soll - erben, in den Bürgerstand zurücktreten und keine Vorrechte vor den übrigen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000046 Bevölkerungsklassen38 haben sollen. Die Auflösung der Stände, die jedem Individuum ermöglichte,39 seinen Stand zu verlassen, die »ein wildes Drängen von unten nach oben« entfesselt40 hat, weil jeder »Bauerssohn ein Handwerker, jeder Handwerkerssohn ein Schreiber, jeder Schreiberssohn ein Präsident, jeder Schulmeister ein Gelehrter, jeder Kaufmann oder Gelehrter ein großer41 Herr werden« will und kann, diese Auflösung der Gebundenheit des Individuums an eine bestimmte Stelle im sozialen Gefüge bedeutet für Marwitz ganz einfach42 den »Krieg des Augenblicks gegen die Vergangenheit und Zukunft, des Individuums gegen die Familie«.44 Wenn Marwitz vom Bürgertum45 spricht, so meint er die Gewerbe und46 die Handwerker. Das aufstrebende kaufmännische Unternehmertum47 aber, das für die48 Gewerbefreiheit kämpft, für die Möglichkeit Grund und Boden zu erwerben50, von dem schließlich51 die »Revolutionierung des Landes« getragen wird52, kennt er nur als Gegenstand von Haß und Verachtung53. Dieser Bürger ist nur, »was er hat« (Wilhelm Meister),54 und hat deshalb nur an seinem eigenen Leben und an seinen Erfolgschancen ein Interesse56. Er gehört keinem Stand im alten Sinne an, er repräsentiert nichts. Er kann nur vorzeigen57, was er hat58; will er etwas »scheinen«, ist er gleich60 »lächerlich und abgeschmackt«. Er kann sich nicht darstellen, ist keine »öffentliche Person«, sondern ein Privatmann. Kommt er durch irgendeinen Zufall doch in die Öffentlichkeit65, so bleibt ein eigentlich privater Mensch, der einen66 bestimmten Beruf hat, der nichts mit ihm, der öffentlichen Person, zu tun hat, immer noch daneben übrig. Daher entstand dann die »große67 Verirrung dieser Zeit ... daß68 man meinte, eine69 und die nämliche Person könne eine zwiefache Meinung hegen und zu erkennen geben, die eine als Privatmann, die andere als Staatsbürger« (Marwitz). Charakteristisch für die70 Doppelheit der bürgerlichen Existenz ist die Unterscheidung des liberalen Schriftstellers Friedrich71 Buchholz von Haben und Sein. »Es gibt«, so schreibt er, »auf die Frage: Wer ist der und der? eigentlich keine unpassendere Antwort als die, welche aussagt, daß73 er Minister, Präsident ...74 oder dergleichen ist. Diese Antwort würde nur gut sein, wenn vom Haben die Rede wäre; denn alsdann würde sie aussagen, daß75 jemand eine Minister- oder Präsidenten-76 ...77 Stelle habe, die ihm erlaube, soundsoviel zu repräsentieren. ...78 Das reiche Sein strebt immer nur nach Gelegenheit sich zu offenbaren und haßt79 jede Art von Repräsentation, man möchte sagen, instinktmäßig80, weil sie immer nur ein Scheinen ist.« In der Repräsentation war der |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000047 Mensch sichtbar als der, der er ist. Im Bürgertum, das auf Repräsentation verzichten muß81, entsteht nach Auflösung der Stände die Angst, nicht mehr sichtbar zu sein, nicht mehr in der eigenen Realität garantiert zu werden. Wilhelm Meister versucht durch Bildung das Sichdarstellen zu erlernen. Gelingt ihm dies, so ist er eine »öffentliche Person« und nicht mehr einer, der nur ist und hat. Aber zu dieser Öffentlichkeit führt ein privater Weg. Die Ausbildung erhält Meister bei denen, die außerhalb der82 Gesellschaft stehen, der bürgerlichen wie der adligen, und darum alles scheinen können. »Auf den Brettern scheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanze83 als in den oberen Klassen; Geist und Körper müssen bei jeder Bemühung den84 gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen können85, als irgend anderswo« (Wilhelm Meister).87 Im Salon treffen sich die, welche gelernt haben, im Gespräch darzustellen88, was sie sind. Der Schauspieler ist stets der »Schein« seiner selbst, der Bürger hat als einzelner90 gelernt sich zu zeigen, nicht ein Sein,92 das hinter ihm steht, sondern nichts als sich selbst. Der Adlige verliert langsam in der Aufklärung das, was er repräsentierte, er ist93 zurückgeschlagen auf sich selbst und »verbürgerlicht«. Die Welt der Vornehmen95 bleibt im Landadel am längsten bestehen in der festen Gefügtheit der Familie. Tritt der einzelne96 aus dieser Familie heraus, so darf er nur in den Kreis der Vornehmen gehen, wo von ihm nichts verlangt wird, als »ein Glied der Familie« zu sein, wo er von vornherein als dieses Glied aufgenommen und geehrt97 wird.
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115
Finckenstein kommt aus beruflichen Gründen nach Berlin. Er geht dorthin wie in die Verbannung. In dem bürgerlichen Berlin, wo selbst1 die Prinzen »sich selbst2 verachtet hätten, wenn sie anders gelebt hätten5 und etwas anderes erstrebt hätten als der kleinstädtische Bürger«, in der Stadt der Einzelnen7 ist er gezwungen,8 ein Einzelner9 zu sein. Und dies umso mehr, als er in den Salon der Rahel kommt, einen sozial neutralen Raum, in dem sich alle Stände treffen,10 und wo von jedem als Selbstverständliches verlangt wird, dass11 er ein Einzelner12 sei. Als Einzelner13 aber ist Finckenstein nichts,14 und er hat nichts, was er darstellen könnte. Er gilt also nichts in Rahels Freundeskreis.
Finckenstein kommt aus beruflichen Gründen nach Berlin. Er geht dorthin wie in die Verbannung. In dem bürgerlichen Berlin, wo selbst1 die Prinzen »sich verachtet hätten, wenn sie anders gelebt hätten5 und etwas anderes erstrebt hätten als der kleinstädtische Bürger« (Marwitz)6, in der Stadt der Individuen,7 ist er gezwungen ein Individuum9 zu sein. Und dies umso mehr, als er in den Salon der Rahel kommt, einen sozial neutralen Raum, in dem sich alle Stände treffen und wo von jedem als Selbstverständliches verlangt wird, dass11 er ein Einzelner12 sei. Als Einzelner13 aber ist Finckenstein nichts;14 und er hat nichts, was er darstellen könnte, wenn sein Adelstitel nicht mehr gilt15. Er gilt also auch16 nichts in Rahels Freundeskreis.
Finckenstein kommt aus beruflichen Gründen nach Berlin. Er geht dorthin wie in die Verbannung. In dem bürgerlichen Berlin, wo sogar1 die Prinzen »sich selbst2 verachtet (3hätten)4, wenn sie anders gelebt und etwas anderes erstrebt hätten als der kleinstädtische Bürger« (Marwitz)6, in der Stadt der Individuen,7 ist er gezwungen,8 ein Individuum9 zu sein. Und dies um so mehr, als er in den Salon der Rahel kommt, einen sozial neutralen Raum, in dem sich alle Stände treffen und wo von jedem als Selbstverständliches verlangt wird, daß11 er ein einzelner12 sei. Als einzelner13 aber ist Finckenstein nichts;14 und er hat nichts, was er darstellen könnte, wenn sein Adelstitel nicht mehr gilt15. Er gilt also auch16 nichts in Rahels Freundeskreis.
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116
Rahel ist mit Finckenstein verlobt, eine Heirat mit ihm wird1 sie zur Gräfin machen, wird ihr Benachteiligtsein aufheben2. Aber sie geht nicht weg aus ihrem Kreis zu ihm, sondern sie3 zieht ihn zu sich, in einen Kreis, in dem er sofort aufhört, Graf von Finckenstein4 zu sein und seiner Nichtigkeit anheimfällt5. Jetzt ist sie die Überlegene, die Grossartige7, die sich herablässt,8 mit ihm verlobt zu sein, mit Einem9, der nichts gilt.
Rahel ist mit Finckenstein verlobt, eine Heirat soll1 sie zur Gräfin machen. Aber sie geht nicht weg aus ihrem Kreis zu ihm, sondern zieht ihn zu sich, in einen Kreis, in dem er sofort aufhört, Graf zu sein und seiner Nichtigkeit preisgegeben wird5. Jetzt |43 plötzlich6 ist sie die Überlegene, die Grossartige7, die sich herablässt8 mit ihm verlobt zu sein, mit einem9, der nichts gilt.
Rahel ist mit Finckenstein verlobt, eine Heirat soll1 sie zur Gräfin machen. Aber sie geht nicht weg aus ihrem Kreis zu ihm, sondern zieht ihn zu sich, in einen Kreis, in dem er sofort aufhört, Graf zu sein und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000048 seiner Nichtigkeit preisgegeben wird5. Jetzt plötzlich6 ist sie die Überlegene, die Großartige7, die sich herabläßt,8 mit ihm verlobt zu sein, mit einem9, der nichts gilt.
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117
Rahel missversteht1 seine Nichtigkeit als psychologisch erfassbares2 Sichminderwertigfühlen. Sie versucht dies zu beheben, indem sie ihm zeigt, was er ihr ist3. Aber gerade dies4 versteht er nicht. Das Grafsein hat sich in der Atmosphäre des Salons verflüchtigt wie eine Phantasmagorie. Und er selbst, wer ist er selbst denn, um seiner selbst willen kann sie ihn |41 doch nicht lieben, warum läuft sie ihm denn nach? Als Graf kann er das Judenmädchen doch nicht heiraten.
Rahel missversteht1 seine Nichtigkeit als psychologisch erfassbares2 Sichminderwertigfühlen. Sie versucht dies zu beheben, indem sie ihm zeigt, was er ihr bedeutet3. Aber gerade das4 versteht er nicht. Das Grafsein hat sich in der Atmosphäre des Salons verflüchtigt wie eine Phantasmagorie. Und er selbst, wer ist er selbst denn, um seiner selbst willen kann sie ihn doch nicht lieben, warum läuft sie ihm denn nach? Als Graf wiederum5 kann er das Judenmädchen ohne Mitgift6 doch nicht heiraten.
Rahel mißversteht1 seine Nichtigkeit als psychologisch erfaßbares2 Sichminderwertigfühlen. Sie versucht dies zu beheben, indem sie ihm zeigt, was er ihr bedeutet3. Aber gerade das4 versteht er nicht. Das Grafsein hat sich in der Atmosphäre des Salons verflüchtigt wie eine Phantasmagorie. Und er selbst, wer ist er selbst denn, um seiner selbst willen kann sie ihn doch nicht lieben, warum läuft sie ihm denn nach? Als Graf wiederum5 kann er das Judenmädchen ohne Mitgift6 doch nicht heiraten.
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So1 flüchtet er zurück nach Madlitz, flüchtet2 zurück in die Standes- und Familienrücksichten, hält ihr das Urteil von Schwestern und Eltern entgegen. Dagegen beginnt sie zu kämpfen.
Verwirrt1 flüchtet er zurück nach Madlitz, zurück in die Standes- und Familienrücksichten, hält ihr das Urteil von Schwestern und Eltern entgegen. Dagegen beginnt sie zu kämpfen.
Verwirrt1 flüchtet er zurück nach Madlitz, zurück in die Standes- und Familienrücksichten, hält ihr das Urteil von Schwestern und Eltern entgegen. Dagegen beginnt sie zu kämpfen.
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119
Welch ein aussichtsloser Kampf! Die Standesrücksichten scheinen ihr nur die Fessel, aus der sie ihn, aus der er sich befreien soll. Glaubt sie denn ernstlich, sie kann ihn ganz zu sich ziehen, ihm alles ersetzen, ihm die Familie sein, so mit ihm sein, dass3 er nur noch ein Teil von ihr ist? Das gerade will er, um dessentwillen t5 er sogar bereit, alles aufzugeben; denn er kennt -6 da er »edel«7 ist -8 den Anspruch ihrer Liebe. Sie9 aber kämpft um den Schwankenden nur gerade10 so lange, als er im Zurückweichen aber doch immer wieder12 näher und zurück kommt13. Schliesslich14 vertraut er sich ihr an, deckt die Karten auf, zeigt, was die Familie und ihr Einspruch ihm bedeuten, und wartet, nun wird sie ihm helfen und15 ihn zu sich ziehen. Sie aber springt plötzlich um, gibt den Kampf auf, er soll sich entschliessen16, sie will17 nichts mehr tun. Im Augenblick des Sieges gibt sie alles aus der Hand. Er merkt, als sie ihn vor die Alternative stellt und ihn verlässt19, dass20 sie ihn nie wahrhaft aufnehmen wird, dass21 alles nur wie ein Spiel war, um zuletzt doch die Entscheidung von ihm zu verlangen22. Da weicht er endgültig zurück, tut nichts, sagt nichts, überlässt23 sich nur der eigenen Schwerkraft, die ihn wie von selbst wieder in das Selbstverständliche zieht.
Welch ein aussichtsloser Kampf! Die Standesrücksichten scheinen ihr nur die Fessel, aus der sie ihn, aus der er sich befreien soll. Glaubt sie denn ernstlich, sie kann ihn ganz zu sich ziehen, ihm alles ersetzen, ihm die Familie sein und das Geschlecht1, so mit ihm sein, dass3 er nur noch ein Teil von ihr ist? Das gerade will er vielleicht4, um dessentwillen scheint5 er sogar bereit, alles aufzugeben; denn er kennt,6 da er nobel7 ist,8 den Anspruch ihrer Liebe. Rahel9 aber kämpft um den Schwankenden nur genau10 so lange, als er nicht mit offenen Karten spielt; er weicht zwar stets aus, kommt11 im Zurückweichen aber doch immer näher und zurück. Schliesslich14 vertraut er sich ihr an, deckt die Karten auf, zeigt, was die Familie und ihr Einspruch ihm bedeuten, und wartet, nun wird sie ihm helfen,15 ihn zu sich ziehen. Sie aber springt plötzlich um, gibt den Kampf auf, er soll sich entscheiden16, sie wolle nun17 nichts mehr tun. Im Augenblick des halben18 Sieges gibt sie alles aus der Hand. Er merkt, als sie ihn vor die Alternative stellt und |44 ihn verlässt19, dass20 sie ihn nie wahrhaft aufnehmen wird, dass21 alles nur wie ein Spiel war, das ihn erziehen sollte, ihn ihrer würdig machen sollte22. Da weicht er endgültig zurück, tut nichts, sagt nichts, überlässt23 sich nur der eigenen Schwerkraft, die ihn wie von selbst wieder in das Selbstverständliche zieht.
Welch ein aussichtsloser Kampf! Die Standesrücksichten scheinen ihr nur die Fessel, aus der sie ihn, aus der er sich befreien soll. Glaubt sie denn ernstlich, sie kann ihn ganz zu sich ziehen, ihm alles ersetzen, ihm die Familie sein und das Geschlecht1, so mit ihm zu2 sein, daß3 er nur noch ein Teil von ihr ist? Das gerade will er vielleicht4, um dessentwillen scheint5 er sogar bereit, alles aufzugeben; denn er kennt,6 da er nobel7 ist,8 den Anspruch ihrer Liebe. Rahel9 aber kämpft um den Schwankenden nur genau10 so lange, als er nicht mit offenen Karten spielt; er weicht zwar stets aus, kommt11 im Zurückweichen aber doch immer näher und zurück. Schließlich14 vertraut er sich ihr an, deckt die Karten auf, zeigt, was die Familie und ihr Einspruch ihm bedeuten, und wartet, nun wird sie ihm helfen,15 ihn zu sich ziehen. Sie aber springt plötzlich um, gibt den Kampf auf, er soll sich entscheiden16, sie wolle nun17 nichts mehr tun. Im Augenblick des halben18 Sieges gibt sie alles aus der Hand. Er merkt, als sie ihn vor die Alternative stellt und ihn verläßt19, daß20 sie ihn nie wahrhaft aufnehmen wird, daß21 alles nur wie ein Spiel war, das ihn erziehen sollte, ihn ihrer würdig machen sollte22. Da weicht er endgültig zurück, tut nichts, sagt nichts, überläßt23 sich nur der eigenen Schwerkraft, die ihn wie von selbst wieder in das Selbstverständliche zieht.
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Rahel hat verspielt. Die Wlt1 versagt sich ihr zum ersten Mal2 explizit allen sichtbar. Sie hätte alles erreichen, alles erzwingen können. Und sie hat diese Heirat zweifellos gewollt. Aber sie kannte nicht den Preis, mit dem4 sie würde bezahlen |42 müssen. Sie verlangt5 von ihm, dass6 er ein Einzelner7 sei und missversteht9 alles. Sie versucht10 ihn zu sich zu ziehen und macht11 damit gleich zu Beginn alles falsch. Die Sätze aus ihrem letzten Brief: »Sei etwas und ich werde Dich erkennen. Du kannst keine Freude an mir finden. Ich imponiere Dir und darum kann ich auch kein Glück bei Dir finden«,12 diese Sätze sind nur das Fazit; und die Geschichte ihrer Liebe,14 anscheinend nur dazu in die Länge gezogen, um dies Eine15 ihr und ihm endgültig deutlich zu machen.
Rahel hat verspielt. Die Welt1 versagt sich ihr zum ersten Mal2 explizit,3 allen sichtbar. Sie hätte alles erreichen, alles erzwingen können. Und sie hat diese Heirat zweifellos gewollt. Aber sie kannte nicht den Preis, den4 sie würde bezahlen müssen. Sie verlangte5 von ihm, dass6 er ein Einzelner7 sei, dass er etwas gelte, dass er ein Mann sei -8 und missverstand9 alles. Sie versuchte,10 ihn zu sich zu ziehen und machte11 damit gleich zu Beginn alles falsch. Die Sätze aus ihrem letzten Brief: »Sei etwas und ich werde Dich erkennen. Du kannst keine Freude an mir finden. Ich imponiere Dir und darum kann ich auch kein Glück bei Dir finden« -12 diese Sätze sind nur das Fazit; und die vierjährige13 Geschichte ihrer Verlobung14 anscheinend nur dazu in die Länge gezogen, um dies Eine15 ihr und ihm endgültig deutlich zu machen.
Rahel hat verspielt. Die Welt1 versagt sich ihr zum erstenmal2 explizit,3 allen sichtbar. Sie hätte alles erreichen, alles erzwingen können. Und sie hat diese Heirat zweifellos gewollt. Aber sie kannte nicht den Preis, mit dem4 sie würde bezahlen müssen. Sie verlangte5 von ihm, daß6 er ein einzelner7 sei, daß er etwas gelte, daß er ein Mann sei -8 und mißverstand9 alles. Sie versuchte,10 ihn zu sich zu ziehen und machte11 damit gleich zu |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000049 Beginn alles falsch. Die Sätze aus ihrem letzten Brief: »Sei etwas und ich werde Dich erkennen. Du kannst keine Freude an mir finden. Ich imponiere Dir und darum kann ich auch kein Glück bei Dir finden« -12 diese Sätze sind nur das Fazit; und die vierjährige13 Geschichte ihrer Verlobung14 anscheinend nur dazu in die Länge gezogen, um dies eine15 ihr und ihm endgültig deutlich zu machen.
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3. Kapitel Hinein in die Welt - durch Liebe
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II. Durch Liebe
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2.
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»Gestern vormittag, den 20. Mai 1811 war Finckenstein bei mir . Er frug nach niemand. Auch nicht wie es mir ging3. Er schien mir wie sonst, nur dass4 alle Anlagen und Meinungen in ihm ganz kompakt geworden sind; er ist auch darüber so gelassen und sanft und befriedigt, als wäre er wirklich in den Tempel der Weisheit und des Glückes5 eingegangen. ...6 Er sagte mit einem Male: ›Ich wünschte sehr, dass8 Sie meine Frau sähen, wie sie Ihnen gefällt‹.9 Ich blieb sitzen, er blieb sitzen,10 die Sonne schien sanft. Ich darf mir also nichts Entsetz-liches11 denken, was nicht eintrifft. ...12 Meine ganze Seele war so empört, so in Aufruhr, mein Herz so affiziert, als vor zwölf Jahren;13 als wäre in der ganzen Zwischenzeit nichts anderes vorgefallen. ›Dein Mörder!‹ dacht ich und blieb sitzen. Tränen kamen mir in den Hals und zu den Augen, ...14 wie eine ihm zugestan-dene15 Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen. Er,16 mich, Gott soll es ihm verzeihn17, er soll es sich verzeihn, - dies Gelübde halt ich gewiss18; rächen will ich mich auch nie! - Ich19 kann es ihm nicht verzeihn! - ...20 Vielleicht gibt’s Menschen, deren Herz sich umwandeln kann: viel ist mit mir vorgegangen, viel habe21 ich erleben müssen: aus jeder Flamme aber noch bring ich das unversehrte und auch empörte ganz für sich selbst lebende Herz heraus. ...23 Finck war meinem Sinne ganz entschwunden; ich klagte ihn bloss24 an, wenn ich den Gang meines Lebens durchdachte; ...25 und nun da ich ihn sah und besah: fühlt ich, wusst26 ich, dass27 ich ihm treu geblieben war; so wie er ist: trotz meiner Kenntnis von ihm. Ich würde ihm treu geblieben sein, hätte er erlaubt28, hätte er es gewollt29. Hätte er gestern durch einen Zauberring alles, was in den zwölf Jahren vorgefallen ist, ungeschehen machen können, so hätte er sich mein ganzes Leben wieder anlocken können, wenn er gewollt hätte!«
»Gestern vormittag, den 20. Mai 1811,1 war Finckenstein bei mir. Er frug nach niemand. Auch nicht,2 wie es mir ging3. Er schien mir wie sonst, nur dass4 alle Anlagen und Meinungen in ihm ganz kompakt geworden sind; er ist auch darüber so gelassen und sanft und befriedigt, als wäre er wirklich in den Tempel der Weisheit und des Glücks5 eingegangen. .. Er sagte mit einem Male: ›Ich wünschte sehr, dass8 Sie meine Frau sähen, wie sie Ihnen gefällt.‹9 Ich blieb sitzen, die Sonne schien sanft. Ich darf mir also nichts Entsetzliches11 denken, was nicht eintrifft. .. Meine ganze Seele war so empört, so in Aufruhr, mein Herz so affiziert, als vor zwölf Jahren als wäre in der ganzen Zwischenzeit nichts anderes vorgefallen. ›Dein Mörder!‹ dacht ich und blieb sitzen. Tränen kamen mir in den Hals und zu den Augen, .. wie eine ihm zugestandene15 Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen. Er mich, Gott soll es ihm verzeihn17, er soll es sich verzeihn, - dies Gelübde halt ich gewiss18; rächen will ich mich auch nie! - ich19 kann es ihm nicht verzeihn! - .. Vielleicht gibt’s Menschen, deren Herz sich umwandeln kann: viel ist mit mir vorgegangen, viel hab21 ich erleben müssen: aus jeder Flamme aber noch bring ich das unversehrte und auch empörte ganz für sich selbst lebende Herz heraus. .. Finck war meinem Sinne ganz entschwunden; ich klagte ihn bloss24 an, wenn ich den Gang meines Lebens durchdachte; ..und nun da ich ihn sah und besah: fühlt ich, wusst26 ich, dass27 ich ihm treu geblieben war; so wie er ist: trotz meiner Kenntnis von ihm. Ich würde ihm treu geblieben sein, hätte er es erlaubt28, hätte er es gewollt29. Hätte er gestern durch einen Zauberring alles, was in den zwölf |46 Jahren vorgefallen ist, ungeschehen machen können, so hätte er sich mein ganzes Leben wieder anlocken können, wenn er gewollt hätte!«
»Gestern vormittag, den 20. Mai 1811,1 war Finckenstein bei mir. Er frug nach niemand. Auch nicht,2 wie es mir geht3. Er schien mir wie sonst, nur daß4 alle Anlagen und Meinungen in ihm ganz kompakt geworden sind; er ist auch darüber so gelassen und sanft und befriedigt, als wäre er wirklich in den Tempel der Weisheit und des Glücks5 eingegangen. ...6 Er sagte mir7 mit einem Male: ›Ich wünschte sehr, daß8 Sie meine Frau sähen, wie sie Ihnen gefällt.‹9 Ich blieb sitzen, er blieb sitzen,10 die Sonne schien sanft. Ich darf mir also nichts Entsetzliches11 denken, was nicht eintrifft. ...12 Meine ganze Seele war so empört, so in Aufruhr, mein Herz so affiziert, als vor zwölf Jahren;13 als wäre in der ganzen Zwischenzeit nichts anderes vorgefallen. ›Dein Mörder!‹ dacht ich und blieb sitzen. Tränen kamen mir in den Hals und zu den Augen, ...14 wie eine ihm zugestandene15 Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen. Er mich, Gott soll es ihm verzeihen17, er soll es sich verzeihn, - dies Gelübde halt ich gewiß18; rächen will ich mich auch nie! - ich19 kann es ihm nicht verzeihn! - ...20 Vielleicht gibt’s Menschen, deren Herz sich umwandeln kann: viel ist mit mir vorgegangen, viel hab21 ich erleben müssen: aus jeder Flamme aber noch bring ich das unversehrte und auch empörte,22 ganz für sich selbst lebende Herz heraus. ...23 Finck war meinem Sinne ganz entschwunden; ich klagte ihn bloß24 an, wenn ich den Gang meines Lebens durchdachte; ...25 und nun da ich ihn sah und besah: fühlt ich, wußt26 ich, daß27 ich ihm treu geblieben war; so wie er ist: trotz meiner Kenntnis von ihm. Ich würde ihm treu geblieben sein, hätte er es gewollt28, hätte er es erlaubt29. Hätte er gestern durch einen Zauberring alles, was in den zwölf Jahren vorgefallen ist, ungeschehen machen können, so hätte er sich mein ganzes Leben wieder anlocken können, wenn er gewollt hätte!«
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Nur ein Zauberring und alles hätte wieder von vorn anfangen können. Wer ist er denn, der er doch nichts ist? Meint sie denn wirklich ihn, wenn sie sagt, sie sei ihm treu geblieben, so wie er ist, trotz ihrer Kenntnis von ihm? Oder ist er nur zufällig, er, »le premier qui a voulu que je l’aime5 Und ist sie deshalb so glücklich, als er endlich tot ist6, »rayé de ce globe, enfin dessous, lui avec sa fausse ambition et ses perfidies, mensonges, bassesses et orgueils« - weil sie weiss8, dass9 er sich jederzeit ihr ganzes Leben wieder anlocken kann11, wenn er nur will12?
Nur ein Zauberring -1 und alles hätte wieder von vorn anfangen können. Wer ist er denn, der er doch nichts ist? Meint sie denn wirklich ihn, wenn sie sagt, sie sei ihm treu geblieben, so wie er ist, trotz ihrer Kenntnis von ihm? Oder ist er es2 nur zufällig, er, »le premier,3 qui a voulu,4 que je l’aime«?5 Und ist sie deshalb so glücklich, als er wenige Monate nach diesem Wiedersehen stirbt6, »rayé de ce globe, enfin dessous, lui avec sa fausse ambition et ses perfidies, mensonges, bassesses et orgueils«, wie sie unmittelbar nach Erhalt der Todesnachricht an Marwitz schreibt7 - weil sie weiß8, daß9 er sich jederzeit ihr ganzes Leben wieder hätte10 anlocken können11, wenn er nur gewollt hätte12?
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Er ist nichts - das bestätigen alle. Sie liebt1 ihn, gerade ihn2, sie, die,3 wie Veit meinte,4 gar keinen Gegenstand der Liebe finden könne. »Die Liebe5 ist oft mehr als6 der Gegenstand derselben«, hat7 sie einmal zu Brinckmann gesagt; aber bevor sie Finckenstein kennen lernte. Denn Finckenstein8 ist nicht nur9 der zufällige10 Gegenstand, an dem sie sich entzündet. Dann11 hätte sie ihn gleich verlassen müssen, um13 nur ihrer Liebe zu14 leben. Sie15 hat ihn aber erst nach langen Jahren schliesslich17 ziehen lassen. Sie hat um ihn gekämpft, gerade um ihn.
Also hat sie ihn geliebt,1 ihn der nichts ist2, sie, die -3 wie Veit meinte -4 gar keinen Gegenstand der Liebe finden könne. Und Finckenstein5 ist nicht einmal nur6 der zufällige Gegenstand, an dem7 sie sich entzündete. Sie sucht gar nicht nach Liebe, die »oft mehr8 ist als9 der Gegenstand derselben«; sonst11 hätte sie ihn ja ruhig12 gleich wieder verlassen können und13 nur ihrer Liebe leben; sie15 hat ihn aber in Wahrheit16 erst nach langen Jahren schliesslich17 ziehen lassen. Sie hat um ihn gekämpft, gerade um ihn.
Also hat sie ihn geliebt,1 ihn, der nichts ist2, sie, die -3 wie Veit meinte -4 gar keinen Gegenstand der Liebe finden könne. Und Finckenstein5 ist nicht einmal nur6 der zufällige Gegenstand, an dem7 sie sich entzündete. Sie sucht gar nicht nach der romantischen Liebe, die »oft mehr8 ist als9 der Gegenstand derselben«; sonst11 hätte sie ihn ja ruhig12 gleich wieder verlassen können und13 nur ihrer Liebe leben; sie15 hat ihn aber in Wahrheit16 erst nach langen Jahren schließlich17 ziehen lassen. Sie hat um ihn gekämpft, gerade um ihn.
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Wer ist er für1 sie? Er2, der nichts Bestimmtes ist3. Sie, die4 an nichts Bestimmtes gebunden ist, hat keine Möglichkeit der Wahl. Sie, die aus6 der Welt7 ausgeschlossen ist8, kann von der Welt nur »angelockt10« werden11, wenn die Welt12 auf sie trifft. Er ist der Erste13, der will, dass14 sie ihn liebt; käme15 diese Aufforderung von einem anderen, von einem mit bestimmten16 Gaben, mit einer bestimmten17 Physiognomie des Seelischen, so hätte sie sich in der Liebe für diesen19 entscheiden müssen, wäre vielleicht aufgesogen worden wie Dorothea Schlegel. Finckenstein ist für sie nichts als das Lieben und Geliebtwerden selbst20. Sie lässt sich in der Liebe21 nicht mit einem Bestimmten ein22, sondern mit23 der ganzen Welt24. Finckenstein kommt als Repräsentant von all dem, wovon sie ausgeschlossen ist. Er25 ist nichts und deshalb26 alles.
In ihrer Ahnungslosigkeit hält1 sie ihn für einen2, der nichts Bestimmtes und Eindeutiges darstellt3. Da sie selbst4 an nichts Bestimmtes gebunden ist, hat sie5 keine Möglichkeit der Wahl. Aus6 der Gesellschaft7 ausgeschlossen, kann sie sich9 von der Welt nur »anlocken10« lassen11, wenn zufällig etwas12 auf sie trifft. Er ist der Erste13, der will, dass14 sie ihn liebe. Käme15 diese Aufforderung von einem anderen, der in ihrem Sinne bestimmte16 Gaben, eine bestimmte17 |47 Physiognomie des Seelischen hat18, so hätte sie sich für einen Bestimmten19 entscheiden müssen. So aber lässt sie sich gar nicht mit einem Individuum ein, sondern durch den Mann mit der ganzen Welt20. Doppelter Grund vorsichtig zu sein und21 nicht, wie Dorothea Schlegel22, in dem Geliebten die ganze Welt und aller Wahrheit Grund zu erblicken, auf höchst lächerliche Weise, aus23 der Funktion einen Gegenstand zu fabrizieren24. Finckenstein kommt als Repräsentant von all dem, wovon sie ausgeschlossen ist. Weil er persönlich nichts25 ist, kann er26 alles darstellen27.
In ihrer Ahnungslosigkeit hält1 sie ihn für einen2, der nichts Bestimmtes und Eindeutiges darstellt3. Da sie selbst4 an nichts Bestimmtes gebunden ist, hat sie5 keine Möglichkeit der Wahl. Aus6 der Gesellschaft7 ausgeschlossen, kann sie sich9 von der Welt nur »anlocken10« lassen11, wenn zufällig etwas12 auf sie trifft. Er ist der erste13, der will, daß14 sie ihn liebe. Käme15 diese Aufforderung von einem anderen, der in ihrem Sinne bestimmte16 Gaben, eine bestimmte17 Physiognomie des Seelischen hat18, so hätte sie sich für einen Bestimmten19 entscheiden müssen. So aber läßt sie sich gar nicht mit einem Individuum ein, sondern durch den Mann mit der ganzen Welt20. Doppelter Grund, vorsichtig zu sein, und21 nicht, wie Dorothea Schlegel22, in dem Geliebten die ganze Welt und aller Wahrheit Grund zu erblicken, auf höchst lächerliche Weise, aus23 der Funktion einen Gegenstand zu fabrizieren24. Finckenstein kommt als Repräsentant von all dem, wovon sie ausgeschlossen ist. Weil er persönlich nichts25 ist, kann er26 alles darstellen27.
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Man darf nicht fragen, wie alle, die Beide kannten1, gefragt haben2, wie es möglich war, dass sie Beide3 »aufeinandergeraten konnten«. Die Urteile der Freunde sind zweifellos gerecht. Caroline von Humboldt nennt ihn einen Menschen, der bei »vieler inneren Reizbarkeit gar keine Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit besitzt«. Genelli, der sein Freund ist und4 ihn von Madlitz her kennt, nennt6 das Ganze einen7 »unseligen8 Irrtum«; er sagt von ihm, er9 besitze »nichts als seine sklavische Dürftigkeit«. Josephine von Pachta präzisiert seine Schwäche10 |45 am klarsten: »Zu schwach, um sich verdientes, würdiges Glück zu schaffen, zu schwach, um das Unglück zu ertragen«.11 Diese Urteile kennt12 Rahel nicht nur,13 das Zitierte steht14 ausnahmslos in Briefen an sie selbst. Es war ihr sicher nicht neu, und es hat wohl kaum Eindruck auf sie gemacht. Dem Faktum des Liebens und Geliebtwerdens gegenüber sind diese16 Urteile sinnlos. Das was ihr geschieht, ist nicht zu messen,18 an dem, was er, psychologisch gesehen, ist oder nicht ist.
Bei diesem komplizierten Stand der Dinge lag es nahe1, zu fragen2, wie die Beiden3 »aufeinandergeraten konnten«. Die Urteile der Freunde sind zweifellos gerecht. Caroline von Humboldt nennt ihn einen Menschen, der bei »vieler inneren Reizbarkeit gar keine Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit besitzt«. Genelli, der ihn von Madlitz her kennt und sich seinen Freund nennt5, behauptet,6 das Ganze sei7 »ein unseliger8 Irrtum«, denn Finckenstein9 besitze »nichts als seine sklavische Dürftigkeit«. Josephine von Pachta präzisiert vielleicht10 am klarsten: »Zu schwach, um sich verdientes, würdiges Glück zu schaffen, zu schwach, um das Unglück zu ertragen11 Diese Urteile waren12 Rahel wohlbekannt, da13 das Zitierte ausnahmslos in Briefen an sie selbst steht15. Es war ihr sicher nicht neu, und es hat wohl kaum Eindruck auf sie gemacht. Dem Faktum des Liebens und Geliebtwerdens gegenüber sind derartige16 Urteile sinnlos. Das,17 was ihr geschieht, ist nicht zu messen an dem, was er, psychologisch gesehen, ist oder nicht ist.
Bei diesem komplizierten Stand der Dinge lag es nahe1, zu fragen2, wie die beiden3 »aufeinander geraten konnten«. Die Urteile der Freunde sind zweifellos gerecht. Caroline von Humboldt nennt ihn einen Menschen, der bei »vieler inneren Reizbarkeit gar keine Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit besitzt«. Genelli, der ihn von Madlitz her kennt und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000051 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000052 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000053 sich seinen Freund nennt5, behauptet,6 das Ganze sei7 »ein unseliger8 Irrtum«, denn Finckenstein9 besitze »nichts als seine sklavische Dürftigkeit«. Josephine von Pachta präzisiert vielleicht10 am klarsten: »Zu schwach, um sich verdientes, würdiges Glück zu schaffen, zu schwach, um das Unglück zu ertragen11 Diese Urteile sind12 Rahel wohlbekannt, da13 das Zitierte ausnahmslos in Briefen an sie selbst steht15. Es war ihr sicher nicht neu, und es hat wohl kaum Eindruck auf sie gemacht. Dem Faktum des Liebens und Geliebtwerdens gegenüber sind derartige16 Urteile sinnlos. Das,17 was ihr geschieht, ist nicht zu messen an dem, was er, psychologisch gesehen, ist oder nicht ist.
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Dass1 er zu ihr kommt, dass2 er sie liebt, ist ein Zufall, denn er kennt sie nicht. Er lernt sie nur langsam kennen,3 und im selben Mass4, wie er sie kennen lernt, hört er auf sie zu lie-ben5. Was sie an ihm liebt, ist der Zufall. Wie anders soll die Welt zu ihr kommen als im Zufall. - Sie gibt alles aus8 der Hand, weil9 sie das, was die Geschichte ihrer Assimilation hätte werden können10, zur Liebesgeschichte macht:11 sie »wagt es12, sich dem Zufall zu ergeben, wo alles hätte berechnet werden können«.
Dass1 er zu ihr kommt, dass2 er sie liebt, ist ein Zufall, denn er kennt sie nicht. Er lernt sie nur langsam kennen und im selben Mass4, wie seine Kenntnis wächst, nimmt seine Liebe ab. Rahel aber |48 ist durch keine Kenntnis einzuschüchtern5. Was sie an ihm liebt, ist der Zufall. Wie anders soll die Welt zu ihr kommen,6 als im Zufall? Eine andere Chance, vom Leben überhaupt beachtet zu werden, existiert gar nicht7. Das scheint wichtiger, als sich einen Platz in8 der Welt erschwindeln - was als berechtigte und verzweifelte Sehnsucht9 sie hier und später umhertreibt. Um der Chance willen überhaupt etwas zu erleben10, ein Mensch zu sein, gibt11 sie alles aus der Hand12, »wagt13 sich dem Zufall zu ergeben, wo alles hätte berechnet werden können«, interpretiert, was ihre bürgerliche Karriere hätte werden sollen, in eine Liebesgeschichte um, nimmt sein bisschen Verliebtsein, nimmt ihre Liebe ernst, macht zum Zufall die typische Heiratsgeschichte ihrer Generation, holt sich in Lüge und Freiheit (»mit der edelsten, schönsten Art zu lügen«) was eine plumpe und böswillige Wirklichkeit, eine uneinsehbare Notwendigkeit, ihr versagt haben14.
Daß1 er zu ihr kommt, daß2 er sie liebt, ist ein Zufall, denn er kennt sie nicht. Er lernt sie nur langsam kennen,3 und im selben Maß4, wie seine Kenntnis wächst, nimmt seine Liebe ab. Rahel aber ist durch keine Kenntnis einzuschüchtern5. Was sie an ihm liebt, ist der Zufall. Wie anders soll die Welt zu ihr kommen,6 als im Zufall? Eine andere Chance, vom Leben überhaupt beachtet zu werden, existiert gar nicht7. Das scheint wichtiger, als sich einen Platz in8 der Welt erschwindeln - was als berechtigte und verzweifelte Sehnsucht9 sie hier und später umhertreibt. Um der Chance willen, überhaupt etwas zu erleben10, ein Mensch zu sein, gibt11 sie alles aus der Hand12, »wagt,13 sich dem Zufall zu ergeben, wo alles hätte berechnet werden können«, interpretiert, was ihre bürgerliche Karriere hätte werden sollen, in eine Liebesgeschichte um, nimmt sein bißchen Verliebtsein, nimmt ihre Liebe ernst, macht zum Zufall die typische Heiratsgeschichte ihrer Generation, holt sich in Lüge und Freiheit (»mit der edelsten, schönsten Art zu lügen«), was eine plumpe und böswillige Wirklichkeit, eine uneinsehbare Notwendigkeit ihr versagt haben14.
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Hätte sie ihn gleich geheiratet, hätte sie darauf verzichtet, ihn zu lieben, seine Liebe ernst zu nehmen, so wäre diese Begegnung kein »Zufall« gewesen; sie wäre den Weg der Schwestern Meier, den Weg der meisten Jüdinnen ihrer Generation gegangen.
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Als er zu ihr kommt, ist er nicht Nichts, sondern Graf von Finckenstein, ein Bestimmter, dessen Leben durch Geburt in einem Masse1 vorausbestimmt ist, wie2 sie es3 kaum verstehen4 kann. Sie hätte in diese Bestimmtheit eingehen können; statt dessen zieht sie ihn aus ihr5 heraus und macht ihn zu Nichts, um ihn lieben zu können. Nur an dieser,7 seiner Unbestimmtheit kann8 die Frage: warum gerade ihn? verstummen9.
Als er zu ihr kommt, ist er nicht Nichts, sondern Graf von Finckenstein, ein Bestimmter, dessen Leben durch Geburt in einem Masse1 vorausbestimmt ist, das2 sie kaum ahnen4 kann. Sie hätte in diese Bestimmtheit eingehen können; statt dessen zieht sie ihn aus seiner Situation5 heraus und macht ihn zu einem6 Nichts, um ihn lieben zu können. Nur an dieser seiner Unbestimmtheit gelingt es ihr,8 die Frage: warum gerade ihn? zum Verstummen zu bringen9.
Als er zu ihr kommt, ist er nicht Nichts, sondern Graf von Finckenstein, ein Bestimmter, dessen Leben durch Geburt in einem Maße1 vorausbestimmt ist, das2 sie kaum ahnen4 kann. Sie hätte in diese Bestimmtheit eingehen können; statt dessen zieht sie ihn aus seiner Situation5 heraus und macht ihn zu einem6 Nichts, um ihn lieben zu können. Nur an dieser seiner Unbestimmtheit gelingt es ihr,8 die Frage: warum gerade ihn, zum Verstummen zu bringen9.
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Er aber, als er im Zufall zu ihr kommt1, liebt2 sie, gerade sie und macht sie mit eins zu einer Bestimmten. Schwer zu sagen, ob er sie liebt. Sie scheint6 es ihm7 nicht zu glauben8. Er schreibt immer wieder9 »wenn Du es nur hättest sehen können wie ... wenn |46 Du nur wüsstest11 wie ...« Diese unendlichen Wendungen sind stereotyp. Verlangt sie von ihm etwas Sicheres, ist sie misstrauisch? Ja13, sie glaubt ihm nicht, weil14 sie die Hoffnung hasst,15 auf die er sie16 verweist. Sein Leben ist gewöhnt daran17, vorgezeichnet zu sein, und Hoffnung ist für ihn nur der süsse18 Ersatz des bestimmten Planens. Er kennt sein Leben in dieser Welt, die Welt wird sich ihm nicht versagen. Rahel19 hat ihm gerade eine neue Sicherheit gegeben20. Sie aber wird misstrauisch21, als er sie auf die Hoffnung verweist, auf das Schicksal, das22 gibt und nimmt, und von dem sie weiss, dass es23 für sie in der Welt keinen Platz hat24. Schwer zu sagen, ob er sie liebt. Er ist überwältigt von der Konsequenz, die sein erster, kleiner Liebesansatz bei ihr gefunden hat. Gewiss25, er war es, der gewollt hat, dass26 sie ihn liebe; aber er hat nicht gewusst27, was er gewollt hat. Nun kommt er sich unerklärlich verstrickt vor. Gleich als28 er ausweichen wollte, hat29 sie ihn gehindert30. So hat31 sie, die Eroberte, langsam erst32 ihn erobert33. »Ich wollte34 ihn zur Liebe lieben«. Vor dieser Entschlossenheit wird alles,35 was er tut, unversehens zum Ausweichen: seine begründete Hoffnungsfreudigkeit wie sein Sich-ihr-unterlegen-fühlen36. Seine Liebe verliert die »Schärfe«;37 sie kann sich der ihren doch nicht gewachsen zeigen, sie »zerstört sich durch sich selbst«.38
Er aber, als er im Zufall auf sie trifft1, verliebt sich in2 sie, gerade in3 sie und macht sie mit eins zu einer Bestimmten. Schwer zu sagen, ob er sie ernsthaft5 liebt. Sie jedenfalls glaubt6 es gleich7 nicht. Er schreibt stereotyp9 »wenn Du es nur hättest sehen können wie ... ,10 wenn Du nur wüsstest11 wie ... usf12«, was ja auch nicht gerade sehr überzeugend klingt. Sie verlangt ein bindendes |49 Wort und ist empört13, wenn er14 sie auf Hoffnung16 verweist. Sein Leben ist daran gewöhnt17, vorgezeichnet zu sein, und Hoffnung ist für ihn nur der süsse18 Ersatz des bestimmten Planens. Er kennt sein Leben in dieser Welt, die Welt wird sich ihm nicht versagen, er19 hat alle Garantien20. Sie aber wird misstrauisch21, weil es für sie in der Welt keinen Platz22 gibt und Hoffnung23 für sie töricht ist24. Schwer zu sagen, ob er sie liebt. Er ist überwältigt von der Konsequenz, die sein erster, kleiner Liebesansatz bei ihr gefunden hat. Gewiss25, er war es, der gewollt hat, dass26 sie ihn liebe; aber er hat nicht gewusst27, was er gewollt hat. Nun kommt er sich unerklärlich verstrickt vor. So ernst hatte28 er es nie gemeint; mit ihrer Liebe schneidet29 sie ihm jeden Rückzug ab30. So erobert31 sie, die Eroberte, sich langsam32 ihn. »Ich wollt34 ihn zur Liebe lieben«. Vor dieser Entschlossenheit wird alles was er tut, unversehens zum Ausweichen: seine begründete Hoffnungsfreudigkeit wie sein Gefühl der Unterlegenheit36. Seine Liebe verliert die »Schärfe[gap] sie kann sich der ihren doch nicht gewachsen zeigen, sie »zerstört sich durch sich selbst«.38
Er aber, als er im Zufall auf sie trifft1, verliebt sich in2 sie, gerade in3 sie,4 und macht sie mit eins zu einer Bestimmten. Schwer zu sagen, ob er sie ernsthaft5 liebt. Sie jedenfalls glaubt6 es ihm gleich7 nicht. Er schreibt stereotyp9 »wenn Du es nur hättest sehen können wie ...,10 wenn Du nur |Arendt-II-001-00000054 wüßtest11 wie ... usf.12«, was ja auch nicht gerade sehr überzeugend klingt. Sie verlangt ein bindendes Wort und ist empört13, wenn er14 sie auf Hoffnung16 verweist. Sein Leben ist daran gewöhnt17, vorgezeichnet zu sein, und Hoffnung ist für ihn nur der süße18 Ersatz des bestimmten Planens. Er kennt sein Leben in dieser Welt, die Welt wird sich ihm nicht versagen, er19 hat alle Garantien20. Sie aber wird mißtrauisch21, weil es für sie in der Welt keinen Platz22 gibt und Hoffnung23 für sie töricht ist24. Schwer zu sagen, ob er sie liebt. Er ist überwältigt von der Konsequenz, die sein erster, kleiner Liebesansatz bei ihr gefunden hat. Gewiß25, er war es, der gewollt hat, daß26 sie ihn liebe; aber er hat nicht gewußt27, was er gewollt hat. Nun kommt er sich unerklärlich verstrickt vor. So ernst hatte28 er es nie gemeint; mit ihrer Liebe schneidet29 sie ihm jeden Rückzug ab30. So erobert31 sie, die Eroberte, sich langsam32 ihn. »Ich wollt’34 ihn zur Liebe lieben«. Vor dieser Entschlossenheit wird alles,35 was er tut, unversehens zum Ausweichen: seine begründete Hoffnungsfreudigkeit wie sein Sich-ihr-unterlegen-Fühlen36. Seine Liebe verliert die »Schärfe«;37 sie kann sich der ihren doch nicht gewachsen zeigen, sie »zerstört sich durch sich selbst38
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Er1 flieht - erst in einen kleinen Flirt mit der Unzelmann, der3 Rahel wirklich nicht gefährlich werden kann, sans consequence4. Dann flieht er wirklich, er5 fährt nach Hause, nach Madlitz. Dort lebt er wieder in »seinen Verhältnissen«, die ihn zwar drücken, deren Realität aber doch ein Trost ist. Vor ihren Briefen, vor ihren Vorwürfen flieht er in den »Leichtsinn« des Tages. Da er weiss, dass7 nichts abzuwenden ist8, wartet er auf den Tag, der alles von selbst auseinanderbricht. Dabei liebt9 er sie10 und will sie wiedersehen. Aber nicht so, wie sie in Wirklichkeit |47 ist, sondern in erdichteten Situationen - »ach wenn ich krank wäre, dann wärest Du bei mir«. Er weiss12, es ist nur eine »Galgenfrist«, aber er »will glücklich14 sein, solange er es noch sein kann«.
Finckenstein1 flieht - erst in einen kleinen Flirt mit der Schauspielerin2 Unzelmann, der3 Rahel wirklich nicht gefährlich werden kann. Dann aber im Ernst. Er5 fährt nämlich6 nach Hause, nach Madlitz. Dort lebt er wieder in »seinen Verhältnissen«, die ihn zwar drücken, deren Realität aber doch ein Trost ist. Vor ihren Briefen, vor ihren Vorwürfen flieht er in den »Leichtsinn« des Tages. Da er nichts unternehmen will8, wartet er auf den Tag, der alles von selbst auseinanderbricht. Dabei sehnt9 er sich wirklich10 und will sie wiedersehen. Aber nicht so, wie sie in Wirklichkeit ist, sondern in erdichteten Situationen - »ach,11 wenn ich krank |50 wäre, dann wärest Du bei mir«. Er weiss12, es ist nur eine »Galgenfrist«, aber er ist entschlossen13 »glücklich zu14 sein, solange er es noch sein kann« (Finckenstein)17.
Finckenstein1 flieht - erst in einen kleinen Flirt mit der Schauspielerin2 Unzelmann, was3 Rahel wirklich nicht gefährlich werden kann. Dann aber im Ernst. Er5 fährt nämlich6 nach Hause, nach Madlitz. Dort lebt er wieder in »seinen Verhältnissen«, die ihn zwar drücken, deren Realität aber doch ein Trost ist. Vor ihren Briefen, vor ihren Vorwürfen flieht er in den »Leichtsinn« des Tages. Da er nichts unternehmen will8, wartet er auf den Tag, der alles von selbst auseinanderbricht. Dabei sehnt9 er sich wirklich10 und will sie wiedersehen. Aber nicht so, wie sie in Wirklichkeit ist, sondern in erdichteten Situationen - »ach,11 wenn ich krank wäre, dann wärest Du bei mir«. Er weiß12, es ist nur eine »Galgenfrist«, aber er ist entschlossen13 »glücklich zu14 sein, solange (15er)16 es noch sein kann«.
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Seine Flucht nach Madlitz ist1 also kein2 Bruch. Es bleibt alles sans consequence3. Er hat es nur aufgegeben, ein Bestimmter4 zu sein und flüchtet in die Hindernisse, die traditionell der Heirat entgegenstehen. »So ein Popanz von Schicksal, was sich zwischen mich und Dich stellt und mich zurückstösst6, mich in mein Elend zurückstösst7, so allmächtig und doch so lächerlich«.9 Er wird -10 wenn auch unglücklich -11 wieder das Glied der12 Familie. Und ihr13 steht wieder die Welt, die Gesellschaft, die Vorurteile, nicht14 ein Einzelner, nicht15 ein bestimmtes Geschick16 entgegen.
Seine Flucht nach Madlitz bedeutet1 also nicht den2 Bruch. Es bleibt alles sans conséquence3. Er hat es nur aufgegeben, ein Einzelner4 zu sein und flüchtet sich5 in die Hindernisse, die traditionell der Heirat entgegenstehen. »So ein Popanz von Schicksal, was sich zwischen mich und Dich stellt und mich zurückstösst6, mich in mein Elend zurückstösst7, so allmächtig und doch so lächerlich.8« (Finckenstein)9 Er wird,10 wenn auch unglücklich,11 wieder das Glied seiner12 Familie. Ihr13 steht wieder die Welt, die Gesellschaft, die Vorurteile - und weder14 ein Einzelner noch15 ein bestimmter Wille16 entgegen.
Seine Flucht nach Madlitz bedeutet1 also nicht den2 Bruch. Es bleibt alles sans conséquence3. Er hat es nur aufgegeben, ein einzelner4 zu sein und flüchtet sich5 in die Hindernisse, die traditionell der Heirat entgegenstehen. »So ein Popanz von Schicksal, was sich zwischen mich und Dich stellt und mich zurückstößt6, mich in mein Elend zurückstößt7, so allmächtig und doch so lächerlich.8« Er wird,10 wenn auch unglücklich,11 wieder das Glied seiner12 Familie. Ihr13 steht wieder die Welt, die Gesellschaft, die Vorurteile - und weder14 ein einzelner, noch15 ein bestimmter Wille16 entgegen.
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Sie versucht ihn zu zwingen, will2 den offenen Bruch, damit er sich ihr entgegenstelle, in seiner Bestimmtheit, und nicht immer ihr3 das Schicksal, hinter dem er sich verbirgt. Er geht ohnehin von Madlitz fort6, ist ernannt zum Delegierten auf dem Kongress von Rastadt7. So kommt8 er auch nach Berlin und will9 sie sehen. Sie10 ist für ihn nicht zu sprechen. Er ist ausser12 sich, dass13 sie freiwillig alles aufgeben will. Für sie ist dies die14 einzige Möglichkeit15, dem Schicksal zu entgehen: dass sie ihm zuvorkommt. Sie will keineswegs16, dass17 er »sanft und ergeben in sein Schicksal« ist. Sie stellt ihn19 dauernd vor20 Alternativen und erreicht weder einen23 Bruch noch eine wirkliche24 Bindung. Jetzt in Rastadt25 ist er wieder »stolz« auf sie, auf ihre Liebe, auf jedes Lob26. Aber sie ist misstraurisch und glaubt nicht.27 Sie stellt ihn in Distanz28 von sich,29 und stösst30 ihn in eine Einsamkeit, in der er nichts mehr zu entscheiden imstande ist, weil er nichts mehr ist. Sie selbst, sie31 entzieht ihm die Geborgenheit ihrer Liebe, nachdem sie ihn aufgeschreckt hat aus der Geborgenheit der Familie. Sie verstellt ihm unerbittlich alle Fluchtmöglichkeiten, |48 auch die Flucht zu ihr, auch die phantasierte Flucht mit ihr fort von den Menschen, schliesslich32 auch die Flucht in die Gegenwart vor den »Stimmen der Zukunft«. Sie beschwört alles, was erst kommen soll schon herauf,34 nicht aus Phantasterei, sondern weil sie weiss36, es wird einmal wirklich sein und weil sie eine Gier hat,37 nach jeder Wirklichkeit, auch der bösesten.
Sie versucht,1 ihn zu zwingen, indem sie2 den offenen Bruch provoziert. Um wenigstens aus dem Unglück noch eine Ausdrücklichkeit und Direktheit herauszupressen, die3 das »4Schicksal«5, hinter dem er sich verkriecht6, zu einem individuellen stempeln könnte7. Als8 er auf einer Durchreise in Berlin9 sie sehen will,10 ist sie11 für ihn nicht zu sprechen. Er ist ausser12 sich, dass13 sie es wagt, seinem passiven, langsamen Aufgeben zuvorzukommen - ihre14 einzige Chance15, sich einen Rest von Freiheit zu wahren. Ihr ist wahrlich nicht damit gedient16, dass17 er »sanft und ergeben in sein Schicksal« (Finckenstein)18 ist. Aufgebracht und heftig erfindet sie19 dauernd neue20 Alternativen -21 und erreicht doch22 weder den23 Bruch noch die24 Bindung. Keine Handlung25 ist aus ihm herauszuziehen26. Sie stellt ihn in Distanz28 von sich -29 und stösst30 ihn in eine Einsamkeit, in der er nichts mehr zu entscheiden imstande ist, weil er nichts mehr ist. Sie selbst entzieht ihm die Geborgenheit ihrer |51 Liebe, nachdem sie ihn aufgeschreckt hat aus der Geborgenheit der Familie. Sie verstellt ihm unerbittlich alle Fluchtmöglichkeiten, auch die Flucht zu ihr, auch die phantasierte Flucht mit ihr fort von den Menschen, schliesslich32 auch die Flucht in die Gegenwart vor den »Stimmen der Zukunft«. Sie beschwört alles, was erst kommen soll,33 schon herauf -34 nicht aus Phantasterei, sondern,35 weil sie weiss36, es wird einmal wirklich sein und weil sie eine Gier hat nach jeder Wirklichkeit, auch der bösesten.
Sie versucht,1 ihn zu zwingen, indem sie2 den offenen Bruch provoziert. Um wenigstens aus dem Unglück noch eine Ausdrücklichkeit und Direktheit herauszupressen, die3 das »4Schicksal«5, hinter dem er sich verkriecht6, zu einem individuellen stempeln könnte7. Als8 er auf einer Durchreise in Berlin9 sie sehen will,10 ist sie11 für ihn nicht zu sprechen. Er ist außer12 sich, daß13 sie es wagt, seinem passiven, langsamen Aufgeben zuvorzukommen - ihre14 einzige Chance15, sich einen Rest von Freiheit zu wahren. Ihr ist wahrlich nicht damit gedient16, daß17 er »sanft und ergeben in sein Schicksal« (Finckenstein)18 ist. Aufgebracht und heftig erfindet sie19 dauernd neue20 Alternativen -21 und erreicht doch22 weder den23 Bruch noch die24 Bindung. Keine Handlung25 ist aus ihm herauszuziehen26. Sie entfernt sich28 von ihm -29 und stößt30 ihn in eine Einsamkeit, in der er nichts mehr zu entscheiden imstande ist, weil er nichts mehr ist. Sie selbst entzieht ihm die Geborgenheit ihrer Liebe, nachdem sie ihn aufgeschreckt hat aus der Geborgenheit der Familie. Sie verstellt ihm unerbittlich alle Fluchtmöglichkeiten, auch die Flucht zu ihr, auch die phantasierte Flucht mit ihr fort von den Menschen, schließlich32 auch die Flucht in die Gegenwart vor den »Stimmen der Zukunft«. Sie beschwört alles, was erst kommen soll,33 schon herauf -34 nicht aus Phantasterei, sondern weil sie weiß36, es wird einmal wirklich sein und weil sie eine Gier hat nach jeder Wirklichkeit, auch der bösesten.
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Aber was ist denn Wirklichkeit? Will sie den Bruch ernsthaft? Die vier Jahre des Liebens und Geliebtwerdens, des Leidens und der Unsicherheit - ist das nicht auch Wirklichkeit? Gewiss1, Finckenstein bemüht sich nach Kräften, mit illusionistischen Bildern die Gegenwart zu bevölkern und jede Disposition unmöglich zu machen; der Bruch wäre wenigstens die Garantie, dass2 das Leben nicht still steht, dass3 etwas geschieht. So kommt es zu dem Aspekt4, als sei der Bruch die einzige noch mögliche Realität.
Aber was ist denn Wirklichkeit? Will sie den Bruch ernsthaft? Die vier Jahre des Liebens und Geliebtwerdens, des Leidens und der Unsicherheit - ist das nicht auch Wirklichkeit? Gewiß1, Finckenstein bemüht sich nach Kräften, mit illusionistischen Bildern die Gegenwart zu bevölkern und jede Disposition unmöglich zu machen; der Bruch wäre wenigstens die Garantie, daß2 das Leben nicht stillsteht, daß3 etwas geschieht. Es ist4, als sei der Bruch die einzige noch mögliche Realität. Aber später, wenn sie eine alte Frau sein wird, dann wird auch der Bruch so sehr eingegangen sein in die Geschichte ihrer Liebe, daß sie den Unterschied an Wirklichkeit schwerlich noch wird entdecken können.5
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Aber später, wenn sie eine alte Frau sein wird, dann wird auch der Bruch so sehr eingegangen sein in die Geschichte ihrer Liebe, dass sie den Unterschied an Wirklichkeit schwerlich noch wird entdecken können.
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Aber was ist denn Wirklichkeit? Will sie den Bruch ernsthaft? Die vier Jahre des Liebens und Geliebtwerdens, des Leidens und der Unsicherheit, ist das nicht auch Wirklichkeit? Gewiss, alles ist gespenstisch geworden, und der Bruch wäre wie eine Garantie für ein Weiter des Lebens, das sich jetzt nur hinschleppt, das undisponierbar geworden ist. Aber später, wenn sie eine alte Frau sein wird - wird dann nicht der Bruch so sehr zur Geschichte ihrer Liebe gehören, dass sie den Unterschied an Wirklichkeit nicht mehr wird entdecken können?1 »Es wäre ein rasender Entschluss2, wenn die Möglichkeit wäre, dass3 wir uns durch eine Handlung, willkürlich auf ewig von jemandem trennten, den wir lieben und genau kennen« - sie4 versucht den Bruch zu provozieren, weil sie nicht glaubt, dass6 er in ihrer Macht stehe -7 »nämlich8 wenn wir wüssten9, dass10 wir weiter existieren und das Bewusstsein11 behielten, dass12 alles,13 was uns in Ewigkeit begegnet, uns in Ewigkeit von diesem Gegenstande14 trennt«15. Nur jetzt, für diesen Augenblick kann sie den Bruch wollen,16 nur wenn sie die Vergangenheit so vergessen kann wie die Zukunft. Aber selbst17, wenn sie vergessen kann - was soll18 das helfen vor der unerbittlichen Sicherheit, mit der das Leben weiter geht, mit der wir »weiter existieren«? Und die »Zeit ist ein strenger Buchhalter19, das wahre Kontinuum der Dinge« (Herder)20. »Dass21 keine Kommunikation, keine Harmonie, keine Gleichheit,22 keiner Art möglich wäre. Gleichsam wie zwei Schiffe, die auf ewig entgegengesetzte Richtungen nehmen23, oder zwei Sterne.« So schreibt |49 sie24, als sie schon weiss25, dass auch dies »letzte Opfer« vergeblich war26.
»Es wäre ein rasender Entschluss2, wenn die Möglichkeit wäre, dass3 wir uns durch eine Handlung, willkürlich auf ewig von jemandem trennten, den wir lieben und genau kennen.« Sie4 versucht den Bruch zu provozieren, weil sie gar5 nicht glaubt, dass6 er in ihrer Macht stehe.7 »Nämlich,8 wenn wir wüssten9, dass10 wir weiter existieren und das Bewusstsein11 behielten, dass12 alles was uns in Ewigkeit begegnet, uns in Ewigkeit von diesem Gegenstande14 trennt.« Ungeheuerlich ist es, abschliessend etwas16 nur Negatives zu tun; man |52 gebietet über eine Unendlichkeit von Zukünftigem mit17, das dem Bewusstsein des Handelnden nie gegenwärtig sein kann. Man sollte nicht töten können, weil man nicht lebendig machen kann. So frei sollte der Mensch nicht sein19, der doch immer Sklave seiner eigenen Handlungen bleibt20. »Dass21 keine Kommunikation, keine Harmonie, keine Gleichheit keiner Art möglich wäre. Gleichsam wie zwei Schiffe, die auf ewig entgegengesetzte Richtungen nähmen23, oder zwei Sterne.« Nämlich zwei Naturprodukte24, die einmal in einem Taumel von Freiheit sich entschlossen hatten25, sich in solche nur von der Notwendigkeit getriebene Körper zu verwandeln26.
»Es wäre ein rasender Entschluß2, wenn die Möglichkeit wäre, daß3 wir uns durch eine Handlung, willkürlich auf ewig von jemandem trennten, den wir lieben und genau kennen.« Sie4 versucht den Bruch zu provozieren, weil sie gar5 nicht glaubt, daß6 er in ihrer Macht stehe.7 »Nämlich,8 wenn wir wüßten9, daß10 wir weiter existieren und das Bewußtsein11 behielten, daß12 alles,13 was uns in Ewigkeit begegnet, uns in Ewigkeit von diesem Gegenstand14 trennt.« Ungeheuerlich ist es, abschließend etwas16 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000056 nur Negatives zu tun; man gebietet über eine Unendlichkeit von Zukünftigem mit17, das dem Bewußtsein des Handelnden nie gegenwärtig sein kann. Man sollte nicht töten können, weil man nicht lebendig machen kann. So frei sollte der Mensch nicht sein19, der doch immer Sklave seiner eigenen Handlungen bleibt20. »Daß21 keine Kommunikation, keine Harmonie, keine Gleichheit keiner Art möglich wäre. Gleichsam wie zwei Schiffe, die auf ewig entgegengesetzte Richtungen nähmen23, oder zwei Sterne.« Nämlich zwei Naturprodukte24, die sich einst in einem Taumel von Freiheit entschlossen haben25, sich in solche nur von der Notwendigkeit getriebenen Körper zu verwandeln26.
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Er1 nimmt den Bruch nicht an, weil er ihn nicht versteht. War sie2 es nicht, die »seine3 Seele von dem drückenden Gefühle von4 Nichtigkeit befreite, unter dem sie bisher erlag«, die ihn »aus diesem dumpfen nichtsbedeutenden Zustande6 zog, in dem sie zuerst sein Wesen mit Teilnahme und Liebe an sich schloss7«? Sie erkannte »den besseren Teil seines Wesens«, sie hatte »Augen für das Edle« in ihm9, das er bisher »mit Recht in sich verschloss10 und zertrat, weil es den anderen um ihn her ein Spott war«. Aber sie13 ist »unbekehrbar«. Sie glaubt ihm nicht, dass14 er sie liebt. Da gibt er es auf, er bricht nicht, aber er hört auf zu schreiben.
Finckenstein1 nimmt den Bruch nicht an, weil er ihn nicht versteht. War Rahel2 es nicht, die »seine3 Seele von dem drückenden Gefühle der4 Nichtigkeit befreite, unter dem sie bisher erlag« (Finckenstein)5, die ihn »aus diesem dumpfen nichtsbedeutenden Zustande6 zog, in dem sie zuerst sein Wesen mit Teilnahme und Liebe an sich schloss7« (Finckenstein)8? Sie erkannte »den besseren Teil seines Wesens«, sie hatte »Augen für das Edle«, das er bisher »mit Recht in sich verschloss10 und zertrat, weil es den anderen um ihn her nur11 ein Spott war« (Finckenstein)12. Aber Rahel13 ist »unbekehrbar«. Sie glaubt ihm nicht, dass14 er sie liebt. Da gibt er es auf, er bricht nicht, aber er hört auf zu schreiben.
Finckenstein1 nimmt den Bruch nicht an, weil er ihn nicht versteht. War Rahel2 es nicht, die seine »3Seele von dem drückenden Gefühl der4 Nichtigkeit befreite, unter dem sie bisher erlag« (Finckenstein)5, die ihn »aus diesem dumpfen, nichts bedeutenden Zustand6 zog, in dem sie zuerst sein Wesen mit Teilnahme und Liebe an sich schloß7« (Finckenstein)8? Sie erkannte »den besseren Teil seines Wesens«, sie hatte »Augen für das Edle«, das er bisher »mit Recht in sich verschloß10 und zertrat, weil es den anderen um ihn her ein Spott war« (Finckenstein)12. Aber Rahel13 ist »unbekehrbar«. Sie glaubt ihm nicht, daß14 er sie liebt. Da gibt er es auf, er bricht nicht, aber er hört auf zu schreiben.
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»Ich will Dich bloss1 fragen, wie es Dir möglich ist, mir nicht mehr zu schreiben - (kennst Du den Unterschied nicht, dass2 es gar nichts wäre, wenn ich Dir nicht geschrieben hätte? Du bist überhaupt der handelnde Teil; Du bist angebetet -) meine Existenz kannst Du nicht vergessen haben; aber wie ich bin«.3 Er ist der handelnde Teil? Hat sie nicht bisher allein gehandelt,6 - als sie ihn vor Alternativen stellte, als sie ihn abwies, als sie sich nicht sprechen liess7, als sie seiner Liebe ihr Misstrauen8 entgegensetzte? Worauf beruft sie sich auf einmal? »Du bist angebetet«, das heisst9, du10 hast erreicht, was du11 wolltest, du hast gewollt, dass ich dich liebe12. Gegen dieses erste entscheidende Tun ist alles, was sie tut13, nur ein Ziehen der Konsequenzen und auch dies Spärliche14, erzwungene Tun stammt nur15 aus der Verzweiflung über die Passivität des Geliebten. Er hat einmal die Macht gehabt, sie zur Liebe zu bewegen,18 bei ihm ist die Macht, dass19 das,20 was er tut, Konsequenzen bei ihr hat. Alles,21 was sie tut22, bleibt für ihn ohne Konsequenz23. Sie schreibt weiter: »Ich führe hier ein schönes Amt; ich schreibe eigentlich |50 einen desolierten Liebesbrief;24 das war mir nur noch übrig gelassen! Aber sei ruhig, ich schrieb ihn nur mir, nicht Dir. Ich zeige Dir nur, was ich leide ...25 was Du mich hast leiden machen, ohne dass26 es in Dir so war.« Zeigen, das27 ist noch28 kein Handeln. Aber ungesehen leiden, ohne, dass einer es weiss29, ist die äusserste30 Anforderung an das Nicht-handeln31. Es raubt32 dem so Existierenden sogar33 die Passivität des Gesehenwerdens34, Gewusstwerdens35, die Einsamkeit36 der völligen Beziehungslosigkeit,37 der »reinen Sehnsucht«. »Sag mir einmal, an was soll ich denken, um nicht zu verzweifeln. Du sprichst doch immer von Sehnsucht; ich sage Dir, ich sterbe aus Sehnsucht, aus reiner Sehnsucht38. --39 Ich will all diese Leiden (was ich so wahr Gott lebt, für unmöglich hielt) noch einmal tragen, nur Dich sehen«. Aber42 er tut nichts für43 sie, er will sie noch44 nicht einmal45 sehen. »Bist Du hier, so bist Du’s nicht für mich; und wirst bald wieder weg: und dann;46 - dann bring mich um, das47 ist das Einzige48, was Du für mich tun kannst«.49 Dies absolute Nichts,50 in das er sie sinken lässt51, ist schlimmer als das Böseste, das er ihr tun52 könnte. Das wäre doch etwas53, an das sie sich halten könnte54, etwas, das eine Wirkung hätte55. »Ich bitte Dich! schreib mir, ich soll so nicht mit Dir reden, sag mir kalt, Du könntest den Ton nicht leiden, weis mich von Dir: und es wird etwas sein; ich werde von Dir bleiben müssen. Tu mir etwas ganz Schlechtes.« Ach, er wird nichts tun, und56 das ist das Ende57. »O! Lieber Karl, was soll ich im langen Leben denken oder58 tun? Ich liebe Dich mehr als jemals, und so wird’s immer sein«.59
»Ich will Dich bloss1 fragen, wie es Dir möglich ist, mir nicht mehr zu schreiben - (kennst Du den Unterschied nicht, dass2 es gar nichts wäre, wenn ich Dir nicht geschrieben hätte? Du bist überhaupt der handelnde Teil; Du bist angebetet -) meine Existenz kannst Du nicht vergessen haben; aber wie ich bin«.3 Er ist der »4handelnde Teil«5? Hat sie nicht bisher allein gehandelt - als sie ihn vor Alternativen stellte, als sie ihn abwies, als sie |53 sich nicht sprechen liess7, als sie seiner Liebe ihr Misstrauen8 entgegensetzte? Worauf beruft sie sich auf einmal? »Du bist angebetet« heisst9, Du10 hast erreicht, was Du11 wolltest. Gegen dieses erste entscheidende Tun ist alles, was sie unternimmt13, nur ein Konsequenzen-ziehen14, das noch dazu15 aus der Verzweiflung über die Passivität des Geliebten stammt16. Er hat einmal die Macht gehabt, sie zur Liebe zu bewegen;18 bei ihm ist die Macht, dass19 das was er tut, Konsequenzen bei ihr hat. Alles was sie unternimmt22, bleibt ohne jede Konsequenz bei ihm23. Sie schreibt weiter: »Ich führe hier ein schönes Amt; ich schreibe eigentlich einen desolierten Liebesbrief[gap] das war mir nur noch übrig gelassen! Aber sei ruhig, ich schrieb ihn nur mir, nicht Dir. Ich zeige Dir nur, was ich leide .. was Du mich hast leiden machen, ohne dass26 es in Dir so war.« Zeigen ist kein Handeln. Aber ungesehen leiden, ohne Zeugen und Zuschauern29, ist die äusserste30 Anforderung an das Nichthandeln31. Mit der Sichtbarkeit,32 dem Gekanntwerden würde sie33 die letzte Realität ihres Schmerzes verlieren. Lässt er sie wieder ohne Antwort34, bleibt er in seiner dumpfen Passivität35, so behält sie von ihm nicht mehr in36 der Hand als die unerträgliche Beziehungslosigkeit37 der »reinen Sehnsucht«. »Sag mir einmal, an was soll ich denken, um nicht zu verzweifeln. Du sprichst doch immer von Sehnsucht. ..39 Ich will all diese Leiden (was ich,40 so wahr Gott lebt, für unmöglich hielt) noch einmal tragen, nur Dich sehen.41« Aber jetzt hat42 er es mit der Angst bekommen vor der ihm ganz unverständlichen Leidenschaft ihrer Ausbrüche und bemüht sich in Berlin,43 sie, wenn möglich, überhaupt44 nicht zu45 sehen. »Bist Du hier, so bist Du’s nicht für mich; und wirst bald wieder weg: und dann - dann bring mich um, d47[gap] ist das Einzige48, was Du für mich tun kannst49 Dies absolute Nic50[gap] |54 in dem alles Geschehene desavouiert wird51, ist schlimmer als das Böseste, das er ihr antun52 könnte. Das wäre doch ein Inhalt53, den sie verstehen, eine Sicherheit54, an die sie sich halten könnte55. »Ich bitte Dich! schreib mir, ich soll so nicht mit Dir reden, sag mir kalt, Du könntest den Ton nicht leiden, weis mich von Dir: und es wird etwas sein; ich werde von Dir bleiben müssen. Tu mir etwas ganz Schlechtes.« Ach, er wird nichts tun; schrecklicher konnte56 das Ende nicht sein57. »O! Lieber Karl, was soll ich im langen Leben denken oder58 tun? Ich liebe Dich mehr als jemals, und so wird’s immer sein59
»Ich will Dich bloß1 fragen, wie es Dir möglich ist, mir nicht mehr zu schreiben - (kennst Du den Unterschied nicht, daß2 es gar nichts wäre, wenn ich Dir nicht geschrieben hätte? Du bist überhaupt der handelnde Teil; Du bist angebetet -) meine Existenz kannst Du nicht vergessen haben; aber wie ich bin3 Er ist der »4handelnde Teil«5? Hat sie nicht bisher allein gehandelt - als sie ihn vor Alternativen stellte, als sie ihn abwies, als sie sich nicht sprechen ließ7, als sie seiner Liebe ihr Mißtrauen8 entgegensetzte? Worauf beruft sie sich auf einmal? »Du bist angebetet« heißt9, Du10 hast erreicht, was Du11 wolltest. Gegen dieses erste entscheidende Tun ist alles, was sie unternimmt13, nur ein Konsequenzenziehen14, das noch dazu15 aus der Verzweiflung über die Passivität des Geliebten stammt16. Er, »qui m’a séduite par son amour«,17 hat einmal die Macht gehabt, sie zur Liebe zu bewegen;18 bei ihm ist die Macht, daß19 das,20 was er tut, Konsequenzen bei ihr hat. Alles was sie unternimmt22, bleibt ohne jede Konsequenz bei ihm23. Sie schreibt weiter: »Ich führe hier ein schönes Amt; ich schreibe eigentlich einen desolierten Liebesbrief;24 das war mir nur noch übrig gelassen! Aber sei ruhig, ich schrieb ihn nur mir, nicht Dir. Ich zeige Dir nur, was ich leide ...25 was Du mich hast leiden |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000057 machen, ohne daß26 es in Dir so war.« Zeigen ist kein Handeln. Aber ungesehen leiden, ohne Zeugen und Zuschauer29, ist die äußerste30 Anforderung an das Nichthandeln31. Mit der Sichtbarkeit,32 dem Gekanntwerden würde sie33 die letzte Realität ihres Schmerzes verlieren. Lässt er sie wieder ohne Antwort34, bleibt er in seiner dumpfen Passivität35, so behält sie von ihm nicht mehr in36 der Hand als die unerträgliche Beziehungslosigkeit37 der »reinen Sehnsucht«. »Sag mir einmal, an was soll ich denken, um nicht zu verzweifeln. Du sprichst doch immer von Sehnsucht; ich sage Dir, ich sterbe aus Sehnsucht, aus reiner Sehnsucht38. ...39 Ich will all diese Leiden (was ich,40 so wahr Gott lebt, für unmöglich hielt) noch einmal tragen, nur Dich sehen.41« Aber jetzt hat42 er es mit der Angst bekommen vor der ihm ganz unverständlichen Leidenschaft ihrer Ausbrüche und bemüht sich in Berlin,43 sie, wenn möglich, überhaupt44 nicht zu45 sehen. »Bist Du hier, so bist Du’s nicht für mich; und wirst bald wieder weg: und dann - dann bring mich um, das47 ist das einzige48, was Du für mich tun kannst49 Dies absolute Nichts,50 in dem alles Geschehene desavouiert wird51, ist schlimmer als das Böseste, das er ihr antun52 könnte. Das wäre doch ein Inhalt53, den sie verstehen, eine Sicherheit54, an die sie sich halten könnte55. »Ich bitte Dich! schreib mir, ich soll so nicht mit Dir reden, sag mir kalt, Du könntest den Ton nicht leiden, weis mich von Dir: und es wird etwas sein; ich werde von Dir bleiben müssen. Tu mir etwas ganz Schlechtes.« Ach, er wird nichts tun; schrecklicher konnte56 das Ende nicht sein57. »O! Lieber Karl, was soll ich im langen Leben denken und58 tun? Ich liebe Dich mehr als jemals, und so wird’s immer sein59
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Es ist noch nicht das Ende. Finckenstein antwortet »in derselben Stunde, als ich Deinen Brief erhielt«. Er entschuldigt sich einfach mit dem »schalen Treiben hier«, mit dem »dumpfen, verstockten Zustand«, in welchen ihn ihre Abwesenheit, die Abwesenheit »alles dessen was ich liebe und aller Liebe, versetzt hatte«. |51 Nun soll alles wieder gut sein. Es ist das Ende, aber er merkt es nicht. Es ist so gründlich das Ende, dass sie nicht einmal mehr etwas dazu tun kann. Sie kann ihn weder fortschicken noch zu sich holen, nur ihn gewähren lassen. Er kommt nach Berlin, er will sie sehen, aber er »kann nichts für sie tun«. Ihr bleibt nichts übrig, als anzufangen, die Wahrheit zu sehen und die Wahrheit zu sagen, ihr »Los in dem Spiegel zu sehen«.
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Er fährt2 wieder nach Madlitz,3 er weiss4 nicht, dass es zu Ende6 ist, weil8 sie ihn nicht mehr vor Alternativen stellt10. Er schreibt ihr11, er phantasiert wieder13 Situationen, die ihn glücklich machen würden, so,15 wenn sie und seine Schwestern sich kennen und lieben würden. Aber17 die Hoffnungsfreudigkeit ist18 ihm genommen. Und mit ihr19 die Naivität seines Nichtverstehenkönnens20. Heimlich, hinter ihrem Rücken beginnt er mit Heiratsplänen zu spielen, die die Familie wünscht und wohl auch21 eingefädelt hat. Er tut nichts dazu, er lässt22 - jetzt wohl auch aus Verzweiflung - das eine so gehen wie das andere.
Es ist noch nicht das Ende. Finckenstein antwortet »in derselben Stunde, als ich Deinen Brief erhielt«.1 Er entschuldigt sich einfach mit dem »schalen Treiben hier«, mit dem »dumpfen, verstockten Zustand«, in welchen ihn ihre Abwesenheit, die »Abwesenheit alles dessen, was ich liebe und aller Liebe, versetzt hatte«. Nun soll es2 wieder gut sein. Noch schrecklicher: es ist das Ende und3 er gibt sich4 nicht einmal die Mühe5, das zu bemerken. Es6 ist so gründlich der Bruch7, dass8 sie ihn nicht einmal9 mehr in Freiheit herbeizwingen kann10. Er ist Sieger und hat erreicht11, was12 er wollte: das Leben, das »Schicksal« - sein Leben nämlich und sein Schicksal - einfach über ihre verrückten Ansprüche Herr werden zu lassen, ohne sich im Bösen oder Guten zu engagieren, ohne sich zu stellen. Er fährt fort, ihr13 Situationen vorzuphantasieren14, die ihn glücklich machen würden, so wenn sie und seine Schwestern sich kennen und lieben würden und ähnliches16. Nur17 die Hoffnungsfreudigkeit, das friedliche Sich-selbst-belügen hat sie18 ihm genommen. Und damit19 die Naivität seines Nichtverstehens20. Heimlich, hinter ihrem Rücken beginnt er mit Heiratsplänen zu spielen, die die Familie |55 wünscht und eingefädelt hat. Er tut nichts dazu, er lässt22 - jetzt wohl auch aus Verzweiflung - das eine so gehen wie das andere.
Es ist noch nicht das Ende. Finckenstein antwortet »in derselben Stunde, als ich Deinen Brief erhielt«.1 Er entschuldigt sich einfach mit dem »schalen Treiben hier«, mit dem »dumpfen verstockten Zustand«, in welchen ihn ihre Abwesenheit, die »Abwesenheit alles dessen, was ich liebe und aller Liebe, versetzt hatte«. Nun soll es2 wieder gut sein. Noch schrecklicher: es ist das Ende, und3 er gibt sich4 nicht einmal die Mühe5, das zu bemerken. Es6 ist so gründlich der Bruch7, daß8 sie ihn nicht einmal9 mehr in Freiheit herbeizwingen kann10. Er ist Sieger und hat erreicht11, was12 er wollte: das Leben, das »Schicksal« - sein Leben nämlich und sein Schicksal - einfach über ihre ihm maßlos und verrückt erscheinenden Ansprüche Herr werden zu lassen, ohne sich im Bösen oder Guten zu engagieren, ohne sich zu stellen. Er fährt fort, ihr13 Situationen vorzuphantasieren14, die ihn glücklich machen würden, so wenn sie und seine Schwestern sich kennen und lieben würden und ähnliches16. Nur17 die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000058 Hoffnungsfreudigkeit, das friedliche Sich-selbst-Belügen hat sie18 ihm genommen. Und damit19 die Naivität seines Nichtverstehenkönnens20. Heimlich, hinter ihrem Rücken beginnt er mit Heiratsplänen zu spielen, die die Familie wünscht und wohl auch21 eingefädelt hat. Er tut nichts dazu, er läßt22 - jetzt wohl auch aus Verzweiflung - das eine so gehen wie das andere.
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»Möchte die ewige Gerechtigkeit mir vergönnen, dass1 ich vernehmlich die Wahrheit sage, wie ich sie stark in meiner Seele fühle!« Nichts mehr tun, nur noch die Wahrheit sagen, für die Wahrheit zeugen, damit sie, die Wahrheit,2 nicht begraben wird von3 dem Wust der kleinlichen Halbheiten4, in die6 die Verhältnisse sie verstrickt haben7. Aber hat an dieser8 Wahrheit ein9 Mensch noch10 Interesse? Ist der Mensch hier wirklich Sprachrohr11 der »ewigen Gerechtigkeit«? Oder ist dies Pathos Blasphemie nur der wahnsinnig übersteigerte Ausdruck12 der Nichtigkeit dessen13, der keine Opfer mehr bringen will?14 »Einmal habe ich in15 dem, was ich für Recht erkenne, das ungeheuerste Opfer gebracht, das Menschen zu bringen fähig sind. Nur ich kann es beurteilen, und ich wünsche einen Gott an meiner Seite, der es auch kann: Menschen wissen voneinander nichts. Es ist mir nicht gelungen: dem Schicksal selbst |52 schien es nicht zu gefallen, es nahm es nicht an; und ganz schleuderte es sich16 auf die Stelle zurück, wo ich Kraft in mir aufgeregt hatte, es bringen zu können«17. Das ungeheuerste Opfer - »die erste zu sein, die sich von Dir trennt18« -:19 Nimmt man das Schicksal nur an, handelt man gar nicht, so gibt es eine Geborgenheit, die allem Unglück die gleiche passive Resistenz entgegenstellen lässt20. Wenn Rahel handelt, so hat sie keine Stelle, an der sie damit gleichsam ansetzen21 könnte. Sie kann nichts Bestimmtes, Einzelnes22 tun. Da aber Finckensteins Liebe sie zu einer Bestimmten gemacht hat, - zu einer Bestimmten ohne bestimmte Welt und ohne bestimmte Vorzeichnung, bestimmt und23 eingegrenzt nur von der Liebe -24 da sie gezwungen worden25 ist, eine Bestimmte zu sein26, ohne aufgefangen zu werden27 von einer bestimmten Welt28, so hat sie als Einsatz für jedes Tun nur sich selbst. Als das Schicksal ihr Opfer nicht annahm29, als sie gewahr wurde30, dass31 es ihr nicht gelingen konnte32, ihn zu einem Bestimmten zu machen, wie sie ihn erst zu einem Unbestimmten33, zu einem Nichts gemacht34 hat, da wurde35 sie zurückgeschleudert auf36 die Stelle37, an38 der sie nur noch leiden und die Wahrheit sagen kann39. »Nie tue ich dergleichen wieder:40 das gelobe ich Dir bei dem, was Dir das furchtbar Heiligste sein mag! so wie ich es mir gelobt habe. Nur einmal kann es den Göttern gefallen, wenn man sich vernichtet, aus Achtung für das Heiligste; zum41 zweiten Male42 kann es nie der Ruf von einem Gotte sein! zum zweiten Male43 tue ich es nie! - So wahr ich mir meine Existenz nicht ableugnen kann, so wahr als ich es einmal getan habe! Ich werde nie wieder die Erste sein, die sich von Dir trennt, und wenn Himmel und Hölle, die Welt und Du selbst mir gegenüber steht. Tätig - werde ich nie mehr sein; leiden will ich alles. Dieser Brief ist das letzte Tätige, was je Deine Augen von mir sehen oder ein Sinn von Dir soll ergründen können.« |53 Und sie44 hat Wort gehalten. Sie hat von nun an nur noch abgewartet, zugesehen, wie er sich von ihr löste, ihn kaum ermuntert, nur die Konsequenz gezogen, wenn er sie zufällig dabei beleidigte. Sie hat sich nicht wieder45 vernichtet, sie hat genommen, was ihr gegeben wurde, das Gute wie das Böse. Ihr Leben drohte einen Augenblick einzumünden in ein persönlich differenziertes Schicksal,46 Welt und Leben drohten bestimmt zu werden; sie schien eine kurze Zeit nicht mehr dem Indefiniten47 ausgesetzt,48 um gleich wieder zurückgestossen zu werden49 auf ihre50 Stelle, an der ihr Leben nur der Schauplatz des Lebens ist,51 ihre Geschichte nur das, was mit ihr passiert. Auf dieser Stelle sie zu lassen52, bittet sie ihn nun, sie zu verlassen53; sie nicht zu reizen, Nutzloses zu tun;54 Dinge zu tun55, deren Ende sie schon vorher weiss56. »Du hast mir57 gesagt, Fräulein von Berg liebt Dich. Dazu muss58 sie Hoffnung haben. ...59 Ich habe nichts dem entgegenzusetzen, was man nennen könnte; und ich schweige. Fühlst Du, weisst60 Du in irgend einer Tiefe Deiner Seele den Wunsch, den Vorsatz, den Gedanken, Dich mit ihr vereinigen zu wollen, so kehre ihn heraus; und tue es gleich. Das bleibt Dir für mich zu tun übrig. Dazu fordere ich Dich zum letzten Male auf. In ein, in zwei, in drei Jahren wäre es niedrig und schlecht. Dann - hielt ich mich für eine vom Schicksal Angespiene61; und stehe nicht mehr für mich selbst; - was Menschen immer können sollten. Dann - bin ich keiner mehr. Untersuche Dich, habe Mut! Stehe nicht mit jedem Fuss62 auf einem anderen Ufer. Schreite über. Ich kann nicht mehr für Dich handeln. Ein Mal63 konnte ich es nur. ...64 Halte es für keine Drohung. Kenntest Du meine Seele! den Kelch, den mir mein Gott reicht, ich will ihn leeren; selbst nur nehm ich ihn nicht wieder.«
»Möchte die ewige Gerechtigkeit mir vergönnen, dass1 ich vernehmlich die Wahrheit sage, wie ich sie stark in meiner Seele fühle!« Nichts mehr tun, nur noch die Wahrheit sagen, für die Wahrheit zeugen, damit wenigstens sie2 nicht begraben werde in3 dem Wust von Ausreden, Illusionen4, halben Lügen und ganzen Gemeinheiten,5 in welchem6 die Verhältnisse und Beziehungen sich verknäulen7. Da an solcher nachträglicher und verzweifelter8 Wahrheit ausser Rahel kein9 Mensch ein10 Interesse hat, nimmt sie allen Atem zusammen und stösst in die Posaune11 der »ewigen Gerechtigkeit«, deren Sprachrohr sie in wahnsinnig übersteigertem Pathos zu sein hofft, da ja wirklich auf dieser reichlich unmenschlichen Erde kein menschliches Ohr eine menschliche Klage zu vernehmen liebt. Sie beklagt sich über die ursprüngliche nachlässige Nichtachtung ihres ersten Vorschlages, zu brechen. Selbst die Freiwilligkeit und den Mut, »die erste zu sein, die sich von Dir trennt«, ihr aus12 der Hand zu schlagen13, sie zum willfährigen Opfer zu degradieren!14 »Einmal habe ich dem, was ich für Recht erkenne, das ungeheuerste Opfer gebracht, das Menschen zu bringen fähig sind. Nur ich kann es beurteilen, und ich wünsche einen Gott an meiner Seite, der es auch kann: Menschen wissen voneinander nichts. Es ist mir nicht gelungen: dem Schicksal selbst schien es nicht zu gefallen, es nahm es nicht an; und ganz schleuderte es mich16 auf die Stelle zurück, wo ich Kraft in mir aufgeregt hatte, es bringen zu können.« Nimmt man das Schicksal nur an, handelt man gar nicht, so gibt es eine Geborgenheit, die all em Unglück die gleiche passive Resistenz entgegenstellen lässt20. Wenn Rahel handelt, so hat sie keine |56 Stelle, an der sie ansetzen, wo sie sinnvoll beginnen21 könnte. Sie kann nichts bestimmtes Einzelnes22 tun. Da aber Finckensteins Liebe sie zu einer Bestimmten gemacht hat, - zu einer Bestimmten ohne bestimmte Welt und ohne bestimmte Vorzeichnung, eingegrenzt nur von der Liebe,24 da sie das Abenteuer eingegangen25 ist, eine Bestimmte zu werden26, ohne aufgefangen zu sein27 von einer bestimmten Gesellschaft28, so hat sie als Einsatz für jedes Tun nur sich selbst. Als das Schicksal ihr Opfer nicht annahm29, als sie gewahr wurde30, dass31 es ihr nicht gelingen kann32, ihn zu einem Bestimmten zu machen, wie sie ihn erst seines Haltes beraubt33, seiner gesellschaftlichen Haltung entkleidet34 hat, da wurde35 sie zurückgeschleudert in36 die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit37, aus38 der sie kommt39. »Nie tue ich dergleichen wieder,40 das gelobe ich Dir bei dem, was Dir das furchtbar Heiligste sein mag! so wie ich es mir gelobt habe. Nur einmal kann es den Göttern gefallen, wenn man sich vernichtet, aus Achtung für das Heiligste, zum41 zweiten Mal42 kann es nie der Ruf von einem Gotte sein! zum zweiten Mal43 tue ich es nie! - So wahr ich mir meine Existenz nicht ableugnen kann, so wahr als ich es einmal getan habe! Ich werde nie wieder die Erste sein, die sich von Dir trennt, und wenn Himmel und Hölle, die Welt und Du selbst mir gegenübersteht. Tätig - werde ich nie mehr sein; leiden will ich alles. Dieser Brief ist das letzte Tätige, was je Deine Augen von mir sehen oder ein Sinn von Dir soll ergründen können.« Sie44 hat Wort gehalten. Sie hat von nun an nur noch abgewartet, zugesehen, wie er sich von ihr löste, ihn kaum ermuntert, nur die Konsequenz gezogen, wenn er sie zufällig dabei beleidigte. Sie hat sich kein zweites Mal45 vernichtet, sie hat genommen, was ihr |57 gegeben wurde, das Gute wie das Böse. Ihr Leben drohte einen Augenblick einzumünden in ein persönlich differenziertes Geschick;46 Welt und Leben drohten bestimmt zu werden; sie schien eine kurze Zeit nicht mehr dem Allgemeinen47 ausgesetzt -48 um gleich wieder zurück- zufallen49 auf die50 Stelle, an der ihr Leben nur der Schauplatz des Lebens ist und51 ihre Geschichte nur das, was mit ihr passiert. Auf diesem schmalsten Boden, der ihre Heimat ist52, bittet sie ihn nun, sie zu lassen53; sie nicht zu reizen, Nutzloses zu tun,54 Dinge, deren Ende sie schon vorher weiss56. »Du hast gesagt, Fräulein von Berg liebt Dich. Dazu muss58 sie Hoffnung haben. .. Ich habe nichts dem entgegenzusetzen, was man nennen könnte; und ich schweige. Fühlst Du, weisst60 Du in irgendeiner Tiefe Deiner Seele den Wunsch, den Vorsatz, den Gedanken, Dich mit ihr vereinigen zu wollen, so kehre ihn heraus; und tue es gleich. Das bleibt Dir für mich zu tun übrig. Dazu fordere ich Dich zum letzten Male auf. In ein, in zwei, in drei Jahren wäre es niedrig und schlecht. Dann - hielt ich mich für eine vom Schicksal Angespieene61; und stehe nicht mehr für mich selbst; - was Menschen immer können sollten. Dann - bin ich keiner mehr. Untersuche Dich, habe Mut! Stehe nicht mit jedem Fuss62 auf einem anderen Ufer. Schreite über. Ich kann nicht mehr für Dich handeln. Einmal63 konnte ich es nur. .. Halte es für keine Drohung. Kenntest Du meine Seele! den Kelch, den mir mein Gott reicht , ich will ihn leeren; selbst nur nehm ich ihn nicht wieder.«
»Möchte die ewige Gerechtigkeit mir vergönnen, daß1 ich vernehmlich die Wahrheit sage, wie ich sie stark in meiner Seele fühle!« Nichts mehr tun, nur noch die Wahrheit sagen, für die Wahrheit zeugen, damit wenigstens sie2 nicht begraben werde in3 dem Wust von Ausreden, Illusionen4, halben Lügen und ganzen Gemeinheiten,5 in welchen6 die Verhältnisse und Beziehungen sich verknäulen7. Da an solcher nachträglicher und verzweifelter8 Wahrheit außer Rahel kein9 Mensch ein10 Interesse hat, nimmt sie allen Atem zusammen und stößt in die Posaune11 der »ewigen Gerechtigkeit«, deren Sprachrohr sie zu sein hofft, da ja wirklich auf dieser reichlich unmenschlichen Erde kein menschliches Ohr eine menschliche Klage zu vernehmen liebt. Sie beklagt sich über die ursprüngliche nachlässige Nichtachtung ihres ersten Vorschlages zu brechen. Selbst die Freiwilligkeit und den Mut, »die erste zu sein, die sich von Dir trennt«, ihr aus12 der Hand zu schlagen13, sie zum willfährigen Opfer zu degradieren!14 »Einmal habe ich dem, was ich für Recht erkenne, das ungeheuerste Opfer gebracht, das Menschen zu bringen fähig sind. Nur ich kann es beurteilen, und ich wünsche einen Gott an meiner Seite, der es auch kann: Menschen wissen voneinander nichts. Es ist mir nicht gelungen: dem Schicksal selbst schien es nicht zu gefallen, es nahm es nicht an; und ganz schleuderte es mich16 auf die Stelle zurück, wo ich Kraft in mir aufgeregt hatte, es bringen zu können.« Nimmt man das Schicksal nur an, handelt man gar nicht, so gibt es eine Geborgenheit, die allem Unglück die gleiche passive Resistenz entgegenstellen läßt20. Wenn Rahel handelt, so hat sie keine Stelle, an der sie ansetzen, wo sie sinnvoll beginnen21 könnte. Sie kann nichts bestimmtes einzelnes22 tun. Da aber Finckensteins Liebe sie zu einer Bestimmten gemacht hat, - zu einer Bestimmten ohne bestimmte Welt und ohne bestimmte Vorzeichnung, eingegrenzt nur von der Liebe;24 da sie das Abenteuer eingegangen25 ist, eine Bestimmte zu werden26, ohne aufgefangen zu sein27 von einer bestimmten Gesellschaft28, so hat sie als Einsatz für jedes Tun nur sich selbst. Als das Schicksal ihr Opfer nicht annimmt29, als sie gewahr wird30, daß31 es ihr nicht gelingen kann32, ihn zu einem |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000059 Bestimmten zu machen, wie sie ihn erst seines Haltes beraubt33, seiner gesellschaftlichen Haltung entkleidet34 hat, da wird35 sie zurückgeschleudert in36 die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit37, aus38 der sie kommt39. »Nie tue ich dergleichen wieder,40 das gelobe ich Dir bei dem, was Dir das furchtbar Heiligste sein mag! so wie ich es mir gelobt habe. Nur einmal kann es den Göttern gefallen, wenn man sich vernichtet, aus Achtung für das Heiligste. Zum41 zweiten Mal42 kann es nie der Ruf von einem Gotte sein! zum zweiten Mal43 tue ich es nie! - So wahr ich mir meine Existenz nicht ableugnen kann, so wahr als ich es einmal getan habe! Ich werde nie wieder die Erste sein, die sich von Dir trennt, und wenn Himmel und Hölle, die Welt und Du selbst mir gegenübersteht. Tätig - werde ich nie mehr sein; leiden will ich alles. Dieser Brief ist das letzte Tätige, was je Deine Augen von mir sehen oder ein Sinn von Dir soll ergründen können.« Sie44 hat Wort gehalten. Sie hat von nun an nur noch abgewartet, zugesehen, wie er sich von ihr löste, ihn kaum ermuntert, nur die Konsequenz gezogen, wenn er sie zufällig dabei beleidigte. Sie hat sich kein zweites Mal45 vernichtet, sie hat genommen, was ihr gegeben wurde, das Gute wie das Böse. Ihr Leben drohte einen Augenblick einzumünden in ein persönlich differenziertes Geschick;46 Welt und Leben drohten bestimmt zu werden; sie schien eine kurze Zeit nicht mehr dem Allgemeinen47 ausgesetzt -48 um gleich wieder zurückzufallen49 auf die50 Stelle, an der ihr Leben nur der Schauplatz des Lebens ist und51 ihre Geschichte nur das, was mit ihr passiert. Auf diesem schmalsten Boden, der ihre Heimat ist52, bittet sie ihn nun, sie zu lassen53; sie nicht zu reizen, Nutzloses zu tun,54 Dinge, deren Ende sie schon vorher weiß56. »Du hast gesagt, Fräulein von Berg liebt Dich. Dazu muß58 sie Hoffnung haben. ...59 Ich habe nichts dem entgegenzusetzen, was man nennen könnte; und ich schweige. Fühlst Du, weißt60 Du in irgendeiner Tiefe Deiner Seele den Wunsch, den Vorsatz, den Gedanken, Dich mit ihr vereinigen zu wollen, so kehre ihn heraus; und tue es gleich. Das bleibt Dir für mich zu tun übrig. Dazu fordere ich Dich zum letzten Male auf. In ein, in zwei, in drei Jahren wäre es niedrig und schlecht. Dann - hielt ich mich für eine vom Schicksal Angespieene61; und stehe nicht mehr für mich selbst; - was Menschen immer können sollten. Dann - bin ich keiner mehr. Untersuche Dich, habe Mut! Stehe nicht mit jedem Fuß62 auf einem anderen Ufer. Schreite über. Ich kann nicht mehr für Dich handeln. Einmal63 konnte ich es nur. ...64 Halte es für keine Drohung. |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000060 Kenntest Du meine Seele! den Kelch, den mir mein Gott reicht, ich will ihn leeren; selbst nur nehm ich ihn nicht wieder.«
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Das ist nun wirklich das Ende. Was noch folgt, sind Wiederholungen |54 der Missverständnisse1, sind2 Beleidigungen, die »letzten Akkorde eines üblen Konzertes«.3
Das ist nun wirklich das Ende. Was noch folgt, sind Wiederholungen, Missverständnisse1, Beleidigungen, die »letzten Akkorde eines üblen Konzertes3
Das ist nun wirklich das Ende. Was noch folgt, sind Wiederholungen, Mißverständnisse1, Beleidigungen, die »letzten Akkorde eines üblen Konzertes«. Ihre Briefe vernichtete er (das hier Mitgeteilte sind Abschriften oder Entwürfe), die seinen fanden sich vollständig in ihrem Nachlaß.3
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III. Kapitel. Weiterleben.
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4. Kapitel Vorbei
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»Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen; was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen; behüt Gott jeden, dies zu verstehen.«
»Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen; was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen; behüt Gott jeden, dies zu verstehen.«
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Vorbei • Wie kann man weiterleben?1799-1800
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Wünsche, die nicht das Schicksal vorzeichnet, die nur Phantasie gewordener Ausdruck halb-kindischer Glücksprätentionen sind, Träume der Jugend, sie mögen noch so charakteristische Komplementärbilder von Unerfülltheit, Unzufriedenheit, noch so berechtigte Proteste gegen Entwicklungshemmungen oder Freudemangel sein, zerflattern, zerstieben beim ersten Anstoss2 des Lebens, das wirkliche Erfahrung, an Bestimmtes gebundene Leidenschaft mitführt. Die Passion, die leidenschaftliche Antwort auf einen Anruf, der aus der grossen3, weiten Welt gerade an uns sich richtet, uns meint, uns bestätigt, saugt auf und konzentriert alle Wunschphantasmagorien in einen der drei Märchenwünsche, ohne deren Erfüllung man für immer unglücklich zu werden glaubt.
»Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen; was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen; behüt Gott jeden, dies zu verstehen.«1 Wünsche, die nicht das Schicksal vorzeichnet, die nur Phantasie gewordener Ausdruck halb-kindischer Glücksprätentionen sind, Träume der Jugend, sie mögen noch so charakteristische Komplementärbilder von Unerfülltheit, Unzufriedenheit, noch so berechtigte Proteste gegen Entwicklungshemmungen oder Freudemangel sein, zerflattern, zerstieben beim ersten Anstoß2 des Lebens, das wirkliche Erfahrung, an Bestimmtes gebundene Leidenschaft mitführt. Die Passion, die leidenschaftliche Antwort auf einen Anruf, der aus der großen3, weiten Welt gerade an uns sich richtet, uns meint, uns bestätigt, saugt auf und konzentriert alle Wunschphantasmagorien in einen der drei Märchenwünsche, ohne deren Erfüllung man für immer unglücklich zu werden glaubt.
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Jetzt nach den vier Jahren mit Finckenstein kann1 Rahel ihr Benachteiligtsein vergessen; sie kann vergessen, dass sie Jüdin ist, dass sie nicht schön ist, dass in der Gesellschaft kein Platz für sie ist; ja sie kann vergessen, dass sie nicht Gräfin Finckenstein geworden ist. Das was mit ihr geschehen ist,2 hat keine Rücksicht genommen auf das, was sie war und auf das, was sie brauchte. Die Welt ist3 nicht mehr indefinit. Rahel hat nicht4 geglaubt, dass5 ein Schlag gerade sie treffen könnte; sie ist getroffen worden, und nur dies eine hat Bestand. Sie hat nicht gewusst6, wo Realität sei, nicht7 wie sie selbst sich8 ihre Wirklichkeit beweisen könne, denn sie hat nicht vorher wissen können, dass9 der Schmerz eine Bestätigung sein kann. Was ihr geschehen ist, kann11 sie nicht vergessen; es hat eine unantastbare Bestimmtheit. Über das13, was geschieht, das16 zufällig geschieht, hat die Reflexion keine Macht. Sie18 war benachteiligt - das hat sie vergessen -19 sie ist zurückgestossen20 worden,21 das kann sie nicht vergessen; dies Zurückgestossensein22 und dieser Schmerz -23 das ist sie selbst.
Rahel hat nicht geglaubt, dass5 ein Schlag gerade sie treffen könnte; sie ist getroffen worden, und nur dies eine hat Bestand. Sie hat nicht gewusst6, wo Realität sei, wie sie sich selbst8 ihre Wirklichkeit beweisen könne, denn sie hat nicht vorher wissen können, dass9 der Schmerz eine Bestätigung sein kann, das Unglück, die Beraubung, das Entreissen ein nachträglich gelieferter Indizienbeweis dafür, dass man etwas in der Hand hatte10. Was ihr geschehen ist, vermag11 sie nicht zu12 vergessen; es hat eine unantastbare Bestimmtheit. Zu vergessen13, zu verheimlichen, umzufälschen ist nur14 was »man nicht bekommen« hat, Exaltationen des eigenen |59 Innern, die in der Welt keine Spur hinterlassen. Über das was15 geschieht, was16 zufällig geschieht, hat auch17 die Reflexion keine Macht. Rahel18 war benachteiligt - das hat sie vergessen;19 sie ist zurückgestossen20 worden -21 das kann sie nicht vergessen. Dies Zurückgestossensein22 und dieser Schmerz,23 das ist sie selbst.
Rahel hat nicht geglaubt, daß5 ein Schlag gerade sie treffen könnte; sie ist getroffen worden, und nur dies eine hat Bestand. Sie hat nicht gewußt6, wo Realität sei, wie sie sich selbst8 ihre Wirklichkeit beweisen könne, denn sie hat nicht vorher wissen können, daß9 der Schmerz eine Bestätigung sein kann, das Unglück, die Beraubung, das Entreißen ein nachträglich gelieferter Indizienbeweis dafür, daß man etwas in der Hand hatte10. Was ihr geschehen ist, vermag11 sie nicht zu12 vergessen; es hat eine unantastbare Bestimmtheit. Zu vergessen13, zu verheimlichen, umzufälschen ist nur,14 was man »nicht bekommen« hat, Exaltationen des eigenen Innern, die in der Welt keine Spur hinterlassen. Über das, was15 geschieht, was16 zufällig geschieht, hat auch17 die Reflexion keine Macht. Rahel18 war benachteiligt - das hat sie vergessen;19 sie ist zurückgestoßen20 worden -21 das kann sie nicht vergessen. Dies Zurückgestoßensein22 und dieser Schmerz,23 das ist sie selbst.
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Rahel ist eine Bestimmte geworden; aber sie hat keine bestimmten Eigenschaften erworben, und ihre1 Wirklichkeit manifestiert sich nur in dem Erlittenen, in dem, was vorbei ist. Dies2 Vorbei hat eine Unerbittlichkeit, gegen die keine Zukunft, keine Hoffnung, keine noch so ersehnte Möglichkeit aufkommt. Rahel hat es gewagt,3 |56 »sich dem Zufall zu ergeben«; der Zufall ist mächtiger als sie, seine Wirklichkeit ist4 stärker als jede »errechenbare5« Notwendigkeit, die vielleicht ursprünglich in ihrer Natur gelegen hätte6. Was ihr widerfahren7 ist, ist ihr »auf ewig« widerfahren9. Es kann nichts10 Neues mehr kommen11. Ihre Zukunft ist das Vorbei; wird »die13 Zukunft einst als Gegenwart erscheinen«, so kann sie nur noch die »Vergangenheit wiederholen«. Dies ist das »eigentlichste Unglück«, denn nun endlich kann sie nicht »mehr mit Gewalt glücklich sein wollen«.
Rahel ist eine Bestimmte geworden; aber sie hat keine bestimmten Eigenschaften erworben. Ihre1 Wirklichkeit manifestiert sich nur in dem Erlittenen, in dem, was vorbei ist. Das2 Vorbei hat eine Unerbittlichkeit, gegen die keine Zukunft, keine Hoffnung, keine noch so ersehnte Möglichkeit aufkommt. Rahel hat es gewagt »sich dem Zufall zu ergeben«; der Zufall ist mächtiger als sie, seine Wirklichkeit stärker als jede »berechenbare5« Erfüllung natürlich-notwendiger Hoffnungen6. Was ihr wirklich geschieht,7 ist unwiderrufbar8, ist ihr »auf ewig« geschehen9. Der Absolutheitsanspruch der Passion lässt Organe für10 Neues verkümmern. Wo keine Hoffnung wartet, kann Unerwartetes schwerlich herankommen11. Ihre Zukunft ist das in die Länge der Zeit sich hinziehende12 Vorbei; wird die »13Zukunft einst als Gegenwart erscheinen«, so kann sie nur noch die »Vergangenheit wiederholen«. Dies ist das »eigentlichste Unglück«, denn nun endlich kann sie nicht »mehr mit Gewalt glücklich sein wollen«.
Rahel ist eine Bestimmte geworden; aber sie hat keine bestimmten |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000062 Eigenschaften erworben. Ihre1 Wirklichkeit manifestiert sich nur in dem Erlittenen, in dem, was vorbei ist. Das2 Vorbei hat eine Unerbittlichkeit, gegen die keine Zukunft, keine Hoffnung, keine noch so ersehnte Möglichkeit aufkommt. Rahel hat es gewagt,3 »sich dem Zufall zu ergeben«; der Zufall ist mächtiger als sie, seine Wirklichkeit stärker als jede »berechenbare5« Erfüllung natürlich-notwendiger Hoffnungen6. Was ihr wirklich geschieht,7 ist unwiderrufbar8, ist ihr »auf ewig« geschehen9. Der Absolutheitsanspruch der Passion läßt Organe für10 Neues verkümmern. Wo keine Hoffnung wartet, kann Unerwartetes schwerlich herankommen11. Ihre Zukunft ist das in die Länge der Zeit sich hinziehende12 Vorbei; wird die »13Zukunft einst als Gegenwart erscheinen«, so kann sie nur noch die »Vergangenheit wiederholen«. Dies ist das »eigentlichste Unglück«, denn nun endlich kann sie nicht »mehr mit Gewalt glücklich sein wollen«.
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Nur das vollständige Glück und das vollständige Unglück lassen das Leben im Ganzen erscheinen, weil beide die Hoffnung nicht kennen. »Wer jemals wirklich unglücklich war, der kann nicht wieder glücklich werden: wer jemals recht glücklich war, der sollte nicht wieder unglücklich werden; sonst fehlte ihm das deutliche Bewusstsein2 dabei. Darum findet man eine Grausamkeit beim Unglück; und darum ist es ein so grosser Glücksfall3, glücklich zu sein.« Ihr Leben ist eigentlich fertig;4 sie kann nur noch fortfahren5, die Wahrheit zu sagen, zu sprechen6, »wie man auf dem Totenbette spricht«. Weil alles vorbei ist, weil das Leben kein Weiter mehr zu haben scheint, bleibt das Erlittene, das sie8 zu einer Bestimmten machte, nicht in seiner bestimmten Einzelheit bestehen;9 sie hat einmal das Leben erfahren, das Leben, so wie es ist. Sie wird nicht zurückfallen in die Unbestimmtheit dessen, der nichts ist. Das Leben hat keine Rücksicht auf sie11 genommen. Es hat sie so behandelt, als sei sie nichts12. Es hat ihr keine Gaben geschenkt und keine Talente entwickelt. An die Stelle ihres Nichts-seins ist die Erfahrung getreten, das Wissen: so ist das Leben. Jeder, der Hoffnung hat und die Voraussicht für den nächsten Tag hofft noch, das Leben werde sich selbst dementieren, es werde sich noch von einer anderen Seite zeigen. Nur dann, wenn alles vorbei ist, weiss man, »was jeder fühlt |57 und was jedem fehlt«. »Um keine Gabe der Welt will ich geachtet sein, keinen Vorzug will ich geniessen, alles ist ein Talent, aber dies ist ein selbsterrungenes, eine einzige Gabe! um diese müsste man mich auszeichnen, ehren.« Das Leben selbst hat sie ausgezeichnet, als es sie zeichnete mit dem Stigma des Unglücks; sie hat sich dargeboten dem Schicksal, das durch sie ihren Weg nahm, »von weit her kommend und weit hin gehend« (Herder).14
Nur das vollständige Glück und das vollständige Unglück lassen das Leben im Ganzen erscheinen, weil beide die Hoffnung nicht kennen. »Wer jemals wirklich unglücklich war, der kann nicht wieder glücklich werden: wer jemals recht glücklich war, der sollte nicht wieder unglücklich werden; sonst fehlte ihm das deutliche Bewusstsein2 dabei. Darum findet man eine Grausamkeit beim Unglück; und darum ist es ein so grosser Glückfall3, glücklich |60 zu sein.« Die hoffnungslose Verzweiflung kennt sich aus, keine Erwartung macht4 sie unsicher. Ihr erschliesst sich - einziges Resultat5, das sie erntet - der gesamte Lebensablauf; sie spricht6, »wie man auf dem Totenbette spricht«, nämlich die Wahrheit7. Weil alles vorbei ist, weil das Leben kein Weiter mehr zu haben scheint, bleibt das Erlittene, das Rahel8 zu einer Bestimmten machte, nicht in seiner bestimmten Einzelheit bestehen:9 sie hat einmal das Leben erfahren, das Leben, so wie es ist. Sie wird nicht zurückfallen,10 in die Unbestimmtheit dessen, der nichts ist. Das Leben hat keine Rücksicht auf ihre Wünsche11 genommen. Es hat sie so behandelt, als gäbe es gar keine menschlichen Prätentionen12. Es hat ihr keine Gaben geschenkt und keine Talente entwickelt. An die Stelle ihres Nichts-seins ist die Erfahrung getreten, das Wissen: so ist das Leben. Jeder, der Hoffnung hat und die Voraussicht für den nächsten Tag,13 hofft noch, das Leben werde sich selbst dementieren, es werde sich noch von einer anderen Seite zeigen.
Nur das vollständige Glück und das vollständige Unglück lassen das Leben im Ganzen erscheinen, weil beide die Hoffnung nicht kennen. »Wer jemals wirklich unglücklich war, der kann nicht wieder glücklich werden: wer jemals recht glücklich war, der sollte nicht wieder unglücklich werden können1; sonst fehlte ihm das deutliche Bewußtsein2 dabei. Darum findet man eine Grausamkeit beim Unglück; und darum ist es ein so großer Glücksfall3, glücklich zu sein.« Das Leben ist eigentlich fertig, hat nichts mehr zu sagen. Die hoffnungslose Verzweiflung kennt sich aus, keine Erwartung macht4 sie unsicher. Ihr erschließt sich - einziges Resultat5, das sie erntet - der gesamte Lebensablauf; sie spricht6, »wie man auf dem Totenbette spricht«, nämlich die Wahrheit7. Weil alles vorbei ist, weil das Leben kein Weiter mehr zu haben scheint, bleibt das Erlittene, das Rahel8 zu einer Bestimmten machte, nicht in seiner bestimmten Einzelheit bestehen:9 sie hat einmal das Leben erfahren, das Leben, so wie es ist. Sie wird nicht zurückfallen in die Unbestimmtheit dessen, der nichts ist. Das Leben hat keine Rücksicht auf ihre Wünsche11 genommen. Es hat sie so behandelt, als gäbe es gar keine menschlichen Prätentionen12. Es hat ihr keine Gaben geschenkt und keine Talente entwickelt. An die Stelle ihres Nichts-seins ist die Erfahrung getreten, das Wissen: so ist das Leben. Jeder, der Hoffnung hat und die Voraussicht für den nächsten Tag,13 hofft noch, das Leben werde sich selbst dementieren, es werde sich noch von einer anderen Seite zeigen.
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Rahel hat keine Hoffnung mehr. Abgewiesen ist ihre Liebe, ausdrücklich zurückgestossen1 ihr Wille sich in eine Welt einzuordnen, deren Feindlichkeit in Allgemeinheit bekannt war und die nun auch im Einzelnen3, sie Betreffenden erprobt worden ist. Bestätigt das Benachteiligtsein, bestätigt, was sie immer schon wusste4: »seit meiner infamen Geburt musste6 das ja alles so kommen«.
Rahel hat keine Hoffnung mehr. Abgewiesen ist ihre Liebe, ausdrücklich zurückgestoßen1 ihr Wille,2 sich in eine Welt einzuordnen, deren Feindlichkeit in Allgemeinheit bekannt war und die nun auch im einzelnen3, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000063 sie Betreffenden erprobt worden ist. Bestätigt das Benachteiligtsein, bestätigt, was sie immer schon wußte4: »Seit meiner frühsten Jugend,5 seit meiner infamen Geburt, mußte6 das ja alles so kommen«.
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Es ist als habe das Schicksal sie nur gestreift, um ihr alles was sie betrifft, was sie fassen kann, mit einem einzigen Schlage einzuhämmern, als habe es sie nur berührt, um sie zu beschimpfen, sie bis zu der Erkenntnis zu demütigen, dass3 Benachteiligtsein sich nur bestätigen kann, dass4 man nur im Winkel sich zu schützen vermag, dem Schimpf nur in der Vermeidung allen Lebens, im Verzicht ausweichen |61 kann. »Vom Schicksal beschimpft, aber nicht mehr beschimpfbar«.5
Es ist,1 als habe das Schicksal sie nur gestreift, um ihr alles,2 was sie betrifft, was sie fassen kann, mit einem einzigen Schlage einzuhämmern, als habe es sie nur berührt, um sie zu beschimpfen, sie bis zu der Erkenntnis zu demütigen, daß3 Benachteiligtsein sich nur bestätigen kann, daß4 man nur im Winkel sich zu schützen vermag, dem Schimpf nur in der Vermeidung allen Lebens, im Verzicht ausweichen kann. »Vom Schicksal beschimpft, aber nicht mehr beschimpfbar5
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Aber hat sie denn so ausgezeichnet werden wollen? Ist nicht das, was ihr geschehen ist, nichts als »Unrecht«, die ungerechte Bestätigung ihres Benachteiligtseins? Gewiss ist ihr Unrecht geschehen, gewiss war das Zurückgestossenwerden die Bestätigung ihres Benachteiligtseins, aber die Bestätigung offenbart mehr als nur das, was sie bestätigt. Als Rahel nur benachteiligt war, sah sie nur sich und die schlechte Welt, den »Schlamm«. Als sie zurückgestossen wurde, als etwas Bestimmtes ihr widerfuhr, da zeigte sich ihr das Leben. Dass das Leben sie dabei unglücklich machte, ist dafür gleichgültig. »So lange wir nicht auch das Unrecht, welches uns geschieht und uns die kühlen brennenden Trnen auspresst, auch für recht halten, sind wir noch in der dicksten Finsternis, ohne Dämmerung.«
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Wie soll Rahel weiter leben? Es1 ist, als sei2 das Schicksal weiter gegangen und hätte sie mitten auf dem Wege stehen gelassen3. Das Leben4, ihr Leben geht weiter, von5 Tag zu6 Tag; und sie kann nichts dagegen tun7, dass »8die alberne Regelmässigkeit« sie »schützt« vor der Eindringlichkeit dessen9, was sie erfahren hat10. Und das Weiter des Lebens ist nicht nur die11 »alberne Regelmässigkeit12«. Woher nimmt sie das Recht, so zu reden, da doch das13 Leben nicht denkbar ist14 ohne den sicheren Wechsel von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen; nicht denkbar15 ohne das Hoffen des Tages auf die Nacht, die schlafen lässt - immer wieder |58 schlafen lässt16 und nichts als dies, und die Nacht, die17 in ihrer ewigen Gleichheit die Geschichte des Tages aufhebt. Die »Müdigkeit schützt vor Raserei«, »wir müssen wissen, dass18 wir schlafen werden, das schützt uns«.19 Weil das Leben weiter geht, unbekümmert darum, dass20 es eigentlich vorbei ist, weil Rahel immer wieder in die gleiche Nacht sinkt, ist sie »weder21 dem Wahnsinn noch22 dem Tod« verfallen, sondern der Genesung. Der Genesung verfallen24, - denn wollen kann25 sie die Genesung nicht26, wie sie nichts27 vergessen kann28. Die29 Genesung:30 ist das nicht doch31 der Rückfall, der Ausweg vor dem Schmerz, der ihr die Existenz garantierte? Das, was ihr geschehen ist, ist mehr als nur der Schmerz, den sie vielleicht festhalten könnte, täglich und stündlich, um das natürliche Weiter, die natürliche Freude am neuen Tag abzuschneiden. Aber das wäre eine Verfälschung. Sie würde den Schmerz verwechseln mit ihrer Geschichte. Sie würde vergessen, dass alles vorbei ist. Sie würde das Vorbei, wenn sie es nur im Schmerz hätte, in die Gegenwart verwandeln; das Geschehene würde seine Realität verlieren und langsam eine Möglichkeit des eigenen Selbst werden. Das Leben selbst, das weiterlebt, das keine Rcksicht auf den Menschen nimmt, für den alles vorbei ist, lässt »genesen«; es lässt das Vergangene mit jedem Tag vergangener werden, ohne dass es deshalb ungeschehen würde. Im Weiter wird gerade die Konsequenz des Vergangenen weitergelebt; diese Konsequenz, das »Continuum der Dinge« (Herder) ist unabhängig von Vergessen oder Erinnerung. Im Weiter vollzieht sich das, was mit dem Menschen geschieht, sein Schicksal, das nur dann seiner Realität, seiner Konsequenz anheimgegeben ist, wenn der Mensch sich nicht in seinen Erinnerungen verfängt. Wie aber steht es mit Rahel? Sie, die weiss, dass das Weiter des Lebens auch in seiner albernen Regelmässigkeit zu respektieren ist, |59 sie, die schon erfahren hat, dass der Schmerz »zufällig« ist, sie hat zu viel erfahren, um auf die Zeit, »neue Umstände und neue Kräfte« (Herder) hoffen zu können. Wie steht es mit ihr, der das Schicksal gleich auf einmal alles gemacht hat und die für sich selbst nur noch ein lebendiges Zeichen ist für das, was ihr geschehen ist? Das Schicksal hat sie »jenseits« alles dessen gestellt, was überhaupt noch geschehen kann. »Vom Schicksal beschimpft, aber nicht mehr beschimpfbar«. Das Leben, dem sie sich ergab, hat sie nicht nur gezeichnet; da sie ihm nichts entgegensetzte, hat es sie ganz und gar zum Zeichen gemacht. Ihr bleibt nichts übrig, als die »Wahrheit zu sagen«, Zeugnis abzulegen, die »vortreffliche Ernte der Verzweiflung« einzusammeln. Und wie sie früher schmiegsam sein musste, um nur überhaupt getroffen, vom Leben bemerkt zu werden, wie früher selbst jede Gabe und jedes Talent nur das Schicksal hätte hindern können, so muss sie jetzt, da alles vorbei ist, »sich zur Wand, zu etwas Undurchdringlichem machen«, um mit allem, was ihr in der Welt entgegensteht, »mit Sachen und mit Menschen, die sich zu Sachen aufwerfen, kämpfen« zu können.32
Alles1 ist vorbei, nur2 das Leben, das dumme uneinsichtige Leben geht weiter3. Am Schmerz4, am Unglück stirbt man nicht.5 Tag um6 Tag erwacht man7, tut wie8 die Andern9, geht schlafen10. In der11 »albernen Regelmässigkeit12« sind schon grössere Unglücke verklungen als das, sitzen gelassen zu sein. Kein13 Leben ist vorstellbar14 ohne den sicheren Wechsel von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen; ohne das Hoffen des Tages auf die Nacht, die schlafen lässt - immer wieder schlafen lässt16 und wenig mehr als das, die Nacht, die17 in ihrer ewigen Gleichheit die Geschichte des Tages aufhebt. Die »Müdigkeit schützt vor Raserei«, »wir müssen wissen, dass18 wir schlafen werden, das schützt uns«.19 Weil das Leben weiter geht, unbekümmert darum, dass20 es eigentlich vorbei ist, weil Rahel immer wieder in die gleiche Nacht sinkt, ist sie »weder21 dem Wahnsinn noch22 dem Tod« verfallen, sondern unausweichlich23 der Genesung, die25 sie nicht wollen darf26, wie sie nicht27 vergessen will28. Genesung -30 ist das nicht schon31 der Rückfall, der Ausweg vor dem Schmerz, der ihr die Existenz garantierte?
Alles1 ist vorbei, nur2 das Leben, das dumme, uneinsichtige Leben geht weiter3. Am Schmerz4, am Unglück stirbt man nicht.5 Tag um6 Tag erwacht man7, tut wie8 die andern9, geht schlafen10. In der11 »albernen Regelmäßigkeit12« sind schon größere Unglücke verklungen als das, daß einer eine sitzen gelassen hat. Kein13 Leben ist vorstellbar14 ohne den sicheren Wechsel von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen; ohne das Hoffen des Tages auf die Nacht, die schlafen läßt16 und in ihrer ewigen Gleichheit die Geschichte des Tages aufhebt. Die »Müdigkeit schützt vor Raserei«, »wir müssen wissen, daß18 wir schlafen werden, das schützt uns19 Weil das Leben weitergeht, unbekümmert darum, daß20 es eigentlich vorbei ist, weil Rahel immer wieder in die gleiche Nacht sinkt, ist sie nicht »21dem Wahnwitz oder22 dem Tod« verfallen, sondern unausweichlich23 der Genesung, die25 sie nicht wollen darf26, wie sie nicht27 vergessen will28. Genesung -30 ist das nicht schon31 der Rückfall, der Ausweg vor dem Schmerz, der ihr die Existenz garantierte?
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Das was ihr geschehen ist, ist mehr als nur der Schmerz, den sie vielleicht festhalten könnte, täglich und stündlich, um das natuerliche2 Weiter, die natürliche Freude am neuen Tag zu verhindern. Die Regelmässigkeit3 ist nicht so »albern«, als Jugend geneigt ist zu glauben. Sie allein schützt davor, den Schmerz zu verwechseln mit seinem Inhalt4. Sie beschwichtigt die reine und ausdruckslose Klage - alles ist vorbei - und hindert gerade darum, Vergangenes als Gegenwärtiges immer neu zu erleben, Realitätscharaktere zu verwischen und Vergängliches zu verewigen. Das |62 Leben selbst, das weiter läuft, das auf den Menschen, für den alles vorbei ist, keine Rücksicht nimmt, lässt5 das Vergangene mit jedem Tag vergangener werden, ohne es deshalb ungeschehen zu machen. Im Weiter wird gerade die Konsequenz des Vergangenen weitergelebt. Die Konsequenz des Zeitlichen, sein Kontinuum, ist unabhängig vom böswilligen6 Vergessen oder wehmütiger Erinnerung. Im Weiter vollzieht sich des Menschen Schicksal, das nur dann seiner Realität, seiner Konsequenz anheimgegeben ist, wenn der Mensch sich nicht in seinen Erinnerungen verfängt.
Das,1 was ihr geschehen ist, ist mehr als nur der Schmerz, den sie vielleicht festhalten könnte, täglich und stündlich, um das natürliche2 Weiter, die natürliche Freude am neuen Tag zu verhindern. Die Regelmäßigkeit3 ist nicht so »albern«, als Jugend geneigt ist zu glauben. Sie allein schützt davor, den Schmerz zu verwechseln mit dem, was geschehen ist4. Sie beschwichtigt die reine und ausdruckslose Klage - alles ist vorbei - und hindert gerade darum, Vergangenes als Gegenwärtiges immer neu zu erleben, Realitätscharaktere zu verwischen und Vergängliches zu verewigen. Das Leben selbst, das weiterläuft, das auf den Menschen, für den alles vorbei ist, keine Rücksicht nimmt, läßt5 das Vergangene mit jedem Tag vergangener werden, ohne es deshalb ungeschehen zu machen. Im Weiter wird gerade die Konsequenz des Vergangenen weitergelebt. Die Konsequenz des Zeitlichen, sein Kontinuum, ist unabhängig |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000064 von böswilligem6 Vergessen oder wehmütiger Erinnerung. Im Weiter vollzieht sich des Menschen Schicksal, das nur dann seiner Realität, seiner Konsequenz anheimgegeben ist, wenn der Mensch sich nicht in seinen Erinnerungen verfängt.
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Rahel kennt keine Heimat in der Welt, in die sie sich vor dem Schicksal zurückziehen könnte; sie hat ihm nichts entgegenzusetzen. Ihr bleibt nichts übrig, als die »Wahrheit zu sagen«, Zeugnis abzulegen, die »vortreffliche Ernte der Verzweiflung« einzusammeln. Und wie sie früher schmiegsam sein musste1, um nur überhaupt getroffen, vom Leben bemerkt zu werden, wie früher selbst jede Gabe, jedes Talent nur das Schicksal hätte hindern können, so muss2 sie jetzt da alles vorbei ist, sich zur »Wand, zu etwas Undurchdringlichem machen«, um mit allem, was ihr in der Welt entgegensteht, »mit Sachen und mit Menschen, die sich zu Sachen aufwerfen, kämpfen« zu können.
Rahel kennt keine Heimat in der Welt, in die sie sich vor dem Schicksal zurückziehen könnte; sie hat ihm nichts entgegenzusetzen. Ihr bleibt nichts übrig, als die »Wahrheit zu sagen«, Zeugnis abzulegen, die »vortreffliche Ernte der Verzweiflung« einzusammeln. Und wie sie früher schmiegsam sein mußte1, um nur überhaupt getroffen, vom Leben bemerkt zu werden, wie früher selbst jede Gabe, jedes Talent nur das Schicksal hätte hindern können, so muß2 sie jetzt,3 da alles vorbei ist, sich zur »Wand, zu etwas Undurchdringlichem machen«, um mit allem, was ihr in der Welt entgegensteht, »mit Sachen und mit Menschen, die sich zu Sachen aufwerfen, kämpfen« zu können.
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In dieser1 Versteinerung ist sie bereit, weiterzuleben2, sich abzufinden damit, »dass4 das Leben seinen Gang fortgeht, wir mögen in uns tragen was wir wollen«. Es darf, es kann sich nichts mehr ändern, nicht sie, nicht die Umstände. Es darf keinen Trost geben. Trost wäre nur der Schleier vor der Wahrheit, - »abscheulich wäre es, mich zu trösten. Das beste6, was man hat, so fahren lassen! um nichts. Aus leerer Hoffnung, etwas Besseres zu haben, aus leerer, gemeiner,7 angelernter Hoffnung:8 und man bekommt nichts Besseres; man fühlt es gleich. ...9 Ich sollte mich trösten? Gott bewahre! ich will gar nicht. Das wäre das Abscheulichste«.10 Sie, die Veränderlichste, die überhaupt nur das Leben zu dem gemacht hat, |60 was sie ist, sie, die ein Nichts war, sie12 glaubt, unveränderlich zu werden, »erhaben« über alles, was das Leben und die Zeit vermögen. »Ich bin wie ich war«, schreibt sie Veit, »und nie, nie! sollen Sie mich verändert finden; und fänden sie14 mich im Tollhause, eine papierne Krone auf dem Haupte, erschrecken Sie nicht, Sie finden die Freundin wieder. ...15 Ganz aufgelöst, zerstört, nicht wieder müssten16 Sie mich finden, um mich anders zu finden.«
In solcher1 Versteinerung ist sie bereit weiter zu leben2, sich abzufinden,3 damit, »dass4 das Leben seinen Gang fortgeht, wir mögen in uns tragen,5 was wir wollen«. Es darf, es kann sich nichts mehr ändern, nicht sie, nicht die Umstände. Es darf keinen Trost geben. Trost wäre nur der Schleier vor der Wahrheit, - »abscheulich wäre es, mich zu trösten. Das beste6, was man hat, so fahren lassen! um nichts. Aus leerer Hoffnung, etwas Besseres zu haben, aus leerer, gemeiner;7 angelernter Hoffnung;8 und man bekommt nichts |63 Besseres; man fühlt es gleich. .. Ich sollte mich trösten? Gott bewahre! ich will gar nicht. Das wäre das Abscheulichste10 Sie, die Veränderlichst e, die Nichts war, die11 überhaupt nur das Leben zu dem gemacht hat, was sie ist, sie glaubt, unveränderlich zu werden, »erhaben« über alles, was das Leben und die Zeit vermögen. »Ich bin wie ich war«, schreibt sie an13 Veit, »und nie, nie! sollen Sie mich verändert finden; und fänden Sie14 mich im Tollhause, eine papierne Krone auf dem Haupte, erschrecken Sie nicht, Sie finden die Freundin wieder. .. Ganz aufgelöst, zerstört, nicht wieder müssten16 Sie mich finden, um mich anders zu finden.«
In solcher1 Versteinerung ist sie bereit, weiterzuleben2, sich abzufinden damit, »daß4 das Leben seinen Gang fortgeht, wir mögen in uns tragen,5 was wir wollen«. Es darf, es kann sich nichts mehr ändern, nicht sie, nicht die Umstände. Es darf keinen Trost geben. Trost wäre nur der Schleier vor der Wahrheit, - »abscheulich wäre es, mich zu trösten. Das Beste6, was man hat, so fahren lassen! um nichts. Aus leerer Hoffnung, etwas Besseres zu haben, aus leerer, gemeiner,7 angelernter Hoffnung;8 und man bekommt nichts Besseres; man fühlt es gleich. ...9 Ich sollte mich trösten? Gott bewahre! ich will gar nicht. Das wäre das Abscheulichste10 Sie, die Veränderlichste, die überhaupt nur das Leben zu dem gemacht hat, was sie ist, sie, die ein Nichts war, sie12 glaubt, unveränderlich zu werden, »erhaben« über alles, was das Leben und die Zeit vermögen. »Ich bin wie ich war«, schreibt sie an13 Veit, »und nie, nie! sollen Sie mich verändert finden; und fänden Sie14 mich im Tollhause, eine papierne Krone auf dem Haupte, erschrecken Sie nicht, Sie finden die Freundin wieder. ...15 Ganz aufgelöst, zerstört, nicht wieder müßten16 Sie mich finden, um mich anders zu finden.«
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Nur dann, wenn alles vorbei ist, weiss1 man, »was jeder fühlt und was jedem fehlt«. »Um keine Gabe will ich geachtet sein, keinen Vorzug will ich geniessen2, alles ist ein Talent, aber dies ist ein selbsterrungenes, eine einzige Gabe! um diese müsste3 man mich auszeichnen, ehren.« Das Leben selbst hat sie ausgezeichnet, als es sie mit dem Stigma des Unglücks zeichnete, als es ihr den »Mangel« und das ewige »Defizit« aufprägte, aus dem »was jedem fehlt« ableitbar wird6.
Nur dann, wenn alles vorbei ist, weiß1 man, »was jeder fühlt und was jedem fehlt«. »Um keine Gabe will ich geachtet sein, keinen Vorzug will ich genießen2, alles ist ein Talent, aber dies ist ein selbsterrungenes, eine einzige Gabe! um diese müßte3 man mich auszeichnen, ehren.« Das Leben selbst hat sie ausgezeichnet, als es sie mit dem Stigma des Unglücks zeichnete, als es ihr den »Mangel« und das ewige »Defizit« aufprägte, aus dem das,4 »was jedem fehlt«,5 ableitbar ist6.
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In dieser Zeit der Starre wird Rahel einem grösseren Kreise bekannt1. Ihr kleines Zimmer in Berlin2 wird mehr und mehr Treffpunkt auch für die Bedeutenden der Zeit. - Ihr Kreis erhält ein besonderes Gepräge durch3 ihre Bekanntschaft4 mit dem Prinzen Louis Ferdinand. Sie wird seine Vertraute, und sie hat kaum einem anderen gegenüber so rein das dargestellt, was ihr jetzt noch bleibt5. Sie hört ihn an und sagt ihm, dem preussischen Prinzen6, bedingungslos die Wahrheit. Sie ist sich der Chance ihres gesellschaftlichen Outsidertums bewusst,7 sie ist zum ersten Mal8 stolz darauf, eine Jüdin zu sein: »Solche Bekanntschaft soll er noch nicht genossen haben. Ordentliche Dachstuben-Wahrheit wird er hören. Bis jetzt kannte er nur Marianne10, aber die ist getauft,11 und Prinzess,12 und Frau von Eibenberg, was will das sagen?!13« Er nennt14 sie seine »moralische Hebamme«. Sie lernt in diesem Jahre (1800)15, kurz bevor sie nach Paris fährt, auch Jean Paul kennen. Bei16 ihr verkehren vorzugsweise der hohe Adel und die Schauspieler. Rahel hat keine eigentlichen Prätensionen mehr17, sie will nichts mehr für sich, seitdem »ihr abgeschlagen wurde, ist ihr nichts heiliger, als das Leisten«. Sie macht sich undurchdringlich und bleibt ausserhalb des sozialen Raumes. Jeder darf zu ihr und jeder will zu ihr -18 »königliche Prinzen, fremde Gesandte, Künstler, Gelehrte,20 oder Geschäftsmänner jeden Ranges, Gräfinnen und Schaupielerinnen« (Brinckmann).21
Rahels Dachstübchen erhält Zulauf aus allen Kreisen des damaligen Berlin1. Ihre »einzige Gabe«2 wird eine Art Attraktion und3 ihre Freundschaft4 mit dem Prinzen Louis Ferdinand eine Art Propaganda5. Sie ist sich der Chance ihres gesellschaftlichen Outsidertums damals noch bewusst6, weil sie reell da war; ja7 sie ist einen kurzen Augenblick8 stolz darauf, eine Jüdin zu sein: »Solche Bekanntschaft soll er (Louis Ferdinand)9 noch nicht genossen haben. Ordentliche Dachstuben-Wahrheit wird er hören. Bis jetzt kannte er nur Marianne10, aber die ist getauft und Prinzess12 und Frau von Eibenberg, |64 was will das sagen?« Weil14 sie eine Jüdin ist15, darf jeder zu16 ihr, will jeder bei ihr verkehren -18 »königliche Prinzen, fremde Gesandte, Künstler, Gelehrte oder Geschäftsmänner jeden Ranges, Gräfinnen und Schauspielerinnen« (Brinckmann). Ausserhalb der Gesellschaft konnte man sich nicht einmal kompromittieren.21
Rahels Dachstübchen in der Jägerstraße erhält in diesen Jahren Zulauf aus allen Kreisen des damaligen Berlin1. Ihre »einzige Gabe«2 wird eine Art Attraktion und3 ihre Freundschaft4 mit dem Prinzen Louis Ferdinand eine Art Propaganda5. Sie ist sich der Chance ihres gesellschaftlichen Outsidertums damals noch bewußt6, weil sie reell da war; ja7 sie ist einen kurzen Augenblick lang8 stolz darauf, eine Jüdin zu sein: »Solche Bekanntschaft soll er (Louis Ferdinand)9 noch nicht genossen haben. Ordentliche Dachstuben-Wahrheit wird er hören. Bis jetzt kannte er nur Mariane10, aber die ist getauft und Prinzeß12 und Frau von Eibenberg, was will das sagen?« Weil14 sie eine Jüdin ist15, darf jeder zu16 ihr, kann sie einen Kreis bilden,18 »in welchen aufgenommen zu werden,19 königliche Prinzen, fremde Gesandte, Künstler, Gelehrte oder Geschäftsmänner jeden Ranges, Gräfinnen und Schauspielerinnen ... sich gleich eifrig bemühten; und wo jeder von ihnen nicht mehr Wert, aber auch nie weniger hatte, als er selbst durch seine gebildete Persönlichkeit geltend zu machen vermochte« (Brinckmann).21
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In der »gebildeten Persönlichkeit« meint Brinckmann mehr als drei Jahrzehnte später nach Rahels Tod das Gemeinsame zu erkennen, das die außerordentlich verschiedenen und disparaten Existenzen der Besucher des Dachstübchens zusammenhielt. Das Wort war damals schon, als Brinckmann es an Varnhagen schrieb, ein Klischee und läßt kaum erkennen, wie weit die Möglichkeiten gespannt waren und wie sehr alle, die zu ihr kamen, nur durch sie selbst, ihre Originalität, ihren Witz und ihre lebendige Ursprünglichkeit zusammengehalten wurden. In die Jägerstraße kamen die Prinzen und Fürsten des Herrscherhauses, der Prinz Louis Ferdinand, der von Rahel meinte, sie sei »eine moralische Hebamme, und accouchierte einen so sanft und schmerzlos, daß selbst von den peinlichsten Ideen dadurch ein sanftes Gefühl zurückbliebe«, mit seiner Geliebten, der Pauline Wiesel, aber auch mit seinem Schwager, dem Fürsten Radziwill; es kamen Minister und Diplomaten, der Geheime Staatsrat Stägemann (der zwanzig Jahre später sich weigerte, Rahel, die nun Frau von Varnhagen war, zu empfangen), der schwedische Gesandte Brinckmann, Peter von Gualtieri, der zur Gesellschaft des Hofes gehört, nie etwas geschrieben hat, und von Rahel zu den »vier Eitlen« gerechnet und sehr geschätzt wurde, denn »er war eines höheren Grades von Schmerz fähig als alle mir bekannten Menschen ... er ertrug ihn schlechterdings nicht«, der Graf Tilly, der »ungeheuer gut« spricht: »Ich bin ihm ein Sprechsaal, er mir eine Art von |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000066 Lebenaufführer«; daneben die Jugendfreunde, der jüdische Arzt David Veit und Wilhelm von Burgsdorff, der seine Zeit mit jenem vornehmen Dilettantismus verbrachte, der von jeher das Vorrecht des Adels war, jetzt aber als Selbstbildung neuen Wert und Rang bekommt; dazwischen die berühmten Schauspieler, Fleck und die Unzelmann, in die alle verliebt sind, die Christel Eigensatz, die Geliebte von Gentz, und die berühmte Sängerin Marchetti; dazu die Originale, die böhmische Gräfin Pachta, die ihrem Mann weglief und mit irgendeinem Bürgerlichen zusammenlebte, und die Gräfin Schlabrendorf, die zuweilen Männerkleider trägt und mit Rahel zusammen nach Paris muß, weil sie ein illegitimes Kind erwartet; viel selbstverständlicher war, daß die bekannten Schriftsteller und Publizisten der Zeit sich nahezu vollständig bei ihr versammelten, die Brüder Humboldt, wiewohl beide sie nicht leiden mochten, Friedrich Schlegel, Brentano, Fouqué, Ludwig und Friedrich Tieck, Chamisso, Gentz, Schleiermacher, der Altphilologe Friedrich August Wolf, Jean Paul, der ihr schön und gerecht schmeichelte: »Sie behandeln das Leben poetisch, und das Leben daher Sie.« Man könnte die Liste beliebig verlängern, denn Varnhagen hat alles getreulich gesammelt, die Personen wie die von ihnen stammenden Komplimente an Rahel, und seinen Denkwürdigkeiten und der Galerie von Bildnissen einverleibt. Eines ist klar: für eine kurze Zeit hat sich alles, was in der Gesellschaft Rang und Namen hatte, den gesellschaftlichen Ordnungen und Konventionen entzogen, war ihnen entlaufen. Der jüdische Salon in Berlin war der soziale Raum außerhalb der Gesellschaft, und Rahels Dachstube stand noch einmal außerhalb der Konventionen und Gepflogenheiten auch des jüdischen Salons.
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Die Berliner Ausnahmejuden in ihrer Jagd nach Bildung und Reichtum haben drei Jahrzehnte lang Glück gehabt. Der jüdische Salon, das immer wieder erträumte Idyll einer gemischten Geselligkeit, war das Produkt der zufälligen Konstellation in einer gesellschaftlichen Übergangsepoche. Die Juden wurden zu Lückenbüssern1 zwischen einer untergehenden und einer noch nicht etablierten2 Geselligkeit. Adel und Schauspieler, beide ausserhalb3 der bürgerlichen Gesellschaft stehend - wie die Juden - beide gewohnt eine Rolle zu spielen, zu repräsentieren, sich auszudrücken, darzustellen, »was man ist« - und nicht nur wie der Bürger (nach einem Wort aus dem Wilhelm Meister) »zu zeigen was man hat« - sie gaben in den jüdischen Häusern der heimatlosen bürgerlichen Bildung einen Boden und ein Echo, das sie nirgends anderswo zu finden hoffen durften. Juden wurden in dem gelockerten Konventionsgefüge der Zeit in der gleichen Weise gesellschaftsfähig wie die Schauspieler: beiden attestiert der Adel ihre sehr6 bedingte Hoffähigkeit.
Die Berliner Ausnahmejuden in ihrer Jagd nach Bildung und Reichtum haben drei Jahrzehnte lang Glück gehabt. Der jüdische Salon, das immer wieder erträumte Idyll einer gemischten Geselligkeit, war das Produkt der zufälligen Konstellation in einer gesellschaftlichen Übergangsepoche. Die Juden wurden zu Lückenbüßern1 zwischen einer untergehenden und einer noch nicht stabilisierten2 Geselligkeit. Adel und Schauspieler, beide außerhalb3 der bürgerlichen Gesellschaft stehend - wie die Juden - beide gewohnt,4 eine Rolle zu spielen, zu repräsentieren, sich auszudrücken, darzustellen, »was man ist« - und nicht nur wie der Bürger (nach einem Wort aus dem Wilhelm Meister) »zu zeigen,5 was man hat« - sie gaben in den jüdischen Häusern der heimatlosen bürgerlichen Bildung einen Boden und ein Echo, das sie nirgends anderswo zu finden |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000067 hoffen durften. Juden wurden in dem gelockerten Konventionsgefüge der Zeit in der gleichen Weise gesellschaftsfähig wie die Schauspieler: beiden attestiert der Adel ihre bedingte Hoffähigkeit.
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164
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So wenig wie die deutsche Bildung in irgendeiner Gesellschaftsschicht verankert war, so wenig waren die jüdischen Salons, obwohl Zentren gebildeter Geselligkeit, ein Zeichen für die gesellschaftliche Verwurzelung der deutschen Juden. Das genaue Gegenteil ist der Fall: gerade weil die Juden ausserhalb1 der Gesellschaft standen, wurden sie für kurze Zeit eine Art neutralen Bodens |65 , auf dem sich die Gebildeten trafen. Und genau wie der jüdische Einfluss2 auf den Staat erlischt, sobald das Bürgertum sich seiner bemächtigt hatte, genau so wird - nur viel früher schon - das jüdische Element in der Gesellschaft wieder eliminiert, sobald sich nur die ersten Ansätze einer bürgerlichen gebildeten Geselligkeit zeigten.
Sowenig wie die deutsche Bildung in irgendeiner Gesellschaftsschicht verankert war, sowenig waren die jüdischen Salons, obwohl Zentren gebildeter Geselligkeit, ein Zeichen für die gesellschaftliche Verwurzelung der deutschen Juden. Das genaue Gegenteil ist der Fall: gerade weil die Juden außerhalb1 der Gesellschaft standen, wurden sie für kurze Zeit eine Art neutralen Bodens, auf dem sich die Gebildeten trafen. Und genau wie der jüdische Einfluß2 auf den Staat erlischt, sobald das Bürgertum sich seiner bemächtigt hatte, genauso wird - nur viel früher schon - das jüdische Element in der Gesellschaft wieder eliminiert, sobald sich nur die ersten Ansätze einer bürgerlichen gebildeten Geselligkeit zeigten.
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Es ist bei der Fülle derer, die dort aus und ein gehen1, schwer, irgendein2 Auswahlprinzip zu erkennen. Walter von Gualtieri,3 der am Hofe verkehrt - warum kommt er zu ihr, warum lässt sie ihn zu sich, den sie doch unter die »vier Eitlen« rechnet? »Er war eines höheren Grades4 von Schmerz fähig als alle mir bekannten Menschen«5. Die grossen Schauspielerinnen, die Unzelmann, die Marchetti6, daneben Generäle, daneben Friedrich Schlegel, daneben die Gräfin Pachta7 und die Gräfin Schlabrendorf8, Frauen, die den Mut hatten, sich ausserhalb der Gesellschaft9 zu stellen wie Rahel von Anbeginn ausserhalb stand. Von ihnen lernt10 sie die Verachtung der Konventionen11, die ihr so nötig ist, da die Konvention ohnehin für sie nicht gemeint ist12. Josefine von Pachta ging von ihrem Mann weg13, um achtzehn Jahre lang ohne Heirat mit einem bürgerlichen Professor in Prag zusammen zu leben14. Die Gräfin Schlabrendorf begleitet Rahel nach Paris15, weil sie illegitimer Weise in anderen Umständen16 ist. Beide lieben an Rahel das jederzeit bereite Verständnis für den Schmerz17, das Wissen von dem, »was jeder fühlt18 und was jedem fehlt«. Wie für sie selbst alles vorbei ist, wie sie für19 sich selbst nur noch Zeichen ist, kann sie das Wirkliche nehmen wie es ist20. Dass sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen ist, wird zur Freiheit von allen Konventionen. Ihr Salon ist gebunden an diese soziale Neutralität - an dies Offensein für jeden und jede. Rahel kann sich weder geehrt noch kompromittiert fühlen. Sie ist für jeden da und gibt jedem so viel, als er zu nehmen bereit ist. Dass die Welt von ihr nimmt, schützt sie in der Versteinerung vor dem »Totsein«. Sie ist letztlich gleichgültig gegen jeden, und hat doch Angst, auch nur Einen zu verlieren. »Wenn ich Sie verlöre«, schreibt sie an Brinckmann, »verlör ich einen grossen Teil von mir selbst. Denn eine Seite kennen Sie in mir, die niemand |62 kennt ausser Sie - ... und die muss erkannt werden, sonst ist sie tot.« - Das Misstrauen der Menschen gegen ihre Zweideutigkeit nimmt ab. Sie ist undurchdringlich geworden, sie verschweigt etwas Bestimmtes, das sie auch anvertrauen könnte. Und ihr Bedürfnis anzuvertrauen, wächst mit jedem Tag, an dem das Vergangene vergangener wird. Es wächst die Angst, es könnte versinken; das wofür sie Zeichen ist, könnte seine Realität verlieren. Sie beginnt sich selbst zu zeigen wie ein »Spektakel«.21
In solch vagem idyllischem Durcheinander, das der jüdische Salon jener Zeit darstellte1, konnte es kein2 Auswahlprinzip gesellschaftlicher Art geben. Die aus3 der Gesellschaft jeder Art und jeden begrenzten Standes Ausgeschlossenen, beherrschte eine unglaubliche Freiheit4 von allen Konventionen5. Rahel hatte unter den Besuchern sehr wenig wirkliche Freunde6, war letztlich gleichgültig gegen alle7 und hatte doch Angst8, auch nur einen9 zu verlieren. »Wenn ich Sie verlöre« schreibt10 sie an Brinckmann11, »verlör ich einen grossen Teil von mir selbst12. Denn eine Seite kennen Sie in mir13, die niemand kennt ausser Sie (sic!) -14 .. und die muss erkannt werden15, sonst16 ist sie tot.« Sie glaubt sich erhaben17, jenseits des Spiels des Lebens18 und schützt19 sich vor dem Totsein durch Berührung mit vielen20. Das Misstrauen der Menschen gegen ihre Zweideutigkeit nimmt deutlich ab. Sie ist undurchdringlich geworden und verschweigt etwas Bestimmtes, eine bestimmte Schmach, die sie auch anvertrauen könnte. Mit jedem Tag, da das Vergangene vergangener wird, wächst ihr Bedürfnis nach Aussprache. Es wächst die Angst, es könnte versinken; das wofür sie Zeichen ist, könnte seine Realität verlieren. Sie möchte sich selbst zeigen wie ein »Spektakel«. Denn noch weiss sie nicht, was sie nun eigentlich mit sich selbst, mit der Ruine ihrer selbst beginnen |66 soll. So jedenfalls kann man nicht weitermachen, nur stumm bestehen auf dem was gewesen ist und warten, bis endlich der Tod einen wegnimmt. »Sterben muss ich, aber tot werde ich nicht sein.«21
In solch vagem idyllischen Durcheinander, das der jüdische Salon jener Zeit darstellte1, konnte es kein2 Auswahlprinzip gesellschaftlicher Art geben. Außerhalb3 der Gesellschaft jeder Art und jeden begrenzten Standes herrscht eine unglaubliche Freiheit4 von allen Konventionen5. Rahel hat unter den Besuchern sehr wenig wirkliche Freunde6, ist letztlich gleichgültig gegen alle7 und hat doch Angst8, auch nur einen9 zu verlieren. »Wenn ich Sie verlöre«, schreibt10 sie an Brinckmann11, »verlör ich einen großen Teil von mir selbst12. Denn eine Seite kennen Sie in mir13, die niemand kennt außer Sie (sic!) .14.. und die muß erkannt werden15, sonst16 ist sie tot.« Sie glaubt sich erhaben17, jenseits des Spiels des Lebens18 und schützt19 sich vor dem Totsein durch Berührung mit vielen20.
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Denn so kann man2 nicht weiter leben3. So kann man nur bestehen auf dem, was man geworden7 ist, bleiben8 und warten, bis endlich der Tod einen wegnimmt. »Sterben muss9 ich,10 aber tot werde11 ich nicht sein«12. Gestorben für alles, was noch kommen13 kann, aber nicht tot14, so soll sie weiter leben. Wie kann man weiter leben15?
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Das Mißtrauen der Menschen gegen ihre Zweideutigkeit nimmt deutlich ab. Sie ist undurchdringlich geworden und verschweigt etwas Bestimmtes, eine bestimmte Schmach, die sie auch anvertrauen könnte. Mit jedem Tag, da das Vergangene vergangener wird, wächst ihr Bedürfnis nach Aussprache. Es wächst die Angst, es könnte versinken; das, wofür sie Zeichen ist, könnte seine Realität verlieren. Sie möchte sich selbst zeigen wie ein »Spektakel«.1 Denn noch weiß sie2 nicht, was sie nun eigentlich mit sich selbst, mit der Ruine ihrer selbst beginnen soll3. So jedenfalls4 kann man nicht weitermachen,5 nur stumm6 bestehen auf dem, was gewesen7 ist und warten, bis endlich der Tod einen wegnimmt. »Sterben muß9 ich:10 aber tot werd’11 ich nicht sein.« Wie also13 kann man weiterleben14, wenn alles vorbei ist15?
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Schleiermacher
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5. Kapitel Wie kann man weiter leben?
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Schleiermacher.
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Vielleicht ist das, was einem Menschen geschieht, nur dazu da, seine Eigentümlichkeit zu vollenden. Vielleicht ist die Vollendung,1 in der man sich von der Wirklichkeit isoliert2, das, um dessentwillen alles geschah. Hat das vollendete Individuum3, »das geschlossene Ganze« in einem4 »erhabenen Augenblick5«, in welchem das Unendliche auf das Endliche traf6, nicht alles schon erfahren, was dem Menschen7 erfahrbar ist? Ist es nicht richtig, dass er8 danach versteint, ein lebendiges Wahrzeichen seiner Eigentümlichkeit, die unveränderlich,9 fixiert bestehen bleibt? Was kann der Mensch sich mehr wünschen als ein »verewigtes Ich« zu sein und12 einzugehen in das »Universum«, ein »Teil des Universums« zu werden, das13 sich ihm als unendliches14 offenbart hat? So kann der Mensch »jenseits« stehen, jenseits15 der Zeit, jenseits der16 »eitlen Hoffnung« und der »gemeinen Klage«, wenn er17 nur bei18 dem Augenblick bleibt19, der selbst »kein Teil des zeitlichen Lebens mehr ist«. Vielleicht kann man dem Zwang des Weiterlebens ausweichen, indem man den ersten |63 erhabenen Augenblick, der den Menschen zu einem Individuum machte23, immer wieder24 wiederholt; wenn25 man sich an das »Gebiet der Ewigkeit« hält, das in ihm garantiert wurde, und in das,26 das »verewigte ich27« jederzeit zurückkehren kann, weil es »jederzeit den Strom des zeitlichen Lebens hemmen und durchschneiden kann«. Der Augenblick hat Zeit und Leben sistiert und der Vollendung sein Siegel aufgeprägt28. Das Vollendete hat immer nur eine Geschichte gehabt, als Vollendetes kann es nur untergehen. Jede Vergangenheit wird zum Entstehen, jede Zukunft zum Vergehen, Zerfall des Vollendeten im Alter oder Untergang im29 Tod. Wie der Mensch in der Isoliertheit von allem Geschehen30 ein Stück Natur, ein »Teil des Universums« wird, so ist er, wenn seine Einmaligkeit zum Vollendeten finiert31 ist, der Zeit enthoben; die Zeit hat aufgehört, das »Continuum32 der Dinge«33 zu sein34.
Vielleicht ist das, was einem Menschen geschieht, nur dazu da, seine Eigentümlichkeit zu vollenden. Hat das Individuum sich nicht1 in dem »erhabenen Augenblick«2, in welchem der Chock des Unendlichen auf es traf3, bereits4 »vollendet5«, zu einem »geschlossenen Ganzen« gebildet6, nicht alles schon erfahren, was ihm7 erfahrbar ist? Ist es nicht richtig, dass es8 danach versteint, ein lebendiges Wahrzeichen seiner Eigentümlichkeit, die unveränderlich fixiert bestehen bleibt bis zu seinem Tod10? Was kann der Mensch sich mehr wünschen,11 als ein »verewigtes Ich« zu sein, als Teil12 einzugehen in das »Universum«, dessen unendliche Vollkommenheit13 sich ihm offenbart hat? Jenseits steht er nun fortab15 der »eitlen Hoffnung« und der »gemeinen Klage«, wenn es ihm17 nur gelingt, sich an18 dem Augenblick festzuhalten19, der selbst »kein Teil des zeitlichen Lebens mehr ist«. Vielleicht kann man dem Zwang des Weiterlebens und seiner notwendigen Trivialität20 ausweichen, indem man den ersten »21erhabenen Augenblick«22, der den Menschen zu einem Individuum stempelte23, immer wiederholt; indem25 man sich an das »Gebiet der Ewigkeit« hält, das in ihm garantiert wurde, und in welches26 das »verewigte Ich27« jederzeit zurückkehren kann, weil es »jederzeit den Strom des zeitlichen Lebens hemmen und durchschneiden kann«. Der Augenblick hat Zeit und Leben gestoppt28. Das Vollendete hat immer nur eine Geschichte gehabt, als Vollendetes kann es nur untergehen. Jede Vergangenheit wird zum Entstehen, jede Zukunft zum Vergehen, Zerfall des Vollendeten in Altern und29 Tod. Wie der Mensch in der Isoliertheit von allem Zukünftigen30 ein Stück Natur, ein »Teil des |68 Universums« wird, so ist er, wenn seine Einmaligkeit zur Vollendung fixiert31 ist, der Zeit enthoben; die Zeit hat aufgehört, den Zusammenhang32 der Dinge, den Zusammenhang des Lebens33 zu bilden34.
Vielleicht ist das, was einem Menschen geschieht, nur dazu da, seine Eigentümlichkeit zu vollenden. Hat das Individuum nicht1 in dem »erhabenen Augenblick«2, in welchem der Schock des Unendlichen auf es traf3, sich bereits4 »vollendet5«, zu einem »geschlossenen Ganzen« gebildet6, nicht alles schon erfahren, was ihm7 erfahrbar ist? Ist es nicht richtig, daß es8 danach versteint, ein lebendiges Wahrzeichen seiner Eigentümlichkeit, die unveränderlich fixiert bestehen bleibt bis zu seinem Tod10? Was kann der Mensch sich mehr wünschen,11 als ein »verewigtes Ich« zu sein, als Teil12 einzugehen in das »Universum«, dessen unendliche Vollkommenheit13 sich ihm offenbart hat? Jenseits steht er nun fortab15 der »eitlen Hoffnung« und der »gemeinen Klage«, wenn es ihm17 nur gelingt, sich an18 dem Augenblick festzuhalten19, der selbst »kein Teil des zeitlichen Lebens mehr ist«. Vielleicht kann man dem Zwang des Weiterlebens und seiner notwendigen Trivialität20 ausweichen, indem man den ersten »21erhabenen Augenblick«22, der den Menschen zu einem Individuum stempelte23, immer wiederholt; indem25 man sich an das »Gebiet der Ewigkeit« hält, das in ihm garantiert wurde, und in welches26 das »verewigte Ich27« jederzeit zurückkehren kann, weil es »jederzeit den Strom des zeitlichen Lebens hemmen und durchschneiden kann«. Der Augenblick hat Zeit und Leben gestoppt28. Das Vollendete hat immer nur eine Geschichte gehabt, als Vollendetes kann es nur untergehen. Jede Vergangenheit wird zum Entstehen, jede Zukunft zum Vergehen, Zerfall des Vollendeten in Altern und29 Tod. Wie der Mensch in der Isoliertheit von allem Zukünftigen30 ein Stück Natur, ein »Teil des Universums« wird, so ist er, wenn seine Einmaligkeit zur Vollendung fixiert31 ist, der Zeit enthoben; die Zeit hat aufgehört, den Zusammenhang32 der Dinge, den Zusammenhang des Lebens33 zu bilden34.
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Hier scheint es doch1 in der Ordnung, dass das2 Leben, dass die3 Wirklichkeit keine Macht mehr über den Menschen hat; dass das Leben immer schon Gelebt-haben4, immer schon die Vergangenheit ist, die vollendete5. So meint6 Schleiermacher mit dem Leben fertig zu werden: er spielt8 gegen das Leben den höchsten Trumph9 aus, sich selbst, den Vollendeten, der sich »nie seitdem verloren hat«.
Hier scheint es in der Ordnung, dass2 Leben und3 Wirklichkeit keine Macht mehr über den Menschen haben, sondern nur das Vorbei4, das zeitliche Dasein bis zu seiner Vollendung bedingten5. Jedenfalls meinte6 Schleiermacher so7 mit dem Leben fertig zu werden. Er spielte8 gegen das Leben den höchsten Trumpf9 aus, sich selbst, den Vollendeten, der sich »nie seitdem verloren hat«.
Hier scheint es in der Ordnung, daß2 Leben und3 Wirklichkeit keine Macht mehr über den Menschen haben, sondern nur das Vorbei4, das zeitliche Dasein bis zu seiner Vollendung bedingten5. Jedenfalls meinte6 Schleiermacher so7 mit dem Leben fertig zu werden. Er spielte8 gegen das Leben den höchsten Trumpf9 aus, sich selbst, den Vollendeten, der sich »nie seitdem verloren hat«.
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Aber Rahel ist ja1 gar kein »Individuum« geworden, sie2 hat ja3 weder sich selbst noch das Unendliche erfahren,4 in dem was ihr geschah; sondern sie hat das Leben erfahren6. Und selbst wenn sie glauben könnte7, ihre Starre, ihr8 Zeichen Sein wäre ihre Eigentümlichkeit9, ja,10 »die11 Vollendung ihres eigentümlichen Daseins«, was würde ihr das helfen12?
Rahel kann das wenig helfen. Sie ist1 gar kein »Individuum« geworden, hat weder sich selbst noch das Unendliche erfahren in dem,5 was ihr geschah. Und selbst wenn sie geglaubt hätte7, ihre Starre, ihre Desinteressiertheit, ihre Stummheit seien8 Zeichen ihrer »Eigentümlichkeit«9, ja die10 »Vollendung ihres eigentümlichen Daseins«, was würde ihr das nutzen12?
Rahel kann das wenig helfen. Sie ist1 gar kein »Individuum« geworden, hat weder sich selbst noch das Unendliche erfahren in dem,5 was ihr geschah. Und selbst wenn sie geglaubt hätte7, ihre Starre, ihre |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000069 Desinteressiertheit, ihre Stummheit seien8 Zeichen ihrer »Eigentümlichkeit«9, ja die10 »Vollendung ihres eigentümlichen Daseins«, was würde ihr das helfen12?
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Was hat man denn, wenn man nichts hat als sich selbst? Was ist denn gewonnen, wenn man das Leben ausschaltet, das schliesslich im Altern, im1 Tod doch Recht2 behält? Wenn man doch |64 »verwelken« muss? Schleiermacher ist dem am wenigsten entgangen; war er doch nach seinem eigenen Geständnis - er bestätigt3 ein Wort Schlegels über ihn - dem »Verwelken« näher als jeder andere4. Schleiermacher hat dem5 Leben des Menschen seine Bedeutung genommen, als er ihn7 an den »erhabenen Augenblick« fixierte, er hat die8 Geschichte des Menschen9 zerstört, als er ihn10 gleichgültig werden liess11 gegen das eigene12 Schicksal.
Was hat man denn, wenn man nichts hat als sich selbst? Was ist denn gewonnen, wenn man das Leben ausschaltet, das schliesslich im Alter und1 Tod doch Recht2 behält? Wenn man doch »verwelken« muss, wie auch Schleiermacher, der ausdrücklich3 ein Wort Schlegels über ihn bestätigt4. Dem5 Leben des Menschen ist6 seine Bedeutung genommen, wenn es7 an den »erhabenen Augenblick« fixiert wird, seine8 Geschichte ist9 zerstört, wenn der Mensch10 gleichgültig geworden ist11 gegen sein eigenes12 Schicksal.
Was hat man denn, wenn man nichts hat als sich selbst? Was ist denn gewonnen, wenn man das Leben ausschaltet, das schließlich in Alter und1 Tod doch recht2 behält? Wenn man doch »verwelken« muß, wie auch Schleiermacher, der ausdrücklich3 ein Wort Schlegels über ihn bestätigt4. Dem5 Leben des Menschen ist6 seine Bedeutung genommen, wenn es7 an den »erhabenen Augenblick« fixiert wird, seine8 Geschichte ist9 zerstört, wenn der Mensch10 gleichgültig geworden ist11 gegen sein eigenes12 Schicksal.
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Man muss1 versuchen, dem Tod der Vollendung zu entgehen, wenn man weiter leben will. Schleiermacher hat2 die Möglichkeit des Menschen in der Vollendung fixiert; vielleicht ist diese Vollendung auflösbar, vielleicht sind diese4 Möglichkeiten verlierbar5, ohne dass6 der Mensch seine »Eigentümlichkeit«, seine »Interessantheit« verliert. Vielleicht ist es möglich, dem Leben, das über den Menschen hinweg weitergeht, eine andere Realität entgegenzustellen, vielleicht kann man in der Variation der Möglichkeiten eine neue Realität gleichsam hervorzaubern, in die einzumünden das Leben dann gezwungen ist7.
Man muss1 versuchen, dem Tod der Vollendung zu entgehen, wenn man weiterleben will. Schleiermacher hatte2 die Möglichkeit des Menschen in der Vollendung fixiert; vielleicht aber3 ist diese Vollendung auflösbar, vielleicht sind die fixierten4 Möglichkeiten variierbar5, ohne dass6 der Mensch seine »Eigentümlichkeit«, seine |69 »Interessantheit« verliert. Vielleicht ist es möglich, dem Leben, das über den Menschen hinweg weitergeht, eine andere Realität entgegenzustellen, vielleicht kann man in der Variation der Möglichkeiten eine neue Realität gleichsam hervorzaubern, in die einzumünden das Leben dann gezwungen wird7.
Man muß1 versuchen, dem Tod der Vollendung zu entgehen, wenn man weiterleben will. Schleiermacher hatte2 die Möglichkeit des Menschen in der Vollendung fixiert; vielleicht aber3 ist diese Vollendung auflösbar, vielleicht sind die fixierten4 Möglichkeiten variierbar5, ohne daß6 der Mensch seine »Eigentümlichkeit«, seine »Interessantheit« verliert. Vielleicht ist es möglich, dem Leben, das über den Menschen hinweg weitergeht, eine andere Realität entgegenzustellen, vielleicht kann man in der Variation der Möglichkeiten eine neue Realität gleichsam hervorzaubern, in die einzumünden das Leben dann gezwungen wird7.
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Der1 Zauber versucht,2 die Welt und das, was das Leben bringen kann, so zum Ausserordentlichen4 zu steigern, dass5 die Realität dem Erwarteten gegenüber immer zu6 versagen scheint7. Der Zauber entsteht in der Grenzenlosigkeit der Stimmung; das8 Spiel mit den Möglichkeiten bringt9 die »romantische Verwirrung«, die10 die Abgeschlossenheit des Schleiermacherschen Individuums so auflöst, dass11 es einen Augenblick lang scheint, als könnte die Realität als Zufall, als berrumpelung einbrechen. Aber dieser Zufall könnte nur noch12 das Ausserordentliche13 schlechthin, das Wunder sein, aber14 keinesfalls der »rohe ungebildete Zufall«, der Rahel traf, als gerade Finckenstein wollte, dass15 sie ihn liebe. Dass das Ausserordentliche erwartet wird, das lässt16 die Realität gleichsam nie zu Worte kommen. Das übersieht, was das Weiter17 des neuen Tages bringen kann. Und da18 das Leben auf Ausserordentliches |65 gewiesen wird19, ohne dass es eintritt,20 zaubert die Phantasie die »interessantesten« Situationen22 vor; Situationen, die nicht unmöglich sind, die eintreten können, etwa den24 Tod der Geliebten. Aber da der Zauber doch keine Macht über die Realität hat, da er die Geliebte nicht sterben lassen kann, so kann26 er nur die Stimmung hervorzaubern27, die den Liebenden befallen würde28, wenn die Geliebte längst29 tot wäre. Mit diesem Hervorzaubern der zukünftigen Stimmung, die jede Wirklichkeit in das neutralisierende »es31 ist gewesen« versetzt, wird eine eigentümliche Vorbereitung auf die Wirklichkeit erreicht32. In der verträumten33 Stimmung baut der Mensch dem direkten Getroffensein vor. Alle Möglichkeiten, auch die äussersten34, werden in eine zukünftige Vergangenheit versetzt, um die gegenwärtige Angst vor diesen Möglichkeiten35 zu neutralisieren. In dieser36 Neutralisierung entfaltet sich das Spiel der37 Möglichkeiten, das - auf den Einzelnen und seine Umwelt bezogen - zu38 Verwirrung wird. Die39 Verwirrung bemächtigt sich der Möglichkeiten, sie40 spielt sie gegeneinander aus, sie lässt41 keine herrschend, sie lässt42 keine wirklich werden. Die Verwirrung würde nur dann wirklich verwirren, wenn sie sich nicht in sich selbst wieder aufheben43, ausbalancieren könnte, wenn sie nicht die Möglichkeiten in44 der Hand behielte, wenn nicht jede Möglichkeit45 durch die andere immer46 sofort paralysiert würde47. Durch diese Balance im Spiel wird der Raum48, in den die Wirklichkeit hätte einbrechen können, wieder ausgefüllt. Die wechselseitige Aufhebung, die »Harmonie« der Unordnung ist das Paradox, in dem der Widerspruch als solcher Bestand hat. Jede Eindeutigkeit des Wortes muss50 die verwirrte Welt der Möglichkeiten faktisch durcheinander bringen, wie jede Eindeutigkeit des Lebens die Existenz des Romantikers zerstören muss51. Die Schwere der Eindeutigkeit zerstört nicht nur die Ordnung der Verwirrung, sie bricht zugleich52 auch den |66 Zauber der Phantasie. Zerfällt dieser53 Zauber, der allein eine »selbstgebildete Welt« halten und immer neu in der Phantasie54 beschwören kann, so ist der Mensch der Realität dieser Welt ausgeliefert, deren Banalität er nicht mehr erträgt. Die Realität wird zur Banalität55, weil56 die Phantasie57 schon alles58 vorweggenommen hat59, weil die Wirklichkeit höchstens die verzauberte Welt bestätigen kann60. Entweder zerreisst61 die Bestätigung62 den Zauber und bringt die Ernüchterung; oder sie fällt in den Rücken als »ungefälliger Zufall«. Sie kommt jedenfalls immer zu spät. Aus Angst vor der Banalität hält64 sich der Romantiker in den Widersprüchen65 des eigenen Inneren, die die Wirklichkeit nur vereindeutigen, banalisieren könnte66.
Der1 Zauber versucht2 die Welt und das, was das Leben bringen kann, so zum Ausserordentlichen4 zu steigern, dass5 die Realität dem Erwarteten gegenüber immer zu6 versagen scheint7. Der Zauber entsteht in der Grenzenlosigkeit der Stimmung. Das8 Spiel mit den Möglichkeiten erzeugt9 die »romantische Verwirrung«, welche10 die Abgeschlossenheit des Schleiermacherschen Individuums so auflöst, dass11 es einen Augenblick lang scheint, als könnte die Realität als Zufall, als Überrumpelung einbrechen. Aber es müsste schon12 das Ausserordentliche13 schlechthin, das Wunder sein, keinesfalls der »rohe ungebildete Zufall«, der Rahel traf, als gerade Finckenstein wollte, dass15 sie ihn liebe. Die Erwartung des Ausserordentlichen lässt16 die Realität gleichsam nie zu Worte kommen. In der Erwartung17 des Wunders,18 das nicht eintrifft19, zaubert die Phantasie zur Zerstreuung21 die »interessantesten Situationen«22 vor; Situationen, die nicht unmöglich sind, die eintreten können, etwa den24 Tod der Geliebten. Aber da der Zauber doch keine Macht über die Realität hat, da er die Geliebte nicht sterben lassen kann, so vermag26 er nur Stimmungen hervorzuzaubern27, die den Liebenden befallen würden28, wenn die Geliebte tot wäre. (Lucinde)30 Mit diesem Hervorzaubern der zukünftigen Stimmung, die jede Wirklichkeit in das neutralisierende »es31 ist gewesen« versetzt, wird eine eigentümliche Vorbereitung auf die Wirklichkeit erzielt32. In |70 der erträumten33 Stimmung baut der Mensch dem direkten Getroffensein vor. Alle Möglichkeiten, auch die äussersten34, werden in eine zukünftige Vergangenheit versetzt, um die gegenwärtige Angst vor ihnen35 zu neutralisieren. In der36 Neutralisierung entfaltet sich das Spiel mit den37 Möglichkeiten, das - auf den Einzelnen und seine Umwelt bezogen - zur38 Verwirrung wird. Verwirrung bemächtigt sich der Möglichkeiten, spielt sie gegeneinander aus, lässt41 keine herrschend, keine wirklich werden. Aber auch die Verwirrung bleibt ohne Wirkung auf den Menschen43, der alles immer wieder ausbalanciert, jedes Erträumte45 durch etwas neues46 sofort paralysiert. Durch diese Balance im Spiel wird der schmale Spalt48, in den die Wirklichkeit hätte einbrechen können, wieder ausgefüllt. Die wechselseitige Aufhebung, die »Harmonie« der Unordnung ist das Paradox, in dem der romantische49 Widerspruch als solcher Bestand hat. Jede Eindeutigkeit des Wortes muss50 die verwirrte Welt der Möglichkeiten faktisch durcheinander bringen, wie jede Eindeutigkeit des Lebens die Existenz des Romantikers zerstören muss51. Die Schwere der Eindeutigkeit zerstört nicht nur die Ordnung der Verwirrung, sie bricht auch den Zauber der Phantasie. Zerfällt der phantastische53 Zauber, der allein eine »selbstgebildete Welt« halten und immer neu in der Einbildung54 beschwören kann, so ist der Mensch der Realität dieser Welt ausgeliefert, deren Banalität seine Phantasie55, die alles57 schon vorweggenommen hatte59, nicht mehr erträgt60. Entweder zerreisst61 die Wirklichkeit62 den Zauber und bringt die Ernüchterung; oder sie fällt in den Rücken als »ungefälliger Zufall«. Sie kommt jedenfalls immer zu spät. Aus der63 Angst vor der eindeutigen, einfältigen Trivialität hält64 sich der Romantiker in den Widersprüchen65 des eignen Innern66.
Im1 Zauber versuchten2 die Romantiker die3 Welt und das, was das Leben bringen kann, so zum Außerordentlichen4 zu steigern, daß5 die Realität dem Erwarteten gegenüber notwendig6 versagen mußte7. Der Zauber entsteht in der Grenzenlosigkeit der Stimmung. Das8 Spiel mit den Möglichkeiten erzeugt9 die »romantische Verwirrung«, welche10 die Abgeschlossenheit des Schleiermacherschen Individuums so auflöst, daß11 es einen Augenblick lang scheint, als könnte die Realität als Zufall, als Überrumpelung einbrechen. Aber dies müßte schon12 das Außerordentliche13 schlechthin, das Wunder sein, keinesfalls der »rohe ungebildete Zufall«, der Rahel traf, als gerade Finckenstein wollte, daß15 sie ihn liebe. Die Erwartung des Außerordentlichen läßt16 die Realität gleichsam nie zu Worte kommen. In der Erwartung17 des Wunders,18 das nicht eintrifft19, zaubert die Phantasie zur Zerstreuung21 die »interessantesten Situationen«22 vor; Situationen, die nicht unmöglich sind, die eintreten können, wie23 etwa der24 Tod der Geliebten in der Lucinde25. Aber da der Zauber |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000070 doch keine Macht über die Realität hat, da er die Geliebte nicht sterben lassen kann, so vermag26 er nur Stimmungen hervorzuzaubern27, die den Liebenden befallen würden28, wenn die Geliebte tot wäre. Mit diesem Hervorzaubern der zukünftigen Stimmung, die jede Wirklichkeit in das neutralisierende »Es31 ist gewesen« versetzt, wird eine eigentümliche Vorbereitung auf die Wirklichkeit erzielt32. In der erträumten33 Stimmung baut der Mensch dem direkten Getroffensein vor. Alle Möglichkeiten, auch die äußersten34, werden in eine zukünftige Vergangenheit versetzt, um die gegenwärtige Angst vor ihnen35 zu neutralisieren. In der36 Neutralisierung entfaltet sich das Spiel mit den37 Möglichkeiten, das - auf den Einzelnen und seine Umwelt bezogen - zur38 Verwirrung wird. Verwirrung bemächtigt sich der Möglichkeiten, spielt sie gegeneinander aus, läßt41 keine herrschend, keine wirklich werden. Aber auch die Verwirrung bleibt ohne Wirkung auf den Menschen43, der alles immer wieder ausbalanciert, jedes Erträumte45 durch etwas Neues46 sofort paralysiert. Durch diese Balance im Spiel wird der schmale Spalt48, in den die Wirklichkeit hätte einbrechen können, wieder ausgefüllt. Die wechselseitige Aufhebung, die »Harmonie« der Unordnung ist das Paradox, in dem der romantische49 Widerspruch als solcher Bestand hat. Jede Eindeutigkeit des Wortes muß50 die verwirrte Welt der Möglichkeiten faktisch durcheinanderbringen, wie jede Eindeutigkeit des Lebens die Existenz des Romantikers zerstören muß51. Die Schwere der Eindeutigkeit zerstört nicht nur die Ordnung der Verwirrung, sie bricht auch den Zauber der Phantasie. Zerfällt der phantastische53 Zauber, der allein eine »selbstgebildete Welt« halten und immer neu in der Einbildung54 beschwören kann, so ist der Mensch der Realität dieser Welt ausgeliefert, deren Banalität seine Phantasie55, die alles57 schon vorweggenommen hatte59, nicht mehr erträgt60. Entweder zerreißt61 die Wirklichkeit62 den Zauber und bringt die Ernüchterung; oder sie fällt in den Rücken als »ungefälliger Zufall«. Sie kommt jedenfalls immer zu spät. Aus Angst vor der eindeutigen ein-fältigen Trivialität des Wirklichen zieht64 sich der Romantiker in die Widersprüche65 des eigenen Innern zurück66.
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178
Dass1 es überhaupt Vieldeutigkeit gibt, die Bestand hat, ist das Paradox des romantischen Lebens selbst. Wie das Paradox nur im äussersten2 Augenblick seine Existenz hat, nur in der letzten Steigerung der Reflexion und sich nie in der zeitlichen Erstreckung des Lebens durchhalten kann, so ist auch die paradoxe Existenz des Romantikers nur möglich4 als ephemere Phase. Das Weiter des Lebens zwingt die Existenz in eine vereindeutigende Konsequenz und verleiht ihrem Fragmentarischen6 eine zerstörende7 Realität. Das Weiter bringt nicht »neue Umstände und neue Kräfte«, sondern die Langeweile, die leere10 Zeit.
Dass1 es überhaupt Vieldeutigkeit gibt, die Bestand hat, ist das Paradox des romantischen Lebens selbst. Wie das Paradox nur im Augenblick seine Existenz hat, nur in der letzten Steigerung der Reflexion,3 und sich nie in der zeitlichen Erstreckung des Lebens durchhalten kann, so ist auch die paradoxe Existenz des Romantikers nur als ephemere Phase möglich5. Das Weiter des Lebens zwingt die Existenz in eine vereindeutigende Konsequenz und verleiht ihrem fragmentarischen Charakter6 eine zerstörerische7 Realität. Das Weiter bringt dann8 nicht »neue Umstände und neue Kräfte« (Herder)9, sondern die Langeweile der leeren10 Zeit.
Daß1 es überhaupt Vieldeutigkeit gibt, die Bestand hat, ist das Paradox des romantischen Lebens selbst. Wie das Paradox nur im Augenblick seine Existenz hat, nur in der letzten Steigerung der Reflexion,3 und sich nie in der zeitlichen Erstreckung des Lebens durchhalten kann, so ist auch die paradoxe Existenz des Romantikers nur als ephemere Phase möglich5. Das Weiter des Lebens zwingt die Existenz in eine |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000071 vereindeutigende Konsequenz und verleiht ihrem fragmentarischen Charakter6 eine zerstörerische7 Realität. Das Weiter bringt dann8 nicht »neue Umstände und neue Kräfte« (Herder)9, sondern die Langeweile der leeren10 Zeit.
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179
So ist auch1 Friedrich Schlegel versagt geblieben,2 das Älterwerden, das Weitergehen des Lebens zu3 ertragen. Er war der Zeit nicht gewachsen, sein Zauber hielt nur der trügerischen Realität des Augenblicks stand. Er hatte jene Möglichkeit der persönlichen Faszination, die auch Rahel in jener Zeit berühmt werden liess4. Auch er5 konnte, als sie erst einmal erstarrt war, sich so variieren, wie es der Augenblick erforderte. Sie konnte alle, die zu ihr kamen, bezaubern, sie war der Vielfältigkeit ihres Salons in jedem Augenblick gewachsen. Sie6 war in ihrem |67 Elemente7, wenn sie jeden zwang, nur das zu sagen, was in dem Augenblick für die ganze Gesellschaft das Richtige war. Nie wieder hat sie so gewirkt wie in dieser Zeit, nie wieder hat sie solche Macht über Menschen gehabt, nie wieder erschien sie den Menschen so ganz sie selbst in ihrer Einzigartigkeit.
Friedrich Schlegel hat2 das Älterwerden, das Weitergehen des Lebens nicht3 ertragen. Er war der Zeit nicht gewachsen, sein Zauber hielt nur der trügerischen Realität des Augenblicks stand. Er hatte jene Möglichkeit der persönlichen Faszination, die auch Rahel in jener Zeit berühmt werden liess4. Auch sie5 konnte, als sie erst einmal erstarrt war, sich so variieren, wie es der Augenblick erforderte. Sie konnte alle, die zu ihr kamen, bezaubern, sie war der Vielfältigkeit ihres Salons in jedem Augenblick gewachsen, sie6 war in ihrem Element7, wenn sie jeden zwang, nur das zu sagen, was in dem Augenblick für die ganze Gesellschaft das Richtige war. Nie wieder hat sie so gewirkt,8 wie in dieser Zeit, nie wieder hat sie solche Macht über Menschen gehabt, nie wieder erschien sie den Menschen so ganz sie selbst in ihrer Einzigartigkeit.
Friedrich Schlegel hat2 das Älterwerden, das Weitergehen des Lebens nicht3 ertragen. Er war der Zeit nicht gewachsen, sein Zauber hielt nur der trügerischen Realität des Augenblicks stand. Er hatte jene Möglichkeit der persönlichen Faszination, die auch Rahel in jener Zeit berühmt werden ließ4. Auch sie5 konnte, als sie erst einmal erstarrt war, sich so variieren, wie es der Augenblick erforderte. Sie konnte alle, die zu ihr kamen, bezaubern, sie war der Vielfältigkeit ihres Salons in jedem Augenblick gewachsen, sie6 war in ihrem Element7, wenn sie jeden zwang, nur das zu sagen, was in dem Augenblick für die ganze Gesellschaft das Richtige war. Nie wieder hat sie so gewirkt wie in dieser Zeit, nie wieder hat sie solche Macht über Menschen gehabt, nie wieder erschien sie den Menschen so ganz sie selbst in ihrer Einzigartigkeit.
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180
Aber dieser1 Zauber hat Macht nur über die Menschen, er hat keine Macht über die Zeit. Er kann der Zeit nicht gebieten, still zu stehen. Er kann das Älterwerden so wenig verhindern wie die »alberne Regelmässigkeit2« oder die banale Realität3, der schliesslich4 der Mensch doch erliegt, wenn er nicht das Glück hat, jung zu sterben.
Der1 Zauber hat Macht nur über die Menschen, er hat keine Macht über die Zeit. Er kann der Zeit nicht gebieten, still zu stehen. Er kann das Älterwerden so wenig verhindern wie die »alberne Regelmässigkeit2«, der schliesslich4 der Mensch doch erliegt, wenn er nicht das zweifelhafte5 Glück hat, jung zu sterben.
Der1 Zauber hat Macht nur über die Menschen, er hat keine Macht über die Zeit. Er kann der Zeit nicht gebieten, stillzustehen. Er kann das Älterwerden so wenig verhindern wie die »alberne Regelmäßigkeit2«, der schließlich4 der Mensch doch erliegt, wenn er nicht das zweifelhafte5 Glück hat, jung zu sterben.
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181
In der »romantischen Verwirrung« lag eine Chance, die Realität einbrechen zu lassen. Schlegel hat sie in den Wind geschlagen, weil er selbst seine Verwirrung nur in der Phantasie, in der verzauberten Stimmung halten1 konnte; er stiftete niemals wirklich und mit sich selbst die Verwirrung,2 denn er wollte die Balance und die endliche Harmonie. Wilhelm von Humboldt hat diese Verwirrung ernst genommen, er hat gemerkt, was man hat, wenn man nichts hat als sich selbst - »eine tönende Schelle«.3
In der »romantischen Verwirrung« lag eine Chance, die Realität einbrechen zu lassen. Schlegel hat sie in den Wind geschlagen, weil er selbst seine Verwirrung nur in der Phantasie, in der verzauberten Stimmung ertragen1 konnte; er stiftete niemals wirklich und mit sich selbst die Verwirrung,2 denn er wollte die Balance und die endliche Harmonie.
In der »romantischen Verwirrung« lag eine Chance, die Realität einbrechen zu lassen. Schlegel hat sie in den Wind geschlagen, weil er selbst seine Verwirrung nur in der Phantasie, in der verzauberten Stimmung ertragen1 konnte; er stiftete niemals wirklich und mit sich selbst die Verwirrung;2 denn er wollte die Balance und die endliche Harmonie.
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182
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Wilhelm von Humboldt. 1
Wilhelm von Humboldt1
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183
Humboldt hat die3 »Leere4«,5 an der er »krankte«6 weder durch Phantasie noch durch Produktivität irgend einer Art auszufüllen versucht. Er hat versucht, in die Wirklichkeit die »romantische Verwirrung« hineinzubringen. Er hat8 sich nicht ausgedacht9, wie er sein könnte oder10 in welchen Situationen er etwas empfinden würde,11 sondern er hat sich Menschen gegenüber verstellt12, bis er13 wirklich das wurde14, was er nur scheinen zu können glaubte.
Unter allen Romantikern hat nur1 Humboldt die Verwirrung ernst genommen und frühzeitig gemerkt, was man2 hat, wenn man nichts hat als sich selbst -3 »eine tönende Schelle4«. Die »Leere«5 an der er »krankte», hat er6 weder durch Phantasie noch durch Produktivität irgendeiner Art auszufüllen versucht. Er begann vielmehr sein eigenes Leben recht romantisch zu verwirren, dachte8 sich nicht aus9, wie er sein könnte und10 in welchen Situationen er etwas empfinden würde;11 sondern verstellte sich Menschen gegenüber12, bis er13 wirklich das wurde14, was er nur scheinen zu können glaubte.
Unter allen Romantikern hat nur1 Humboldt die Verwirrung ernst genommen und frühzeitig gemerkt, was man2 hat, wenn man nichts hat als sich selbst -3 »eine tönende Schelle4«. Die »Leere«,5 an der er »krankte«, hat er6 weder durch Phantasie noch durch Produktivität irgendeiner Art auszufüllen versucht. Noch 1821 meint Rahel von ihm, »er sei immer nur etwas, solange er nichts sei, so wie er etwas werde, sei er gleich nichts«.7 Er begann vielmehr, sein eigenes Leben selbst romantisch zu verwirren, stellte8 sich nicht nur vor9, wie er sein könnte und10 in welchen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000072 Situationen er etwas empfinden würde,11 sondern spielte das imaginäre Spiel der Romantik, in dem er sich verstellte, Gefühle heuchelte12, immer in der Hoffnung,13 wirklich das zu werden14, was er nur scheinen zu können glaubte.
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184
Als Goethe achtzehn Jahre alt war, war, nach einem Wort von ihm, »Deutschland auch erst 18 ... Ich danke dem Himmel, dass ich jetzt in dieser durchaus ganz alten Zeit nicht jung bin. Ich würde nicht zu bleiben wissen.« Er brauchte nur er selbst zu sein, um das zu sein, was die Welt von ihm forderte. |68 Humboldt und seine Generation scheint die Welt im Stich zu lassen. Die Geschichte droht durch Goethe und nur durch ihn ihren Weg zu nehmen, und für die, die nach ihm kommen, scheinen »alle Wege verrannt«. »Angeborenes und Erfahrung« lassen sich nicht mehr vereinigen. Humboldt, der aufgeklärte Sohn des Adels, weiss so wenig, wo er die ihm gemässe Erfahrung finden soll wie Schlegel. Da beginnt er die Erfahrung zu suchen um jeden Preis:
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185
»Der Grundsatz, dass1 man in vielen Lagen aller Art gewesen sein müsse, ist so fest in mir, dass2 mir jede, in der ich noch nicht war, schon darum angenehm ist«.3 Da, wo er nichts empfindet als seine Leere, da wo er4 zur Wirkungslosigkeit verdammt ist5, beginnt er Empfindungen zu heucheln, um doch so wenigstens etwas zu bewirken. Er6 bringt eine Frau, die er nicht liebt8, dazu,9 sich in ihn zu verlieben: »Durch diese Verstellung wurde ich wirklich, was ich bloss10 scheinen wollte«.11 Er bringt es dazu, von der Wirklichkeit der Situation hingerissen12 »unruhig« zu werden, bis er wirklich13 mit »halbstotternder Stimme« spricht und ihre Hand wirklich14 »mit Wärme küsst.«15 Er nimmt bei diesem16 Experimentieren auf den Anderen17 so wenig Rücksicht wie auf sich selbst. Er gibt der Wirklichkeit im Experiment die Chance, ihn zu ergreifen. Er weiss18, dass19 er nur dann ergriffen ist, wenn auch später, nachdem die Tür20 hinter ihm, dem Zweideutigen, zugefallen ist, ihn nicht wieder die »Herzensleere« ergreift, die ihn in diese Situation gejagt hat. Das Experiment, in dem er nicht er selbst ist, die Situationen, in denen er jeweils etwas Anderes ist21, immer das, was nötig ist22, um Erfahrungen zu machen, lösen ihn von sich selbst als einen Bestimmten und23 lassen keine Fixierung24 aufkommen. Seine »Herzensleere« bleibt eine Situation in der Welt und25 wird nicht zu einer Anlage seines Inneren26. So bleibt er zweideutig, unfestgelegt in einer ständigen Bereitschaft.27 Er weiss28, dass29 die Wirklichkeit nur dort tragfähig ist, |69 wo sie ein Weiter hat; aber er weiss30 auch, dass31 in der albernsten Regelmässigkeit32 noch ein Rest solcher Wirklichkeit steckt. Und darum kann er durchhalten und warten.
»Der Grundsatz, dass1 man in vielen Lagen aller Art gewesen sein müsse, ist so fest in mir, dass2 mir jede, in der ich noch nicht war, schon darum angenehm ist3 Da, wo er nichts empfindet als seine Leere, da wo er4 zur Wirkungslosigkeit verdammt ist5, beginnt er Empfindungen zu heucheln, um doch so wenigstens etwas zu bewirken. Er6 bringt z.B.7 eine Frau, die er nicht liebte8, dahin9 sich in ihn zu verlieben: »Durch diese Verstellung wurde ich wirklich, was ich bloss10 scheinen wollte11 Er bringt es dazu, von der Wirklichkeit der Situation überwältigt,12 »unruhig« zu werden, bis er faktisch13 mit »halbstotternder Stimme« spricht und ihre Hand »mit Wärme küsst«.15 Er nimmt bei solchem16 Experimentieren auf den Anderen17 so wenig Rücksicht wie auf sich selbst. Er gibt der Wirklichkeit im Experiment die |73 Chance, ihn zu ergreifen. Er weiss18, dass19 er nur dann ergriffen ist, wenn auch später, nachdem die Türe20 hinter ihm, dem Zweideutigen, zugefallen ist, ihn nicht wieder die »Herzensleere« ergreift, die ihn in diese Situation gejagt hat. Das Experiment, in dem er nicht er selbst ist, die Situationen, in denen er jeweils etwas Anderes vortäuscht21, immer das, was gerade benötigt wird22, um Erfahrungen zu machen, lassen keine Fixierungen24 aufkommen. Seine »Herzensleere« bleibt eine Situation in der Welt,25 wird nicht zu einer Eigenschaft seiner Person26. Er weiss28, dass29 die Wirklichkeit nur dort tragfähig ist, wo sie ein Weiter hat; aber er weiss30 auch, dass31 in der albernsten Regelmässigkeit32 noch ein Rest solcher Wirklichkeit steckt. Und darum kann er durchhalten und warten.
»Der Grundsatz, daß1 man in vielen Lagen aller Art gewesen sein müsse, ist so fest in mir, daß2 mir jede, in der ich noch nicht war, schon darum angenehm ist3 Da, wo er nichts empfindet als seine Leere und so4 zur Wirkungslosigkeit verdammt scheint5, bringt er7 eine Frau dahin8, sich in ihn zu verlieben: »Durch diese Verstellung wurde ich wirklich, was ich bloß10 scheinen wollte11 Er bringt es dazu, von der Wirklichkeit der Situation überwältigt,12 »unruhig« zu werden, bis er faktisch13 mit »halbstotternder Stimme« spricht und ihre Hand »mit Wärme küßt«.15 Er nimmt bei solchem16 Experimentieren auf den andern17 so wenig Rücksicht wie auf sich selbst. Er gibt der Wirklichkeit im Experiment die Chance, ihn zu ergreifen. Er weiß18, daß19 er nur dann ergriffen ist, wenn auch später, nachdem die Türe20 hinter ihm, dem Zweideutigen, zugefallen ist, ihn nicht wieder die »Herzensleere« ergreift, die ihn in diese Situation gejagt hat. Das Experiment, in dem er nicht er selbst ist, die Situationen, in denen er jeweils etwas anderes vortäuscht21, immer das, was gerade benötigt wird22, um Erfahrungen zu machen, lassen keine Fixierungen24 aufkommen. Seine »Herzensleere« bleibt eine Situation in der Welt,25 wird nicht zu einer Eigenschaft seiner Person26. Er weiß28, daß29 die Wirklichkeit nur dort tragfähig ist, wo sie ein Weiter hat; aber er weiß30 auch, daß31 in der albernsten Regelmäßigkeit32 noch ein Rest solcher Wirklichkeit steckt. Und darum kann er durchhalten und warten.
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186
Es spricht Vieles1 dafür, dass2 auch Karoline3 von Dacheröden, seine spätere Frau, ihm erst nur im Experiment begegnete. Es spricht dafür die eigentümliche Differenz zwischen seinen Briefen an sie4, in denen er sich ständig als den Anlehnungsbedürftigen, als den Unterlegenen geriert5 und seinem Tagebuch, in dem er sie mit den Worten zu sich sprechen lässt8, mit denen er faktisch zu ihr spricht: »Ich bin Deiner nicht würdig, ich kann nichts als Lieben, aber das kann ich«. Auf jeden Fall reisst10 ihn diese Begegnung aus dem Experimentieren heraus; er hat sich so lange dem Leben exponiert, bis es wirklich auf ihn traf. Das Schicksal traf ihn als Glück, im Glück erfährt er das: so ist das Leben; auf11 dem Glück gründet12 er seine Ehe.
Es spricht vieles1 dafür, dass2 auch Caroline3 von Dacheröden, seine spätere Frau, ihm erst nur im Experiment begegnete. Es spricht dafür die eigentümliche Differenz zwischen seinen Briefen an die Braut4, in denen er sich ständig als den Anlehnungsbedürftigen, als den Unterlegenen hinstellt,5 und seinem Tagebuch, in dem er sie mit akkurat6 den gleichen7 Worten zu sich sprechen lässt8, mit denen er faktisch zu ihr spricht: »Ich bin Deiner nicht würdig, ich kann nichts als Lieben, aber das kann ich« etc9. Auf jeden Fall reisst10 ihn diese Begegnung aus dem Experimentieren heraus; er hat sich so lange dem Leben exponiert, bis es wirklich auf ihn traf. Das Schicksal traf ihn als Glück, im Glück erfährt er das: so ist das Leben. Auf11 dem Glück gründet12 er seine Ehe.
Es spricht vieles1 dafür, daß2 auch Caroline3 von Dacheröden, seine spätere Frau, ihm erst nur im Experiment begegnete. Es spricht dafür die eigentümliche Differenz zwischen seinen Briefen an die Braut4, in denen er sich ständig als den Anlehnungsbedürftigen, als den Unterlegenen hinstellt,5 und seinem Tagebuch, in dem er sie mit akkurat6 den gleichen7 Worten zu sich sprechen läßt8, mit denen er faktisch zu ihr spricht: »Ich bin Deiner nicht würdig, ich kann nichts als Lieben, aber das kann ich« usw9. Auf jeden Fall reißt10 ihn diese Begegnung aus dem Experimentieren heraus; er hat sich so lange dem Leben exponiert, bis es wirklich auf ihn traf. Das Schicksal traf ihn als Glück, im Glück erfährt er das: so ist das Leben. Auf11 dem Glück gründete12 er seine Ehe.
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187
Das Glück, dem Humboldt es verdankt, weiterleben zu können, ein langes Leben abwarten zu können, ist mehr als nur ein einzelner Glücksfall. Der Zufall, der im Glück zu ihm kam, wird ihm zur göttlichen Macht - »es gibt nichts Göttlicheres als Glück und Unglück«. Das erste Glück ist gleich die Garantie für ein ganzes Leben, es ist2 die Garantie dafür, dass3 man vom Schicksal nicht vergessen wurde, dass4 der Mensch Mächten zwar ausgeliefert ist, aber mit diesen Mächten einverstanden sein kann. Das Einverständnis ist die Bürgschaft dafür, dass Humboldts Leben gelingt5. Jeder einzelne Schmerz wird von diesem6 Einvernehmen sofort aufgefangen, er wird »durch seine bildende Tiefe zu einer fruchtbaren Arbeit des Gemüts«. Der Schmerz kann7 die Kontinuität des Lebens nicht mehr zerstören, da der Mensch ihn9 in »Ergebung« erwartet und sich ihm »willig hingibt«. Diese Ergebung in dem Schmerz10 hat nichts11 mit der Schmerzseligkeit des Julius in der Lucinde zu tun12, der sich den Tod der14 Geliebten vorstellt. |70 Hier wird der Schmerz nur genommen, wenn er wirklich da ist, als ein menschliches Geschick, er wird so genommen, wie zuerst das Glück angenommen wurde15. Deshalb16 kommt es auch keineswegs »darauf an, glücklich zu leben, sondern sein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf seine Weise zu erschöpfen.«
Das Glück, dem Humboldt es verdankt, weiterleben zu können, ein langes Leben abwarten zu können, ist mehr als nur ein einzelner Glücksfall. Der Zufall, der im Glück zu ihm kam, wird ihm zur göttlichen Macht - »es gibt nichts Göttlicheres als Glück und Unglück |74 «. Das erste Glück ist ihm1 gleich die Garantie für ein ganzes Leben, die Garantie dafür, dass3 man vom Schicksal nicht vergessen wurde, dass4 der Mensch Mächten zwar ausgeliefert ist, aber mit diesen Mächten auf einem guten, menschlichen Fuss stehen, mit ihnen einverstanden sein kann5. Jeder einzelne Schmerz wird von dem6 Einvernehmen sofort aufgefangen, er wird »durch seine bildende Tiefe zu einer fruchtbaren Arbeit des Gemüts«. Leiden vermag7 die Kontinuität des Lebens nicht mehr zu8 zerstören, da der Mensch es9 in »Ergebung« erwartet und sich ihm »willig hingibt«, - was nichts zu tun10 hat mit der Schmerzseligkeit des Julius in der Lucinde, der sich express13 den Tod seiner14 Geliebten vorstellt. Hier wird der Schmerz nur genommen, wenn er wirk lich da ist, als ein menschliches Geschick. Mit Dankbarkeit für Glück und williger Ergebung in Unglück soll der Mensch den göttlichen Mächten begegnen15. Daher16 kommt es auch keineswegs »darauf an, glücklich zu leben, sondern sein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf seine Weise zu erschöpfen.«
Das Glück, dem Humboldt es verdankt, weiterleben zu können, ein langes Leben abwarten zu können, ist mehr als nur ein einzelner |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000073 Glücksfall. Der Zufall, der im Glück zu ihm kam, wird ihm zur göttlichen Macht - »es gibt nichts Göttlicheres als Glück und Unglück«. Das erste Glück ist ihm1 gleich die Garantie für ein ganzes Leben, die Garantie dafür, daß3 man vom Schicksal nicht vergessen wurde, daß4 der Mensch Mächten zwar ausgeliefert ist, aber mit diesen Mächten auf einem guten, menschlichen Fuß stehen, mit ihnen einverstanden sein kann5. Jeder einzelne Schmerz wird von dem6 Einvernehmen sofort aufgefangen, er wird »durch seine bildende Tiefe zu einer fruchtbaren Arbeit des Gemüts«. Leiden vermag7 die Kontinuität des Lebens nicht mehr zu8 zerstören, da der Mensch es9 in »Ergebung« erwartet und sich ihm »willig hingibt«, - was nichts zu tun10 hat mit der Schmerzseligkeit des Julius in der Lucinde, der sich expreß13 den Tod seiner14 Geliebten vorstellt. Hier wird der Schmerz nur genommen, wenn er wirklich da ist, als ein menschliches Geschick. Mit Dankbarkeit für Glück und williger Ergebung in Unglück soll der Mensch den göttlichen Mächten begegnen15. Daher16 kommt es auch keineswegs »darauf an, glücklich zu leben, sondern sein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf seine Weise zu erschöpfen.«
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Im Glück hat sich die Welt geschlossen1 zu einem Kosmos, in den der Zufall nicht mehr eindringen kann. Nur einmal kommt die göttliche Macht im Leben des Menschen zu Wort; was dann folgt, ist ein Leben, das seine bestimmte Physiognomie4 ein für alle Mal hat5. Ist man erst einmal in diesen Kosmos eingetreten, so kann nichts, keine Handlung, kein Gedanke mehr verloren gehen: er6 hat seine unmittelbare Wirkung. Diesen Kosmos nennt Humboldt die »Menschheit«, in der »das Gute selbständig ist und an keine Persönlichkeit gebunden, und wie ein schönes Gefühl, wenn es auch nie in Welt oder Handlung übergeht, die Menschheit bereichert«.7 Für Humboldt, der im Experiment sich von sich selbst löste, und für das Leben frei wurde, gibt es nichts ausser dem8 Leben. Das Leben9 braucht nichts zu bewirken, nicht einmal seine10 Bildung oder seine11 Persönlichkeit. Weil das Leben weitergeht, kann er12 in der »Menschheit13« heimisch werden,14 »ich15 möchte, wenn ich gehen muss16, so wenig als möglich hinterlassen, das ich nicht mit mir in Berührung gesetzt hätte.« Das Leben ist der Weg, »die ganze Menschheit rein durch sich auszumessen«; jedes Stück des Weges hat für das Ganze einen Sinn, nichts bleibt ohne Wirkung,18 »und wäre niemand je zugegen, so prägte es sich ...19 der toten Natur selbst ein20 Humboldt ist21 dem Leben preisgegeben, und das Leben ist ihm geglückt - das ist seine Auszeichnung. Denn durch seine »Naturanlage« war er »weder zu grossen22 Taten des Lebens noch zu wichtigen Werken des Geistes bestimmt«. Er war nichts, »eine tönende Schelle«, aber er hat verstanden, alles zu nehmen, was ihm gegeben wurde. Seine23 »eigent- |71 liche24 Sphäre ist das Leben selbst25
Im Glück hat sich die Welt zu einem »2Kosmos« geschlossen3, in den der Zufall nicht mehr eindringen kann. Nur einmal kommt die göttliche Macht im Leben des Menschen zu Wort; was dann folgt, hat seine bestimmte Physiognomie, seinen Sinn4 ein für alle Mal aufgeprägt5. Ist man erst einmal in diesen Kosmos eingetreten, so kann nichts, keine Handlung, kein Gedanke mehr verloren gehen: er6 hat seine unmittelbare Wirkung. Diesen Kosmos nennt Humboldt die »Menschheit«, in der »das Gute selbständig ist und an keine Persönlichkeit gebunden, und wie ein schönes Gefühl, wenn es auch nie in Welt oder Handlung übergeht, die Menschheit bereichert7 Für Humboldt, der im Experiment sich von sich selbst löste, und für das Leben frei wurde, |75 gibt es nichts Grösseres als das8 Leben. Es9 braucht nichts zu bewirken, nicht einmal menschliche10 Bildung oder Persönlichkeit. Weil das Leben weitergeht, kann Humboldt12 in der »Menschlichkeit13« heimisch werden:14 »Ich15 möchte, wenn ich gehen muss16, so wenig als möglich hinterlassen, das ich nicht mit mir in Berührung gesetzt hätte.« Das Leben ist der Weg, »die ganze Menschheit rein durch sich auszumessen«; jedes Stück des Weges hat für das Ganze einen Sinn, jede Handlung hat eine Wirkung18 »und wäre niemand je zugegen, so prägte es sich .. der toten Natur selbst ein20 Humboldt hat sich21 dem Leben preisgegeben, und das Leben ist ihm geglückt - das ist seine Auszeichnung. Denn durch seine »Naturanlage« war er »weder zu grossen22 Taten des Lebens noch zu wichtigen Werken des Geistes bestimmt«. Er war nichts, »eine tönende Schelle«, aber er hat verstanden, alles zu nehmen, was ihm gegeben wurde - seine23 »eigentliche24 Sphäre ist das Leben selbst« - Er hatte Glück.25
Im Glück hat sich die Welt zu einem »2Kosmos« geschlossen3, in den der Zufall nicht mehr eindringen kann. Nur einmal kommt die göttliche Macht im Leben des Menschen zu Wort; was dann folgt, hat seine bestimmte Physiognomie, seinen Sinn4 ein für alle Mal aufgeprägt5. Ist man erst einmal in diesen Kosmos eingetreten, so kann nichts, keine Handlung, kein Gedanke mehr verlorengehen: alles6 hat seine unmittelbare Wirkung. Diesen Kosmos nennt Humboldt die »Menschheit«, in der »das Gute selbständig ist und an keine Persönlichkeit gebunden, und wie ein schönes Gefühl, wenn es auch nie in Welt oder Handlung übergeht, die Menschheit bereichert«.7 Für Humboldt, der im Experiment sich von sich selbst löste, und für das Leben frei wurde, gibt es nichts Größeres als das8 Leben. Es9 braucht nichts zu bewirken, nicht einmal menschliche10 Bildung oder Persönlichkeit. Weil das Leben weitergeht, kann Humboldt12 in der »Menschheit13« heimisch werden:14 »Ich15 möchte, wenn ich gehen muß16, so wenig als möglich hinterlassen, das ich nicht mit mir in Berührung gesetzt hätte.« Das Leben ist der Weg, »die ganze Menschheit rein durch sich selbst17 auszumessen«; jedes Stück des Weges hat für das Ganze einen Sinn, jede Handlung hat eine Wirkung18 »und wäre niemand je zugegen, so prägte es sich ...19 der toten Natur selbst ein«.20 Humboldt hat sich21 dem Leben preisgegeben, und das Leben ist ihm geglückt |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000074 - das ist seine Auszeichnung. Denn durch seine »Naturanlage« war er »weder zu großen22 Taten des Lebens noch zu wichtigen Werken des Geistes bestimmt«. Er war nichts, »eine tönende Schelle«, aber er hat verstanden, alles zu nehmen, was ihm gegeben wurde - seine23 »eigentliche24 Sphäre ist das Leben selbst« - und er hatte Glück.25
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6. Kapitel Unglück ist Schande. Flucht in die Fremde.1
Flucht in die Fremde • Die schöne Welt1800-18011
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Rahel aber traf das Unglück, das Unglück in seiner reinsten Form als Zurückgestossenwerden. Wenn1 Glück wirklich die Garantie ist2 für das Weiter des Lebens und dafür3, dass das Schicksal einen nicht vernachlässigt, so ist dies Unglück4 wirkliche »Schande«. »Aus ist’s in der Welt mit mir, ich weiss5 es,6 und vermag es nicht zu fühlen, ich trag ein rotes Herz wie andere, und hab ein dunkles, trostloses, hässliches8 Schicksal9 Des Trostlosen, des Hässlichen10 schämt man sich. Unsinnig zu denken, man könnte11 ja nichts dafür. Neben dem Unglück kommt der Mensch nicht zu Wort; wem soll er denn ständig sagen: ich kann nichts dafür? Das wird ihm jeder glauben, denn12 niemand will sein eigenes Unglück. Das Unglück aber, das13 »wirkliche Unglück«, das man »daran erkennen kann«, dass14 man sich seiner »schämt«, deckt alle Entschuldigungen mit seiner Übermacht zu. Wenn der Mensch sich einmal dem Zufall ergeben hat15, wenn er auf seine Autonomie verzichtet hat, wenn er »nicht zu denen gehören will, die nicht sich selbst aufs Spiel setzen«, dann muss16 er damit rechnen, geschändet zu werden, wie er hätte gesegnet werden können.
Ist1 Glück wirklich die Garantie für das Weiter des Lebens, so ist Unglück als zentrale Lebenserfahrung4 wirkliche »Schande«. »Aus ist’s in der Welt mit mir, ich weiss5 es und vermag es nicht zu fühlen, ich trag ein rotes Herz,7 wie andere, und hab ein dunkles, trostloses, hässliches8 Schicksal«.9 Des Trostlosen, des Hässlichen10 schämt man sich. Unsinnig zu denken, man könne11 ja nichts dafür. Neben dem Unglück kommt der Mensch nicht zu Wort; wem soll er denn ständig sagen: ich kann nichts dafür? Das wird ihm jeder glauben, niemand will sein eigenes Unglück. Das »wirkliche Unglück«, das man »daran erkennen kann«, dass14 man sich seiner »schämt«, deckt alle Entschuldigungen mit seiner Übermacht zu. Wenn der Mensch sich einmal dem Zufall ergeben, wenn er auf seine Autonomie verzichtet hat, wenn er »nicht zu denen gehören will, die nicht sich selbst aufs Spiel setzen«, dann muss16 er damit rechnen, unglücklich zu werden, wie er hätte glücklich werden können; dann muss er damit rechnen,17 geschändet zu werden, wie er hätte gesegnet werden können.
Ist1 Glück wirklich die Garantie für das Weiter des Lebens, so ist Unglück als zentrale Lebenserfahrung4 wirkliche »Schande«. »Aus ist’s in der Welt mit mir, ich weiß5 es und vermag es nicht zu fühlen, ich trag ein rotes Herz,7 wie andere, und hab ein dunkles, trostloses, häßliches8 Schicksal9 Des Trostlosen, des Häßlichen10 schämt man sich. Unsinnig zu denken, man könne11 ja nichts dafür. Neben dem Unglück kommt der Mensch nicht zu Wort; wem soll er denn ständig sagen: ich kann nichts dafür? Das wird ihm jeder glauben, niemand will sein eigenes Unglück. Das »wirkliche Unglück«, das man »daran erkennen kann«, daß14 man sich seiner »schämt«, deckt alle Entschuldigungen mit seiner Übermacht zu. Wenn der Mensch sich einmal dem Zufall ergeben, wenn er auf seine Autonomie verzichtet hat, wenn er »nicht zu denen gehören will, die nicht sich selbst aufs Spiel setzen«, dann muß16 er damit rechnen, unglücklich zu werden, wie er hätte glücklich werden können; dann muß er damit rechnen,17 geschändet zu werden, wie er hätte gesegnet werden können.
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Unglück und Schande ist es, wenn alles, was man hat, nur dazu da scheint, klar zu machen, was man nicht hat; wenn »trotz der ungeheuren Gaben und Geschenke« »immer1 der Glanz und die Spitze der Dinge fehlt«. Unglück und Schande ist es, wenn man zwar nicht vergessen wurde, aber vernachlässigt, als sei man es nicht wert, Träger des Glücks zu sein, als sei man nicht wert,2 das Leben, das man sich nicht selbst gegeben hat, zu Ende zu leben; als sei man es nicht wert, das,4 was man bekam, auch zu behalten.
Unglück und Schande ist es, wenn alles, was man hat, nur dazu da scheint, klar zu machen, was man nicht hat; wenn »trotz der ungeheuren Gaben und Geschenke« »immer1 der Glanz und die Spitze der Dinge fehlt«. Unglück und Schande ist es, wenn man zwar nicht vergessen wurde, aber vernachlässigt, als sei man es nicht wert, das Leben, das man sich nicht selbst gegeben hat, zu Ende zu leben; als sei man es nicht einmal3 wert, was man bekam, auch zu behalten.
Unglück und Schande ist es, wenn alles, was man hat, nur dazu da scheint, klarzumachen, was man nicht hat; wenn »trotz der ungeheuren Gaben und Geschenke« immer »1der Glanz und die Spitze der Dinge fehlt«. Unglück und Schande ist es, wenn man zwar nicht vergessen wurde, aber vernachlässigt, als sei man es nicht wert, das Leben, das man sich nicht selbst gegeben hat, zu Ende zu leben; als sei man es nicht einmal3 wert, was man bekam, auch zu behalten.
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Alles, was man nach dem Unglück noch tut, hat immer den Anstrich des Unedlen, weil das Unglück das Weiter zu verbieten scheint |77 Nur wer am Unglück stirbt, bleibt edel; nur dann ist es keine Schande. »Ich habe etwas Schreckliches erlebt eben weil es mich nicht umbrachte.« Wer einmal Unglück hatte, ist gezeichnet; und Gezeichnetsein ist nicht nur Ausgezeichnetsein. Der, den das Schicksal vergass3, hat noch Hoffnung,4 aber Rahel musste5 fliehen »um nichts. In keiner Hoffnung«7.
Alles, was man nach dem Unglück noch tut, hat immer den Anstrich des Unedlen, weil das Unglück das Weiter zu verbieten scheint.1 Nur wer am Unglück stirbt, bleibt edel; nur dann ist es keine Schande. »Ich habe etwas Schreckliches erlebt,2 eben weil es mich nicht umbrachte.« Wer einmal Unglück hatte, ist gezeichnet; und Gezeichnetsein ist nicht nur |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000076 Ausgezeichnetsein. Der, den das Schicksal vergaß3, hat noch Hoffnung;4 aber Rahel mußte5 fliehen »um nichts«6. In keiner Hoffnung.
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So ist es nichts als demütigend, wenn sie,1 die »nie wollte« schliesslich hat »weichen müssen«2, wenn sie alles verlassen muss, was sie »liebt, was sie ärgert und kränkt, reizt und freut«. Alles, was nach dem Unglück noch zu tun ist, hat immer den Anstrich des Unedlen,3 weil das Unglück das Weiter zu verbieten scheint. Nur wer am Unglück stirbt, bleibt edel; nur dann ist es keine Schande. »Ich habe etwas Schreckliches erlebt; eben weil es mich nicht umbrachte«. Wer einmal Unglück hatte, ist gezeichnet; und Gezeichnetsein ist nicht nur Ausgezeichnetsein. Der, den das Schicksal vergass, hat noch Hoff-nung, aber Rahel musste weichen »um nichts. In keiner Hoffnung«. Sie muss abreisen, weil4 sie die Schande nicht mehr erträgt. Und doch5 verurteilt ist, weiter zu leben, sich an jedem neuen Tag mit der natürlichen »Unschuld jedes Geschöpfs6« zu freuen. Aber das ist keine Unschuld mehr, wenn man »das rechte Unglück kennt«, »wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung zusammengeängstet in Verzweiflung gern seine Existenz gegeben hätte, um nicht schmerzfähig zu sein: wenn man alles, die ganze Natur für grausam gehalten hat7 So natürlich die Freude war, so unrechtmässig8 ist sie geworden, eine Freude, mit der9 man nicht übereinstimmen10 kann, und11 der man doch12 ausgeliefert ist. Das »Natürliche« ist das »Künstliche« geworden. Die eigene Existenz - man hatte sie in der Verzweiflung schon dahin gegeben, und nun kehrt sie dennoch mit jedem Tag wieder zu einem zurück, wie etwas von der Natur, der grausamen Natur Aufgezwungenes. Das Unglück »13infamiert«14. »Man ist kein reines Geschöpf der Natur mehr, kein Geschwister der stillen Gegenstände mehr«.15
Sie flieht aus Berlin in1 die Fremde2, weil sie die Schande nicht mehr erträgt. Weil sie5 verurteilt ist, weiter zu leben, sich an jedem neuen Tag mit der natürlichen »Unschuld jedes Geschöpfes6« zu freuen. Aber das ist keine Unschuld mehr, wenn man »das rechte Unglück kennt«, »wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung zusammengeängstet in Verzweiflung gern seine Existenz gegeben hätte, um nicht schmerzfähig zu sein: wenn man alles, die ganze Natur für grausam gehalten hat7 So natürlich die Freude war, so unrechtmässig8 ist sie geworden, eine Freude, in die9 man nicht einstimmen10 kann, der man nur12 ausgeliefert ist. Das »Natürliche« ist das »Künstliche« geworden. Die eigene Existenz - man hatte sie in der Verzweiflung schon dahin gegeben, und nun kehrt sie dennoch mit jedem Tag wieder zu einem zurück, wie etwas von der Natur, der grausamen Natur Aufgezwungenes. Das Unglück infamiert. »Man ist kein reines Geschöpf der Natur mehr, kein Geschwister der stillen Gegenstände mehr15
Sie flieht aus Berlin in1 die Fremde2, weil sie die Schande nicht mehr erträgt. Weil sie5 verurteilt ist, weiter zu leben, sich an jedem neuen Tag mit der natürlichen »Unschuld jedes Geschöpfes6« zu freuen. Aber das ist keine Unschuld mehr, wenn man »das rechte Unglück kennt«, »wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung zusammengeängstet in Verzweiflung gern seine Existenz gegeben hätte, um nicht schmerzfähig zu sein: wenn man alles, die ganze Natur für grausam gehalten hat«.7 So natürlich die Freude war, so unrechtmäßig8 ist sie geworden, eine Freude, in die9 man nicht einstimmen10 kann, der man nur12 ausgeliefert ist. Das »Natürliche« ist das »Künstliche« geworden. Die eigene Existenz - man hatte sie in der Verzweiflung schon dahin gegeben, und nun kehrt sie dennoch mit jedem Tag wieder zu einem zurück, wie etwas von der Natur, der grausamen Natur Aufgezwungenes. Das Unglück infamiert. »Man ist kein reines Geschöpf der Natur mehr, kein Geschwister der stillen Gegenstände mehr15
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»Ich weiß, die Sache geht weiter«. - Welche Sache denn? Was ihr geschehen ist, ist vorbei; wie kann das, was vorbei ist, weitergehen? Sie fährt nach Paris, denn »alle, die ich hier liebte, haben mich mißhandelt«. Wer hat sie mißhandelt? Haben nicht alle sie geschätzt, bewundert, überschüttet mit der schmeichelhaftesten Anerkennung? Hat sie nicht mehr erreicht als alle anderen, obwohl sie nicht reich, nicht schön, ohne Stellung in der Welt, nicht einmal verheiratet ist? Hat sie nicht nur durch den Zauber, die Faszination der Person alle an sich gelockt, die nur irgend bekannt in der damaligen Gesellschaft waren?
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So lebt Rahel weiter, obwohl sie nicht vergessen kann, was ihr geschehen ist. Dass sie weiter lebt, dankt sie gerade nicht dem, was ihr geschehen ist, sondern der albernen Regelmässigkeit, die sich gleich bleibt; die schon war, bevor ihr etwas |73 widerfuhr, die über alle Verzweiflung zur Tagesordnung übergegangen ist, und die über alles, was noch kommen kann, doch noch kommen kann, immer wieder zur Tagesordnung übergehen wird.
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»Ich weiss, die Sache geht weiter« - nicht nur ihr Leben geht weiter, sondern die Sache. Welche Sache denn? Was ihr geschehen ist, ist vorbei; wie kann das, was vorbei ist, weitergehen? Sie fährt nach Paris, denn »alle, die ich hier liebte, haben mich misshandelt«. Wer1 hat sie misshandelt? Haben sie sie2 nicht alle geliebt3, sind4 sie nicht alle zu ihr gekommen, ohne Misstrauen,5 ihrem Zauber gehorchend? Aber hat Rahel denn gewollt6, dass sie gehorchen? Hat je einer gefragt7, wie es um sie steht? Hat je einer etwas von ihr wissen wollen?8 Die Möglichkeit der Faszination lag in ihrer Situation, und die anderen9, wie konnten10 sie wissen, dass12 sie diese Faszination hätten zerbrechen14 müssen, um sie selbst zu haben, sie selbst15, nämlich das,16 was ihr geschehen ist17. Jeder hat sich gefreut an dem »Spektakel«, das sie ihnen bot18; aber19 keiner hat die Wahrheit annehmen wollen, die sie bereit war, ihnen zu sagen20.
»Ich weiss die Sache geht weiter« - Welche Sache denn? Was ihr geschehen ist, ist vorbei; wie kann das, was vorbei ist, weitergehen? Sie fährt nach Paris, denn »alle, die ich hier liebte, haben mich misshandelt«. Wer1 hat sie misshandelt? Haben2 nicht alle sie geliebt3, sind4 sie nicht alle zu ihr gekommen, ohne Misstrauen, voller Schmeichelei,5 ihrem Zauber gehorchend? Nur hat Rahel gar |78 nicht gewollt6, dass sie gehorchen, sondern dass einer fragt7, wie es um sie steht.8 Die Möglichkeit der Faszination lag in ihrer Situation, und die Anderen9, wie sollten10 sie schliesslich11 wissen, dass12 sie hätten13 diese Faszination zerbrechen14 müssen, um sie selbst zu haben, sie selbst15, das16 was ihr geschehen war17. Jeder hat sich gefreut an dem »Spektakel«, das sie allen anbot18; keiner hat die Wahrheit annehmen wollen, die sie ohne allen Übergang immer bereit war herauszuschreien20.
Nur1 hat Rahel offenbar2 nicht gewollt3, daß4 sie sich5 ihrem Zauber fügen6, sondern gehofft, daß einer fragen wird7, wie es um sie steht.8 Die Möglichkeit der Faszination lag in ihrer Situation, und die Anderen9, wie sollten10 sie schließlich11 wissen, daß12 sie diese Faszination hätten durchbrechen14 müssen, um sie selbst zu haben, nämlich das15, was ihr geschehen war17. Jeder hat sich gefreut an dem »Spektakel«, das sie allen anbot18; keiner hat die Wahrheit annehmen wollen, die sie ohne allen Übergang immer bereit war herauszuschreien20.
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Sie hat kämpfen wollen, um die Wahrheit zu sagen. Sie hat sich zu etwas Undurchdringlichem gemacht. Nichts hat sie »1tun«2 wollen, sie ist3 nur immer »strenger« geworden4. Vor der Undurchdringlichen sind die Menschen zurückgewichen, wie sie der Faszinierenden erlagen. »Alles weicht von mir. Nur ich will nicht weichen.« Sie hat wirklich geglaubt6, dass7 ihre Strenge, ihre Undurchdringlichkeit, ihre Härte sie sichtbar, dass8 der Widerstand sie spürbar machen wird9. Aber die10 Welt ist voll Meinungen,11 und die Wahrheit wird nicht sichtbar dadurch12, dass13 einer sie in die Welt der Meinungen hineinspricht. Wer will unterscheiden zwischen Meinung und Wahrheit.14 »Ich und die Wahrheit!15 ...16 beide nicht sichtbar, beide unscheinbar«.17 In der Welt der Meinungen ist die Wahrheit selbst nur eine Meinung, sie ist unscheinbar.
Sie hat kämpfen wollen, um die Wahrheit zu sagen. Sie hat sich zu etwas Undurchdringlichem gemacht. Nichts hat sie tun wollen, nur immer »strenger« wollte sie werden4. Vor der Undurchdringlichen sind endlich5 die Menschen zurückgewichen, wie sie der Faszinierenden erlagen. »Alles weicht von mir. Nur ich will nicht weichen.« Sie hat wirklich gehofft6, dass7 ihre Strenge, ihre Undurchdringlichkeit, ihre Härte sie sichtbar, dass8 der Widerstand sie spürbar machen werde9. Ach, nur aufdringlich hat sie das alles gemacht, taktlos und zudringlich. Die10 Welt ist voll von Meinungen11 und die Wahrheit wird nicht dadurch sichtbar12, dass13 einer sie in die Welt der Meinungen hineinspricht. Wer will unterscheiden zwischen Meinung und Wahrheit.14 »Ich und die Wahrheit!15 .. beide nicht sichtbar, beide unscheinbar«.17 In der Welt der Meinungen ist die Wahrheit selbst nur eine Meinung, sie ist unscheinbar.
Sie hat kämpfen wollen, um die Wahrheit zu sagen. Sie hat sich zu etwas Undurchdringlichem gemacht. Nichts hat sie tun wollen, nur immer »strenger« ist sie geworden4. Vor der Undurchdringlichen sind schließlich5 die Menschen zurückgewichen, wie sie der Faszinierenden erlagen. »Alles |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000077 weicht von mir. Nur ich will nicht weichen.« Sie hat wirklich gehofft6, daß7 ihre Strenge, ihre Undurchdringlichkeit, ihre Härte sie sichtbar, daß8 der Widerstand sie spürbar machen werde9. Ach, nur aufdringlich hat sie das alles gemacht, taktlos und zudringlich, wie Wilhelm von Humboldt offen sagte; die »innere Grazie« hat es sie gekostet. Die10 Welt ist voll von Meinungen,11 und die Wahrheit wird nicht dadurch sichtbar12, daß13 einer sie in die Welt der Meinungen hineinspricht. Wer will unterscheiden zwischen Meinung und Wahrheit?14 »Ich und die Wahrheit .15.. beide nicht sichtbar, beide unscheinbar17 In der Welt der Meinungen ist die Wahrheit selbst nur eine Meinung, sie ist unscheinbar.
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Darum hat die Welt sie misshandelt1. Sie haben die vom Schicksal Zurückgestossene noch einmal zurückgestossen2. »Sie wissen’s nicht: ich sag es nicht; drum geh ich. Glaube nur nicht, dass3 ich hoffe, dort würd ich würdig empfangen. Gott bewahre! Die Komödie geht von Neuem4 los«5. Geht es weiter? Es wird sich jedenfalls wiederholen. »Sie wird nie heil diese Brust ... denn sie6 sehnt sich nach neuen Pfeilen7 Die Starre hätte ihr Leben endgültig fixieren können; die Misshandlungen8 der Freunde, das immer, wenn auch im Kleinsten wiederholte Zurückgestossenwerden10 hat ihre Undurchdringlichkeit zerschlagen. Selbst die Wahrheit, die das Leben als Einsicht geschenkt hat12, bleibt unscheinbar und ist kein Schutz gegen die13 Menschen. Was soll Undurchdringlichkeit und14 Strenge und15 Jenseitsstehen, wenn »man für eine Welt arbeiten muss16, die man nicht kennt, und die alles, alles was man liebt, unwiderstehlich für sich fordert18
Darum hat die Welt sie misshandelt1. Sie haben die vom Schicksal Zurückgewiesene von sich abgestossen, sie und ihre Wahrheit2. »Sie wissen’s nicht: ich sag es nicht; drum geh ich. Glaube nur nicht, dass3 ich hoffe, dort würd ich würdig empfangen. Gott bewahre! Die Komödie geht von neuem4 los.« Die alberne Regelmässigkeit, die über alle Verzweiflung zur Tagesordnung übergegangen ist, die infame |79 Lebenslust der Jugend »6sehnt sich nach neuen Pfeilen«.7 Die Starre hätte ihr Leben endgültig fixieren können; die Misshandlungen8 der Freunde, das immer, wenn auch oft9 im Kleinsten wiederholte Zurückgestossenwerden10 hat ihr11 ihre Undurchdringlichkeit zerschlagen. Selbst die Wahrheit, die das Leben als Einsicht schenkt12, bleibt unscheinbar und ist kein Schutz gegen Menschen. Was soll Undurchdringlichkeit,14 Strenge,15 Jenseitsstehen, wenn »man für eine Welt arbeiten muss16, die man nicht kennt, und die alles, alles,17 was man liebt, unwiderstehlich für sich fordert18
Darum hat die Welt sie mißhandelt1. Sie haben die vom Schicksal Zurückgewiesene von sich gestoßen, sie und ihre Wahrheit2. »Sie wissen’s nicht: ich sag es nicht; drum geh ich. Glaube nur nicht, daß3 ich hoffe, dort würd ich würdig empfangen. Gott bewahre! Die Komödie geht von neuem4 los.« Die alberne Regelmäßigkeit, die über alle Verzweiflung zur Tagesordnung übergegangen ist, die infame Lebenslust der Jugend »6sehnt sich nach neuen Pfeilen«.7 Die Starre hätte ihr Leben endgültig fixieren können; die Mißhandlungen8 der Freunde, das immer, wenn auch oft9 im Kleinsten wiederholte Zurückgestoßenwerden10 hat ihr11 ihre Undurchdringlichkeit zerschlagen. Selbst die Wahrheit, die das Leben als Einsicht schenkt12, bleibt unscheinbar und ist kein Schutz gegen Menschen. Was soll Undurchdringlichkeit,14 Strenge,15 Jenseitsstehen, wenn »man für eine Welt arbeiten muß16, die man nicht kennt, und die alles, alles,17 was man liebt, unwiderstehlich für sich fordert«.18
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Ihr1 Unglück hat ihr mit einem Schlage gezeigt: so ist das Leben. Diese2 Erfahrung gibt, wenn sie das Leben nicht hindert,3 überhaupt weiter zu leben4, eine Clairvoyance5 für die Zukunft. Alles wird sich wiederholen, zwar ihr ist es klar, was ihr geschehen ist, aber keinem ausser ihr. Niemand versteht sie6. Dadurch wird selbst das Geschehene7 langsam, je weiter8 es in die Vergangenheit rückt9, illusionistisch10; es wird mit jedem Tag weniger wahr, weniger wirklich. So kommt es, dass11 sie »treu ist und untreu sein muss12; und dass13 sie untreu ist und treu sein muss.«14 Sie muss15 weiter, weil der Welt das einmal Geschehene nicht genügt, weil es an ihr noch nicht sichtbar genug ist. Sie »muss16 wieder lieben17 »Nur bei dieser Truppe durft18 ich nicht mehr bleiben«.19 Von einer anderen Stelle der Welt wird sie wieder hineingerissen werden; nur scheinbar untreu, in Wahrheit der Konsequenz, der »Sache« gehorchend; nur scheinbar treu, in Wahrheit trotz aller |74a Erinnerungen neuen Realitäten hingegeben, für jeden neuen Zufall offen und da. Denn: »es20 gibt geborene21 Krieger und geborene22 Gärtner, ich muss23 zur Schlacht! - und als Gemeiner - still den Kanonenku-geln entgegenstehen24. Wem ich gehorche, weiss25 ich nicht; aber geschoben werd26 ich, nicht kommandiert.« Als Gemeiner:27 als einer, der keinen Namen, keinen Stand, kein Ansehen hat; und an dem das was geschieht am deutlichsten abzulesen ist, weil er nichts entgegenzusetzen hat. Geschoben: ohne Rücksicht auf Eunsch od r31 Willen,32 nicht einmal kommandiert, denn33 im Kommando wird ja noch der34 Name genannt, das35 wird noch vorausgesetzt, dass36 der Kommandierte ausserhalb steht37, ja dass er38 rebellieren kann. Geschoben wird der Mensch39 nur, wenn er ohnehin mit dazu gehört nicht jenseits steht, wenn das Kommando schon überflüssig40 ist, weil er sich nicht mehr entziehen kann41.
Das1 Unglück hat ihr mit einem Schlage gezeigt: so ist das Leben. Solche allgemeine2 Erfahrung gibt, wenn sie das Leben nicht hindert überhaupt weiter zu gehen4, eine gewisse Voraussicht5 für die Zukunft. Alles wird sich wiederholen; denn niemand versteht sie6. Dadurch wird, was sie erfuhr,7 langsam, je tiefer8 es in die Vergangenheit sinkt9, illusorisch10; es wird mit jedem Tag weniger wahr, weniger wirklich. So kommt es, dass11 sie »treu ist und untreu sein muss12; und dass13 sie untreu ist und treu sein muss.«14 Sie muss15 weiter, weil der Welt das einmal Geschehene nicht genügt, weil es an ihr noch nicht sichtbar genug ist. Sie »muss16 wieder lieben«.17 »Nur bei dieser Truppe durft18 ich nicht mehr bleiben19 Von einer anderen Stelle der Welt wird sie wieder hineingerissen werden; nur scheinbar untreu, in Wahrheit der Konsequenz, der »Sache« gehorchend; nur scheinbar treu, in Wahrheit trotz aller Erinnerungen neuen Realitäten hingegeben, für jeden neuen Zufall offen und da. Denn: »Es20 gibt geborene21 Krieger und geborene22 Gärtner, ich muss23 zur Schlacht! - und als Gemeiner - still den Kanonenkugeln entgegen24. Wem ich gehorche, weiss25 ich nicht; aber geschoben werd26 ich, nicht kommandiert.« Als Gemeiner,27 |80 als einer, der keinen Namen, keinen Stand, kein Ansehen hat; und an dem das,28 was geschieht,29 am deutlichsten abzulesen ist, weil er ihm30 nichts entgegenzusetzen hat. Geschoben: ohne Rücksicht auf Wunsch oder31 Willen;32 nicht einmal kommandiert:33 im Kommando wird ja noch ein34 Name genannt, wird noch vorausgesetzt, dass36 der Kommandierte jemand ist37, der38 rebellieren kann. Geschoben wird nur, wer nichts und niemand40 ist, Produkt der Umstände, Spielball des Schicksals41.
Das1 Unglück hat ihr mit einem Schlage gezeigt: so ist das Leben. Solche allgemeine2 Erfahrung gibt, wenn sie das Leben nicht hindert,3 überhaupt weiter zu gehen4, eine gewisse Voraussicht5 für die Zukunft. Alles wird sich wiederholen; denn niemand hat es verstanden6. Dadurch wird, was sie erfuhr,7 langsam, je tiefer8 es in die Vergangenheit sinkt9, illusorisch10; es wird mit jedem Tag weniger wahr, weniger wirklich. So kommt es, daß11 sie »treu ist und untreu sein muß12; und daß13 sie untreu ist und treu sein muß«.14 Sie muß15 weiter, weil der Welt das einmal Geschehene nicht genügt, weil es an ihr noch nicht sichtbar genug ist. Sie »muß16 wieder lieben«.17 »Nur bei dieser Truppe durft’18 ich nicht mehr bleiben19 Von einer anderen Stelle der Welt wird sie wieder hineingerissen werden; nur scheinbar untreu, in Wahrheit der Konsequenz, der »Sache« gehorchend; nur scheinbar treu, in Wahrheit trotz aller Erinnerungen neuen Realitäten hingegeben, für jeden neuen Zufall offen und da. Denn: »Es20 gibt |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000078 geborne21 Krieger und geborne22 Gärtner, ich muß23 zur Schlacht! - und als Gemeiner - still den Kanonenkugeln entgegenstehen24. Wem ich gehorche, weiß25 ich nicht; aber geschoben werd’26 ich, nicht kommandiert.« Als Gemeiner,27 als einer, der keinen Namen, keinen Stand, kein Ansehen hat; und an dem das,28 was geschieht,29 am deutlichsten abzulesen ist, weil er ihm30 nichts entgegenzusetzen hat. Geschoben: ohne Rücksicht auf Wunsch oder31 Willen;32 nicht einmal kommandiert:33 im Kommando wird ja noch ein34 Name genannt, wird noch vorausgesetzt, daß36 der Kommandierte jemand ist37, der38 rebellieren kann. Geschoben wird nur, wer nichts und niemand40 ist, Produkt der Umstände, Spielball des Schicksals41.
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So geschoben fährt Rahel nach Paris im Juli 1800. Sie lässt1 in Berlin eine Fülle von Menschen, die ihr lieb geworden sind; sie kennt in Paris nur ihre Freundin, Caroline von Humboldt. Sie wartet auf Neues und hat eingesehen, das2 im Leben nicht einmal das Unglück das letzte Wort behält. nun3 soll ihr jedes Unglück nur noch »als Magd dienen«. Das ist die Genesung.
So geschoben fährt Rahel nach Paris im Juli 1800. Sie läßt1 in Berlin eine Fülle von Menschen, die ihr lieb geworden sind; sie kennt in Paris nur ihre Freundin, Caroline von Humboldt. Sie wartet auf Neues und hat eingesehen, daß2 im Leben nicht einmal das Unglück das letzte Wort behält. Nun3 soll ihr jedes Unglück nur noch »als Magd dienen«. Das ist die Genesung.
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So geschoben fährt Rahel nach Paris im Juli 1800. Sie lässt in Berlin eine Fülle von Menschen, d e ihr lieb geworden sind; sie kennt in Paris nur ihre Freundin Caroline von Humboldt. Sie ist offen für alle neuen Eindrücke, sie hat eingesehen, dass selbst das Unglück im Leben nicht das letzte Wort behält. Nun soll ihr jedes Unglück nur noch als Magd dienen«. Das ist ihre Genesung. Die1 letzten Jahre tauchen2 noch einmal3 in ihrer ganzen Bitterkeit auf, als ihre Schwester Rose heiratet, als4 Rahel ihr5 das Glück wünscht6, das sie selbst nicht hat als sie von weitem die Verachtung spürt8, die9 die Familie nicht nur insgeheim für sie und ihr Unglück hegt, das als Extravaganz gilt. Die Briefe an ihre12 Schwester aus Paris sind bitterer13 als alles.14 was es sonst von 9hr15 gibt. Sie sieht ihr Unglück in ihnen19 auf dem natürlilichen20 Niveau der Schwester. Die21 hat geheiratet, sie hat nicht geheiratet.23 »Also Du hast Glück. (Hättest Du all dies, welches mir fehlt; wie ungeheuer!)« Diese Bösartigkeit, dieser24 Verzicht auf jede Grossmut,25 und sei sie auch nichts als Geste,26 ist peinlich. Rahel ist die Grossmut verloren gegangen27, als28 sie anfing wieder29 das Leben zu lieben. »Solange man nicht das Leben liebt, geht noch alles an.«
Einmal tauchen die1 letzten Jahre noch in ihrer ganzen Bitterkeit auf, als ihre Schwester Rose heiratet, und4 Rahel der Schwester5 das Glück wünschen soll6, das sie selbst nicht hat;7 als sie von weitem die Verachtung zu spüren bekommt8, welche9 die Familie nicht nur insgeheim für sie und ihr Unglück hegt, das als pure10 Extravaganz oder als dummes Pech des nicht sonderlich hübschen Mädchen11 gilt. Die Briefe an die12 Schwester sind bitterer und - ordinärer -13 als alles,14 was es sonst von ihr15 gibt. Sie sieht ihr Unglück auf dem gewöhnlichen20 Niveau der Schwester: die21 hat geheiratet, sie selbst22 hat nicht geheiratet:23 »Also Du hast Glück. (Hättest Du all dies, welches mir fehlt; wie ungeheuer!)« Der24 Verzicht auf Grossmut -25 und sei sie auch nichts als Geste -26 ist ein so peinliches wie sicheres Zeichen, dass sie wieder zu leben anfängt27, dass28 sie in der Verzweiflung gelernt hat,29 das Leben zu lieben. »So lange man nicht das Leben liebt, geht noch alles an.«
Einmal tauchen die1 letzten Jahre noch in ihrer ganzen Bitterkeit auf, als ihre Schwester Rose heiratet und4 Rahel der Schwester5 das Glück wünschen soll6, das sie selbst nicht hat;7 als sie von weitem die Verachtung zu spüren bekommt8, welche9 die Familie nicht nur insgeheim für sie und ihr Unglück hegt, das als pure10 Extravaganz oder als dummes Pech des nicht hübschen Mädchens11 gilt. Die Briefe an die12 Schwester sind bitterer und - ordinärer13 als alles,14 was es sonst von ihr15 gibt. Für einen Augenblick ist es, als ob sie sich so sehen könnte, wie ihre Familie sie sehen muß, in der vollen Vulgarität der »gemeinen Sachen, die man aber haben muß«.16 Sie hat ein Stück ihrer Unschuld verloren, als sie erfuhr, an sich selbst erfuhr, daß die »gemeinen Sachen« in die Geschichte der Liebe selbst hineinspielen können. »Unschuld« ist nur, solange »man das rechte Unglück nicht kennt«; es gehört ja gerade zum Unglück, daß es in das Gemeine hinabzieht, über das sich das Glück erhaben glauben darf. »Es sind privilegierte Seelen, königliche Geister, die lange unschuldig bleiben, das Gemeine nur schwer fassen, und immer wieder vergessen.« Auch sie wird es wieder vergessen, aber jetzt17 sieht sie18 ihr Unglück auf dem gewöhnlichen20 Niveau der Schwester: die21 hat geheiratet, sie selbst22 hat nicht geheiratet:23 »Also Du hast Glück. (Hättest Du all dies, welches mir fehlt; wie ungeheuer!)« Der24 Verzicht auf Großmut -25 und sei sie auch nichts als Geste -26 ist ein so peinliches wie sicheres Zeichen, daß sie wieder zu leben anfängt27, daß28 sie in der Verzweiflung gelernt hat,29 das |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000079 Leben zu lieben. »So lange man nicht das Leben liebt, geht noch alles an.«
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202
Die1 Bitterkeit ist nur die Kehrseite2 der Melancholie; jener3 Verdüsterung, die »keinen Zusatz erlaubt«,,4 die keine von den Traurigkeiten ist, die »7wieder vergeht, die wie ein durch Wolken gebrochener Schein eine Gegend angenehm melancholisch9 verdunkelt oder erhellt«. Wenn der Melancholische auftaucht aus seiner Traurigkeit, in der ihm die Welt und10 das Leben und er selbst, sein Leben und sein Tod, wenn auch ohne Konturen so doch eindringlich präsent13 waren; wenn er auftaucht und vergisst14, dass15 seine Traurigkeit die letzte und endgiltige16 war, die unvermutet aus jedem Anlass17 des Lebens steigen kann; wenn er auftaucht und sich nur noch an den Anlass18 klammert und nur noch hört: es ist vorbei; wenn er auftaucht und anfängt20 zwischen sich und den anderen21 Vergleiche zu ziehen, so beginnt er zwar gerade da22 |76 damit, das Leben wieder zu lieben,23 aber er diffamiert seine Melancholie nachträglich zum einfachen Traurigsein24. Er vergisst25 den Zusammenhang, den die Melancholie gezeigt hat26, er vergisst27 die Allgemeinheit der Schwermut, die schon dem anhaftet28, dass man sich nicht selbst das Leben gegeben hat; er denkt29, dass er es hätte besser haben können30 und er wird bitter31.
Bitterkeit ist nur die hässliche Folge2 der Melancholie; jene3 Verdüsterung, die »keinen Zusatz erlaubt«, die keine von den Traurigkeiten ist, »die7 wieder vergeht, die wie ein durch Wolken gebrochener Schein,8 eine Gegend angenehm-melancholisch9 verdunkelt oder erhellt«. Wenn der Melancholische auftaucht aus seiner Traurigkeit, in der ihm die Welt,10 das Leben und er selbst, sein Leben und sein Tod, wenn auch ohne feste11 Konturen,12 so doch eindringlich präsentiert13 waren; wenn er auftaucht und vergisst14, dass15 seine Traurigkeit die letzte und endgiltige16 war, die unvermutet aus jedem Anlass17 des Lebens steigen kann; wenn er auftaucht und sich nur noch an den Anlass18 klammert,19 und nur noch hört: es ist vorbei; wenn er anfängt,20 zwischen sich und den andern21 Vergleiche zu ziehen, so beginnt er zwar gerade damit, das Leben wieder zu lieben;23 aber er diffamiert seine Melancholie nachträglich zum gewöhnlichen Unglücklichsein24. Über dem Anlass vergisst er25 den Zusammenhang, den die Melancholie gezeigt hatte26, vergisst27 die Allgemeinheit der Schwermut, die keinen Anlass braucht28, weil sie aus jedem unvermutet steigen kann, weil sie zutiefst der Tatsache verhaftet ist29, dass wir uns nicht selbst das Leben gegeben30 und es nicht frei gewählt haben31.
Bitterkeit ist nur die häßliche Folge2 der Melancholie; jene3 Verdüsterung, die »keinen Zusatz erlaubt«, die »5keine von den Traurigkeiten«6 ist, »die7 wieder vergeht, die wie ein durch Wolken gebrochener Schein,8 eine Gegend angenehm-melancholisch9 verdunkelt oder erhellt«. Wenn der Melancholische auftaucht aus seiner Traurigkeit, in der ihm die Welt und10 das Leben und er selbst, sein Leben und sein Tod, wenn auch ohne feste11 Konturen,12 so doch eindringlich präsent13 waren; wenn er auftaucht und vergißt14, daß15 seine Traurigkeit die letzte und endgültige16 war, die unvermutet aus jedem Anlaß17 des Lebens steigen kann; wenn er auftaucht und sich nur noch an den Anlaß18 klammert und nur noch hört: es ist vorbei; wenn er anfängt,20 zwischen sich und den andern21 Vergleiche zu ziehen, so beginnt er zwar gerade damit, das Leben wieder zu lieben;23 aber er diffamiert seine Melancholie nachträglich zum gewöhnlichen Unglücklichsein24. Über dem Anlaß vergißt er25 den Zusammenhang, den die Melancholie gezeigt hatte26, vergißt27 die Allgemeinheit der Schwermut, die keinen Anlaß braucht28, weil sie aus jedem unvermutet steigen kann, weil sie zutiefst der Tatsache verhaftet ist29, daß wir uns nicht selbst das Leben gegeben30 und es nicht frei gewählt haben31.
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203
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Leicht ist es, das Leben in der Fremde zu lieben. Nie sonst ist man so Herr seiner selbst, als wenn keiner einen kennt, als dort wo es1 allein und ausschliesslich2 uns in die Hand gegeben ist. In der undurchschaubaren Fremde geht alles Einzelne3, uns Betreffende unter. Leicht ist es Unglück zu überwinden, wenn es nicht in allgemeiner Bekanntheit zur Schande sich auswachsen kann, wenn es nicht von unzähligen Spiegeln reflektiert, gesammelt immer aufs neue uns trifft. Leicht ist es, so lange man jung ist, sich hinzugeben der reinen Lebenskraft, die immer untertauchen5 und vergessen rät. |82 Leicht ist es, sich selbst zu vergessen, wenn der Grund allen Unglücks, die »infame Geburt«, nicht gekannt, nicht bemerkt ist8, nicht zählt.
Leicht ist es, das Leben in der Fremde zu lieben. Nie sonst ist man so Herr seiner selbst, als wenn keiner einen kennt und das Leben1 allein und ausschließlich2 uns in die Hand gegeben ist. In der undurchschaubaren Fremde geht alles einzelne3, uns Betreffende unter. Leicht ist es,4 Unglück zu überwinden, wenn es nicht in allgemeiner Bekanntheit zur Schande sich auswachsen kann, wenn es nicht von unzähligen Spiegeln reflektiert, gesammelt immer aufs neue uns trifft. Leicht ist es, solange man jung ist, sich hinzugeben der reinen Lebenskraft, die immer unterzutauchen5 und zu6 vergessen rät. Leicht ist es, sich selbst zu vergessen, wenn der Grund allen Unglücks, die »infame Geburt«, nicht gekannt ist7, nicht bemerkt wird8, nicht zählt.
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204
Rahel beginnt das Leben zu lieben, sie fängt an Paris zu lieben, indem s sie anfängt sich um die Mode zu kümmern. Hier in Paris hat sie Zugang zu den Dingen der Welt, denn hier ist sie ganz fremd und es ist darum gleich, dass sie Jüdin ist. Ihre Genauigkeit, die sie als junges Mädchen allen Dingen der fremden Welt gegenüber hatte, ihre Neugier kehrt wieder. Sie schreibt an die Boye, ihre Freundin, ausführliche Modebriefe
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205
Sie beginnt, sich wieder aus der Ferne an Menschen zu binden an die Kinder iherer Brüder, um die sie besorgt ist, als wären sie ihre eigenen. Sie liebt an ihnen ihre Unschuld und ihre selbstverständliche Freude; die Freude, die sie ihnen machen kann, scheint wie eine Legitimation ihrer eigenen neugeborenen Lebensfreude, die sie dauernd verteidigen muss, Sie hängt sich an die Kinder, wie sie sich später an jedes Stück Natur hängt, an alles, was von Welt, Gesellschaft und persönlicher Geschichte unberührt bleibt; sie muss ausserhalb ihres Lebens die Bindung finden, die sie wieder zurückruft, die sie genesen lässt.
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206
»Von mir sprecht keinem, lasst reden ich käme gar nicht wieder.« Wenn sie wiederkommt, will sie nicht erwartet werden; in eine fremde Welt will sie kommen; bis dahin ist es aber noch Zeit, Zeit, um gesund werden zu können. Keiner darf von ihr wissen, damit kein Wissen sie bindet.
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207
»Fremdsein ist gut«,1 untertauchen, niemand sein, keinen Namen haben nicht2 was erinnert; und so ausprobieren, vesuchen3, was noch Freude macht; sich nicht treffen lassen, aber untertauchen4, sich verlieren in5 alle schönen Dinge der Welt., Man6 kann sich in vieles7 verlieben, in eine sch8 |77 schöne Vase, in schönes Wetter, in schöne Menschen. Alles Schöne hat Macht, alle Dinge der Welt haben ein Gesicht und können schön sein. »Schönes Wetter und Klima ist das Schönste9 auf Erden. Dies ist ein eigentlicher Gott10 Aus einem schönen Augusttag11 kann sogar das Glück n12 noch kommen13, ein ganz unerwartetes Glück14 für den, der das Glück15 immer nur von Menschen erwartet hat16. »Von17 Menschen kommt kein Glück.« Aber auch Menschen können schön sein, und warum soll18 man sich nicht in sie verlieben, da man untreffbar geworden ist? So lässt sich Rahel in Paris von allem fangen, undurchdringlich, aber empfänglich für alles Schöne. So verliebt sie sich und wartet auf ihn19: »Römer ist er, zweiundzwanzig Jah20, Brigadechef, WWunder21 an Hals und Bein und schön wie ein Gott.« Viel mehr ist über ihn nicht zu sagen23, er hat eine »Götterrasse«24 und sie fühlt25 sich neben ihm gar nicht grossartig26, sondern einfach hässlich27. Was bleibt ihr anders übrig28, er ist keineswegs »ausserodentlich spirituell29 und sensibel30«. dazu31 hat schon ein »Engagement32«; es wird also nichts daraus. Das ist weiter nichts als ärgerlich33, »fâcheux«. Jedoch kann sie sich »an der Schönheit weiden34« und das35 ist dann auch woh genug36.
»Fremdsein ist gut«;1 untertauchen, niemand sein, keinen Namen haben, nichts,2 was erinnert; und so ausprobieren, versuchen3, was noch Freude macht; sich nicht treffen lassen, ohne Prätentionen sein4, sich verlieren an5 alle schönen Dinge der Welt. In vieles6 kann man sich7 verlieben, in eine schöne Vase, in schönes Wetter, in schöne Menschen. Alles Schöne hat Macht, alle Dinge der Welt haben ein Gesicht und können schön sein. »Schönes Wetter und Klima ist das schönste9 auf Erden. Dies ist ein eigentlicher Gott«.10 Aus einem schönen Sommertag11 kann sogar das Glück noch steigen13, ein ganz unerwartetes für den, der es15 immer nur von Menschen erwartete16. Von »17Menschen kommt kein Glück«. Aber verlieben ohne Prätentionen darf18 man sich ohne Gefahr19: »Römer ist er, zweiundzwanzig Jahr20, Brigadechef, Wunde21 an Hals und Bein,22 und schön wie ein Gott.« Die »Götterrace« genügt durchaus23, und dass man25 sich neben ihm gar nicht grossartig fühlt26, sondern einfach »hässlich«27. Denn, Gott sei Dank28, er ist keineswegs »ausserordentlich spirituel29 und sensible30«,31 hat schon ein »engagement32«, und Rahel kann sich getrost an der »Schönheit weiden«33, wenn das in einem Sinne auch wieder ärgerlich, »facheux34«,35 ist.
»Fremdsein ist gut«;1 untertauchen, niemand sein, keinen Namen haben, nichts,2 was erinnert; und so ausprobieren, versuchen3, was noch Freude macht; sich nicht treffen lassen, ohne Prätentionen sein4, sich verlieren an5 alle schönen Dinge der Welt. In vieles6 kann man sich7 verlieben, in eine schöne Vase, in schönes Wetter, in schöne Menschen. Alles Schöne hat Macht, alle Dinge der Welt haben ein Gesicht und können schön sein. »Schönes Wetter und Klima ist das schönste9 auf Erden. Dies ist ein eigentlicher Gott10 Aus einem schönen Sommertag11 kann sogar das Glück |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000080 noch steigen13, ein ganz unerwartetes für den, der es15 immer nur von Menschen erwartete16. Von »17Menschen kommt kein Glück.« Aber verlieben ohne Prätentionen darf18 man sich ohne Gefahr19: »Römer ist er, zweiundzwanzig Jahr20, Brigadechef, Wunde21 an Hals und Bein,22 und schön wie ein Gott«, schreibt sie aus Paris an Brinckmann im Februar 1801. Die »Götterrace« genügt durchaus23, und daß man25 sich neben ihm gar nicht großartig fühlt26, sondern einfach »häßlich«27. Denn, Gott sei Dank28, er ist keineswegs »außerordentlich spirituel29 und sensible30«,31 hat schon ein »engagement32«, und Rahel kann sich getrost an der »Schönheit weiden«33, wenn das in einem Sinne auch wieder ärgerlich, »facheux34«,35 ist.
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Dass sich in Paris ihre Starre löst, hat sie nächst Caroline von Humboldt, die Rahel liebt und ihrer Faszination nicht erliegt, der sie sich also vertrauen kann wie sie ihr vertraut, dem jungen Hamburger Bokelmann zu danken. Ihm zeigt sie sich ohne Vorstellung wie vorher nur David Veit.
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Aus der Ferne, aufgelockert, ohne Prätentionen,1 ist es leichter, natürliche Bindungen zu halten. Die Brüder und deren Kinder werden zum Gegenstand von Freude und Besorgnis. An den Kindern findet sie noch am ehesten die eigene Lebenslust in Unschuld wieder, eine Legitimation der eigenen, schwer erworbenen und dauernd zu verteidigenden. Sie hängt sich an die Kinder, wie sie sich später |83 an jeden Fetzen Natur hängt, an alles, was von Welt, Gesellschaft, persönlicher Geschichte unberührt bleibt. An alles, was nicht in ihr eigenes Leben als Geschichte eingehen kann. »Ein KinderUmgang2 hat auch den Vorzug, beinah nichts Menschliches an sich zu haben; wie ein Stück Garten erfreuts3 - besser - lässt5 einen ruhig. Fremde, Schönheit, Wetter, Musik und Kinder machen das Leben lebens- und liebenswert.
Aus der Ferne, aufgelockert, ist es leichter, natürliche Bindungen zu halten. Die Brüder und deren Kinder werden zum Gegenstand von Freude und Besorgnis. An den Kindern findet sie noch am ehesten die eigene Lebenslust in Unschuld wieder, eine Legitimation der eigenen, schwer erworbenen und dauernd zu verteidigenden. Sie hängt sich an die Kinder, wie sie sich später an jeden Fetzen Natur hängt, an alles, was von Welt, Gesellschaft, persönlicher Geschichte unberührt bleibt. An alles, was nicht in ihr eigenes Leben als Geschichte eingehen kann. »Ein Kinder-Umgang2 hat auch den Vorzug, beinah nichts Menschliches an sich zu haben; wie ein Stück Garten erfreut’s3 - und4 besser - und läßt5 einen ruhig.«6 Fremde, Schönheit, Wetter, Musik und Kinder machen das Leben lebens- und liebenswert.
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7. Kapitel Die schöne Welt
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In der Fremde, in der Distanz zu Wünschen, Hoffnungen, Unglücken1 und Verzichten, lernt Rahel langsam und glücklich die Freude, »sich die eigene Existenz abzuleugnen«, die Offenheit, Neues zu geniessen2, ohne es stets und obstinat auf sich zu beziehen, die Freiheit, einen Menschen zu lieben, wie er ist, einen Freund zu haben, ohne zu verlangen und zu fordern. Dieser Freund stammt aus Hamburg und heisst Bokelmann5.
In der Fremde, in der Distanz zu Wünschen, Hoffnungen, Unglück1 und Verzichten, lernt Rahel langsam und glücklich die Freude, »sich die eigene Existenz abzuleugnen«, die Offenheit, Neues zu genießen2, ohne es stets und obstinat auf sich zu beziehen, die Freiheit, einen Menschen zu lieben, wie er ist, einen Freund zu haben, ohne zu verlangen und zu fordern. Dieser Freund, acht Jahre jünger als sie, ist ein Kaufmann, von David Veit an sie empfohlen,3 stammt aus Hamburg, heißt Wilhelm Bokelmann4 und bleibt zwei Monate in Paris5.
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212
Den jungen Bokelmann liebt sie.1 »Bis jetzt ... liebt2 ich die Menschen nur mit meinen Kräften.3 Sie lieb ich aber mit den Ihrigen.« Hat sie gelernt4, dass der Gegenstand der Liebe nicht zufällig zu sein braucht, das er Würdige und Unwürdige gibt? »Sie verdienen so viel Liebe5.« Oder6 ist das auch nur ein Teil des Untertauchens, auf die eigenen Kräfte verzichten, sich die »eigene Existenz ableugnen« weil es gut ist, sich dem Fremden ganz anheimzugeben? -- Das ist nicht mehr untertauchenwollen, das |78 ist fast7 schon die8 Einsicht, dass es eine9 Welt geben könnte10, die sie zwar nicht11 kennt, in die sie auch nicht hineingeboren ist14, die aber15 zu erobern16 ist, es ist fast schon die Einsicht17, dass nicht18 nur alles dazu da ist, ihr19 die Existenz zu garantieren oder abzuleugnen21, dass nicht jeder Gegenstand ihrer Liebe22 gleich zufällig ist. Denn Bokelmann »fordert23 so viel Liebe auf als ich sonst nur mit Anstrengung und mit der edelsten, schönsten Art zu lügnen25 gab.« Aber dies kommt noch zu früh. So wird sie später Alexander von der Marwitz lieben; hier bleibt es ohne Konsequenzen. Es26 kommt zu unerwartet;27 »dies Ziel nahm ich mir nicht vor zu erreichen«. Dies28 bleibt nur ein Geschenk,29 jenseits ihres30 Lebens, das seinen Gang weitergeht31. Weil dies »32Glück«33 nichts mi34 ihrem Unglück zu tun hat, kann sie nichts fordern, nicht von sich, nicht von den A deren35, kann sie nicht auf einer Konsequenz bestehen. »Ich fordere nichts von Ihnen ... und36 von mir fordere ich auch nichts. Nicht einmal, dass38 ich Sie liebe. Nicht dass39 ich Sie immer liebe, nicht Treue, nichts!« Und darum nimmt sie diese Liebe40 so wie sie das Wetter nimmt, mit derselben42 Dankbarkeit und derselben43 Intensität des Genusses; »wie man ein Kind liebt, ein Glück .45.. das jedem gehört ...47 der ihm begegnet. Begegnet bin ich ihm, und wer kann es mir rauben.48« So sehr sie sich Bokelmann anvertraut, sie lässt49 es nicht zu, dass50 ihr etwas von ihm geschieht51.
»Bis jetzt liebt2 ich die Menschen nur mit meinen Kräften;3 Sie lieb ich aber mit den IhrigenIhre krampfhafte Anstrengung4, Menschen zu verstehen, war bisher immer von der Sucht geleitet gewesen, sich an ihnen zu messen, sich in ihnen zu reflektieren5. Hier6 ist es reines Anerkennen: »Sie verdienen so viel Liebe«. In der Freundschaft mit einem Gleichstehenden taucht sie unter wie in der fremden Stadt, verzichtet auf eigene Kräfte wie auf die quälende Sorge um sich selbst. Darin mischt sich7 schon etwas8 Einsicht, dass die9 Welt, die sie weder11 kennt, noch12 in sie hineingeboren ist, auf13 die sie auch keinen geltend zu machenden Anspruch besitzt14, zu erobern und15 zu erfassen16 ist, wenn man nicht töricht darauf besteht17, alles18 nur daraufhin zu untersuchen, ob es19 die eigene20 Existenz garantiert oder ableugnet; die Einsicht21, dass zwischen den Menschen Unterschiede bestehen und dass nicht jede Begegnung22 gleich zufällig ist. Denn Bokelmann »fordert23 so viel Liebe auf,24 als ich sonst nur mit Anstrengung und mit der edelsten, schönsten Art zu lügen25 gab.« Aber dies kommt noch zu früh. So wird sie später Alexander von der Marwitz lieben; hier bleibt es ohne Konsequenzen,26 kommt zu unerwartet;27 »dies Ziel nahm ich mir nicht vor zu erreichen«,28 bleibt |85 nur ein Geschenk jenseits des30 Lebens, dessen Gang auf diese Weise angenehm unterbrochen ist31. Weil dies Glück nichts mit34 ihrem Unglück zu tun hat, kann sie nichts fordern, nicht von sich, nicht von dem Anderen35, kann sie nicht auf einer Konsequenz bestehen. »Ich fordere nichts von Ihnen. .. Und36 von mir fordere ich auch nichts. Nicht einmal dass38 ich Sie liebe. Nicht, dass39 ich Sie immer liebe, nicht Treue, nichts!« Und darum nimmt sie diese Freundschaft40 so,41 wie sie das Wetter nimmt, mit der gleichen42 Dankbarkeit und der gleichen43 Intensität des Genusses; ja sie liebt ihn44 »wie man ein Kind liebt, ein Glück,45 .. das jedem gehört .. der ihm begegnet. Begegnet bin ich ihm, und wer kann es mir rauben!48« So sehr sie sich Bokelmann anvertraut, sie lässt49 es nicht zu, dass50 ihr etwas von ihm widerfährt51.
»Bis jetzt ... liebt’2 ich die Menschen nur mit meinen Kräften;3 Sie lieb ich aber mit den IhrigenIhre krampfhafte Anstrengung4, Menschen zu verstehen, war bisher immer von der Sucht geleitet gewesen, sich an ihnen zu messen, sich in ihnen zu reflektieren5. Hier6 ist es reines Anerkennen: »Sie verdienen so viel Liebe.« In der Freundschaft mit dem viel Jüngeren taucht sie unter wie in der fremden Stadt, verzichtet auf eigene Kräfte wie auf die quälende Sorge um sich selbst. Darin mischt sich7 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000081 schon etwas8 Einsicht, daß die9 Welt, die sie nicht11 kennt, wie die, welche12 in sie hineingeboren sind, auf13 die sie keinen geltend zu machenden Anspruch besitzt14, zu erobern und15 zu erfassen16 ist, wenn man nicht töricht darauf besteht17, alles18 nur daraufhin zu untersuchen, ob es19 die eigene20 Existenz garantiert oder ableugnet; die Einsicht21, daß zwischen den Menschen Unterschiede bestehen und daß nicht jede Begegnung22 gleich zufällig ist. Denn Bokelmann fordert »23so viel Liebe auf,24 als ich sonst nur mit Anstrengung und mit der edelsten, schönsten Art zu lügen25 gab.« Aber dies kommt noch zu früh. So wird sie später Alexander von der Marwitz lieben; hier bleibt es ohne Konsequenzen,26 kommt zu unerwartet:27 »dies Ziel nahm ich mir nicht vor zu erreichen«,28 bleibt nur ein Geschenk jenseits des30 Lebens, dessen Gang auf diese Weise angenehm unterbrochen ist31. Weil dies Glück nichts mit34 ihrem Unglück zu tun hat, kann sie nichts fordern, nicht von sich, nicht von dem anderen35, kann sie nicht auf einer Konsequenz bestehen. »Ich fordere nichts von Ihnen. ... Und36 von mir fordere ich auch nichts mehr37. Nicht einmal, daß38 ich Sie liebe. Nicht, daß39 ich Sie immer liebe, nicht Treue, nichts!« Und darum nimmt sie diese Freundschaft40 so,41 wie sie das Wetter nimmt, mit der gleichen42 Dankbarkeit und der gleichen43 Intensität des Genusses; ja sie liebt ihn44 »wie man ein Kind liebt, ein Glück,45 ...46 das jedem gehört ...47 der ihm begegnet. Begegnet bin ich ihm, und wer kann es mir rauben!48« So sehr sie sich Bokelmann anvertraut, sie läßt49 es nicht zu, daß50 ihr etwas von ihm widerfährt51. Schnell gehen sie wieder auseinander. Bokelmann reist fort von Paris. »So werden Sie eine Welt in sich aufnehmen, ohne mich, und ich auch eine, ohne Sie.« Sie läßt ihn los und fahren, wie man das Glück fahren läßt, auf das man keinen Anspruch hat; sie hat ihn, »die schönste Beute meines Lebens«, gratis dazubekommen. Es hat ihr »geschmeichelt«, daß auch ihr einmal etwas einfach zugefallen ist. Sie kann ihn so wenig halten, wie man einen schönen Sommertag halten kann; sie hat so wenig Anspruch auf ihn, wie auf all das, was man ohne Wünsche bekommt, worauf Wünsche und Bedürfnisse nicht vorbereitet haben, also all das, was das Leben erträglich macht, aber es nicht ändert.52
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Schnell gehen sie auseinander. Bokelmann reist fort von Paris. »So werden sie2 eine Welt in sich aufnehmen ohne mich,4 und ich auch eine ohne Sie.« Sie lässt ihn,6 los und fahren, wie man das Glück fahren lässt, auf das man keinen Anspruch hat; sie hat ihn, »die schönste Beute ihres7 Lebens« gleichsam geschenkt bekommen,8 Es hat ihr »geschmeichelt«, dass auch ihr einmal etwas einfach zugefallen ist. Sie kann ihn so wenig halten, wie man einen Sommertag halten kann; sie hat so wenig Anspruch auf ihn, wie auf all das, was man ohne Wünsche bekommt, was das Leben erträglich macht, aber es nicht ändert.
Schnell gehen sie wieder1 auseinander. Bokelmann reist fort von Paris. »So werden Sie2 eine Welt in sich aufnehmen,3 ohne mich und ich auch eine,5 ohne Sie.« Sie lässt ihn los und fahren, wie man das Glück fahren lässt, auf das man keinen Anspruch hat; sie hat ihn, »die schönste Beute meines7 Lebens«, gratis dazubekommen.8 Es hat ihr »geschmeichelt«, dass auch ihr einmal etwas einfach zugefallen ist. Sie kann ihn so wenig halten, wie man einen schönen9 Sommertag halten kann; sie hat so wenig Anspruch auf ihn, wie auf all das, was man ohne Wünsche bekommt, worauf Wünsche und Bedürfnisse nicht vorbereitet haben, also all das,10 was das Leben erträglich macht, aber es nicht ändert.
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Er1, den sie liebenswürdig fand, hat ihr die Welt liebenswert gemacht;3 er hat sie gelehrt zu geniessen5: dass6 man auch in der vollkommenen Passivität an die Welt herankann7, wenn man sich von der Realität d8 der daseienden Dinge einfach aufzehren lässt9. Nun er weg ist, ist sie wieder auf sich zurückgeworfen, die Welt will sich nicht mehr geniessen10 lassen.11 »Tot12 und stumm und boshaft und fürchterlich ist14 die ganze Welt, die ganze besonnte Welt15 Und wieder ist der Schmerz und nicht der Genuss17, »das18 Einzige vom Leben,19 das bleibt«.
Bokelmann1, den sie liebenswürdig fand, hat ihr geholfen,2 die Welt liebenswert zu finden:3 er hat sie gelehrt,4 zu geniessen5: dass6 man auch in der vollkommenen Passivität an die Welt heran kommt7, wenn man sich von der Realität der daseienden Dinge einfach aufzehren |86 lässt9. Nun er weg ist, ist sie wieder auf sich zurückgeworfen, die Welt will sich nicht mehr geniessen10 lassen,11 »tot12 und stumm und boshaft und fürchterlich die ganze Welt, die ganze besonnte Welt«.15 Und wieder ist der Schmerz,16 und nicht der Genuss17, das »18Einzige vom Leben das bleibt«.
Bokelmann1, den sie liebenswürdig fand, hat ihr geholfen,2 die Welt liebenswert zu finden:3 er hat sie gelehrt,4 zu genießen5: daß6 man auch in der vollkommenen Passivität an die Welt herankommt7, wenn man sich von der Realität der daseienden Dinge einfach aufzehren läßt9. Nun er weg ist, ist sie wieder auf sich zurückgeworfen, die Welt will sich nicht mehr genießen10 lassen,11 »tot12 und stumm,13 und boshaft und fürchterlich die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000082 ganze Welt, die ganze besonnte Welt«.15 Und wieder ist der Schmerz,16 und nicht der Genuß17, das »18Einzige vom Leben das bleibt«.
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Sie kann ihn nicht halten, sie hat keinen Anspruch auf ihh1. Aber sie kann ihn aus der Ferne, aus der völligen Anspruchlosigkeit2 beschwören, zu bleiben wie er ist. Nicht ihn will sie, aber wissen, dass4 er existier5 Ihr »ists6 genug, solch7 stillen Freund ...8 wenn auch nur auf einen Augenblick besessen zu haben«. Nur soll er diesen Augenblick nicht verleugnen, er soll ihr Freund bleiben, er9 soll nicht so fremd werden wie alle werden; er soll10 sich nicht in diese11 Gesellschaft einreihen, er12 soll fern von ihr, bei ihr bleiben. »Ich will sie14 nicht mehr sehen, - nur verändern Sie sich nicht, verstehen Sie mich immer, dass15 ich Ihnen alles sagen darf«. Er soll »16immer dem17 Mut haben18, sich durch Fragen19 und Zweifel zu verletzen«, »den reizendsten Bau, der fürs Leben hielte,21 zu zerstören«. Er soll22 sich »von keiner gutschützenden24 Moral beruhigen ...25 oder gar zur Bewunderung reizen lassen26«. Er soll sich an nichts gewöhnen, nicht an die Welt, nicht an seine Freunde, nicht an das, was er »lange kennt oder was alt ist«, nicht einmal an sich selbst, an seine »Art sich auszudrücken«. Sie schreibt an ihn, als ob sie an ihn selbst schriebe28. Sie beschwört ihn so zu bleiben, wie sie ihn fand, wie sie selbst ist29. Ihre eigene30 Unbestimmtheit, ihre Ungebundenheit - bei ihm treten sie i32 ihr als Freiheit, als Unbestechlichkeit, als Vorur eilslosogkeit33 entgegen. Dadurch erhält sie für sich eine Legitimation; ihre Freiheit ist nur der positive Ausdruck für ihre Situation der Ungebundenheit an die Welt.34; seine Freiheit ist sein Verdienst, sie ist35 dadurch ge- |80 fährdeter36 als die ihre; sie muss sie sich erhalten und mit die Gara37[gap] nicht ein Curiosum38 zu sein. »Verändern Sie sich nicht«, bittet sie ihn39. »Haben Sie keine Vorurteile, bleiben sie40 in jedem Sinne des Wortes frei!« Um nichts bestimmtes bittet sie ihn41, jedes Bestimmte ist eine Fessel und hindert das »lebendige Spiel des Lebens«, dass42 man nicht »beinahe unbewusst43 als Pflicht durchseufzen« darf44, weil es an einen Mechanismus binden kann46, der dann nur noch abrollt. Er kann ihr nur bleiben, wenn er so ausserhalb48 der Welt unbestochen von ihr blebt50, wie sie ihn traf. Sie, die ausserhalb51 der Welt steht, mit ihm52 kann sie gegen53 die Welt stehen. Nicht die Welt weist sie ab54, sie hat55 mit ihm56 zusammen die Möglichkeit57, die58 Welt abzuweisen,. Die Garantie dafür wird ihr sein, dass er sie nicht vergisst, dass sie ihm »ja jedem lebendigen Spiel im Leben immer gegenwärtig sein« wird59, weil sie ja das lebendige Spiel des Lebens selber ist60. »wenn61 Sie sich verändern, muss62 ich Sie verlassen«.63 Sie will sich64 nicht mer hr von einem Bestimmten in die Welt hineinschleifen lassen. Sie hat ihr65 Abgewiesensein aus Freiheit bestätigt, wie sie schliesslich zu allem noch einmal Ja gesagt hat, was ihr geschehen ist. Aber dieser Stolz kann nicht allein ausserhalb von allem bleiben66. So wie Bokelmann ihn geweckt hat67, so braucht sie den Freund, ihn immer wieder68 in der Realität zu halten. »Leider fühlt ich wieder69, dass ich von Ihnen abhängig, dass mein Mut und Trotz gegen alles Verlorene von Ihnen herkommt«. Nicht einen Augenblick will sie ihn für sich haben70. »Lieben können Sie wen sie wollen«71. Dass er da72 ist und73 sie immer verstehen kann, ist wichtiger als dass er74 sie liebt75. »Ich will sie nicht mehr sehen« - seine Existenz bleibt die Garantie für ihren »Mut und76 Trotz«, wenn es auch gleichgültig ist77, ob78 sie ihn sieht. So abhängig ist sie von ihm79. WWenn Sie sich verändern muss80 ich Sie verlassen«. Sie wird ihm nicht die Treue wahren81, nicht ihm dem Bestimmten, Bokelmann aus Hamburg, auch n nicht ihrem Freund, der einmal viel für82 sie tat. Sobald er83 sich verändert, aufgeht in der Welt84, sich einreihen lässt in all das, wovon sie |80a ausgeschlossen85 ist und sich ausschliesst, sofort ist er ihr verloren. Das wird sie86 durch keine Treue vertuschen87. So wenig liegt ihr an dem bestimmten Bokelmann aus Hamburg. »MIch hält kein Sterblicher mehr unwürdig auf«. So unabhängig88 ist sie von ihm.
Sie kann ihn nicht halten, sie hat keinen Anspruch auf ihn1. Aber sie kann ihn aus der Ferne, aus der völligen Anspruchslosigkeit2 beschwören, zu bleiben wie er ist. Nicht ihn will sie, aber wissen, dass4 er existiert.5 Ihr »ist’s6 genug, solch!7 stillen Freund .. wenn auch nur auf einen Augenblick besessen zu haben«. Nur soll er diesen Augenblick nicht verleugnen, er soll ihr Freund bleiben, soll nicht so fremd werden wie alle Anderen sind, soll10 sich nicht in die fremde11 Gesellschaft einreihen, die von ihr nichts wissen will,12 soll,13 fern von ihr, bei ihr bleiben. »Ich will Sie14 nicht mehr sehen, - nur verändern Sie sich nicht, verstehen Sie mich immer, dass15 ich Ihnen alles sagen darf«; haben Sie »16immer den17 Mut, sich durch Frage19 und Zweifel zu verletzen«, »den reizendsten Bau, der fürs Leben hielte zu zerstören«. Lassen Sie22 sich von23 »keiner gut schützenden24 Moral beruhigen .. oder gar zur Bewunderung reizen«. -27 Er soll sich an nichts gewöhnen, nicht an die Welt, nicht an seine Freunde, nicht an das, was er »lange kennt oder was alt ist«, nicht einmal an sich selbst, an seine »Art sich auszudrücken« - dann bleibt er ihr Freund28. Das ist das Wichtigste29. Denn ihre30 Unbestimmtheit, ihre natürliche31 Ungebundenheit - bei ihm treten sie ihr als Freiheit, als Unbestechlichkeit, als Vorurteilslosigkeit33 entgegen. Dadurch erhält sie für sich eine Legitimation; ihre Freiheit ist nur der positive Ausdruck für ihre schreckliche Unverbundenheit mit der |87 Umwelt34; seine Freiheit ist sein Verdienst, dadurch gefährdeter36 als die ihre; solche Freiheit nur kann ihr die Garantie gewähren,37 nicht ein Curiosum38 zu sein. »Verändern Sie sich nicht«, bittet sie. »Haben Sie keine Vorurteile, bleiben Sie40 in jedem Sinne des Wortes frei!« Um nichts Bestimmtes geht es41, jedes Bestimmte ist eine Fessel und hindert das »lebendige Spiel des Lebens«, das42 man nicht »beinahe unbewusst43 als Pflicht durchseufzen« soll44, weil es einen45 an einen Mechanismus bindet46, der dann nur noch abrollt. Er kann ihr Freund47 nur bleiben, wenn er so ausserhalb48 der Welt,49 unbestochen von ihr bleibt50, wie sie ihn traf. Sie, die ausserhalb51 der Welt schon geboren wurde,52 kann mit solchen,53 die aus Freiheit draussen bleiben, gegen die Welt stehen54, mit solchen56 zusammen die Gründe auffinden57, eine schlechte58 Welt abzuweisen, eine bessere zu wollen. Schwer ist es an die Verlässlichkeit solcher Freunde zu glauben, wenn man selbst keine Wahl hatte und nicht weiss59, wie es in einem aussieht, der die Wahl hat60. »Wenn61 Sie sich verändern, muss62 ich Sie verlassen63 Sie selbst will64 nicht mehr nachträglich der Welt oder einem Bestimmten zuliebe an sich, an ihrem65 Abgewiesensein rumdoktorn lassen. Sie wird ihm nicht die Treue wahren, nicht ihm, Herrn Bokelmann aus Hamburg, auch nicht ihrem Freund, der einmal viel für sie tat66. Sobald er aufgeht in der Welt67, sich einreihen lässt,68 in all das wovon sie ausgeschlossen ist und sich ausschliesst69, sofort ist er ihr verloren. Das wird sie durch keine Treue vertuschen. So wenig liegt ihr an dem bestimmten Bokelmann aus Hamburg70. »Mich hält kein Sterblicher mehr unwürdig auf71.« So unabhängig72 ist sie von ihm. Freunde werben muss74 sie. Der Stolz, der glaubt ganz allein sich ausserhalb halten zu können, ist schliesslich nur76 Trotz. |88 Bokelmann hat ihren Stolz geweckt77, sie braucht ihn, um sich zu halten79. »Leider fühlt80 ich wieder, dass ich von Ihnen abhänge81, dass mein ganzer Mut und Trotz gegen alles Verlorne von Ihnen herkommt.« Nicht einen Augenblick will82 sie ihn wirklich für83 sich haben - »lieben können Sie84, wen Sie wollen« - nur seine Freundschaft85 ist ihr notwendig als Garantie, dass sie nicht allein so trotzig86 durch die Welt läuft87. So abhängig88 ist sie von ihm.
Sie kann ihn nicht halten, sie hat keinen Anspruch auf ihn1. Aber sie kann ihn aus der Ferne, aus der völligen Anspruchslosigkeit2 beschwören, zu bleiben,3 wie er ist. Nicht ihn will sie, aber wissen, daß4 er existiert.5 Ihr »ist’s6 genug, solch’7 stillen Freund ...8 wenn auch nur auf einen Augenblick besessen zu haben«. Nur soll er diesen Augenblick nicht verleugnen, er soll ihr Freund bleiben, soll sich nicht in die fremde11 Gesellschaft einreihen, die von ihr nichts wissen will,12 soll,13 fern von ihr, bei ihr bleiben. »Ich will Sie14 nicht mehr sehen, - nur verändern Sie sich nicht, verstehen Sie mich immer, daß15 ich Ihnen alles sagen darf«; »haben Sie16 immer den17 Mut, sich durch Fragen19 und Zweifel zu verletzen«, »den reizendsten bequemsten20 Bau, der fürs Leben hielte,21 zu zerstören«. Lassen Sie22 sich von23 »keiner gut schützenden24 Moral beruhigen ...25 oder gar zur Bewunderung reizen«. -27 Er soll sich an nichts gewöhnen, nicht an die Welt, nicht an seine Freunde, nicht an das, was er »lange kennt oder was alt ist«, nicht einmal an sich selbst, an seine »Art sich auszudrücken« - dann bleibt er ihr Freund28. Das ist das Wichtigste29. Denn ihre30 Unbestimmtheit, ihre natürliche31 Ungebundenheit - bei ihm treten sie ihr als Freiheit, als Unbestechlichkeit, als Vorurteilslosigkeit33 entgegen. Dadurch erhält sie für sich eine Legitimation; ihre Freiheit ist nur der positive Ausdruck für ihre natürliche Ungebundenheit an die Umwelt34; seine Freiheit ist sein Verdienst, dadurch gefährdeter36 als die ihre; solche Freiheit nur kann ihr die Garantie gewähren,37 nicht ein Kuriosum38 zu sein. »Verändern Sie sich nicht«, bittet sie. »Haben Sie keine Vorurteile, bleiben Sie40 in jedem Sinne des Wortes frei!« Um nichts Bestimmtes geht es41, jedes Bestimmte ist eine Fessel und hindert das »lebendige Spiel des Lebens«, das42 man nicht »beinahe unbewußt43 als Pflicht durchseufzen« soll44, weil es einen45 an einen Mechanismus bindet46, der dann nur noch abrollt. Er kann ihr Freund47 nur bleiben, wenn er so außerhalb48 der Welt,49 unbestochen von ihr bleibt50, wie sie ihn traf. Sie, die außerhalb51 der Welt schon geboren wurde,52 kann mit solchen,53 die aus Freiheit draußen bleiben, gegen die Welt stehen54, mit solchen56 zusammen die Gründe auffinden57, eine schlechte58 Welt abzuweisen, eine bessere zu wollen. Schwer ist es, an die Verläßlichkeit solcher Freunde zu glauben, wenn man selbst keine Wahl hatte und nicht weiß59, wie es in einem aussieht, der die Wahl hat60. |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000083 »Wenn61 Sie sich verändern, muß62 ich Sie verlassen63 Sie selbst will64 nicht mehr nachträglich der Welt oder einem Bestimmten zuliebe an sich, an ihrem65 Abgewiesensein, herumdoktern lassen. Sie wird ihm nicht die Treue wahren, nicht ihm, Herrn Bokelmann aus Hamburg, auch nicht ihrem Freund, der einmal viel für sie tat66. Sobald er aufgeht in der Welt67, sich einreihen läßt68 in all das, wovon sie ausgeschlossen ist und sich ausschließt69, sofort ist er ihr verloren. Das wird sie durch keine Treue vertuschen. So wenig liegt ihr an dem bestimmten Bokelmann aus Hamburg70. »Mich hält kein Sterblicher mehr unwürdig auf71.« So unabhängig72 ist sie von ihm. Freunde werben muß74 sie. Der Stolz, der glaubt, ganz allein sich außerhalb halten zu können, ist schließlich nur76 Trotz. Bokelmann hat ihren Stolz geweckt77, sie braucht ihn, um sich zu halten79. »Leider fühlt80 ich wieder, daß ich von Ihnen abhänge81, daß mein ganzer Mut und Trotz gegen alles Verlorene von Ihnen herkommt.« Nicht einen Augenblick will82 sie ihn wirklich für83 sich haben - »lieben können Sie84, wen Sie wollen« -, nur seine Freundschaft85 ist ihr notwendig als Garantie, daß sie nicht allein so trotzig86 durch die Welt läuft87. So abhängig88 ist sie von ihm.
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So unabhängig ist sie in Paris geworden. »Es gibt ein Verzweifeln, in welchem man nichts2 fordert; und es gibt auch eine Liebesstimmung möcht ichs4 nennen - in der man auch nichts fordert. Ich kenne beides.« Die Verzweiflung ist vorbei und die Liebesstimmung ist auch vorbei,6 das Leben hat ihr entrissen, was sie sich wünschte, es hat sie7 in die Verzweiflung der Wunschlosigkeit der völligen Resignation8 getrieben: imme9 weiter geht das Leben, sie kann nicht mehr wünschen, was sie einst wünscte10. Die Verzweiflung ist vorbei; was bleibt, sind nicht nur die Schmerzen, es bleibt der Verzicht auf Besitz, es bleibt die Einsicht, da dass »11das Leben nicht zum Bleiben eingerichtet ist«13. Das »beweist nicht allein der Tod, sondern alles Unvollkommene und unser schmerzhaftes treibendes Schwanken am meisten«; das beweist schon das Faktum des Weiterlebens.17 Natürlich will man besitzen, natürlich will man »festhalten«,18 das Gute19 wie das Böse20; aber »wenn sich nichts ändert, so ändert sich unsere Stimmung«, und dann wird das »Festhalten« »unedel«, weil der »edle Schmerz« »verloren ist« oder die edle Freude21. Man kann das Leben tadeln«, das nicht zum Bleiben eingerichtet ist, das dem Menschen nicht erlaubt zu bleiben23, was er ist,24 das ihn zwingt zu Hoffen25 und zu Verzichten26, zu Wünschen27 und Fahren28 zu lassen. Man kann das Leben tadlen,29 aber so lange man lebt,30 hat das Leben recht. »Wünsche doch und gib Dich zufriefen,32 mehr ist das Leben nicht.«
So unabhängig und so abhängig1 ist sie in Paris geworden. »Es gibt ein Verzweifeln, in welchem man nicht2 fordert; und es gibt auch eine Liebesstimmung -3 möcht ich’s4 nennen - in der man auch nichts fordert. Ich kenne beides.« Die Verzweiflung ist vorbei und die Liebesstimmung ist auch vorbei;6 das Leben hat ihr entrissen, was sie sich wünschte und sie längst7 in die Verzweiflung der Wunschlosigkeit getrieben: immer9 weiter geht das Leben, sie kann nicht mehr wünschen, was sie einst wünschte10. Die Verzweiflung ist vorbei; was bleibt, sind nicht nur die Schmerzen, es bleibt der Verzicht auf Besitz, es bleibt die Einsicht, dass »11das Leben nicht zum Bleiben eingerichtet ist«13. Das »beweist nicht allein der Tod, sondern alles Unvollkommene,15 und unser schmerzhaftes,16 treibendes Schwanken am meisten«.17 Natürlich will man besitzen, natürlich will man festhalten und noch dazu18 das Gute19 wie das Böse20; aber »wenn sich nichts ändert, so ändert sich unsere Stimmung«. Man kann das Leben »22tadeln«, das nicht zum Bleiben eingerichtet ist, das dem Menschen nicht erlaubt zu verweilen23, das ihn zwingt zu hoffen25 und zu verzichten26, zu wünschen27 und fahren28 zu lassen. Man kann das Leben tadeln,29 aber so lange man lebt hat das Leben recht. »Wünsche doch und gib Dich zufrieden;32 mehr ist das Leben nicht.«
So unabhängig und so abhängig1 ist sie in Paris geworden. »Es gibt ein Verzweifeln, in welchem man nichts2 fordert; und es gibt auch eine Liebesstimmung -3 möcht ich’s4 nennen - in der man auch nichts fordert. Ich kenne beides.« Die Verzweiflung ist vorbei,5 und die Liebesstimmung ist auch vorbei;6 das Leben hat ihr entrissen, was sie sich wünschte, und sie längst7 in die Verzweiflung der Wunschlosigkeit getrieben: immer9 weiter geht das Leben, sie kann nicht mehr wünschen, was sie einst wünschte10. Die Verzweiflung ist vorbei; was bleibt, sind nicht nur die Schmerzen, es bleibt der Verzicht auf Besitz, es bleibt die Einsicht, daß11 das Leben »12nicht zum Bleiben eingerichtet« ist13. Das »beweist mir14 nicht allein der Tod, sondern alles Unvollkommene,15 und unser schmerzhaftes treibendes Schwanken am meisten17 Natürlich will man besitzen, natürlich will man festhalten und noch dazu18 das Böse19 wie das Gute20; aber »wenn sich nichts ändert, so ändert sich unsere Stimmung«. Man kann das Leben »22tadeln«, das nicht zum Bleiben eingerichtet ist, das dem Menschen nicht erlaubt zu verweilen23, das ihn zwingt zu hoffen25 und zu verzichten26, zu wünschen27 und fahren28 zu lassen;29 aber solange man lebt,30 hat das Leben recht. »Wünsche doch,31 und gib Dich zufrieden;32 mehr ist das Leben nicht.«
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Der Verzicht auf alles, was man festhalten möchte, den Schmerz und die Freude, die Hoffnung auf Besitz und den Besitz ist mehr als nur der Verzicht auf Glück, als jene Resignation, die Rahel schon zu Beginn ihre Lebens3 sagen liess4 »ich5 freue mich so sehr, nicht unglücklich zu sein, d dass6 ein Blinder müsste7 sehen können, dass8 ich gar nicht glücklich sein kann«. Diese9 Resignation der Zwanzigjährigen war erfahrungslos, blind |80b dem gegenüber, was das Leben bringen kann, blind, weil10 nur in der Isoliertheit der Selbstreflexion ergrübelt. Der Verzicht jetzt ist zugleich der Ausdruck für11 ein letztes Einverständnis mit dem Leben.12, das ihr gegeben ist, so und nicht anders; der Verzicht ist nur die Kehrseite der »13Zufriedenheit«14. Schliesslich hat15 nicht das Glcük das »Gebäude von ... edlem Schmerz und unedlem Festhalten abgetragen«, sondern nur die Welt, die »schöne Welt16«. »Wohl ist sie schön,17« denn18 man kann sie geniessen19. Sie ist20 nicht nur das, woher die Schläge des Schicksals kommen,21 sie ist auch das Refugium, das immer wieder da ist und22 immer wieder sich23 gleich bleibt. Das Glück des Geniessens - sie kennt es erst nach dem Verzicht - ersett24 für eine Zeit die ealität25, die sie hat26 festhalten wollen und doch hat entgleiten sehen müssen,27 Das Glück, das nur gibt, was der Mensch sich wünscht und was für ihn erreichbar ist, scheint ihr jetzt28 unwürdig. »Das würdigste Glück auf Erden ist in mancher Beraubung immer zu leben.« Was das Flcük30 geben könnte, wäre doch nur endlich und würde verdekcen31, dass32 das Leben nicht zum Bleiben gemacht ist. »Was göttlich wäre, kann niemand besitzen.« Der Genuss33 gibt das34, was nicht göttlich, aber wirklich ist, das,35 womit der Mensch leben und sterben kann. Er ist »endlich36 und allein das Wirkliche«, er ist37 den Menschen erlaubt, die »ausgezeichnet« sind, an denen das Leben seine Endlichkeit38, das was es nicht geben kann, exemplifiziert hat, indem es ihnen40 das nicht gab, was sie sich wünschten. »Eine Träne zwischen einem Genusse und dem andern bleibt dem Zarten als Leitfaden und Zeichen des Himmels auf der Erde«.41
Der Verzicht auf alles, was man festhalten möchte, den Schmerz |89 und die Freude, die Hoffnung auf Besitz und den Besitz,1 ist mehr als nur der Verzicht auf Glück, mehr2 als jene Resignation, die Rahel schon zu Beginn sagen liess:4 »ich5 freue mich so sehr, nicht unglücklich zu sein, dass6 ein Blinder müsste7 sehen können, dass8 ich gar nicht glücklich sein kann.« Die9 Resignation der Zwanzigjährigen war erfahrungslos, blind dem gegenüber, was das Leben bringen kann, nur in der Isoliertheit der Selbstreflexion ergrübelt. In ihrem jetzigen Verzicht macht sie sich schon11 ein letztes Einverständnis mit dem Leben geltend12, das ihr gegeben ist, so und nicht anders; der Verzicht ist nur die Kehrseite der Zufriedenheit. Schliesslich verdankt sie dem Glück15 nicht allzu viel; die Welt, die »schöne Welt« hat ihr geholfen, »das Gebäude von .. edlem Schmerz und unedlem Festhalten abzutragen16«. »Wohl ist sie schön«,18 man kann sie geniessen19. Sie teilt20 nicht nur Schicksalsschläge aus;21 sie ist auch das Refugium, das immer wieder sich darbietet,22 immer sich23 gleich bleibt. Das Glück des Geniessens erwirbt Rahel nur durch den Verzicht; der Genuss ersetzt ihr24 für eine Zeit die Realität25, die sie hatte26 festhalten wollen und doch hat entgleiten sehen müssen.27 Das Glück, das nur gibt, was der Mensch sich wünscht und was für ihn erreichbar ist, scheint ihr mit eins28 unwürdig. »Das würdigste Glück auf Erden ist in mancher Beraubung immer zu leben.« Was das Glück30 geben könnte, sind endliche, sterbliche Dinge, die verdecken31, dass32 das Leben nicht zum Bleiben gemacht ist. »Was göttlich wäre, kann niemand besitzen.« Der Genuss33 gibt, was nicht göttlich, aber wirklich ist, womit der Mensch leben und sterben kann. Er ist »endlich36 und allein das Wirkliche«, den Menschen erlaubt, die bereits die Endlichkeit des Lebens erfahren haben38, das,39 was es nicht geben kann, denen das Leben |90 selbst40 das nicht gab, was sie sich wünschten.
Der Verzicht auf alles, was man festhalten möchte, den Schmerz und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000084 die Freude, die Hoffnung auf Besitz und den Besitz,1 ist mehr als nur der Verzicht auf Glück, mehr2 als jene Resignation, die Rahel schon zu Beginn sagen ließ:4 »Ich5 freue mich so sehr, nicht unglücklich zu sein, daß6 ein Blinder müßte7 sehen können, daß8 ich gar nicht glücklich sein kann.« Die9 Resignation der Zwanzigjährigen war erfahrungslos, blind dem gegenüber, was das Leben bringen kann, nur in der Isoliertheit der Selbstreflexion ergrübelt. In ihrem Verzicht jetzt macht sich schon11 ein letztes Einverständnis mit dem Leben geltend12, das ihr gegeben ist, so und nicht anders; der Verzicht ist nur die Kehrseite der Zufriedenheit. Schließlich verdankt sie dem Glück15 nicht allzuviel; die Welt, die »schöne Welt« hat ihr geholfen, »das Gebäude von ... edlem Schmerz und unedlem Festhalten abzutragen16«. »Wohl ist sie schön«,18 man kann sie genießen19. Sie teilt20 nicht nur Schicksalsschläge aus;21 sie ist auch das Refugium, das immer wieder sich darbietet,22 immer gleich bleibt. Das Glück des Genießens erwirbt Rahel nur durch den Verzicht; der Genuß ersetzt ihr24 für eine Zeit die Realität25, die sie hatte26 festhalten wollen und doch hat entgleiten sehen müssen.27 Das Glück, das nur gibt, was der Mensch sich wünscht und was für ihn erreichbar ist, scheint ihr mit eins28 unwürdig. »Das würdigste Glück auf Erden ist,29 in mancher Beraubung immer zu leben.« Was das Glück30 geben könnte, sind endliche, sterbliche Dinge, die verdecken31, daß32 das Leben nicht zum Bleiben gemacht ist. »Was göttlich wäre, kann niemand besitzen.« Der Genuß33 gibt, was nicht göttlich, aber wirklich ist, das,35 womit der Mensch leben und sterben kann. »Endlich,36 und allein das Wirkliche«, ist er37 den Menschen erlaubt, die bereits die Endlichkeit des Lebens erfahren haben38, das,39 was es nicht geben kann, denen das Leben gerade40 das nicht gab, was sie sich wünschten.
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Das Geniessen1 vermittelt Rahel die Realität2, auf3 die sie nicht zu warten4 braucht, dass5 sie sie treffe. Sie7 braucht nur »die Augen zu öffnen und8 kann sich der Wirklichkeit, der9 »schönen Welt« überlassen, nicht um sie zu besitzen, sondern um aufgesogen zu werden von ihr10. »Rosenblätter |80c streut einmal das Glück nicht vor einem, erlaubt es aber einem12 die Augen zu öffnen - so eile man sich, das für viel zu erkennen und sauge das Liebliche recht ein. Ist es recht lieblich, som14 will mans15 nicht besitzen, man will es blühen sehen. Am E de16 sind alle unsere17 Tränen und herbsten Leiden doch nur um den Besitz; man kann nie etwas anderes besitzen als die Fähigkeit zu geniessen«.20
Der Genuss1 vermittelt Rahel eine Wirklichkeit2, die sie nicht abzuwarten4 braucht, dass5 sie auch auf6 sie treffe; sie7 braucht nur »die Augen zu öffnen«,8 kann sich der »schönen Welt« überlassen, sich von ihr aufsaugen lassen10. »Rosenblätter streut einmal das Glück nicht vor einem, erlaubt es aber einem12 die Augen zu öffnen - so eile man sich, das für viel zu erkennen und sauge das Liebliche recht ein. Ist es recht lieblich, so14 will man’s15 nicht besitzen, man will es blühen sehen. Am Ende16 sind all unsere17 Tränen und herbsten Leiden doch nur um den Besitz; man kann nie etwas anderes besitzen,19 als die Fähigkeit zu geniessen.«20
Der Genuß1 vermittelt Rahel eine Wirklichkeit2, die sie nicht abzuwarten4 braucht, daß5 sie auch auf6 sie treffe; sie7 braucht nur »die Augen zu öffnen«,8 kann sich der »schönen Welt« überlassen, sich von ihr aufsaugen lassen10. »Rosenblätter streut einmal das Glück nicht vor einem, erlaubt es einem11 aber,12 die Augen zu öffnen,13 - so eile man sich, das für viel zu erkennen und sauge das Liebliche recht ein. Ist es recht lieblich, so14 will man’s15 nicht besitzen, man will es blühen sehen. Am Ende16 sind alle unsre17 Tränen und herbsten Leiden doch nur um den Besitz; und18 man kann nie etwas anderes besitzen,19 als die Fähigkeit zu genießen.«20
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So1 kehrt sie2 aus Paris nach Hause3 zurück. Was sie wusste6 als sie hinfuhr7, dass »die8 Sache« weitergehen, dass9 sich alles wiederholen wird, das hat sie vergessen. In ihre »10Seele ist Ruhe, in ihr11 Gemüt Gleichgewicht, in ihren12 Geist die gehörige Schnellkraft wiedergekommen«. Aber13 die Zukunft ist ihr nicht mehr durchsichtig; im Genuss14 ist ihr ein Stück Realität zugänglich, warum soll Realität noch einmal sie, gerade sie treffen15? »Er komme und sage es mir zum zweiten Male, sagt Gräfin Orsina«.16
Rahel1 kehrt aus Paris nach Hause3 zurück mit dem heimlichen Wunsch eine Fremde gegen eine andere einzutauschen, mit der offenen Bitte, sie nicht zu erwarten; in der Hoffnung, inzwischen vergessen zu sein und herrlich unbeschwert, das Pariser Glück fertigzuspinnen4. »Von mir sprecht keinem .. lasst reden .. ich käme gar nicht wieder.«5 Was sie wusste,6 als sie wegfuhr7, dass die »8Sache« weitergehen, dass9 sich alles wiederholen wird, das hat sie vergessen. In ihre »10Seele ist Ruhe, in ihr11 Gemüt Gleichgewicht, in ihren12 Geist die gehörige Schnellkraft wiedergekommen«; aber13 die Zukunft ist ihr nicht mehr durchsichtig; im Genuss14 ist ihr ein Stück Realität zugänglich, das genügt. Sie hat verzichten gelernt. Warum soll ihr noch etwas passieren15? »Er komme und sage es mir zum zweiten Male, sagt Gräfin Orsina.«16
Rahel1 kehrt aus Paris nach Berlin3 zurück mit der Bitte, sie nicht zu erwarten, in der Hoffnung, inzwischen vergessen zu sein, nicht nach |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000085 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000086 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000087 Hause zu kommen, sondern in eine neue Fremde, in der sie unbeschwert das Pariser Glück fortspinnen könnte4. »Von mir sprecht keinem ... laßt raten ..., ich käme gar nicht wieder.«5 Was sie wußte,6 als sie wegfuhr7, daß die »8Sache« weitergehen, daß9 sich alles wiederholen wird, das hat sie vergessen: »In meine10 Seele ist Ruhe, in mein11 Gemüt Gleichgewicht, in meinen12 Geist die gehörige Schnellkraft wiedergekommen«. Aber13 die Zukunft ist ihr nicht mehr durchsichtig; im Genuß14 ist ihr ein Stück Realität zugänglich, das genügt. Sie hat verzichten gelernt. Warum soll ihr noch etwas passieren15? »Er komme und sage es mir noch einmal.«16
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8. Kapitel Zauber, Schönheit, Torheit
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Zauber • Schönheit • Torheit1802-1804
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Türpitüde.
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Bald wird wirklich Einer1 kommen und ihr alles zum zweiten Mal2 sagen. Aber vorerst bleibt sie in Ruhe. Berlin ist ennuyant geworden, die Menschen kalt, stehen geblieben; es geht sie keiner etwas an. Sie scheint persönlich immer untreffbarer zu werden. Der Letzte3, an dem sie hing, war Bokelmann - »der letzte Mensch zwischen meinem vorigen und jetzigen Leben«. Sie beginnt, einfach die Menschen aufzunehmen4, die sie suchen. Nicht um ihnen zu helfen - es gibt keinen Trost - aber um Zeugin von ihrem Schmerz7 zu sein;8 nicht so sehr um der Menschen willen, sondern9 »aus Vorliebe und alter Bekanntschaft für diesen Jungen, den Schmerz«. Sie hat ihre alte Wahllosigkeit nicht aufgegeben, trotz des Ennuis nicht, den ihr die Menschen einflössen10, trotz des Ekels nicht, den sie ihr erregen. Aber war die Wahllosigkeit zu Beginn der Ausdruck für ihre Fremdheit, für ihre Unfixiertheit, so ist11 sie jetzt wahllos, weil sie weiss und versteht12: auf die Menschen kommt es nicht an, es kommt an13 auf das, was ihnen geschieht, auf ihren Schmerz, auf ihr Leben und Sterben. Um dies14 Leben und Sterben zu wissen, ist ihr genug; für sich selbst will sie nichts mehr, nicht den Schmerz, nicht die Freude. Das ist ihre Gefasstheit15. »In meiner Brust drängen und sterben die Menschen wie auf einem Schlachtfelde, keiner weiss16 vom Anderen17, jeder muss18 für sich sterben.« Sie selbst19 ist nicht mehr in der Schlacht, sie20 hat vergessen, dass21 sie einst glaubte, als Krieger geboren zu sein. Sie22 will nicht mehr mittun. »Er komme und sage es mir23 zum zweiten Male«24. Sie will25 das »Schlachtfeld« selbst sein, das stumm ist, nichts als Schauplatz, und gerade deshalb27 der eigentliche Zusammenhang.28 »Da ich den Frieden nicht will, und Menschen gibt’s wie Sand am Meer; so trag ich’s wie die Erde: es weiss29 niemand, ob sie’s schmerzt, vielleicht ist sie im Zusammenhang mit anderen Wesen.«
Bald wird wirklich Einer1 kommen und ihr alles zum zweiten Mal2 sagen. Aber vorerst bleibt sie in Ruhe. Berlin ist ennuyant geworden, die Menschen kalt, stehen geblieben; es geht sie keiner etwas an. Sie scheint persönlich immer untreffbarer zu werden. Der Letzte3, an dem sie hing, war Bokelmann - »der letzte Mensch zwischen meinem vorigen und jetzigen Leben«. Sie wird die Freundin aller derer4, die sie suchen. Nicht um ihnen zu helfen - es gibt keinen Trost - aber um Zeugin ihres Schmerzes7 zu sein,8 nicht so sehr um der Menschen willen als9 »aus Vorliebe und alter Bekanntschaft für diesen Jungen, den Schmerz«. Sie hat ihre alte Wahllosigkeit nicht aufgegeben, trotz des Ennuis nicht, den ihr die Menschen einflössen10, trotz des Ekels nicht, den sie ihr erregen. Aber war die Wahllosigkeit zu Beginn der Ausdruck für ihre Fremdheit, für ihre Unfixiertheit, so meint11 sie jetzt: auf die Menschen kommt es nicht an, nur13 auf das, was ihnen geschieht, auf ihren Schmerz, auf ihr Leben und Sterben. Um dieses14 Leben und Sterben zu wissen, ist ihr genug; für sich selbst will sie nichts mehr, nicht den Schmerz, nicht die Freude. Das ist ihre Gefasstheit15. »In meiner Brust drängen und sterben die Menschen wie auf einem Schlachtfelde, keiner weiss16 vom Anderen17, jeder muss18 für sich sterben.« Rahel19 ist nicht mehr in der Schlacht, hat vergessen, dass21 sie einst glaubte, als Krieger geboren zu sein,22 will nicht mehr mittun - »er komme und sage es mir23 zum zweiten Male«24. Sie trägt mit sich die ungeheuerliche Prätention herum,25 das »Schlachtfeld« selbst zu26 sein, das stumm ist, nichts als Schauplatz, und darum27 der eigentliche |92 Zusammenhang.28 »Da ich den Frieden nicht will, und Menschen gibt’s wie Sand am Meer; so trag ich’s wie die Erde: es weiss29 niemand, ob sie’s schmerzt, vielleicht ist sie im Zusammenhang mit anderen Wesen.« Nicht mehr sich um sich selbst bekümmern, nicht mehr nach Glück und Unglück fragen, sondern etwas sein, das so unbefragbar ist wie die Erde, von deren Realität jeder Zeugnis gibt, wenn er auf ihr geht. Wenn sie alles weiss, so wird sie der Zusammenhang werden zwischen allem Einzelnen, das als solches zu leugnen, zu dementieren, durch das Leben selbst ungeschehen zu machen ist. Sie will sich nicht mehr verstricken lassen, will selbst der Grund und Boden sein, der unwandelbar alles in sich aufsaugt; sie will allen Schmerz bewahren, der den Menschen geschieht, und den sie nicht festhalten können, weil der morgige Tag ihn ihnen entreisst.30
Bald wird wirklich einer1 kommen und ihr alles zum zweitenmal2 sagen. Aber vorerst bleibt sie in Ruhe. Berlin ist ennuyant geworden, die Menschen kalt, stehengeblieben; es geht sie keiner etwas an. Sie scheint persönlich immer untreffbarer zu werden. Der letzte3, an dem sie hing, war Bokelmann - »der letzte Mensch zwischen meinem vorigen und jetzigen Leben«. Sie wird die Freundin aller derer4, die sie suchen. Nicht um ihnen zu helfen - »5es gibt keinen Trost«6 - aber um Zeugin ihres Schmerzes7 zu sein;8 nicht so sehr um der Menschen willen als9 »aus Vorliebe und alter Bekanntschaft für diesen Jungen, den Schmerz«. Sie hat ihre alte Wahllosigkeit nicht aufgegeben, trotz des Ennuis nicht, den ihr die Menschen einflößen10, trotz des Ekels nicht, den sie ihr erregen. Aber war die Wahllosigkeit zu Beginn der Ausdruck für ihre Fremdheit, für ihre Unfixiertheit, so meint11 sie jetzt: auf die Menschen kommt es nicht an, nur13 auf das, was ihnen geschieht, auf ihren Schmerz, auf ihr Leben und Sterben. Um dieses14 Leben und Sterben zu wissen, ist ihr genug; für sich selbst will sie nichts mehr, nicht den Schmerz, nicht die Freude. Das ist ihre Gefaßtheit15. »In meiner Brust drängen und sterben die Menschen wie auf einem Schlachtfelde, keiner weiß16 vom anderen17, jeder muß18 für sich sterben.« Rahel19 ist nicht mehr in der Schlacht, hat vergessen, daß21 sie einst glaubte, als Krieger geboren zu sein,22 will nicht mehr mittun, sich nichts23 zum zweitenmal sagen lassen24. Sie trägt mit sich die ungeheuerliche Prätention herum,25 das »Schlachtfeld« selbst zu26 sein, das stumm ist, nichts als Schauplatz, und darum27 der eigentliche Zusammenhang:28 »Da ich den Frieden nicht will, und Menschen gibt’s wie Sand am Meer; so trag ich’s wie die Erde: es weiß29 niemand, ob sie’s schmerzt, vielleicht ist sie im Zusammenhang mit anderen Wesen.« Nicht mehr sich um sich selbst bekümmern, nicht mehr nach Glück und Unglück fragen, sondern etwas |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000089 sein, das so unbefragbar ist wie die Erde, von deren Realität jeder Zeugnis gibt, wenn er auf ihr geht. Wenn sie alles weiß, so wird sie der Zusammenhang werden zwischen allem einzelnen, das als solches zu leugnen, zu dementieren, durch das Leben selbst ungeschehen zu machen ist. Sie will sich nicht mehr verstricken lassen, will selbst der Grund und Boden sein, der unwandelbar alles in sich aufsaugt; sie will allen Schmerz bewahren, der den Menschen geschieht, und den sie nicht festhalten können, weil der morgige Tag ihn ihnen entreißt.30
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Nicht mehr sich um sich selbst kümmern, nicht mehr nach Glück und Unglück fragen, sondern etwas sein, das so unbefragbar ist wie die Erde, von deren Realität jeder Zeugnis gibt, wenn er auf ihr geht. Wenn sie alles weiss, so wird sie der Zusammenhang sein zwischen allem Einzelnen, das als solches zu leugnen, zu dementieren, durch das Leben selbst ungeschehen zu machen ist. Sie will sich nicht mehr verstricken lassen in die Realität, sie will selbst Realität sein, der Grund und Boden, der unwandelbar alles in sich aufsaugt; sie will allen Schmerz bewahren, der den Menschen geschieht, den sie aber nicht festhalten können, weil das Weiter des Lebens selbst ihn ihnen entreisst. So wie sie sich ausserhalb alles Irdischen stellt, gleichsam nur Behälter für das Irdische sein will, so glaubt sie an den Zusammenhang mit »anderen Wesen«, an ihren Zusammenhang mit Gott, der die letzte Garantie für ihre Existenz sein soll.
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Ein merkwürdiger1 Zusammenhang mit einem Gott, der nicht jenseits ihrer selbst steht2, sondern dessen »Kind«3 sie ist, auf dessen »Mantel4« sie liegt5, der weder straft noch Gnade erweist6, sondern den Menschen,7 sie nur in seine Geborgenheit nimmt8. Sie glaubt weder an den Gott ihrer Ahnen,9 noch an den Gott10 des Christentums, am wenigsten an den der »neumodischen« gerade aufkommenden11 Religiosität, deren Bigotterie ihr wie jedem Menschen der Aufklärung verhasst12 ist. Sie braucht keine13 »Stifter«, sie braucht keine14 »Beweise«; sie15 ist hier so traditionslos, so traditionsblind16 wie überall sonst. Sie versucht, in17 die Enge getrieben, ihren »Glauben«18 mit beliebigen aufklärerischen Argumenten zu verteidigen; sie nimmt19 aus dem Christentum,20 was ihr gerade passt21, mehr22 um sich verständlich zu machen, als weil sie selbst das23 Bedürfnis hätte24, einer Konfession anzugehören, die eine bestimmte Offenbarung Gottes als historisches Faktum bewahrt. Ihr Glaube ist ihre Privatangelegenheit |83 ;26 sie will niemanden zu ihm bekehren; ja er ist das Einzige, worüber sie selbst zu einer Zeit, in der sie meint, man müsse über alles sprechen können, kaum etwas mitteilt, nur auf Befragen27 antwortet, sich sogar vor sich selbst verschliesst; denn28 auch in ihren Tagebüchern, die überhaupt29 nie mehr enthalten,30 als was sie auch einem31 hätte schreiben können, stehen nur Andeutungen32. So wie sie selbst ausserhalb der Realität stehen möchte, das Wirkliche nur noch geniessen, so wie sie deshalb Grund sein will für die Geschichte und die Geschicke vieler Menschen, so findet sie in Gott den Grund, auf dem das geschah, was ihr geschah. So wie sie selbst sich ihre Realität nicht mehr beweisen kann, weil der Genuss nicht die eigene Wirklichkeit gibt, sondern die fremde - und das Fremdeste gerade zum Wirklichsten wird - braucht sie Gott als »Beweis unserer Existenz«. Weil sie nur ein Mensch ist und doch sein möchte »wie die Erde«, die alles trägt, braucht sie den »Mantel Gottes« für sich, für sich ganz allein, um darauf liegen zu können. Sie kann es sich nicht leisten, Gott zu verlassen; sie würde ins Bodenlose sinken. Zwar garantiert ihr jeder, der ihr vertraut, der sie zum Boden und zur Bewahrerin seiner Geschichte macht, die Existenz; aber es vernichtet sie ihr auch jeder, der sie verlässt, der sich vor ihr verschliesst, der sie verrät.33
In diesem1 Zusammenhang wird sie fromm. Weil sie sich ausserhalb alles Irdischen stellt2, Behälter alles Irdischen sein will, braucht3 sie den Zusammenhang mit »anderen Wesen4«, einen Zusammenhang mit Gott5, der die letzte Garantie ihrer Existenz sein soll6, dessen »Kind«7 sie ist und auf dessen »Mantel« sie liegt8. Sie glaubt weder an den Gott ihrer Ahnen noch an den des Christentums, am wenigsten an den der »neumodischen« Religiosität, deren Bigotterie ihr wie jedem Menschen der Aufklärung verhasst12 ist. Sie braucht weder13 »Stifter« noch14 »Beweise«,15 ist hier so traditionslos wie überall sonst. In17 die Enge getrieben, verteidigt sie wohl ihren Glauben18 mit beliebigen aufklärerischen, deistischen Argumenten nimmt dafür19 aus dem Christentum was ihr gerade passt21, nur22 um sich verständlich zu machen, nicht etwa aus dem23 Bedürfnis, einer Konfession anzugehören, die eine bestimmte Offenbarung Gottes als |93 historisches Faktum bewahrt. Ihr Glaube ist durchaus25 ihre Privatangelegenheit,26 sie will niemanden zu ihm bekehren; antwortet höchstens auf direktes Befragen und hat28 auch in ihren Tagebüchern, die allerdings29 nie mehr enthalten als was sie auch Einem31 hätte schreiben können, wenig darüber mitzuteilen32.
In diesem1 Zusammenhang wird sie fromm. Weil sie sich außerhalb alles Irdischen stellt2, Behälter alles Irdischen sein will, braucht3 sie den Zusammenhang mit »anderen Wesen4«, einen Zusammenhang mit Gott5, der die letzte Garantie ihrer Existenz sein soll6, dessen »Kind«7 sie ist und auf dessen »Mantel« sie liegt8. Sie glaubt weder an den Gott ihrer Ahnen noch an den des Christentums, am wenigsten an den der »neumodischen« Religiosität, deren Bigotterie ihr wie jedem Menschen der Aufklärung verhaßt12 ist. Sie braucht weder13 »Stifter« noch14 »Beweise«,15 ist hier so traditionslos, so traditionsblind16 wie überall sonst. In17 die Enge getrieben, verteidigt sie wohl ihren Glauben18 mit beliebigen aufklärerischen, deistischen Argumenten, nimmt dafür19 aus dem Christentum,20 was ihr gerade paßt21, nur22 um sich verständlich zu machen, nicht etwa aus dem23 Bedürfnis, einer Konfession anzugehören, die eine bestimmte Offenbarung Gottes als historisches Faktum bewahrt. Ihr Glaube ist durchaus25 ihre Privatangelegenheit,26 sie will niemanden zu ihm bekehren; antwortet höchstens auf direktes Befragen; und hat28 auch in ihren Tagebüchern, die allerdings29 nie mehr enthalten,30 als was sie auch einem31 hätte schreiben können, wenig darüber mitzuteilen32.
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So wie sie selbst ausserhalb1 der Realität stehen möchte2, das Wirkliche nur noch geniessen3, ohne eigenen Boden den Grund abgeben für die Geschichte und die Geschicke vieler Menschen, so braucht sie wiederum Gott als den Grund, auf dem das geschah, was ihr eigenes Geschick ausmachte. So wie sie sich ihre Realität nicht mehr beweisen kann, weil der Genuss5 nicht die eigene Wirklichkeit erschliesst6, sondern immer die fremdeste - wobei dann das Fremdeste den höchsten Grad an Wirklichkeit zugesprochen bekommt - so braucht sie den Inbegriff des Unbekannten, eben Gott zum »Beweise unserer Existenz«. Weil sie nur ein Mensch ist, der »wie die Erde« sein möchte, die alles trägt, braucht sie den »Mantel Gottes« zum Lager. Gott zu leugnen kann sie sich schwerlich leisten, sie würde ins Bodenlose sinken. Zwar garantiert ihr jeder, der ihr vertraut, der sie zum Boden und zur Bewahrerin seiner Geschichte macht, die Existenz,7 aber es vernichtet sie ihr auch jeder, der sie verlässt8, der sich vor ihr verschliesst9, der sie verrät.
So wie sie selbst außerhalb1 der Realität stehen, das Wirkliche nur noch genießen3, ohne eigenen Boden den Grund abgeben möchte4 für die Geschichte und die Geschicke vieler Menschen, so braucht sie wiederum Gott als den Grund, auf dem das geschah, was ihr eigenes Geschick ausmachte. So wie sie sich ihre Realität nicht mehr beweisen kann, weil der Genuß5 nicht die eigene Wirklichkeit erschließt6, sondern immer die fremdeste - wobei dann das Fremdeste den höchsten Grad an Wirklichkeit zugesprochen bekommt - so braucht sie den Inbegriff des Unbekannten, eben Gott zum »Beweise unserer Existenz«. Weil sie nur ein Mensch ist, der »wie die Erde« sein möchte, die alles trägt, braucht sie den »Mantel Gottes« zum Lager. Gott zu leugnen kann sie sich schwerlich leisten, sie würde ins Bodenlose sinken. Zwar garantiert ihr jeder, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000090 der ihr vertraut, der sie zum Boden und zur Bewahrerin seiner Geschichte macht, die Existenz;7 aber es vernichtet sie ihr auch jeder, der sie verläßt8, der sich vor ihr verschließt9, der sie verrät.
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Ende des Jahres 1801 lernt Rahel Friedrich Gentz kennen. In den wenigen Monaten, die sie in der gleichen Stadt leben - Gentz reiste1 schon 1802 nach England und übersiedelte2 dann für immer nach Wien - entscheidet sich das eigentümliche Hin und Her einer Beziehung, die bis ins Alter und bis zum Tod dauert: die nie realisierte Liebe, wie das nie konsequent vollzogene Verlassen; sein Vergessen, das sie nie ganz ernst nimmt, weil sie weiss3, welche Macht |94 sie über ihn hat, und ihre Empörung über seine Verrätereien, die er nie ernst nimmt, weil er weiss4, welche Macht er über sie hat.
Ende des Jahres 1801 lernt Rahel Friedrich Gentz kennen. In den wenigen Monaten, die sie in der gleichen Stadt leben - Gentz reist1 schon 1802 nach England und geht2 dann für immer nach Wien - entscheidet sich das eigentümliche Hin und Her einer Beziehung, die bis ins Alter und bis zum Tod dauert: die nie realisierte Liebe, wie das nie konsequent vollzogene Verlassen; sein Vergessen, das sie nie ganz ernst nimmt, weil sie weiß3, welche Macht sie über ihn hat, und ihre Empörung über seine Verrätereien, die er nie ernst nimmt, weil er weiß4, welche Macht er über sie hat.
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Ende des Jahres 1801 lernt Rahel Friedrich1 Gentz kennen. Für Gentz wird sie der letzte Mensch zwischen dem einen Leben und dem anderen, zwischen dem Leben des Aufklärers und Romantikers und dem des konservativen Politikers. Der letzte Mensch bleibt sie für ihn bis ans Ende. In den wenigen Monaten, die sie zusammen sind - Gentz reist 1802 schon nach England und geht dann für immer nach Wien - entscheidet sich sofort das eigentümliche Hin und Her ihrer Beziehung: die nie realisierte Liebe2 wie das nie konsequent vollzogene Verlassen, sein Vergessen, das sie nie ernst nimmt, weil sie weiss, welche Macht |84 sie über ihn hat, ihre Empörung über seine Verrätereien, die er nie ernst nimmt, weil er weiss, welche Macht er über sie hat. Er, der wie3 Schlegel und Humboldt auf der Suche nach der Realität ist,4 ergibt sich der Wirklichkeit6 direkt und7 ohne Vorbehalt, lässt8 sich im Genuss9 von ihr aufzehren, ja lässt10 sich noch von sich selbst aufzehren: er »geniesst sich selbst«. Er ergibt sich11 in sein eigenes Ich wie in etwas, über das man nicht verfügt; es ist ihm reizvoll wie jede Wirklichkeit. Gentz hat schon vorbehaltlos für die Wirklichkeit optiert, später oft für eine, die Rahel zutiefst zuwider sein muss12, für die der Restauration14; er hat um der Wirklichkeit willen alles geopfert.17 Gesinnung, Ansehen und den guten Namen in der Nachwelt. Er hat die Wirklichkeit so genommen wie sie ist - die Wirklichkeit18, das,19 was wirklich Macht hat. Und Oesterreich hat20 die Macht, deshalb wird er21 zum treuesten Berater Metternichs. Er hat gegen alles gekämpft, was diese Macht, die Macht der Kabinette später untergrub22. Er weiss23 am Ende seines Lebens, dass24 er für eine verlorene Sache gekämpft hat, dass25 der »Zeitgeist zuletzt mächtiger bleiben wird«. Aber selbst wenn26 er das27 schon zu Beginn seiner politischen Laufbahn gewusst hätte28, damals als er begann »wie Burke zu denken, aber fortfuhr wie Mirabeau zu leben« (Haym), er30 hätte schwerlich Partei genommen32 für das, was erst kommen konnte34, für das Inoffizielle und daher Ungreifbare.
Gentz ist2 wie Schlegel und Humboldt auf der Suche nach der Realität. Er4 ergibt sich dem Geniessbaren,5 der schönen Welt naiv6 direkt,7 ohne Vorbehalt und lässt8 sich im Genuss9 von ihr aufzehren; ergibt10 sich auch11 in sein eigenes Ich wie in etwas, über das man nicht verfügt, »geniesst sich selbst« (Gentz), findet es reizvoll wie jedes Stück Welt. Schon als er, sehr jung noch Rahels Bekanntschaft machte12, hatte er vorbehaltlos13 für das Bestehende optiert14; er hat später15 um der Wirklichkeit willen,16 alles geopfert,17 Gesinnung, Ansehen und den guten Namen in der Nachwelt. Er hat in der Welt nur das gesehen18, was wirklich Macht hat. Da Österreich20 die Macht in Europa darstellte, wurde Gentz21 zum treuesten Berater Metternichs. Er hat gegen alles gekämpft, was diese Macht, die Macht der Kabinette zu untergraben drohte22. Er weiss23 am Ende seines Lebens - nach der Julirevolution in Frankreich - dass24 er für eine verlorene Sache gekämpft hat, dass25 der »Zeitgeist zuletzt mächtiger bleiben wird« (Gentz). Hätte26 er dies27 schon zu Beginn seiner politischen Laufbahn gewusst28, damals als er begann »wie Burke zu denken, aber fortfuhr wie Mirabeau zu leben« (Haym), es30 hätte ihn solches Wissen31 schwerlich bewegen können,32 für das Partei zu ergreifen33, was erst kommen sollte34, für das Inoffizielle und daher Ungreifbare.
Gentz ist2 wie Schlegel und Humboldt auf der Suche nach der Realität. Er4 ergibt sich dem Genießbaren,5 der schönen Welt naiv,6 direkt,7 ohne Vorbehalt und läßt8 sich im Genuß9 von ihr aufzehren; ergibt10 sich auch11 in sein eigenes Ich wie in etwas, über das man nicht verfügt, »genießt sich selbst« (Gentz), findet es reizvoll wie jedes Stück Welt. Als er Rahels Bekanntschaft machte12, hatte er bereits seine ursprüngliche Begeisterung für die Französische Revolution radikal dementiert, um vorbehaltlos13 für das Bestehende zu optieren14; er hat später15 um der Wirklichkeit willen alles geopfert,17 Gesinnung, Ansehen und den guten Namen in der Nachwelt. Er hat in der Welt nur das gesehen18, was wirklich Macht hat. Da Österreich20 die Macht in Europa darstellte, wurde Gentz21 zum treuesten Berater Metternichs. Er hat gegen alles gekämpft, was diese Macht, die Macht der Kabinette zu untergraben drohte22. Er weiß23 am Ende seines Lebens - nach der Julirevolution in Frankreich -, daß24 er für eine verlorene Sache gekämpft hat, daß25 der »Zeitgeist zuletzt mächtiger bleiben wird« (Gentz). Aber auch wenn26 er dies27 schon zu Beginn seiner politischen Laufbahn gewußt28, damals als er begann,29 »wie Burke zu denken, aber fortfuhr wie Mirabeau zu leben« (Haym), so30 hätte ihn solches Wissen31 schwerlich bewegen können,32 für das Partei zu ergreifen33, was erst kommen sollte34, für das Inoffizielle und daher Ungreifbare.
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Gentz konnte die1 Unsichtbarkeit nicht ertragen. Er war ungeheuer eitel; nicht weil er sich selbst belog, um »Schmeichelvisiten bei sich selbst abzulegen«,2 vielleicht schon eher, weil er »sich ohne Umstände glücklich« sehen wollte,3 weil er auch den kleinsten Moment von Benachteiligung, von4 Unansehnlichkeit, von5 Entferntsein aus der wirklichen Welt nicht ertrug. Er konnte nicht preussischer Kriegsrat bleiben, er reiste nach England, wo er, der Übersetzer Burkes, gefeiert wurde; er6 war noch im Alter bei7 aller Blasiertheit |85 durch »8Schmeichelei«9 zu fangen und gefügig zu machen.
Gentz konnte die1 Unsichtbarkeit nicht ertragen. Er war ungeheuer eitel; nicht weil er sich selbst belog, um »Schmeichelvisiten bei sich selbst abzulegen«;2 vielleicht schon eher, weil er »sich ohne Umstände glücklich« sehen wollte,3 weil er auch den kleinsten Moment von Benachteiligung, Unansehnlichkeit, Entferntsein aus der wirklichen Welt nicht ertrug. Noch im Alter6 war er |95 trotz7 aller Blasiertheit durch Schmeichelei zu fangen und gefügig zu machen.
Gentz konnte Unsichtbarkeit nicht ertragen. Er war ungeheuer eitel; nicht weil er sich selbst belog, um »Schmeichelvisiten bei sich selbst abzulegen«;2 vielleicht schon eher, weil er »sich ohne Umstände glücklich« sehen wollte;3 weil er auch den kleinsten Moment von Benachteiligung, Unansehnlichkeit, Entferntsein aus der wirklichen Welt nicht ertrug. |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000091 Noch im Alter6 war er trotz7 aller Blasiertheit durch Schmeichelei zu fangen und gefügig zu machen.
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Aber Gentz war nicht nur eitel, er brauchte mehr als nur ein »Asyl in der Welt«. Ihm ist gelungen, was weder Friedrich Schlegel noch im Grunde Humboldt gelang, nämlich tätig in die Wirklichkeit, sich stets den Umständen fügend, einzugreifen. Es gelingt ihm, in der Welt, die er keinen Augenblick verändern wollte, etwas zu tun und etwas darzustellen. Dass1 die Welt sich überhaupt ändern kann, fühlte er schon als Bedrohung seiner Weltnähe. Er hatte alles Interesse an der Erhaltung des Bestehenden2 und wurde3 der erbitterste4 Gegner der Pressfreiheit5, der geistvollste Anwalt des Absolutismus, der den Anteil der Völker am Befreiungskrieg zugunsten der Kabinettspolitik zu leugnen, die versprochene Konstitution ihnen vorzuenthalten wünschte6.
Aber Gentz war nicht nur eitel, er brauchte mehr als nur ein »Asyl in der Welt«. Ihm ist gelungen, was weder Friedrich Schlegel noch im Grunde Humboldt gelang, nämlich tätig in die Wirklichkeit, sich stets den Umständen fügend, einzugreifen. Es gelingt ihm, in der Welt, die er keinen Augenblick verändern wollte, etwas zu tun und etwas darzustellen. Daß1 die Welt sich überhaupt ändern kann, fühlte er schon als Bedrohung seiner Weltnähe. Weil das, was besteht, wirklich ist, will er es um jeden Preis erhalten2 und wird3 der erbittertste4 Gegner der Preßfreiheit5, der geistvollste Anwalt des Absolutismus, der den Anteil der Völker am Befreiungskrieg zugunsten der Kabinettspolitik zu leugnen, die versprochene Konstitution ihnen vorzuenthalten wünscht6.
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Aber1 Gentz war nicht nur eitel, er brauchte mehr als nur ein »Asyl in der Welt«. Ihm ist es gelungen2, was weder Friedrich Schlegel noch im Grunde Humboldt gelang, tätig in die Wirklichkeit - der Realität3 sich stets fügend - einzugreifen4. Ja, es gelingt ihm in die Welt einzugreifen, aber5 er will keinen Augenblick die Welt ändern; er will das Bestehende konservieren. Er wird der erbittertste Gegner der Pressfreiheit6, der geistvollste Anwalt der Kabinette, die den Anteil der Völker am Befreiungskrieg zugunsten der Kabinettspolitik7 zu leugnen wünschen8. Er will alles Bestehende konservieren; aber er ist9 kein Konservativer, und kein späterer Konservativismus hat sich auf ihn berufen10. Er verteidigt die Reaktion als Aufklärer11, seine Argumentation mutet liberal an; es ist kein Zufall, dass zuerst12 der liberale Varnhagen sich mit Gentz auseinandergesetzt hat. Aber Gentz ist keineswegs ein Liberaler. Seine Art zu leben bleibt bis in sein spätes Alter typisch romantisch; er hat nie für sich13 die Konventionen anerkannt14, deren politischen Ausdruck er verteidigte. Aber Gentz ist15 auch kein Romantiker; denn sein Verhältnis16 zur Welt ist ihm so gelungen wie keinem Romantiker17. Er ist vieldeutig, weil er nichts als die Wirklichkeit will18, weder das Gute noch das Böse, sondern die Realität ohne Vorbehalt. Er hat nie die liberalen Angriffe ihm gegenüber19 verstanden, dass die Existenz des aufgeklärten Menschen20, der er ist21, auch eine aufgeklärte Politik (damals eine23 liberale) fordern könne24. Er hat nie die konservativen Angriffe ihm gegenüber25 verstanden, dass26 Konservativismus ein Prinzip sein kann27. Zwar hält28 er der Anmassung30 der Vernunft die »Gebrechlichkeit31 des Menschen« entgegen32; aber er hält zugleich dem33 Prinzip der Legitimität entgegen34, dass35 auch dieses36 nicht »absolut« sei, sondern »in37 der Zeit geboren«, »in der Zeit begriffen« und »durch die Zeit |86 modifiziert« werden müsse. Sein Interesse gilt38 so wenig dem einen Prinzip wie dem anderen39, höchstens der »grossen40 alten Welt«, deren Untergang er mit ansehen muss. Er kann diesen Untergang41 nicht ertragen,42 so wenig als er43 die eigene Vergänglichkeit,44 den Gedanken an den Tod ertragen kann45.
Gentz wollte alles Bestehende konservieren; aber er war kein Konservativer2, und kein Konservativismus hat3 sich je auf ihn berufen4. Die Reaktion verteidigte5 er als Aufklärer, sein Stil, seine Argumentation wirkten so »liberal«6, dass es des liberalen Varnhagen bedurfte, um ihn als grossen Schriftsteller7 zu entdecken8. Aber Gentz war keinesfalls ein Liberaler und9 kein Fortschrittlicher hat je ein Stück Brot von ihm nehmen mögen10. Er war der letzte Romantiker11, der, als alle Freunde längst brav, fromm und philiströs geworden waren, für sich immer noch nicht13 die Konventionen anerkennen wollte14, deren politischen Ausdruck er verteidigte. Aber Gentz war15 auch kein Romantiker; denn es ist ihm ja gelungen, in der Welt etwas darzustellen, einen Kontakt16 zur Wirklichkeit zu finden ohne sacrificium intellectus und ohne Konversion17. Er ist vieldeutig, weil er nichts als die Wirklichkeit wollte18, weder das Gute noch das Böse, |96 sondern die Realität ohne Vorbehalt. Er hat nie die liberalen Angriffe ihm gegenüber19 verstanden, dass die Existenz des aufgeklärten Menschen20, der er war21, auch eine aufgeklärte, also23 liberale Politik fordern könne24. Er hat nie die konservativen Angriffe ihm gegenüber25 verstanden, dass26 Konservativismus ein Prinzip sei, das auch im persönlichen Leben verwirklicht werden muss27. Das gleiche naive Doppelspiel trieb28 er theoretisch (und ist daher für alles unbrauchbar), wenn er einerseits29 der Anmassung30 der Vernunft die »Gerechtigkeit31 des Menschen« entgegenhielt32; andererseits das33 Prinzip der Legitimität relativierte34, indem er erklärte, dass35 auch sie36 nicht »absolut« sei, sondern in »37der Zeit geboren«, »in der Zeit begriffen« und »durch die Zeit modifiziert« werden müsse. Sein Interesse galt38 so wenig dem einen Prinzip wie dem andern39, höchstens der »grossen40 alten Welt«, deren Untergang er mitansehen musste, und den er41 nicht ertrug -42 so wenig wie43 die eigene Vergänglichkeit und44 den Gedanken an den Tod.
Gentz will alles Bestehende konservieren; aber er ist kein Konservativer2, und kein Konservativismus hat3 sich je auf ihn berufen4. Die Reaktion verteidigte5 er als Aufklärer, sein Stil, seine Argumentation wirkten so »liberal«6, daß es des liberalen Varnhagen bedurfte, um ihn als großen Schriftsteller7 zu entdecken8. Aber Gentz war keinesfalls ein Liberaler, und9 kein Fortschrittlicher hat je ein Stück Brot von ihm nehmen mögen10. Er ist der letzte Romantiker11, der, als alle Freunde längst brav, fromm und philiströs geworden sind, für sich immer noch nicht13 die Konventionen anerkennen will14, deren politischen Ausdruck er verteidigte. Aber Gentz ist15 auch kein Romantiker; denn es ist ihm ja gelungen, in der Welt etwas darzustellen, einen Kontakt16 zur Wirklichkeit zu finden ohne sacrificium intellectus und ohne Konversion17. Er ist vieldeutig, weil er nichts als die Wirklichkeit will18, weder das Gute noch das Böse, sondern die Realität ohne Vorbehalt. Er hat nie die liberalen Angriffe auf ihn19 verstanden, die meinten, daß man als aufgeklärter20, vorurteilsloser Mensch nur existieren dürfe21, wenn man22 auch eine aufgeklärte, also23 liberale Politik fordere24. Er hat nie die konservativen Angriffe auf ihn25 verstanden, die ebenfalls meinten, daß26 Konservativismus ein Prinzip sei, das auch im persönlichen Leben verwirklicht werden müsse27. Das gleiche naive Doppelspiel treibt28 er theoretisch (und ist daher für alle unbrauchbar), wenn er einerseits29 der Anmaßung30 der Vernunft die »Gebrechlichkeit31 des Menschen« entgegenhält32; andererseits das33 Prinzip der Legitimität relativiert34, indem er erklärt, daß35 auch sie36 nicht »absolut« sei, sondern in »37der Zeit geboren«, »in der Zeit begriffen« und »durch die Zeit modifiziert« werden müsse. Sein Interesse |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000092 gilt38 so wenig dem einen Prinzip wie dem andern39, höchstens der »großen40 alten Welt«, deren Untergang er mitansehen muß und den er41 nicht ertragen kann -42 so wenig wie43 die eigene Vergänglichkeit und44 den Gedanken an den Tod.
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Dass1 es Gentz gelingt2, in der Welt eine Rolle zu spielen, trennt ihn von seiner Generation, der Generation der Schlegel und Humboldt; aber3 das, was ihm gelungen ist4, ist ihm mit ihnen gemeinsam6. Er bezeichnet als sein höchstes Ausgezeichnetsein seine7 »Mitwisserschaft«: »Ich weiss8 alles; kein Mensch auf Erden weiss9 von der Zeitgeschichte, was ich davon weiss«.10 So will11 Humboldt, wenn er einmal gehen muss12, so wenig als möglich zurücklassen, das er nicht mit sich in Berührung gebracht hätte; so will13 der alte Schlegel im »teilnehmenden Mitdenken« dem Gang der Weltgeschichte folgen. An der Welt, wenn auch nur im Wissen teil zu haben, scheint14 die grösste15 Chance. Dass16 es Gentz geglückt ist, alles zu wissen, lässt17 ihm eine letzte Gleichgültigkeit gegen den Untergang dessen, was er in seiner Politik erstrebt hat18. Aus dieser19 Desinteressiertheit an allem Bestimmten - und nicht aus einer bestimmten Überzeugung oder20 Gesinnung - stammt der Satz, mit dem er sein »21politisches Glaubensbekenntnis« schliesst22: »23Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.«25
Dass1 es Gentz gelang2, in der Welt eine Rolle zu spielen, trennt ihn von seiner Generation, der Generation der Schlegel und Humboldt. Aber3 das, was er erstrebte4, ist ihm wiederum5 mit ihnen gleichsam6. Er war auf nichts so stolz, prahlte mit keinem Orden so wie mit seiner7 »Mitwisserschaft«: »Ich weiss8 alles; kein Mensch auf Erden weiss9 von der Zeitgeschichte, was ich davon weiss.«10 So wollte11 Humboldt, wenn er einmal gehen muss12, so wenig als möglich zurücklass en, das er nicht mit sich in Berührung gebracht hätte. So wollte13 der alte Schlegel im »teilnehmenden Mitdenken« dem Gang der Weltgeschichte folgen. Durch Wissen an der Welt teilzunehmen, schien allen14 die grösste15 Chance. Dass16 es Gentz geglückt ist, alles zu wissen, liess17 ihm eine letzte Gleichgültigkeit gegen den Untergang |97 dessen, was er in seiner Politik erstrebt hatte18. Aus solcher19 Desinteressiertheit an allem Bestimmten - und nicht aus einer bestimmten Überzeugung und20 Gesinnung - stammt der Satz, mit dem er sein politisches Glaubensbekenntnis schloss22: Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.
Daß1 es Gentz gelingt2, in der Welt eine Rolle zu spielen, trennt ihn von seiner Generation, der Generation der Schlegel und Humboldt. Aber3 das, was er erstrebte4, ist ihm wiederum5 mit ihnen gemeinsam6. Er war auf nichts so stolz, prahlte mit keinem Orden so wie mit seiner7 »Mitwisserschaft«: »Ich weiß8 alles; kein Mensch auf Erden weiß9 von der Zeitgeschichte, was ich davon weiß.«10 So will11 Humboldt, wenn er einmal gehen muß12, so wenig als möglich zurücklassen, das er nicht mit sich in Berührung gebracht hätte. So will13 der alte Schlegel im »teilnehmenden Mitdenken« dem Gang der Weltgeschichte folgen. Durch Wissen an der Welt teilzunehmen, scheint allen14 die größte15 Chance. Daß16 es Gentz geglückt ist, alles zu wissen, läßt17 ihm eine letzte Gleichgültigkeit gegen den Untergang dessen, was er in seiner Politik erstrebt hatte18. Aus solcher19 Desinteressiertheit an allem Bestimmten - und nicht aus einer bestimmten Überzeugung und20 Gesinnung - stammt der Satz, mit dem er sein »21politisches Glaubensbekenntnis« schließt22: »23Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni«24.
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Als Rahel mit Gentz zusammentrifft, hat1 sie gerade Zugang zur Welt gewonnen im Genuss; aber sie hat sich keineswegs vorbehaltlos2 der Wirklichkeit ergeben. Selbst wenn sie das wollte, sie könnte es nicht3; denn4 die Welt nimmt sie ja nicht auf, sie hat ja5 gar nicht die Freiheit, auf ihre Freiheit zugunsten von etwas anderem zu verzichten. Gerade damals6, als die Juden gesellschaftlich schon so weit arriviert sind, dass sie überall ungekränkt erscheinen dürfen7, |87 geht eine neue8 Welle des9 Antisemitismus über Deutschland10, ausgehend von Grattenauers Schrift Wider die Juden. Diese Schrift ist die12 erste wirksame Antisemitismus-Schrift nach und während der13 Assimilation. Sie14 hat vor allem in Berlin15 nach einem Zeugnis des gut unterrichteten Gentz den Juden sehr geschadet. Grattenauer beschimpft die Juden zum ersten Mal mit modernen Argumenten; er predigt keinen Pogromantisemitismus, und er sieht in18 den Juden nicht mehr einzelne Individuen19, sondern einen Typus.20 Er behauptet21 »nicht von diesen22 oder jenen Juden ...23 von keinem jüdischen Individuo, sondern vom Juden überhaupt, vom Juden überall und nirgends« zu reden. Bei Grattenauer tritt zum ersten Mal sowohl der reine Rassenhass wie der Kampf gegen die gebildeten24 Juden auf; gegen die25 Juden, die sich scheinbar nicht mehr unterscheiden, die »zum Beweise ihrer Kultur ...26 am Schabbes öffentlich27 Speck fressen ...28 und auf den Promenaden Kiesewetters Logik laut29 auswendig lernen«. Dieser hier sich recht pöbelhaft gebärdende Antisemitismus wird von Gentz30, obwohl er die Rahel aufs höchste schätzt31 und liebt, sehr gelobt32. Dieselben Argumente gegen den assimilierten Juden gehen in den Kampf der Christlich Deutschen Tischgesellschaft ein33, sie werden die Argumente des Clemens Brentano34 und Achim von Arnim. Hochmut diesen Dingen gegenüber ist für den35, der sich unter allen Umständen an die Gesellschaft assimilieren will36, also völlig unangebracht. Aber so wie37 die Juden prinzipiell versuchen, als Einzelne in die Gesellschaft einzudringen, so kennt jeder Antisemit seinen »Ausnahmejuden«. Gentz liebt die38 Rahel, er verkehrt in Wien39, als er Grattenauers Schrift liest, in jüdischen Häusern; Achim von Arnim ist später oft Gast im Varnhagen’schen Haus40. Die Juden nehmen sich selbst als Ausnahmen - jeder Jude ist wirklich eine Ausnahme - und sie haben leider oft das »Glück«, auch als Ausnahmen genommen zu werden41. Was aber selbst im |88 günstigsten Falle bleibt42, ist, dass es notwendig ist43, »sich immer erst legitimieren zu müssen! darum ist es nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein!!« Die notwendige Legitimation hindert ein direktes Sich-der-Welt-Ergeben; sie hindert daran, eine Welt konservieren zu wollen,44 in der diese Legitimation trotz45 der Aufklärung notwendig ist, ja die sie noch im verstärkten Ausmasse fordern wird. Rahel wird es immer von Gentz trennen, dass sie doch die Welt wird ändern wollen46; oder, wenn sie darauf verzichtet, dass ihr nicht die ganze Wirklichkeit bleibt, um sich ihr zu verschreiben, dass sie eben nicht Mitwisserin sein kann; dass ihr von47 der Welt ohne Vorbehalt nur die Sonne bleibt, die alle Menschen gleichmässig bescheint, nur die schönen Dinge48 der Welt, die für jeden da sind49. Dass sie aber, wenn sie sich auf die Gesellschaft einlässt, liberal sein muss; dass sie, wie Gentz findet, »anarchisch« sein muss.50
Als Rahel mit Gentz zusammentrifft, kennt1 sie bereits den Genuss und die schöne Welt. Vorbehaltlos sich2 der Wirklichkeit ergeben, liegt gar nicht in ihrer Macht3; die Welt nimmt sie ja nicht auf, sie hat gar nicht die Freiheit, auf ihre Freiheit zugunsten von etwas anderem zu verzichten. Sollten die Berliner Juden sich darüber Illusionen gemacht haben6, so wird es ihnen in jenen Jahren aufs deutlichste in die Erinnerung gerufen. Ein harmloser Vorbote sehr viel entscheidenderer Ereignisse7, geht gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine8 Welle von9 Antisemitismus über die preussischen Provinzen10, ausgehend und repräsentiert11 von Grattenauers Schrift Wider die Juden. Die12 erste moderne Hetzbroschüre nach und während der13 Assimilation hat gleich -15 nach einem Zeugnis des sehr16 gut unterrichteten Gentz -17 den Juden, vor allem in Berlin, sehr geschadet. Grattenauer kümmerte sich weder um die religiöse Frage noch um Toleranz. Er warf18 den Juden nicht Mangel an Assimilation vor19, er attackierte sie insgesamt,20 Er betonte,21 »nicht von diesem22 oder jenen Juden .. von keinem jüdischen Individuo, sondern vom Juden überhaupt, vom Juden überall und nirgends« zu reden. Er erkannte keinen Unterschied zwischen gebildeten, ja getauften und anderen24 Juden an. Die25 Juden, die sich scheinbar nicht mehr unterscheiden, die »zum Beweise ihrer Kultur .. am Schabbes Speck fressen .. und auf den Promenaden Kiesewetters Logik auswendig lernen«, waren ihm typischer als Peies31 und Kaftan32. All das33, höchst widerwärtig34 und pöbelhaft dargestellt35, machte auf Gentz36, obwohl er37 die |98 Rahel sehr schätzte und liebte39, grossen Eindruck40. Und nicht nur auf Gentz41. Wenig verändert42, etwas poliert43, finden wir den ganzen Grattenauer sieben Jahre später44 in den patriotischen Reden45 der Christlich Deutschen Tischgesellschaft wieder46; er ist47 der Autor48 der von Brentano und Arnim vorgetragenen Argumente49.
Als Rahel mit Gentz zusammentrifft, kennt1 sie bereits den Genuß und die schöne Welt. Vorbehaltlos sich2 der Wirklichkeit ergeben, liegt gar nicht in ihrer Macht3; die Welt nimmt sie ja nicht auf, sie hat gar nicht die Freiheit, auf ihre Freiheit zugunsten von etwas anderem zu verzichten. Sollten die Berliner Juden sich darüber Illusionen gemacht haben6, so wird es ihnen in jenen Jahren aufs deutlichste in die Erinnerung gerufen. Ein harmloser Vorbote sehr viel entscheidenderer Ereignisse7, geht gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine8 Welle von9 Antisemitismus über die preußischen Provinzen10, ausgehend und repräsentiert11 von Grattenauers Schrift Wider die Juden. Die12 erste moderne Hetzbroschüre inmitten einer noch fortschreitenden13 Assimilation hat gleich -15 nach einem Zeugnis des sehr16 gut unterrichteten Gentz -17 den Juden, vor allem in Berlin, sehr geschadet. Grattenauer kümmert sich weder um die religiöse Frage noch um Toleranz. Er wirft18 den Juden nicht Mangel an Assimilation vor19, er attackiert sie insgesamt.20 Er betont,21 »nicht von diesen22 oder jenen Juden ...,23 von keinem jüdischen Individuo, sondern vom Juden überhaupt, vom Juden überall und nirgends« zu reden. Er erkennt keinen Unterschied zwischen gebildeten, ja |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000093 getauften und anderen24 Juden an. Die25 Juden, die sich scheinbar nicht mehr unterscheiden, die »zum Beweise ihrer Kultur ...26 am Schabbes öffentlich27 Speck fressen ...28 und auf den Promenaden Kiesewetters Logik auswendig lernen«, waren ihm typischer als Peies31 und Kaftan32. All das33, höchst widerwärtig34 und pöbelhaft dargestellt35, macht auf Gentz36, obwohl er37 die Rahel sehr schätzt und liebt39, großen Eindruck40. Und nicht nur auf Gentz41. Wenig verändert42, etwas poliert43, finden wir den ganzen Grattenauer sieben Jahre später44 in den patriotischen Reden45 der Christlich-Deutschen Tischgesellschaft wieder46; er ist47 der Autor48 der von Brentano und Arnim vorgetragenen Argumente49.
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Hochmut diesen Dingen gegenüber war1 für den, der sich unter allen Umständen an die Gesellschaft assimilieren wollte2, also völlig unangebracht. Aber so wie die Juden prinzipiell versuchen, als Einzelne3 in die Gesellschaft einzudringen, so kannte4 jeder Antisemit seinen »Ausnahmejuden«. Gentz liebte5 die Rahel, verkehrte6 in Wien - während er die Grattenauersche Schrift las7 - in jüdischen Häusern. Das Ehepaar Arnim wurde8 später ein häufiger Gast des Varnhagenschen Hauses, ohne im Mindesten9 seine Meinung zu revidieren. Selbst mit Brentano wurden10 Beziehungen unterhalten. Die Berliner Juden hielten11 sich selbst für Ausnahmen. So wie jeder Antisemit seine Berliner Ausnahmejuden kannte, so kannte jeder Berliner Jude mindestens zwei Ostjuden, denen gegenüber er sich als Ausnahme fühlte.
Hochmut diesen Dingen gegenüber ist1 für den, der sich unter allen Umständen an die Gesellschaft assimilieren will2, also völlig unangebracht. Aber so wie die Juden prinzipiell versuchen, als einzelne3 in die Gesellschaft einzudringen, so kennt4 jeder Antisemit seinen »Ausnahmejuden«. Gentz liebt5 die Rahel, verkehrt6 in Wien - während er die Grattenauersche Schrift liest7 - in jüdischen Häusern. Das Ehepaar Arnim ist8 später ein häufiger Gast des Varnhagenschen Hauses, ohne im mindesten9 seine Meinung zu revidieren. Selbst mit Brentano werden10 Beziehungen unterhalten. Die Berliner Juden halten11 sich selbst für Ausnahmen. So wie jeder Antisemit seine Berliner Ausnahmejuden kannte, so kannte jeder Berliner Jude mindestens zwei Ostjuden, denen gegenüber er sich als Ausnahme fühlte.
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Was aber selbst im günstigsten Fall bleibt, ist die Notwendigkeit, »sich immer erst legitimieren zu müssen! darum ist es nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein!« Die notwendige Legitimation hindert, sich direkt in die Welt und die gegenwärtigen Umstände zu ergeben; sie hindert, eine Welt konservieren zu wollen, in der so widerwärtiges Verhalten notwendig ist. Rahel wird es immer von Gentz trennen, dass2 sie doch die Welt ändern wollen muss; oder3, wenn sie darauf verzichtet4, dass5 ihr nicht die ganze Wirklichkeit bleibt, um sich ihr zu verschreiben; dass6 sie eben nicht »Mitwisserin« sein kann; dass7 ihr von der Welt ohne Vorbehalt nur die Sonne bleibt, die |99 alle gleichmässig8 bescheint, nur die schönen Dinge, die für jeden da sind. Dass9 sie aber, wenn sie sich auf die Gesellschaft einlässt10, revolutionär, dass11 sie, wie Gentz findet, »anarchisch« sein muss12.
Was aber selbst im günstigsten Fall bleibt, ist die Notwendigkeit, »sich immer erst legitimieren zu müssen! darum ist es ja1 nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein!« Die notwendige Legitimation hindert, sich direkt in die Welt und die gegenwärtigen Umstände zu ergeben; sie hindert, eine Welt konservieren zu wollen, in der so widerwärtiges Verhalten notwendig ist. Rahel wird es immer von Gentz trennen, daß2 sie sich mit dem Bestehenden nicht abfinden kann und daß selbst3, wenn sie darauf verzichten sollte4, die Welt verändern zu wollen,5 ihr nicht die ganze Wirklichkeit bleibt, um sich ihr zu verschreiben; daß6 sie eben nicht »Mitwisserin« sein kann; daß7 ihr von der Welt ohne Vorbehalt nur die Sonne bleibt, die alle gleichmäßig8 bescheint, nur die schönen Dinge, die für jeden da sind; daß9 sie aber, wenn sie sich auf die Gesellschaft einläßt10, revolutionär, daß11 sie, wie Gentz findet, »anarchisch« sein muß12.
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Es wird sie mit Gentz auch verbinden; denn1 Gentz ist ja kein Konservativer. Er ist für sich, für das Verstandenwerden seiner Person auf eine Liberalität angewiesen, die er nur bei Einzelnen3 finden kann, bei den Unsichtbaren, Inoffiziellen, bei denen, die keine Macht haben. Keiner hat ihn so verstanden wie Rahel. Sie hat gewusst5, dass6 er kein Heuchler ist; sie hat seinen Wirklichkeitshunger verstanden und die Naivität geschätzt7, mit der er sich allem Wirklichen ergab; denn8 sie hat gewusst9, dass diese10 Naivität seine Art von Wahrhaftigkeit war; dass11 seine Naivität12 das Peinliche, das immer der vorbehaltlosen13 Option für die Welt14 anhaftet, auslöscht15, weil sie alle Karten aufdeckt, weil sie die Sache zeigt, wie sie ist. So liebt16 Rahel den Freund gerade dann, »wenn er recht etwas Kindisches sagte oder tat ...17 deshalb widerholte18 ich es, dass19 er sagte;20 er sei so glücklich, in Prag der Erste21 zu sein, dass22 alle obersten Behörden, grosse Herren23 und Damen24 zu ihm |89 schicken müssten25! etc. mit entzücktem Lächeln und in die Augen Sehen26! so klug dies zu verschweigen, ist jedes erzogene,27 verlogene Vieh: aber wer hat die hingebungsvolle Seele, das liebe Kinderherz es zu sagenGentz hat sie tausendfach verraten: er schreibt an Brinckmann: »Noch nie hat eine Jüdin - ich spreche ohne alle Ausnahme - die wahre Liebe gekannt«, und schreibt doch fast zu gleicher Zeit an Rahel, keine wüsste so zu lieben, wie sie, ja sie wäre »das erste Wesen dieser Welt«. Er verrät sie nicht nur um der Öffentlichkeit willen; seine Stellung zu ihr hat von vornherein gleichsam einen doppelten Boden: er ist angewiesen auf sie und ihr Verstehen, und er hasst dieses Verstehen, weil es ihn der Wirklichkeit entfremdet, der er sich verschrieben hat. Er hat im Grunde nur die Wahl, sie offiziell zu lieben oder sie offiziell zu verleugnen. Will er in der Welt leben ohne Vorbehalt, so muss der »Umgang mit einem so mächtig entfesselnden, so durchaus desorganisierenden Genie wie dem der Levi« »verderberisch« sein und die »geheime Leidenschaft, die dies grosse, kühne, göttlich-teuflische Geschöpf« für ihn hat, ihm bedrohlich werden.29
Es wird sie mit Gentz auch verbinden. Denn1 Gentz ist ja kein Konservativer. Er ist für sich, für das Verstandenwerden seiner Person,2 auf eine Liberalität angewiesen, die er nur bei Einzelnen3 finden kann, bei den Unsichtbaren, Inoffiziellen, bei denen, die keine Macht haben. Keiner hat ihn so verstanden wie die4 Rahel. Sie hat gewusst5, dass6 er kein Heuchler ist; sie hat seinen Wirklichkeitshunger verstanden und die Naivität geliebt7, mit der er sich allem Wirklichen ergab; sie hat begriffen9, dass10 Naivität seine Art von Wahrhaftigkeit war, und dass11 seine echte Ahnungslosigkeit12 das Peinliche, das immer der Option für das bestehende14 anhaftet, mindert15, weil sie alle Karten aufdeckt, weil sie die Sache zeigt, wie sie ist. So liebte16 Rahel den Freund gerade dann, »wenn er recht etwas Kindisches sagte oder tat .. deshalb wiederholte18 ich es, dass19 er sagte:20 er sei so glücklich, in Prag der Erste21 zu sein, dass22 alle obersten Behörden, grosse Damen23 und Herren24 zu ihm schicken müssten25! etc. mit entzücktem Lächeln und in die Augen sehen26! so klug dies zu verschweigen, ist jedes erzogene verlogene Vieh: aber wer hat die hingebungsvolle Seele, das liebe Kinderherz,28 es zu sagen
Es wird sie mit Gentz auch verbinden. Denn1 Gentz ist ja kein Konservativer. Er ist für sich, für das Verstandenwerden seiner Person,2 auf eine Liberalität angewiesen, die er nur bei einzelnen3 finden kann, bei |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000094 den Unsichtbaren, Inoffiziellen, bei denen, die keine Macht haben. Keiner hat ihn so verstanden wie Rahel. Sie hat gewußt5, daß6 er kein Heuchler ist; sie hat seinen Wirklichkeitshunger verstanden und die Naivität geliebt7, mit der er sich allem Wirklichen ergab; sie hat begriffen9, daß10 Naivität seine Art von Wahrhaftigkeit war, und daß11 seine echte Ahnungslosigkeit12 das Peinliche, das immer der Option für das Bestehende14 anhaftet, mindert15, weil sie alle Karten aufdeckt, weil sie die Sache zeigt, wie sie ist. So liebte16 Rahel den Freund gerade dann, »wenn er recht etwas Kindisches sagte oder tat ...17 deshalb wiederholte18 ich es, daß19 er sagte:20 er sei so glücklich, in Prag der erste21 zu sein, daß22 alle obersten Behörden, große Damen23 und Herren24 zu ihm schicken müßten25! etc. mit entzücktem Lächeln und in die Augen Sehn26! so klug dies zu verschweigen, ist jedes erzogene,27 verlogene Vieh: aber wer hat die hingebungsvolle Seele, das liebe Kinderherz,28 es zu sagen
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Gentz hat sie tausendfach verraten. Er schreibt an Brinckmann: »Noch nie hat eine Jüdin - ich spreche ohne alle Ausnahme - die die1 wahre Liebe gekannt«, und schmeichelt doch2 fast unter gleichem3 Datum der4 Rahel, keine wüsste5 so zu lieben wie sie, ja sie wäre6 »das erste Wesen dieser Welt»7. Er verrät sie nicht nur um der Öffentlichkeit |100 willen; seine Stellung zu ihr hat von vornherein einen doppelten Boden. Für seine privaten Capricen8 ist er angewiesen auf ihr Verständnis; aber er hasst9 es, verstanden zu werden, weil es ihn der Wirklichkeit entfremdet, der er sich verschrieben hat. Er hat im Grunde nur die Wahl, sie offiziell zu lieben, oder sie offiziell zu verleugnen. Will er in der Welt leben ohne Vorbehalt, so muss10 der »Umgang mit einem so mächtig entfesselnden, so durchaus desorganisierenden Genie wie das der Levi« »verderberisch« sein und die »geheime Leidenschaft, die dies grosse11, kühne, göttlich-teuflische Geschöpf« (Gentz) für ihn hat, ihm bedrohlich werden.
Gentz hat sie tausendfach verraten. Er schreibt an Brinckmann: »Noch nie hat eine Jüdin - ich spreche ohne alle Ausnahme - die wahre Liebe gekannt«, und schreibt dann2 fast unter dem gleichen3 Datum an4 Rahel, keine wisse5 so zu lieben wie sie, ja sie sei6 »das erste Wesen dieser Welt«7. Er verrät sie nicht nur um der Öffentlichkeit willen; seine Stellung zu ihr hat von vornherein einen doppelten Boden. Für sein privates Leben8 ist er angewiesen auf ihr Verständnis; aber er haßt9 es, verstanden zu werden, weil es ihn der Wirklichkeit entfremdet, der er sich verschrieben hat. Er hat im Grunde nur die Wahl, sie offiziell zu lieben, oder sie offiziell zu verleugnen. Will er in der Welt leben ohne Vorbehalt, so muß10 der »Umgang mit einem so mächtig entfesselnden, so durchaus desorganisierenden Genie wie das der Levi« »verderberisch« sein und die »geheime Leidenschaft, die dies große11, kühne, göttlich-teuflische Geschöpf« (Gentz) für ihn hat, ihm bedrohlich werden.
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Gentz hat lange geschwankt, ob er diese1 Leidenschaft nicht doch wolle2. Denn in ihr hätte eine andere Chance der Wirklichkeit gelegen, eine andere Chance,3 so viel zu wissen,4 wie sonst niemand weiss5, eine Chance gegen die Welt doch alles zu haben. Er hätte der Wirklichkeit eine zweite Wirklichkeit entgegensetzen können, eine Wirklichkeit7 so absonderlich, so einmalig und8 so in sich geschlossen, dass10 die wahre Welt sie schwerlich hätte übertrumpfen können: »Wissen Sie Liebe, warum unser Verhältnis so gross12 und so vollkommen geworden13 ist? ...14 Sie sind ein unendlich produzierendes, ich bin ein unendlich empfangendes Wesen; Sie sind ein grosser15 Mann; ich bin das erste aller Weiber, die je gelebt haben. Das weiss16 ich;17 wäre ich ein |90 physisches Weib geworden, ich hätte den Erdkreis vor meine Füsse18 gebracht - ... Bemerken Sie diese Sonderbarkeit: aus mir allein ziehe ich nicht den lumpigsten Funken heraus ...19 meine Empfänglichkeit ist ganz ohne Grenzen .20.. Ihr ewig-tätiger22, fruchtbarer Geist (ich meine nicht Kopf, sondern Seele, alles) traf auf diese unbegrenzte Empfänglichkeit, und so gebaren wir Ideen, und Gefühle,23 und Lieben, und Sprachen, die alle ganz unerhört sind. Was wir beide zusammen wissen, ahndet kein Sterblicher. Ich werfe es mir jetzt bitterlich vor, dass24 ich damals nicht mit Macht darauf bestand, das zu geniessen25, was Sie das Bischen26 nannten. So etwas neues ausserordentliches27, als das28 physische Verhältnis zwischen Menschen, in welchen das Innere gerade im Umgekehr steht, müsste29 noch garnicht existiert haben. - Ich muss30 es auch haben. Versprechen Sie mir, dass31 das erste Mal, dass32 wir zusammenkommen, dies geschehen soll; wenn Sie mir das schriftlich und heilig versprechen, dann verspreche ich Ihnen, dass33 ich nie wieder heiraten will.« Rahel hat ihm das, was sie »das Bischen nannte« nicht gegeben; er hat sie nicht dazu gezwungen, obwohl er es vielleicht wirklich wollte. Er hat keinen Augenblick sie und nur sie gewollt, sondern er hat eine Situation, eine Beziehung gewollt, »ein Verhältnis, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt« hat. Gerade weil er nicht nur sie gewollt hat, jedenfalls weder zur Liebe noch zum Genuss, höchstens zum Verstehen, gerade deshalb hätte er für sie alles aufgeben müssen. Denn was er in diesem Verhältnis hätte erfahren können, hätte ihn gezwungen, der wirklichen Welt auszuweichen, hätte ihn gezwungen, auf seine Naivität zu verzichten, um alles zu empfangen, was er dank seiner ungeheuren Empfänglichkeit hätte empfangen können. Klugerweise hat er nicht insistiert, er ist bei seiner »stupiden Verblendung für körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf« geblieben.34
Gentz hat sich keineswegs leichten Herzens entschlossen, der1 Leidenschaft nicht nachzugeben2. Denn in ihr hätte eine andere Chance der Wirklichkeit gelegen, eine andere Chance so viel zu wissen wie sonst niemand, eine Chance gegen die Welt doch alles zu haben. Er hätte der Wirklichkeit eine zweite Wirklichkeit entgegensetzen können, die7 so absonderlich, so einmalig,8 so in sich geschlossen gewesen wäre9, dass10 die wahre Welt sie schwerlich hätte übertrumpfen können: »Wissen Sie Liebe, warum unser Verhältnis so gross12 und so vollkommen ist? ..Sie sind ein un endlich produzierendes, ich bin ein unendlich empfangendes Wesen; Sie sind ein grosser15 Mann; ich bin das erste aller Weiber, die je gelebt haben. Das weiss16 ich,17 wäre ich ein physisches Weib geworden, ich hätte den Erdkreis vor meine Füsse18 gebracht - ... Bemerken Sie diese Sonderbarkeit: aus mir allein ziehe ich nicht den lumpigsten Funken heraus .. meine Empfänglichkeit ist ganz ohne Grenzen -20 .. Ihr ewig-tätiger22, fruchtbarer Geist (ich meine nicht Kopf, sondern Seele, alles) traf auf diese unbegrenzte Empfänglichkeit, und so gebaren wir Ideen, und |101 Gefühle und Lieben, und Sprachen, die alle ganz unerhört sind. Was wir beide zusammen wissen, ahndet kein Sterblicher. Ich werfe es mir jetzt bitterlich vor, dass24 ich damals nicht mit Macht darauf bestand, das zu geniessen25, was Sie das Bisschen26 nannten. So etwas neues, ausserordentliches27, als physische Verhältnis zwischen Menschen, in welchen das Innere gerade im Umgekehr steht, müsste29 noch gar nicht existiert haben. - Ich muss30 es auch haben. Versprechen Sie mir, dass31 das erste Mal, dass32 wir zusammenkommen, dies geschehen soll; wenn Sie mir das schriftlich und heilig versprechen, dann verspreche ich Ihnen, dass33 ich nie wieder heiraten will.«
Gentz hat sich keineswegs leichten Herzens entschlossen, der1 Leidenschaft nicht nachzugehen2. Denn in ihr hätte eine andere Chance der Wirklichkeit gelegen, eine andere Chance,3 so viel zu wissen wie sonst niemand, eine Chance,6 gegen die Welt doch alles zu haben. Er hätte der Wirklichkeit eine zweite Wirklichkeit entgegensetzen können, die7 so absonderlich, so einmalig,8 so in sich geschlossen gewesen wäre9, daß10 die wahre Welt sie schwerlich hätte übertrumpfen können: »Wissen Sie,11 Liebe, warum unser Verhältnis so groß12 und so vollkommen ist? ...14 Sie sind ein unendlich produzierendes, ich bin ein unendlich empfangendes Wesen; Sie sind ein großer15 Mann; ich bin das erste aller Weiber, die je |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000095 gelebt haben. Das weiß16 ich,17 wäre ich ein physisches Weib geworden, ich hätte den Erdkreis vor meine Füße18 gebracht - ... Bemerken Sie diese Sonderbarkeit: aus mir allein ziehe ich nicht den lumpigsten Funken heraus ...19 meine Empfänglichkeit ist ganz ohne Grenzen -20 ...21 Ihr ewigtätiger22, fruchtbarer Geist (ich meine nicht Kopf, sondern Seele, alles) traf auf diese unbegrenzte Empfänglichkeit, und so gebaren wir Ideen, und Gefühle und Lieben, und Sprachen, die alle ganz unerhört sind. Was wir beide zusammen wissen, ahndet kein Sterblicher. Ich werfe es mir jetzt bitterlich vor, daß24 ich damals nicht mit Macht darauf bestand, das zu genießen25, was Sie das Bißchen26 nannten. So etwas neues, außerordentliches27, als das28 physische Verhältnis zwischen Menschen, in welchen das Innere gerade im Umgekehr steht, müßte29 noch gar nicht existiert haben. - Ich muß30 es auch haben. Versprechen Sie mir, daß31 das erste Mal, daß32 wir zusammenkommen, dies geschehen soll; wenn Sie mir das schriftlich und heilig versprechen, dann verspreche ich Ihnen, daß33 ich nie wieder heiraten will.«
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Rahel hat ihm das, was sie das Bisschen1 nannte, nicht gegeben. Er hat sie auch nicht gezwungen, obwohl er vielleicht ehrlich wollte. Er hat keinen Augenblick sie und nur sie gewollt, sondern eine Situation, eine Beziehung, ein »Verhältnis, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt« hat. Gerade, weil er nicht nur sie gewollt hat, jedenfalls weder zur Liebe noch zum Genuss2, höchstens zum Verstehen, gerade deshalb hätte er für sie alles aufgeben müssen. Dies Experiment hätte ihn seine Naivität gekostet, sein gutes Gewissen, seine Stellung in der Welt, kurz alles. Klug war er3, nicht zu insistieren und bei der »stupiden Verblendung für körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf« (Gentz) zu bleiben.
Rahel hat ihm das, was sie das Bißchen1 nannte, nicht gegeben. Er hat sie auch nicht gezwungen, obwohl er vielleicht ehrlich wollte. Er hat keinen Augenblick sie und nur sie gewollt, sondern eine Situation, eine Beziehung, ein »Verhältnis, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt« hat. Gerade, weil er nicht nur sie gewollt hat, jedenfalls weder zur Liebe noch zum Genuß2, höchstens zum Verstehen, gerade deshalb hätte er für sie alles aufgeben müssen. Dies Experiment hätte ihn seine Naivität gekostet, sein gutes Gewissen, seine Stellung in der Welt, kurz alles. Klug war es3, nicht zu insistieren und bei der »stupiden Verblendung für körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf« (Gentz) zu bleiben.
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Und1 Rahel? Rahel2 lernt zur gleichen Zeit den Spanier Urquijo3 kennen, einen schönen Mann, und verliebt sich in ihn bis über die Ohren. Hat Gentz’4 Naivität des Geniessenkönnens5 sie verlockt, als sie anfing,6 Urquijo zu lieben7? Hat sie ernsthaft glauben können, es werde ihr gelingen, so9 vorbehaltlos sich10 aufzehren zu lassen, wie es Gentz gelingt11? Schliesslich12 ist Urquijo schön,14 schön wie damals der Römer, damals als sie noch krank war und ungeübt im Geniessen der schönen Dinge der Welt16.
Rahel lernt zur gleichen Zeit den Spanier Urquijo3 kennen, einen schönen Mann, und verliebt sich in ihn bis über die Ohren. Hat Gentz und seine4 Naivität des Geniessens5 sie verlockt, als sie sich in6 Urquijo verliebte7? Hat sie ernsthaft glauben können, es werde auch8 ihr gelingen, sich9 vorbehaltlos aufzehren zu lassen? Schliesslich12 ist Urquijo nur13 schön -14 schön wie damals in Paris15 |102 der Römer, der nur leider ein engagement hatte16.
Rahel lernt zur gleichen Zeit den Legationssekretär an der spanischen Gesandtschaft Don Raphael d’Urquijo3 kennen, einen schönen Mann, und verliebt sich in ihn bis über die Ohren. Hat Gentz und seine4 Naivität des Genießens5 sie verlockt, als sie sich in6 Urquijo verliebte7? Hat sie ernsthaft glauben können, es werde auch8 ihr gelingen, sich9 vorbehaltlos aufzehren zu lassen? Schließlich12 ist Urquijo nur13 schön -14 schön wie damals in Paris15 der Römer, der nur leider ein Engagement hatte16.
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Seit sie Gentz kennt, lockt sie die Wirklichkeit wieder. Seit sie sieht, dass1 der Genuss2 nicht nur eine schöne Parenthese des Lebens zu sein braucht, lockt sie der Genuss3. Sie will nicht mehr nur Schauplatz sein, sie will wieder mittun. Nein, sie6 will nicht eigentlich mittun, aber sie will sehen7, ob sie nicht auch etwas von den Dingen der Welt bekommen kann; nicht das Ausserordentliche8, sondern das Alltägliche9, das jedem Menschen fast zusteht. Sie will versuchen, sich den schönen Spanier so10 zu nehmen, wie Gentz sich die schöne Schauspielerin genommen hat.
Seit sie Gentz kennt, lockt sie die Wirklichkeit wieder. Seit sie sieht, dass1 der Genuss2 nicht nur eine schöne Parenthese des Lebens zu sein braucht, lockt sie der Genuss stärker3. Sie will mit eins4 nicht mehr nur Schauplatz sein, sie will durchaus5 wieder ihren Teil abbekommen. Sie6 will nicht mehr das Ausserordentliche7, die grosse Liebe oder die adlige Heirat8, sondern das Natürlich-Alltägliche9, das jedem Menschen fast zusteht. Sie will versuchen, sich den schönen Spanier zu nehmen, wie Gentz sich die schöne Schauspielerin genommen hat.
Seit sie Gentz kennt, lockt sie die Wirklichkeit wieder. Seit sie sieht, daß1 der Genuß2 nicht nur eine schöne Parenthese des Lebens zu sein braucht, lockt sie der Genuß stärker3. Sie will mit eins4 nicht mehr nur Schauplatz sein, sie will durchaus5 wieder ihren Teil abbekommen. Sie6 will nicht mehr das Außerordentliche7, die große Liebe oder die adlige |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000096 Heirat8, sondern das Natürlich-Alltägliche9, das jedem Menschen fast zusteht. Sie will versuchen, sich den schönen Spanier zu nehmen, wie Gentz sich die schöne Schauspielerin genommen hat.
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Gentz geniesst1 die Dinge der Welt nicht, weil sie schön, sondern weil sie wirklich sind. Er lässt2 sich nicht von der Schönheit, sondern von der Wirklichkeit betören. Rahel aber bleibt von der Welt, aus der sie ausgestossen3 ist, nur ein kleiner Ausschnitt, das was schön ist.
Gentz genießt1 die Dinge der Welt nicht, weil sie schön, sondern weil sie wirklich sind. Er läßt2 sich nicht von der Schönheit, sondern von der Wirklichkeit betören. Rahel aber bleibt von der Welt, aus der sie ausgestoßen3 ist, nur ein kleiner Ausschnitt, das,4 was schön ist.
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Gentz aber vermittelt nicht allein der Genuss das Wirkliche. Und der Genuss vermittelt ihm nicht1 nur das Schöne. Rahel aber bleibt von der Welt, aus der sie zurückgestossen ist, nur ein kleiner Ausschnitt, das was schön ist. Alles Schöne2 ist von sich aus gegen alles andere isoliert. Gentz geniesst die Dinge der Welt nicht, weil sie schön sind, sondern weil sie wirklich sind. Er lässt sich nicht von der Schönheit3, sondern von der Wirklichkeit betören4. Aber von dem, was nur schön ist, führt kein Weg in die Wirklichkeit. Zwar kann5 die Schönheit eines Gedichtes nur der Anlass sein zum »unendlichen Sinnen«; immer aber6 wird der wirkliche Abend die Schönheit7 des Wortes »Abend« zerreissen8; immer wird das Weiter des Lebens die Schönheit der Dämmerung zerstören9. Immer steht dem weit offenen Horizont der gezauberten Unbestimmtheit die Bestimmtheit dessen, was ist, entgegen; |92 immer11 ist das eine für das andere wie ein Gefängnis, durch Mauern getrennt,12 immer siegt das Weiter des Lebens13 über die Verzauberung,14 und immer bleibt das Schöne in seiner Isoliertheit unangetastet15 und unbesiegt von diesem16 Sieg. Denn das Schöne besteht auf seiner Sichtbarkeit, auch wenn es nichts bewirkt und nichts ist als ein Denkmal seiner selbst. Das Schöne behält seinen18 Zauber, obwohl die Wirklichkeit sich nicht verzaubern lässt19, obwohl das Faktum der Zeit: das auf jeden Tag ein neuer Tag folgt20, allem Zauber entzogen wird21. Die Schönheit hat Macht durch den Zauber, obwohl die Zeit die grössere22 Macht hat, weil auch der Verzauberte stirbt. Die Macht der Zeit trifft immer den Menschen, der schon gelebt hat und der noch leben wird. Sie trifft den Menschen in seinem Leben, das er wirklich gehabt hat und noch hat.23 Der Zauber des Schönen trifft auf den nackten Menschen, als hätte er nie gelebt. Das Schöne in seiner Isoliertheit scheint alle Verbundenheit auszulöschen und den Menschen in die gleiche Nacktheit zu stossen24, in der25 es selbst begegnet26.
Das Schöne ist von sich aus gegen alles andere isoliert. Von dem, was1 nur schön ist, führt kein Weg in die Wirklichkeit. Zwar kann die Schönheit eines Gedichtes nur der Anlass sein zum »unendlichen Sinnen«; aber dieses Sinnen2 ist gebunden an den Zauber des Augenblicks und kennt weder Gestern noch Morgen. Der schöne Abend ist nicht der Abend eines Tages und kein Symbol für etwas. Vielleicht ist er der Abend selbst3, ohne Tag, ohne Nacht4. Immer aber werden Tag und Nacht die Schönheit des Abends zerstören; und nur die Sprache,5 die das Schöne zu nennen vermag, hält den Abend in einer ewigen Gegenwärtigkeit. Immer6 wird der wirkliche Abend den Zauber7 des Wortes »Abend« zerreissen8; immer wird das Weiter des Lebens die Schönheit der Dämmerung vernichten9. Immer steht dem weit offenen Horizont der gezauberten Unbestimmtheit,10 die Bestimmtheit |103 dessen, was ist, entgegen. Immer11 ist das eine für das andere wie ein Gefängnis, durch Mauern getrennt;12 immer siegt das Leben13 über die Verzauberung -14 und immer bleibt das Schöne in seiner Isoliertheit ungerührt15 und unbesiegt durch diesen16 Sieg. Denn das Schöne besteht auf seiner Sichtbarkeit und Hörbarkeit17, auch wenn es nichts bewirkt und nichts ist als ein Denkmal seiner selbst. Das Schöne behält den18 Zauber, obwohl die Wirklichkeit sich nicht verzaubern lässt19, obwohl die Zeitlichkeit, die Folge der Tage20, allem Zauber entzogen ist21. Die Schönheit hat Macht durch den Zauber, obwohl die Zeit die grössere22 Macht hat, weil auch der Verzauberte stirbt. Die Macht der Zeit trifft immer den Menschen, der schon gelebt hat und der noch leben wird. Der Zauber des Schönen trifft auf den nackten Menschen, als hätte er nie gelebt. Das Schöne in seiner Isoliertheit scheint alle Verbundenheit auszulöschen und den Menschen in die gleiche Nacktheit zu stossen24, in dem25 es selbst be-gegnet26.
Das Schöne ist von sich aus gegen alles andere isoliert. Von dem, was1 nur schön ist, führt kein Weg in die Wirklichkeit. Zwar kann die Schönheit eines Gedichtes der Anlaß werden zum »unendlichen Sinnen«; aber dieses Sinnen2 ist gebunden an den Zauber des Augenblicks und kennt weder Gestern noch Morgen. Der schöne Abend ist nicht der Abend eines Tages und kein Symbol für etwas. Vielleicht ist er der Abend selbst3, ohne Tag, ohne Nacht4. Immer aber werden Tag und Nacht die Schönheit des Abends zerstören; und nur die Sprache,5 die das Schöne zu nennen vermag, hält den Abend in einer ewigen Gegenwärtigkeit. Immer6 wird der wirkliche Abend den Zauber7 des Wortes »Abend« zerreißen8; immer wird das Weiter des Lebens die Schönheit der Dämmerung vernichten9. Immer steht dem weit offenen Horizont der gezauberten Unbestimmtheit die Bestimmtheit dessen, was ist, entgegen. Immer11 ist das eine für das andere wie ein Gefängnis, durch Mauern getrennt;12 immer siegt das Leben13 über die Verzauberung -14 und immer bleibt das Schöne in seiner Isoliertheit unberührt15 und unbesiegt durch diesen16 Sieg. Denn das Schöne besteht auf seiner Sichtbarkeit oder Hörbarkeit17, auch wenn es nichts bewirkt und nichts ist als ein Denkmal seiner selbst. Das Schöne behält den18 Zauber, obwohl die Wirklichkeit sich nicht verzaubern läßt19, obwohl die Zeitlichkeit, die Folge der Tage20, allem Zauber entzogen ist21. Die Schönheit hat Macht durch den Zauber, obwohl die Zeit die größere22 Macht hat, weil auch der Verzauberte stirbt. Die Macht der Zeit trifft immer den Menschen, der schon gelebt hat und der noch leben wird. Der Zauber des Schönen trifft auf den nackten Menschen, als hätte er nie gelebt. Das Schöne in seiner Isoliertheit scheint alle Verbundenheit auszulöschen und den Menschen in die gleiche Nacktheit zu stoßen24, in der25 es selbst begegnet26.
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244
Der Mensch kann sich dem Schönen ausliefern, wie er der Natur ausgeliefert sein kann. Unabhängig von all dem, was das Leben gibt oder versagt, ist das schrankenlose Entzücken über die1 ersten Frühlingstage2, über den stets wiederkehrenden warmen Geruch des Sommers. So wie das Schöne unbesiegbar ist von dem Sieg des Lebens und seiner Zerstörung3, so ist die Macht der Jahreszeiten unbesiegbar in der Sicherheit ihrer ewigen Wiederkehr. Rahel verschreibt sich der Leidenschaft, dem »heftigen Zauber«, sie verschreibt sich dem »schönen Gegenstand« und glaubt6 so den Menschen von ihrem Leben abhalten zu können, von jenem Leben8, von dem9 sie hofft, dass es schon zu Ende ist. Ja sie hofft10 in dem Zauber ihr Leben los11 zu werden12, so wie man in der Schönheit13 sein Leben los werden kann, oder in14 dem Glück über15 Erde und Baum. Sie glaubt gerade in dieser Nacktheit, in16 der sie sich ausliefert |93 , das zu finden, was bleibt, das von sich selbst zu finden, was der Macht der Zeit18 entzogen ist. Sie hofft sich so zu finden, wie sie von Anbeginn war. Sie ergibt sich der Liebe,20 als sei sie nichts als Natur und hofft, nachdem sie »aus der Welt - -22 Geburt gestossen23, Glück nicht eingelassen« hat, in der Liebe als das genommen zu werden, was sie ist, in der Liebe24 Glück und Geburt umgehen zu können. Das Schöne kann nicht in die Realität verstricken und es kann vielleicht erlösen von der Unmenschlichkeit zu sein »wie die Erde im Zusammenhang mit anderen Wesen«. Und vielleicht27 ist das Glück dessen, der sich dem schönen Menschen verschreibt,28 ohne alle Prätensionen29, das menschlichste30 Glück, verwandt dem Glück von Sonne, Wärme und Erde, dem Glück aller Kreatur.31
Der Mensch kann sich dem Schönen ausliefern, wie er der Natur ausgeliefert sein kann. Unabhängig von all dem, was das Leben gibt oder versagt, ist das schrankenlose Entzücken über die1 ersten Frühlingstage2, über den stets wiederkehrenden warmen Geruch des Sommers. So wie das Schöne unbesiegbar ist von dem Sieg des Lebens, von seiner Zerstörung3, so ist die Macht der Jahreszeiten unbesiegbar in der Sicherheit ihrer ewigen Wiederkehr. Rahel verschreibt sich der natürlichsten4 Leidenschaft, dem »heftigen Zauber«, sie verschreibt sich dem »schönen Gegenstand« -5 und hofft6 so,7 den Menschen von ihrem Leben abhalten zu können. Ja8, sie hofft, in dem Zauber ihr Leben definitiv loswerden11 zu können12, so wie man sein Leben vergessen kann über der Schönheit oder14 dem Glück an15 Erde und Baum. Sie glaubt gerade in dieser Nacktheit, der sie sich selbst17 |104 ausliefert, das zu finden, was bleibt, das von sich selbst zu finden, was den Umständen18 entzogen ist. Sie hofft,19 sich so zu finden, wie sie von Anbeginn war. Sie ergibt sich der Liebe als sei sie nichts als Natur,21 und hofft, nachdem sie »aus der Welt ..22 Geburt gestossen23, Glück nicht eingelassen« hat, in der Liebe Glück und Geburt umgehen zu können. Das Schöne kann nicht in die Realität verstricken,25 und es kann vielleicht erlösen von der Unmenschlichkeit zu sein »wie die Erde im Zusammenhang mit anderen Wesen«. Vielleicht27 ist das Glück dessen, der sich dem schönen Menschen verschreibt ohne alle Prätentionen29, das menschliche30 Glück, verwandt dem Glück von Sonne, Wärme und Erde, dem Glück aller Kreatur
Der Mensch kann sich dem Schönen ausliefern, wie er der Natur ausgeliefert sein kann. Unabhängig von all dem, was das Leben gibt oder versagt, ist das schrankenlose Entzücken über den1 ersten Frühlingstag2, über den stets wiederkehrenden warmen Geruch des Sommers. So wie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000097 das Schöne unbesiegbar ist von dem Sieg des Lebens, in dem es untergeht3, so ist die Macht der Jahreszeiten unbesiegbar in der Sicherheit ihrer ewigen Wiederkehr. Rahel verschreibt sich der natürlichsten4 Leidenschaft, dem »heftigen Zauber«, sie verschreibt sich dem »schönen Gegenstand« -5 und hofft6 so,7 den Menschen von ihrem Leben abhalten zu können. Ja8, sie hofft, in dem Zauber ihr Leben definitiv loswerden11 zu können12, so wie man sein Leben vergessen kann über der Schönheit oder14 dem Glück an15 Erde und Baum. Sie glaubt gerade in dieser Nacktheit, der sie sich selbst17 ausliefert, das zu finden, was bleibt, das von sich selbst zu finden, was den Umständen18 entzogen ist. Sie hofft,19 sich so zu finden, wie sie von Anbeginn war. Sie ergibt sich der Liebe,20 als sei sie nichts als Natur,21 und hofft, nachdem sie »aus der Welt ...22 Geburt gestoßen23, Glück nicht eingelassen« hat, in der Liebe Glück und Geburt umgehen zu können. Das Schöne kann nicht in die Realität verstricken,25 und es kann vielleicht erlösen von der Unmenschlichkeit,26 zu sein »wie die Erde im Zusammenhang mit anderen Wesen«. Vielleicht27 ist das Glück dessen, der sich dem schönen Menschen verschreibt ohne alle Prätentionen29, das menschlichste30 Glück, verwandt dem Glück von Sonne, Wärme und Erde, dem Glück aller Kreatur.31
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Urquijo ist Ausländer;1 für ihn ist2 Rahel keine Jüdin, vor ihm braucht sie sich nicht zu legitimieren; er würde eine Legitimation gar nicht verstehen. So hofft sie gerade4 bei ihm ein5 Asyl zu finden. Vielleicht wird gerade er, der von nichts etwas weiss6, der keine Vorurteile hat7 - nicht die ihr bekannten Vorurteile hat -9 ihrem Menschlichen Obdach geben, ihr, so wie sie einmal war, ehe das Leben mit ihr umsprang und sie zu dem gemacht hat, was11 sie ist; ihr, der man nie Rücksicht angeboten hat12, ihren Gaben, die das Leben für nichts geachtet hat. Vielleicht wird gerade er ihre eigentliche Natur erkennen oder wiederentdecken, wenn sie sich ihm ausliefert13 ohne Vorbehalt, nichts beachtend, auf nichts hörend als auf die ursprüngliche Freude, die jeder Mensch am Schönen15 hat. Ja er soll sie so nehmen, wie sie ursprünglich ist, so wie sie sich nicht selbst gemacht hat »telle que je suis, Dieu l’a voulu; et je vous aime«. Nichts soll diese Liebe mit ihrem Leben zu tun haben, nichts mit ihrer Vergangenheit, denn20 »je suis née,21 pour vous aimer«.22 Die Liebe, nichts hat sie mehr zu tun mit der Kontinuität der Zeit, in der der Mensch steht, sie23 ist ein »Geschenk des Himmels«, sie ist24 der »heftige Zauber«; der25 heftigste |94 Zauber, mit dem die Welt26, wenn sie schön ist, bestricken kann: »Mein Herz gehört für das ganze Leben Dir! ...28 Ewig, ewig, schöner Gegenstand,29 bezauberst und besitzt30 Du es«.31
Urquijo ist Ausländer,1 für den2 Rahel keine Jüdin ist3, vor ihm braucht sie sich nicht zu legitimieren; er würde eine Legitimation gar nicht verstehen. So hofft sie bei ihm das ersehnte5 Asyl zu finden. Vielleicht wird gerade er, der von nichts etwas weiss6, der keine Vorurteile - nicht die ihr bekannten Vorurteile -8 hat,9 ihrem Menschlichen Obdach geben, ihr, so wie sie einmal war, ehe das Leben mit ihr umsprang und sie zu dem Schlemihl10 gemacht hat, der11 sie ist; ihr, der man nie Rücksicht geboten12, ihren Gaben, die das Leben für nichts geachtet hat. Vielleicht wird gerade er ihre eigentliche Natur erkennen oder wiederentdecken, wenn sie sich ihm ohne Vorbehalt ausliefert14, nichts beachtend, auf nichts hörend als auf die ursprüngliche Freude, die jeder Mensch am Natürlichen15 hat. Ja,16 er soll sie so nehmen, wie sie ursprünglich ist, so wie sie sich nicht selbst gemacht hat -18 »telle que je suis, Dieu l’a voulu; et je vous aime«. Nichts soll diese Liebe mit ihrem sonstigen19 Leben zu tun haben, nichts mit ihrer Vergangenheit, vielmehr:20 »je suis née pour vous aimer«.22 Die Liebe ist ein »Geschenk des Himmels«, der |105 heftigste Zauber, mit dem die Erde26, wenn sie schön ist, verlocken,27 bestricken kann: »Mein Herz gehört für das ganze Leben Dir! .. Ewig, ewig, schöner Gegenstand bezauberst und besitzst30 Du es«.31
Urquijo ist Ausländer,1 für den2 Rahel keine Jüdin ist3, vor ihm braucht sie sich nicht zu legitimieren; er würde eine Legitimation gar nicht verstehen. So hofft sie bei ihm das ersehnte5 Asyl zu finden. Vielleicht wird gerade er, der von nichts etwas weiß6, der keine Vorurteile - nicht die ihr bekannten Vorurteile -8 hat,9 ihrem Menschlichen Obdach geben, ihr, so wie sie einmal war, ehe das Leben mit ihr umsprang und sie zu dem Schlemihl10 gemacht hat, der11 sie ist; ihr, der man nie Rücksicht geboten12, ihren Gaben, die das Leben für nichts geachtet hat. Vielleicht wird gerade er ihre eigentliche Natur erkennen oder wiederentdecken, wenn sie sich ihm ohne Vorbehalt ausliefert14, nichts beachtend, auf nichts hörend als auf die ursprüngliche Freude, die jeder Mensch am Natürlichen15 hat. Ja,16 er soll sie so nehmen, wie sie ursprünglich ist, so,17 wie sie sich nicht selbst gemacht hat -18 »telle que je suis, Dieu l’a voulu; et je vous aime«. Nichts soll diese Liebe mit ihrem sonstigen19 Leben zu tun haben, nichts mit ihrer Vergangenheit, vielmehr:20 »je suis née pour vous aimer22 Die Liebe ist ein »Geschenk des Himmels«, der heftigste Zauber, mit dem die Erde26, wenn sie schön ist, verlocken,27 bestricken kann: »Mein Herz gehört für das ganze Leben Dir! ...28 Ewig, ewig, schöner Gegenstand,29 bezauberst und besitzest30 Du es31
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Die Bezauberung reisst1 Rahel los von sich selbst. Welche Seligkeit,2 sich selbst los zu werden - »weisst3 Du, dass (4mein Herz)5 ganz wund ist von seiner Seligkeit, so losgerissen zu sein?« Sie hatte gedacht, sie könne wie die Erde sein. Sie hat6 versucht, die Welt zu geniessen,7 und hat8 den Genuss selbst9 noch für einen Beweis ihrer10 Distanz von der Welt genommen11. Sie ist nicht wie die Erde, sie ist nichts als ein Mensch; sie12 hat schon lange13 vergessen, dass14 sich alles wird wiederholen müssen. Sie hat die Distanz nicht halten können und ist dem mächtigen Zauber verfallen16.
Die Bezauberung löst1 Rahel los von sich selbst. Welche Seligkeit sich selbst los zu werden - »weisst3 Du, dass (4mein Herz)5 ganz wund ist von seiner Seligkeit, so losgerissen zu sein?« Sie hatte versucht, die Welt zu geniessen7 und hatte8 den Genuss9 noch für einen Beweis für ihre10 Distanz von der Welt gehalten11. Lange schon12 hat sie13 vergessen, dass14 sich alles wird wiederholen müssen. Sie hat einfach15 die Distanz nicht halten können und den Genuss bis zur kompletten Bezauberung getrieben16.
Die Bezauberung löst1 Rahel los von sich selbst. Welche Seligkeit,2 sich selbst loszuwerden - »weißt3 Du, daß4 mein Herz ganz wund ist von seiner Seligkeit, so losgerissen zu sein?« Sie hatte versucht, die Welt zu genießen7 und hatte8 den Genuß9 noch für einen Beweis für ihre10 Distanz von der Welt gehalten11. Lange schon12 hat sie13 vergessen, daß14 sich alles wird wiederholen müssen. Sie hat einfach15 die Distanz nicht halten können und den Genuß bis zur kompletten Bezauberung getrieben16.
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So wird sie alles vergessen, was ihr geschehen ist und nur sie selbst sein, die1 »geschaffen ist ihn zu lieben«. »2Gott hat mir in die Seele gelegt, was Natur und Umstände mir für das Gesicht versagt haben. Ich wusste3 es, aber ich wusste4 bisher nicht, dass5 Gott mir das unaussprechliche Glück gewhren würde, das vollständige, das grösste6, diese Seele zeigen zu können.« Sie will nicht mehr7 zeigen, was ihr geschah, sondern ihre Seele8. Aber wer ist sie denn, wenn sie ihr Leben vergisst9? Was kann sie dann anderes10 zeigen als, dass12 sie nicht schön ist und in allem benachteiligt13? Worauf bildet sie sich denn so viel ein? Auf ihre14 Seele? Wo ist ihre Seele denn, die, die war, ehe sie anfing, die, die15 in der Jugend schon misshandelt16 und verkümmert wurde? Will sie im Ernst diese verkümmerte Seele zeigen?17 Hat sie immer noch nicht verstanden, dass18 gerade auf die Seele das Leben keine Rücksicht nimmt; dass das Faktum, dass der Mensch leben muss und einmal sterben wichtiger ist als die Nuancen seiner Seele19?
»Gott hat mir in die Seele gelegt, was Natur und Umstände mir für das Gesicht versagt haben. Ich wusste3 es, aber ich wusste4 bisher nicht, dass5 Gott mir das unaussprechliche Glück gewähren würde, das vollständige, das grösste6, diese Seele zeigen zu können.« Sie will also ihre Seele7 zeigen, statt ihres hässlichen Schicksals8. Aber wer ist sie denn, wenn sie ihr Leben vergisst9? Was kann sie denn schon anders10 zeigen als dass12 sie nicht schön ist und ein Schlemihl13? Worauf bildet sie sich denn so viel ein? Ihre14 Seele ward doch schon15 in der Jugend misshandelt16 und verkümmert. Eine verkümmerte Seele ist kein schöner Anblick.17 Hat sie immer noch nicht verstanden, dass18 gerade auf die Seele das Leben keine Rücksicht nimmt?
»Gott hat mir in die Seele gelegt, was Natur und Umstände mir für das Gesicht versagt haben. Ich wußte3 es, aber ich wußte4 bisher nicht, daß5 Gott mir das unaussprechliche Glück gewähren würde, das vollständige, das größte6, diese Seele zeigen zu können.« Sie will also ihre Seele7 zeigen statt ihres häßlichen Schicksals8. Aber wer ist sie denn, wenn sie ihr Leben vergißt9? Was kann sie denn schon anderes10 zeigen,11 als daß12 sie nicht schön ist und ein Schlemihl13? Worauf bildet sie sich denn so viel ein? Ihre14 Seele war doch schon15 in der Jugend mißhandelt16 und verkümmert. Eine verkümmerte Seele ist kein schöner Anblick.17 Hat sie immer noch nicht verstanden, daß18 gerade auf die Seele das Leben keine Rücksicht nimmt, daß das Faktum von Leben und Tod wichtiger ist als die Falten des Innern19?
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248
Urquijo macht ihr einen bösen1 Strich durch die Rechnung. Er erlaubt ihr nicht, ihm ihre Seele zu zeigen; er2 will ihre Seele gar |95 nicht kennen; er erlaubt ihr nicht, ihn so schrankenlos, so masslos zu lieben3. Wenn er schon selbst eine Seele hat, wozu soll er sich noch mit4 einer Seele beladen? Ausserdem5 schickt es sich nicht für eine Frau, einen Mann um so viel mehr zu lieben,6 als der Mann sie liebt. »Ist es wahr, freust Du Dich noch, dass7 ich Dich liebe? ... O8 werde es nicht überdrüssig, dass9 ich immer wieder davon spreche. Ich will mich gern zwingen, Dir meine Liebe nicht zu zeigen, damit sie Dir nicht zur Last wird, aber wenn Du mich liebst, so zeige es mir, ich bitte Dich darum, ich habe es nötig.« Nein, er hat garnicht die Absicht, ein Asyl für sie zu werden.
Urquijo macht ihr gleich den1 Strich durch die Rechnung. Er will ihre Seele gar nicht kennen. Wenn er schon selbst eine Seele hat, wozu soll er sich mit noch4 einer Seele beladen? Er mag auch gar nicht ihre masslose und schrankenlose Liebe. Abgesehen von allem andern5 schickt es sich nicht für eine Frau, einen Mann um so viel mehr zu lieben als der Mann sie liebt. »Ist es wahr, freust Du Dich |106 noch, dass7 ich Dich liebe? .. O,8 werde es nicht überdrüssig, dass9 ich immer wieder davon spreche. Ich will mich gern zwingen, Dir meine Liebe nicht zu zeigen, damit sie Dir nicht zur Last wird, aber wenn Du mich liebst, so zeige es mir, ich bitte Dich darum, ich habe es nötig.« Nein, er hat gar nicht die Absicht, ein Asyl für sie zu werden.
Urquijo macht ihr gleich den1 Strich durch die Rechnung. Er will ihre Seele gar nicht kennen. Wenn er schon selbst eine Seele hat, wozu soll er sich mit noch4 einer Seele beladen. Er mag auch gar nicht ihre maßlose und schrankenlose Liebe. Abgesehen von allem anderen5 schickt es sich nicht für eine Frau, einen Mann um so viel mehr zu lieben,6 als der Mann sie liebt. »Ist es wahr, freust Du Dich noch, daß7 ich Dich liebe? ... Oh,8 werde es nicht überdrüssig, daß9 ich immer wieder davon spreche. Ich will mich gern zwingen, Dir meine Liebe nicht zu zeigen, damit sie Dir nicht zur Last wird, aber wenn Du mich liebst, so zeige es mir, ich bitte Dich darum, ich habe es nötig.« Nein, er hat gar nicht die Absicht, ein Asyl für sie zu werden.
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Ausserdem ist1 er bei ihr nie sicher. Je weniger er ihre Briefe versteht, die ihn um eine Liebe anflehen, die er nicht kennt oder3 nicht gewillt ist zu geben, desto eifersüchtiger wird er. Er macht ihr das Leben zur Hölle. Und sie - sie4 macht den alten Fehler. Sie lässt5 ihn zu sich in den Kreis ihrer Freunde, in dem er nichts ist, weil seine Schönheit und seine Liebenswürdigkeit dort nicht wirken. Der6 Zauber ist nur für sie da7. Er wird dort unsicher wie einst Finckenstein und eifersüchtig. Er hat die spanischen Vorurteile,12 und er13 hat sicher gedacht, sie hätte14 mit jedem Mann ein Verhältnis, der sie besuchte15. Alles scheitert an dem Zufall, dass17 Urquijo so ist wie er ist. Da sie an ihm trotzdem festhält, sich nicht zurückzieht auf die Schönheit überhaupt,19 ihn nicht fallen lässt20 als ein missglücktes21 Exemplar der Gattung schöner Mann, ergibt sie sich wieder dem Zufall, der sie, die Uneingeordnete und Uneinordenbare von überall her treffen kann. »O! warum musste22 der den Zauber über mich üben!«
Ausserdem fühlt1 er sich2 bei ihr nie sicher. Je weniger er ihre Briefe versteht, die ihn um eine Liebe anflehen, die er nicht kennt und sicher3 nicht gewillt ist zu geben, desto eifersüchtiger wird er. Er macht ihr das Leben zur Hölle. Und sie macht den alten Fehler. Sie lässt5 ihn zu sich in den Kreis ihrer Freunde, die über ihn nur spotten können. Denn der6 Zauber ist nur für sie fühlbar7. Er wird dort mit Recht8 unsicher,9 wie einst Finckenstein,10 und daher11 eifersüchtig. Er hat die spanischen Vorurteile und hat sicher gedacht, sie habe14 mit jedem Mann ein Verhältnis, der sie besucht15. Alles scheitert wieder einmal16 an dem Zufall, dass17 Urquijo so ist,18 wie er ist. Da sie an ihm trotzdem festhält, ihn nicht fallen lässt20 als ein missglücktes21 Exemplar der Gattung schöner Mann, ergibt sie sich wieder dem Zufall, der sie, die Uneingeordnete und Uneinordenbare von überall her treffen kann. »O! warum musste22 der den Zauber über mich üben!«
Außerdem fühlt1 er sich2 bei ihr nie sicher. Je weniger er ihre Briefe versteht, die ihn um eine Liebe anflehen, die er nicht kennt und sicher3 nicht gewillt ist zu geben, desto eifersüchtiger wird er. Er macht ihr das Leben zur Hölle. Und sie macht den alten Fehler. Sie läßt5 ihn zu sich in den Kreis ihrer Freunde, die über ihn nur spotten können. Denn der6 Zauber ist nur für sie fühlbar7. Er wird dort mit Recht8 unsicher,9 wie einst Finckenstein,10 und daher11 eifersüchtig. Er hat die spanischen Vorurteile und hat sicher gedacht, sie habe14 mit jedem Mann ein Verhältnis, |Arendt-II-001-00000099 der sie besucht15. Alles scheitert wieder einmal16 an dem Zufall, daß17 Urquijo so ist,18 wie er ist. Da sie an ihm trotzdem festhält, ihn nicht fallen läßt20 als ein mißglücktes21 Exemplar der Gattung schöner Mann, ergibt sie sich wieder dem Zufall, der sie, die Uneingeordnete und Uneinordenbare von überall her treffen kann. »O! warum mußte22 der den Zauber über mich üben!«
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Als Urquijo eifersüchtig wird, merkt Rahel, dass1 er nicht nur ein »schöner Gegenstand«, sondern ein Mensch ist. Jetzt glaubt sie sich geliebt, jetzt erst beginnt die Liebesgeschichte. Wieder wird Urquijo für sie zum Zufall wie einst Finckenstein, als sie sich dem |96 »5Zufall ergab, wo sie alles hätte berechnen können«. Wieder ist ihr »die Liebe wichtiger als der Gegenstand«;6 »man7 ergibt sich der Liebe, guter oder schlechter wie einem Meere, und nun bringt Glück Kräfte oder Schwimmkunst Dich über, oder es verschlingt Dich als sein. Drum sagt10 Goethe: Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?«12 Urquijo scheint jetzt nichts anderes zu sein, als der13 Doppelgänger Finckensteins,14 wieder will er ihre Liebe nicht, wieder stösst15 er sie zurück, wieder wird sie abgewiesen:16 »Ma plus sainte volonté est repoussée, foulée! ...17 et le premier besoin de mon coeur m’est refusé.« Und wieder ist er so »unschuldig wie das Beil, das einem grossen18 Manne den Kopf abhackt.«19
Als Urquijo eifersüchtig wird, merkt Rahel, dass1 er nicht nur ein »schöner Gegenstand«, sondern ein Mensch ist. Jetzt glaubt sie sich selbst2 geliebt, jetzt erst beginnt die Liebesgeschichte. Wieder wird Urquijo für sie zum Zufall,3 wie einst Finckenstein, als »4sie sich dem Zufall ergab, wo sie alles hätte berechnen können«. Wieder ist ihr »die Liebe wichtiger als der Gegenstand«.6 »Man7 ergibt sich der Liebe, guter oder schlechter wie einem Meere, und nun |107 bringt Glück,9 Kräfte oder Schwimmkunst Dich über, oder es verschlingt Dich als sein. Drum sagte10 Goethe: 11Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat? 12 Urquijo wird im Verlauf der Geschichte immer mehr Finckensteins13 Doppelgänger:14 wieder will er ihre Liebe nicht, wieder stösst15 er sie zurück, wieder wird sie abgewiesen.16 »Ma plus sainte volonté est repoussée, foulée! .. et le premier besoin de mon coeur m’est refusé.« Und wieder ist er so »unschuldig wie das Beil, das einem grossen18 Manne den Kopf abhackt«.19
Als Urquijo eifersüchtig wird, merkt Rahel, daß1 er nicht nur ein »schöner Gegenstand«, sondern ein Mensch ist. Jetzt glaubt sie sich geliebt, jetzt erst beginnt die Liebesgeschichte. Wieder wird Urquijo für sie zum Zufall,3 wie einst Finckenstein, als »4sie sich dem Zufall ergab, wo sie alles hätte berechnen können«. Wieder ist ihr »die Liebe wichtiger als der Gegenstand«.6 »Man7 ergibt sich der Liebe, guter oder schlechter,8 wie einem Meere, und nun bringt Glück,9 Kräfte oder Schwimmkunst Dich über, oder es verschlingt Dich als sein. Drum sagt10 Goethe: Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?«12 Urquijo wird im Verlauf der Geschichte immer mehr Finckensteins13 Doppelgänger:14 wieder will er ihre Liebe nicht, wieder stößt15 er sie zurück, wieder wird sie abgewiesen.16 »Ma plus sainte volonté est repoussée, foulée! ...17 et le premier besoin de mon coeur m’est refusé.« Und wieder ist er so »unschuldig wie das Beil, das einem großen18 Manne den Kopf abhaut«, obwohl er innerhalb des Verhältnisses viel schuldiger wird; er ist nicht so anständig und gut erzogen wie Finckenstein; er ist ein Lügner, der sich durch die Welt durchschwindelt, daran gewöhnt, von Menschen verachtet zu werden; ein »feigherziger Schurke«, der sich noch Jahre nach dem Bruch immer prompt an sie erinnert, wenn er Geld braucht.19
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Obwohl er innerhalb dieser Geschichte1 viel schuldiger wird, denn er ist nicht edel2 wie Finckenstein; er ist ein Lügner, einer,3 der sich durch die Welt durchschwindelt4, daran gewöhnt, von Menschen verachtet zu sein5; ein »feigherziger Schurke«, der sich später6 immer prompt an sie erinnert, wenn er Geld braucht.
Obwohl er innerhalb des Verhältnisses1 viel schuldiger wird, denn er ist nicht so anständig und gut erzogen2 wie Finckenstein; er ist ein Lügner, der sich durch die Welt schwindelt4, daran gewöhnt, von Menschen verachtet zu werden5; ein »feigherziger S churke«, der sich noch Jahre nach dem Bruch6 immer prompt an sie erinnert, wenn er Geld braucht.
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Sie selbst1 wird diesen2 Unterschied später3 nicht bemerken4. So sehr löscht das,5 was geschieht,6 die Personen aus, dass7 sie gleichsam nur dazu da scheinen, ihre Rolle zu spielen und dann abzutreten. So sehr zwingt das Geschehen dem Einzelnen8 seine Rolle auf, dass9 er gar nicht mehr dazu kommt, seine Differenzen zu zeigen. Dies Auslöschen10 der individuellen Differenzierung11 hat Humboldt Rahel12 als Wahllosigkeit sehr verübelt13. Gentz schreibt, als er von der auch ihm völlig unbegreiflichen Affäre mit Urquijo erfährt: »Ich fürchte, Humboldt wird wieder rasend triumphieren. Welche Nahrung für seinen Hass14 gegen die Kleine!« Die Wahl Rahels scheint wie eine Probe aufs Exempel für alles,15 was an ihr unerträglich wirkt16. Sie verteidigt sich nicht; sie schildert Gentz nur ihre Liebe. »Ihre Liebe«, antwortet er ihr, »fand ich reizend, zaubrisch, göttlich ... aber |97 zwischen dieser Liebe und dem Gegenstand18 derselben lag für mich - eine bodenlose Kluft. ... Ich hatte ihn immer mit Gunst und Wohlwollen beurteilt. Da mir in seinem Wesen keine besonderen19 Tiefen zu sein schienen, er immer so harmlos und zufrieden und ganz befriedigt die gemeine Lebensbahn herunterglitt ...20 In allem aber, was ich sah und vernahm, war nicht ein einziger Punkt, von dem ich auch nur je geahndet hätte, dass21 er in Ihnen22 eine Leidenschaft entzünden könnte. Mit einem Wort: das tiefste Erstaunen erschloss23 mir den Mund ... Urquijo schien mir ein äusserst24 gewöhnlicher Mensch. Nun bin ich zwar kein so unter-gewöhnlicher, dass25 ich noch meinte, man müsste26 nur Ausserordentliches27 lieben:28 aber ich dachte mir, es müsste29 eben, wenn innere Tiefe die Sache nicht erklärten30, irgend ein überschwänglicher äusserer31 Wollust-Hauch aus dem geliebten Gegenstand hervorgehn32 - so wie er33 doch unleugbar aus Christel weht, die Sie mir ...34 nie so recht zugute halten wollten!« Nun soviel35 hätte wohl Gentz Rahel noch zugute halten können36, dass37 er ebenso wenig verstehen kann, dass38 gerade Urquijo den »heftigen Zauber« auf sie ausübt39, wie sie es40 nicht verstehen kann, dass41 er gerade der Christel Eigensatz verfällt. Aber er verfällt der Eigensatz ja nicht. Er geniesst sie und nimmt sie und geht weg. Er43 wird sich ihretwegen nicht von44 »Schmerz auseinanderzerren und45 herumschleppen lassen«; er wird sich von ihr bestimmt nicht »bis zur Durchsichtigkeit auseinanderzerren« lassen. Er wird in jedem Augenblick wissen, was das Ganze wert ist. Gerade die Masslosigkeit46 von Rahels47 Leidenschaft ist das »seltsame,49 paradoxe, unerklärliche Phänomen«. »Die Veräusserung50 des Lebens51 und des Herzens52« an einen unwürdigen Gegenstand beleidigt den guten Geschmack, das berechtigte53 Verlangen von54 Würde und Sicherheit. Der Mangel an Grazie, der in all dem liegt, reizt Humboldts Hass55.
Rahel1 wird dieser2 Unterschied gar3 nicht klar4. So sehr löscht das5 was geschieht die Personen aus, dass7 sie gleichsam nur dazu da scheinen, ihre Rolle zu spielen und dann abzutreten. So sehr zwingt das Geschehen dem Einzelnen8 seine Rolle auf, dass9 er gar nicht mehr dazu kommt, seine Differenzen zu zeigen. Dies komplette Übersehen10 der individuellen Differenzen11 hat nicht nur Humboldt12 als Wahllosigkeit der Rahel so übel genommen13. Gentz schreibt, als er von der auch ihm völlig unbegreiflichen Affäre mit Urquijo erfährt: »Ich fürchte, Humboldt wird wieder rasend triumphieren. Welche Nahrung für seinen Hass14 gegen die Kleine!« Die Wahl Rahels scheint wie eine Probe aufs Exempel für alles was an ihr unerträglich ist16. Sie verteidigt sich nicht; sie schildert Gentz nur ihre Liebe, nicht den Geliebten17. »Ihre Liebe«, antwortet er ihr, »fand ich reizend, zaubrisch, göttlich ... aber zwischen dieser Liebe und dem Gegenstande18 |108 derselben lag für mich - eine bodenlose Kluft. ... Ich hatte ihn immer mit Gunst und Wohlwollen beurteilt. Da mir in seinem Wesen keine besondere19 Tiefen zu sein schienen, er immer so harmlos und zufrieden und ganz befriedigt die gemeine Lebensbahn herunterglitt .. In allem aber, was ich sah und vernahm, war nicht ein einziger Punkt, von dem ich auch nur je geahndet hätte, dass21 er in ihnen22 eine Leidenschaft entzünden könnte. Mit einem Wort: das tiefste Erstaunen verschloss23 mir den Mund ... Urquijo schien mir ein äusserst24 gewöhnlicher Mensch. Nun bin ich zwar kein so unter-gewöhnlicher, dass25 ich noch meinte, man müsste26 nur Ausserordentliches27 lieben;28 aber ich dachte mir, es müsste29 eben, wenn innere Tiefe die Sache nicht erklärten30, irgend ein überschwänglicher äusserer31 Wollust-Hauch aus dem geliebten Gegenstand hervorgehen32 - so wie es33 doch unleugbar aus Christel weht, die Sie mir .. nie so recht zugute halten wollten!« Nun, so viel35 hätte wohl Gentz Rahel noch zugute halten dürfen36, dass37 er ebensowenig verstehen kann, dass38 gerade Urquijo den »heftigen Zauber« auf sie übt39, wie sie nicht verstehen kann, dass41 er gerade der Christel Eigensatz nicht widerstehen kann. Eins aber ist sicher: Gentz wird die Grenzen solch einer Affäre nicht misskennen, er43 wird sich ihretwegen nicht vom44 »Schmerz ..45 herumschleppen lassen«; er wird sich von ihr bestimmt nicht »bis zur Durchsichtigkeit auseinanderzerren« lassen. Er wird in jedem Augenblick wissen, was das Ganze wert ist. Es war sehr töricht46 von Rahel, ihn imitieren zu wollen. Die Masslosigkeit ihrer47 Leidenschaft ist für Gentz48 das »seltsame paradoxe, unerklärliche Phänomen«. »Veräusserung50 des Lebens51 und des Herzens52« an einen unwürdigen Gegenstand ist geschmacklos, beleidigt ein berechtigtes53 Verlangen nach54 Würde und Sicherheit. In Rahel liegt |109 ein aufreizender Mangel an Grazie55.
Rahel1 wird dieser2 Unterschied gar3 nicht klar4. So sehr löscht,5 was geschieht,6 die Personen aus, daß7 sie gleichsam nur dazu da scheinen, ihre Rolle zu spielen und dann abzutreten. So sehr zwingt das Geschehen dem einzelnen8 seine Rolle auf, daß9 er gar nicht mehr dazu kommt, seine Differenzen zu zeigen. Dies komplette Übersehen10 der individuellen Unterschiede11 hat nicht nur Humboldt12 als Wahllosigkeit der Rahel so übelgenommen13. Gentz schreibt, als er von der auch ihm völlig unbegreiflichen Affäre mit Urquijo erfährt: »Ich fürchte, Humboldt wird wieder rasend triumphieren. Welche Nahrung für seinen Haß14 gegen die Kleine!« Die Wahl Rahels scheint wie eine Probe aufs Exempel für alles,15 was an ihr unerträglich ist16. Sie verteidigt sich nicht; sie schildert Gentz nur ihre Liebe, nicht den Gegenstand derselben17. »Ihre Liebe«, antwortet er ihr, »fand ich reizend, zaubrisch, göttlich ... aber zwischen dieser Liebe |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000100 und dem Gegenstande18 derselben lag für mich - eine bodenlose Kluft. ... Ich hatte ihn immer mit Gunst und Wohlwollen beurteilt. Da mir in seinem Wesen keine besonderen19 Tiefen zu sein schienen, er immer so harmlos und zufrieden und ganz befriedigt die gemeine Lebensbahn herunterglitt ...20 In allem aber, was ich sah und vernahm, war nicht ein einziger Punkt, von dem ich auch nur je geahndet hätte, daß21 er in Ihnen22 eine Leidenschaft entzünden könnte. Mit einem Wort: das tiefste Erstaunen verschloß23 mir den Mund ... Urquijo schien mir ein äußerst24 gewöhnlicher Mensch. Nun bin ich zwar kein so unter-gewöhnlicher, daß25 ich noch meinte, man müßte26 nur Außerordentliches27 lieben;28 aber ich dachte mir, es müßte29 eben, wenn innere Tiefe die Sache nicht erklärte30, irgend ein überschwenglicher äußerer31 Wollust-Hauch aus dem geliebten Gegenstand hervorgehn32 - so wie es33 doch unleugbar aus Christel weht, die Sie mir ...34 nie so recht zugute halten wollten!« Nun, so viel35 hätte wohl Gentz Rahel noch zugute halten dürfen36, daß37 er ebensowenig verstehen kann, daß38 gerade Urquijo den »heftigen Zauber« auf sie übt39, wie sie nicht verstehen kann, daß41 er gerade der Schauspielerin42 Christel Eigensatz, die in Berlin sein Verhältnis war, nicht widerstehen kann. Eins aber ist sicher: Gentz wird die Grenzen solch einer Affäre nicht mißkennen, er43 wird sich ihretwegen nicht vom44 »Schmerz ...45 herumschleppen lassen«; er wird sich von ihr bestimmt nicht »bis zur Durchsichtigkeit auseinanderzerren« lassen. Er wird in jedem Augenblick wissen, was das Ganze wert ist. Es war sehr töricht46 von Rahel, ihn imitieren zu wollen. Die Maßlosigkeit ihrer47 Leidenschaft ist für Gentz48 das »seltsame paradoxe, unerklärliche Phänomen«. »Veräußerung50 des Herzens51 und des Lebens52« an einen unwürdigen Gegenstand ist geschmacklos, beleidigt ein berechtigtes53 Verlangen nach54 Würde und Sicherheit. In Rahel liegt ein aufreizender Mangel an Grazie55.
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Rahel wird dies alles unverständlich sein. Sie weiss nur1, sie hat »keine Grazie und nicht einmal die einzusehen woran das liegt«. |98 Es liegt daran, dass sie keine Stellung4 in der Welt hat5, keine Möglichkeit der Ordnung6, kein bestimmtes Ansehen, keinen bestimmten Wert7. Es liegt daran, dass8 sie - will sie überhaupt leben - sich dem Zufall exponieren muss9, dass10 sie desorientiert ist und keine Möglichkeit der Wahl hat. Es liegt an der Masslosigkeit11, mit der alles auf sie trifft, auf12 sie, die13 nichts dem, was ihr geschieht, entgegenzusetzen hat14. »Ich muss15 alles wie Wetter ohne Schirm über mich ergehen lassen«.16 Was hilft es ihr, dass17 keiner so gut über das Wetter Bescheid weiss18, dass19 keiner so deutlich zeigt, was Wetter ist,20 als der, der21 zufällig keinen Schirm hat und ganz nass22 wird? Wie soll der Mass23 halten können und Gelassenheit bewahren, der sieht, dass24 er alles, wogegen sonst Menschen sich schützen, direkt und ohne Schutz auf sich nehmen muss25?
Rahel weiss lange1, sie hat »keine Grazie und nicht einmal die einzusehen,3 woran das liegt«. Es liegt an ihrer Positionslosigkeit4 in der Welt, an ihrer Ausgeschlossenheit6, deren Grund sie nicht recht einsieht7. Es liegt daran, dass8 sie - will sie überhaupt leben - sich dem Zufall exponieren muss9, was sie ganz gut spürt, die Anderen aber nicht verstehen; daran, dass10 sie desorientiert ist und keine Möglichkeit der Wahl hat. Es liegt an der Masslosigkeit11, mit der alles auf sie trifft, weil12 sie nichts entgegenzustellen wüsste14. »Ich muss15 alles wie Wetter ohne Schirm über mich ergehen lassen16 Was hilft es ihr, dass17 keiner so gut über das Wetter Bescheid weiss18, dass19 keiner so deutlich zeigt, was Wetter ist als der, welcher21 zufällig keinen Schirm hat und ganz nass22 wird? Wie soll der Mass23 halten können und Gelassenheit bewahren, der sieht, dass24 er alles, wogegen sonst Menschen sich schützen, direkt und ohne Schutz auf sich nehmen muss25?
Rahel weiß lange1, sie hat »keine Grazie und nicht einmal die,2 einzusehen,3 woran das liegt«. Es liegt an ihrer Positionslosigkeit4 in der Welt, an ihrer Ausgeschlossenheit6, deren Grund sie nicht recht einsieht7. Es liegt daran, daß8 sie - will sie überhaupt leben - sich dem Zufall exponieren muß9, was sie ganz gut spürt, die anderen aber nicht verstehen; daran, daß10 sie desorientiert ist und keine Möglichkeit der Wahl hat. Es liegt an der Maßlosigkeit11, mit der alles auf sie trifft, weil12 sie nichts entgegenzustellen wüßte14. »Ich muß also15 alles wie Wetter ohne Schirm über mich ergehen lassen16 Was hilft es ihr, daß17 keiner so gut über das Wetter Bescheid weiß18, daß19 keiner so deutlich zeigt, was Wetter ist als der, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000101 welcher21 zufällig keinen Schirm hat und ganz naß22 wird? Wie soll der Maß23 halten können und Gelassenheit bewahren, der sieht, daß24 er alles, wogegen sonst Menschen sich schützen, direkt und ohne Schutz auf sich nehmen muß25?
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254
Der Mangel an Grazie liegt nicht darin, dass1 Rahel sich von Urquijo bezaubern lässt2. »Warum soll man nicht ausser3 sich sein? Das sind schöne Parenthesen im Leben, die weder uns noch anderen gehören: schöne nenn4 ich sie; weil sie uns eine Freiheit geben, die wir und die uns bei gesundem Verstand5 niemand einräumen würde«.6 Schlimm und degoutant wird es erst, als sie sich an ihn7 hängt, als aus dem Zauber eine Liebesgeschichte wird, als ihr im Zauber doch wieder das8 Lieben und das9 Geliebtwerden begegnen, und sie diese Realität vergessen lässt10, wer vor ihr steht. Als sie sich ganz an ihn hängt, vom Zauber nicht ablassen will, eine Parenthese nicht anerkennt -11 »so12 hätte auch Urquijo mich treu behalten, wenn er gewollt hätte«.14 Schlimm und degoutant wird es erst als sie darauf besteht, das einmal Getroffensein bis zur Neige auszukosten, als sie selbst um den Preis der Wahrheit17 auch auf das Böseste nicht verzichten will; weil in allem, auch im Bösesten, auch in der Lüge sich noch offenbart, was die Liebe und der Zufall, der einen Menschen zum anderen wirft, vermögen.
Der Mangel an Grazie liegt nicht darin, dass1 Rahel sich von Urquijo bezaubern liess2. »Warum soll man nicht ausser3 sich sein? Das sind schöne Parenthesen im Leben, die weder uns noch anderen gehören: schöne nenn4 ich sie; weil sie uns eine Freiheit geben, die wir und die uns bei gesundem Verstande5 niemand einräumen würde6 Schlimm und degoutant wird es erst, als sie sich an den »schönen Gegenstand«7 hängt, als aus dem Zauber eine Liebesgeschichte wird, als ihr im Zauber doch wieder Lieben und Geliebtwerden begegnen, und sie ganz vergisst10, wer vor ihr steht. »So12 hätte auch Urquijo mich treu behalten, wenn er gewollt hätte14 Schlimm und degoutant wird es erst,15 als sie darauf besteht, das einmal Getroffensein wieder16 bis zur Neige auszukosten, als sie selbst um den |110 Preis der Menschenwürde17 auch auf das Böseste nicht verzichten will; weil in allem, auch im Bösesten, auch in der Lüge,18 sich noch offenbart, was die Liebe und der Zufall, der einen Menschen zum anderen wirft, vermögen.
Der Mangel an Grazie liegt nicht darin, daß1 Rahel sich von Urquijo bezaubern ließ2. »Warum soll man nicht außer3 sich sein? Das sind schöne Parenthesen im Leben, die weder uns noch anderen gehören: schöne nenn’4 ich sie; weil sie uns eine Freiheit geben, die wir und die uns bei gesundem Verstande5 niemand einräumen würde6 Schlimm und degoutant wird es erst, als sie sich an den »schönen Gegenstand«7 hängt, als aus dem Zauber eine Liebesgeschichte wird, als ihr im Zauber doch wieder Lieben und Geliebtwerden begegnen, und sie ganz vergißt10, wer vor ihr steht. »So12 hätte auch Urquijo mich treu behalten, wenn er es13 gewollt hätte«, schreibt sie in ihr Tagebuch nach dem letzten Wiedersehn mit Finckenstein.14 Schlimm und degoutant wird es erst,15 als sie darauf besteht, das einmal Getroffensein wieder16 bis zur Neige auszukosten, als sie selbst um den Preis der Menschenwürde17 auch auf das Böseste nicht verzichten will; weil in allem, auch im Bösesten, auch in der Lüge,18 sich noch offenbart, was die Liebe und der Zufall, der einen Menschen zum anderen wirft, vermögen.
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»Es war ein langes Morden«.1 Es währte zwei lange Jahre2. Seine Eifersucht schien einer grossen3 Leidenschaft zu entspringen. Für ihre Person hatte er so wenig Blick wie sie für die4 seine. »Je t’aime mais je ne t’estime pas«, war der ewige Refrain seiner Quälerei. Wie konnte sie sich dagegen auflehnen? Hätte sie nicht mit gleichem Recht das gleiche sagen können? Und warum schliesslich sollte er5 sie achten?7 Er hatte ganz bestimmte Vorstellungen von der Frau überhaupt, von ihren Pflichten und8 von ihrer Unterordnung unter den Mann. Rahel muss9 ihm als eine Art Teufel10 erschienen sein, als ein »Monstre«. Sie hat ihm ihr Leben erzählt; daraus ersieht11 er nur seine Unschuld: schliesslich muss man12 sie wohl so behandeln, wie er es tut.13 Finckenstein hat es14 auch nicht anders15 getan. Viel früher als sie sieht er die Parallele aus einer naiven, ihm selbstverständlichen Solidarität der Männer gegen dies »Monstre«.18 »Que veux tu19 Finck t’a déja traité20 comme cela, cela ne doit pas être nouveau pour toi«.21
»Es war ein langes Morden1 Es währte zwei lange Jahre2. Seine Eifersucht schien einer grossen3 Leidenschaft zu entspringen. Für ihre Person hatte er so wenig Blick wie sie für die4 seine. »Je t’aime mais je ne t’estime pas« war der ewige Refrain seiner Quälerei. Wie konnte sie sich dagegen auflehnen? Sie hätte mit gleichem Recht dasselbe sagen können. Und warum schliesslich sollte er5 sie auch6 achten?7 Er hatte ganz bestimmte Vorstellungen von der Frau überhaupt, von ihren Pflichten,8 von ihrer Unterordnung unter den Mann. Rahel muss9 ihm als eine Art Missgeburt10 erschienen sein, als ein »Monstre«. Aus ihrem Leben, das er durch sie erfahren hat, ersah11 er nur seine Unschuld: man musste12 sie wohl so behandeln, da13 Finckenstein eigentlich14 auch nicht viel anderes15 getan hatte16. Viel früher noch17 als sie sieht er die Parallele aus einer naiven, ihm selbstverständlichen Solidarität der Männer gegen weibliche Ungetüme aller Art:18 »Que veux-tu,19 Finck t’a déj traitée20 comme cela, cela ne doit pas être nouveau pour toi21
»Es war ein langes Morden1 Es währte zwei Jahre lang2. Seine Eifersucht schien einer großen3 Leidenschaft zu entspringen. Für ihre Person hatte er so wenig Blick wie sie für seine. »Je t’aime mais je ne t’estime pas«, sagt er ihr wieder und wieder, als hätte er ihr das Wort aus dem Munde genommen, nur daß es in ihrem Munde immerhin der Realität entsprochen hätte. Daß Urquijo erklärte,5 sie nicht6 achten zu können, war wirklich nur absurd.7 Er hatte ganz bestimmte Vorstellungen von der Frau überhaupt, von ihren Pflichten,8 von ihrer Unterordnung unter den Mann. Rahel muß9 ihm als eine Art Teufel10 erschienen sein, als ein »Monstre«. Aus ihrem Leben, das er durch sie erfahren hat, ersah11 er nur seine Unschuld: man mußte12 sie wohl so behandeln, da13 Finckenstein eigentlich14 auch nicht viel anderes15 getan hatte16. Viel früher noch17 als sie sieht er die Parallele aus einer naiven, ihm selbstverständlichen Solidarität der Männer gegen monstres aller Art:18 »Que veux-tu,19 Finck t’a déjà traitée20 comme cela, cela ne doit pas être nouveau pour toi21
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Das Schlimmste für ihn ist, er wird sie nicht los. Sie will nicht mehr annehmen, was ihr gegeben wird; sie will nicht mehr fahren lassen, was ihr genommen wird. Sie ist voller Rebellion und voller Angst: »Mais je te demande en grace1, trompes moi2 un peu! Il3 me le faut. Nomme moi4 ›vous‹ dans ton âme5, mais je ne le trouve plus dans tes billets«.7 Sie will nicht mehr die Wahrheit, sie will vor allem nicht mehr die Ausnahme. Sie will alles eher, die Lüge und9 den Verzicht auf alle Menschen, die ihr lieb sind, als wieder allein sein, entzaubert, zurückgestossen10. Sie weiss11 schon lange, wer er ist, wer er nicht ist. Wenn sie es nicht wüsste12, die Briefe von Gentz, die Urteile der Freunde müssen es ihr klar machen13. Sie hat weiter keinen14 Anspruch auf seine Liebe, sie allein ist verantwortlich für diese unsinnige Geschichte,15 die grösste »Türpitüde16 meines Lebens«. »Tu n’as rien fait; il t’est arrivé une chose«. »Alle Schuld ist auf mir; ich |100 trage sie gern«.18 So meint sie zu Beginn19. Aber sie kann die Verantwortung nicht tragen20, weil sie am Ende nicht mehr21 ihre eigene Verzweiflung wollen kann23; weil sie alles24 aufgegeben hat im Zauber, weil sie sich ganz unterworfen hat, und25 ihr voriges26 Leben und alles, was sie gelernt hat27, von ihr abgefallen ist28, als wäre29 es nie gewesen30. Sie ist ihm wirklich zugefallen, als wäre sie so, wie sie war, ehe sie Finckenstein traf.
Das Schlimmste für ihn ist, er wird sie nicht los. Sie will nicht mehr annehmen, was ihr gegeben wird; sie will nicht mehr fahren lassen, was ihr genommen wird. Sie ist voller Rebellion und voller Angst: »Mais je te demande en grace1, trompes-moi2 un peu! il3 me le faut, nommes-moi4 ›vous‹ dans ton ame5, mais que6 je ne le trouve plus dans tes billets7 Sie will nicht mehr die Wahrheit, sie will vor allem nicht mehr die Ausnahme sein8. Sie will alles eher, die Lüge,9 den Verzicht auf alle Menschen, die ihr lieb sind, als wieder |111 allein sein, entzaubert und zurückgestossen10. Sie weiss11 schon lange, wer er ist, wer er nicht ist. Wenn sie es nicht wüsste12, die Briefe von Gentz, die Urteile der Freunde sind sehr eindeutig13. Sie hat auch keinerlei14 Anspruch auf seine Liebe, sie allein ist verantwortlich für die »grösste Turpitude16 meines Lebens«. »Tu n’as rien fait; il t’est arrivé une chose«, attestiert sie ihm ausdrücklich17. »Alle Schuld ist auf mir; ich trage sie gern18 So meint sie am Anfang19. Aber sie kann die Verantwortung nicht auf sich nehmen20, weil sie am Ende nicht ihre eigene Verzweiflung zu22 wollen vermag23; weil sie sich24 aufgegeben hat im Zauber, weil sie sich ganz unterworfen hat, weil25 ihr früheres26 Leben und alles, was sie gelernt hatte27, von ihr abgefallen sind28, als hätte29 es immer nur Urquijo gegeben30. Sie ist ihm wirklich zugefallen, als wäre sie so, wie sie war, ehe sie Finckenstein traf.
Das Schlimmste für ihn ist, er wird sie nicht los. Sie will nicht mehr annehmen, was ihr gegeben wird; sie will nicht mehr fahren lassen, was ihr genommen wird. Sie ist voller Rebellion und voller Angst: »Mais je |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000102 te demande en grâce1, trompes-moi2 un peu! Il3 me le faut. Nommes-moi4 ›vous‹ dans ton âme5, mais que6 je ne le trouve plus dans tes billets7 Sie will nicht mehr die Wahrheit, sie will vor allem nicht mehr die Ausnahme sein8. Sie will alles eher, die Lüge,9 den Verzicht auf alle Menschen, die ihr lieb sind, als wieder allein sein, entzaubert und zurückgestoßen10. Sie weiß11 schon lange, wer er ist, wer er nicht ist. Wenn sie es nicht wüßte12, die Briefe von Gentz, die Urteile der Freunde sind sehr eindeutig13. Sie hat auch keinerlei14 Anspruch auf seine Liebe, sie allein ist verantwortlich für die »größte Turpitude16 meines Lebens«. »Tu n’as rien fait; il t’est arrivé une chose«, attestiert sie ihm ausdrücklich17. »Alle Schuld ist auf mir; ich trage sie gern18 So meint sie am Anfang19. Aber sie kann die Verantwortung nicht auf sich nehmen20, weil sie am Ende nicht ihre eigene Verzweiflung zu22 wollen vermag23; weil sie sich24 aufgegeben hat im Zauber, weil sie sich ganz unterworfen hat, weil25 ihr früheres26 Leben und alles, was sie gelernt hatte27, von ihr abgefallen sind28, als hätte29 es immer nur Urquijo gegeben30. Sie ist ihm wirklich zugefallen, als wäre sie so, wie sie war, ehe sie Finckenstein traf.
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Aber sie1 ist nicht so wie sie war, ehe ihr Leben begann2. Sie ist älter; wenn3 auch alles vergessen ist, was dem Menschen5 geschieht, die Zeit selbst nistet sich in ihn ein6 und gibt allem einen anderen Anstrich; die7 Zeit selbst verbietet das Bestehen auf dem Ursprünglichen8. Rahel ist älter geworden, und alles,9 was geschieht, hat jetzt nicht nur deshalb den Anstrich von Endgültigkeit10, weil es11 ihr »12auf ewig widerfährt13«, sondern auch14 weil einfach keine Zeit mehr bleibt für anderes. Sie hat damals15 mit Finckenstein erst in der Verzweiflung die Endgültigkeit17 begriffen,18 jetzt weiss19 sie sie vorher20 und hat Angst. Damals21 hatte sie keine Angst. Damals konnte sie den Bruch provozieren. Jetzt schreibt sie noch zwei22 Jahre vor dem Ende23: »Je veux me soumettre a24 tout; mais je ne veux pas anticiper la mort. Ne me faites pas mourir avant le temps.«
Das aber1 ist eine Lüge2. Sie ist älter als damals. Wenn3 auch alles zu4 vergessen ist, was dem Menschen5 geschieht, die Zeit selbst nistet sich in ihn ein6 und alles wird anders. Die7 Zeit selbst verbietet das Bestehen auf einer vagen Ursprünglichkeit8. Rahel ist älter geworden;9 was ihr widerfährt10, »widerfährt11 ihr auf ewig«, weil einfach keine Zeit mehr bleibt für anderes. In der Affäre15 mit Finckenstein hat sie16 erst in der Verzweiflung die Endgiltigkeit von Erfahrungen17 begriffen;18 jetzt weiss19 sie sie vorhe20[gap] und hat Angst, was sie damals nicht21 hatte. Sie provoziert keinen Bruch mehr, sucht ihn vielmehr so lange wie möglich hinauszuzögern, schreibt zwei ganze22 Jahre vor der Trennung bereits23: »Je veux me soumettre a24 tout; mais je ne veux pas anticiper la mort. Ne me faites pas mourir avant le temps.«
Das aber1 ist eine Lüge2. Sie ist älter als damals. Wenn3 auch alles zu4 vergessen ist, was geschieht, die Zeit selbst nistet sich ein,6 und alles wird anders. Die7 Zeit selbst verbietet das Bestehen auf einer vagen Ursprünglichkeit8. Rahel ist älter geworden;9 was ihr widerfährt10, »widerfährt11 ihr auf ewig«, weil einfach keine Zeit mehr bleibt für anderes. In der Affäre15 mit Finckenstein hat sie16 erst in der Verzweiflung die Endgültigkeit von Erfahrungen17 begriffen;18 jetzt weiß19 sie sie vorher20 und hat Angst, was sie damals nicht21 hatte. Sie provoziert keinen Bruch mehr, sucht ihn vielmehr so lange wie möglich hinauszuzögern, schreibt bereits zwei22 Jahre vor der Trennung23: »Je veux me soumettre 24 tout; mais je ne veux pas anticiper la mort. Ne me faites pas mourir avant le temps.«
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»Ich log. Die schönste Lüge, die einer wahren grossen1 Leidenschaft.« |112 schaft.«2 Warum soll solch eine Lüge nicht erlaubt sein, wenn es um Lieben und Geliebtwerden geht, wenn es anders nicht möglich ist, zu lieben und geliebt zu werden? Liegt nicht genug Wahrheit in der Leidenschaft und ihrer Geschichte, dass3 sie die kleine, armselige Lüge, die ein kleiner armseliger Mensch ihretwegen erfindet, ertragen kann? Was ist dann noch Würde und Geschmack? Hat nicht auch Gentz auf seine Würde verzichtet, als er sich der Realität ergab um jeden Preis? Und log Rahel so nicht schon einmal, als sie Finckenstein liebte »mit Anstrengung und der schönsten edelsten Art zu lügen«?
»Ich log. Die schönste Lüge, die einer wahren großen1 Leidenschaft.« Warum soll solch eine Lüge nicht erlaubt sein, wenn es um Lieben und Geliebtwerden geht, wenn es anders nicht möglich ist, zu lieben und geliebt zu werden? Liegt nicht genug Wahrheit in der Leidenschaft und ihrer Geschichte, daß3 sie die kleine, armselige Lüge, die ein kleiner armseliger Mensch ihretwegen erfindet, ertragen kann? Was ist dann noch Würde und Geschmack? Hat nicht auch Gentz auf seine Würde verzichtet, als er sich der Realität ergab um jeden Preis? Und log Rahel so nicht schon einmal, als sie Finckenstein liebte »mit Anstrengung und der schönsten edelsten Art zu lügen«?
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»Es ging aber um den Wert und1 die Möglichkeit meines Seins überhaupt.« Diesmal durfte sie nicht lügen. Von Finckenstein hat sie sich nie verzehren lassen, da ging es wirklich nur um Lieben und Geliebtwerden. Hier geht es ihr darum, sich selbst los zu werden. Wenn man aber sich überhaupt verschenken darf, dann sicher ohne Lüge, dann sicher nicht an einen unwürdigen Gegenstand, dann hätte sie lieber Gentz »das Bisschen2« geben und »Urquijo zum Henker schicken sollen« (Gentz). Da sie das nicht tat, hat sie doch offenbar nicht ganz verzichtet, Träger dessen zu sein, was geschieht, Wahrzeichen, Exempel. So wenig, als3 sie freiwillig Zeugnis abgab, so wenig kann sie freiwillig darauf verzichten. Diesmal lügt sie, um all dem zu entgehen: »Ich log; um mir das Leben zu fristen. Ich log; ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus; um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich liess4 mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit; ich wollte, Unglückselige! das Leben des Herzens schützen; ich stellte mich vor, ich stellte mich hinter, ich bog und bog und bog.« Rahel lügt, um sich5 das |113 Leben zu fristen, als ob das Leben nicht auch ohne ihr Zutun weiterläuft. Sie will sich verzehren lassen, hat aber im Rückhalt noch »Forderungen des Herzens« und »Gebühren der Person«, die sie nur verschweigt. Das ist ihre Lüge. Sich selbst wird man nicht los.
»Es ging aber um den Wert, um1 die Möglichkeit meines Seins überhaupt.« Diesmal durfte sie nicht lügen. Von Finckenstein hat sie sich nie verzehren lassen, da ging es wirklich nur um Lieben und Geliebtwerden. Hier geht es ihr darum, sich selbst loszuwerden. Wenn man aber sich überhaupt verschenken darf, dann sicher ohne Lüge, dann sicher nicht an einen unwürdigen Gegenstand, dann hätte sie lieber Gentz »das Bißchen2« geben und »Urquijo zum Henker schicken sollen« (Gentz). Da sie das nicht tat, hat sie doch offenbar nicht ganz verzichtet, Träger dessen zu sein, was geschieht, Wahrzeichen, Exempel. So wenig sie freiwillig Zeugnis abgab, so wenig kann sie freiwillig darauf verzichten. Diesmal lügt sie, um all dem zu entgehen: »Ich log; um mir das Leben zu fristen. Ich log; ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus; um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich ließ4 mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit; ich wollte, Unglückselige! das Leben des Herzens schützen; ich stellte mich vor, ich stellte mich hinter, ich bog und bog und bog.« Rahel lügt, um das Leben zu fristen, als ob das Leben nicht auch ohne ihr Zutun weiterläuft. Sie will sich verzehren lassen, hat aber im Rückhalt noch »Forderungen des Herzens« und »Gebühren der Person«, die sie nur verschweigt. Das ist ihre Lüge. Sich selbst wird man nicht los.
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Mit diesem Verundeutlichen beginnt die grösste Türpitüde ihres Lebens.1 »Ich log. Die schönste Lüge, die einer wahren grossen Leidenschaft«. Warum soll solch eine Lüge nicht erlaubt sein, wenn es um das Lieben und Geliebtwerden selbst geht, wenn es anders nicht möglich ist, zu lieben und geliebt zu werden. Liegt nicht mehr Wahrheit in der Leidenschaft und ihrer Geschichte als in der kleinen armseligen Lüge, die ein kleiner armseliger Mensch braucht, um ihr Träger zu werden? Was ist dann noch Würde und guter Geschmack? Hat nicht auch Gentz auf seine Würde verzichtet, als er sich der Realität ergab um jeden Preis? Und log Rahel so nicht schon einmal, als |101 sie Finckenstein liebte »mit Anstrengung und der schönsten, edelsten Art zu lügen«? »Es ging aber um den Wert und die Möglichkeit meines Seins überhaupt.« Nein, sie durfte diesmal nicht lügen. Von Finckenstein hatte sie sich nicht verzehren lassen, da ging es ihr wirklich nur um Lieben und Geliebtwerden. Hier geht es ihr darum, sich selbst los zu werden. Wenn man sich überhaupt verschenken darf, dann darf man nicht lügen, dann darf man nicht den unwürdigen Gegenstand wählen, dann hätte sie Gentz »das Bischen« geben und »Urquijo zum Hänker schicken« müssen. Da sie das nicht tat, da sie nicht darauf bestand, hat sie doch offenbar nicht darauf verzichtet, Träger dessen zu sein, was geschieht, Wahrzeichen zu sein. So wenig als sie freiwillig Zeugnis abgab, so wenig kann sie freiwillig wieder darauf verzichten. Diesmal lügt sie, um all dem zu entgehen: »Ich log, um mir das Leben zu fristen. Ich log; ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus; um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich liess mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit; ich wollte, Unglückselige! das Leben des Herzens schützen; ich stellte mich vor, ich stellte mich hinter, ich bog und bog und bog.« Sie lügt, um sich das Leben zu fristen.2 Als ob das Leben auch nicht ohne ihr Zutun weiter geht. Sie will sich verzehren lassen, aber sie behält im Rückhalt »die Forderungen des Herzens« und »die Gebühren der Person« und spricht sie nur nicht aus. Das ist ihre Lüge. Aber schliesslich und am Ende weiss sie doch, dass es ihr nicht gelungen ist, sich selbst los zu werden. »Als3 ich endlich, niedrig behandelt, mein eigen Herz auf das Schild legte, und wie mit dem Schwert das ›Oui4aussen5 auf den6 Brief forderte, war es wirklich aus. Meine Seele wusste7 es vorher... Ich übergab mich, wie ich ihm schrieb - der Verzweiflung, die ich nicht kannte; |102 niemand kennt sie; sie und den Tod«. Schliesslich weiss9 sie, dass10 sie das Nein herausfordern muss, weil11 er nicht ein schöner Gegenstand ist, sondern vor allem der, der15 sie »niedrig behandelte«; schliesslich weiss sie, dass16 seine Handlungen und was sie von ihm erfuhr17 über das, was sie ursprünglich von ihm wollte, hinweggegangen ist18; dass dies mächtiger ist,19 als ihre Sucht, sich los zu werden; dass sie20 die Verzweiflung auf sich nehmen muss, weil die Verzweiflung21 zu dem, was ihr geschah, so gehört22 wie der Tod zum Leben, dem gegenüber auch keine Lüge nutzt, und zu dem auch23 der Mensch nicht sagen kann: nein, ich will nicht. Die Verzweiflung und der Tod: »Wer die nicht fürchtet, der weiss25 nur nicht, was das ist: nicht wissen. Wählen muss26 man sie aber beide manchmal.« Wer den Tod nicht auch noch wählen kann, der bringt sich nutzlos um die eigene Freiheit, sterben zu können; der27 wird zur blossen28 Kreatur, die am Ende auch der Tod ergreift. Wer die Verzweiflung nicht wählen kann, verzweifelt doch; wenn der Mensch sich weigert, zu verzweifeln, wird doch jeder, der vorbei kommt und ihn sieht, sagen können, das ist ein Verzweifelter29. Nichts bewirkt dann die30 Lüge und die Bewusstlosigkeit31 als die Erniedrigung, das nicht mit Bewusstsein33 zu vollziehen, was ohnehin an einem vollzogen wird. »Ich glaube, hätte der Gubernator dieser Erde nur ein Exempel solcher Liebe in all ihren Wendungen und Möglichkeiten, in ihrer höchsten Kraft, Echtheit und Reinheit gewollt, gepaart mit dem höchsten Bewusstsein35 über sich selbst, und also in grössthöchster36 Möglichkeit ihrer Martern, wo der ganzen Seele Umfang,37 wie mit Facetten versehen, diente, jeden Schmerz reflektierend zurückzuschicken, so wäre es mit mir genug gewesen«.38
»Als ich endlich, niedrig behandelt, mein eigen Herz auf das Schild legte, und wie mit dem Schwert das ›oui4aussen5 auf den6 Brief forderte, war es wirklich aus. Meine Seele wusste7 es vorher. ...8 Ich übergab mich, wie ich ihm schrieb - der Verzweiflung, die ich nicht kannte; niemand kennt sie; sie und den Tod.« Schliesslich weiss9 sie, dass10 sie das Nein herausfordern muss; dass11 er nicht mehr12 ein »13schöner Gegenstand«14 ist, nachdem er15 sie »niedrig behandelte«; dass16 seine Handlungen über das, was sie ursprünglich von ihm wollte, hinweggegangen waren18; dass sein Tun mehr Macht hatte19 als ihre Sucht, sich loszuwerden; dass20 die Verzweiflung zu dieser Geschichte ebenso gehört,22 wie der Tod zum Leben, dem gegenüber auch keine Lüge nutzt, und zu dem der Mensch auch24 nicht sagen kann: nein, ich will nicht. Die Verzweiflung und der Tod: »Wer die nicht fürchtet, weiss25 nur nicht, was das ist: nicht wissen. Wählen muss26 man sie aber beide manchmal.« Wer den Tod nicht auch noch wählen kann, der bringt sich nutzlos um die eigene Freiheit, sterben zu können; wird zur blossen28 Kreatur, die am Ende auch der Tod ergreift. Wer die Verzweiflung nicht wählen kann, verzweifelt doch. Lüge und Bewusstlosigkeit bewirken nichts31 als die namenlose32 Erniedrigung, das nicht mit Bewusstsein33 zu vollziehen, was ohnehin an einem vollzogen wird. »Ich glaube, hätte der Gubernator dieser Erde nur ein Exempel solcher Liebe in all ihren Wendungen und Möglichkeiten, in ihrer höchsten Kraft, Echtheit und Reinheit gewollt, gepaart mit dem höchsten Bewusstsein35 über sich selbst, und also in grössthöchster36 Möglichkeit ihrer Martern, wo der ganzen Seele Umfang |114 wie mit Facetten versehen, diente, jeden Schmerz reflektierend zurückzuschicken, so wäre es mit mir genug gewesen38
»Als ich endlich, niedrig behandelt, mein eigen Herz auf das Schild legte, und wie mit dem Schwert das ›oui4außen5 auf dem6 Brief forderte, war es wirklich aus. Meine Seele wußte7 es vorher. ...8 Ich übergab mich, wie ich ihm schrieb - der Verzweiflung, die ich nicht kannte; niemand kennt sie; sie und den Tod.« Schließlich weiß9 sie, daß10 sie das Nein herausfordern muß; daß11 er nicht mehr12 ein »13schöner Gegenstand«14 ist, nachdem er15 sie »niedrig behandelte«; daß16 seine Handlungen über das, was sie ursprünglich von ihm wollte, hinweggegangen waren18; daß sein Tun mehr Macht hatte19 als ihre Sucht, sich loszuwerden; daß20 die Verzweiflung zu dieser Geschichte ebenso gehört22 wie der Tod zum Leben, dem gegenüber auch keine Lüge nutzt, und zu dem der Mensch auch24 nicht sagen kann: nein, ich will nicht. Die Verzweiflung und der Tod: »Wer die nicht fürchtet, der weiß25 nur nicht, was das ist: nicht wissen. Wählen muß26 man sie aber beide manchmal.« Wer den Tod nicht auch noch wählen kann, der bringt sich nutzlos um die eigene Freiheit, sterben zu können; wird zur bloßen28 Kreatur, die am Ende auch der Tod ergreift. Wer die Verzweiflung nicht wählen kann, verzweifelt doch. Lüge und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000106 Bewußtlosigkeit bewirken nichts31 als die namenlose32 Erniedrigung, das nicht mit Bewußtsein33 zu vollziehen, was ohnehin an einem vollzogen wird. »Ich glaube, hätte der Gubernator dieser Erde nur ein Exempel solcher Liebe,34 in all ihren Wendungen und Möglichkeiten, in ihrer höchsten Kraft, Echtheit und Reinheit gewollt, gepaart mit dem höchsten Bewußtsein35 über sich selbst, und also in größthöchster36 Möglichkeit ihrer Martern, wo der ganzen Seele Umfang,37 wie mit Facetten versehen, diente, jeden Schmerz reflektierend zurückzuschicken, so wäre es mit mir genug gewesen38
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»Die dunkelsten Sachen und alles, was wir je gelesen haben, werden an uns wahr,1 wie die trivialsten Sprichwörter.« Exempel sein kann man nur für das Triviale.2 Rahel ist nicht ein Exempel für das |103 Besondere, nicht3 für das Ausserordentliche4 oder in irgend einer Merkwürdigkeit Bestimmte: sie ist Exempel für5 das Triviale, für7 das Dunkle wie das Helle, für das, was alle Menschen trifft, aber doch jeden so vereinzelt, dass9 er es für etwas Besonderes hält11 und wie ein Geheimnis hütet. Sie ist zum12 Exempel für die13 Liebe in ihrer14 banalsten Art, zum Exempel15 für die Beliebigkeit des Zufalls geworden16. Alles, was man sonst17 über das Leben im allgemeinen aussagt18, die dunkelsten Sachen wie die trivialsten Sprichwörter;19 davon ist sie ein lebendiges Beispiel. Ihre Liebe zu Urquijo, das ist der »Schiffbruch«, das ist das20 »Verschlagensein«,21 das jeder kennt, das jeder fühlt hier und da; das aber nicht jeden so unerbittlich22 bis auf die letzte bittere Neige, bis auf die letzte in der Sache23 liegende Konsequenz verfolgt wie sie24. Und was25 Schiffbruch, was Verschlagensein ist26, wird erst in der letzten konsequenten Verzweiflung klar. Dass27 sie ein Exempel wurde, ist das Facit dessen, was ihr widerfuhr.29 »Was habe ich denn verbrochen, dass Einer30 mich dem Andern31 in die Hände wirft, bis die Göttin selbst mich versteinert und beruhigt.«
»Die dunkelsten Sachen und alles, was wir je gelesen haben, werden an uns wahr wie die trivialsten Sprichwörter.« Rahel ist nicht ein Exempel für das Besondere, für das Ausserordentliche4 oder in irgendeiner Merkwürdigkeit Bestimmte: sie ist Exempel allein für5 das Triviale, das Dunkle wie das Helle, für das, was alle Menschen trifft und betrifft8, aber doch jeden so vereinzelt, dass9 er leicht versucht ist,10 es für etwas Besonderes zu halten,11 und wie ein Geheimnis hütet. Sie ist ein12 Exempel für Liebe in der14 banalsten Art, für Zufall in seiner beliebigsten Form16. Alles was »triviale Sprichwörter«17 über das Leben im allgemeinen aussagen18, davon ist sie ein lebendiges Beispiel. Ihre Liebe zu Urquijo, das ist der »Schiffbruch«, das »Verschlagensein« das jeder kennt, das jeder fühlt hier und da; das aber nicht jeden bis auf die letzte bittere Neige, bis auf die letzte in derSache selbst23 liegende Konsequenz verfolgt. Was25 Schiffbruch, was Verschlagensein sind26, wird erst in der letzten konsequenten Verzweiflung klar. Dass27 sie ein Exempel wurde, das28 ist das Facit, das sie selbst aus dieser oft höchst lächerlich anmutenden Angelegenheit zieht:29 »Was habe ich denn verbrochen, dass Einer30 mich dem Andern31 in die Hände wirft, bis die Göttin selbst mich versteinert und beruhigt.«
»Die dunkelsten Sachen und alles, was wir je gelesen haben, werden an uns wahr wie die trivialsten Sprichwörter.« Rahel ist nicht ein Exempel für das Besondere, für das Außerordentliche4 oder in irgendeiner Merkwürdigkeit Bestimmte: sie ist Exempel für »5das Triviale«6, das Dunkle wie das Helle, für das, was alle Menschen trifft und betrifft8, aber doch jeden so vereinzelt, daß9 er leicht versucht ist,10 es für etwas Besonderes zu halten,11 und wie ein Geheimnis hütet. Sie ist Exempel für Liebe in der14 banalsten Art, für Zufall in seiner beliebigsten Form16. Alles, was »triviale Sprichwörter«17 über das Leben im allgemeinen aussagen18, davon ist sie ein lebendiges Beispiel. Ihre Liebe zu Urquijo, das ist der »Schiffbruch«, das »Verschlagensein«,21 das jeder kennt, das jeder fühlt hier und da; das aber nicht jeden bis auf die letzte bittere Neige, bis auf die letzte in der Sache selbst23 liegende Konsequenz verfolgt. Was25 Schiffbruch, was Verschlagensein sind26, wird erst in der letzten konsequenten Verzweiflung klar. Daß27 sie ein Exempel wurde, das28 ist das Fazit, das sie selbst aus dieser oft höchst lächerlich anmutenden Angelegenheit zieht:29 »Was habe ich denn verbrochen, daß einer30 mich dem andern31 in die Hände wirft, bis die Göttin selbst mich versteinert und beruhigt.«
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»Ich bin so einzig als die grösste1 Erscheinung dieser Erde«. Nicht3 weil sie von Natur exzeptionell wäre, sondern weil es dem Leben beliebte, an ihr, die doch eigentlich ein Nichts ist, armselig und benachteiligt, ohne Grazie,4 gerade an ihr ein Exempel zu statuieren. Darum ist »der grösste5 Künstler,6 Philosoph oder Dichter nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang,7 und gehören zusammen. Und der den anderen ausschliessen wollte, schliesst nur sich aus8. Mir aber war das Leben angewiesen.« Sie hat keine Gaben und Talente, sie ist nicht schön, sie bleibt eine Ignorantin, aber ihr ist das Leben angewiesen. »Und9 ich blieb im Keim,10 bis zu meinem Jahrhundert, und bin von aussen11 ganz verschüttet, drum sag ich12 selbst«.13 Als Finckenstein sie verlassen hatte, wollte sie ein Wahrzeichen in der Welt sein. Aber die Welt liess15 sie |104 nicht ein16, und17 das Leben störte sie aus der Versteinerung auf und zwang sie weiter zu leben18. »Von aussen19 ganz verschüttet« fand sie kein Sprachrohr21, der Welt zu sagen, was ihr widerfuhr22. Und weil es die Welt nicht bestätigte, verlor es von Tag zu Tag an Realität. Da musste24 alles noch einmal geschehen25. Jetzt aber ist »der Kreis geschlossen«; zwar würde sie »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit springen«. Aber26 es gibt eine Grenze der Vitalität; und obwohl sie noch lebt27, weil sie nicht sterben konnte, wird der Kreis geschlossen bleiben, sonst liesse »28der Urgeist meine Natur auseinanderfahren«. Gerade darum, weil sich31 nichts mehr wiederholen kann, sagt32 sie es selbst; damit33 »ein Abbild die Existenz beschliesst34«, die nicht sich selbst genug ist; denn es gibt keine Tafel, auf die das Leben sich selbst schriebe; und das Bewusstsein35 gehört zum Exempelsein wie die Mitteilung, weil nur der »ein Schicksal hat, der da weiss36, was er für eines hat« und es mitteilen37 kann. »Und ich denke, ich bin eins von den Gebilden, die die Menschheit werfen soll, und dann nicht mehr braucht, und nicht mehr kann.« Also doch Exzeptionalität? Also glaubt sie doch noch so auf die Welt gekommen zu sein wie sie ist, etwas Besonderes von Natur zu sein? Dieser Hochmut, stolz zu sein auf das, was man ist, würde alles wieder völlig unverständlich machen. Ihre Einzigartigkeit ist nichts anderes, als dass ihr das Leben angewiesen war, als dass sie zum Exempel gemacht worden ist. Nach ihr braucht man das nicht mehr, weil man für eine Sache nicht mehr als ein Exempel braucht, wenn nur dieses wirklich eindeutig und ohne Verwirrung ist.38
»Ich bin so einzig als die grösste1 Erscheinung dieser Erde.2« Nicht,3 weil sie von Natur exzeptionell wäre, sondern weil es dem Leben beliebte, an ihr, die doch eigentlich ein Nichts ist, armselig, ein Schlemihl ohne Grazie und ohne Talente,4 gerade an ihr ein Exempel zu statuieren. Darum ist »der grösste5 Künstler Philosoph oder Dichter nicht über mir. Wir sind vom selben Element |115 . Im selben Rang und gehören zusammen. ..8. Mir aber war das Leben angewiesen. .. Und9 ich blieb im Keim bis zu meinem Jahrhundert, und bin von aussen11 ganz verschüttet, drum sag ich’s12 selbst13 Als Finckenstein sie verlassen hatte, wollte sie ein Wahrzeichen in der Welt sein und das »Sprachrohr der ewigen Gerechtigkeit«14. Aber die Welt erkannte15 sie nicht an16, das Leben störte sie aus der Versteinerung auf und zwang sie, weiter zu leben18. »Von aussen19 ganz verschüttet«,20 fand sie keine Sprache21, der Welt zu sagen, was ihr widerfahren war22. Und weil es die Welt also23 nicht bestätigte, verlor es von Tag zu Tag an Realität. Und24 alles begann von vorne25. Jetzt aber ist »der Kreis geschlossen«; zwar würde sie »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit springen«, wenn26 es kein natürliches Halt gäbe27, eine Grenze der Vitalität und das Alter; »sonst liesse28 der Urgeist meine Natur auseinanderfahren«. Wiederholen wird sich nun so leicht31 nichts mehr; nun muss32 sie nur suchen, dass33 »ein Abbild die Existenz beschliesst34«, die nicht sich selbst genug ist; denn es gibt keine Tafel, auf die das Leben sich selbst schriebe. Bewusstsein35 gehört zum Exempelsein wie die Mitteilung, weil nur der »ein Schicksal hat, der da weiss36, was er für eines hat« und es berichten37 kann.
»Ich bin so einzig als die größte1 Erscheinung dieser Erde.2« Nicht,3 weil sie von Natur exzeptionell wäre, sondern weil es dem Leben beliebte, gerade an ihr ein Exempel zu statuieren. Darum ist »der größte5 Künstler,6 Philosoph oder Dichter nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang und gehören zusammen. ..8. Mir aber war das Leben angewiesen; und9 ich blieb im Keim bis zu meinem Jahrhundert, und bin von außen11 ganz verschüttet, drum sag ich’s12 selbst13 Als Finckenstein sie verlassen hatte, wollte sie ein Wahrzeichen in der Welt sein, das Sprachrohr der »ewigen Gerechtigkeit«14. Aber die Welt erkannte15 sie nicht an16, das Leben störte sie aus der Versteinerung auf und zwang |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000107 sie weiterzuleben18. »Von außen19 ganz verschüttet«,20 fand sie keine Sprache21, der Welt zu sagen, was ihr widerfahren war22. Und weil es die Welt also23 nicht bestätigte, verlor es von Tag zu Tag an Realität. Und24 alles begann von vorne25. Jetzt aber ist »der Kreis geschlossen«; zwar würde sie »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit springen«, wenn26 es kein natürliches Halt gäbe27, eine Grenze der Vitalität und das Alter; »wenn28 der Urgeist meine Natur nicht29 auseinanderfahren ließe30«. Wiederholen wird sich nun so leicht31 nichts mehr; nun muß32 sie nur suchen, daß33 »ein Abbild die Existenz beschließt34«, die nicht sich selbst genug ist; denn es gibt keine Tafel, auf die das Leben sich selbst schriebe. Bewußtsein35 gehört zum Exempelsein wie die Mitteilung, weil nur der »ein Schicksal hat, der da weiß36, was er für eines hat« und es berichten37 kann.
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Auf diese Einzigkeit hätte sie verzichten müssen, wenn sie ihr Leben »richtig« überdacht2 und Gentz »das Bischen3« gegeben hätte. Sie hätte etwas anderes4 dafür eintauschen können, sie hätte5 mit ihm zusammen etwas Einzigartiges werden können:7 nämlich so etwas wie der vollkommene Mensch, der8 der Romantik und ihrem Ideal des Androgynen vorgeschwebt hat. Sie wären etwas Besonderes für sich |105 geworden, sie hätten10 in sich ein Stück Menschheit vollkommen dargestellt11. Aber sie hätten dies mit einer Isolierung von der Realität bezahlen müssen12. Sie wären vielleicht Zeichen geworden von sich selbst, aber nicht13 von dem, was geschieht14. Sie wären nichts anderes gewesen, als ein grossartiger Einzelfall.15 Beide haben das nicht gewollt. Beide haben diese Möglichkeit nie vergessen können. Beide16 haben sich und17 einander nie verzeihen können, dass18 sie nicht glücklich wurden. Gentz hat sogar versucht19, Rahel zu vergessen. Er ist der Freund, »20der einzige -22 der mich zwar vergessen hat - dem ichs tausendmal vorher sagte - und der mich nicht vergessen kann - weil ich eins23 seiner moralischen Ideale realisiert, ja auch geschaffen habe.« Nein er kann sie nicht vergessen.24 Sie bleibt der Preis, um den er sich der Wirklichkeit verschrieben hat. Er kann es ihr nicht einmal verzeihen, dass25 sie ihn nicht davon abhielt. Er schreibt ihr 181026, acht Jahre nach ihrer Trennung: »Es ist eigentlich ein unendlicher Missgriff28 ...29 gewesen, dass30 wir nicht zur Liebe gegeneinander -31 ich meine zur ordentlichen, vollständigen -32 gelangt sind! Hätte ich damals in meiner stupiden Verblendung für ...33 körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf,34 bemerken können, wie überaus gut Sie mir waren, hätte ich - ja selbst nur aus Neugier, Frivolität u.s.f. recht beharrlich insistiert auf das, was Sie das Bischen37 nannten - es wäre zwischen uns ein Verhältnis ausgebrochen, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt ...38 Es war doch hauptsächlich Ihre Schuld; Sie standen höher, sahen freier und weiter als ich; Sie mussten39 mich von Christl40 losmachen und Urquijo zum Hänker41 schicken. Sie mussten42 in Rücksicht auf meine in verderbter Hülle43 unschuldig gebliebene Seele, alle gemeine Scheu beiseite setzen, und mir sogar Gewalt antun, um mich ungeheuer glücklich zu machen ... Es ist sonderbar, dass45 auch der wahre Mensch,46 ...47 sich am Ende doch sagen muss48 ... dass49 er das Beste ...50 mutwillig von sich stiess51. Und im Grunde ...52 ist es immer nichts als die niedrigste aller menschlichen Tücken, nämlich die |106 Eitelkeit, das unsinnige Streben nach Schein, was uns um ...53 die ganze echte Realität des Daseins betrügt54 Schwer zu sagen, welches die echte Realität ist. Unmöglich bei Gentz zu entscheiden, ob er nur um der Eitelkeit willen die Wirklichkeit ergreift, oder ob die Eitelkeit nur die Funktion hat55, ihn zur Realität zu führen, ihm zu zeigen, dass56 der Mensch nichts ist, wenn er unsichtbar ist57, wenn er sich ausschliesst58 von der Geschichte, die nur durch ihn ihren Weg nehmen kann. Sicher aber ist, dass er, so oft Rahel ihm in späteren Jahren begegnete, »etwas Gezwungenes, Unheimliches, wie böses Gewissen« in ihrer Gegenwart spürte. Sie aber weiss, dass er sie »lieben muss«. Er weiss bis in sein Alter, dass sie ihn »nie aufgegeben hat, wenn wir uns gleich durch Briefe nicht mehr verständigen können.« Und er kommt wieder zu ihr, nur zu ihr, kurz vor seinem und ihrem Tod, als er resigniert hat, weil der »Zeitgeist« mächtiger geworden ist als er, weil er schliesslich von der Geschichte am Wege liegen gelassen ist; als er nicht mehr für das Offizielle und Sichtbare lebt, sondern nur noch für seine letzte grosse Leidenschaft, für die junge Fanny Elssler. Immer kommt er wieder zu Rahel, wenn er Enttäuschungen oder Kummer hat, kurz, wenn er aus seiner Rolle in der mächtigen Welt gestossen wird, immer ist sie dann für ihn da und vergisst sofort seine »Perfidien«, denn »seine Perfidien - er übte sie reichlich gegen mich - sind anders als der anderen ihre; er gleitete wie in einem Glücksschlitten fliegend auf einer Bahn, auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen ... Nun aber beim Facit, bleibt mir nur reine lebendige Liebe. Dies sei sein Epitaph! Er reizte mich immer zur Liebe: er war immer zu dem aufgelegt, was er als wahr fassen konnte. Er ergriff das Unwahre mit Wahrheitsleidenschaft. Viele Menschen muss man Stück vor Stück loben: und sie gehen nicht in unser Herz mit Liebe ein; andere, wenige, kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich: und nie wird er bei mir sterben.«59
»Und ich denke, ich bin eins von den Gebilden, dieMenschheit werfen soll, und dann nicht mehr braucht, und nicht mehr kann,« weil man für eine Sache nicht mehr als ein Exempel braucht, wenn nur dieses eindeutig und ohne Verwirrung ist.1 Auf diese Einzigkeit hätte sie verzichten müssen, wenn sie ihr Leben »richtig überdacht«2 und Gentz das »Bisschen3« gegeben hätte. Sie hätte dafür eintauschen können, mit ihm zusammen etwas ganz6 Einzigartiges zu werden,7 nämlich so etwas wie der vollkommene Mensch, |116 welcher8 der Romantik und ihrem abscheulichen9 Ideal des Androgynen vorgeschwebt haben mag: der Inbegriff der Menschheit10 in einem ihrer Exemplare11. Beide hätten bei solch menschlichem Beginnen jeden Boden unter den Füssen verloren12. Sie hätten auf abstruse, absonderliche Art sich abgesondert13 von allem gewöhnlichen menschlichem Schicksal14. Beide haben das nicht gewollt. Beide haben diese Möglichkeit nie vergessen können,16 haben einander nie verzeihen können, dass18 sie nicht zusammen glücklich geworden waren. Gentz’ Versuche19, Rahel zu vergessen, waren nie von Erfolg. Er war20 der »21einzige,22 der mich zwar vergessen hat - dem ichs tausendmal vorher sagte - und der mich nicht vergessen kann - weil ich eines23 seiner moralischen Ideale realisiert, ja auch geschaffen habe.« Sie bleibt der Preis, um den er sich der Wirklichkeit verschrieben hat. Er kann es ihr nicht einmal verzeihen, dass25 sie ihn nicht davon abhielt. Er schreibt, acht Jahre nach ihrer Trennung, 181027: »Es ist eigentlich ein unendlicher Missgriff28 .. gewesen, dass30 wir nicht zur Liebe gegeneinander,31 ich meine zur ordentlichen, vollständigen gelangt sind! Hätte ich damals in meiner stupiden Verblendung für .. körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf bemerken können, wie überaus gut Sie mir waren, hätte ich - ja selbst nur aus Neugier, Frivolität,35 u.s.f. recht beharrlich insistiert,36 auf das, was Sie das Bisschen37 nannten - es wäre zwischen uns ein Verhältnis ausgebrochen, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt .. Es war doch hauptsächlich Ihre Schuld; Sie standen höher, sahen freier und weiter als ich; Sie mussten39 mich von Christel40 losmachen und Urquijo zum Henker41 schicken. Sie mussten42 in Rücksicht auf meine in verderbter Hölle43 unschuldig gebliebene Seele, alle gemeine Scheu beiseite setzen, und mir |117 sogar Gewalt antun, um mich ungeheuer glücklich zu machen. .. Es ist sonderbar, dass45 auch der wahre Mensch .. sich am Ende doch sagen muss48 .. dass49 er das Beste .. mutwillig von sich stiess51. Und im Grunde .. ist es immer nichts als die niedrigste aller menschlichen Tücken, nämlich die Eitelkeit, das unsinnige Streben nach Schein, was uns um .. die ganze echte Realität des Daseins betrügt«.54 Schwer zu sagen, welches die echte Realität ist. Unmöglich bei Gentz zu entscheiden, ob er nur um der Eitelkeit willen die Wirklichkeit ergreift, oder ob die Eitelkeit nur dazu dient55, ihn zur Realität zu führen, ihm zu zeigen, dass56 der Mensch nichts ist, wenn er unsichtbar bleibt57, wenn er sich ausschliesst58 von der Geschichte, die nur durch ihn ihren Weg nehmen kann.
»Und ich denke, ich bin eins von den Gebilden, die die Menschheit werfen soll, und dann nicht mehr braucht, und nicht mehr kann«, weil man für eine Sache nicht mehr als ein Exempel braucht, wenn nur dieses eindeutig und ohne Verwirrung ist.1 Auf diese Einzigkeit hätte sie verzichten müssen, wenn sie ihr Leben »richtig überdacht«2 und Gentz das »Bißchen3« gegeben hätte. Sie hätte dafür eintauschen können, mit ihm zusammen etwas ganz6 Einzigartiges zu werden,7 nämlich so etwas wie der vollkommene Mensch, welcher8 der Romantik und ihrem Ideal des Androgynen vorgeschwebt haben mag: der Inbegriff der Menschheit10 in einem ihrer Exemplare11. Beide hätten bei solch unmenschlichem Beginnen jeden Boden unter den Füßen verloren12. Sie hätten auf abstruse, absonderliche Art sich abgesondert13 von allem gewöhnlichen menschlichen Schicksal14. Beide haben das nicht gewollt. Beide haben diese Möglichkeit nie vergessen können,16 haben einander nie verzeihen können, daß18 sie nicht zusammen glücklich geworden waren. Gentz’ Versuche19, Rahel zu vergessen, waren nie von Erfolg. Er war20 der »21einzige -22 der mich zwar vergessen hat - dem ichs tausendmal vorher sagte - und der mich nicht vergessen kann - weil ich eines23 seiner moralischen Ideale realisiert, ja auch geschaffen habe.« Sie bleibt der Preis, um den er sich der Wirklichkeit verschrieben hat. Er kann es ihr nicht einmal verzeihen, daß25 sie ihn nicht davon abhielt. Er schreibt, acht Jahre nach ihrer Trennung, 181027: »Es ist eigentlich ein unendlicher Mißgriff28 ...29 gewesen, daß30 wir nicht zur Liebe gegeneinander,31 ich meine zur ordentlichen, vollständigen gelangt sind! Hätte ich damals in meiner stupiden Verblendung für ...33 körperliche Reize in einem unbedeutenden Geschöpf bemerken können, wie überaus gut Sie mir waren, hätte ich - ja selbst |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000108 nur aus Neugier, Frivolität u.s.f. recht beharrlich insistiert,36 auf das, was Sie das Bißchen37 nannten - es wäre zwischen uns ein Verhältnis ausgebrochen, dessen gleichen die Welt vielleicht nicht viel gehabt ...38 Es war doch hauptsächlich Ihre Schuld; Sie standen höher, sahen freier und weiter als ich; Sie mußten39 mich von Christel40 losmachen und Urquijo zum Henker41 schicken. Sie mußten42 in Rücksicht auf meine in verderbter Hülle43 unschuldig gebliebene Seele, alle gemeine Scheu beiseite setzen, und mir sogar Gewalt antun, um mich ungeheuer glücklich zu machen. ...44 Es ist sonderbar, daß45 auch der wahre Mensch ...47 sich am Ende doch sagen muß48 ... daß49 er das Beste ...50 mutwillig von sich stieß51. Und im Grunde ...52 ist es immer nichts als die niedrigste aller menschlichen Tücken, nämlich die Eitelkeit, das unsinnige Streben nach Schein, was uns um ...53 die ganze echte Realität des Daseins betrügt54 Schwer zu sagen, welches die echte Realität ist. Unmöglich bei Gentz zu entscheiden, ob er nur um der Eitelkeit willen die Wirklichkeit ergreift, oder ob die Eitelkeit nur dazu dient55, ihn zur Realität zu führen, ihm zu zeigen, daß56 der Mensch nichts ist, wenn er unsichtbar bleibt57, wenn er sich ausschließt58 von der Geschichte, die nur durch ihn ihren Weg nehmen kann.
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Sicher aber ist, dass1 ihn, so oft er Rahel in späteren Jahren wieder traf, »etwas Gezwungenes, Unheimliches, wie böses Gewissen« in ihrer Gegenwart ergriff. Sie nur weiss2, dass3 er sie »lieben muss4« wie dass6 sie ihn »nie aufgegeben hat, wenn wir uns gleich durch Briefe nicht mehr verständigen können.« Und er kommt auch wieder zu ihr, nur zu ihr, kurz vor seinem und ihrem Tod7, als er schon resigniert hat, als der Zeitgeist schon mächtiger geworden ist, als er schliesslich8 von der Geschichte am Wege liegen gelassen ist; als er nicht mehr für das Offizielle und Sichtbare lebt, sondern nur noch für eine letzte grosse9 Leidenschaft zu der jungen Tänzerin Fanny Elssler10. Mit Enttäuschung, Kummer und Liebesleid, von der grossen11 Welt ausgestossen12, von allem angeekelt und blasiert, kommt der alte Mann wieder zu ihr, die sofort bereit ist, alle seine »Perfidien« zu vergessen - denn »seine Perfidien - er übte sie reichlich gegen mich - sind anders als der andern ihre: er gleitete wie in einem Glücksschlitten fliegend auf einer Bahn, |118 auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen. .. Nun aber bei Facit14, bleibt mir nur reine lebendige Liebe. Dies sei sein Epitaph! Er reizte mich immer zur Liebe: er war immer zu dem aufgelegt, was er als wahr fassen konnte. Er ergriff das Unwahre mit Wahrheitsleidenschaft. Viele Menschen muss15 man Stück vor Stück loben: und sie gehen nicht in unser Herz mit Liebe ein; andere, wenige kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich: und nie wird er bei mir sterben.«
Sicher aber ist, daß1 ihn, sooft er Rahel in späteren Jahren wieder traf, »etwas Gezwungenes, Unheimliches, wie böses Gewissen« in ihrer Gegenwart ergriff. Sie nur weiß2, daß3 er sie »lieben muß4«,5 wie daß6 sie ihn »nie aufgegeben hat, wenn wir uns gleich durch Briefe nicht mehr verständigen können.« Und er kommt auch wieder zu ihr, nur zu ihr, kurz vor seinem und ihrem Tode7, als er schon resigniert hat, als der Zeitgeist schon mächtiger geworden ist, als er schließlich8 von der Geschichte am Wege liegengelassen ist; als er nicht mehr für das Offizielle und Sichtbare lebt, sondern nur noch für eine letzte große9 Leidenschaft zu der jungen Tänzerin Fanny Elßler10. Mit Enttäuschung, Kummer und Liebesleid, von der großen11 Welt ausgestoßen12, von allem angeekelt und blasiert, kommt der alte Mann wieder zu ihr, die sofort bereit ist, alle seine »Perfidien« zu vergessen - denn »seine Perfidien - er übte sie reichlich gegen mich - sind anders als der andern ihre: er gleitete wie in einem Glücksschlitten fliegend auf einer Bahn, auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen. ...13 Nun aber, beim Fazit14, bleibt mir nur reine lebendige Liebe. Dies sei sein Epitaph! Er reizte mich immer zur Liebe: er war immer zu dem aufgelegt, was er als wahr fassen konnte. Er ergriff das Unwahre mit Wahrheitsleidenschaft. Viele Menschen muß15 man Stück vor Stück loben: und sie gehen nicht in unser |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000109 Herz mit Liebe ein; andere, wenige,16 kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich: und nie wird er bei mir sterben.«
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265
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9. Kapitel Resultate
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266
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Resultate • Der große Glücksfall1805-1807
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5. Kapitel Assimilation.
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268
»Seit der Zeit - - -1 Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Gespenst steht er unten und drückt es mit Riesengewalt zu; und nur Schmerzen kommen dahin; dies Gespenst, dies verzerrte Bild, ich lieb2 es! Sagen Sie mir, wann wird dieser Wahnsinn, dieser grässliche3 Schmerz enden?4 Wodurch?«
»Seit der Zeit ---1 Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Gespenst steht er unten und drückt es mit Riesengewalt zu; und nur Schmerzen kommen dahin; dies Gespenst, dies verzerrte Bild, ich lieb2 es! Sagen Sie mir, wann wird dieser Wahnsinn, dieser grässliche3 Schmerz enden!4 Wodurch?«
»Seit der Zeit ...1 Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Gespenst steht er unten und drückt es mit Riesengewalt zu; und nur Schmerzen kommen dahin; dies Gespenst, dies verzerrte Bild, ich liebe2 es! Sagen Sie mir, wann wird dieser Wahnsinn, dieser gräßliche3 Schmerz enden.4 Wodurch?«
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Als Rahel1 Urquijo verlor, hat sie2 die schöne Welt verloren3. Auch4 die Schönheit5 und die6 Einfachheit des natürlichen Daseins - sich den Mann zu nehmen, den man begehrt - hat sie sich versagt7. Es versagen die göttlichen Mächte, die Trost bringen, wo es keinen8 Trost mehr9 gibt;10 die ihr einmal das Weite des Lebens ermöglicht haben11; es versagen »Wetter, Klima, Kinder, Musik, die wahren Realitäten«. Nichts dringt mehr zu ihr, solange er unten steht wie ein Gespenst;12 sie bleibt13 in dem14 Zauber gebannt; aber15 der Zauber zaubert nichts mehr vor, er ist nur das16 Gespenstertreiben, in welchem sie, selbst ein Gespenst, mittreibt18. Der Schmerz war einmal für sie19 der Garant ihrer Existenz, eine unbezweifelbare21 Realität. Sie hat damals22 an dieser Realität festgehalten gegen die23 Macht der Zeit,24 die »neuen Trost und neue Umstände« bringt, die den Schmerz lindert und das Leben weitergehen lässt. Sie braucht jetzt weder25 gegen die »alberne Regelmässigkeit26« noch27 gegen die selbstverständliche Freude des28 neuen Tages29 zu streiten. Es ist nichts mehr von ihr übrig geblieben30, womit31 sie sich freuen könnte. Es ist nichts von ihr da,32 als der »grässliche33 Schmerz«.
Mit1 Urquijo verlor Rahel2 die schöne Welt. Selbst4 die grobe5 und immer verlockende6 Einfachheit des natürlichen Daseins - sich den Mann zu nehmen, den man begehrt - ist verwehrt7. Es versagen die göttlichen Mächte, die Trost bringen, wo es menschlichen8 Trost nicht9 gibt, und10 die ihr einmal das Weiterleben ermöglicht ha- ben11; es versagen »Wetter, Klima, Kinder, Musik, die wahren Realitäten«. Nichts dringt mehr zu ihr, solange sie in den14 Zauber gebannt bleibt,15 der, ohnmächtig noch Luft- und Lustschlösser vorzuspiegeln, dem16 Gespenstertreiben gleicht17, in welchem sie mitgetrieben ist18. Der Schmerz war einmal der Garant ihrer Existenz, eine unbezweifelte21 Realität. Damals konnte sie sich22 an ihm festhalten, sich ein wenig schützen lassen vor der23 Macht der Zeit die »neuen Trost und neue Umstände« (Herder) bringt. Heute braucht sie nicht einmal mehr25 gegen die »alberne Regelmässigkeit26«,27 gegen die selbstverständliche Freude am28 neuen Tag29 zu streiten. Sie hat ihre Sinne weggegeben, konzentriert auf einen Gegenstand30, dem31 sie nun, jeder Vernunftherrschaft entwachsen, nachlaufen, sich nicht betören lassen von der schönen Welt. Es bleibt ihr nichts32 als der »grässliche33 Schmerz«.
Mit1 Urquijo verlor Rahel2 die schöne Welt. Selbst4 die elementare5 und immer verlockende6 Einfachheit des natürlichen Daseins - sich den Mann zu nehmen, den man begehrt - ist verwehrt7. Es versagen die göttlichen Mächte, die Trost bringen, wo es menschlichen8 Trost nicht9 gibt, und10 die ihr einmal das Weiterleben ermöglicht haben11; es versagen »Wetter, Klima, Kinder, Musik, die wahren Realitäten«. Nichts dringt mehr zu ihr, solange sie in den14 Zauber gebannt bleibt,15 der, ohnmächtig noch Luft- und Lustschlösser vorzuspiegeln, dem16 Gespenstertreiben gleicht17, in welchem sie mitgetrieben ist18. Der Schmerz war einmal der Garant ihrer Existenz gewesen20, eine unbezweifelte21 Realität. Damals konnte sie sich22 an ihm festhalten, sich ein wenig schützen lassen vor der23 Macht der Zeit,24 die »neuen Trost und neue Umstände« (Herder) bringt. Heute braucht sie nicht einmal mehr25 gegen die »alberne Regelmäßigkeit26«,27 gegen die selbstverständliche Freude am28 neuen Tag29 zu streiten. Sie hat ihre Sinne weggegeben, auf einen Gegenstand konzentriert30, dem31 sie nun, jeder Vernunftherrschaft entwachsen, nachlaufen, taub und blind und stumpf gegen die »schöne Welt«. Es bleibt ihr nichts32 als der »gräßliche33 Schmerz«.
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270
Sie1 hat erst2 an Urquijo festgehalten aus Angst vor der Entzauberung. Jetzt kann sie sich selbst nicht mehr entzaubern, und selbst die3 Verzweiflung steht noch4 im Bann. So ist sie, obwohl5 getrennt |108 von ihm, noch garnicht zurückgekehrt in die Welt6. Weil sie aber dennoch nicht gestorben ist, da sie ohne ihn7 weiterlebt, wird alles gespenstisch. Immer wieder liest sie seine Briefe und die ihren an ihn, die sie sich hat zurückgeben lassen. Lange schon ist es8 nicht mehr er9, der den Zauber ausübt - »auch entzückt mich Urquijo gewiss nicht« - sie bleibt dennoch verzaubert10, weil niemand das Wort oder die Gebärde weiss11, auch sie selbst nicht, die sie frei macht12. Sie bekommt sich selbst, die sie »veräusserte13«, nicht darum zurück, weil sie sich geirrt hat. »Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den grössten14 Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch, dem veräusserte15 ich mich ganz, gab ihm - dies ist kein Sprichwort, hab16 ich Verfluchte erfahren - mein ganzes Herz,17 und dies kann einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man’s nie. Gibt es also Fluch, Zauber ? ...18 Es ist aber, als müsst19 er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzücken und heilen ... Kurz, bis ich nicht einen stärker lieben kann, bleibt der notwendige Teil meiner selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber.« In der Trennung von dem, der sie verzaubert hat, wird der22 Zauber zum23 Fluch. Zum Fluch25, weil26 sie nachträglich27 dem, was ihr geschehen28 ist, zum ersten Mal29 ihr Einverständnis verweigern muss30; und weil die Zeit - »ein strenger Buchhalter31, das wahre Kontinuum der Dinge« -32 für das Vergangene nur die Freiheit des Ja übrig lässt. Die33 Freiheit des Nein ist34 der Tod. »Frevlerweise blieb ich doch leben, und das ist mein Verbrechen, meine Sünde, mein Unrecht, meine Schmach und Gottes harter, grosser36 Fluch, der mich hätte umfallen lassen sollen. Ich ergebe37 mich in den ewigsten Schmerz und sollte schweigen. Sie sehen,38 nur Zerstreuung, Leben, Bewegung, Hülfeleisten und39 Eitelkeit kann mich40 retten; bin ich allein, so leg41 ich mir Millionen Höllen zurecht, wie Kinder mit Bausteinen |109 oder Sand tun.«
Erst1 hat sie viel zu lange2 an Urquijo festgehalten aus Angst vor der Entzauberung. Jetzt kann sie sich selbst nicht mehr entzaubern, auch ihre3 Verzweiflung steht im Bann. Obwohl5 getrennt von ihm, ist sie noch gar nicht frei6. Weil sie ohne seine physische Gegenwart mit ihm7 weiterlebt, wird alles gespenstisch. Immer wieder liest sie seine Briefe und die ihren an ihn, die sie sich hat zurückgeben lassen. Lange schon versteht sie8 nicht mehr, warum sie sich gerade auf den Spanier kapriciert hatte; umso unentrinnbarer wird ihre Fixiertheit10, der durch keine Vernunft beizukommen11, die durch kein Verstehen aufzulösen ist12. Sie bekommt sich selbst, die sie »veräusserte13«, nicht darum zurück, weil sie sich geirrt hat. »Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den grössten14 Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch, dem veräusserte15 ich mich ganz, gab ihm - dies ist kein Sprichwort, hab16 ich Verfluchte erfahren - mein ganzes Herz;17 und dies kann einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man’s nie. Gibt es also Fluch, Zauber? .. Es ist aber, als müsst19 er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzücken und heilen. .. Kurz, bis ich nicht einen stärker lieben kann, bleibt der notwendige Teil meiner selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber.« Sie wird in ihrem Leben keinen mehr stärker lieben können; die Trennung von Urquijo hat den22 Zauber in den23 Fluch verwandelt24. Fluch ist25, dass26 sie zum ersten Mal27 dem, was passiert28 ist, nachträglich29 ihr Einverständnis verweigern muss30; obwohl Reue nichts nutzt31, weil die Zeit32 für das Vergangene nur die Freiheit des Ja übrig hat. Die33 Freiheit des Nein wäre34 der |121 Tod. »Frevlerweise blieb ich doch leben, und das ist mein Verbrechen, meine Sünde, mein Unrecht, meine Schmach und Gottes harter, grosser36 Fluch, der mich hätte umfallen lassen sollen. Ich ergebe37 mich in den ewigsten Schmerz und sollte schweigen. Sie sehen nur Zerstreuung, Leben, Bewegung, Hülfeleisten, sehen,39 Eitelkeit mich zu40 retten; bin ich allein, so leg41 ich mir Millionen Höllen zurecht, wie Kinder mit Bausteinen oder Sand tun.«
Erst1 hat sie viel zu lange2 an Urquijo festgehalten aus Angst vor der Entzauberung. Jetzt kann sie sich selbst nicht mehr entzaubern, auch ihre3 Verzweiflung steht im Bann. Obwohl5 getrennt von ihm, ist sie nicht frei6. Weil sie ohne seine physische Gegenwart mit ihm7 weiterlebt, wird alles gespenstisch. Immer wieder liest sie seine Briefe und die ihren an ihn, die sie sich hat zurückgeben lassen. Lange schon versteht sie8 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000111 nicht mehr, warum sie sich gerade auf den Spanier kapriziert hatte; um so unentrinnbarer wird ihre Fixiertheit10, der durch keine Vernunft beizukommen11, die durch kein Verstehen aufzulösen ist12. Sie bekommt sich selbst, die sie »veräußerte13«, nicht darum zurück, weil sie sich geirrt hat. »Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den größten14 Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch, dem veräußerte15 ich mich ganz, gab ihm - dies ist kein Sprichwort, hab’16 ich Verfluchte erfahren - mein ganzes Herz;17 und dies kann einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man’s nie. Gibt es also Fluch, Zauber? ...18 Es ist aber, als müßt19 er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzücken und heilen. ...20 Kurz, bis ich nicht einen stärker lieben kann, ...21 bleibt der notwendige Teil meiner selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber.« Sie wird in ihrem Leben keinen mehr stärker lieben können; die Trennung von Urquijo hat den22 Zauber in den23 Fluch verwandelt24. Fluch ist25, daß26 sie zum erstenmal27 dem, was passiert28 ist, nachträglich29 ihr Einverständnis verweigern muß30; obwohl Reue nichts nutzt31, weil die Zeit32 für das Vergangene nur die Freiheit des Ja übrig läßt; die33 Freiheit des Nein gibt es nur in34 der Selbstzerstörung, im35 Tod. »Frevlerweise blieb ich doch leben, und das ist mein Verbrechen, meine Sünde, mein Unrecht, meine Schmach und Gottes harter, großer36 Fluch, der mich hätte umfallen lassen sollen. Ich ergeb’37 mich in den ewigsten Schmerz und sollte schweigen. Sie sehen nur Zerstreuung, Leben, Bewegung, Hülfeleisten, sehen,39 Eitelkeit kann mich40 retten; bin ich allein, so leg’41 ich mir Millionen Höllen zurecht, wie Kinder mit Bausteinen oder Sand tun.«
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271
Nichts rührt sie mehr an. Sie ist sich selbst fremd geworden, und ihre eigene Realität ist ihr gespenstisch. Denn obwohl sie von nichts berührt wird, behext von dem »grässlichen Schmerz«, sind doch Welt und sie selbst noch da, nur ohne Beziehung. Jede ihrer eigenen Bewegungen wie jedes alltägliche Ding sind aus ihren Zusammenhängen gerissen, in dem allein sie mit ihrer Funktion auch ihren Sinn hatten. Diese Isoliertheit, der Zwang, alles so zu sehen, als ob es ohne Zusammenhang wäre, lässt die Welt und sich selbst gespenstisch werden. Es ist der Wahnsinn.
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272
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Spielend mit den Bausteinen der eigenen Geschichte, rückt Rahel Ereignisse, Welt und Dinge unerbittlich auseinander, zerreisst1 ihren Zusammenhang, verrückt sie bald hierhin, bald dorthin, um der vor Schmerz verrückten Seele eine angemessene Zerstreuung zu verschaffen. So nahe kommen sich Verzweiflung und Verspieltheit, dass2 nur in ihrer wunderlichen und grauenhaften3 Mischung das Gespenstische des menschlichen Daseins überhaupt aufleuchtet, beschworen von der exakten und bildnerischen Hand dessen, dem alles sinnlos wurde. Das ist nicht der Wahnsinn, nur sein Schattenbild, das auftaucht vor dem Menschen, wenn er auch in der Verzweiflung nicht aufhören kann, beharrlich und obstinat auf dem Sinn des Geschehenden zu bestehen.
Spielend mit den Bausteinen der eigenen Geschichte, rückt Rahel Ereignisse, Welt und Dinge unerbittlich auseinander, zerreißt1 ihren Zusammenhang, verrückt sie bald hierhin, bald dorthin, um der vor Schmerz verrückten Seele eine angemessene Zerstreuung zu verschaffen. So nahe kommen sich Verzweiflung und Verspieltheit, daß2 nur in ihrer wunderlichen und grausamen3 Mischung das Gespenstische des menschlichen Daseins überhaupt aufleuchtet, beschworen von der exakten und bildnerischen Hand dessen, dem alles sinnlos wurde. Das ist nicht der Wahnsinn, nur sein Schattenbild, das auftaucht vor dem Menschen, wenn er auch in der Verzweiflung nicht aufhören kann, beharrlich und obstinat auf dem Sinn des Geschehenden zu bestehen.
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273
Aber es ist1 nicht nur2 der Wahnsinn. Die Isoliertheit und die Verhextheit rauben zwar3 das Verständnis für das, was ist; aber sie geben zugleich4 eine eigentümliche Hellsichtigkeit für die Konturen. So wird jeder, der sich zwingt, für einen Augenblick zu vergessen, dass7 das Glas vor ihm zum Trinken da ist, nicht wissen, ob er träumt oder wacht; aber er wird das Glas in seiner Kontur schärfer sehen, bedrohlicher, geängstigt davon, dass8 es überhaupt Gläsernes auf der Welt gibt. So erkennt Rahel in der drohenden, schmerzhaften, gespenstischen Unheimlichkeit ihr eigenes Leben9, sie sieht es vor sich,10 von aussen11, so, als hätte sie selbst nie dies Leben gelebt. Gerade in der doppelten Unheimlichkeit der Distanz und der Isoliertheit von der Zukunft, wird ihr ihr Leben zwar nicht verständlich, aber in seinen Konturen so klar, dass es erzählbar wird14. Ihr eigenes15 Leben wird ihr zur Geschichte16.
Weil Isoliertheit und Verhextheit1 nicht Wahnsinn sind, entspringt aus2 der Verspieltheit, die erst einmal jeden Zusammenhang zerstörte, etwas Neues, Überraschendes,3 das lästig und auf Umwegen wieder zu Kontinuum und Vernunft zurückführt, nämlich4 eine eigentümliche Hellsichtigkeit für die Konturen der einzelnen Bausteine5. So wird jeder, der spielerisch6 sich zwingt, für einen Augenblick zu vergessen, dass7 das Glas vor ihm zum Trinken da ist, nicht wissen, ob er träumt oder wacht; aber er wird das Glas in seiner Kontur schärfer sehen, bedrohlicher, geängstigt davon, |122 dass8 es überhaupt Gläsernes auf der Welt gibt. So erkennt Rahel in der drohenden, schmerzhaften, gespenstischen Unheimlichkeit die Stücke ihres eigenen Lebens deutlicher9, sie sieht es vor sich von Aussen11, so verspielt12, als hätte sie selbst nie dies Leben gelebt. Gerade in der doppelten Unheimlichkeit der spielerischen13 Distanz und der verzweifelten Isoliertheit sieht sie die Kontur ihres Lebens so klar und so undeutbar zugleich, dass sie es nur in aller Nacktheit referieren kann14. Ihr Leben wird ihr zu einer Erzählung16.
Weil Isoliertheit und Verhextheit1 nicht Wahnsinn sind, entspringt aus2 der Verspieltheit, die erst einmal jeden Zusammenhang zerstört, etwas Neues, Überraschendes,3 das lästig und auf Umwegen wieder zu Kontinuum und Vernunft zurückführt, nämlich4 eine eigentümliche Hellsichtigkeit für die Konturen der einzelnen Bausteine5. So wird jeder, der spielerisch6 sich zwingt, für einen Augenblick zu vergessen, daß7 das Glas vor ihm zum Trinken da ist, nicht wissen, ob er träumt oder wacht; aber er wird das Glas in seiner Kontur schärfer sehen, bedrohlicher, geängstigt davon, daß8 es überhaupt Gläsernes auf der Welt gibt. So erkennt Rahel in der drohenden, schmerzhaften, gespenstischen Unheimlichkeit die Stücke ihres eigenen Lebens deutlicher9, sie sieht es vor sich von außen11, so verspielt12, als hätte sie selbst nie dies Leben gelebt. Gerade in der doppelten Unheimlichkeit der spielerischen13 Distanz und der verzweifelten Isoliertheit sieht sie die Kontur ihres Lebens so klar und so undeutbar zugleich, daß sie es nur in aller Nacktheit referieren kann14. Ihr Leben wird ihr zu einer Erzählung16.
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Damals,1 als es mit Finckenstein zu Ende war, wollte sie die Wahrheit direkt sagen, »das Sprachrohr der ewigen Gerechtigkeit« sein;2 sie achtete dabei nicht auf3 die Welt, da5 sie ihr indefinit7 war, und9 sie dachte nicht daran10, ob an dieser12 Wahrheit ein Mensch interessiert sei. Kein Mensch hatte ein Interesse an ihrer Wahrheit, weder an |110 dem13, was ihr geschehen war14, noch an dem15, was sie dazu zu sagen hatte; so blieb sie allein und war gezwungen durch den Lauf16 der Welt17, der sich nicht um ihre Vergangenheit kümmerte, alles wieder zu vergessen18. Denn für und in der Welt hat nur das Bestand, was mitteilbar ist, was fähig ist, Geschichte zu werden19. Das Nichtmitteilbare20, das Nichtmitgeteilte21, das,22 was nirgends eine Funktion bekommen hat, nirgends eine Wirkung aufzeigen kann,23 nirgends eingeht in die geschichtliche Zeit24 und ohne Bedeutung in das Dumpfe25 versinkt, ist verdammt zur Wiederholung; es wiederholt sich, weil es, obwohl wirklich geschehen, in der Wirklichkeit keine Bleibe gefunden hat; die Wirklichkeit bleibt so, als sei dies nie geschehen26.
Damals als es mit Finckenstein zu Ende war, wollte sie die Wahrheit direkt sagen, das »Sprachrohr der ewigen Gerechtigkeit« sein. Masslos in der Einschätzung des Erlittenen, weil erfahrungslos und ignorant, glaubte2 sie sich »jenseits«, erhaben über3 die geschichtlich gewordene4 Welt, in der5 sie lebte und an die sie sich wandte. Uneingegliedert und daher unbescheiden, platze sie, ein wahres »Mädchen aus der Fremde«, in die Gesellschaft mit ihren »Resultaten« und erlebte, dass eine Wahrheit am falschen Ort und zur falschen Zeit eine Meinung unter Meinungen bleibt, dass6 ihr keine Erkennungsmarke angeheftet ist, dass sie von Natur unscheinbar ist. Aussprechen, die Seele ausschütten, das7 war wohl erlaubt8, war interessant, faszinierend wie Konfessionen bis auf den heutigen Tag. Solche Aussprachen sind gleich vergessen, weil9 sie eigentlich keinen etwas angehen. Ganz gleichgiltig war ihr damals10, im Stolz auf das Gefundene,11 ob an ihrer12 Wahrheit ein Mensch interessiert sei. Hilflos wiederholte sie in immer neuen Varianten: »Und der Schmerz wie ich ihn kenne13, ist auch ein Leben«14, ohne zu bemerken15, dass das Leben unerzählbar ist, so lange es sich nur im Schmerz konzentriert, in dem Garanten16 der Realität. |123 Kein Mensch achtete auf sie17, allein blieb sie mit allen Realitäten, die sie nach und nach vergass18. Denn für und in der Welt hat nur das Bestand, was mitteilbar ist. Das Nichtmitgeteilte20, das Nichtmitteilbare21, das was niemals erzählt wurde und niemanden Eindruck machte, das was23 nirgends eingeht in das Bewusstsein der Zeiten24 und ohne Bedeutung in das dumpfe Chaos des unbestimmten Vergessens25 versinkt, ist verdammt zur Wiederholung; es wiederholt sich, weil es, obwohl wirklich geschehen, in der Wirklichkeit keine Bleibe gefunden hat.
Damals als es mit Finckenstein zu Ende war, wollte sie die Wahrheit direkt sagen. Maßlos in der Einschätzung des Erlittenen, weil erfahrungslos und ignorant, glaubte2 sie sich »jenseits«, erhaben über3 die geschichtlich gewordene4 Welt, in der5 sie lebte und an die sie sich wandte. Uneingegliedert und daher unbescheiden, ein wahres »Mädchen aus der Fremde«, behelligte und bezauberte sie die Gesellschaft mit ihren »Resultaten« und erlebte, daß eine Wahrheit am falschen Ort und zur falschen Zeit eine Meinung unter Meinungen bleibt, daß6 ihr keine Erkennungsmarke angeheftet ist, daß sie von Natur unscheinbar ist. Aussprechen, die Seele ausschütten, das7 war wohl erlaubt8, war interessant, faszinierend wie Konfessionen bis auf den heutigen Tag. Solche Aussprachen sind gleich vergessen, weil9 sie eigentlich keinen etwas angehen. Ganz gleichgültig war ihr damals10, im Stolz auf das Gefundene,11 ob an ihrer12 Wahrheit ein Mensch interessiert sei. Hilflos wiederholte sie in immer neuen Varianten: »Auch ist der Schmerz, wie ich ihn kenne13, auch ein Leben«14, ohne zu bemerken15, daß das Leben unerzählbar ist, solange es sich nur im Schmerz konzentriert, in dem Garanten16 der Realität. Kein Mensch achtete auf das17, worauf es ihr ankam, allein blieb sie mit allen Resultaten, die sie selbst nach und nach vergaß18. Denn für und in der Welt hat nur das Bestand, was mitteilbar ist. Das Nichtmitgeteilte20, das Nichtmitteilbare21, das,22 was niemandem erzählt wurde und auf niemanden Eindruck machte, das, was23 nirgends eingeht in das Bewußtsein |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000113 der Zeiten24 und ohne Bedeutung in dem dumpfen Chaos des unbestimmten Vergessens25 versinkt, ist verdammt zur Wiederholung; es wiederholt sich, weil es, obwohl wirklich geschehen, in der Wirklichkeit keine Bleibe gefunden hat.
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Da1 Rahel nach dem Bruch mit Finckenstein ihre Isoliertheit kannte, da das Weiterleben ihr nur der Strom der Zeit war,2 in den sie sich werfen musste, unabhängig von ihrer Vergangenheit, hatte sie die Clairvoyance zu wissen, dass alles sich wiederholen würde. Dies3 Vorwegnehmen der Erfahrung4, die erst kommen kann, dies5 Wissen, das die Zukunft voreilig und altklug zum Vorbei macht, steht selbst noch einmal ausserhalb6 der Geschichte,7 hindert nichts und versinkt, hat man sich erst wieder dem Leben ergeben, vor dem Leben kapituliert, in die (gleiche) Dumpfheit zurück; nur hat alles, was geschieht,8 den quälenden Anstrich des déjà vu, déjà entendu.
Das hatte1 Rahel erfahren und halb verstanden, als sie gleich nach dem Bruch mit Finckenstein vor dem Mangel an Verständnis und Teilnahme2 in die Fremde floh mit dem deutlichen Bewusstsein der Wiederholung und dass ihr nur eine Gnadenfrist zur Erholung gegönnt sei. Aber das3 Vorwegnehmen von Erfahrungen4, das5 Wissen, das die Zukunft voreilig und altklug zum Vorbei macht, steht selbst noch einmal ausserhalb6 der Geschichte; es7 hindert nichts und versinkt, hat man sich erst wieder dem Leben ergeben, vor dem Leben kapituliert. In solch dumpfer Getriebenheit bekommt jedes Ereignis wie jeder neue Bekannte8 den quälenden Anstrich des déjà vu, déjà entendu.
Das hatte1 Rahel erfahren und halb verstanden, als sie gleich nach dem Bruch mit Finckenstein vor dem Mangel an Verständnis und Teilnahme nach Paris2 in die Fremde floh, wissend, daß alles sich wiederholen werde und ihr nur eine Gnadenfrist zur Erholung gegönnt sei. Aber das3 Vorwegnehmen von Erfahrungen4, das5 Wissen, das die Zukunft voreilig und altklug zum Vorbei macht, steht selbst noch einmal außerhalb6 der Geschichte; es7 hindert nichts und versinkt, hat man sich erst wieder dem Leben ergeben, vor dem Leben kapituliert. In solch dumpfer Getriebenheit bekommt jedes Ereignis wie jeder neue Bekannte8 den quälenden Anstrich des déjà vu, déjà entendu.
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Rahel hat1 in der Wiederholung gelernt, dass auch dies wieder versinken wird, dass sie gezwungen sein wird2, »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit zu springen«, wenn es ihr nicht gelingt, ihr Leben mitzuteilen, mit ihrem Leben in der Welt der Menschen weiterzuleben; wenn es ihr nicht gelingt, in die Geschichte4 der Welt einzugehen5, in der6 Geschichte selbst ein Stück Geschichte7 zu sein8.
Erst1 in der Wiederholung lernt Rahel die Angst vor dem Vergessen. Dass das reine Weiterleben unter Verlust der eigenen Geschichte bedeuten kann2, »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit zu springen«, dass es gelingen muss, mitzuteilen und dass törichte Prätentionen und verachtender Hochmut sich an einem selbst durch Vergessen rächen. Dass es immer gilt, sich selbst der Geschichte4 der Welt einzupassen5, sein eigenes winziges Stückchen6 Geschichte irgendwie, irgendeinem Menschen7 zu übermitteln8.
Erst1 in der Wiederholung lernt Rahel die Angst vor dem Vergessen: das reine Weiterleben unter Verlust der eigenen Geschichte kann nur bedeuten2, »von Hölle zu Hölle in Ewigkeit zu springen«. Stolz3, Prätentionen, Hochmut oder Verachtung derer, die bereit wären zuzuhören, dürfen sie nicht hindern, sich mitzuteilen. Auf jeden Fall muß sie versuchen, dem Vergessen zu entkommen und sich4 der Geschichte einzupassen5, ihr eigenes Stückchen6 Geschichte, ganz gleich wie, zu retten, ganz gleich welchem Menschen7 zu übermitteln8.
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Als Rousseau in den Konfessionen sein Leben erzählte, berichtete |111 er die Gefühle, die er bei allem, was ihm geschah, gehabt hat. Er berichtete nicht eine Geschichte, sondern die ungeheuerlichen guten und bösen Möglichkeiten des Menschen. Selbst die Realität der Geschichte verwandelt sich in der wehmütigen Erinnerung zurück in die Möglichkeit. Diese Erinnerung, die auf den sentiments besteht, tilgt jede Erfahrung. So war für Rahel ihr eigenes Leben unerzählbar, solange sie nur auf dem Schmerz bestand - auf dem Schmerz, der ihr ihre eigene Existenz garantierte. »Denn der Schmerz, wie ich ihn kenne, ist auch ein Leben«.
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»Mit tausend Banden ist der Mensch an die Welt geheftet; mit sich selbst beschränkt, findet er sich im engsten Gefängnis. Wer ihn also losmacht von sich selbst, wer seinen Kräften ein freies munteres Spiel verschafft, der ist sein Gott, sein Erwecker.« Herder weiss, dass das Leben, welches der Mensch in der Welt lebt, das engste Band ist, mit dem der Mensch an die Welt geheftet ist. Das Loskommen von sich selbst ist das Freisein für das Weiter des Lebens, und es ist zugleich die einzige Möglichkeit des Verstehens, der Distanz des Verstehens. Als Rahel direkt und ohne Distanz zu dem Erlittenen ihre Wahrheit, das, wofür sie Wahrzeichen war, der Welt mitteilen wollte, stand sie »jenseits« und war erhaben über die geschichtlich gewordene Welt, in der sie lebte. Ihre Wahrheit kam uneingegliedert von aussen in die Welt hinein, blieb eine Meinung unter anderen Meinungen. Vielleicht war sie wirklich »das Sprachrohr der ewigen Gerechtigkeit«; aber in der Welt konnte sie nur als eine gelten, die sich ausspricht. So konnte sie interessant und faszinierend sein, wie Rousseaus Konfessionen, wie Schlegels Lucinde bis auf den heutigen Tag interessant und faszinierend sind. Aber für die Welt blieb ihre Erzählung unverbindlich und ohne Konsequenz. Herder wendet sich gegen Konfessionen |112 aller Art, in denen sich nur ein Mensch ausspricht. Er fordert statt ihrer Lebensbeschreibungen. Diese sollen nicht »über sich urteilen, noch weniger entscheiden«, sondern nur »erzählen«. Im reinen Erzählen der Begebenheiten, der wirklichen Geschehnisse unabhängig von allen Sentiments, die bei ihnen entstanden sein mögen, tritt allein die einmalige Realität gerade dieses Menschen zutage, der identisch ist mit seinem Leben. Zugleich aber stehen diese Lebensbeschreibungen selber wieder in der Geschichte, von der sie zeugen. Ziel ist nicht, einen Menschen zu schildern, wie er wirklich war, sondern »Mitbürgern«, »Kindern« usw. »einen Erbteil an seinem Leben zu hinterlassen.« Auf dem Weg des Schicksals liegt auch dieses Leben, das, indem es sich erzählt, sich der zukünftigen Geschichte als erinnerbar anheimgibt. In der reinen Erzählung, die sich an jemanden wendet, macht sich der geschichtliche Mensch noch einmal ausdrücklich geschichtlich. »Lebensbeschreibungen dieser Art sind wahre Vermächtnisse der Sinnesart denkwürdiger Personen, Spiegel der Zeitumstände, in denen sie lebten, und eine praktische Rechenschaft, was sie aus solchen und aus sich selbst gemacht haben«.
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Aber wem soll Rahel ihr Leben vermachen? An wen in der Welt soll sie sich wenden? Wie soll sie, die keine Herkunft hat, ihre Herkunft jedenfalls nur vergessen will, der Zukunft so vertrauen, dass sie sich ihr anheimgibt? Denn man kann im reinen Erzählen nur in der Gegenwart dem Zukünftigen erzählen, um in die Geschichte einzugehen, der es überlassen bleiben muss, ob sie bewahren will oder verlieren, ob sie Konsequenzen ziehen will oder alles im Unverbindlichen lassen. Rahel weiss: »Ich sehe also der Welt zu. Das Leben, die Natur ist für mich da. Berechnen sie also die lutte in meinem Leben, die grossen, die kleinen bittern Momente. Mit dem schärfsten Bewusstsein über mich |113 selbst. Mit der Meinung, dass ich eine Königin (keine regierende) oder eine Mutter sein müsste: erlebe ich, dass ich gerade nichts bin. Keine Schwester, keine Geliebte, keine Frau, keine Bürgerin.« Was hilft dann das Bewusstsein über sich selbst, wenn es dauernd programmatisch widerlegt wird? Welcher Tradition soll sie ihr Leben anheimgeben, wenn sie keine Tradition hat? Welcher Geschichte, wenn sie keine Geschichte hat?
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280
Hat sie wirklich keine Geschichte? Stehen dagegen nicht die Worte, die Varnhagen von ihrem Sterbebett überliefert: »Welche Geschichte! - Eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe, Pflege von Euch! ... Mit erhabenem Entzücken denke ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschicks, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumentfernungen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die grösste Schmach, das Leid und Unglück meines Lebens war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen«. Diese wenigen Worte genügen nicht, ein ganzes Leben, das stets und in jedem Augenblick derartige Verwurzelungen dementiert hat, zu erklären. Aber selbst wenn sie genügten; sie haben in sich eine böse Zweideutigkeit, eine schlimme und schwer zu beschwichtigende Fragwürdigkeit, wenn sie aus dem Munde eines Menschen kommen, der weder jüdische Tradition noch jüdische Herkunft wirklich kennt, der immer in einer fremden Geschichte gelebt hat - und sei es auch als Geschichtsloser - der aufgeklärt ist im Sinne europäisch-deutscher Aufklärung, und sich damit einer Geschichte anheimgegeben hat, die seine eigene unwiderruflich zerstörte.
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281
Rahel kann sich nicht mehr in ihre eigene, die Geschichte der Juden retten, weil diese Geschichte den Juden, sofern sie sich überhaupt assimiliert und das Ghetto verlassen haben, erst |114 zurückgegeben wird, im Zuge der fremden Geschichte auch für sie erst neu entdeckt wird. Herder ist der erste, der in Deutschland wieder in den Juden mehr sieht, als nur ein unterdrücktes Volk, dem die Menschenrechte gegeben werden müssen; der in den Juden die Geschichte des jüdischen Volkes sieht und diese so versteht, wie die Juden einst selbst ihre eigene Geschichte deuteten. Herder gibt den Juden ihre Geschichte als verstandene Geschichte zurück. Diese indirekte Rückgabe zerstört die Vergangenheit im Sinne der Juden restlos. Denn war für Herder diese wie jede Vergangenheit an eine einmalige, nie wiederkehrende Zeit gebunden, so war sie für die Juden gerade das immer wieder dem Vergehen zu Entreissende. Er gibt ihnen ihre Geschichte im Sinne ihrer eigenen Interpretation zurück - sie können nicht mehr wie noch David Friedländer auf Dohm sich berufen und behaupten, ihre Geschichte sei nur die Geschichte der Unterdrückungen durch die jeweiligen Wirtsvölker; aber er gibt ihnen eine Geschichte ohne Gott. Er vernichtet ihre Freiheit nicht anders als die der Aufklärung, indem er sie und ihre Autonomie der Macht der Geschichte unterstellt und der Macht des Schicksals. »Alles ist grosses Schicksal: von Menschen unüberdacht, ungehofft, unbewirkt - siehst du, Ameise, nicht, dass du auf dem grossen Rad des Verhängnisses nur kriechst?« Die Allherrlichkeit des Menschen ist zu einem Nichts geworden vor der Allmächtigkeit der Wirklichkeit. In der »Zusammenwelt eines Augenblicks« steht nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, geschweige denn »der aufgeklärte Mensch der späteren Zeit, Allhörer nicht bloss will er sein, sondern selbst der letzte Summenton aller Töne, Spiegel der Allvergangenheit und Repräsentant des Zwecks der Komposition in allen Scenen! - Das altkluge Kind lästert.« So scheint der Mensch in einen Abgrund gefallen, in den Wirbel aller Mächte und Kräfte, die unabhängig von ihm unerbittlich und unerforschlich über sein kleines Nichts entscheiden. Was den Menschen |115 aus diesem Abgrund rettet, ist nicht die Fülle seiner Gaben, weder die Vernunft noch das Genie, sondern es ist die Bedeutung, die er - selbst ein reales Geschehen - im Gesamtgeschehen hat. Denn in der Geschichte geht nichts Wirkliches verloren, es stiftet weiter das strenge Kontinuum der Zeit. Dass jeder »an seiner Stelle etwas bedeute«, das ist die Rettung vor der absoluten Nichtigkeit. Damit bekommt der Mensch wie die Geschichte einen neuen Sinn. Es gibt keinen übersehbaren Endzweck der Geschichte mehr, und es gibt keine steigende Vollkommenheit des Menschen. Aber das Geschehen selbst, unabhängig von allen Zwecken, unabhängig von allen absoluten Werten, die es vielleicht garnicht hat, die der Mensch jedenfalls nicht zu durchschauen vermag, das menschliche Leben als solches, unabhängig selbst von der Person, die es trägt, unabhängig von allen Zielen in seiner schicksalhaften, Geschichte erleidenden und Geschichte stiftenden Konkretheit, Einmaligkeit und Vergänglichkeit ist sakrosankt geworden. Damit ist über die absolute Hiesigkeit und Diesseitigkeit des Menschen entschieden. Damit ist zugleich die Eigenständigkeit des Menschen wieder aufgegeben. Er ist der Geschichte anheimgegeben, ohnmächtig gegen ihre Unwiderrufbarkeit. Gewonnen ist ein Neues, die Bedeutsamkeit menschlichen Lebens, menschlichen Schicksals und menschlichen Geschehens.
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Die Rettung, dass jeder an seiner Stelle etwas bedeute, rettet die Juden nicht. Sie kennen nicht das Kontinuum der Zeit, und ihre Gegenwart ist nicht die Konsequenz ihrer eigenen, sondern die Konsequenz der fremden Vergangenheit. Die Juden sind wieder gezwungen, in einer Ausnahmestellung zu existieren. Inmitten eines Wirtsvolkes, das zum Bewusstsein nicht nur seiner Geschichte, sondern der Geschichtlichkeit menschlichen Daseins überhaupt gekommen ist, ist ihr notwendiges Unverständnis für Geschichte nicht mehr zu verbergen. Die völlige Gleichheit Lessings verlangte von den Juden |116 nur das Menschsein, das sie schliesslich, zumal in der Mendelssohnschen Auslegung, auch leisten konnten. Bei Herder aber wird eine Sonderstellung von ihnen gefordert, nachdem durch Bildung, d.h. durch die Distanz des Verstehens alle Gehalte zerstört sind, an die sich diese Sonderstellung klammern konnte. So werden die Juden die Geschichtslosen in der Geschichte. Gelingen oder Misslingen ihrer Assimilation hängt nicht mehr nur - wie noch in der Aufklärung - von der Rezeption der fremden Kultur überhaupt ab, sondern davon, ob sie geschichtlich werden können oder nicht.
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283
Rahel gewinnt einen ersten Zugang zur Geschichte1, sobald sie ihr eigenes Leben als Geschichte sieht2, sobald3 sie versucht, diese Geschichte zu erzählen. Hat der Geschichtslose wenigstens ein bestimmtes Schicksal, so kann er versuchen4, Schicksalsgenossen zu finden. Rahel erzählt ihr Leben, teilt ihre Erfahrungen mit, um aus der Isolierung herauszukommen; sie hat verzichtet auf die Erhabenheit seit sie weiss6, dass7 man nur für das Triviale Exempel sein kann. Seit sie weiter weiss8, dass9 das Schicksal sich nicht nur an einem vollzieht, sondern dass10 man mitagiert; dass12 nicht nur das13 Geschehen, dem man letztlich14 ausgeliefert ist, gleichsam15 respektlos die Reinheit des eigenen Innern und16 den Adel der Person antastet, sondern dass17 man selbst nicht anders irrt als andere, dass18 man nicht anders kleinlich ist als andere, dass man auf den Anspruch des Adels selbst verzichten muss19. Wie war es mit Urquijo? Gewiss21, es war auch eine Türpitüde22, aber nur zu Anfang. Später: »Ich sah mich behandelt, wo ich mit Liebe zu behandeln glaubte ...23 mir war bis jetzt nichts verächtlicher, als wenn ein Mensch nicht weiss24, wie er mit dem andern steht ... mich glaubt25 ich diesem26 Irrtum nie27 unterworfen; ...28 trug ewig den Menschen, die sich darin irrten, einen heimlichen Hass29. Behielt in meiner Wage-Liebe - so nenne man die grösste30, deren |117 man fähig war - selbst mein Urteil, ich hoffte nämlich nie. Mit einem Mal31 sah ich aber, dass32 auch ich darin irren kann ...33 sehe, dass34 ich mich nun zeitlebens kann geirrt haben; dass35 ich für die Zukunft und36 Vergangenheit nicht sicher bin. Dies stürzte mich ganz um«. Das ist fast38 zerstörender als das39 Unglück und seine40 Schande. Denn selbst die Schande brandmarkt nur und schliesst aus; man kann sich vor ihr verstecken41. Aber hier hat42 sie selbst etwas dazu getan - getan, was alle43 Menschen tun, was unedel44 ist. So ist sie gezwungen zu einer Solidarität mit den Menschen, die45 sich auch irren: sie46 kann sich zeitlebens geirrt haben, sie ist nicht mehr sicher, weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft.
Aus den Elementen1, die sich Rahel in verzweifelter Verspieltheit vorgeholt hat2, baut3 sie sich eine Art erzählbare Geschichte zusammen, versucht es noch einmal, mit sich hausieren zu gehen4, Schicksalsgenossen zu finden. Voraussetzung für den Erfolg ist ihr Verzicht auf »Jenseitsstehen«, Erhabenheit und Prätentionen. Sie weiss nun6, dass7 man nur für das Triviale Exempel wird, hat erfahren8, dass9 das Schicksal sich nicht nur an einem vollzieht, sondern dass10 man kräftig11 mitagiert; dass12 nicht nur ein13 Geschehen, dem man hilflos14 ausgeliefert ist, respektlos die Reinheit des eigenen Innern,16 den Adel der Person antastet, sondern dass17 man selbst nicht anders irrt als andere, dass18 man nicht anders kleinlich ist und schliesslich nicht weniger schlecht wird19. Wie war es denn20 mit Urquijo? Gewiss21, es war auch eine turpitude22, aber nur zu Anfang. Später: »Ich sah mich behandelt, wo ich mit Liebe zu behandeln glaubte .. mir war bis jetzt nichts verächtlicher, als wenn ein Mensch nicht weiss24, wie er mit dem andern steht ... mich glaubt25 ich diesem26 Irrtum nicht27 unterworfen; .. trug ewig den Menschen, die sich darin irrten, einen heimlichen Hass nach29. Behielt in meiner Wage-Liebe - so nenne man die grösste30, deren man fähig war - selbst mein Urteil, ich hoffte nämlich nie. Mit einem Male31 sah ich aber, dass32 auch ich darin irren kann .. sehe, dass34 ich mich nun zeitlebens kann geirrt haben; dass35 ich für die Zukunft und36 Vergangenheit nicht sicher bin. Dies stürzte mich ganz um.37« Diese Einsicht, die erst38 zerstörender erscheint als39 Unglück und Schande, weil sie Reue bedeutet, wird ihre Rettung41. Weil42 sie selbst nicht anders gehandelt hat als43 Menschen eben handeln,44 ist sie zur Solidarität mit Menschen gezwungen, die auch nichts anderes tun als45 sich irren. Sie selbst46 kann sich zeitlebens |125 geirrt haben , spürt47 sie an ihrer Reue. Sie48 ist nicht mehr sicher, weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft.
Aus den Bausteinen1, die sich Rahel in verzweifelter Verspieltheit gesammelt hat2, baut3 sie sich eine Art erzählbare Geschichte zusammen. Mit dieser Geschichte, nicht mit sich selbst, wendet sie sich noch einmal an die Umwelt4, versucht,5 Schicksalsgenossen zu finden. Voraussetzung für den Erfolg ist ihr Verzicht auf »Jenseitsstehen«, Erhabenheit und Prätentionen. Sie weiß nun6, daß7 man nur für das Triviale Exempel wird; hat erfahren8, daß9 das Schicksal sich nicht nur an einem vollzieht, sondern daß10 man kräftig11 mitagiert; daß12 nicht nur ein13 Geschehen, dem man hilflos14 ausgeliefert ist, respektlos die Reinheit des eigenen Innern,16 den Adel der Person antastet, sondern daß17 man selbst nicht anders irrt als andere, daß18 man nicht anders kleinlich ist und schließlich nicht weniger schlecht wird19. Wie war es denn20 mit Urquijo? Gewiß21, es war auch eine »turpitude«22, aber nur zu Anfang. Später: »Ich sah mich behandelt, wo ich mit Liebe zu behandeln glaubte ...23 mir war bis jetzt nichts verächtlicher, als wenn ein Mensch nicht weiß24, wie er mit dem andern steht ... mich glaubt’25 ich dem26 Irrtum nie27 unterworfen; ...28 trug |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000114 ewig den Menschen, die sich darin irrten, einen heimlichen Haß29. Behielt in meiner Wage-Liebe - so nenne man die größte30, deren man fähig war - selbst mein Urteil, ich hoffte nämlich nie. Mit einem Male31 sah ich aber, daß32 auch ich darin irren kann ...33 sehe, daß34 ich mich nun zeitlebens kann geirrt haben; daß35 ich für die Zukunft, die36 Vergangenheit nicht sicher bin. Dies stürzte mich ganz um.37« Diese Einsicht, die erst38 zerstörender erscheint als39 Unglück und Schande, weil sie Reue bedeutet, wird ihre Rettung41. Weil42 sie selbst nicht anders gehandelt hat als43 Menschen eben handeln,44 ist sie zur Solidarität mit Menschen gezwungen, die auch nichts anderes tun als45 sich irren. Sie selbst46 kann sich zeitlebens geirrt haben, spürt47 sie an ihrer Reue. Sie48 ist nicht mehr sicher, weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft.
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Unglück, Schmerz und1 Schande waren voraussehbar - »Seit meiner frühesten Jugend2, seit meiner infamen Geburt musste das ja alles so kommen« -3 und die Voraussicht, ja nur die mögliche Voraussicht als nachträgliches Verstehen schafft noch4 eine Distanz von dem5 Geschehenen, lässt noch den Stolz6, als sei es nur7 das Schicksal, das böse Schicksal, das herabwürdigte8. »Fremdartig« und »unleidlich« ist erst der Hass9, den man selbst fühlt, an dem man deutlich spürt, es gibt kein Sichdistanzieren zu dem Geschehenen. Erst11 der Hass, den man befriedigen möchte12, und der Irrtum, den man begangen hat,13 zwingen zur Solidarität mit anderen14. Erst15 die »Umkehrung des Herzens« zwingt auch das noch zu verstehen, sich auch mit dem noch zu identifizieren, was unausdeutbar hässlich17 und ohne jede Auszeichnung nur exemplarisch ist. Auch der, der Exempel wurde, ist nur ein Mensch unter Menschen.18
Unglück, Schmerz und1 Schande waren voraussehbar - »seit meiner frühesten Jugend2, seit meiner infamen Geburt musste das ja alles so kommen« -3 und die Voraussicht, ja nur die mögliche Voraussicht als nachträgliches Verstehen verschafft4 eine Distanz vom5 Geschehenen, verschafft Sicherheit6, gibt Stolz gegen7 das Schicksal. »Fremdartig« und »unleidlich« ist erst der Hass9, den man gegen sich10 selbst fühlt, der Verlust des Stolzes12, die Einbusse der Sicherheit. Sie13 zwingen zur Solidarität mit den Anderen14. Nur15 die »Umkehrung des Herzens« zwingt auch das noch zu verstehen, sich auch mit dem noch von ferne16 zu identifizieren, was unausdeutbar hässlich17 und ohne jede Auszeichnung nur exemplarisch ist. Auch wer Exempel wurde, ist nur ein Mensch unter Menschen.18
Unglück, Schmerz,1 Schande waren voraussehbar, und die Voraussicht, auch wenn sie erst nachträglich zum Verstehen wird, schafft4 eine Distanz vom5 Geschehenen, verschafft Sicherheit6, gibt Stolz gegen7 das Schicksal. »Fremdartig« und »unleidlich« ist erst der Haß9, den man gegen sich10 selbst fühlt, der Verlust des Stolzes12, die Einbuße der Sicherheit. Sie13 zwingen zur Solidarität mit den anderen14. Nur15 die »Umkehrung des Herzens« zwingt auch das noch zu verstehen, sich auch mit dem noch von ferne16 zu identifizieren, was unausdeutbar häßlich17 und ohne jede Auszeichnung nur exemplarisch ist.
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Nicht nur der ist einer, der hassen kann und irren, nicht nur der ist eitel und voller Ressentiments, der wirklich und immer hasst, irrt, eitel ist und Ressentiments hat, sondern jeder auch, der noch fähig, noch klug genug ist, sie zu bemerken, der noch schlau genug ist, hinter dem Urteil des Anderen nur Ressentiments zu wittern und hinter seiner Grossmut Eitelkeit. Keiner hat das Recht, |118 sich fern zu glauben von den Menschen und ihrer Gemeinheit, der sie bemerkt. Im Bemerken und selbst im Kampf noch zeigt sich seine Solidarität. »Über Frau von Eibenbergs Eitelkeiten und Adelsstolz können Sie garnicht weg! Ich schäme mich immer vor der Fähigkeit, dergleichen noch bemerken zu können. Mir der sicherste Bürge der noch unausgerotteten Gemeinheit in mir«.
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Rahel erzählt ihr Leben der1 Rebecca Friedländer. Rebecca Friedländer ist2 »unleidlich, unnatürlich pauvre von Natur mit Prätensionen5«. Sie6 wird Rahels Freundin in den Jahren 1805 bis 1810 und ein grosser und häufiger Briefwechsel zeigt die Intimität der beiden Frauen. Rebecca Friedländer7 ist in einer ähnlichen Situation wie einst Rahel. Sie liebt den8 Grafen Egloffstein, und er liebt sie wieder, aber es ist von Beginn an klar9, dass er10 die Jüdin nicht12 heiraten wird13. Auch sie leidet unter ihrer Liebe, auch sie kämpft um ihn, auch sie vergeblich. Der Unterschied ist nur, dass14 sie aus dieser Angelegenheit einen Roman15 zusammenschreibt (16»ein abgemalter deutscher17 Salon«)18, der sie nicht weniger kompromittiert als ihren Bekanntenkreis, da jeder, der sie und ihren Kreis kennt,19 sofort imstande ist20, die richtigen Namen einzusetzen. Rahel trennt sich21 daraufhin von ihr22: »Sie23 ist ein grösserer24 Narr als ich dachte«.
Rahel erzählt ihr Leben einer gewissen1 Rebecca Friedländer, einer Person2 »unleidlich, unnatürlich,3 pauvre,4 von Natur mit Prätentionen5«. Die6 wird Rahels Freundin in den Jahren 1805 bis 1810; ein dicker Briefwechsel bezeugt die Intimität der beiden Frauen. Rebecca Friedländer (von Varnhagen bei der Publikation der Briefe in Frau v. Fr. verwandelt)7 ist in einer ähnlichen Situation wie einst Rahel. Sie liebt einen8 Grafen Egloffstein, der halb und halb ihre Liebe erwidert, ohne doch daran zu denken9, die Jüdin zu12 heiraten. Auch sie leidet unter ihrer Liebe, auch sie kämpft um ihn, auch sie vergeblich. Der Unterschied ist nur, dass14 sie aus dieser Angelegenheit einen Roman15 zusammenschreibt (16»ein abgemalter deutscher17 Salon«)18, der sie nicht weniger kompromittiert als ihren Bekanntenkreis, da jeder damals19 sofort imstande war20, die richtigen Namen einzusetzen. Rahel meinte21 daraufhin: |126 »sie23 ist ein grösserer24 Narr als ich dachte« und trennt sich25.
Rahel erzählt ihr Leben einer gewissen1 Rebecca Friedländer, einer Person2 »unleidlich, unnatürlich,3 pauvre von Natur mit Prätentionen5«. Tochter einer Berliner jüdischen Familie Salomon, Schwester der Marianne und Julie Saaling. Aus dem gleichen Milieu stammend, aus dem Rahel kam, hatte sie sich von ihrem Mann getrennt, sich taufen lassen und schrieb unter dem Namen Regina Frohberg schlechte Romane. (Varnhagen veröffentlichte Auszüge aus Rahels Briefen an sie im Buch des Andenkens häufig als Tagebuchnotizen oder unter der Chiffre Frau v. Fr., und Ludmilla Assing nennt sie in dem von ihr veröffentlichten Briefwechsel zwischen Rahel und Varnhagen immer Regina Frohberg, obwohl in den Rahelschen Originalbriefen dieser Name nie vorkommt; sie nennt sie zumeist »die Friedländer«.) Die6 wird Rahels Freundin in den Jahren 1805 bis 1810; hundertachtundfünfzig Briefe Rahels an sie aus diesen Jahren, von denen nur ein Bruchteil von Varnhagen publiziert wurde, bezeugen die Intimität der beiden Frauen. Rebecca Friedländer7 ist in einer ähnlichen Situation wie einst Rahel. Sie liebt einen8 Grafen Egloffstein, der halb und halb ihre Liebe erwidert, ohne doch |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000115 daran zu denken9, die getaufte11 Jüdin zu12 heiraten. Auch sie leidet unter ihrer Liebe, auch sie kämpft um ihn, auch sie vergeblich. Der Unterschied ist nur, daß14 sie aus dieser Angelegenheit einen Schlüsselroman15 zusammenschreibt,16 »einen abgemalten deutschen17 Salon«, der sie nicht weniger kompromittiert als ihren Bekanntenkreis, da jeder damals19 sofort imstande war20, die richtigen Namen einzusetzen. Rahel meinte21 daraufhin: »Sie23 ist ein größerer24 Narr als ich dachte« und trennte sich von ihr25.
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Dieser Rebecca Friedländer vertraut sie ihr Leben und ihre Erfahrungen an. Es hätte nicht einmal einer ähnlichen Situation bedurft, um Rahel zur Freundin zu gewinnen. Denn:1 »mich2 interessiert jeder Mensch, von dem ich glaube, dass3 er unglücklich sein kann4! - Mein grösstes5 Unglück: denn so fangen sie mich alle! Rupfen mich und lassen mich laufen; und wie einem geschändeten Federvieh wachsen mir auch Feder6 und Glaube,7 - aber leider ohne die geringste Überzeugung - wieder!!« Sie8, die immer so viel gerade und zur rechten Zeit9 ist und hergibt, als das Schicksal10 und die Menschen11 von ihr verlangen, lernt erst sehr12 spät, dass13 es auch dummes Unglück geben |119 kann. Dass14 einer unglücklich sein kann - ist das nicht genug, um ein Mensch zu sein? So wenig sie selbst psychologisch erfassbar ist, so wenig kann sie psychologisch verstehen.15
»Mich2 interessiert jeder Mensch, von dem ich glaube, dass3 er unglücklich sei4! - Mein grösstes5 Unglück: denn so fangen sie mich alle! Rupfen mich und lassen mich laufen; und wie einem geschändeten Federvieh wachsen mir auch Feder6 und Glaube,7 - aber leider ohne die geringste Überzeugung - wieder!!« Rahel8, die immer so viel ist und hergibt, als Umstände, Menschen10 und Schicksal gerade11 von ihr verlangen, lernt erst spät, dass13 es auch dummes Unglück geben kann. Dass14 einer unglücklich sein kann - ist das nicht genug, um ein Mensch zu sein?
»Mich2 interessiert jeder Mensch, von dem ich glaube, daß3 er unglücklich sei4! - Mein größtes5 Unglück: denn so fangen sie mich alle! Rupfen mich und lassen mich laufen; und wie einem geschändeten Federvieh wachsen mir auch Federn6 und Glauben7 - aber leider ohne die geringste Überzeugung - wieder!!« Rahel8, die immer so viel ist und hergibt, als Umstände, Menschen10 und Schicksale gerade11 von ihr verlangen, lernt erst spät, daß13 es auch dummes Unglück geben kann. Daß14 einer unglücklich sein kann - ist das nicht genug, um ein Mensch zu sein?
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Sie behält nichts für sich, sie2 verrät sich und alle Anderen3. Nicht, weil sie etwas erzählt4, dies oder jenes;5 es steht in den Briefen kaum etwas, das7 sie nicht auch Anderen gesagt hätte. Aber weil sie alles sagt,9 einem Menschen alles, weil sie10 nichts verschweigt, weil sie sich bis zuletzt11, bis ihr die Narrheit der Friedländer doch zu viel wird, dieser Einen12 ganz ausliefert, sich ganz mit ihr solidarisch erklärt.
Sie behält im Erzählen1 nichts für sich, verschweigt nichts,2 verrät sich und alle Anderen3. Nicht, weil sie nun der Friedländer Besonderes4, sonst Verschwiegenes erzählt hätte -5 es steht in den Briefen an sie6 kaum etwas, was7 sie nicht gelegentlich8 auch in Briefen an Andere mitteilte -; aber weil sie9 einem Menschen alles sagt, einem10 nichts verschweigt, weil sie sich bis zuletzt11, bis ihr die Narrheit der Friedländer doch zu viel wird, dieser Einen12 ganz ausliefert, sich ganz mit ihr solidarisch erklärt.
Sie behält im Erzählen1 nichts für sich, verschweigt nichts,2 verrät sich und alle anderen3. Nicht, weil sie nun der Friedländer Besonderes4, sonst Verschwiegenes erzählt hätte -5 es steht in den Briefen an sie6 kaum etwas, was7 sie nicht gelegentlich8 auch in Briefen an andere mitteilte -; aber weil sie9 einem Menschen alles sagt, einem10 nichts verschweigt, weil sie sich, bis ihr die Narrheit der Friedländer doch zuviel wird, dieser einen12 ganz ausliefert, sich ganz mit ihr solidarisch erklärt.
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Schliesslich1 hat sie Recht2. Sie ist mit ihr weitgehend solidarisch, weil3 sie wirklich4 ein ähnliches Schicksal haben5. Sie ist verpflichtet,6 alles zu sagen, weil sie sagen7 kann, was die andere nicht kann8. Sie ist verpflichtet, die »liebende Zeugin« zu sein, weil sie weiss, was es heisst, zu leiden,9 ohne jemanden zu haben10, der Zeugnis ablegen kann. »Lassen Sie sich dies Trost in dem Schrecknis sein, dass11 eine Kreatur lebt, die ihre Existenz als liebende Zeugin kennt, und - ich wage es zu sagen - durchschaut«. Jeder12 Schmerz, den die andere ihr erzählt, sie kennt ihn,13 und sie14 beweist ihr, dass15 es grössere und16 schlimmere gibt17, »höheres Leid, das ich erlebt habe!« Sie lehrt die Freundin, dass18 das Leben weiter geht:19 »Hoffen Sie auf Kräfte, die Sie noch nicht haben! Das ist doch das Unmöglichste und ist doch möglich.« Dass20 der Schmerz eine Garantie sein kann dafür, dass21 das Leben nicht an einem vorübergegangen22 ist: »Schmerzen erleben, heisst23 auch leben«. Und dass24 man dennoch nicht den Schmerz lieben darf, ihn nicht verwechseln darf25 mit dem, was wirklich geschah: »Lieben Sie nicht Ihren Schmerz«. Dass der Schmerz nicht ein26 Gefühl bleiben darf, an das man sich klammert. Dass er dagegen27 die Grundlage des Menschen werden28 kann, der mit ihm stets |120 etwas ist und nie mehr einfach nichtig; dass29 der Mensch dann aber jeden »holden Leichtsinn« nicht nur erträgt, sondern sich herbeischafft, um es30 aushalten zu können; dass31 er »rege und amusabel32« bleiben muss33, denn dies erst »mit grossem erstandenen35 Leid gesellt, gibt dem ganzen Wesen das36 Gewicht, das es gehen macht«. Sie scheut sich nicht, ihr die banalsten Dinge einzuschärfen; dass37 die Jugend ein Vorzug sein kann38, weil trotz des Schmerzes39 »die Welt grösser40 an Ereignissen ist als unser Geist«; dass die Jugend Zeit hat41 und noch warten kann; warten kann auch42, wenn sie nicht will, auch wenn sie43 auf den Tag hofft, da alles vorbei sein wird:45 »Da Sie weiter leben müssen, leben Sie wirklich!!«; dass auch46 die Hoffnung auf den Tod noch47 eine Verblendung des Schmerzes ist, denn »heftig und tief ist die Jugend, aber was es alles gibt, weiss48 sie noch nicht«. So weiss die Jugend49 nicht, will in der Verblendung des Schmerzes nicht wissen, dass das Leben uns locken kann50: »Genüsse drängen sich auch im schlechtesten Zustand noch an. Die Sonne scheint! Wir leiden, wir klagen!« Und sie versucht,51 in ihr die gute Neugier zu wecken, den ersten schüchternen52 Versuch, mit dem Leben fertig zu werden, das Leben54 zu lieben: »Ist es nicht schon aus Neugier wert, sein Leben zu durchleben, und Schmerz und Freude zu belauschen?« Denn die55 Neugier führt zur Einsicht, zur Bereitschaft zu verstehen - »wenn es uns nur rückwärts klar ist« - schliesslich57 zu jenem letzten Ja, zu58 jener letzten Einwilligung, die sich von dem Nein des Selbstmords59 gleichsam abgestossen60 hat, um sich dem Leben freiwillig auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Zu ergeben61 aus Dankbarkeit, nicht62 dafür, dass63 die Sonne scheint, sondern aus Dankbarkeit dafür, dass64 wir das Leben65 verstehen können: »Am Ende der Dinge ist es auch wieder gut: wie alles, wenn wir’s verstehn66
Schliesslich1 hat Rahel Recht2. Sie ist mit ihr weitgehend solidarisch, sie haben4 ein ähnliches Schicksal. Sie ist verpflichtet alles zu sagen, weil sie überhaupt erzählen7 kann, was die andere nicht vermag8. Sie ist verpflichtet, die »liebende Zeugin« zu sein, weil sie erfahren hat, wie nutzlos Leiden ist9 ohne jemanden, der Zeugnis ablegen kann. »Lassen Sie sich dies Trost in dem Schrecknis sein, dass11 eine Kreatur lebt, die ihre Existenz als liebende Zeugin kennt, und - ich wage es zu sagen - durchschaut.« Jeden12 Schmerz, den die andere ihr erzählt, sie kennt ihn und beweist ihr, dass15 es grössere,16 schlimmere gebe17, »höheres Leid, das |127 ich erlebt habe!« Sie lehrt die Freundin, dass18 das Leben weitergeht -19 »Hoffen Sie auf Kräfte, die Sie noch nicht haben! Das ist doch das Unmöglichste und ist doch möglich«. Dass20 der Schmerz eine Garantie sein kann dafür, dass21 das Leben nicht an einem vorbeigegangen22 ist: »Schmerzen erleben, heisst23 auch leben«. Und dass24 man dennoch nicht den Schmerz lieben darf, ihn nicht verwechseln soll25 mit dem, was wirklich geschah: »Lieben Sie nicht Ihren Schmerz«, dass er kein26 Gefühl bleiben darf, an das man sich klammert, und dennoch27 die Grundlage einer Existenz abgeben28 kann, weil er die reine Nichtigkeit vertreibt. Dass29 der Mensch dann aber jeden »holden Leichtsinn« nicht nur erträgt, sondern sich herbeischafft, um das Leid30 aushalten zu können; dass31 er »rege und amusabel32« bleiben muss33, denn dies erst »mit grossem erstandenem35 Leid gesellt, gibt dem ganzen Wesen dies36 Gewicht, das es gehen macht«. Sie scheut sich nicht, ihr die banalsten Dinge einzuschärfen - dass37 die Jugend ein Vorzug ist38, weil Jugend Zeit hat und warten kann, und weil39 »die Welt grösser40 an Ereignissen ist als unser Geist«; dass man an Schmerz41 und Unglück nicht stirbt42, sondern zumeist ganz real43 auf den nächsten44 Tag hofft.45 »Da Sie weiter leben müssen, leben Sie wirklich!!«; dass46 die Hoffnung auf den Tod nur47 eine Verblendung des Schmerzes ist, denn »heftig und tief ist die Jugend, aber was es alles gibt, weiss48 sie noch nicht«, zum Beispiel49 nicht wie schön und lockend immer noch das ist, was nach dem bösesten Verlust unweigerlich bleibt50: »Genüsse drängen sich auch im schlechtesten Zustand noch an. Die Sonne scheint! Wir leiden, wir klagen!« Und sie versucht in ihr die gute Neugier zu wecken, die der erste schüchterne52 Versuch ist53, mit dem Leben fertig zu werden und es54 zu lieben: »Ist |128 es nicht schon aus Neugier wert, sein Leben zu durchleben, und Schmerz und Freude zu belauschen?« Aus der55 Neugier führt der Weg56 zur Einsicht, zur Bereitschaft zu verstehen - »wenn es uns nur rückwärts klar ist« - schliesslich57 zu jener letzten Einwilligung, die sich von dem Nein des Selbstmords59 gleichsam abgestossen60 hat, um sich dem Leben freiwillig auf Gnade und Ungnade zu ergeben,61 aus Dankbarkeit dafür, dass63 die Sonne immer scheint und dass64 wir verstehen können: »Am Ende der Dinge ist es auch wieder gut: wie alles, wenn wir’s verstehen66
Schließlich1 hat Rahel recht2. Sie ist mit ihr weitgehend solidarisch, sie haben4 ein ähnliches Schicksal. Sie ist verpflichtet alles zu sagen, weil sie verstehen und erzählen7 kann, was die andere nicht vermag; die kann nur Romane schreiben8. Sie ist verpflichtet, die »liebende Zeugin« zu sein, weil sie erfahren hat, wie nutzlos Leiden ist9 ohne jemanden, der Zeugnis ablegen kann. »Lassen Sie sich dies Trost in dem Schrecknis sein, daß11 eine Kreatur lebt, die ihre Existenz als liebende Zeugin kennt, und - ich wage es zu sagen - durchschaut.« Jeden12 Schmerz, den die andere ihr erzählt, sie kennt ihn und beweist ihr, daß15 es größere,16 schlimmere gebe17, »höheres Leid, das ich erlebt habe!« Sie lehrt die Freundin, daß18 das Leben weitergeht -19 »Hoffen Sie auf Kräfte, die Sie noch nicht haben! Das ist doch das Unmöglichste und ist doch möglich«. Daß20 der Schmerz eine Garantie sein kann dafür, daß21 das Leben nicht an einem vorbeigegangen22 ist: »Schmerzen erleben, heißt23 auch leben«. Und daß24 man dennoch nicht den Schmerz lieben darf, ihn nicht verwechseln soll25 mit dem, was wirklich geschah: »Lieben Sie nicht Ihren Schmerz«, daß er kein26 Gefühl |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000116 bleiben darf, an das man sich klammert, und dennoch27 die Grundlage einer Existenz abgeben28 kann, weil er die reine Nichtigkeit vertreibt. Daß29 der Mensch dann aber jeden »holden Leichtsinn« nicht nur erträgt, sondern sich herbeischafft, um das Leid30 aushalten zu können; daß31 er »rege und amüsabel32« bleiben muß33, denn dies erst,34 »mit großem erstandenem35 Leid gesellt, gibt dem ganzen Wesen dies36 Gewicht, das es gehen macht«. Sie scheut sich nicht, ihr die banalsten Dinge einzuschärfen - daß37 die Jugend ein Vorzug ist38, weil Jugend Zeit hat und warten kann, und weil39 »die Welt größer40 an Ereignissen ist als unser Geist«; daß man an Schmerz41 und Unglück nicht stirbt42, sondern zumeist ganz real43 auf den nächsten44 Tag hofft.45 »Da Sie weiter leben müssen, leben Sie wirklich!!«; daß46 die Hoffnung auf den Tod nur47 eine Verblendung des Schmerzes ist, denn »heftig und tief ist die Jugend, aber was es alles gibt, weiß48 sie noch nicht«, zum Beispiel49 nicht, wie schön und lockend immer noch das ist, was nach dem bösesten Verlust unweigerlich bleibt50: »Genüsse drängen sich auch im schlechtesten Zustand noch an. Die Sonne scheint! Wir leiden, wir klagen!« Und sie versucht in ihr die gute Neugier zu wecken, die der erste schüchterne52 Versuch ist53, mit dem Leben fertig zu werden und es54 zu lieben: »Ist es nicht schon aus Neugier wert, sein Leben zu durchleben, und Schmerz und Freude zu belauschen?« Aus der55 Neugier führt der Weg56 zur Einsicht, zur Bereitschaft zu verstehen - »wenn es uns nur rückwärts klar ist« -, schließlich57 zu jener letzten Einwilligung, die sich von dem Nein des Selbstmordes59 gleichsam abgestoßen60 hat, um sich dem Leben freiwillig auf Gnade und Ungnade zu ergeben,61 aus Dankbarkeit dafür, daß63 die Sonne immer scheint und daß64 wir verstehen können: »Am Ende der Dinge ist es auch wieder gut: wie alles, wenn wir’s verstehen66
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290
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Man sieht: was das Leben lehren kann an abgezogenen Resultaten, die von dem verzweifelten Spiel mit zusammenhanglosen Erinnerungsstücken übrig bleiben, ist dürftig genug, sind Trivialitäten. Leuchtet man mit dem Licht der Vernunft und der Absicht der Mitteilung in das dunkle Gespenstertreiben der Zusammenhanglosigkeit hinein, so fällt der Plunder unheimlicher Rätselhaftigkeit, der dem Chaos eine Art Konsistenz verschafft, in Nichts zusammen, und es bleiben nur Lebensweisheiten. Auch aus solcher Armseligkeit kann nur die Solidarität mit Menschen retten, die aus bestimmten Gründen gerade die Banalität nicht von Haus aus kennen, denen die »infame Geburt« gerade solche bittersten und banalsten Erfahrungen vorgezeichnet hat.
Man sieht: was das Leben lehren kann an abgezogenen Resultaten, die von dem verzweifelten Spiel mit zusammenhanglosen Erinnerungsstücken übrigbleiben, ist dürftig genug, sind Trivialitäten. Leuchtet man mit dem Licht der Vernunft und der Absicht der Mitteilung in das dunkle Gespenstertreiben der Zusammenhanglosigkeit hinein, so fällt der Plunder unheimlicher Rätselhaftigkeit, der dem Chaos eine Art Konsistenz verschafft, in Nichts zusammen, und es bleiben nur Lebensweisheiten. Auch aus solcher Armseligkeit kann nur die Solidarität mit Menschen retten, die aus bestimmten Gründen gerade die Banalität nicht von Haus aus kennen, denen die »infame Geburt« gerade solche bittersten und banalsten Erfahrungen vorgezeichnet hat.
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»Lassen Sie mich für Sie1 gelitten haben«, bittet Rahel die Freundin. Dies ist der Sinn ihrer Lehren, ihrer2 Ermahnungen, ihrer3 |121 Mitteilungen. Es genügt nicht, ein Exempel zu sein, man muss4 es für jemanden sein können. Wenigstens ein Mensch muss5 an Rahel exemplarisch lernen können6: »Das habe ich mir in höchster Not von Gott ausgebeten; und gelobt, meine Seele zu beruhigen, wenn er’s mir gewährt; er und ich halten Wort.« Sie sucht nicht nur die, die7 ein gleiches Schicksal haben. Es9 scheint ihr sogar10 unsinnig, dass11 sich an einem12 anderen das wiederholen soll, was sie bis zur Neige ausgekostet und13 bis in die letzte Konsequenz verfolgt hat. Sie will sich in die Welt und ihre Geschichte einreihen, in der es keine Wiederholung gibt14. Und wie sie selbst - schon durch ihr Alter - vor Wiederholung gefeit ist, so will sie sich vor jeden stellen, an dem sich ihr Schicksal16 wiederholen könnte17, will seine Stelle vertreten mit dem Recht, das ihr ihre Vergangenheit18 gibt. »Ich will ihre Jugend loskaufen: meine musste19 dahin... und viel ist mir erlaubt, - doch erlaube ich mir nichts, als das Tröpfelchen Freude zu geben, was irgend ein Guter noch an mir finden kann!« Ja freilich,21 ihr Leben ist22 dahin, warum sollte sie sich nicht alles erlauben? Sie kann nicht mehr glücklich werden; »der Hofmaler aus dem Himmel hat mein altes Leid übertüncht: und es benimmt mir Leben, Atem und Aussicht23 Warum soll sie sich nicht laufen lassen? Ist das Festhalten an sich selbst nicht schon24 eine Überschätzung der eigenen Person? Und woran soll sie festhalten, wenn nicht an dem alten Leid?
»Lassen Sie mich für sich1 gelitten haben«, bittet Rahel die Freundin. Dies ist der Sinn ihrer Lehren, Ermahnungen, Mitteilungen. Es genügt nicht, ein Exempel zu sein, man muss4 es für jemanden sein können. Wenigstens ein Mensch muss5 an Rahel exemplarisch lernen: »Das habe ich mir in höchster Not von Gott ausgebeten; und gelobt, meine Seele zu beruhigen, wenn er’s mir gewährt; er und ich halten Wort.« Sie sucht nicht nur die, welche7 |129 ein gleiches Schicksal bereits erlitten8 haben, es9 scheint ihr vielmehr10 unsinnig, dass11 sich an anderen das wiederholen soll, was sie bis zur Neige ausgekostet,13 bis in die letzte Konsequenz verfolgt hat. Sie will sich in die Welt und ihre Geschichte einreihen, in der es keine Wiederholung geben sollte14. Und wie sie selbst - schon durch ihr Alter - vor Wiederholung einigermassen15 gefeit ist, so will sie sich vor jeden stellen, an dem sich ihre Erfahrungen16 wiederholen könnten17, will seine Stelle vertreten mit dem Recht, das Vergangenes18 gibt. »Ich will ihre Jugend loskaufen: meine musste19 dahin. ...20 und viel ist mir erlaubt, - doch erlaube ich mir nichts, als das Tröpfelchen Freude zu geben, was irgend ein Guter noch an mir finden kann!« Freilich ist21 ihr Leben dahin, warum sollte sie sich nicht alles erlauben? Sie kann nicht mehr glücklich werden; »der Hofmaler aus dem Himmel hat mein altes Leid übertüncht: und es benimmt mir Leben, Atem und Aussicht23 Warum soll sie sich nicht laufen lassen? Ist das Festhalten an sich selbst nicht auch24 eine Überschätzung der eigenen Person? Und woran soll sie festhalten, wenn nicht an dem alten Leid?
»Lassen Sie mich für sich1 gelitten haben«, bittet Rahel die Freundin. Dies ist der Sinn ihrer Lehren, Ermahnungen, Mitteilungen. Es genügt nicht, ein Exempel zu sein, man muß4 es für jemanden sein können. Wenigstens ein Mensch muß5 an Rahel exemplarisch lernen: »Das habe ich mir in höchster Not von Gott ausgebeten; und gelobt, meine Seele zu beruhigen, wenn er’s mir gewährt; er und ich halten Wort.« Sie sucht nicht nur die, welche7 ein gleiches Schicksal bereits erlitten8 haben, es9 scheint ihr vielmehr10 unsinnig, daß11 sich an anderen das wiederholen soll, was sie bis zur Neige ausgekostet,13 bis in die letzte Konsequenz verfolgt hat. Sie will sich in die Welt und ihre Geschichte einreihen, in der es keine Wiederholung geben sollte14. Und wie sie selbst - schon durch ihr Alter - vor Wiederholung einigermaßen15 gefeit ist, so will sie sich vor jeden stellen, an dem sich ihre Erfahrungen16 wiederholen könnten17, will seine Stelle vertreten mit dem Recht, das Vergangenes18 gibt. »Ich will ihre Jugend loskaufen: meine mußte19 dahin. ...20 und viel ist mir erlaubt, - doch erlaube ich mir nichts, als das Tröpfelchen Freude zu geben, was irgendein Guter noch an mir finden kann!« Freilich ist21 ihr Leben dahin, warum sollte sie sich nicht alles erlauben? Sie kann nicht mehr glücklich werden; »der Hofmaler aus dem Himmel hat mein altes Leid übertüncht: und es benimmt mir Leben, Atem und Aussicht«.23 Warum soll sie sich nicht laufen lassen? Ist das Festhalten an sich selbst nicht auch24 eine Überschätzung der eigenen Person? Und woran soll sie festhalten, wenn nicht an dem alten Leid?
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292
Sie lässt sich nicht laufen, und sie erlaubt sich nichts. Täte sie es, so hätte sie nicht nur für die Zukunft verspielt, die doch ohne Aussicht ist, sondern auch für die Vergangenheit. Es wäre zu nichts gut gewesen, was ihr geschah. Sie versucht, ihre Vergangenheit den Gegenwärtigen, denen, die noch Leben, Atem und |122 Aussicht haben, zu übermitteln. Sie gibt als Preis sich selbst und alles, was ihr geschah.
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293
Man kann sich bluffen lassen von der eigenen Aussichtslosigkeit und das Leben lassen. Man kann aber auch auf dem bestehen, was sich im Geschehen gezeigt hat, auf der »Wahrheit, dass es wahr in mir war und bleibt«. Man kann darauf bestehen, dass das, was einmal war, auch bleibt, d.h. in die Geschichte eingeht. Man kann sich wehren gegen alle Zerstreuung und in sich selbst das einzige Gefäss des Bewahrens sehen. Das ist ein böser und schwerer Weg, denn er gestattet nicht, dass man sich aussucht, was man bewahren und übermitteln will. Er zwingt, hat man ihn erst einmal beschritten, unerbittlich alles zu »lieben was einmal ist«. Und er zwingt zur dauernden Nachbarschaft mit der Vergangenheit. Kein Schritt auf ihm führt vorwärts, der nicht verdunkelt ist von den Schatten dessen, was war. Wenn man nichts vergisst, ist der Weg wie zugemauert von Bekanntem, und selbst das Zukünftige, selbst das, was erst kommen wird, das Unbekannte wird dem gespenstisch vertraut, der alles schon weiss und nicht geneigt ist, sich von dem plötzlichen Schreck des Nochnichtgesehenhabens etwas aus der Hand schlagen zu lassen. Alle werden bekannt, denn allen hat man nur das Bekannte mitzuteilen.
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Rahel hat nichts mehr zu erfahren, aber sie ist gezwungen, das Erfahrene im Wort zu wiederholen. Sie kann2 nicht alles einem mitteilen4, um sich dann wieder fortzuschleichen aus der Gesellschaft der Menschen. Kann dieser Eine5 nicht sterben und alles wieder vergessen sein lassen? Kann sie diesen Einen6 denn kontrollieren, dass7 er wirklich bewahrt und nicht nur verrät? Sie lebt ja in keiner festen Tradition, sie hat ja keine Stelle in der Welt der Menschen, |123 die ihr garantierte, dass8 sie bliebe. So muss9 sie den Weg zur Geschichte, der ihr nur offen steht auf Grund ihrer eigenen Geschichte10, immer wieder11 gehen. Nur an sich hat sie die Geschichte12 des Bleibens,13 nur wenn es ihr gelingt so zu bleiben, wie sie ist, so zu bewahren, wie sie erfuhr. Nur15 wenn sie in jeder Wiedererzählung die alten Schmerzen fühlt, hat sie eine Garantie dafür, dass16 sie weiter übermitteln kann. »Ich wäre ...17 gekommen, wenn ich nicht körperlich ...18 herunter wäre; von einem einzigen Gespräch ... über Liebe, über meine Liebe;19 das mir meinen Zustand und mich ihm so zurückführte20, dass21 ich Herzschmerzen - physische - empfand; und Tiefen ersah, von denen ich hier schweige, und die ich mit allen Reden nicht abschattete. Dies22 gab mir meine ganze ...23 Krankheit zu erkennen: und beweist und bezeugt mir, dass24 ich nichts Ähnliches mehr acht Tage, ohne Grab, gegrabenes Grab ...25 überlebte:26 und gab mir auch einige Resultate, und die Wahrheit, dass27 es wahr in mir war und bleibt.«
Man kann sich bluffen lassen von der eigenen Aussichtslosigkeit und das Leben dahinlaufen lassen. Man kann aber auch auf dem bestehen, was sich im Geschehen gezeigt hat, auf der »Wahrheit, dass es wahr in mir war und bleibt«. Man kann darauf bestehen, dass das, was einmal war, auch bleibt, in die Geschichte eingeht. Man kann sich wehren gegen Zerstreuung und in sich selbst das einzige Gefäss des Bewahrens sehen. Das ist ein böser und schwerer Weg, denn er gestattet nicht, dass man sich aussucht, was man bewahren, was man übermitteln will. Er zwingt, |130 hat man ihn erst einmal beschritten, unerbittlich alles zu »lieben, was einmal ist«. Und er erzwingt eine dauernde Nachbarschaft zu Vergangenem. Kein Schritt führt vorwärts, der nicht verdunkelt wäre von den Schatten dessen, was war. Wenn man nichts vergisst, ist der Weg wie zugemauert von Bekanntem; und selbst das Zukünftige, selbst was erst kommen wird, das Unbekannte, wird dem gespenstisch vertraut, der alles schon weiss und nicht mehr geneigt ist, sich von dem plötzlichen Schreck des Unbekannten und Unerwarteten etwas aus der Hand schlagen zu lassen. Alle werden bekannt, denn allen hat man nur das Bekannte mitzuteilen.1 Rahel hat nichts mehr zu erfahren, aber sie ist gezwungen, das Erfahrene im Wort zu wiederholen. Sie vermag2 nicht alles einem Einzigen mitzuteilen4, um sich dann wieder fortzuschleichen aus der Gesellschaft der Menschen. Kann dieser Eine5 nicht sterben und alles wieder vergessen sein lassen? Kann sie diesen Einen6 denn kontrollieren, dass7 er wirklich bewahrt und nicht nur verrät? Sie lebt ja in keiner festen Tradition, sie hat ja keine Stelle in der Welt der Menschen, die ihr garantierte, dass8 sie bliebe. So muss9 sie den Weg zur Geschichte, der ihr nur offen steht auf Grund ihrer Biographie10, immer von neuem11 gehen. Nur an sich hat sie die Garantie12 des Bleibens;13 nur wenn es ihr gelingt,14 so zu bleiben, wie sie ist, so zu bewahren, wie sie erfuhr, nur15 wenn sie in jeder Wiedererzählung die alten Schmerzen fühlt, hat sie eine Garantie dafür, dass16 sie weiter übermitteln kann. »Ich wäre .. gekommen, wenn ich nicht körperlich .. herunter wäre; von einem einzigen Gespräch... über Liebe, über meine Liebe,19 das mir meinen Zustand und mich ihm so zuführte20, dass21 ich Herzschmerzen - |131 physische - empfand; und Tiefen ersah, von denen ich hier schweige, und die ich mit allen Reden nicht abschattete. Die22 gab mir meine ganze .. Krankheit zu erkennen: und beweist und bezeugt mir, dass24 ich nichts Ähnliches mehr acht Tage, ohne Grab, gegrabenes Grab .. überlebte;26 und gab mir auch einige Resultate, und die Wahrheit, dass27 es wahr in mir war und bleibt.«
Man kann sich bluffen lassen von der eigenen Aussichtslosigkeit und das Leben dahinlaufen lassen. Man kann aber auch auf dem bestehen, was sich im Geschehen gezeigt hat, auf der »Wahrheit, daß es wahr in mir war und bleibt«. Man kann darauf bestehen, daß das, was einmal war, auch bleibt, in der Welt bleibt. Man kann sich wehren gegen Zerstreuung und in sich selbst das einzige Gefäß des Bewahrens sehen. Das ist ein böser und schwerer Weg, denn er gestattet nicht, daß man sich aussucht, was man bewahren, was man übermitteln will. Er zwingt, hat man ihn erst einmal beschritten, unerbittlich alles zu »lieben, was einmal ist«. Und er erzwingt eine dauernde Nachbarschaft zu Vergangenem. Kein Schritt führt vorwärts, der nicht verdunkelt wäre, von den Schatten dessen, was war. Wenn man nichts vergißt, ist der Weg wie zugemauert von Bekanntem; und selbst das Zukünftige, selbst was erst kommen wird, das Unbekannte, wird dem gespenstisch vertraut, der alles schon weiß und nicht mehr geneigt ist, sich von dem plötzlichen Schreck des |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000118 Noch-nicht-gesehen-habens etwas aus der Hand schlagen zu lassen. Alle werden bekannt, denn allen hat man nur das Bekannte mitzuteilen.1 Rahel hat nichts mehr zu erfahren, aber sie ist gezwungen, das Erfahrene im Wort zu wiederholen. Sie vermag2 nicht,3 alles einem einzigen mitzuteilen4, um sich dann wieder fortzuschleichen aus der Gesellschaft der Menschen. Kann dieser eine5 nicht sterben und alles wieder vergessen sein lassen? Kann sie diesen einen6 denn kontrollieren, daß7 er wirklich bewahrt und nicht nur verrät? Sie lebt ja in keiner festen Tradition, sie hat ja keine Stelle in der Welt der Menschen, die ihr garantierte, daß8 sie bliebe. So muß9 sie den Weg zur Geschichte, der ihr nur offensteht auf Grund ihres Lebens10, immer von neuem11 gehen. Nur an sich hat sie die Garantie12 des Bleibens;13 nur wenn es ihr gelingt,14 so zu bleiben, wie sie ist, so zu bewahren, wie sie erfuhr, nur15 wenn sie in jeder Wiedererzählung die alten Schmerzen fühlt, hat sie eine Garantie dafür, daß16 sie weiter übermitteln kann. »Ich wäre ...17 gekommen, wenn ich nicht körperlich ...18 herunter wäre; von einem einzigen Gespräch ... über Liebe, über meine Liebe;19 das mir meinen Zustand und mich ihm so zuführte20, daß21 ich Herzschmerzen - physische - empfand; und Tiefen ersah, von denen ich hier schweige, und die ich mit allen Reden nicht abschattete. Dies22 gab mir meine ganze ...23 Krankheit zu erkennen: und beweist und bezeugt mir, daß24 ich nichts Ähnliches mehr acht Tage, ohne Grab, gegrabenes Grab ...25 überlebte;26 und gab mir auch einige Resultate, und die Wahrheit, daß27 es wahr in mir war und bleibt.«
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10. Kapitel Der grosse Glücksfall
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Weder Rahels dürftige Resultate noch die Schicksalsgenossen hätten ausgereicht, ihr eine Art geschichtlicher Existenz zu sichern. Ihr Versuch der Mitteilung wäre aussichtslos und ohne jede Direktion geblieben, hätte sie nicht für sich einen »Vermittler« gefunden, dem sie sich anschliessen1, dem sie nachsprechen konnte. Der Vermittler ist2 Goethe -3 »durch all mein Leben begleitete der Dichter mich unfehlbar«.5 Jede Jugend bedarf solcher Begleitung und Anleitung zur Einführung ins Leben, zur Ausbildung der Person, zur Auffindung der wenigen grossen6 einfachen Dinge, auf die es ankommt. Als Rahel noch7 jung war und der erste Band des Wilhelm Meister erschien, haben sie und die Freunde wohl versucht, auszumitteln, mit wem sie mehr Ähnlichkeit habe, mit Aurelie, die unglücklich den Lothario liebt, oder mit Philine, die unverwüstlich in jeder Situation das treffende Wort findet und den treffenden Witz, die jenen Leichtsinn verkörpert, ohne den das Leben so wenig zu ertragen wäre wie der Roman selbst mit Mignon und dem Harfner. Dies Spiel ist längst aufgegeben. Nur die Jugend präpariert die Figuren aus dem Werk heraus, weil sie im Leben noch sich selbst sucht. Der von sich selbst emanzipierte Mensch flüchtet zum Dichter aus dem Schrecknis, dass8 alles, was er erfuhr, vergehen könnte; flüchtet zum Modell und zum Dargestellten, in dem immer wieder aufleuchtet, was er anders nur dunkel zu vermuten vermag. Dass9 Rahel sich überhaupt an den Dichter hält, das ist ihr |133 heilsamer, durch keinen Schmerz ganz zerstörter Wille, schliesslich10 und am Ende auch zu verstehen. »Kräftig und gesund brachte der mir zusammen, was ich, Unglück und Glück, zersplitterte, und ich nicht sichtlich zusammenzuhalten vermochte.« Goethe lehrt sie den Zusammenhang: dass11 Glück und Unglück nicht einfach auf eine Kreatur vom Himmel fallen, sondern dass12 es Glück und Unglück nur in einem Leben gibt, das als solches der Zusammenhalt sein muss13. Glück und Unglück sind im Wilhelm Meister bildende Elemente, das Unglück mit Marianne14 im ersten Buch treibt Meister sogar erst in seine Bildungsgeschichte hinein. Nichts konnte belehrender und tröstlicher für Rahel sein als ein Leben, in dem, was geschieht,15 eine Bedeutung hat, in dem es nur Verstehbares gibt, sodass16 kaum noch eine Stelle bleibt, in die das schlechthin Zerstörerische, das, was den Menschen zwingt, sich aufzugeben, einbrechen kann, in dem selbst der Zufall ein »gebildeter Mann« (Schlegel)17 geworden ist. Wie heftig sie gerade das Helle, Einsichtige, Verstehbare sucht, zeigt am deutlichsten ihr leidenschaftlicher Protest gegen die Wahlverwandtschaften: »Der18 Stoff .. ist mir zuwider. Das Leichenhafte des Ausgangs zieht sich rückwärts,20 bis in den Anfang hinein, wo einem schon etwas beklommen zu Mut ist. Ganz besonders aber ist mir Ottilie zuwider, mit ihrem halbseitigen Kopfweh, ihrer dunklen Naturbeziehung, ihrem Mangel an Talent.«
Weder Rahels dürftige Resultate noch die Schicksalsgenossen hätten ausgereicht, ihr eine Art geschichtlicher Existenz zu sichern. Ihr Versuch der Mitteilung wäre aussichtslos und ohne jede Direktion geblieben, hätte sie nicht für sich einen »Vermittler« gefunden, dem sie sich anschließen1, dem sie nachsprechen konnte: »Hören Sie auf2 Goethe«, rät sie der Freundin,3 »mit Tränen schreibe ich den Namen dieses Vermittlers in Erinnerung großer Drangsale ... Lesen Sie <ihn>, ... wie man die Bibel im Unglück liest.« Denn »4durch all mein Leben begleitete der Dichter mich unfehlbar5 Jede Jugend bedarf solcher Begleitung und Anleitung zur Einführung ins Leben, zur Ausbildung der Person, zur Auffindung der wenigen großen6 einfachen Dinge, auf die es ankommt. Als Rahel jung war und der erste Band des Wilhelm Meister erschien, haben sie und die Freunde wohl versucht, auszumitteln, mit wem sie mehr Ähnlichkeit habe, mit Aurelie, die unglücklich den Lothario liebt, oder mit |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000119 Philine, die unverwüstlich in jeder Situation das treffende Wort findet und den treffenden Witz, die jenen Leichtsinn verkörpert, ohne den das Leben so wenig zu ertragen wäre wie der Roman selbst mit Mignon und dem Harfner. Dies Spiel ist längst aufgegeben. Nur die Jugend präpariert die Figuren aus dem Werk heraus, weil sie im Leben noch sich selbst sucht. Der von sich selbst emanzipierte Mensch flüchtet zum Dichter aus dem Schrecknis, daß8 alles, was er erfuhr, vergehen könnte; flüchtet zum Modell und zum Dargestellten, in dem immer wieder aufleuchtet, was er anders nur dunkel zu vermuten vermag. Daß9 Rahel sich überhaupt an den Dichter hält, das ist ihr heilsamer, durch keinen Schmerz ganz zerstörter Wille, schließlich10 und am Ende auch zu verstehen. »Kräftig und gesund brachte der mir zusammen, was ich, Unglück und Glück, zersplitterte, und ich nicht sichtlich zusammenzuhalten vermochte.« Goethe lehrt sie den Zusammenhang: daß11 Glück und Unglück nicht einfach auf eine Kreatur vom Himmel fallen, sondern daß12 es Glück und Unglück nur in einem Leben gibt, das den Zusammenhang hergibt13. Glück und Unglück sind im Wilhelm Meister bildende Elemente, das Unglück mit Mariane14 im ersten Buch treibt Meister sogar erst in seine Bildungsgeschichte hinein. Nichts konnte belehrender und tröstlicher für Rahel sein als ein Leben, in dem jegliches Geschehen15 eine Bedeutung hat, in dem es nur Verstehbares gibt, so daß16 kaum noch eine Stelle bleibt, in die das schlechthin Zerstörerische, das, was den Menschen zwingt, sich aufzugeben, einbrechen kann, in dem selbst der Zufall ein »gebildeter Mann« geworden ist. Wie heftig sie gerade das Helle, Einsichtige, Verstehbare sucht, zeigt am deutlichsten ihr leidenschaftlicher Protest gegen die Wahlverwandtschaften: Der »18Stoff ...19 ist mir zuwider. Das Leichenhafte des Ausgangs zieht sich rückwärts bis in den Anfang hinein, wo einem schon etwas beklommen zu Mut ist. Ganz besonders aber ist mir Ottilie zuwider, mit ihrem halbseitigen Kopfweh, ihrer dunklen Naturbeziehung, ihrem Mangel an Talent.«
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Dieser Versuch, sich durch Mitteilung der Geschichte zu übermitteln, wäre aussichtslos und völlig ohne Orientierung, gäbe es nicht schon einen »Vermittler« für sie, dem sie sich anschliessen, dem sie nachsprechen kann. Dieser »Vermittler« ist Goethe. »Durch all mein1 Leben begleitete der Dichter mich unfehlbar« - diese Begleitung2 hat sie nie ganz absinken lassen in die unselige Isolierung, in der auf alle Mitteilung verzichtet wird. Als sie noch jung war3 und der Wilhelm Meister erschien, haben sie und die Freunde wohl versucht, auszurechnen, mit wem sie mehr Ähnlichkeit habe, mit Aurelie, die unglücklich den Lothario liebt, oder mit Philine, die unverwüstlich in jeder Situation das treffende Wort findet und den treffenden Witz; jenen Leichtsinn, ohne den das Leben so wenig zu ertragen wäre wie im Roman selbst Mignon und der Harfner. Dies Spiel4 ist längst aufgegeben und Goethe zum Begleiter geworden, in dessen Werken sie nicht mehr nur sich sucht, sondern das, was das |124 Leben sie gelehrt hat. Dass sie sich überhaupt an ihn hält, das ist ihr heilsamer, durch keinen Schmerz5 ganz zerstörter Wille, schliesslich6 und am Ende auch zu verstehen7. »Kräftig8 und gesund brachte der mir zusammen, was ich, Unglück und Glück zersplitterte, und ich nicht sichtlich zusammenzuhalten vermochte«. Er lehrt sie den Zusammenhang: dass Glück und Unglück nicht einfach auf eine Kreatur vom Himmel fallen, sondern dass es Glück und Unglück nur in einem Leben gibt,9 das als solches der Zusammenhalt sein kann. Glück10 und Unglück sind im Wilhelm Meister bildende Elemente, das Unglück mit Mariane im ersten Buch treibt Meister sogar erst in seine Bildungsgeschichte hinein. Glück und Unglück - man kann kaum in Meisters Leben danach fragen11; so sehr hat alles12, was geschieht, seine Bedeutung, so sehr ist das Leben in seiner Verstehbarkeit aufgerollt, dass es kaum noch eine Stelle gibt, in die das schlechthin Zerstörerische das, was den Menschen zwingt, sich aufzugeben, einbrechen kann. Selbst der Zufall ist hier ein »gebildeter Mann« (Schlegel). Rahels Leben hat vorerst keine Geschichte, und es ist dem Zerstörerischen ausgesetzt; aber die Folie dieses anderen Lebens lehrt sie verstehen; lehrt sie, dass13 Liebe, Angst, Hoffnung, Glück und Unglück nicht nur der blinde Schreck sind, sondern dass14 sie an einer bestimmten Stelle, aus einer bestimmten Vergangenheit, mit einer bestimmten Zukunft etwas bedeuten können16, was der Mensch verstehen kann17. Goethe verdankt sie es, dass18 sie ihr Leben erzählen kann, dass sie nachträglich zusammen halten kann19, was20 ihr erst21 nur zersplitterte22. Ohne ihn sähe sie ihr Leben nur von aussen23, in seiner gespenstischen Kontur. Sie könnte es nicht24 in Zusammenhang bringen mit der Welt, der sie es doch25 erzählen muss26. »Mit seinem Reichtum machte ich Kompagnie, er war ewig mein |125 einzigster und27 gewissester Freund«; denn er ist in seinen Werken der Einzige28, den sie so lieben muss29, dass30 »das Mass31 nicht in mir, sondern in ihm abgesteckt ist«. Er überwältigt sie mit seiner Grösse32 und zwingt sie, einmal sich dem Gegenstande33 zu beugen, d.h.34 nicht ohne Mass35 und Ziel originell zu sein. Weil sie ihn36 versteht und von ihm aus sich versteht, kann er ihr fast die Tradition ersetzen. Sie bekennt sich zu ihm, macht mit ihm Kompagnie und steht damit39 in der deutschen40 Geschichte. Er ist »ewig mein Bürge, dass43 ich mich nicht nur unter weichenden Gespenstern ängstige, mein superiorer Meister, mein rührendster Freund, von dem ich wusste44, welche Höllen er kannte«; er ist der45 Bürge dafür, dass46 sie kein Kuriosum ist; dass das was sie erfährt47 nicht nur ihre Verhextheit bezeugt, dass sie in ihrer48 Verlassenheit nicht nur von Gespenstern umgeben49 ist. Er zerbricht ihr die unmenschliche Klarheit der Kontur und zeigt ihr den Übergang und den Zusammenhang, den alles Menschliche mit dem Menschen hat. Sie kann auf Aurelie und Mignon hinweisen, wenn sie von sich erzählt und ihrer Verlassenheit. Sie liest diese Dinge immer wieder, »wie man die Bibel im Unglück liest«.50 »Kurz, mit ihm bin ich erwachsen, und nach tausend Trennungen fand ich ihn immer wieder, er war mir unfehlbar«.51
Rahels1 Leben hat vorerst gar keine Geschichte3 und ist dem Zerstörerischen5 ganz und gar ausgesetzt7. Sie braucht8 und benutzt9 das Beispiel eines anderen Lebens10 und lernt an ihm11; lernt12, dass13 Liebe, Angst, Hoffnung, Glück und Unglück nicht nur der blinde Schreck sind, sondern dass14 sie an einer bestimmten Stelle, aus einer bestimmten Vergangenheit her15, mit einer bestimmten Zukunft |134 etwas bedeuten, was dem Menschen einsichtig ist17. Goethe verdankt sie es, wenn18 sie über die losen Resultate hinaus etwas Erzählbares in Händen behält19, das20 ihr erst21 nur zersplitterte22. Ohne ihn sähe sie ihr Leben nur von Aussen23, in seiner gespenstischen Kontur. Sie könnte es nie24 in Zusammenhang bringen mit der Welt, der sie es erzählen muss26. »Mit seinem Reichtum machte ich Kompagnie, er war ewig mein einzigster und27 gewissester Freund«; denn er ist in seinen Werken der Einzige28, den sie so lieben muss29, dass30 »das Mass31 nicht in mir, sondern in ihm abgesteckt ist«. Er überwältigt sie mit seiner Grösse32 und zwingt sie, einmal sich dem Gegenstand33 zu beugen, nicht ohne Mass35 und Ziel originell zu sein. Weil sie Goethe36 versteht und von ihm aus sich versteht, kann er ihr fast die Tradition ersetzen. Sie bekennt sich zu ihm, macht mit ihm »38Kompagnie«, lässt sich von ihm39 in die deutsche40 Geschichte hineinführen41. Er ist »ewig mein Bürge, dass43 ich mich nicht nur unter weichenden Gespenstern ängstige, mein superiorer Meister, mein rührendster Freund, von dem ich wusste44, welche Höllen er kannte«; Bürge dafür, dass46 sie kein Kuriosum ist; dass ihr Unglück47 nicht nur ihre Verhextheit bezeugt; dass ihre48 Verlassenheit nicht nur von Gespenstern bevölkert49 ist. Er zerbricht ihr die unmenschliche Klarheit der Kontur und zeigt ihr den Übergang und den Zusammenhang, den alles Menschliche mit dem Menschen hat. Sie kann auf Aurelie und Mignon hinweisen, wenn sie von sich erzählt und ihrer Verlassenheit. Sie liest diese Bücher immer wieder, »wie man die Bibel im Unglück liest«.50 »Kurz, mit ihm bin ich erwachsen, und nach tausend Trennungen fand ich ihn immer wieder, er war mir unfehlbar51
Rahels1 Leben hat vorerst gar keine Geschichte3 und ist dem Zerstörerischen5 ganz und gar ausgesetzt7. Sie braucht8 und benutzt9 das Beispiel eines anderen Lebens10 und lernt an ihm11; lernt12, daß13 Liebe, Angst, Hoffnung, Glück und Unglück nicht nur der blinde Schreck sind, sondern daß14 sie an einer bestimmten Stelle, aus einer bestimmten Vergangenheit her15, mit einer bestimmten Zukunft etwas bedeuten, was dem Menschen einsichtig ist17. Goethe verdankt sie es, wenn18 sie über die bloßen Resultate hinaus etwas Erzählbares in der Hand behält19, was sich20 ihr sonst21 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000120 nur in Lebensweisheiten zersplittert hätte22. Ohne ihn sähe sie ihr Leben nur von außen23, in seiner gespenstischen Kontur. Sie könnte es nie24 in Zusammenhang bringen mit der Welt, der sie es erzählen muß26. »Mit seinem Reichtum machte ich Kompagnie, er war ewig mein einziger,27 gewissester Freund«; denn er ist in seinen Werken der einzige28, den sie so lieben muß29, daß30 »das Maß31 nicht in mir, sondern in ihm abgesteckt ist«. Er überwältigt sie mit seiner Größe32 und zwingt sie, einmal sich dem Gegenstand33 zu beugen, nicht ohne Maß35 und Ziel originell zu sein. Weil sie Goethe36 versteht und erst37 von ihm aus sich versteht, kann er ihr fast die Tradition ersetzen. Sie bekennt sich zu ihm, macht mit ihm »38Kompagnie«, läßt sich von ihm39 in die deutsche40 Geschichte hineinführen41. Er ist »ewig ...42 mein Bürge, daß43 ich mich nicht nur unter weichenden Gespenstern ängstige, mein superiorer Meister, mein rührendster Freund, von dem ich wußte44, welche Höllen er kannte«; Bürge dafür, daß46 sie kein Kuriosum ist; daß ihr Unglück47 nicht nur ihre Verhextheit bezeugt; daß ihre48 Verlassenheit nicht nur von Gespenstern bevölkert49 ist. Er zerbricht ihr die unmenschliche Klarheit der Kontur und zeigt ihr den Übergang und den Zusammenhang, den alles Menschliche mit dem Menschen hat. Sie kann auf Aurelie und Mignon hinweisen, wenn sie von sich erzählt und ihrer Verlassenheit. Er hat sie von frühester Jugend bis ins späte Alter begleitet:50 »Kurz, mit ihm bin ich erwachsen, und nach tausend Trennungen fand ich ihn immer wieder, er war mir unfehlbar51
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298
Es ist der grossartige1 Glücksfall in Rahels Leben, dass2 sie diesen Einen3 hat, dem sie vertrauen kann4. Es ist ihre grosse5 Chance, der Geschichte, der Sprache vertrauen6 zu können7. Dass8 das, was ihr im Einzelnen geschieht9, in Allgemeinheit ausgesprochen werden kann10, ohne zu verfälschen12. Ja, dass13 in dieser Allgemeinheit ihr Einzelnes14 aufbewahrt und zum Bleiben bestimmt ist. »Mein Freund hat es auch diesmal für mich ausgesprochen«, sagt sie, als sie das »15Vorspiel«16 liest. Ihr Wissen, ihr Glück und ihr Unglück17 werden mit ihr sterben, aber diese Verse werden nicht sterben. Diesen Versen kann18 sie sich anvertrauen, sie werden auch sie |126 bewahren19. Immer wieder wird dieser Rhythmus uns hinreissen20, hinreissen21 bis zu der Stelle, an der auch die, die22 nach uns kommen werden23, sie mögen sein,24 wie sie wollen, das erfahren können25, was wir wissen.
Es ist der grosse1 Glücksfall in Rahels Leben, dass2 sie Einen gefunden3 hat, dem sie vertraut4. Es ist ihre grosse5 Chance, der Geschichte, der Sprache Vertrauen6 zu schenken7. Dass8 das, was ihr im Einzelnen begegnet9, in Allgemeinheit ausgesprochen wird10, ohne zu verfälschen12. Ja, dass13 in dieser Allgemeinheit ihr Einzelnes überhaupt14 aufbewahrt und zum Bleiben bestimmt ist. »Mein Freund hat es auch diesmal für mich ausgesprochen«, sagt sie, als sie das Vorspiel liest. Ihr Wissen, ihr Leiden, ihre Freuden17 werden mit ihr sterben, aber diese Verse werden nicht sterben. Sie werden auch18 sie mit hinüber nehmen19. Immer wieder wird dieser Rhythmus uns hinreissen20, hinreissen21 bis zu der Stelle, an der auch die, welche22 nach uns kommen, sie mögen sein wie sie wollen, das erfahren, was wir wissen.
Es ist der große1 Glücksfall in Rahels Leben, daß2 sie einen gefunden3 hat, dem sie vertraut4. Es ist ihre große5 Chance, der Geschichte, der Sprache Vertrauen6 zu schenken7. Daß8 das, was ihr im einzelnen begegnet9, in Allgemeinheit ausgesprochen werden kann10, ohne verfälscht11 zu werden12. Ja, daß13 in dieser Allgemeinheit ihr einzelnes überhaupt14 aufbewahrt und zum Bleiben bestimmt ist. »Mein Freund hat es auch diesmal für mich ausgesprochen«, sagt sie, als sie das »15Vorspiel«16 liest. Ihr Wissen, ihr Leiden, ihre Freuden17 werden mit ihr sterben, aber diese Verse werden nicht sterben. Sie werden auch18 sie mit hinübernehmen19. Immer wieder wird dieser Rhythmus uns hinreißen20, hinreißen21 bis zu der Stelle, an der auch die, welche22 nach uns kommen, sie mögen sein wie sie wollen, das erfahren, was wir wissen.
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299
»Alles,1 was Goethe zeigt, ist ein Inbegriff«.2 Die Dichtung verwandelt das Einzelne3, das4 sie zeigt5, in ein Allgemeines, weil sie die Sprache nicht nur als Mittel der Mitteilung eines bestimmten Sachverhaltes benutzt, sondern sie zum Medium macht, in dem das Dargestellte nun in einer gewissen Endgültigkeit existieren kann6. Die Sprache soll bewahren, in ihr soll das Dargestellte bleiben können, länger in der Welt bleiben (zum Beispiel)7 als es der vergängliche Mensch kann8. Damit wird von vornherein das Dargestellte, das so zum Bleiben bestimmt ist, seiner Einzelheit entrissen, es9 wird zum Inbegriff.
»Alles was Goethe zeigt, ist ein Inbegriff2 Die Dichtung verwandelt das Einzelne3, von dem4 sie spricht5, in ein Allgemeines, weil sie die Sprache nicht nur als Mittel der Mitteilung eines bestimmten Sachverhaltes benutzt, sondern sie zu seiner Heimat umschafft6. Die Sprache soll bewahren, in ihr soll das Dargestellte bleiben können, länger in der Welt bleiben als es der vergängliche Mensch vermag8. Damit wird von vornherein das Dargestellte, das so zum Bleiben bestimmt ist, seiner Einzelheit entrissen, wird zum Inbegriff.
»Alles,1 was Goethe zeigt, ist ein Inbegriff2 Die Dichtung verwandelt das einzelne3, von dem4 sie spricht5, in ein Allgemeines, weil sie die Sprache nicht nur als Mittel der Mitteilung eines bestimmten Sachverhaltes benutzt, sondern sie zu seiner Heimat umschafft6. Die Sprache soll |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000121 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000122 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000123 bewahren, in ihr soll das Dargestellte bleiben können, länger in der Welt bleiben,7 als es der vergängliche Mensch vermag8. Damit wird von vornherein das Dargestellte, das so zum Bleiben bestimmt ist, seiner Einzelheit entrissen, wird zum Inbegriff.
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300
Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte zu nehmen weiss1. So kommen Rahel »alle Worte von Goethe ganz anders vor, wenn er sie sagt, als wenn auch andere Menschen dieselben sagten, als Hoffnung, Treue Furcht etc.«.3 Nur in der völlig befreiten Reinheit des Dichterischen, das4 alle Worte gleichsam zum ersten Mal spricht5, kann ihr die Sprache zum Freund werden, dem sie sich und ihr beispielloses Leben anvertrauen kann6, indem sie es mitteilt7. Goethe ist der grosse Vermittler, weil er8 ihr die Sprache vermittelt9, die sie sprechen kann. Denn so wie der Dichter die Worte sagt, »so kommt es mir mit meinem Leben vor. Mich dünkt immer in dem ernsten, aus dem blutigsten, lebendigsten Herzen gegriffenen Sinn tun die anderen Menschen nichts«10. Wäre Goethe nicht, so müsste sie stumm bleiben. Wäre Goethe nicht, so hätte sie nichts in der Welt, auf das sie hinweisen könnte.11 Immer wieder lösen seine Worte sie aus der Verhextheit |127 des nur Geschehenden. Dass13 sie sprechen kann, gibt ihr ein Asyl in der Welt, lehrt sie mit Menschen umgehen, dem Sprechen vertrauen14. Dass15 sie sprechen kann, dankt sie Goethe.
Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte zu nehmen weiss1. So kommen Rahel »alle Worte von Goethe ganz anders vor, wenn er sie sagt, als wenn auch andere Menschen dieselben sagten, als Hoffnung, Treue,2 Furcht etc.« Nur in der völlig befreiten Reinheit |136 des Dichterischen, in dem4 alle Worte gleichsam zum ersten Male erklingen5, kann ihr die Sprache zum Freund werden, dem sie sich und ihr beispielloses Leben mitteilt6, anvertraut7. Goethe vermittelt8 ihr die Sprache, die sie sprechen kann. Denn so wie der Dichter die Worte sagt, »so kommt es mir mit meinem Leben vor. Mich dünkt immer in dem ernsten, aus dem blutigsten, lebendigsten Herzen gegriffenen Sinn tun die anderen Menschen nichts.«11 Immer wieder lösen seine Worte sie aus der stummen12 Verhextheit des nur Geschehenden. Dass13 sie sprechen kann, gibt ihr ein Asyl in der Welt, lehrt sie mit Menschen umgehen, dem Gehörten trauen14. Dass15 sie sprechen kann, dankt sie Goethe.
Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte zu nehmen weiß1. So kommen Rahel »alle Worte von Goethe ganz anders vor, wenn er sie sagt, als wenn auch andere Menschen dieselben sagten, als Hoffnung, Treue,2 Furcht etc.«.3 Nur in der völlig befreiten Reinheit des Dichterischen, in dem4 alle Worte gleichsam zum ersten Male erklingen5, kann ihr die Sprache zum Freund werden, dem sie sich und ihr beispielloses Leben mitteilt6, anvertraut7. Goethe vermittelt8 ihr die Sprache, die sie sprechen kann. Denn so wie der Dichter die Worte sagt, »so kommt es mir mit meinem Leben vor. Mich dünkt immer in dem ernsten, aus dem blutigsten, lebendigsten Herzen gegriffenen Sinn tun die anderen Menschen nichts.«11 Immer wieder lösen seine Worte sie aus der stummen12 Verhextheit des nur Geschehenden. Daß13 sie sprechen kann, gibt ihr ein Asyl in der Welt, lehrt sie mit Menschen umgehen, dem Gehörten trauen14. Daß15 sie sprechen kann, dankt sie Goethe.
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301
Sie dankt ihm vor allem den Wilhelm Meister. »Das ganze Buch ist für mich nur ein Gewächs, um den Kern herumgewachsen, der als Text1 im Buche selbst vorkommt, und so lautet: ›O wie sonderbar ist es3, dass4 dem Menschen nicht allein so manches Unmögliche,5 sondern auch so manches Mögliche versagt ist!‹ Du kennst die Stelle von mir6. Und dann die andere8: dass9 dem Menschen jeder Strich Erde, Fluss10 und alles genommen ist. Mit einem Zauberschlag11 hat Goethe durch dieses Buch die ganze Prosa unseres12 infamen kleinen Lebens festgehalten:14 und uns noch anständig genug vorgehalten. Daran hielten wir, als er uns schilderte; und an Theater musste15 er, an Kunst, und auch an Schwindelei den Bürger verweisen, der sein Elend fühlte:16 und sich nicht wie Werther töten wollte; den17 Adel wie er ist, und der den Anderen18 als Arena - ich weiss19 das Wort jetzt nicht - vorschwebt, als wo sie hinwollen, zeigt er beiläufig, gut und schlecht, wie es fällt. Dann bliebe noch die Liebe; und darüber ist die gedrängteste Bemerkung die, welche ich anführte, und wo sich Geschichten darum bis zur Niedrigkeit und bis zur Tragik bewegen; die Menschen treffen sich nicht; Vorurteil, wenn sie sich getroffen haben, trennt sie! der Harfner, Aurelia und so weiter20, und da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte,21 wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt;22 so bricht Meister und Goethe in die Betrachtung aus, dass23 unser Mögliches hier, was wir dafür halten, auch mit Ketten gehalten sein mag, an Pilastern, die auf anderen24 Welten ruhen, die wir wieder nicht kennen:25 unterdes bewegen sich aber die Menschen und das trägt er uns in seinem Buche wie in einem Spiegel vor.«
Sie dankt ihm vor allem den Wilhelm Meister. »Das ganze Buch ist für mich nur ein Gewächs, um den Kern herumgewachsen, der als Text1 im Buche selbst vorkommt, und so lautet: ›O,2 wie sonderbar, dass4 dem Menschen nicht allein so manches Unmögliche sondern auch so manches Mögliche versagt ist!‹ .6. Und dann die andere8: dass9 dem Menschen jeder Strich Erde, Fluss10 und alles genommen ist. Mit einem Zauberschlag11 hat Goethe durch dieses Buch die ganze Prosa unseres12 infamen kleinen Lebens festgehalten:14 und uns noch anständig genug vorgehalten. Daran hielten wir, als er uns schilderte; und an Theater musste15 er, an Kunst, und auch an Schwindelei den Bürger verweisen, der sein Elend fühlte:16 und sich nicht wie Werther töten wollte; den17 Adel wie er ist, und der den Anderen18 als Arena - ich weiss19 das Wort jetzt nicht - vorschwebt, als wo sie hinwollen, zeigt er beiläufig, gut und schlecht, wie es fällt. Dann bliebe noch die Liebe; und darüber ist die gedrängteste Bemerkung die, welche ich anführte, und wo sich Geschichten darum bis zur Niedrigkeit und bis zur Tragik bewegen; |137 die Menschen treffen sich nicht; Vorurteil, wenn sie sich getroffen haben, trennt sie! der Harfner, Aurelia und so weiter20, und da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt;22 so bricht Meister und Goethe in die Betrachtung aus, dass23 unser Mögliches hier, was wir dafür halten, auch mit Ketten gehalten sein mag, an Pilastern, die auf anderen24 Welten ruhen, die wir wieder nicht kennen:25 unterdes bewegen sich aber die Menschen und das trägt er uns in seinem Buche wie in einem Spiegel vor.«
Sie dankt ihm vor allem den Wilhelm Meister. »Das ganze Buch ist für mich nur ein Gewächs, um den Kern herumgewachsen als Text, der1 im Buche selbst vorkommt, und so lautet: ›O wie sonderbar ist es3, daß4 dem Menschen nicht allein so manches Unmögliche,5 sondern auch so manches Mögliche versagt ist!‹ .6..7 Und dann die andre8: daß9 dem Menschen jeder Strich Erde, Fluß10 und alles genommen ist. Mit einem Zauberschlage11 hat Goethe durch dieses Buch die ganze Prosa unsers12 infamen,13 kleinen Lebens festgehalten,14 und uns noch anständig genug vorgehalten. Daran hielten wir, als er uns schilderte; und an Theater mußte15 er, an Kunst, und auch an Schwindelei den Bürger verweisen, der sein Elend fühlte,16 und sich nicht wie Werther töten wollte. Den17 Adel wie er ist, und der den Andern18 als Arena - ich weiß19 das Wort jetzt nicht - vorschwebt, als wo sie hin wollen, zeigt er beiläufig, gut und schlecht, wie es fällt. Dann bliebe noch die Liebe; und darüber ist die gedrängteste Bemerkung die, welche ich anführte, und wo sich Geschichten darum bis zur Niedrigkeit und bis zur Tragik bewegen; die Menschen treffen sich nicht; Vorurteil, wenn sie sich getroffen haben, trennt sie! der Harfner, Aurelia usw.20, und da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte,21 wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt,22 so bricht Meister |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000124 und Goethe in die Betrachtung aus, daß23 unser Mögliches hier, was wir dafür halten, auch mit Ketten gehalten sein mag, an Pilastern, die auf andern24 Welten ruhen, die wir wieder nicht kennen;25 unterdes bewegen sich aber die Menschen,26 und das trägt er uns in seinem Buche wie in einem Spiegel vor.«
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Wilhelm Meister ist für sie1 nicht der deutsche Bildungsroman |128 . Sie lernt aus ihm weder die »Kunst zu existieren2«, noch begreift sie, dass4 jede der Personen »ihre Stelle dadurch bezahlt, dass5 sie Wilhelms Geist auch bilden wollen und sich seine gesamte Erziehung vorzüglich angelegen sein lassen« (Schlegel). Ihr ist der Fortgang des Ganzen nicht zentral, und sie wird nie aufmerksam auf den ungeheuren6 Kontrast, in dem das Leben Meisters zu ihrem eigenen steht. Denn ihr Leben ist7 ja keineswegs die Geschichte ihrer Bildung. Sie wird kaum aufmerksam auf Meisters Leben selbst,9 wie ihm von Buch zu Buch eine reichere und reinere Welt geöffnet wird, ohne dass ihn10 die Gestalten der alten je11 ganz verliessen12, (13als wären sie nun nichts mehr wert;)14 wie in15 der alten Welt16 sich stets schon die neue ankündigt17, als Geheimnis und18 Lockung,19 wie aber20 nichts in seiner21 Dunkelheit bestehen bleibt,22 und sein Leben sich nie verdüstert. Wie allein Mignon und der Harfner die ganzen Lehrjahre hindurch an demselben24 Platz stehen bleiben, durch ihre immer gleiche Schwermut dem Ganzen sein Gewicht geben, dass26 es sich nie von der Vergangenheit losreissen27 kann. Zwar28 wird schliesslich29 das Geheimnis um den Harfner und Mignon enträtselt, weil30 das dunkle Grauen und die unbekannte reine Sehnsucht eine hellere Welt zu zersprengen drohen. Aber durch Mignons Tod bleibt eine »bodenlose Tiefe von Gram« (Schlegel), die durch nichts Folgendes zu überwinden ist31.
Wilhelm Meister ist für Rahel1 nicht der deutsche Bildungsroman. Sie lernt aus ihm weder die »Kunst zu existieren2« (Schlegel)3, noch begreift sie, dass4 jede der Personen »ihre Stelle dadurch bezahlt, dass5 sie Wilhelms Geist auch bilden wollen und sich seine gesamte Erziehung vorzüglich angelegen sein lassen« (Schlegel). Ihr ist der Fortgang des Ganzen nicht zentral, und sie wird nie aufmerksam auf den unglaublichen6 Kontrast, in dem das Leben Meisters zu ihrem eigenen steht, das7 ja keineswegs die Geschichte ihrer Bildung ist8. Sie wird kaum aufmerksam auf Meisters Leben selbst:9 wie ihm von Buch zu Buch eine reichere und reinere Welt geöffnet wird, wie dennoch10 die Gestalten der alten ihn nie11 ganz verlassen12, als wären sie nun nichts mehr wert; wie der Zusammenhang16 sich durch Ankündigungen beweist17, als Geheimnis oder18 Lockung;19 wie dadurch20 nichts in endgiltige21 Dunkelheit versinkt22 und sein Leben sich nie ganz23 verdüstert. Wie allein Mignon und der Harfner die ganzen Lehrjahre hindurch an dem gleichen24 Platz stehen bleiben, durch ihre immer gleiche Schwermut dem Ganzen sein Gewicht geben und die Sicherung25, dass26 es sich nie von der |138 Vergangenheit losreissen27 kann. Auch28 wird schliesslich29 das Geheimnis um den Harfner und Mignon enträtselt, als30 das dunkle Grauen und die unbekannte reine Sehnsucht eine hellere Welt zu zersprengen drohen. Aber durch Mignons Tod bleibt eine »bodenlose Tiefe von Gram« (Schlegel), die durch nichts Folgendes überwunden wird31.
Wilhelm Meister ist für Rahel1 nicht der deutsche Bildungsroman. Sie lernt aus ihm weder die »Kunst zu leben2« (Schlegel)3, noch begreift sie, daß4 jede der Personen »ihre Stelle dadurch bezahlt, daß5 sie Wilhelms Geist auch bilden wollen und sich seine gesamte Erziehung vorzüglich angelegen sein lassen« (Schlegel). Ihr ist der Fortgang des Ganzen nicht zentral, und sie wird nie aufmerksam auf den Kontrast, in dem das Leben Meisters zu ihrem eigenen steht, das7 ja keineswegs die Geschichte ihrer Bildung ist8. Sie wird kaum aufmerksam auf Meisters Leben selbst:9 wie ihm von Buch zu Buch eine reichere und reinere Welt geöffnet wird, wie dennoch10 die Gestalten der alten ihn nie11 ganz verlassen12, als wären sie nun nichts mehr wert; wie der Zusammenhang16 sich durch Ankündigungen beweist17, als Geheimnis oder18 Lockung;19 wie dadurch20 nichts in endgültige21 Dunkelheit versinkt22 und sein Leben sich nie ganz23 verdüstert. Wie allein Mignon und der Harfner die ganzen Lehrjahre hindurch an dem gleichen24 Platz stehenbleiben, durch ihre immer gleiche Schwermut dem Ganzen sein Gewicht geben und die Sicherung25, daß26 es sich nie von der Vergangenheit losreißen27 kann. Auch28 wird schließlich29 das Geheimnis um den Harfner und Mignon enträtselt, als30 das dunkle Grauen und die unbekannte reine Sehnsucht eine hellere Welt zu zersprengen drohen. Aber durch Mignons Tod bleibt eine »bodenlose Tiefe von Gram« (Schlegel), die durch nichts Folgendes überwunden wird31.
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Rahel sieht von dem Ganzen immer zu wenig oder zu viel. Sie sieht entweder nur die Verhältnisse der Personen, Meisters Abschied von Mariane1, Aureliens Liebe zu Lothario; oder sie glaubt, die Dunkelheit, die auf jedem einzelnen Buche laste2, erhelle sich nie, »da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte, wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt«.
Rahel sieht von dem Ganzen immer zu wenig oder zu viel. Sie sieht entweder nur die Verhältnisse der Personen, Meisters Abschied von Marianne1, Aureliens Liebe zu Lothario; oder sie glaubt, die Dunkelheit, die auf jedem einzelnen Buche lastet2, erhelle sich nie, »da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte, wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt«.
Rahel sieht von dem Ganzen immer zu wenig oder zu viel. Sie sieht entweder nur die Verhältnisse der Personen, Meisters Abschied von Mariane1, Aureliens Liebe zu Lothario; oder sie glaubt, die Dunkelheit, die auf jedem einzelnen Buch lastet2, erhelle sich nie, »da der Mensch hier nichts begreift, weil ihm die andere Hälfte, wozu dies Irrspiel gehören mag, fehlt«.
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Aber1 auch ihr ist der2 Roman »das grosse3 Schauspiel der Menschheit« (Schlegel). Die Welt ist wie eine Bühne, auf der jeder so viel gilt, als er darstellen kann, auf der jeder die Rolle hat, die er selbst ist5 und die er aussprechen muss6. Niemand verschweigt etwas |129 absichtlich, es sei denn, um es an der richtigen Stelle und7 im richtigen Moment zu sagen. Selbst das Geheimnis um Mignon und den Harfner ist kein Sichverbergen, sondern die Dunkelheit selbst, die Dunkelheit und die »wilde Wehmut« dessen, der seine Vergangenheit nicht kennt und sich nicht aussprechen kann9. Alle anderen stellen sich dar; selbst Aurelie »ist durch und durch Schauspielerin auch von Charakter;12 sie kann nichts und mag nichts als14 darstellen und aufführen, am liebsten sich selbst, und sie trägt alles zur Schau, auch ihre Weiblichkeit und ihre Liebe« (Schlegel). Diese schrankenlose Offenheit15 ist die einzige Möglichkeit sichtbar zu werden für den,17 der nichts repräsentiert. So liegt selbst noch18 in den »Bekenntnissen einer schönen Seele«, die19 sich völlig von der Welt zurückgezogen hat21, noch dieses Darstellen-müssen22: »sie23 lebt im Grunde auch theatralisch; nur mit dem Unterschiede, dass24 sie die sämtlichen Rollen vereinigt,25 und dass26 ihr Inneres die Bühne bildet, auf der sie ...27 Schauspieler und Zuschauer zugleich ist« (Schlegel). Rahel lernt nicht die »Kunst zu leben«, aber sie lernt bis zur Meisterschaft die Kunst, das eigene Leben darzustellen: nicht die Wahrheit zu sagen und nur sie, sondern die Geschichte darzustellen; nicht immer und allen das Gleiche zu sagen, sondern jedem das, was er verstehen kann. Sie leidet am meisten darunter, dass sie ein »Unglück ohne Titel« hat, weil sie weiss, dass man nur als ein Bestimmter etwas Bestimmtes so sagen kann, dass es gehört wird. Die Zweideutigkeit, die jedem Anderen von Geburt mitgegeben ist, nämlich nicht nur ein Selbst zu sein, sondern in einem bestimmten Als, und nicht nur in einem bestimmten Als, sondern in vielen, in der selbstverständlichen Verflechtung des geschichtlichen und sozialen Lebens, zugleich als Mutter und als Kind, als Schwester und als Geliebte, als Bürgerin und als Freundin zu existieren, dies muss sie erst lernen. Sie muss die Zweideutigkeit lernen, die zugleich die Höflichkeit ist, mit sich und dem, was man weiss, niemanden in Verlegenheit |130 zu setzen. »Es ist ein Mangel an Grazie in mir, dass ich mich nicht kann geltend machen«.29
Dennoch findet1 auch sie in dem2 Roman »das grosse3 Schauspiel der Menschheit« (Schlegel). Die Welt ist in ihm4 wie eine Bühne, auf der jeder so viel gilt, als er darstellen kann, auf der jeder die Rolle hat, die er ist5 und die er aussprechen muss6. Niemand verschweigt etwas absichtlich, es sei denn, um es an der richtigen Stelle,7 im richtigen Moment zu sagen. Selbst das Geheimnis um Mignon und den Harfner ist kein Sichverbergen, sondern die Dunkelheit selbst, die Dunkelheit und die »wilde Wehmut« dessen, der seine Vergangenheit nicht kennt und sich nicht auszusprechen vermag9. Alle anderen Personen10 stellen sich dar; selbst Aurelie »ist durch und durch Schauspielerin auch von Charakter;12 sie kann nichts und mag nichts darstellen und aufführen, am liebsten sich selbst, und sie trägt alles zur Schau, auch ihre Weiblichkeit und ihre Liebe« (Schlegel). Schrankenlose Offenheit bis zur Schaustellung15 ist die einzige Möglichkeit sichtbar zu werden für den, »an Theater, Kunst und Schwindelei« verwiesenen Bürger;17 |139 der nichts repräsentiert. So liegt selbst in den »Bekenntnissen einer schönen Seele«, mag sie19 sich auch20 völlig von der Welt zurückgezogen haben21, noch die Schaustellung22: »Sie23 lebt im Grunde auch theatralisch; nur mit dem Unterschiede, dass24 sie die sämtlichen Rollen vereinigt und dass26 ihr Inneres die Bühne bildet, auf der sie ..27 Schauspieler und Zuschauer zugleich ist.28« (Schlegel)
Dennoch findet1 auch sie in dem2 Roman »das große3 Schauspiel der Menschheit« (Schlegel). Die Welt ist in ihm4 wie eine Bühne, auf der jeder so viel gilt, als er darstellen kann, auf der jeder die Rolle hat, die seinem Wesen entspricht5 und die er aussprechen muß6. Niemand verschweigt etwas absichtlich, es sei denn, um es an der richtigen Stelle,7 im richtigen Moment zu sagen. Selbst das Geheimnis um Mignon und den Harfner |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000125 ist kein Sichverbergen, sondern die Dunkelheit selbst, die Dunkelheit und die »wilde Wehmut« dessen, der seine Vergangenheit nicht kennt und sich daher8 nicht mitteilen kann9. Alle anderen Personen10 stellen sich dar; selbst Aurelie »ist durch und durch Schauspielerin,11 auch von Charakter,12 sie kann nichts,13 und mag nichts, als14 darstellen und aufführen, am liebsten sich selbst, und sie trägt alles zur Schau, auch ihre Weiblichkeit und ihre Liebe« (Schlegel). Schrankenlose Offenheit bis zur Schaustellung15 ist die einzige Möglichkeit,16 sichtbar zu werden für den »an Theater, Kunst und Schwindelei« verwiesenen Bürger,17 der nichts repräsentiert. So liegt selbst in den »Bekenntnissen einer schönen Seele«, mag sie19 sich auch20 völlig von der Welt zurückgezogen haben21, noch die Schaustellung22: »Sie23 lebt im Grunde auch theatralisch; nur mit dem Unterschiede, daß24 sie die sämtlichen Rollen vereinigt ...25 und daß26 ihr Inneres die Bühne bildet, auf der sie Schauspieler und Zuschauer zugleich ist« (Schlegel).29
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305
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Rahel lernt bis zur Meisterschaft die Kunst, das eigene Leben darzustellen: nicht die Wahrheit zu sagen und nur sie, sondern sich zu1 Schau zu stellen; nicht immer allen das Gleiche zu sagen, sondern jedem etwas Angemessenes. Sie lernt, dass2 man nur als ein Bestimmter etwas Bestimmtes sagen kann, dass4 es gehört wird, und dass5 ein »Unglück ohne Titel« doppeltes Unglück ist. Die Zweideutigkeit, die jedem Anderen6 von Geburt mitgegeben und in der Sprache, in den Konventionen garantiert ist, nämlich nicht nur ein Selbst zu sein, sondern mit einer bestimmten gesellschaftlichen Qualität, und nicht nur einer, sondern mit7 vielen, in der selbstverständlichen Verflechtung des sozialen Lebens zugleich als Mutter und als Kind, als Schwester und als Geliebte, als Bürgerin und als Freundin zu existieren, die muss8 sie erst lernen. Sie muss9 die Zweideutigkeit erlernen, die zugleich die Höflichkeit ist, mit sich und mit dem, was man weiss10, niemanden in Verlegenheit zu setzen. »Es ist11 ein Mangel an Grazie in mir, dass12 ich mich nicht kann geltend machen13
Rahel lernt bis zur Meisterschaft die Kunst, das eigene Leben darzustellen: nicht die Wahrheit zu sagen und nur sie, sondern sich zur1 Schau zu stellen; nicht immer allen das Gleiche zu sagen, sondern jedem etwas Angemessenes. Sie lernt, daß2 man nur als ein Bestimmter etwas Bestimmtes so3 sagen kann, daß4 es gehört wird, und daß5 ein »Unglück ohne Titel« doppeltes Unglück ist. Die Zweideutigkeit, die jedem anderen6 von Geburt mitgegeben und in der Sprache, in den Konventionen garantiert ist, nämlich nicht nur ein Selbst zu sein, sondern mit einer bestimmten gesellschaftlichen Qualität, und nicht nur einer, sondern in7 vielen, in der selbstverständlichen Verflechtung des sozialen Lebens zugleich als Mutter und als Kind, als Schwester und als Geliebte, als Bürgerin und als Freundin zu existieren, die muß8 sie erst lernen. Sie muß9 die Zweideutigkeit erlernen, die zugleich die Höflichkeit ist, mit sich und mit dem, was man weiß10, niemanden in Verlegenheit zu setzen. Ursprünglich war »11ein Mangel an Grazie in mir, daß12 ich mich nicht kann geltend machen«.13
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306
Vielleicht hat sie auch an Mignon gelernt, dass1 der sterben muss2, der alles an Beziehung3 verloren hat und nur auf dem »für Menschen Unerreichbaren« bestehen kann4, auf der »Mitgift fremder Welten«, die jeden lockt als reine Sehnsucht und unenträtselbare Tiefe, weil sie »jeder mit sich umher trägt«; und die doch in ihrer stummen Reinheit jedes menschliche Verhältnis sprengt. Vielleicht hat sie am Harfner verstanden, dass6 die wahre und bodenlose Schwermut dessen, der zuviel erfahren hat, als dass7 es ihm noch lohnen könnte, die Geschichte zu erzählen, vielleicht8 für sich die Wahrheit hat,9 aber für die anderen10 nur ein Schrecken ist; dass11 so sehr sein Wahnsinn etwas bedeutet, Zeichen für etwas ist, er unter den Menschen doch immer nur Wahnsinn12 bleibt.
Vielleicht hat sie auch an Mignon gelernt, dass1 der sterben muss2, der alles an Beziehungen3 verloren hat und nur auf dem »für Menschen Unerreichbaren« besteht4, auf der »Mitgift fremder Welten«, die jeden lockt als reine Sehnsucht und unenträtselbare |140 Tiefe, weil sie ja5 »jeder mit sich umher trägt«; und die doch in ihrer stummen Reinheit jedes menschliche Verhältnis sprengt. Vielleicht hat sie am Harfner verstanden, dass6 die wahre und bodenlose Schwermut dessen, der zuviel erfahren hat, als dass7 es ihm noch lohnen könnte, die Geschichte zu erzählen, für sich die Wahrheit ausdrücken mag;9 aber für die Anderen10 nur ein Schrecken ist; dass11 so sehr sein Wahnsinn etwas bedeutet, Zeichen für etwas ist, er unter den Menschen doch immer nur ein Wahnsinniger12 bleibt.
Vielleicht hat sie auch an Mignon gelernt, daß1 der sterben muß2, der alles an Beziehungen3 verloren hat und nur auf dem »für Menschen Unerreichbaren« besteht4, auf der »Mitgift fremder Welten«, die jeden lockt als reine Sehnsucht und unenträtselbare Tiefe, weil sie ja5 »jeder mit sich umherträgt«; und die doch in ihrer stummen Reinheit jedes menschliche Verhältnis sprengt. Vielleicht hat sie am Harfner verstanden, daß6 die wahre und bodenlose Schwermut dessen, der zuviel erfahren hat, als |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000126 daß7 es ihm noch lohnen könnte, die Geschichte zu erzählen, für sich die Wahrheit ausdrücken mag,9 aber für die anderen10 nur ein Schrecken ist; daß11 so sehr sein Wahnsinn etwas bedeutet, Zeichen für etwas ist, er unter den Menschen doch immer nur ein Wahnsinniger12 bleibt.
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307
Sie hat gelernt, dass1 die reine Innerlichkeit, die darauf pocht »eine Welt in sich zu tragen«, zu Grunde3 geht, weil diese innere Welt niemals im Stande4 ist, das5 zu ersetzen, was dem Menschen nur gegeben wird. Sie hat den Stolz verachten gelernt, der sich auf sich zurückzieht und behauptet, verzichten zu können; denn der Stolz ist entweder leer und lügenhaft, oder er ist die vollendete Hybris, die im Unmässigen6 sich noch halten will, die meint, »mit der inneren7 Welt in einem Kerker sitzen« und selbst9 die »äussere10« sich denken, als »innere« produzieren zu können. »Der wäre aber toll, der sich12 ohne von Realität unterstützt, etwas einbilden könnte, ohne zu wissen, dass13 es Einbildung ist«.14
Sie hat gelernt, dass1 die reine Innerlichkeit, die darauf pocht »eine Welt in sich zu tragen«, zu Grunde3 geht, weil diese innere Welt niemals im Stande4 ist, zu ersetzen, was dem Menschen nur gegeben wird. Sie hat den Stolz verachten gelernt, der sich auf sich zurückzieht und behauptet, verzichten zu können; denn der Stolz ist entweder leer und lügenhaft, oder er ist die vollendete Hybris, die im Unmässigen6 sich noch halten will, die meint, »mit der inneren7 Welt in einem Kerker zu8 sitzen« und die »äussere10« sich selbst11 denken, als »innere« produzieren zu können. »Der wäre aber toll, der ohne von Realität unterstützt, etwas einbilden könnte, ohne zu wissen, dass13 es Einbildung ist14
Sie hat gelernt, daß1 die reine Innerlichkeit, die darauf pocht,2 »eine Welt in sich zu tragen«, zugrunde3 geht, weil diese innere Welt niemals imstande4 ist, zu ersetzen, was dem Menschen nur gegeben wird. Sie hat den Stolz verachten gelernt, der sich auf sich zurückzieht und behauptet, verzichten zu können; denn der Stolz ist entweder leer und lügenhaft, oder er ist die vollendete Hybris, die im Unmäßigen6 sich noch halten will, die meint, »mit der innern7 Welt in einem Kerker sitzen« und die »äußere10« sich selbst11 denken, als »innere« produzieren zu können. »Der wäre aber toll, der sich12 ohne von Realität unterstützt, etwas einbilden könnte, ohne zu wissen, daß13 es Einbildung ist14
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308
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Sie hat gelernt, dass1 die Liebe nur gelegentlich und nur als unberechenbarer Glücksfall das Leben, das ganze Menschenleben garantieren kann. Und selbst im Glück nur dann, wenn sie sich verwandelt und aufhört »Mitgift fremder Welten« zu sein. Sie sieht, wie »Goethe mit Bedacht in Wilhelm Meister alle diejenigen denen die Liebe das ganze Leben in sich aufnahm sterben« lässt3, »Sperata, Marianne4, Mignon, Aurelie, den Harfenspieler«. Und |141 versteht als Trost, dass5 nicht nur für sie jede Liebe mit der Nähe des Todes geendet hat.
Sie hat gelernt, daß1 die Liebe nur gelegentlich und nur als unberechenbarer Glücksfall das Leben, das ganze Menschenleben garantieren kann. Und selbst im Glück nur dann, wenn sie sich verwandelt und aufhört »Mitgift fremder Welten« zu sein. Sie sieht, wie »Goethe mit Bedacht in Wilhelm Meister alle diejenigen,2 denen die Liebe das ganze Leben in sich aufnahm«, sterben läßt3, »Sperata, Mariane4, Mignon, Aurelie, den Harfenspieler«. Und versteht als Trost, daß5 nicht nur für sie jede Liebe mit der Nähe des Todes geendet hat.
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309
Sie hat gelernt, dass der, der weiter lebt - immer und trotz allem weiter lebt -1, nicht das Recht hat, das Leben zu verachten oder es nur zu benutzen, um das eigene Innere2 zu schützen und zu3 bewahren. Man darf nur sagen: »das Leben ist nicht viel4« in dem einen Augenblick, in welchem hier und da wohl einmal einer es »in der Hand (5hält)6 wie eine Erbse und es mit vollem Bewusstsein7 wegwirft8 |131 Aber sonst und immer, an jedem Tag,9 in jeder Stunde, in der herrlichen oder qualvollen Abfolge der Jahre ist es viel und alles. Ist es so viel, dass10 es nur dumm ist11, nicht darum zu kämpfen, sich nicht darum zu empören, es nicht festzuhalten um jeden Preis. Nichts als dumme Hybris ist12 es, sich nicht um eine äussere13 Welt zu kümmern, die droht, das Leben, das man nur einmal lebt, zu entreissen14 oder zu zerstören. Und nichts hat diese15 lächerlich stolze Geste der Innerlichkeit, die vor dem Äusseren16 kapituliert, zu tun mit jenem letzten Einverständnis, das Ja sagt zum Leben wie es ist, aus Dankbarkeit dafür, dass17 es überhaupt gegeben wurde. »18Das Leben ist wenig, wenn ichs in der Hand halte wie eine Erbse und es mit vollem Bewusstsein wegwerfe. Dies19 um einen grossen20 oder auch grad um keinen Preis kann ein jeder. Aber es sich Minute vor Minute entreissen21, entwinden zu lassen? durch eine Anstalt - eine sanktionierte! - von Menschen? Und die Vernunft soll auch noch neigend Ja sagen und in Bürgeruniform auf den Festen erscheinen, die von meiner Lebensessenz bereitet sind.22«
Sie hat gelernt, dass wer weiter lebt1, nicht das Recht hat, das Leben zu verachten oder es nur zu benutzen, um sein Seelenleben schützend2 zu bewahren. Man darf nur sagen: »das Leben ist nicht viel4« in dem einen Augenblick, in welchem hier und da wohl einmal einer es »in der Hand (5hält)6 wie eine Erbse und es mit vollem Bew usstsein7 wegwirft8 Aber sonst und immer, an jedem Tag in jeder Stunde, in der herrlichen oder qualvollen Abfolge der Jahre ist es viel und alles. Ist es so viel, dass10 es nur toll wäre11, nicht darum zu kämpfen, sich nicht darum zu empören, es nicht festzuhalten um jeden Preis. Nichts als dumme Hybris wäre12 es, sich nicht um eine äussere13 Welt zu kümmern, die droht, das Leben, das man nur einmal lebt, zu entreissen14 oder zu zerstören. Und nichts hätte solch15 lächerlich stolze Geste der Innerlichkeit, die vor dem Äusseren16 kapituliert, zu tun mit jenem letzten Einverständnis, das Ja sagt zum Leben wie es ist, aus Dankbarkeit dafür, dass17 es überhaupt gegeben wurde. »18Das Leben ist wenig, wenn ichs in der Hand halte wie eine Erbse und es mit vollem Bewusstsein wegwerfe. Dies19 um einen grossen20 oder auch grad um keinen Preis kann ein jeder. Aber es sich Minute vor Minute entreissen21, entwinden zu lassen? durch eine Anstalt - eine sanktionierte! - von Menschen? Und die Vernunft soll auch noch neigend Ja sagen und in Bürgeruniform auf den Festen erscheinen, die von meiner Lebensessenz bereitet sind.22«
Sie hat gelernt, daß, wer weiterlebt1, nicht das Recht hat, das Leben zu verachten oder es nur zu benutzen, um sein Seelenleben schützend2 zu bewahren. Man darf nur sagen: »das Leben ist wenig4« in dem einen Augenblick, in welchem hier und da wohl einmal einer es »in der Hand <5hält>6 wie eine Erbse und es mit allem seinen Bewußtsein7 wegwirft«.8 Aber sonst und immer, an jedem Tag,9 in jeder Stunde, in der herrlichen oder qualvollen Abfolge der Jahre ist es viel und alles. Ist es so viel, daß10 es nur töricht wäre11, nicht darum zu kämpfen, sich nicht darum zu empören, es nicht festzuhalten um jeden Preis. Nichts als dumme Hybris wäre12 es, sich nicht um eine äußere13 Welt zu kümmern, die droht, das Leben, das man nur einmal lebt, zu entreißen14 oder zu zerstören. Und nichts hätte solch15 lächerlich stolze Geste der Innerlichkeit, die vor dem Äußeren16 kapituliert, zu tun mit jenem letzten Einverständnis, das Ja sagt zum Leben wie es ist, aus Dankbarkeit dafür, daß17 es überhaupt gegeben wurde. Das Leben wegwerfen - »dies19 um einen großen20 oder auch grad um keinen Preis kann ein jeder. Aber es sich Minute vor Minute |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000127 entreißen21, entwinden zu lassen? durch eine Anstalt - eine sanktionierte! - von Menschen? Und die Vernunft soll auch noch neigend Ja sagen und in Bürgeruniform auf den Festen erscheinen, die von meiner Lebensessenz bereitet sind?22«
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310
Wenn sie leben will, muss1 sie lernen sich geltend zu machen, muss sie verlernen in der Nacktheit und Direktheit dessen herumzulaufen3, der das »Sprachrohr der Gerechtigkeit« zu sein glaubt4; sie muss5 verzichten auf ihre Originalität und noch einmal anonym werden, jetzt nicht für das Geschehen, dessen Träger6 sie ist, sondern7 für die Menschen, die sie so nicht akzeptieren können. Sie muss anonym werden,8 sie muss sich einen Namen zulegen; es9 ist unerträglich »ohne Namen umherzugehen10«;11 sie muss sich »eine äussere Existenz« verschaffen12. Die Anonymität, die die äussere Existenz gibt13, schützt vor der unbestimmten Exzeptionalität; die Bestimmtheit des Äusseren schützt vor dem Illusionären der14 »inneren Welt15«, die ohne selbst real zu16 sein, doch der Realität der »äusseren Welt« |132 ausgeliefert ist. Denn: »je vielfältiger diese17 innere Welt (ist)18, je mehr (nimmt)19 sie die äussere in Anspruch20, und jedes Missverhältnis (stört) sie nur vielfacher21, inniger und verletzt nur reichere Harmonien«22. Der, der keinen Namen hat oder einen23, der in der Welt nichts gilt,24 ist nicht zu identifizieren, ist nicht anzurufen; gerade der25, der weiss, dass er nichts ist26, muss identifizierbar sein, er mag sich27 mit dem Namen so wenig identisch fühlen, wie er will28. Denn der neue Name ist für die Jüdin eine Deckung, fast eine Tarnung; er soll sie nicht gleich als Jüdin auffallen29, sondern erst einmal passieren lassen, - sie nennt sich Rahel Robert - um aus dieser notwendigen Verdeckung heraus an30 die Menschen heranzukommen, um »äusserlich eine andere Person zu werden«. Sie muss nachträglich31 und spät ein Mensch unter Menschen werden.32
Wenn sie leben will, muss1 sie lernen,2 sich geltend zu machen, sich zur Schau zu stellen; muss sie verlernen3, die Nacktheit und Ungeformtheit ihrer äusseren Existenz als endgiltig hinzunehmen4 |142 ; muss sie5 verzichten auf ihre Originalität und ein Mensch unter Menschen werden. Muss6 sie alles vorbereiten7 für eine bessere soziale Stellung; denn so wie8 sie ist, von »infamer Geburt10« wollen11 sie die Menschen nicht akzeptieren12. Mit einem jüdischen Namen herumspazieren13, wenn man ihn für Schmach und Schande hält, heisst auf die14 »äussere Existenz15« verzichten, heisst immer exzeptionnell16 sein, immer eine exzeptionnelle17 innere Existenz beweisen18, durch19 sie sich legitimieren müssen20, nie unbemerkt passieren können. Wenigstens versuchen muss sie21, sich zu normalisieren22. Hält man Judesein nur für Schmach und Schande23, so24 ist Judebleiben nur Trotz und Stolz auf eine innere Welt25, auf eine besondere Grossartigkeit26, die man zur Schau stellen will27 mit dem Hinweis, dass selbst Judesein nicht hat hindern können28. Solche trotzig in Anspruch genommenen höheren seelischen Qualitäten sind unter allen Umständen immer der realen böswilligen Gleichgültigkeit der Umwelt ausgeliefert. Ja29, »je vielfältiger diese innere Welt (ist), je mehr (nimmt) sie30 die äussere in Anspruch, und jedes Missverhältnis (stört) sie nur vielfacher, inniger31 und verletzt nur reichere Harmonien.«32
Wenn sie leben will, muß1 sie lernen,2 sich geltend zu machen, sich zur Schau zu stellen; muß sie verlernen3, die Nacktheit und Ungeformtheit ihrer äußeren Existenz als endgültig hinzunehmen4; muß sie5 verzichten auf ihre Originalität und ein Mensch unter Menschen werden. Muß6 sie alles vorbereiten7 für eine bessere soziale Stellung; denn so wie8 sie ist, von »infamer Geburt10«, wollen11 sie die Menschen nicht akzeptieren12. Mit einem jüdischen Namen herumspazieren13, wenn man ihn für Schmach und Schande hält, heißt auf die14 »äußere Existenz15« verzichten, heißt immer exzeptionell16 sein, immer eine exzeptionelle17 innere Existenz beweisen18, durch19 sie sich legitimieren müssen20, nie unbemerkt passieren können. Wenigstens versuchen muß sie21, sich zu normalisieren22. Hält man Judesein nur für Schmach und Schande23, so24 ist Judebleiben nur Trotz und Stolz auf eine innere Welt25, auf eine besondere Großartigkeit26, die man zur Schau stellen will27 mit dem Hinweis, daß selbst Judesein nicht hat hindern können28. Solche trotzig in Anspruch genommenen höheren seelischen Qualitäten sind unter allen Umständen immer der realen böswilligen Gleichgültigkeit der Umwelt ausgeliefert. Ja29, »je vielfältiger diese innere Welt ist, je mehr nimmt sie30 die äußere in Anspruch, und jedes Mißverständnis stört sie nur vielfacher, inniger31 und verletzt nur reichere Harmonien.« Um »äußerlich eine andere Person zu werden«, muß Rahel wie mit einem Kleid vorerst die Blöße des Judentums verdecken - »so vergesse ich doch die Schmach keine Sekunde. Ich trinke sie im Wasser, ich trinke sie im Wein, ich trinke sie mit der Luft; also in jedem Atemzug ... Der Jude muß aus uns ausgerottet werden, das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen.« Voller Illusionen über die Möglichkeiten der äußeren Welt, traut sie Verkleidungen, Tarnungen, Namensänderungen eine ungeheure umbildende Kraft zu.32
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Um »äusserlich eine andere Person zu werden«, muss Rahel wie mit einem Kleid vorerst die Blösse des Judentums verdecken - »so vergesse ich doch die Schmach keine Sekunde. Ich trinke sie im Wasser, ich trinke sie im Wein, ich trinke sie mit der Luft; also in jedem Atemzug. .. Der Jude muss aus uns ausgerottet werden, das ist heilig wahr, und sollte das Leben mit gehen.« Voller Illusionen über die Möglichkeiten der äusseren Welt, traut sie Verkleidungen, Tarnungen, Namensänderungen eine ungeheure umbildende Kraft zu. Dass sie statt Rahel Levin |143 plötzlich Rahel Robert heisst, das wird die Stellung der Gesellschaft zu ihr ändern, meint sie, das wird sie endlich passieren lassen, das wird ihr helfen, wie ein Zauberwort, ein Mensch unter Menschen zu werden.
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11. Kapitel Assimilation
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Sie entschließt sich, dem Beispiel ihres Bruders Ludwig zu folgen und sich Rahel Robert zu nennen. (Den gleichen Namen nehmen alle ihre Brüder an, als sie sich taufen lassen.) Das ist im Jahre 1810, vier Jahre, bevor auch sie sich zur Taufe entschließt und ihren Vornamen dem Brauch der Zeit gemäß in Friederike umtauscht. Nicht Rahel Levin, Friederike Robert - - wie ein Zauberwort wird der neue Name ihr helfen, ein Mensch unter Menschen zu werden.
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Assimilation1807-1808
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3.
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Ja, sie könnte1 ein Mensch unter Menschen werden, aber unter4 welchen Menschen?5 Der Salon, der Menschen aus allen Ständen zusammenhielt, in dem man ohne gesellschaftlichen Stand leben konnte, ja für den die6 gesellschaftliche Uneinordenbarkeit noch eine Chance war, ist der Katastrophe von 1806 zum Opfer gefallen. Die Welt Friedrich des Grossen7, der »jeder Pflanze Raum in seinem sonnezugelassenen Lande« gab, ist zerstört9. Und erst10 in der Zerstörung merkt sie11, dass sie dort allein leben konnte12. »Bis jetzt nun habe ich unter den Auspizien, im strengsten Verstande, unter dem Flügel13 von Friedrich dem Zweiten gelebt. Jeden Genuss14 von aussen15 her, jedes Gut, jeden Vorteil, jede Bekanntschaft kann ich von seinem Einfluss17 herleiten: dieser ist über meinem Haupt18 zersprengt: ich fühle es besonders schwer!« Die Geschichte ihres Lebens19, ihre personale Geschichtlichkeit verbindet20 sie privat mit den Menschen; sie verbindet sie23 in keiner Weise und an keiner Stelle mit dem24 öffentlichen und allgemeinen Geschick. In ihr Bewusstsein dringt25 im Grunde der Unglückliche26 Krieg so wenig wie die Französische Revolution oder Napoleon. Der Unglückliche Krieg trifft28 sie erst, als sie merkt, dass29 durch ihn die30 Welt zerstört ist31, in der sie doch und trotz allem hatte32 leben können. »33Ich habe es untersucht, was mich drückt, es ist die Welt, die gärt34 und für meine Augen nicht mehr blüht; auf sie bezog ich mich mit meinen Gedanken, sehe ich nun ein. Und ihr und mein Fall trifft zusammen. Und wirklich gefallen und35 betäubt liege ich da.«
Für Rahel ist es zu spät1 ein Mensch unter Menschen zu2 werden; die Welt hat sich unterdes geändert und die Menschen haben sie verlassen. »Bei meinem ›Theetisch‹ .. sitze nur ich mit Wörterbüchern; Thee wird gar nicht bei mir gemacht3, ausser alle acht oder zehn Tage, wenn sich Schack, der mich nicht verlassen hat,4 welchen fordert. So ist alles anders! Nie war ich so allein. Absolut. Nie so durchaus und bestimmt ennuyiert,« schreibt sie zu Beginn des Jahres 1808.5 Der Salon, der Menschen aus allen Ständen zusammenhielt, in dem man ohne gesellschaftlichen Stand leben konnte, ja für den gesellschaftliche Uneinordenbarkeit noch eine Chance war, ist der Katastrophe von 1806 zum Opfer gefallen. Die Zeit Friedrich des II.7, unter dem Juden leben konnten,8 der »jeder Pflanze Raum in seinem sonnezugelassenen Lande« gab, ist vorbei9. Erst10 in der Zerstörung wird Rahel gewahr11, dass sie allgemeinen politischen Bedingungen unterstand12. »Bis jetzt nun habe ich unter den Auspizien, im strengsten Verstande, unter dem Flügel13 von Friedrich dem Zweiten gelebt. Jeden Genuss14 von aussen15 her, jedes Gut, jeden Vorteil, jede Bekanntschaft kann ich von seinem Einfluss17 herleiten: dieser ist über meinem Haupt18 zersprengt: ich fühle es besonders schwer!« Ihre Biographie19, ihre personale Geschichtlichkeit könnte20 sie vielleicht21 privat mit den Menschen verbinden22; sie findet aus ihr23 in keiner Weise sich durch zum24 öffentlichen und allgemeinen Geschick. In ihr Bewusstsein ist25 im Grunde der unglückliche26 Krieg so wenig gedrungen27 wie die Französische Revolution oder Napoleon. Die Ereignisse |145 treffen28 sie erst, als sie merkt, dass29 durch sie auch ihre eigene kleine persönliche30 Welt zerstört wird31, in der sie doch und trotz allem hat32 leben können. «33Ich habe es untersucht, was mich drückt, es ist die Welt, die gährt34 und für meine Augen nicht mehr blüht; auf sie bezog ich mich mit meinen Gedanken, sehe ich nun ein. Und ihr und mein Fall trifft zusammen. Und wirklich gefallen,35 betäubt liege ich da.«
Für Rahel ist es zu spät,1 ein Mensch unter Menschen zu2 werden; die Welt hat sich unterdes geändert, und die Menschen haben sie verlassen. »Bei meinem ›Teetisch‹ ... sitze nur ich mit Wörterbüchern; Tee wird gar nicht bei mir gemacht3, außer alle acht oder zehn Tage, wenn sich Schack, der mich nicht verlassen hat,4 welchen fordert. So ist alles anders! Nie war ich so allein. Absolut. Nie so durchaus und bestimmt ennuyiert«, schreibt sie zu Beginn des Jahres 1808.5 Der Salon, der Menschen aus allen Ständen zusammenhielt, in dem man ohne gesellschaftlichen Stand leben konnte, ja für den gesellschaftliche Uneinordenbarkeit noch eine Chance war, ist der Katastrophe von 1806 zum Opfer gefallen. Die Zeit Friedrichs II.7, unter dem Juden leben konnten,8 der »jeder Pflanze Raum in seinem sonnezugelassenen Lande« gab, ist vorbei9. Erst10 in der Zerstörung wird Rahel gewahr11, daß auch ihre Existenz allgemeinen politischen Bedingungen unterstand12. »Bis jetzt nun habe ich unter den Auspizien, im strengsten Verstande, unter den Flügeln13 von Friedrich dem Zweiten gelebt. Jeden Genuß,14 von außen15 her, jedes Gut, jeden Vorteil, jede Bekanntschaft,16 kann ich von seinem Einfluß17 herleiten: dieser ist über meinem Haupte18 zersprengt: ich fühle es besonders schwer!« Ihre Biographie19, ihre personale Geschichtlichkeit könnte20 sie vielleicht21 privat mit den Menschen verbinden22; sie findet aus ihr23 in keiner Weise sich durch zum24 öffentlichen und allgemeinen Geschick. In ihr Bewußtsein ist25 im Grunde der unglückliche26 Krieg so wenig gedrungen27 wie die Französische Revolution oder Napoleon. Die Ereignisse treffen28 sie erst, als sie merkt, daß29 durch sie auch ihre kleine persönliche30 Welt zerstört wird31, in der sie doch und trotz allem hat32 leben können. »33Ich habe es untersucht, was mich drückt, es ist die Welt, die gärt,34 und für meine Augen nicht mehr blüht; auf sie bezog ich mich mit meinen Gedanken, sehe ich nun ein. Und ihr und mein Fall trifft zusammen. Und wirklich gefallen und35 betäubt liege ich da.«
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317
Der Salon, in dem das Intime wirklich1 in der Mitteilung objektiviert wurde und2 in dem das Öffentliche nur privat Geltung hatte, hört auf zu existieren, als das Öffentliche, die Macht des allgemeinen Unglücks so übermächtig wird, dass4 es sich nicht |134 mehr privatisieren lässt5. Das Intime wird wieder von dem, was public ist6, geschieden, und7 was von ihm als »8bekannt« bleibt, wird zum9 Klatsch. Die Möglichkeit, ohne gesellschaftlichen Stand zu leben als eine »11imaginäre romantische Person, eine,12 der man den wahren goût13 geben konnte«14, ist verschüttet. Nie wieder ist es Rahel gelungen, wirklich die Mitte15 eines repräsentativen Kreises zu sein16, ohne selbst etwas anderes zu repräsentieren,17 als sich selbst. Schon 1808 schreibt Humboldt aus Berlin an seine Frau, dass Rahel ganz isoliert sei18. »Wo ist unsere19 Zeit!« schreibt Rahel20 noch 1818 an Pauline Wiesel21, »wo wir alle zusammen waren. Sie ist Anno 6 untergegangen. Untergegangen wie ein Schiff: mit den schönsten Lebensgütern, den schönsten Lebensgenuss22 enthaltend.«
Der Salon, in dem das Intime in der Mitteilung objektiviert wurde,2 in dem das Öffentliche nur privat Geltung hatte, hört auf zu existieren, als das Öffentliche, die Macht des allgemeinen Unglücks so übermächtig wird, dass4 es sich nicht mehr privatisieren lässt5. Das Intime wird wieder von dem, was alle betrifft6, geschieden;7 was von ihm allenfalls noch als8 bekannt verbleibt, ist der reine9 Klatsch. Die Möglichkeit, ohne gesellschaftlichen Stand zu leben,10 als »eine11 imaginäre romantische Person, eine der man den wahren gout13 geben« kann14, ist verschüttet. Nie wieder ist es Rahel gelungen, wirklich im Mittelpunkt15 eines repräsentativen Kreises zu stehen16, ohne selbst etwas anderes zu repräsentieren als sich selbst. Nie hat sie diese untergegangene Zeit vergessen können18. »Wo ist unsere19 Zeit!«, klagt sie20 noch 1818, »wo wir alle zusammen waren. Sie ist Anno 6 untergegangen. Untergegangen wie ein Schiff: mit den schönsten Lebensgütern, den schönsten Genuss22 enthaltend.«
Der Salon, in dem das Intime in der Mitteilung objektiviert wurde,2 in dem das Öffentliche nur privat Geltung hatte, hört auf zu existieren, als das Öffentliche, die Macht des allgemeinen Unglücks,3 so übermächtig wird, daß4 es sich nicht mehr privatisieren läßt5. Das Intime wird wieder von dem, was alle betrifft6, geschieden;7 was von ihm allenfalls noch als »8bekannt« verbleibt, ist der reine9 Klatsch. Die Möglichkeit, ohne gesellschaftlichen Stand zu leben,10 als »eine11 imaginäre romantische Person, eine der man den wahren goût13 geben« kann14, ist verschüttet. Nie wieder ist es Rahel gelungen, wirklich im Mittelpunkt15 eines repräsentativen Kreises zu stehen16, ohne selbst etwas anderes zu repräsentieren als sich selbst. Nie hat sie diese untergegangene Zeit vergessen können18. »Wo ist unsre19 Zeit!«, klagt sie20 noch 1818, »wo wir alle zusammen waren. Sie ist Anno 6 untergegangen. Untergegangen wie ein Schiff: mit den schönsten Lebensgütern, den schönsten Genuß22 enthaltend.«
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Die Salons hören1 nicht einfach auf zu existieren2, sondern sie bilden3 sich um andere4 Personen, und zwar solche5 von Stand6 und Namen. Die Bekanntesten unter ihnen7 sind die des Geheimen Staatsrats Stägemann, der Gräfin Voss und8 des Fürsten Radziwill. Hier verkehren10 Adam Müller, Kleist, Humboldt12, Arnim, Schill. Die Zusammenkünfte tragen durchaus das Gepräge eines patriotischen Geheimbundes und sind sehr exklusiv15. Kennzeichnend, dass in ihnen16 neben dem hohen17 Landadel gerade das höhere19 Beamtentum wieder20 zu Worte kommt21, das bisher in Berlin gesellschaftlich mit den jüdischen Salons nicht hatte konkurrieren können. Diesem Konservatismus gibt Adam Müller das geistige Gepräge. Arnim, Adam Müller, Brentano - die jüngere Generation der Romantiker22, die, zwischen 1780 und 1790 geboren, etwa zehn bis fünfzehn Jahre jünger ist als23 der Rahelsche Kreis, verleiht ab 180924 der Berliner Gesellschaft ihre Physiognomie25. Diese26 ausgesprochen politische27 neue Geselligkeit will28 sich nicht damit begnügen, einfach Salon zu sein, sondern29 sie sucht30 nach einer Form, die31 die Glieder des Kreises fester zusammenschliesst32. Ein erster33 Versuch ist34 die Zeltersche Liedertafel, »an35 der sich Männer |135 aller Schichten der vornehmeren Berliner Einwohnerschaft zur Pflege des Gesanges zusammenfanden« (Reinh36. Steig). Von hier datiert37 die komisch gewordene, nur in Deutschland existierende Verbindung von Patriotismus38 und Männergesangverein39. Ursprünglich ist diese Verbindung aber nur40 eine Tarnung, um einen patriotischen Bund vor der Zensur passieren zu lassen: »ich war heute bei Zelter an der Liedertafel, wo man aber für Gesang zu ernsthaft ist« (Humboldt)41.
Die Salons verschwanden1 nicht einfach aus der preussischen Hauptstadt2, sondern bildeten3 sich um Personen von Rang6 und Namen. Die bekanntesten7 sind die des Geheimen Staatsrats Stägemann, der Gräfin Voss,8 des Fürsten Radziwill. Hier verkehrten10 Adam Müller, Kleist, Humboldt12, Arnim, Schill. Die Zusammenkünfte |146 trugen durchaus das Gepräge patriotischer Geheimbünde, waren zudem - im bewussten Gegensatz zu der Wahllosigkeit der jüdischen Salons - sehr exklusiv15. Kennzeichnend, dass in ihnen16 neben dem hohen17 Landadel gerade das höhere19 Beamtentum zu Worte kam21, das bisher in Berlin gesellschaftlich mit den jüdischen Salons nicht hatte konkurrieren können. Adam Müller, Arnim, Brentano - die jüngere Generation der Romantik22, die zwischen 1780 und 1790 geboren, zehn bis zwanzig Jahre jünger war als23 der Rahelsche Kreis, verlieh ab 180924 der Berliner Gesellschaft ihre geistige Physiognomie25. Die26 ausgesprochen politisierte27 neue Geselligkeit wollte28 sich nicht damit begnügen, einfach Salon zu sein;29 sie suchte30 nach einer Form, welche31 die Glieder des Kreises fester zusammenschliesst32. Der erste33 Versuch war34 die Zeltersche Liedertafel, »wo man aber für Gesang zu ernsthaft ist« (Humboldt). Aus35 der Liedertafel entstand direkt die Christlich-Deutsche-Tischgesellschaft, von Arnim gegründet. Zu ihr gehörten Brentano, Kleist, Adam Müller nebst Angehörigen des hohen Geburts- und Militäradels und des höheren Beamtentums. Es entstand ein eigentümliches Zwischengebilde, in dem sich romantische und preussische Elemente zu einer kurzen Ehe zusammenfanden. Die Tischgesellschaft war mit festen Statuten ein richtiger Verein36. Zahlenmässig überwog der Adel, tonangebend war37 die Romantik. Die Statuten verboten Frauen, Franzosen, Philistern38 und Juden den Zutritt39. Für die Zusammenkünfte lag stets ein Programm vor:40 eine ernste patriotische Geschichte wurde verlesen, auf die eine zweite Vorlesung folgte, in der die gleiche Geschichte ins Groteske und Schwankhafte variiert wurde. Solche Ironisierung der Gesinnung und Variierung des Stoffes zeigt deutlich den romantischen Einschlag41.
Die Salons verschwinden1 nicht einfach aus der preußischen Hauptstadt2, sondern bilden3 sich um Personen von Rang6 und Namen. Die bekanntesten7 sind die des Geheimen Staatsrats Stägemann, der Gräfin Voß,8 des Fürsten Radziwill, denen wir zehn Jahre früher in Rahels Dachstube begegneten9. Hier verkehren10 Adam Müller, Heinrich von11 Kleist, Clemens Brentano12, Achim von13 Arnim, Ferdinand von14 Schill - die jüngere Generation der Romantik, die zwischen 1780 und 1790 geboren, zehn bis zwanzig Jahre jünger ist als der Rahelsche Kreis und ab 1809 der Berliner Gesellschaft ihre geistige Physiognomie verleiht15. Kennzeichnend ist, daß jetzt16 neben dem alteingesessenen17 Landadel und den höheren Offizieren18 gerade das Beamtentum zu Worte kommt21, das bisher in Berlin gesellschaftlich mit den jüdischen Salons nicht hatte konkurrieren können. Die Zusammenkünfte tragen durchaus das Gepräge patriotischer Geheimbünde22, sind zudem - im bewußten Gegensatz zu23 der Wahllosigkeit24 der jüdischen Salons - sehr exklusiv25. Diese26 ausgesprochen politisierte27 neue Geselligkeit will28 sich nicht damit begnügen, einfach Salon zu sein;29 sie sucht30 nach einer Form, welche31 die Glieder des Kreises fester zusammenschließt32. Der erste33 Versuch ist34 die Zeltersche Liedertafel, »wo man aber für Gesang zu ernsthaft ist« (Humboldt). Aus35 der Liedertafel entsteht direkt die Christlich-Deutsche Tischgesellschaft, von Arnim gegründet. Es entsteht ein eigentümliches Zwischengebilde, in dem sich romantische und preußische Elemente zu einer kurzen Ehe zusammenfinden. Die Tischgesellschaft ist mit festen Statuten ein richtiger Verein36. Zahlenmäßig überwiegt der Adel, tonangebend ist37 die Romantik. Die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000130 Statuten verbieten Frauen, Franzosen, Philistern38 und Juden den Zutritt39. Für diese Zusammenkünfte liegt stets ein Programm vor:40 eine ernste patriotische Geschichte wird verlesen, auf die eine zweite Vorlesung folgt, in der die gleiche Geschichte ins Groteske und Schwankhafte variiert wird. Solche Ironisierung der Gesinnung und Variierung des Stoffes zeigt deutlich den romantischen Einschlag41.
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Aus1 Adelskreisen also, die als erste den Juden eine gewisse gesellschaftliche Gleichberechtigung zugestanden hatten, brach2 zuerst ein programmatischer Antisemitismus hervor3, wurde das gesellschaftliche Vorurteil wieder aufgenommen und bis zum kalten, brutalen Ausstoss4 verschärft. Die preussischen5 Juden haben erst sehr viel später sich Rechenschaft über die stille Katastrophe zu geben vermocht, die damit über sie hereingebrochen war. Sie, wie ihre Geschichtsschreiber, lebten damals in einem Taumel der Hoffnung auf politische Reformen, die ja dann auch Emanzipation und bürgerliche Befreiung gebracht haben. Indessen begann bereits der Adel und mehr noch die in seinem Sold und unter seinem Einfluss6 stehende »politische Romantik«, ihre ganze Wut über die Stein-Hardenbergschen Reformen gesellschaftlich auf die Juden zu konzentrieren, deren Emanzipationsedikt gerade vorbereitet wurde.
In1 Adelskreisen also, die als erste den Juden eine gewisse gesellschaftliche Gleichberechtigung zugestanden hatten, bricht2 zuerst ein programmatischer Antisemitismus aus3, wurde das gesellschaftliche Vorurteil wieder aufgenommen und bis zum kalten, brutalen Ausstoß4 verschärft. Die preußischen5 Juden haben erst sehr viel später sich Rechenschaft über die stille Katastrophe zu geben vermocht, die damit über sie hereingebrochen war. Sie, wie ihre Geschichtsschreiber, lebten damals in einem Taumel der Hoffnung auf politische Reformen, die ja dann auch Emanzipation und bürgerliche Befreiung gebracht haben. Indessen begann bereits der Adel und mehr noch die in seinem Sold und unter seinem Einfluß6 stehende »politische Romantik«, ihre ganze Wut über die Stein-Hardenbergschen Reformen gesellschaftlich auf die Juden zu konzentrieren, deren Emanzipationsedikt gerade vorbereitet wurde.
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Aus der Liedertafel entsteht direkt die Christlich-Deutsche-Tischgesellschaft, der vorzugsweise dieselben Mitglieder angehören. Arnim gründet sie. Zu ihr gehören Brentano, Kleist, Adam Müller neben Angehörigen des hohen Geburts- und Militäradels und des hohen Beamtentums. Es entsteht ein eigentümliches Zwischengebilde, in dem sich romantische und preussische Elemente zu einer kurzen Ehe zusammenfinden. Die Tischgesellschaft hat ihre festen Statuten und gleicht schon fast einem Verein. Zahlenmässig überwiegt der Adel, tonangebend ist die Romantik! Es gilt als Regel, dass bei jeder Zusammenkunft eine ernste patriotische Geschichte in der Gesellschaft verlesen wird; auf eine solche Geschichte folgt unmittelbar ein Schwank, der eben dieselbe Geschichte ins Ironische oder Groteske abwandelt. Die Ironisierung der Gesinnung wird noch ertragen. Zu den Hauptbedingungen der Aufnahme gehört, dass der Betreffende1 »kein Jude2, kein Franzose3 und kein4 Philister« sei. Diese Zusammenstellung befremdet auf den ersten Blick. Gemeint ist damit - abgesehen von einem selbstverständlichen Antisemitismus des Adels und einer selbstverständlichen Franzosenfeindlichkeit der Patrioten - dass alle drei5 Vertreter der gehassten6 Aufklärung seien7. Prototyp des Philisters ist Hardenberg seiner Reformen wegen, Prototyp des Nichtphilisters ist Goethe. Alles, was wir über die Philistertheorie |136 der Gesellschaft wissen, finden wir in Brentanos Abhandlung Der8 Philister vor9, in und nach der Geschichte. Dort lesen wir10, dass sie11 »alte Volksfeste und Sagen verachten12 und was an einsamen Stellen vor moderner Frechheit gesichert, im Alter ergraut ist«, »dass sie ewig damit umgehen, alles was ihr Vaterland zu einem bestimmten individuellen Land macht, zu vernichten«.13 »Sie nennen die Natur, was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihre14 Gesichtsviereck fällt, denn sie begreifen nur viereckige Sachen ... Eine schöne Gegend, sagen sie, lauter Chaussee! Voltaire ist ihnen lieber als Shakespeare, Wieland als Goethe, Ramler als Klopstock, Voss16 der allerliebste.« Frankreich gilt nun als das klassische Land17 der Aufklärung,18 und die Juden verdanken ja allein der Aufklärung und ihrem Glauben an die gleichen Menschenrechte19 die Argumente für eine soziale Emanzipation und20 die Forderung21 der bürgerlichen Gleichstellung22. Wie die Juden, die Philister und die Franzosen sind die Frauen ausgeschlossen: ein direkter Protest gegen den Salon. Charakteristisch für den Stil23 der Zusammenkünfte ist24, dass man sich zum25 Mittagessen trifft26, im Gegensatz zum Salon, der zur Teezeit und am Abend stattfindet. Es ist ein wesentlicher Unterschied für die Gespräche, ob man Bier27 oder Tee trinkt28. -29 Diese temporäre Vereinigung von Romantik und Preussentum findet30 ihr natürliches Ende in den Freiheitskriegen, was den preussischen31 Adel anlangt, in den romantischen Konversionen, was die Romantiker betrifft.
»Juden2, Franzosen3 und Philister« galten allgemein als die5 Vertreter der Aufklärung. Philister, so meint Brentano10, verachten11 »alte Volksfeste und Sagen und was an einsamen Stellen vor moderner Frechheit gesichert, im Alter ergraut ist«.13 »Sie nennen die Natur, was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr14 Gesichtsviereck fällt, denn sie begreifen nur viereckige Sachen. ...15 Eine schöne Gegend, sagen sie, lauter Chaussee! Voltaire ist ihnen lieber als Shakespeare, Wieland als Goethe, Ramler als Klop stock, Voss16 der allerliebste.« Frankreich, dem klassischen Lande17 der Aufklärung und dem politischen Feind, verdanken die Juden die Verwirklichung der gleichen Menschenrechte,19 die Argumente für eine politische Emanzipation,20 die Forderung21 der bürgerlichen Gleichstellung22. Als direkten Protest gegen den jüdischen Salon sei nochmals auf |148 den Ausschluss der Frauen hingewiesen, auf die Wahl der Zeit23 der Zusammenkünfte, das25 Mittagessen, im Gegensatz zum Abends-27 oder Nachmittagstee28. Diese temporäre Vereinigung von Romantik und Preussentum fand30 ihr natürliches Ende in den Freiheitskriegen, was den preussischen31 Adel anlangt, in den romantischen Konversionen, was die Romantiker betrifft.
»Juden2, Franzosen3 und Philister« galten allgemein als die5 Vertreter der Aufklärung. Philister, so meint Brentano10, verachten11 »alte Volksfeste und Sagen und was an einsamen Stellen vor moderner Frechheit gesichert, im Alter ergraut ist13 »Sie nennen die Natur, was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr14 Gesichtsviereck fällt, denn sie begreifen nur viereckige Sachen ... Eine schöne Gegend, sagen sie, lauter Chaussee! Voltaire ist ihnen lieber als Shakespeare, Wieland als Goethe, Ramler als Klopstock, Voß16 der allerliebste.« Frankreich, dem klassischen Lande17 der Aufklärung und dem politischen Feind, verdanken die Juden die Verwirklichung der Gleichberechtigung; daß19 die Argumente für eine bürgerliche Gleichstellung zuerst von preußischen Beamten programmatisch formuliert worden waren - Mirabeau benutzte den Kriegsrat Dohm bis zum Abschreiben - und daß20 die gesellschaftliche Assimilation21 der Juden zuerst von der preußischen Aufklärung des »gelehrten Berlin« in die Wege geleitet worden war - die französischen Aufklärer waren bis auf die eine Ausnahme, Diderot, mehr oder minder judenfeindlich -, war hier wohl kaum bekannt, auf jeden Fall unwichtig22. Worauf es ankam, war, daß man sich geistig gegen die Aufklärung, politisch gegen Frankreich und gesellschaftlich gegen den Salon zusammenfand. Als |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000131 direkter Protest gegen den jüdischen Salon der Zeit muß der Ausschluß der Frauen verstanden werden, die Wahl der Zeit23 der Zusammenkünfte, das25 Mittagessen, im Gegensatz zum Abend-27 oder Nachmittagstee28. Diese temporäre Vereinigung von Romantik und Preußentum findet30 ihr natürliches Ende in den Freiheitskriegen, was den preußischen31 Adel anlangt, in den romantischen Konversionen, was die Romantiker betrifft.
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Dieser1 neuen sie isolierenden Situation sucht Rahel erst3 durch Flucht sich4 zu entziehen. Ihr später oft so5 gerühmter Patriotismus ist keineswegs die erste Reaktion auf den Untergang des Landes. »Es ist Ordnung und Ruhe hier: und wir empfinden das Versorgen und die gütige Behandlung unseres Siegers. Dies |137 sag ich mit Wahrheit und dies gibt mir Trost«.6 Sie wird erst patriotisch, als sie merkt, dass7 sie sonst von den Menschen isoliert wird. Solange sie den Grund nicht weiss und10 nur ihre Isolierung sucht11, versucht sie sich an die Franzosen anzuschliessen12. Campan, den sie hier kennen lernt14, bleibt15 ihr Freund. Aber es16 bleibt nicht bei Einzelnen17. Sie versteht den18 Chauvinismus der Anderen nicht nur nicht20, sie kommt von sich aus garnicht auf21 die Möglichkeit dieser22 Reaktion. Sie lernt französisch, es repräsentiert24 ihr »Europäisch«. Sie25 sieht in Napoleon nicht nur26 den Vertreter der Aufklärung, sondern27 in seinen Kriegen und mühelosen Siegen den Beginn eines geeinigten28 Europas, das ihr in seiner Weite vielleicht eine29 Heimat sein kann30. Sie plant eine Reise nach Frankreich, das für sie jetzt schon identisch ist mit Ruhe und Weite. Ihre Heimat war nie Preussen31, sondern der Schutz und die Aufgeklärtheit Friedrich des Grossen32.
Der1 neuen,2 sie isolierenden Situation sucht Rahel durch Flucht sich4 zu entziehen. Ihr später so oft5 gerühmter Patriotismus ist keineswegs die erste Reaktion auf den Untergang des Landes. »Es ist Ordnung und Ruhe hier: und wir empfinden das Versorgen und die gütige Behandlung unseres Siegers. Dies sag ich mit Wahrheit und dies gibt mir Trost6 Sie wird erst patriotisch, als sie merkt, dass7 sie sonst von den Menschen gänzlich8 isoliert werden9 wird. So lange sie den Grund nicht weiss,10 nur ihre Einsamkeit sieht11, versucht sie sich an die Franzosen anzuschliessen12. Campan, den sie hier kennen lernt14, wird15 ihr Freund. Es16 bleibt nicht bei Einzelnen17. Sie versteht die nationale Empörung, den18 Chauvinismus der Anderen nicht nur nicht20, ihr fällt nicht einmal21 die Möglichkeit einer solchen22 Reaktion ein23. Sie lernt fleissig Französisch, das24 ihr »Europäisch« repräsentiert. Sie25 sieht in Napoleon den Vertreter der Aufklärung und27 in seinen Kriegen und mühelosen Siegen den Beginn eines geeinten28 Europas, das ihr in seiner Weite vielleicht zur29 Heimat werden wird30. Sie plant eine Reise nach Frankreich, das für sie jetzt schon identisch ist mit Ruhe und Weite. Ihre Heimat war nie Preussen31, sondern der Schutz und die Aufgeklärtheit Friedrich des Zweiten32.
Der1 neuen,2 sie isolierenden Situation sucht Rahel sich3 durch Flucht zu entziehen. Ihr später oft so5 gerühmter Patriotismus ist keineswegs die erste Reaktion auf den Untergang des Landes. »Es ist Ordnung und Ruhe hier: und wir empfinden das Versorgen und die gütige Behandlung unseres Siegers. Dies sag ich mit Wahrheit und dies gibt mir Trost6 Sie wird erst patriotisch, als sie merkt, daß7 sie sonst von den Menschen gänzlich8 isoliert werden9 wird. Solange sie den Grund nicht weiß,10 nur ihre Einsamkeit sieht11, versucht sie sich an die Franzosen anzuschließen12. Henri13 Campan, den sie als einen der französischen Verwaltungsbeamten der Berliner Besatzung kennenlernt14, bleibt15 ihr Freund. Es16 bleibt nicht bei Einzelnem17. Es ist erst, als wisse sie gar nicht von der nationalen Empörung, dem steigenden18 Chauvinismus,19 der alle ihre Freunde ergriffen hat20, als sei sie plötzlich so isoliert, daß sie nicht einmal an21 die Möglichkeit einer solchen22 Reaktion denkt23. Sie lernt fleißig Französisch, das24 ihr »Europäisch« repräsentiert,25 sieht in Napoleon den Vertreter der Aufklärung und27 in seinen Kriegen und mühelosen Siegen den Beginn eines geeinten28 Europas, das ihr in seiner Weite vielleicht zur29 Heimat werden wird30. Sie plant eine Reise nach Frankreich, das für sie jetzt schon identisch ist mit Ruhe und Weite. Ihre Heimat war nie Preußen31, sondern der Schutz und die Aufgeklärtheit Friedrichs II32.
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Solche ursprünglichen Lebensumstände wirkten stärker als alle Meinungen einer längst patriotisch gewordenen Umwelt. Noch |149 viele Jahre später versucht1 sie die im Krieg2 gefallenen Freunde -3 den Prinzen Louis Ferdinand und Alexander von der Marwitz als Opfer einer »sich selbst eingetrichterten Meinung« hinzustellen5. Immerhin nimmt6 sie sich in Acht8 und äussert9 lange Jahre solch ketzerische Meinungen nur noch in Briefen an die Brüder, wo sie auf Übereinstimmung rechnen durfte.
Solche ursprünglichen Lebensumstände wirkten stärker als alle Meinungen einer längst patriotisch gewordenen Umwelt. Noch viele Jahre später kann1 sie die im Kriege2 gefallenen Freunde,3 den Prinzen Louis Ferdinand und Alexander von der Marwitz,4 als Opfer einer »sich selbst eingetrichterten Meinung« hinstellen5. Immerhin beginnt6 sie bald,7 sich in acht zu nehmen8 und äußert9 lange Jahre solch ketzerische Meinungen nur noch in Briefen an die Brüder, wo sie auf Übereinstimmung rechnen durfte.
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Man missverstehe1 diese Napoleonbegeisterung der Jüdin nicht!2 Rahel wie alle, die um jeden Preis aus dem Judentum herauswollten3, begrüssten4 in Napoleon nicht den Befreier der Juden und nicht den Erben der Französischen Revolution. Nicht deshalb versäumt sie erst einmal den Anschluss6 an die Umwelt, weil nähere und dringendere Interessen ihr am Herzen gelegen7, weil sie sich solidarisch gefühlt hätte mit den unterdrückten und in allen eroberten Provinzen befreiten Juden. Emanzipationsforderungen erhoben8 nur die sehr wenigen, welche9 nicht den Preis der Taufe für das »europäische Entreebillet« zahlen wollten10, welche11, wenn auch unter Verzicht aller politischen Aspirationen, doch12 Juden bleiben wollten13, welche in Kultur- und Reformvereinen trotz des Scheins einer Auflösung in Wahrheit doch nur um Konservierung kämpften14. Den Zeitgenossen war damals eins ganz klar, was sich später generationenlang bewahrheitet hat: dass15 es ungleich schwerer sein würde, aus einem reformierten Judentum herauszukommen als aus einem orthodoxen. Rahel war konsequent gegen alle reformistischen Tendenzen, die sie als Bedrohung empfand: »Solche Leute wie wir, können nicht Juden sein. Wenn nur nicht17 der Jacobsohn (Israel Jacobsohn, Führer der westfälischen Judenheit) für sein vieles Geld keine Judenreform bei uns machte.18 Ich fürchte es von dem eitlen ... !«
Man mißverstehe1 diese Napoleonbegeisterung nicht als eine jüdische Reaktion.2 Rahel wie alle, die um jeden Preis aus dem Judentum heraus wollen3, begrüßten4 in Napoleon nicht den Befreier der Juden und nicht den späten5 Erben der Französischen Revolution. Nicht deshalb versäumt |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000132 sie erst einmal den Anschluß6 an die Umwelt, weil nähere und dringendere Interessen ihr am Herzen lägen7, weil sie sich solidarisch gefühlt hätte mit den unterdrückten und in allen eroberten Provinzen befreiten Juden. Emanzipationsforderungen erheben8 nur die sehr wenigen, die9 nicht den Preis der Taufe für das »europäische Entreebillet« zahlen, sondern11, wenn auch unter Verzicht aller politischen Aspirationen, Juden bleiben wollen13, welche in Kultur- und Reformvereinen trotz des Scheins einer Auflösung in Wahrheit doch nur um Konservierung kämpfen14. Den Zeitgenossen war damals eins ganz klar, was sich später generationenlang bewahrheitet hat: daß15 es ungleich schwerer sein würde, aus einem reformierten Judentum herauszukommen als aus einem orthodoxen, und daß Vereine zur Assimilierung der Juden schließlich nur auf eine Konservierung des Judentums in zeitgemäßer Form, nicht auf ein Verschwinden der Juden in der nicht-jüdischen Gesellschaft, sondern die Etablierung einer jüdischen Gruppe im Schoße der Gesellschaft hinauslaufen konnten16. Rahel war konsequent gegen alle reformistischen Tendenzen, die sie als Bedrohung empfand: »Solche Leute wie wir, können nicht Juden sein. Wenn nur der Jacobsohn (Israel Jacobsohn, Führer der westfälischen Judenheit) für sein vieles Geld keine Judenreform bei uns macht!18 Ich fürchte es von dem eitlen ...!«
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»Napoleon siegt: und an den Sieger schliess2 ich mich«.3 Hat sie so lange unter dem4 Schutz eines Grossen5 gelebt, so will sie jetzt zum »nächsten Grossen7«. Der ist Napoleon. Unter dem Grossen8 sind alle gleich, und man ist nicht gezwungen,9 für etwas zu optieren. Um jetzt zu optieren, dazu genügt es nicht das Land zu lieben, -11 dazu müsste12 die eigene Vergangenheit mit der Vergangenheit13 des Landes identisch sein. »Meine Geschichte fängt früher an als mit meinem Leben: und so gehts jedem, der’s versteht14
»Napoleon siegt: und an den Sieger schliess2 ich mich3 Hat sie so lange unter Schutz eines Grossen5 gelebt, so will sie jetzt nur6 zum »nächsten Grossen7«. Der ist Napoleon. Unter den Grossen8 sind alle gleich, und man ist nicht gezwungen für etwas zu optieren. Um jetzt zu optieren, dazu genügt es nicht,10 das Land zu lieben, dazu müsste12 die eigene Vergangenheit mit der des Landes identisch sein. »Meine Geschichte fängt früher an als mit meinem Leben: und so gehts jedem, der’s versteht«, bewahrheitet sich auch an ihr, wenn auch anders als sie dachte.14
Für sie ist Napoleon nicht wie für Israel Jacobsohn der Befreier der Juden, sondern einfach der Sieger:1 »Napoleon siegt: und an den Sieger schließ’2 ich mich3 Hat sie so lange unter dem4 Schutz eines Großen5 gelebt, so will sie jetzt nur6 zum »nächsten Großen7«. Der ist Napoleon. Unter den Großen8 sind alle gleich, und man ist nicht gezwungen,9 für etwas zu optieren. Um jetzt zu optieren, dazu genügt es nicht,10 das Land zu lieben, dazu müßte12 die eigene Vergangenheit mit der des Landes identisch sein. »Meine Geschichte fängt früher an als mit meinem Leben: und so gehts jedem, der’s versteht«, bewahrheitet sich gerade jetzt an ihr, wenn auch anders, als sie dachte.14
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Ohne zu optieren,1 kann man aber in Deutschland nicht mehr leben. Sie sieht es an ihrer Isolierung, die noch verschärft2 wird durch eine notwendige Trennung von der Familie. »Aus seiner Familie, von gewohnten lebendigen Gestalten zu gehen, ohne irgendwo hinzukommen, ist so unanständig, so verrückt als traurig. Für niemanden hab ich etwas zu besorgen, zu bedenken als für mich! Nie, nie nie noch war ich in der Lage«. Dabei5 hat sie selbst Angst vor6 der Fremde7, »meine Leidensgruft8, das Stammhaus meiner Qual9 zu verlassen10, |138 mich plötzlich11 im strengsten Verstande des Worts12 allein, und ohne jede Hoffnung, ohne irgend einen Plan, mit der tiefsten Einsicht, mit der beleidigtesten13 Seele, ohne Mut zur Beschäftigung zu finden. Du weisst, wie ich sonst lebte. Umringt14, verfolgt vom Morgen bis15 in die tiefste Nacht16, wenn auch nur von scheinbaren Freunden«. Sie will nur nach Paris, wenn Campan sie dort aufnimmt17, wenn Pauline Wiesel, der lebendige Beweis für das, was war, dort ist18. Aber der Plan misslingt, sie bleibt in Deutschland19, und sie fängt langsam an20, gegen Frankreich für Deutschland zu optieren21, sie versucht an dem Allgemeinen teilzunehmen. Sie geht zu dem22, unter dessen Namen sich die preussischen Patrioten, die Romantiker und der Adel für eine kurze Zeit treffen23, sie geht24 zu Fichte.25 »Fichtes Stunde,26 mein einziger Trost, meine Hoffnung, mein Reichtum«.
Ohne zu optieren kann man aber in Deutschland nicht mehr leben. Sie sieht es an ihrer Isolierung, die noch akzentuiert2 wird durch eine notwendige Trennung von der Familie. »Aus seiner Familie, von gewohnten lebendigen Gestalten zu gehen, ohne irgendwo hinzukommen, ist so unanständig, so verrückt als traurig. Für niemanden hab ich etwas zu besorgen, zu bedenken als für mich! Nie, nie,3 nie noch war ich in der Lage.4« In die Familie nämlich5 hat sie sich beim Zusammenbruch zurückgeflüchtet, weil in dem Moment6 der politischen Katastrophe die Differenzen7, welche sie mit der Familie hatte8, belanglos, die Zusammenhänge9 zu einem gesellschaftlichen Band werden. Der Plan nach Paris zu fliehen - zu Campan10, zu den neuen Freunden - misslingt, sie muss in Berlin bleiben »11im strengsten Verstande des Wortes12 allein, und ohne jede Hoffnung, ohne irgend einen Plan, mit der tiefsten Einsicht, mit der beleidigtsten13 Seele, ohne Mut zur Beschäftigung zu finden.« Also muss sie versuchen14, in die Gesellschaft zurückzufinden16, sich zu assimilieren, zu werden wie die Anderen. Wieder gelingt ihr das Einfache und Naheliegende17, von Umständen Erzwungene nur auf dem langen und schwierigen Umwege |151 wege über das allgemeine18. Mag ihr späterer Patriotismus noch so opportunistisch wirken19, noch so parvenuhafte Formen annehmen20, es bleibt doch immer bestehen21, dass nur Einsicht22, Vernunft, allgemeinste Überzeugung ihn in ihr erzeugt haben. Dass kein geringerer als Fichte bemüht wurde23, sie wirklich24 zu assimilieren -25 »Fichtes Stunde mein einziger Trost, meine Hoffnung, mein Reichtum«.
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So schreibt sie in dem Winter, in dem Fichte die1 Reden an die deutsche Nation hält2. Fichte selbst bezeichnet sie3 ausdrücklich als eine4 Fortsetzung seiner Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, in denen er in Berlin drei Jahre früher seine Geschichtsphilosophie entwickelt hat5. Es ist als sicher anzunehmen, dass6 Rahel sie kennt7. Die8 Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters haben9 keine aktuelle Pointe, ja jede aktuelle Pointe scheint sinnlos11, da »niemand entfernter als der Philosoph von dem Wahne (12ist)13, dass14 durch seine Bestrebungen das Zeitalter merklich vorrücken würde«. Denn »die Zeit (geht)16 ihren festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es lässt17 in ihr durch einzelne Kraft sich nichts übereilen oder erzwingen«. Der Gang der Geschichte ist apriori vorgezeichnet, und dem Philosophen bleibt nichts übrig19, als20 ihre Gesetze auszuspüren. Kennt21 er die Grundgesetze, die er »ohne alle historische Belehrung« findet, so braucht er sich nicht damit zu begnügen, die Vergangenheit nachzuzeichnen und der Gegenwart |139 ihre Stelle anzuweisen,22 sondern er weiss23 auch ihren zukünftigen Gang. »Der Philosoph, der als Philosoph sich mit der Geschichte befasst25, geht jedem26 apriori fortlaufenden Faden des Weltplans nach, der ihm klar ist, ohne alle Geschichte; und sein Gebrauch der Geschichte ist keineswegs, um durch sie etwas zu erweisen, da seine Sätze schon früher, unabhängig von aller Geschichte erwiesen sind: sondern dieser sein Gebrauch der Geschichte ist nur erläuternd, und in der Geschichte darlegend im lebendigen Leben, was auch ohne Geschichte sich versteht«29. Diese eigentümliche Doppelheit von Macht und Ohnmacht: dass der Mensch das innerste30 Wesen der Geschichte kennt31, dass ihm selbst32 die Zukunft nicht33 verborgen ist, und dass34 er zugleich35 so fixiert an seine Stelle im »Strom der Zeit« ist, dass er nichts tun kann36, gar keine Zukunft hat, in die er hinein handeln kann, diese Doppelheit38 ist in den Reden an die deutsche Nation, wenn auch letzlich nur verdeckt39, so doch für den unbefangenen Zuhörer aufgelöst. Die Reden appellieren, und sie appellieren,41 etwas zu tun, um der Katastrophe zu entrinnen. Sie rufen42 weder offen noch geheim zum Aufstand gegen Frankreich auf. Ihr Plan rechnet43 mit einem viel weiteren Raum der Zukunft. Die nächste Generation soll vermittels eines grossartigen44 Erziehungsplanes zu einer ganz veränderten45 Welt erzogen werden. Zwar die Aufeinanderfolge der sich apriorisch aufeinander folgenden Zeitalter, wie Fichte sie in den Grundzügen festgelegt hatte, ist nicht dementiert in ihren inhaltlichen Aussagen; aber46 der Mensch hat doch jetzt47 die Macht,48 die Realität seines Denkens auch zu bewirken. Er hat die Macht49, nach einem Plan50 zu handeln51. »Ihm52 wickelt sich die Geschichte, und mit ihr das Menschengeschlecht nicht ab nach dem verborgenen und wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein erschaffend das durchaus Neue53 Um dem54 |140 Menschen die Macht über die wirkliche Welt zu geben: dass55 er sie verändern kann, und dennoch dem »Grundtrieb des Menschen« nicht seine Richtung auf das Apriorische zu nehmen, scheidet58 Fichte zwischen der »schon gegebenen und vorhandenen Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann, wie sie eben ist« und der »Welt, die da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig ist und ewigfort zukünftig bleibt«. Zwischen der Unveränderlichkeit61 der gegebenen Welt und der Ewigkeit der zukünftigen62 liegt die menschliche Welt63, deren Wert oder64 Unwert von der »klaren Erkenntnis« der apriorischen65 abhängt. Das Neue66, zu dem Fichte aufruft67, ist gemäss68 der Aufteilung in den früheren Vorlesungen69, die »Epoche der Vernunftwissenschaft: das Zeitalter, wo die Wahrheit als das Höchste anerkannt und am höchsten geliebt wird«. Der apriorische Abriss der70 fünf Weltepochen wird in die Reden an71 die deutsche Nation72 unausdrücklich mitübernommen; aber73 die Weltepochen werden im Grunde -74 ebenfalls unausdrücklich -75 auf drei reduziert: Fichte scheidet die erste Epoche, die schon in den früheren Vorlesungen eine Sonderstellung hatte77, weil sie vor aller Geschichte und vor allem vor aller79 Freiheit stand, die Epoche der »Herrschaft der Vernunft durch Instinkt« aus,80 denn Sache des Menschen und seiner Freiheit ist81 »nicht Vernünftig sein, sondern das Vernünftig werden«82; aus demselben Grunde lässt84 er das fünfte Zeitalter, »da die Menschheit mit sicherer und unfehlbarer Hand sich selber zum getroffenen Abdrucke der Vernunft erbauet« fallen. So vermeidet er die »wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes«; und da er das nur86 »Vorhandene87« von der zukünftigen Ewigkeit des Apriorischen scheidet88, das der Mensch nicht mehr als »Besitztum« haben kann, vermeidet er auch89 die »Zauberei«, und der Hörer braucht sich nicht mehr90 »schauderhaft unter Gespenster versetzt finden« (Schleiermacher).91
Rahel assimiliert sich an Fichtes1 Reden an die deutsche Nation. Fichte selbst bezeichnete die Reden3 ausdrücklich als die4 Fortsetzung seiner Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, in denen er in Berlin drei Jahre früher seine Geschichtsphilosophie entwickelt hatte5. Es ist als sicher anzunehmen, dass6 Rahel sie kannte7. Diese8 Vorlesungen hatten noch9 keine aktuelle Pointe, ja jede aktuelle Beziehung wurde aufs strengste vermieden11, da »niemand entfernter als der Philosoph von dem Wahne (12ist)13, dass14 durch seine Bestrebungen das Zeitalter merklich vorrücken würde« (Fichte, Grundzüge). Vielmehr geht »die Zeit16 ihren festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es lässt17 in ihr durch einzelne Kraft sich nichts übereilen oder erzwingen« (Grundzüge)18. Der Gang der Geschichte ist apriori vorgezeichnet, und dem Philosophen bleibt nur19, ihre Gesetze auszuspüren. Kennt21 er die Grundgesetze, die er »ohne alle historische Belehrung« findet, so braucht er sich nicht damit zu begnügen, die Vergangenheit nachzuzeichnen und der Gegenwart ihre Stelle anzuweisen sondern er weiss23 auch - eine Art apriorischer Prophet -24 ihren zukünftigen Gang. »Der Philosoph, der als Philosoph sich mit der Geschichte befasst25, geht jedem26 apriori fortlaufenden Faden des Weltplans nach, der ihm klar ist, ohne alle Geschichte; und sein Gebrauch der Geschichte ist keineswegs, um durch sie etwas zu erweisen, |152 da seine Sätze schon früher, und27 unabhängig von aller Geschichte erwiesen sind: sondern dieser sein Gebrauch der Geschichte ist nur erläuternd, und in der Geschichte darlegend im lebendigen Leben, was auch ohne Geschichte sich versteht.« (Grundzüge) Der Mensch also ist mit dem innersten30 Wesen der Geschichte so vertraut31, dass nicht einmal32 die Zukunft ihm33 verborgen ist. Dennoch ist34 er äusserlich35 so fixiert an seine Stelle im »Strom der Zeit«, so festgebunden an den »apriori fortlaufenden Faden des Weltplans«36, dass er praktisch37 gar keine Zukunft hat, in die er mit Sinn hineinhandeln könnte. Dies eigentümliche Doppelspiel von Macht und Ohnmacht des Menschen in der Geschichte38 ist in den Reden an die deutsche Nation, wenn auch letztlich sehr unbefriedigend39, so doch für den unbefangenen Zuhörer apodiktisch genug40 aufgelöst. Die Reden appellierten41 etwas zu tun, um der Katastrophe zu entrinnen. Sie riefen42 weder offen noch geheim zum Aufstand gegen Frankreich auf. Ihr Plan rechnete43 mit einem viel weiteren Raum der Zukunft. Die nächste Generation soll vermittels eines grossartigen44 Erziehungsplanes für eine ganz veränderte45 Welt erzogen werden. Zwar dementierte Fichte an keiner Stelle ausdrücklich seine ursprüngliche Konzeption apriorisch aufeinanderfolgender Zeitalter; dennoch liegt in den Reden der Grundunterschied ganz eindeutig fest:46 der Mensch hat die Macht die Realität seines Denkens auch zu bewirken, die Welt planmässig umzugestalten49, geschichtlich Neues frei50 zu erschaffen51. Seine früheren Thesen selbst persif lierend führt Fichte aus: dem Philosophen »52wickelt sich die Geschichte, und mit ihr das Menschengeschlecht nicht ab nach dem verborgenen und wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht der eigentliche |153 und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein erschaffend das durchaus Neue« (Reden).53 Um den54 Menschen die Macht über die wirkliche Welt zu geben, dass55 er sie verändern kann, und dennoch dem »Grundtrieb des Menschen« nicht seine Richtung auf das »56Apriorische«57 zu nehmen, unterscheidet58 Fichte zwischen der »schon gegebenen und vorhandenen Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann, wie sie eben ist«,59 und der »Welt, die da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig ist und ewig fort zukünftig bleibt« (Reden)60. Zwischen der unveränderbar gegebenen und61 der veränderungsunbedürftigen, weil absolut gesetzmässigen, ewigzukünftigen Welt,62 liegt die menschliche Sphäre63, deren Wert und64 Unwert von der »klaren Erkenntnis« der apriorischen, ewigzukünftigen65 abhängt. Das neue Zeitalter66, zu dem Fichte aufrief67, ist, gemäss68 der Aufteilung in den Grundzügen69, die »Epoche der Vernunftwissenschaft: das Zeitalter, wo die Wahrheit als das Höchste anerkannt und am höchsten geliebt wird«. Der schematische Abriss von70 fünf Weltepochen wurde aus den Grundzügen in71 die Reden72 unausdrücklich mitübernommen; nur werden73 die Weltepochen dabei,74 ebenfalls unausdrücklich,75 auf drei reduziert: Fichte scheidet die erste Epoche, die schon in den früheren Vorlesungen eine Sonderstellung hat77, weil sie vor aller Geschichte und ohne79 Freiheit verläuft, die Epoche der »Herrschaft der Vernunft durch Instinkt« aus,80 denn Sache des Menschen und seiner Freiheit sei81 »nicht Vernünftigsein, sondern Vernünftigwerden« (Reden)82; und83 aus demselben Grunde lässt84 er das fünfte Zeitalter, »da die Menschheit mit sicherer und unfehlbarer Hand sich selber zum getroffenen Abdrucke der Vernunft erbauet« fallen. So vermeidet er die »wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes« - |154 jene86 »Zauberei87«, durch89 die der Hörer sich - nach einem Worte Schleiermachers -90 »schauderhaft unter Gespenster versetzt findet«.91
Ohne zu optieren kann man aber in Deutschland nicht mehr leben. Sie sieht es an ihrer Isolierung, die noch akzentuiert wird durch eine notwendige Trennung von der Familie. »Aus seiner Familie, von gewohnten lebendigen Gestalten zu gehen, ohne irgendwo hinzukommen, ist so unanständig, so verrückt als traurig. Für niemand hab ich etwas zu besorgen, zu bedenken als für mich! Nie, nie, nie noch war ich in der Lage.« In die Familie nämlich hat sie sich beim Zusammenbruch zurückgeflüchtet, weil in dem Moment der politischen Katastrophe die |Arendt-II-001-00000133 Differenzen, welche sie mit der Familie hatte, belanglos, die Zusammenhänge zu einem gesellschaftlichen Band werden. Der Plan, nach Paris zu fliehen - zu Campan, zu den neuen Freunden - mißlingt; sie muß in Berlin bleiben »im strengsten Verstande des Wortes allein, und ohne jede Hoffnung, ohne irgend einen Plan, mit der tiefsten Einsicht, mit der beleidigtsten Seele, ohne Mut zur Beschäftigung zu finden«. Also muß sie versuchen, in die Gesellschaft zurückzufinden, sich zu assimilieren, zu werden wie die anderen. Wieder gelingt ihr das Einfache und Naheliegende, von Umständen Erzwungene nur auf dem langen und schwierigen Umwege über das Allgemeine. Mag ihr späterer Patriotismus noch so opportunistisch wirken, noch so parvenuhafte Formen annehmen, es bleibt doch immer bestehen, daß nur Einsicht, Vernunft, allgemeinste Überzeugung ihn in ihr erzeugt haben. Daß kein Geringerer als Fichte bemüht wurde, sie wirklich zu assimilieren - »Fichtes Stunde mein einziger Trost, meine Hoffnung, mein Reichtum«. Rahel assimiliert sich an Fichtes1 Reden an die deutsche Nation. Fichte selbst bezeichnet die Reden3 ausdrücklich als die4 Fortsetzung seiner Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, in denen er in Berlin drei Jahre früher seine Geschichtsphilosophie entwickelt hatte5. Es ist als sicher anzunehmen, daß6 Rahel sie kannte7. Diese8 Vorlesungen hatten noch9 keine aktuelle Pointe, ja,10 jede aktuelle Beziehung wurde aufs strengste vermieden11, da »niemand entfernter als der Philosoph von dem Wahne ist, daß14 durch seine Bestrebungen das Zeitalter sehr15 merklich vorrücken würde« (Fichte). Vielmehr »geht die Zeit16 ihren festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es läßt17 in ihr durch einzelne Kraft sich nichts übereilen oder erzwingen«. Der Gang der Geschichte ist apriori vorgezeichnet, und dem Philosophen bleibt nur19, ihre Gesetze auszuspüren; kennt21 er die Grundgesetze, die er »ohne alle historische Belehrung« findet, so braucht er sich nicht damit zu begnügen, die Vergangenheit nachzuzeichnen und der Gegenwart ihre Stelle anzuweisen,22 sondern er weiß23 auch - eine Art apriorischer Prophet -24 ihren zukünftigen Gang. »Der Philosoph, der als Philosoph sich mit der Geschichte befaßt25, geht jenem26 apriori fortlaufenden Faden des Weltplans nach, der ihm klar ist, ohne alle Geschichte; und sein Gebrauch der Geschichte ist keineswegs, um durch sie etwas zu erweisen, da seine Sätze schon früher, und27 unabhängig von aller Geschichte,28 erwiesen sind: sondern dieser sein Gebrauch der Geschichte ist nur erläuternd, und in der Geschichte darlegend im lebendigen Leben, was auch ohne Geschichte sich versteht.« |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000134 Der Mensch also ist mit dem innersten30 Wesen der Geschichte so vertraut31, daß nicht einmal32 die Zukunft ihm33 verborgen ist. Dennoch ist34 er äußerlich35 so fixiert an seine Stelle im »Strom der Zeit«, so festgebunden an den »apriori fortlaufenden Faden des Weltplans«36, daß er praktisch37 gar keine Zukunft hat, in die er mit Sinn hineinhandeln könnte. Dies eigentümliche Doppelspiel von Macht und Ohnmacht des Menschen in der Geschichte38 ist in den Reden an die deutsche Nation, wenn auch letztlich sehr unbefriedigend39, so doch für den unbefangenen Zuhörer apodiktisch genug40 aufgelöst. Die Reden appellieren,41 etwas zu tun, um der Katastrophe zu entrinnen. Sie rufen42 weder offen noch geheim zum Aufstand gegen Frankreich auf. Ihr Plan rechnet43 mit einem viel weiteren Raum der Zukunft. Die nächste Generation soll vermittels eines großartigen44 Erziehungsplanes für eine ganze veränderte45 Welt erzogen werden. Zwar dementierte Fichte an keiner Stelle ausdrücklich seine ursprüngliche Konzeption apriorisch aufeinanderfolgender Zeitalter; dennoch liegt in den Reden der Grundunterschied ganz eindeutig fest:46 der Mensch hat die Macht,48 die Realität seines Denkens auch zu bewirken, die Welt planmäßig umzugestalten49, geschichtlich Neues frei50 zu erschaffen51. Als wolle er seine früheren Thesen selbst persiflieren, führt Fichte nun in den Reden aus: dem Philosophen »52wickelt sich die Geschichte, und mit ihr das Menschengeschlecht nicht ab nach dem verborgenen und wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein erschaffend das durchaus Neue«.53 Um dem54 Menschen die Macht über die wirkliche Welt zu geben, daß55 er sie verändern kann, und dennoch dem »Grundtrieb des Menschen« nicht seine Richtung auf das »56Apriorische«57 zu nehmen, unterscheidet58 Fichte zwischen der »schon gegebenen und vorhandenen Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann, wie sie eben ist«,59 und der »Welt, die da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig ist und ewig fort zukünftig bleibt«. Zwischen der unveränderbar gegebenen und61 der veränderungsunbedürftigen, weil absolut gesetzmäßigen, ewigzukünftigen Welt62 liegt die menschliche Sphäre63, deren Wert und64 Unwert von der »klaren Erkenntnis« der apriorischen, ewigzukünftigen65 abhängt. Das neue Zeitalter66, zu dem Fichte aufrief67, ist (gemäß68 der Aufteilung in den Grundzügen)69, die »Epoche der Vernunftwissenschaft: das Zeitalter, wo die Wahrheit als das Höchste anerkannt und am höchsten geliebt wird«. Der schematische Abriß von70 fünf |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000135 Weltepochen wird aus den Grundzügen in71 die Reden72 unausdrücklich mitübernommen; nur werden73 die Weltepochen dabei,74 ebenfalls unausdrücklich,75 auf drei reduziert: Fichte scheidet die erste Epoche, der »Herrschaft der Vernunft durch Instinkt«,76 die schon in den früheren Vorlesungen eine Sonderstellung hatte77, aus,78 weil sie vor aller Geschichte und ohne79 Freiheit verläuft;80 denn Sache des Menschen und seiner Freiheit sei81 »nicht Vernünftigsein, sondern Vernünftigwerden«82; und83 aus demselben Grunde läßt84 er das fünfte Zeitalter, »da die Menschheit mit sicherer und unfehlbarer Hand sich selber zum getroffenen Abdrucke der Vernunft erbauet«,85 fallen. So vermeidet er die »wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes«, jene86 »Zauberei87«, durch89 die der Hörer sich - nach einem Wort Schleiermachers -90 »schauderhaft unter Gespenster versetzt findet.«91
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»Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der |141 glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist«. Hat Rahel2 die Welt, zu der sie keinen Zutritt hat3, nicht4 zu einem solchen »festen,5 beharrlichen und toten Sein« gemacht? Hat6 sie nicht versucht, neben diesem beharrlichen Sein eine andere,7 leichte,8 lebendige Welt zu gründen im Salon9, in dem keiner mehr10 »Glied an der11 Kette« sondern »unmittelbar von dem Wahrhaftigen ergriffen« ist13? Die Katastrophe von 1806 zerstört14 nicht nur diese Welt; sie zeigt zugleich15 die andere16, die feste17 und beharrliche, in18 der man Glied einer Kette sein muss19, um in ihr leben zu können in ihrer ganzen Unfestigkeit; sie zeigt, dass alles Beharrliche auf20 die Dauer gesehen nur Schein ist21, und sie erinnert an die Katastrophe von 178922, die eine Welt, eine feste, beharrliche untergehen und eine neue heraufkommen liess23. Vielleicht ist der Untergang der alten Welt gerade Rahels Chance, in eine neue hereinzukommen25. Wenn sie26 auch erst einmal den schmalen27 Boden der28 Privatheit, den die alte Welt übrig gelassen hatte, überspült29 und in die Öffentlichkeit hineinreisst30. Die alte Welt ist in der Katastrophe untergegangen und keine Tradition soll33 in den Aufbau der34 neuen eingehen. So will Fichte, dass die kommende Generation35 abgesondert von der noch lebenden erzogen,36 ihrem verderblichen Einfluss entzogen37 werden soll38. Der natürliche Zusammenhang, der dem geschichtlichen Kontinuum zugrunde39 liegt, die Aufeinanderfolge der Generationen40 soll zerstört werden. Nicht ein besonders durch die41 Geschichte priviligierter42 Stand soll der Träger der neuen Welt werden, sondern die ganze Nation. Nicht »das43 dunkle Gefühl«, sondern »die44 klare Erkenntnis« soll »45zu der wahren Grundlage und dem Ausgangspunkt des Lebens gemacht« werden46.
»Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist«. Hatte Rahel nicht2 die Welt, zu der sie keinen Zutritt fand3, voller Bitterkeit4 zu einem solchen »festen beharrlichen und toten Sein« gemacht? Hatte6 sie nicht dieses tote Sein unbeachtet liegen gelassen und sich umgetan, eine andere7 leichte,8 lebendige Welt zu gründen im Salon9, in dem keiner mehr10 »Glied an der11 Kette«,12 sondern »unmittelbar von dem Wahrhaftigen ergriffen« sein sollte13? Die Katastrophe von 1806 zerstörte nun14 nicht nur die luftige16, idyllische17 und illusionistische Gesellschaft18 der Salons19, sondern zeigte vor allem20 die Zerbrechlichkeit der andern festen21, beharrlichen22, in der man nur als »Glied einer Kette« hatte leben können23. Vielleicht also24 ist der Untergang der alten Welt gerade Rahels Chance, in eine neue hineinzukommen25. Wenn auch erst einmal der schmale27 Boden an28 Privatheit, den die alte Welt übrig gelassen hatte, mitgerissen29 und mitvernichtet ist30. Die alte Welt ist in der Katastrophe untergegangen;31 und Fichte wird zu »Trost und Hoffnung«, weil er32 keine Tradition in den Aufbau einer34 neuen eingehen lassen will. Die kommende Generation soll nach ihm35 abgesondert von der noch lebenden, geschützt vor36 ihrem verderblichen Einfluss erzogen37 werden. Der natürliche Zusammenhang, der dem geschichtlichen Kontinuum zu Grunde39 liegt, die Aufeinanderfolge der Geschlechter40 soll zerstört werden. Nicht ein durch Geburt und41 Geschichte privilegierter42 Stand soll der Träger der neuen Welt werden, sondern die ganze Nation. Nicht das »43dunkle Gefühl«, sondern die »44klare Erkenntnis« (Fichte) wird45 zu der wahren Grundlage und dem Ausgangspunkt einer neuen Gesellschaftsordnung gemacht46.
»Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist«, lernt Rahel von Fichte1. Hatte sie nicht2 die Welt, zu der sie keinen Zutritt fand3, voller Bitterkeit4 zu einem solchen »festen beharrlichen und toten Sein« gemacht? Hatte6 sie nicht nur deshalb im Salon sich eine andere,7 leichte und8 lebendige Welt geschaffen, um diesem »beharrlichen9, toten Sein« zu entrinnen, um nicht als10 »Glied einer11 Kette« gezwungen,12 sondern »unmittelbar von dem Wahrhaftigen ergriffen« zu werden13? Die Katastrophe von 1806 zerstörte nun14 nicht nur die luftige16, idyllische17 und illusionistische Gesellschaft18 der Salons19, sondern zeigte vor allem20 die Zerbrechlichkeit der andern festen21, beharrlichen Welt22, in der man nur als »Glied einer Kette« hatte leben können23. Vielleicht also24 ist der Untergang der alten Welt gerade Rahels Chance, in eine neue hineinzukommen25. Wenn auch erst einmal der schmale27 Boden an28 Privatheit, den die alte Welt übriggelassen hatte, mitgerissen29 und mitvernichtet ist30. Die alte Welt ist in der Katastrophe untergegangen;31 und Fichte wird zu »Trost und Hoffnung«, weil er32 keine Tradition in den Aufbau einer34 neuen eingehen lassen will. Die kommende Generation soll nach ihm35 abgesondert von der noch lebenden, geschützt vor36 ihrem verderblichen Einfluß, erzogen37 werden. Der natürliche Zusammenhang, der dem geschichtlichen Kontinuum zugrunde39 liegt, die Aufeinanderfolge der Geschlechter,40 soll zerstört werden. Nicht ein durch Geburt und41 Geschichte privilegierter42 Stand soll der Träger der neuen Welt werden, sondern die ganze Nation. Nicht das »43dunkle Gefühl«, sondern die »44klare Erkenntnis« (Fichte) soll45 zu der wahren Grundlage und dem Ausgangspunkt einer neuen Gesellschaftsordnung gemacht werden46.
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In dieser neuen Welt wird vielleicht jeder willkommen sein. Nicht nur, weil die klare1 Erkenntnis jedem zustehen2 kann, nicht nur3, weil4 der »Zufluchtsort« für den Bestand der5 Zukunft nicht mehr beim Staat6, der die Welt beharrlich erhielt, sondern7 »bei8 den Regierten, |142 in den Bürgern« bereitet werden soll; vor allem weil in diese Geschichte sich9 nur einreihen kann10, wer sich selbst,11 als »sinnliches Individuum12« in seiner sinnlichen Bestimmtheit, mit dieser Herkunft und dieser gegebenen Lage in der Welt »vernichtet«. Nicht Einzelne werden die geschichtliche Gemeinschaft der Zukunft sein16, sondern »wir als eine in den Begriff verlorene und mit der absoluten Vergessenheit unserer individuellen Personen zur Einheit des Denkens verflossene Gemeine«.
In dieser neuen Welt wird vielleicht jeder willkommen sein. Klare1 Erkenntnis kann jeder erwerben3, an4 der Zukunft jeder teilnehmen6, wenn ihr Bestand bei7 »den Regierten, in den Bürgern« (Fichte) bereitet wird; zugehören darf ohnehin9 nur, wer sich selbst als »sinnliches Individuum12« (Fichte)13 in seiner sinnlichen Bestimmtheit, mit dieser Herkunft und dieser gegebenen Lage in der Welt,14 »vernichtet« hat15. Nicht Einzelne werden die geschichtliche Gemeinschaft der Zukunft bestimmen16, sondern »wir als eine in den Begriff verlorene und mit der absoluten Vergessenheit unserer individuellen Personen zur Einheit des Denkens verflossene Gemeine« (Reden)17.
In dieser neuen Welt wird vielleicht jeder willkommen sein. Klare1 Erkenntnis kann jeder erwerben3, an4 der Zukunft jeder teilnehmen6, wenn ihr Bestand bei7 »den Regierten, in den Bürgern« (Fichte) bereitet wird; zugehören darf ohnehin9 nur, wer sich selbst als »sinnliche Individualität12« (Fichte),13 in seiner sinnlichen Bestimmtheit, mit dieser Herkunft und dieser gegebenen Lage in der Welt,14 »vernichtet« hat15. Nicht Einzelne werden die geschichtliche Gemeinschaft der Zukunft bestimmen16, sondern »wir als eine in den Begriff verlorene und mit der absoluten Vergessenheit unserer individuellen Personen zur Einheit des Denkens verflossene Gemeine«.
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Um zu dieser1 neuen Gemeinschaft zu gehören, braucht Rahel nur sich und ihre Herkunft, ihre »sinnliche« Existenz zu vernichten,2 »Der Jude«, so schreibt sie dem3 Bruder, »muss4 aus uns ausgerottet werden; das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen«.5 Wenn sie sich in ihrer »6sinnlichen Individualität«7 vernichtet, so bestätigt sie nur das Leben, das ohnehin auf sie,8 in ihrer konkreten Bestimmtheit keine10 Rücksicht genommen hat. Sie reiht sich in11 eine Geschichte ein12, deren Vergangenheit apriorisch erfassbar13, deren Zukunft durch reines Denken zu erzwingen ist. Die Isolierung14 der kommenden Generation aus dem15 bestehenden bürgerlichen Leben16, die Fichte verlangt - hat sie17 nicht von jeher in solcher Isolierung gelebt? Was ihre »Schmach« war, keinen Stand zu haben, wird es nicht fast18 zu einem Privileg?
Um zu der1 neuen Gemeinschaft zu gehören, braucht Rahel nur sich und ihre Herkunft, ihre »sinnliche« Existenz zu vernichten; was sie aus vielen Gründen und seit langer Zeit zu tun bestrebt ist.2 »Der Jude«, so schreibt sie an den3 Bruder, »muss4 aus uns ausgerottet werden; das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen«.5 Wenn sie sich in ihrer sinnlichen Individualität vernichtet, so bestätigt sie nur das Leben, das ohnehin auf sie in ihrer konkreten, sinnlichen9 Bestimmtheit nicht die geringste10 Rücksicht genommen hat. Sie kann dabei nur gewinnen, wenn sie11 eine Geschichte geschenkt bekommt12, deren Vergangenheit apriorisch erfassbar13, deren Zukunft durch reines Denken zu erzwingen ist. Die Herauslösung14 der kommenden Generation aus dem15 bestehenden bürgerlichen Leben16, die Fichte verlangt - hat denn Rahel17 nicht von jeher in solcher Isolierung gelebt? Was ihre »Schmach« war, keinen Stand zu haben, wird es nicht zu einem Privileg?
Um zu der1 neuen Gemeinschaft zu gehören, braucht Rahel nur sich und ihre Herkunft, ihre »sinnliche« Existenz zu vernichten; was sie aus vielen Gründen und seit langer Zeit zu tun bestrebt ist.2 »Der Jude«, so schreibt sie an den3 Bruder, »muß4 aus uns ausgerottet werden; das ist heilig wahr, und sollte das Leben mitgehen5 Wenn sie sich in ihrer sinnlichen Individualität vernichtet, so bestätigt sie nur das Leben, das ohnehin auf sie in ihrer konkreten, sinnlichen9 Bestimmtheit nicht die geringste10 Rücksicht genommen hat. Sie kann dabei nur gewinnen, wenn sie11 eine Geschichte geschenkt bekommt12, deren Vergangenheit apriorisch erfaßbar13, deren Zukunft durch reines Denken zu erzwingen ist. Die Herauslösung14 der kommenden Generation aus den15 bestehenden bürgerlichen Verhältnissen16, die Fichte verlangt - hat sie17 nicht von jeher in solcher Isolierung gelebt? Was ihre »Schmach« war, keinen Stand zu haben, wird es nicht zu einem Privileg?
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330
»Wenn der Grosse (sc. Fichte) sich irrt, so ist das höchstens der optische Verstand ... was1 kann man denn - Menschen nämlich - über den menschlichen Geist stellen;2 da wir durch diesen doch nur alle3 begreifen«. Dass4 man die Geschichte und die Welt, zu der keine Tradition und keine Selbstverständlichkeit des Standes geführt hat5, verstehen kann, ist mehr als nur ein Triumph für den Aussenstehenden6. Es ist die einzig mögliche Art, sich der Welt zu verpflichten. Dass7 Rahel an Fichte den guten Willen des Verstehens8 lernt, dass9 sie an10 ihm jeden Hochmut des Outsiders11 verlernt, ist wichtiger12, als dass13 sie inhaltlich dann schliesslich14 doch nur |143 ein Schema lernt15, mit dem man alles und nichts begreifen kann. Ihr neuer und oft peinlich anmutender Patriotismus ist nur eine vorschnelle Konsequenz, die sie Fichte nachzieht. Er ist vor allem der erste Versuch,17 sich in die neue Geselligkeit einzufügen. Da dieser Versuch misslingt - schliesslich bewirken die Reden an die deutsche Nation ja nicht die sofortige Zerstörung der Gesellschafts- und Standesvorurteile - so verfliegt ihr Patriotismus19 auch bald. Er stellt sich erst wieder ein in der Zeit der Befreiungskriege, die sie in Prag verbringt. Da ermöglichst der Krieg ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine bestimmte Beschäftigung - sie verpflegt Verwundete20, sorgt für ihre Unterbringung, organisiert die Verteilung der Geldspenden -; da hat ihr Patriotismus einen Sinn, mögen ihre Aussagen über ihre eigene Begeisterung noch so kindlich wirken. Da gehört sie wirklich zum ersten Male als Deutsche dazu und geniesst für das, was man ihr zu tun erlaubt, ein bestimmtes Ansehen21.
»Was1 kann man denn - Menschen nämlich - über den menschlichen Geist stellen,2 da wir durch diesen doch nur alles3 begreifen.« |156 Dass4 man die Geschichte und die Welt, zu der keine Tradition und keine Selbstverständlichkeit des Standes geführt haben5, verstehen kann, ist mehr als nur ein Triumph für den Aussenstehenden6. Es ist die einzig mögliche Art, sich der Welt zu verpflichten. Dass7 Rahel an Fichte den guten Willen der Einsicht8 lernt, dass9 sie bei10 ihm jeden Hochmut des Paria auf exzeptionell tiefe Erfahrungen und Gefühle11 verlernt, ist so wichtig12, dass es nichts ausmacht, wenn13 sie inhaltlich schliesslich14 doch nur ein Schema bekommt15, mit dem man alles und nichts begreifen kann. Ihr neuer und sehr16 oft peinlich anmutender Patriotismus ist nur eine vorschnelle Konsequenz, die sie Fichte unter dem drückenden Zwang der Verhältnisse nachgezogen hat. Sie musste17 sich irgendwie18 in die neue Geselligkeit einfügen, wenigstens es versuchen. Denn gelingen tut ihr in diesen Jahren bis zu den Kriegen von 1813 positiv nichts. Der patriotische Antisemitismus, dem19 auch Fichte nicht sehr fern stand, vergiftete alle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Gesellschafts- und Standesvorurteile gruppierten sich neu in dem Masse, als der Adel, gerade auf Grund seiner politischen und ökonomischen Niederlagen20, seine alten gesellschaftlichen Prätentionen mit grösstem Erfolg anmeldete und in ihnen durch die patriotische Intelligenz im Wesentlichen unterstützt wurde. Rahels neugebackener Patriotismus verfliegt schnell, da er nicht mehr hilft, die Isolierung zu durchbrechen. Sie hat den Anschluss verpasst, weil es bis zum neuen Krieg generell keinen Anschluss für Juden mehr gibt21.
»Was1 kann man denn - Menschen nämlich - über den menschlichen Geist stellen,2 da wir durch diesen doch nur alles3 begreifen.« Daß4 man die Geschichte und die Welt, zu der keine Tradition und keine Selbstverständlichkeit des Standes geführt haben5, verstehen kann, ist mehr als nur ein Triumph für den Außenstehenden6. Es ist die einzig mögliche Art, sich der Welt zu verpflichten. Daß7 Rahel an Fichte den guten Willen der Einsicht8 lernt, daß9 sie bei10 ihm jeden Hochmut des Paria auf exzeptionell tiefe Erfahrungen und Gefühle11 verlernt, ist so wichtig12, daß es nichts ausmacht, wenn13 sie inhaltlich schließlich14 doch nur ein Schema bekommt15, mit dem man alles und nichts begreifen kann. Ihr neuer und sehr16 oft peinlich anmutender Patriotismus ist nur eine vorschnelle Konsequenz, die sie Fichte unter dem drückenden Zwang der Verhältnisse nachgezogen hat. Sie mußte17 sich irgendwie18 in die neue Geselligkeit einfügen, wenigstens es versuchen. Denn gelingen tut ihr in diesen Jahren |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000137 bis zu den Kriegen von 1813 positiv nichts. Der patriotische Antisemitismus, dem19 auch Fichte nicht fernstand, vergiftete alle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Gesellschafts- und Standesvorurteile gruppierten sich neu in dem Maße, als der Adel, gerade auf Grund seiner politischen und ökonomischen Niederlagen20, seine alten gesellschaftlichen Prätentionen mit größtem Erfolg anmeldete und in ihnen durch die patriotische Intelligenz im wesentlichen unterstützt wurde. Rahels neugebackener Patriotismus verfliegt schnell, da er doch nicht hilft, die Isolierung zu durchbrechen. Sie hat den Anschluß verpaßt, weil es bis zum neuen Krieg im allgemeinen für Juden keinen Anschluß gibt21.
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Erst in Prag, wo sie die Jahre des Krieges 1813/14 grösstenteils1 zubringt, erinnert sie sich wieder patriotischer |157 Gefühle. Der Krieg, der sie in die Fremde verschlägt, verwischt leichter, wenn auch nicht vollkommen, die gesellschaftlichen Unterschiede. Dort findet sie zum ersten Mal2 in ihrem Leben eine bestimmte Beschäftigung - sie pflegt Verwundete, sorgt für ihre Unterbringung, organisiert Geldspenden; da hat ihr Patriotismus einen Sinn, mögen ihre Aussagen über ihre eigene Begeisterung noch so kindisch wirken. Da gehört sie wirklich zum erste Male als Deutsche dazu und geniesst3 für das, was man ihr zu tun erlaubt, ein bestimmtes Ansehen.
Erst in Prag, wo sie die Jahre des Krieges 1813/14 größtenteils1 zubringt, erinnert sie sich wieder patriotischer Gefühle. Der Krieg, der sie in die Fremde verschlägt, verwischt leichter, wenn auch nicht vollkommen, die gesellschaftlichen Unterschiede. Dort findet sie zum erstenmal2 in ihrem Leben eine bestimmte Beschäftigung - sie pflegt Verwundete, sorgt für ihre Unterbringung, organisiert Geldspenden; da hat ihr Patriotismus einen Sinn, mögen ihre Aussagen über ihre eigene Begeisterung noch so kindisch wirken. Da gehört sie wirklich zum erste Male als Deutsche dazu und genießt3 für das, was man ihr zu tun erlaubt, ein bestimmtes Ansehen.
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332
6. Kapitel. Tag und Nacht.1
12. Kapitel Tag und Nacht1
Tag und Nacht1
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333
1.
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334
Rahel gibt sich alle Mühe2, ein Mensch unter Menschen zu werden. Aber was4 soll sie dagegen tun, dass5 sie Urquijo nicht vergessen kann7? Sie soll und braucht8 nicht zu vergessen, was ihr geschehen ist, nicht den Zauber und nicht das Zurückgestossen werden9; aber ihn musste10 sie vergessen können. Sie müsste11 ruhig bleiben können12, wenn sie ihn sieht;13 sie müsste14 sich verlassen können15 auf die Desillusionierung, auf die Demaskierung ihrer Augen16[gap]: dass17 sie sicher »in der Nase den Neid« sieht, »zwischen Aug’ und Mund nach der Nase die Wangen herab die Ungewissheit18 der Meinung«; dass19 sie der Stimme nicht verfällt, sondern der Sprache das »undeutliche20 und ungebildete21« abhrt22. Sie müsste23 der Vernunft ihrer Sinne sicher sein oder sie dürfte ihn nicht sehen24. Statt dessen sind ihre Sinne treu25, weil es wahr ist und wahr bleibt, dass27 sie in ihm »das Bild für ihre Sinne fand«; wahr dass28 sie ihr »Herz für ewig zu ihm schleuderte«30. Nun gehen ihre Sinne dem Herzen nach. Nun werden ihre Sinne ihr untreu31, ihr und der Einsicht, die doch und trotz und32 allem die Tage beherrscht, die Tage weitergehen lässt33. Will sie die Herrschaft über een34 Tag nicht verlieren, so muss35 sie den Tag belügen, die anderen36 belügen, sich selbst belügen, sodass schliesslich37 keiner mehr, nicht sie, nicht die anderen wissen,38 »wie es mit meiner Seele steht: was ich sage ist eine lüge40; ohne meine Schuld«. Was sie sagt, kenn r nie41 mehr die Wahrheit sein42, we schon weil sie es sagt43. Aber gleich ob Lüge oder Wahrheit, was sie sagt, bestimmt das |145 Leben des Tages und zwingt sie zu einer bestimmten Einhelligkeit und Eindeutigkeit des Weiterlebens und Weitergehens. Das andere das was sie verschweigt, brauchte niemanden etwas anzugehen, wei es »Unsäglich« ist; es ginge niemanden an, obwohl sie selbst es das »Wesentliche« nennt. Die Scham, die sich schämt das letzte Unglück zu nennen, darf nicht angetastet werdn4; denn sie ist der Grund des Weiterlebenkönnens. Und nur mit dem Weiter des Tages haben es die andere, hat Rahel selbst es zu tun. Nur Glück oder Tod, so meint sie, können ihr den Mund öffnen. Glück weil es das Unglück historisiert, es zu der Epoche des Unglücklichgewesenseins bagatellisiert. Tod, weil es nicht mehr auf das Weiter ankommt.44
Da1 Rahel trotz aller Mühe keinen gesellschaftlichen Anschluss findet2, da ihre Assimilationstendenzen gänzlich im luftleeren, im menschenleeren Raum bleiben, kann es ihr nicht gelingen,3 ein Mensch unter Menschen zu werden. Was4 soll sie dagegen tun, dass5 sie Urquijo nicht zu6 vergessen vermag7? Sie soll und brauchte8 nicht zu vergessen, was ihr geschehen ist, nicht den Zauber und nicht das Zurückgestossenwerden9; aber ihn müsste10 sie vergessen können. Sie müsste11 ruhig bleiben, wenn sie ihn sieht,13 sie müsste14 sich verlassen auf die Desillusionierung, auf die Demaskierung durch ihre Einsicht16: dass17 sie sicher »in der Nase den Neid« sieht, »zwischen Aug’ und Mund nach der Nase die Wangen herab die Ungewissheit18 der Meinung«; dass19 sie der Stimme nicht verfällt, sondern der Sprache das »Undeutliche20 und Ungebildete21« abhört22. Sie müsste23 der Vernunft ihrer Sinne sicher sein, oder sie dürfte ihn nicht mehr sehen24. Statt dessen sind ihre Sinne ihr untreu25, spiegeln ihr sein Bild vor, auch wenn er nicht da ist,26 weil es wahr ist und wahr bleibt, dass27 sie in ihm »das Bild für ihre Sinne fand« und dass28 sie darum29 ihr »Herz für ewig zu ihm schleuderte.« Untreu sind ihr Sinne und Herz geworden31, ihr und der Einsicht, die doch und trotz allem die Tage beherrscht, ihren Rhythmus bestimmt33. Will sie die Herrschaft über den34 Tag nicht verlieren, so muss35 sie den Tag belügen, die Anderen36 belügen, sich selbst belügen, sodass schliesslich37 keiner mehr, nicht sie, nicht irgendein Freund, wissen38 »wie es mit meiner Seele steht: was ich sage,39 ist eine Lüge40; ohne meine Schuld«. Ihren Meinungen kann sie |159 nicht41 mehr trauen42, weil sie sich selbst verloren hat43. Aber gleich ob Lüge oder Wahrheit - was sie sagt und ausspricht bestimmt das Leben des Tages, zwingt es zu einer bestimmten Einhelligkeit und Eindeutigkeit des Weiterlebens und Weitergehens. Das Andere, das was sie vage verschweigt, brauchte niemand etwas anzugehen, weil es »unsäglich« ist; es geht niemanden an, obwohl sie selbst es das »Wesentliche« nennt. Die Scham, die sich schämt, das letzte Unglück zu nennen, darf nicht angetastet werden; sie ist der einzige Schutz, den das Leben hat. Nur mit dem Tage haben es die Anderen, hat Rahel selbst es zu tun. Nur »Glück oder Tod«, so meint sie, könnten ihr »den Mund öffnen«. Glück weil es das Unglück historisiert, es zu der Epoche des Unglücklichgewesenseins bagatellisiert. Tod, weil es dann nicht mehr auf das Weiter ankommt und die Scham den Sinn verloren hat.44
Da1 Rahel trotz aller Mühen keinen gesellschaftlichen Anschluß findet2, da ihre Assimilationstendenzen gänzlich im luftleeren, im menschenleeren Raum bleiben, kann es ihr nicht gelingen,3 ein Mensch unter Menschen zu werden. Was4 soll sie dagegen tun, daß5 sie Urquijo nicht zu6 vergessen vermag7? Sie soll und brauchte8 nicht zu vergessen, was ihr geschehen ist, nicht den Zauber und nicht das Zurückgestoßenwerden9; aber ihn müßte10 sie vergessen können. Sie müßte11 ruhig bleiben, wenn sie ihn sieht,13 sie müßte14 sich verlassen auf die Desillusionierung, auf die Demaskierung durch ihre Einsicht16: daß17 sie sicher »in der Nase den Neid« sieht, »zwischen Aug’ und Mund nach der Nase die Wangen herab die Ungewißheit18 der Meinung«; daß19 sie der Stimme nicht verfällt, sondern der Sprache das »Undeutliche20 und Ungebildete21« abhört22. Sie müßte23 der Vernunft ihrer Sinne sicher sein. Statt dessen sind ihre Sinne ihr untreu25, spiegeln ihr sein Bild vor, auch wenn er nicht da ist,26 weil es wahr ist und wahr bleibt, daß27 sie in ihm »das Bild für ihre Sinne fand« und daß28 sie darum29 ihr »Herz für ewig zu ihm schleuderte.« Untreu sind ihr Sinne und Herz geworden31, ihr und der Einsicht, die doch und trotz allem die Tage beherrscht, ihren Rhythmus bestimmt33. Will sie die Herrschaft über den34 Tag nicht verlieren, so muß35 sie den Tag belügen, die anderen36 belügen, sich selbst belügen, so daß schließlich37 keiner mehr, nicht sie, nicht irgendein Freund, wissen,38 »wie es mit meiner Seele steht: was ich sage,39 ist eine Lüge40; ohne meine Schuld«. Ihren Meinungen kann sie nicht41 mehr trauen42, weil sie sich selbst verloren hat43.
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Aber gleich ob Lüge oder Wahrheit - was sie sagt und ausspricht bestimmt das Leben des Tages, zwingt es zu einer bestimmten Einhelligkeit und Eindeutigkeit des Weiterlebens und Weitergehens. Das andere, das sie vage verschweigt, braucht niemanden etwas anzugehen, weil es »unsäglich« ist; es geht niemanden an, obwohl sie weiß, daß es das |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000139 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000140 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000141 »Wesentliche« ist. Die Scham, die sich schämt, das letzte Unglück zu nennen, darf nicht angetastet werden; sie ist der einzige Schutz, den das Leben hat. Nur mit dem Tage haben es die anderen, hat Rahel selbst es zu tun. Nur »Glück oder Tod«, so meint sie, könnten ihr »den Mund öffnen«. Glück, weil es das Unglück historisiert, es zu der Epoche des Unglücklichgewesenseins bagatellisiert. Tod, weil es dann nicht mehr auf das Weiter ankommt und die Scham jeden Sinn verloren hat.
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336
Aber das1 Unglück verschwindet nicht ganz, obwohl2 es verschwiegen weird3; der Tag und der gute Wille zur Lüge, sie4 haben keine Macht über seine stumme Klage. Es flüchtet aus dem Tag5 in die Ncht; da6 es den Tag nicht zerstören kann, zerstört es die Nacht;7 die Nacht, die nicht mehr der9 Schutz ist10 vor der unerträglichen Helle und Fülle des Tages; die nict11 mehr in Allgemeinhei12 das immer Gleiche bringt13, nicht mehr in Unbestimmtheit die Ruhe des ewig Gewesenen, des immervergangenen schankt14; die Nacht, vor deren Weitere der Tag verblasst und16 die Mühe des Lebens17 zum ironischen Spiel wird18. Schrecklich, wenn die Nacht, von der Macht19 eines bestimmten Unglücks bezwungen, ein bestimmtes Gleiche20 hervorbringt,21 wenn das Vergangene ein bestimmtes Vergangenes wird, das einst den Tag füllte und e st22, als es aus ihm verstossen23 ward, in die Nacht flüchtete, um nun die Nacht25 mit Schmen26 des Tages zu füllen; schrecklich27, wenn das was einst Tag war, die Unbestimmtheit und ewige Wiederholung der Nacht annimmt. Schrecklich wenn die ewige30 Ruhe der Nacht31 sich in die ewige Sehsucht w |146 wandelt32.
Unglück verschwindet nicht ganz, auch wenn2 es verschwiegen wird3; der Tag und der gute Wille zur Lüge haben keine Macht über seine stumme Klage. Das Unglück, vom Tage verscheucht, flieht5 in die Nacht, in der6 es ungehemmt wütet, wenn es schon dem Tage nichts anzuhaben vermag. Dann hört7 die Nacht auf8, dem Menschen den notwendigen9 Schutz vor der unerträglichen Helle und Fülle des Tages zu bieten, bringt ihm nicht11 mehr in Allgemeinheit12 das immer gleiche Dunkle13, nicht mehr in Unbestimmtheit die Ruhe des ewig Gewesenen, des immer Vergangenen14; dann verengt sich15 die Nacht, vor deren Weite16 die Mühe des Tages sonst wohl17 zum ironischen Spiel ward, zieht sich zusammen zum engsten und ausweglosesten Behälter der Verzweiflung18. Schrecklich, wenn die Nacht, von der Gewalt19 eines bestimmten Unglücks bezwungen, ein bestimmtes Gleiches20 hervorbringt;21 wenn das Vergangene ein bestimmtes Vergangenes wird, das |160 einst den Tag füllte und erst22, als es aus ihm verstossen23 ward, in die Nacht sich24 flüchtete, um nun ihre Dunkelheit25 mit Schemen26 des Tages zu bevölkern. Schrecklich27, wenn das was einst Tag war, die Unbestimmtheit und ewige Wiederholung der Nacht annimmt. Schrecklich,29 wenn die Ruhe sich in die verzehrende, hoffnungslose Sehnsucht verwandelt32.
Unglück verschwindet nicht ganz, auch wenn2 es verschwiegen wird3; der Tag und der gute Wille zur Lüge haben keine Macht über seine stumme Klage. Das Unglück, vom Tage verscheucht, flieht5 in die Nacht, in der6 es ungehemmt wütet, wenn es schon dem Tage nichts anzuhaben vermag. Dann hört7 die Nacht auf8, dem Menschen den notwendigen9 Schutz vor der unerträglichen Helle und Fülle des Tages zu bieten, bringt ihm nicht11 mehr in Allgemeinheit12 das immer gleiche Dunkle13, nicht mehr in Unbestimmtheit die Ruhe des ewig Gewesenen, des immer Vergangenen14; dann verengt sich15 die Nacht, vor deren Weite16 die Mühe des Tages sonst wohl17 zum ironischen Spiel ward, zieht sich zusammen zum engsten und ausweglosesten Behälter der Verzweiflung18. Schrecklich, wenn die Nacht, von der Gewalt19 eines bestimmten Unglücks bezwungen, ein bestimmtes Gleiches20 hervorbringt;21 wenn das Vergangene ein bestimmtes Vergangenes wird, das einst den Tag füllte und erst22, als es aus ihm verstoßen23 ward, in die Nacht sich24 flüchtete, um nun ihre Dunkelheit25 mit Schemen26 des Tages zu bevölkern. Schrecklich27, wenn das,28 was einst Tag war, die Unbestimmtheit und ewige Wiederholung der Nacht annimmt. Schrecklich,29 wenn die Ruhe sich in die verzehrende, hoffnungslose Sehnsucht verwandelt32.
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337
Die stumme1 und verzehrende2 Klage der Nacht ginge niemanden etwas an3, wenn sich das besrimmte4 Gleiche nicht in Träumen manifestierte6, in Träumen, an8 die sich auch der Wachende erinnert,9 die der10 Tag nicht verdecken11 kann, weil sie sich wiederholen. Weil schliesslich12 die Nacht identisch wirdm13 mit bestimmten Träummen14, die ohne weiteres15 einen bestimmten Sinn haben, der in den T16 Tag eindringt, und17 den der Tag kennt18 aus vergangenen Tagen kennt
Der stummen1 und verzehrenden2 Klage der Nacht könnten wir vielleicht noch entrinnen3, wenn sich das bestimmte4 Gleiche nicht auch noch5 in den Schlaf vordrängte6, sich7 in Träumen manifestierte,8 die als Erinnerung den Wachenden überfallen und9 die er durch den10 Tag nicht zudecken11 kann, weil sie sich wiederholen. Schliesslich wird dann12 die Nacht und der Schlaf identisch13 mit bestimmten Träumen14, die ohne weiteres15 einen bestimmten Sinn haben, der in den Tag eindringt, den der Tag aus vergangenen Tagen kennt. Die Doppeltheit von Tag und Nacht, die heilsame Gedoppeltheit des Lebens wird zur Zweideutigkeit, wenn die Nacht eine bestimmte Nacht wird, wenn die Träume in eintöniger Wiederholung auf bestimmten Inhalten bestehen, des Tages Welle mit überdeutlichen Schattenbildern verdüstern, ihn aufstören aus seiner Beschäftigung und ihn immer wieder, ohne die Klarheit der Erinnerung, auf Vergangenes zurückschlagen.19
Der stummen1 und verzehrenden2 Klage der Nacht könnten wir vielleicht noch entrinnen3, wenn sich das bestimmte4 Gleiche nicht auch noch5 in den Schlaf vordrängte6, sich7 in Träumen manifestierte,8 die als Erinnerung den Wachenden überfallen und9 die er durch den10 Tag nicht zudecken11 kann, weil sie sich wiederholen. Schließlich wird dann12 die Nacht und der Schlaf identisch13 mit bestimmten Träumen14, die deutungsbedürftig15 einen bestimmten Sinn haben, der in den Tag eindringt, den der Tag aus vergangenen Tagen kennt. Die Doppeltheit von Tag und Nacht, die heilsame Gedoppeltheit des Lebens in Allgemeines und Bestimmtes wird zur Zweideutigkeit, wenn die Nacht eine bestimmte Nacht wird, wenn die Träume in eintöniger Wiederholung auf bestimmten Inhalten bestehen, des Tages Welle mit überdeutlichen Schattenbildern verdüstern, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000142 ihn aufstören aus seiner Beschäftigung und ihn immer wieder, ohne die Klarheit der Erinnerung, auf Vergangenes zurückschlagen.19
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338
Sie schreibt die Träume, die sich durch Jahre wiederholen, erst auf, als sie aufhört, sie zu träumen. Sie hatte sie durch all die Jahre der Stummheit für dich behalten. Die Doppelheit von Ta und Nacht, die heilsame Doppelheit des Lebens zwischen dem Weiter des Tages und der immer gleichen Nacht wurde schon zur Zweideutigkeit, als die Nacht eine bestimmte Nacht wurde. Die Träume die Wiederholung der Träume, machen auch den Tag zweideutig, hindern ihn an seinem Weiter, verdüstern seine Helle, schlagen ihn, ohne die Jlarheit der Erinnerung immer wieder zurück auf Vergangenes.
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339
So träumt sie1 zehn Jahre lang den selben Traum, der sich aber charakteristische abwandelt2. Der Traum beginnt zur Zeit ihrres Zusammenseins mit Finckenstein3, er überdauerte die Jahre4 mit Urquijo5. Die Landschaft bleibt6 die selbe; der Traum bleibt eine gewisse Zeit aus7, um dann mit veränderte Pointe wiederzukehren8:
Rahel träumte den folgenden Traum1 zehn Jahre lang, zum ersten Male während ihrer Verlobung mit Finckenstein2. Solange mit Urquijo alles gut ging, blieb er aus3, um nach dem Bruch charakteristisch abgewandelt, aber4 mit der gleichen Traumlandschaft, wiederzukehren5. Sie schreibt diesen, wie6 die folgenden erst auf, als sie bereits aufgehört hatte7, sie zu träumen. Der Traum lautet8:
Rahel träumte den folgenden Traum1 zehn Jahre lang, zum ersten Male während ihrer Verlobung mit Finckenstein2. Solange mit Urquijo alles gut ging, blieb er aus3, um nach dem Bruch charakteristisch abgewandelt, aber4 mit der gleichen Traumlandschaft, wiederzukehren5. Sie schreibt diesen, wie6 die folgenden erst auf, als sie bereits aufgehört hatte7, sie zu träumen. Der Traum lautet8:
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340
»Ich befand mich immer in einem vornehmen bewohnten Palast, vo1 dessen Fenstern gleich ein grossartiger2 Garten begann; eine mässige3 Terrasse vor dem Gebäude,4 und dann gleich grosse5 Linden und Kastanienbäume auf einem beinah unregelmässigen6 Platze, der zu Gängen, Teichen, Laubgängen und dem Gewöhnlichen in solchen Gärten führte. Die Zimmer des Gebäudes waren immer erhellt, offen und di8 Bewegung einer grossen9 Aufwartung darin; so sah ich immer eine |147 ganze Reihe geöffnet vor mir da;10 in deren letztem eigentlich die Gesellschaft der vornehmsten Personen war,11 wovon ich jedoch k12 keinen einzelnen13 mir denken konnte, obgleich ich sie alle kannte, zu ihnen gehörte und zu ihnen hin sollte. Dies aber ungeachtet die Türen offen waren, und ich wohl ihre Rücken an einem grossen16 Spieltische - wie eine Bank - sah konnte nie geschehen. Mich hinterte18 ein Unvermögen, eine Lähmung, die in der Luft der Zimmer und in der Erhellung zu liegen schien; ich dachte mir diese Hemmung nie im Ganzen19 und glaubte nur jedesmal von anderen Zufälligkeiten gehindert zu sein; und gedachte auch jedesmal zu meiner Gesellschaft zu kommen. Jedes Mal20 aber, wenn ich noch sechs bis acht Zimmer von ihr entfernt war, stellte sich ein Tier in dem Zimmer ein, wo ich war, welchem ich keinen Namen geben konnte, weil seinesgleichen nicht in der Welt war; von der Grösse eins21 dünneren Schafes als Schfe22 gewöhnlich sind;23 rein und weiss24 wie unbetasteter Schnee; halb Schaf, halb Ziege, mit einer Art von Angolahaaren25; bei der Schnauze rötlich wie der reinlichste, reizendste Marmor, Aurorfarbe, die Pfoten ebenso. Dieses Tier war mein Bekannter, ich wusste26 nicht woher: es liebte mich unendlich; und wusste27 es mir zu sagen und zu zeigen: ich musste28 es behandeln wie einen Menschen. Es drücte29 mir mit seinen Pfoten die Hände und das ging mir jedesmal bis ins31 Herz; es sah mich so33 voll Liebe an, wie ich mich nicht erinnere ein grössere34 in ei es35 Menschen Auge gesehen zu haben; am gewöhnlichsten nahm es mich bei der Hand und da ich immer zur Gesellschaft wollte, so durchschritten wir die Zimmer ohne jemals hinzukommen. Das tier38 suchte mich zärtlich und als hätte es wichtige Ursache40, davon abzuhalten; wei41[gap] ich aber hinwollte, so ging es in Liebe gezwungen immer mit. Nicht selten auf die sonderbarste Weise; die Pfoten nämlich bis zum zweiten Gelenk unter den Dielen; durch die ich auch nach eijer42 anderen Etage |148 hinunter sehen konnte, und die doch fest waren; manchmal ging ich auch43 so mit dem Tiere;44 bald im Erdgeschoss45, bald eine Treppe hoch, meist unten. Die Bedienten merkten gar nicht auf uns, obgleich sie uns sahen. Ich nannte diesen liebenden Liebling mein Tier; und wenn ich eher da war, so fragte ich nach ihm: denn es übte auf mich eine grosse47 Gewalt aus und ich erinnere mich nicht in meinem ganzen Leben wachend eine so den Sinnen nach49 starke Empfindung gefühlt zu haben, als es50 mir der blosse51 Händedruck dieses Tieres machte. Dies aber war es nicht allein, was meine Anhänglichkeit ausmachte; sondern ein herzüberströmendes Mitleid und dass53 ich ganz allein wusste54, dass55 das Tier lieben, sprechen konnte,56 und eine menschliche Seele hatte. Besonders aber hielt mich noch etwas Geheimes: welches zum Teil auch darin bestand, dass57 keiner mein Tier sah,58 oder beachtete als ich; dass59 es sich an keinen wandte, dass60 es eine61 tiefes vielbedeutendes Geheimnis zu verschweigen schien, und dass62 ich nicht ungefähr wusste63, wo es war und hinging, wenn ich es nicht sah. Doch befremdeten und beunruhigten mich64 diese Dinge alle nicht ienmal66 bis zur Frage an mich selbst; und im Ganzen67 fesselte mich des Tieres Liebe und sein anscheinendes Leiden davon, und dass69 ich es durch meine blosse70 Gegenwart so überirdisch glücklich machte, welches es mir immer zu zeigen wusste71. Manchmal nur, wenn es mich so bei der Hand führte und ich sie ihm innig zärtlich wiederdrückte73 und wir uns in die Augen sahen, so erschreckte mich der Gedanke plötzlich: wie74 kannst Du einem Tiere75 solche Liebkosungen erzeigen: es ist ja ein Tier! es76 blieb aber beim Alten77; diese Auftritte wiederholten sich mit kleinen Abwechslungen immer wieder: nämlich immer in neuen Träumen: in demselben Lokal. Es kam aber dass78 ich lange diesen Traum nicht gehabt hatte; und als er mir das erste Mal wiederträumte79, so war alles da, das Schloss80, die Zimmer, die Bedienten, der Garten, die Gesellschaft; |149 ich wolte81 auch wieder hin; nur war etwas mehr Bewegung, und eine Art Unruhe82 in den Zimmern, ohne sonstige Störung noch Unordnung; ich sah mein Tier auch nicht;83 welches, wie mich dünkte mir schon sehr oft gefehlt hatte eine lange Zeit her; ohne mich besonders zu kränken noch zu befremden, obgleich ich mit den Dienern des Hauses davon gesprochen hatte. Weil die unruhige Bewegung als die gewöhnliche Gewalt, die mich vom letzten Zimmer abhielt, so trat ich de plein pied aus grossen87 Glasfenstern auf die Terrasse, die sich bald in den Platz mit Bäumen ohne weitere Grenze88 verlor; dort waren zwischen den alten Bäumen hin und her helle Laternen auf grossen89 Pfählen angezündet; ich betrachtete müssig90 die erleucteten91 Fenster des Schlosses und das prächtig beschienen grosse93 Laub der Bäume: die Diener liefen häufiger und mehr als sonst hin und wieder; sie beachteten mich nicht, ich sie nicht. Mit einem Male sehe ich dicht an einem grossen Baumstamm94 halb auf einer95 starken Wurzel mein Tier zusammengekrümmt mit versteckten97 Kopf auf dem Bauch schlafend liegen: es war ganz schwarz mit borstigen99 Haar: mein Tier! schrei ich, mein Tier ist wieder da; zu den Bedienten, die mit Geräten in den Händen und Servietten über den Schultern in ihren Gängen bloss101 gehemmt, aber nicht ganz nahe tretend stehen bleiben. Es schläft, sage ich; und tippe es103 mit der Fusspitze an104, um es ein wenig zu rütteln;105 in demselben Augenblick schlägt es aber über sich um, fällt auseinander,106 und liegt platt da als Fell; die rauhe Seite auf der Erde, trocken und rein. »108Es ist ein Fell, es war also tot!«109 rufe ich. Der Traum schwindet und nie habe ich wieder von dem schwarzen noch dem weissen111 Tier geträumt.« Diesem Traum fügt sie selbst die Deutung bei: »In dieser Zeit kannte ich Finckenstein, der sehr Zeigelblond112 war, nachher Urquijo, der braun war ...113 fast schwarz; wenn ich den Traum |150 deuten soll, was ich zur Zit3114 nicht tat: so war der borstig gegen mich und ich fand kein Herz«.115
»Ich befand mich immer in einem vornehmen bewohnten Palast, |161 vor1 dessen Fenstern gleich ein grossartiger2 Garten begann; eine mässige3 Terrasse vor dem Gebäude,4 und dann gleich grosse5 Linden und Kastanienbäume auf einem beinah unregelmässigen6 Platze, der zu Gängen, Teichen, Laubgängen und dem Gewöhnlichen in solchen Gärten führte. Die Zimmer des Gebäudes waren immer erhellt, offen und die8 Bewegung einer grossen9 Aufwartung darin; so sah ich immer eine ganze Reihe geöffnet vor mir da;10 in deren letztem eigentlich die Gesellschaft der vornehmsten Personen war;11 wovon ich jedoch keinen einzelnen13 mir denken konnte, obgleich ich sie alle kannte, zu ihnen gehörte und zu ihnen hin sollte. Dies aber,14 ungeachtet die Türen offen waren, und ich wohl ihre Rücken,15 an einem grossen16 Spieltische - wie eine Bank - sah,17 konnte nie geschehen. Mich hinderte18 ein Unvermögen, eine Lähmung, die in der Luft der Zimmer und in der Erhellung zu liegen schien; ich dachte mir diese Hemmung nie im Ganzen,19 und glaubte nur jedesmal von anderen Zufälligkeiten gehindert zu sein; und gedachte auch jedesmal zu meiner Gesellschaft zu kommen. Jedesmal20 aber, wenn ich noch sechs bis acht Zimmer von ihr entfernt war, stellte sich ein Tier in dem Zimmer ein, wo ich war, welchem ich keinen Namen geben konnte, weil seinesgleichen nicht in der Welt war; von der Grösse eines21 dünneren Schafes als Schafe22 gewöhnlich sind,23 rein und weiss24 wie unbetasteter Schnee; halb Schaf, halb Ziege, mit einer Art von Angorahaaren25; bei der Schnauze rötlich wie der reinlichste, reizendste Marmor, Aurorfarbe, die Pfoten ebenso. Dieses Tier war mein Bekannter, ich wusste26 nicht woher: es liebte mich unendlich; und wusste27 es mir zu sagen und zu zeigen: ich musste28 es behandeln wie einen Menschen. Es drückte29 mir mit seinen Pfoten die Hände,30 und das ging mir jedesmal bis ans31 Herz; und32 es sah mich voll Liebe an, wie |162 ich mich nicht erinnere eine grössere34 in eines35 Menschen Auge gesehen zu haben; am gewöhnlichsten nahm es mich bei der Hand,36 und da ich immer zur Gesellschaft wollte, so durchschritten wir die Zimmer,37 ohne jemals hinzukommen. Das Tier38 suchte mich zärtlich,39 und als hätte es wichtige Ursachen40, davon abzuhalten; weil41 ich aber hinwollte, so ging es in Liebe gezwungen immer mit. Nicht selten auf die sonderbarste Weise; die Pfoten nämlich bis zum zweiten Gelenk unter den Dielen; durch die ich auch nach einer42 anderen Etage hinunter sehen konnte, und die doch fest waren; manchmal ging ich auch43 so mit dem Tiere;44 bald im Erdgeschoss45, bald eine Treppe hoch, meist unten. Die Bedienten merkten gar nicht auf uns, obgleich sie uns sahen. Ich nannte diesen liebenden Liebling mein Tier; und wenn ich eher da war, so fragte ich nach ihm: denn es übte auf mich eine grosse47 Gewalt aus,48 und ich erinnere mich nicht in meinem ganzen Leben wachend eine so den Sinnen nach49 starke Empfindung gefühlt zu haben, als es50 mir der blosse51 Händedruck dieses Tieres machte. Dies aber war es nicht allein, was meine Anhänglichkeit ausmachte; sondern ein herzüberströmendes Mitleid;52 und dass53 ich ganz allein wusste54, dass55 das Tier lieben, sprechen konnte,56 und eine menschliche Seele hatte. Besonders aber hielt mich noch etwas Geheimes: welches zum Teil auch darin bestand, dass57 keiner mein Tier sah oder beachtete als ich, dass59 es sich an keinen wandte, dass60 es ein61 tiefes vielbedeutendes Geheimnis zu verschweigen schien, und dass62 ich nicht ungefähr wusste63, wo es war und hinging, wenn ich es nicht sah. Doch befremdeten und beunruhigten mich64 diese Dinge alle nicht einmal66 bis zur Frage an mich selbst; und im Ganzen67 fesselte mich des Tieres Liebe,68 und sein anscheinendes Leiden davon, und dass69 ich es durch meine blosse70 Gegenwart so überirdisch glücklich |163 machte, welches es mir immer zu zeigen wusste71. Manchmal nur, wenn es mich so bei der Hand führte,72 und ich sie ihm innig zärtlich wieder drückte73 und wir uns in die Augen sahen, so erschreckte mich der Gedanke plötzlich: Wie74 kannst Du einem Tiere75 solche Liebkosungen erzeigen: es ist ja ein Tier! Es76 blieb aber beim alten77; diese Auftritte wiederholten sich mit kleinen Abwechslungen immer wieder: nämlich immer in neuen Träumen: in demselben Lokal. Es kam aber, dass78 ich lange diesen Traum nicht gehabt hatte; und als er mir das erstemal wieder träumte79, so war alles da, das Schloss80, die Zimmer, die Bedienten, der Garten, die Gesellschaft; ich wollte81 auch wieder hin; nur war etwas mehr Bewegung, und eine Art Unruh82 in den Zimmern, ohne sonstige Störung noch Unordnung; ich sah mein Tier auch nicht;83 welches, wie mich dünkte,84 mir schon sehr oft gefehlt hatte,85 eine lange Zeit her; ohne mich besonders zu kränken noch zu befremden, obgleich ich mit den Dienern des Hauses davon gesprochen hatte. Weil die unruhige Bewegung mich noch mehr störte86 als die gewöhnliche Gewalt, die mich vom letzten Zimmer abhielt, so trat ich de plein pied aus grossen87 Glasfenstern auf die Terrasse, die sich bald in den Platz mit Bäumen ohne weitere Grenzen88 verlor; dort waren zwischen den alten Bäumen hin und her helle Laternen auf grossen89 Pfählen angezündet; ich betrachtete müssig90 die erleuchteten91 Fenster des Schlosses,92 und das prächtig beschienene grosse93 Laub der Bäume: die Diener liefen häufiger und mehr als sonst hin und wieder; sie beachteten mich nicht, ich sie nicht. Mit einem Male sehe ich dicht an einem grossen Baumstamm,94 halb auf seiner95 starken Wurzel,96 mein Tier zusammengekrümmt mit verstecktem97 Kopf,98 auf dem Bauch schlafend liegen: es war ganz schwarz mit borstigem99 Haar: mein Tier! schrei ich, mein Tier ist wieder da; zu |164 den Bedienten, die mit Geräten in den Händen und Servietten über den Schultern,100 in ihren Gängen bloss101 gehemmt, aber nicht ganz nahe tretend,102 stehen bleiben. Es schläft, sage ich; und tippe mit der Fusspitze an104, um es ein wenig zu rütteln:105 in demselben Augenblick schlägt es aber über sich um, fällt auseinander,106 und liegt platt da,107 als Fell; die rauhe Seite auf der Erde, trocken und rein. 108Es ist ein Fell, es war also tot!109 rufe ich. Der Traum schwindet;110 und nie habe ich wieder von dem schwarzen noch dem weissen111 Tier geträumt.« Diesem Traum fügt sie selbst die Deutung bei: »In dieser Zeit kannte ich Finckenstein, der sehr ziegenblond112 war, nachher Urquijo, der braun war .. fast schwarz; wenn ich den Traum deuten soll, was ich zur Zeit114 nicht tat: so war der borstig gegen mich und ich fand kein Herz115
»Ich befand mich immer in einem vornehmen bewohnten Palast, vor1 dessen Fenstern gleich ein großartiger2 Garten begann; eine mäßige3 Terrasse vor dem Gebäude und dann gleich große5 Linden und Kastanienbäume auf einem beinah unregelmäßigen6 Platze, der zu Gängen, Teichen, Laubgängen und dem Gewöhnlichen in solchen Gärten führte. Die Zimmer des Gebäudes waren immer erhellt, offen,7 und die8 Bewegung einer großen9 Aufwartung darin; so sah ich immer eine ganze Reihe geöffnet vor mir da,10 in deren letztem eigentlich die Gesellschaft der vornehmsten Personen war,11 wovon ich jedoch keinen Einzelnen13 mir denken konnte, obgleich ich sie alle kannte, zu ihnen gehörte und zu ihnen hin sollte. Dies aber,14 ungeachtet die Türen offen waren, und ich wohl ihre Rücken an einem großen16 Spieltische - wie eine Bank - sah,17 konnte nie geschehen. Mich hinderte18 ein Unvermögen, eine Lähmung, die in der Luft der Zimmer und in der Erhellung zu liegen schien; ich dachte mir diese Hemmung nie im ganzen19 und glaubte nur jedesmal von anderen Zufälligkeiten gehindert zu sein; und gedachte auch jedesmal zu meiner Gesellschaft zu kommen. Jedesmal20 aber, wenn ich noch sechs bis acht Zimmer von ihr entfernt war, stellte sich ein Tier in dem Zimmer ein, wo ich war, welchem ich keinen Namen geben konnte, weil seinesgleichen nicht in der Welt war; von der Größe eines21 dünneren Schafes als Schafe22 gewöhnlich sind;23 rein und weiß24 wie unbetasteter Schnee; halb Schaf, halb Ziege, mit einer Art von Angorahaaren25; bei der Schnauze rötlich wie der reinlichste, reizendste Marmor, Aurorfarbe, die Pfoten eben so. Dieses Tier war mein Bekannter. Ich wußte26 nicht woher: es liebte mich unendlich; und wußte27 es mir zu sagen und zu zeigen: ich mußte28 es behandeln wie einen Menschen. Es drückte29 mir mit seinen Pfoten die Hände,30 und das ging mir jedesmal bis in’s31 Herz; und32 es sah mich so33 voll Liebe an, wie ich mich nicht erinnere eine größere34 in eines35 Menschen Auge gesehen zu haben; am gewöhnlichsten nahm es mich bei der Hand,36 und da ich immer zur |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000143 Gesellschaft wollte, so durchschritten wir die Zimmer,37 ohne jemals hinzukommen; das Tier38 suchte mich zärtlich und als hätte es wichtige Ursachen40, davon abzuhalten; weil41 ich aber hinwollte, so ging es in Liebe gezwungen immer mit. Nicht selten auf die sonderbarste Weise; die Pfoten nämlich bis zum zweiten Gelenk unter den Dielen; durch die ich auch nach einer42 anderen Etage hinunter sehen konnte, und die doch fest waren; manchmal ging auch ich43 so mit dem Tier,44 bald im Erdgeschoß45, bald eine Treppe hoch, meist unten. Die Bedienten merkten gar nicht auf uns, obgleich sie uns sahen. Ich nannte diesen liebenden Liebling mein Tier; und wenn ich eher da war, so fragte ich nach ihm: denn es übte auch46 auf mich eine große47 Gewalt aus,48 und ich erinnere mich nicht in meinem ganzen Leben wachend eine so den Sinnen starke Empfindung gefühlt zu haben, als mir der bloße51 Händedruck dieses Tieres machte. Dies aber war es nicht allein, was meine Anhänglichkeit ausmachte; sondern ein herzüberströmendes Mitleid;52 und daß53 ich ganz allein wußte54, daß55 das Tier lieben, sprechen konnte und eine menschliche Seele hatte. Besonders aber hielt mich noch etwas Geheimes: welches zum Teil auch darin bestand, daß57 keiner mein Tier sah oder beachtete als ich, daß59 es sich an keinen wandte, daß60 es ein61 tiefes vielbedeutendes Geheimnis zu verschweigen schien, und daß62 ich nicht ungefähr wußte63, wo es war und hinging, wenn ich es nicht sah. Doch befremdeten und beunruhigten diese Dinge mich65 alle nicht einmal66 bis zur Frage an mich selbst; und im ganzen67 fesselte mich des Tieres Liebe und sein anscheinendes Leiden davon, und daß69 ich es durch meine bloße70 Gegenwart so überirdisch glücklich machte, welches es mir immer zu zeigen wußte71. Manchmal nur, wenn es mich so bei der Hand führte,72 und ich sie ihm innig zärtlich wiederdrückte,73 und wir uns in die Augen sahen, so erschreckte mich der Gedanke plötzlich: Wie74 kannst Du einem Tier75 solche Liebkosungen erzeigen: es ist ja ein Tier! Es76 blieb aber beim alten77; diese Auftritte wiederholten sich mit kleinen Abwechslungen immer wieder: nämlich immer in neuen Träumen: in demselben Lokal. Es kam aber, daß78 ich lange diesen Traum nicht gehabt hatte; und als er mir das erstemal wieder träumte79, so war alles da, das Schloß80, die Zimmer, die Bedienten, der Garten, die Gesellschaft; ich wollte81 auch wieder hin; nur war etwas mehr Bewegung, und eine Art Unruhe82 in den Zimmern, ohne sonstige Störung noch Unordnung; ich sah mein Tier auch nicht,83 welches, wie mich dünkte,84 mir schon sehr oft gefehlt hatte,85 eine lange Zeit her; ohne mich besonders zu kränken noch zu |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000144 befremden, obgleich ich mit den Dienern des Hauses davon gesprochen hatte. Weil die unruhige Bewegung mich noch mehr störte86 als die gewöhnliche Gewalt, die mich vom letzten Zimmer abhielt, so trat ich de plein pied aus großen87 Glasfenstern auf die Terrasse, die sich bald in den Platz mit Bäumen ohne weitere Grenze88 verlor; dort waren zwischen den alten Bäumen hin und her helle Laternen auf großen89 Pfählen angezündet; ich betrachtete müßig90 die erleuchteten91 Fenster des Schlosses und das prächtig beschienene große93 Laub der Bäume: die Diener liefen häufiger und mehr als sonst hin und wieder; sie beachteten mich nicht, ich sie nicht. Mit einem Male sehe ich dicht an einem großen Baumstamme,94 halb auf seiner95 starken Wurzel,96 mein Tier zusammengekrümmt mit verstecktem97 Kopf,98 auf dem Bauch schlafend liegen: es war ganz schwarz mit borstigem99 Haar: mein Tier! schrei ich, mein Tier ist wieder da; zu den Bedienten, die mit Geräten in den Händen und Servietten über den Schultern in ihren Gängen bloß101 gehemmt, aber nicht ganz nahe tretend,102 stehen bleiben. Es schläft, sage ich; und tippe es103 mit der Fußspitze104, um es ein wenig zu rütteln:105 in demselben Augenblick schlägt es aber über sich um, fällt auseinander und liegt platt da als Fell; die rauhe Seite auf der Erde, trocken und rein. 108Es ist ein Fell, es war also tot!109 rufe ich. Der Traum schwindet;110 und nie habe ich wieder von dem schwarzen noch dem weißen111 Tier geträumt.« Diesem Traum fügt sie selbst die Deutung bei: »In dieser Zeit kannte ich Finckenstein, der sehr ziegenblond112 war, nachher Urquijo, der braun war ...113 fast schwarz; wenn ich den Traum deuten soll, was ich zur Zeit114 nicht tat: so war der borstig gegen mich und ich fand kein Herz115
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Das Unerträgliche solcher Träume liegt nicht in der Klarheit ihrer Bedeutung. Was soll der Traum anderes klar machen, als was der Tag ohnehin klärt? Dass1 nämlich Rahel sich immer in einer vornehmeren Welt befand, als die war, in die sie gehörte. Die ihr aber immer den Rücken weist oder sie nur durch Ritzen zuschauen lässt2. Dass3 ihre Liebschaften4 sie von der grossen5 Welt immer noch weiter entfernt und abgehalten haben. Dass6 für die Gesellschaft ihre Liebhaber, die sie immer versucht hinzuführen, nur »Tiere« waren, aber gerade darum für sie von unendlichem Wert, nämlich mit menschlicher Stimme begabt, was mit dem Tier zusammen das Natür= liche7 und daher Menschliche darstellen soll. Das Entscheidende schliesslich8 sagt sie selbst. Unerträglich ist nur die Eindringlichkeit des Traumes, seine Wiederholung, dass9 er nicht von ihr ablässt10; unerträglich die präzise Darstellung der Traumumgebung11, einer eigentlich unsymbolischen Landschaft, die auch den Symbolcharakter |165 charakter12 des Tieres zerreisst13, es zu einer gespenstischen Wirklichkeit bringt. Unerträglich endlich die Deutlichkeit und Klarheit einer Welt, die so im Tage nicht vorgesehen ist, den Tag auch nicht nur symbolisiert, sondern durch die doppelte14 Eindringlichkeit der Wiederholung und Präzision der geträumten Welt,15 ihn zu ersetzen und völlig zu zerstören sucht. Sie träumt nicht den Tag weiter zu Ende, so dass17 der nächste Tag ihr die Gewissheit18 einer Konsequenz brächte;20 sie träumt auch nicht nur die Schatten des Tages, das, was ihn verdüstert oder von ihm verschwiegen wird. Auch solche Träume verscheuchen die Ruhe der Nacht, weil der Tag endlos wird; aber sie können dem Tag nichts anhaben.
Das Unerträgliche solcher Träume liegt nicht in der Klarheit ihrer Bedeutung. Was soll der Traum anderes klar machen, als was der Tag ohnehin klärt? Daß1 nämlich Rahel sich immer in einer vornehmeren Welt befand, als die war, in die sie gehörte. Die ihr aber immer den Rücken weist oder sie nur durch Ritzen zuschauen läßt2. Daß3 ihre Liebhaber4 sie von der großen5 Welt immer noch weiter entfernt und abgehalten haben. Daß6 für die Gesellschaft ihre Liebhaber, die sie immer versucht hinzuführen, nur »Tiere« waren, aber gerade darum für sie von unendlichem Wert, nämlich mit menschlicher Stimme begabt, was mit dem Tier zusammen das Natürliche im Gegensatz zum Gesellschaftlichen7 und daher Menschliche darstellen soll. Das Entscheidende schließlich8 sagt sie selbst. Unerträglich ist nur die Eindringlichkeit des Traumes, seine Wiederholung, daß9 er nicht von ihr abläßt10; unerträglich die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000145 präzise Darstellung der Traumgebung11, einer eigentlich unsymbolischen Landschaft, die auch den Symbolcharakter des Tieres zerreißt13, es zu einer gespenstischen Wirklichkeit bringt. Unerträglich endlich die Deutlichkeit und Klarheit einer Welt, die so im Tage nicht vorgesehen ist, den Tag auch nicht nur symbolisiert, sondern vermöge der doppelten14 Eindringlichkeit der Wiederholung und Präzision der geträumten Welt ihn zu ersetzen und völlig zu zerstören sucht. Sie träumt nicht den Tag weiter und16 zu Ende, so daß17 der nächste Tag ihr die Gewißheit18 einer Konsequenz oder eines Resultates19 brächte - wie wenn ihr träumt, daß alle Leute das Ideal gefunden haben und20 sie erkennt, daß es ein lebendiger Mensch ist, der sich das Lachen nicht verbeißen kann, es ihm sagt, worauf er sie umfaßt, mit ihr tanzt und die anderen zurücktreten. Sie21 träumt auch nicht nur die Schatten des Tages, das, was ihn verdüstert oder von ihm verschwiegen wird. Auch solche Träume verscheuchen die Ruhe der Nacht, weil der Tag endlos wird; aber sie können dem Tag nichts anhaben.
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Zwei solcher viel harmloserer Träume, trotz der ungleich schrecklicheren Traumfabel, die nur den Tag zu Ende träumen, zeichnet sie auf; der eine handelt von Finckenstein, der andere von Urquijo. Der erste:
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Das Unerträgliche dieses Traumes liegt icht in der Klarheit seiner Bedeutung. Was soll er anderes klar machen, als was der Tag ohnehin klärt? Unerträglich ist die Eindringlichkeit seiner Wiederholung, unerträglich ist die präzise Detaillierung seiner Umgebung, der unsymbolischen Umgebung, die auch den Symbolcharakter des Tieres zerreisst, und es zu einer gespenstischen Wirklichkeit bringt. Unerträglich ist die Deutlichkeit und Klarheit einer Welt, die im Tag nicht vorhergesehen ist, die den Tag garnicht nur symbolisiert, sondern durch die doppelte Eindringlichkeit der Wiederholung und Präzision der geträumten Welt - ihn zu zerstören sucht. Sie träumt hier nicht den Tag weiter und zu Ende, d[gap]dass der nächste Tag ihr die Gewissheit einer konsequenz brächte; sie träumt auch nicht nur die Schatten des Tages, das was den Tag verdüstert; all das kann die Ruhe der Nacht vertreiben, kann aufreiben1, weill durch den Traum der Tag niemals ein natürliches Ende findet; aber es kann dem Tag nichts anhaben2. So träumt isie einmal von Fonckenstein: Sie befindet sich im Traume auf der äussersten Schanze3 einer hohen Festung4, sie sieht5 von der Festung auf eine dürre6, sandige Ebene, auf der schattenlos a und unerträglich hell7 die Sonne steht8. Die Hitze der Luft hat nichts von der feuchten Wärme9, die10 die Gerüche des Sommers bringt11, nichts von der wohlzuenden Helligkwit12, die die Gegenstände erleuchtet13 und erwärmt14. Die Gegend ist »unselig«15, menschen16- und gegenstandsleer. Menschen drängen sich nur17 hinter ihr auf der Festung Neben ihr steht Finckenstein18. Die Menge verlangt von ihm19, dass er erlaube Rahel20 von der Festung, dem letzten Zufluchtsort vor der umbarmherzigen Helle von Sonne24 und Sand herabzustürzen. |151 »25Er stand grausam verbissen da und sah nach der Tiefe: man schrie stärker und heftiger und forderte sein Ja; immer dichter an mir; sie fassten28 mit den Augen auf F. an meine Kleider; ich suchte ihm in die Augen zu sehen und schrie immer: »31Du wirst doch nicht Ja sagen?«32 Er stand unbeweglich verlegen da;33 verlegen gege34 das Volk noch nicht Ja gesagt zu haben. »36Du wirst doch nicht Ja sagen?«37 schrie ich wieder; das38 Volk schrie auch und er, »40Ja!«,41 sagte er. Man ergriff mich, stürzte mich über den Wall; von Stein fiel ich zu Stein und als ich zur43 letzten Tiefe kommen sollte, erwachte ich. Und wusste44 in tiefster Seele wohl, wie F. gegen mich war. Auch machte mir der Traum ganz den Eindruck, als ob die Geschichte wahr gewesen wäre: ich war still;45 aber ich hatte mich nicht geirrt. -46«
Solche, gleichsam harmlosen Träume - trotz der ungleich schrecklicheren Traumfabel - zeichnet sie zwei auf; der eine handelt von Finckenstein1, der andere von Urquijo2. Der erste: im Traume befindet sie sich auf der äussersten Schanze3 einer hohen Festung4, von der aus sie auf eine dürre6, sandige Ebene, auf der schattenlos und übermässig hell7 die Sonne steht, herabsieht8. Die Hitze der Luft entbehrt ganz der feuchten Wärme9, welche10 die Gerüche des Sommers bringt11, ganz der wohltuenden Helligkeit12, welche Gegenstände erleuchtet13 und erwärmt14. Die Gegend ist »unselig«15, menschen16- und gegenstandsleer. Menschen drängen sich nur17 hinter ihr auf der Festung. Neben ihr steht Finckenstein18. Die Menge verlangt von ihm19, dass er erlaube, Rahel20 von der Festung, dem letzten Zufluchtsort vor der unbarmherzigen Helle von Sonne24 und Sand, herabzustürzen. »25Er stand grausam verbissen da,26 und sah nach der Tiefe: man schrie stärker und heftiger,27 und forderte sein Ja; immer dichter an mir; sie fassten,28 mit den Augen auf F.,29 an meine Kleider; ich suchte |166 ihm in die Augen zu sehen,30 und schrie immer: 31Du wirst doch nicht Ja sagen?32 Er stand unbeweglich verlegen da;33 verlegen gegen34 das Volk,35 noch nicht Ja gesagt zu haben. 36Du wirst doch nicht Ja sagen?37 schrie ich wieder; das38 Volk schrie auch:39 und er 40Ja!‹,41 sagte er. Man ergriff mich, stürzte mich über den Wall; von Stein fiel ich zu Stein,42 und als ich zur43 letzten Tiefe kommen sollte, erwachte ich. Und wusste44 in tiefster Seele wohl, wie F. gegen mich war. Auch machte mir der Traum ganz den Eindruck, als ob die Geschichte wahr gewesen wäre: ich war still,45 aber ich hatte mich nicht geirrt.«
»In meinem Traume befand ich mich auf einem äußersten Bollwerk einer sehr ansehnlichen Festung, welches sich in breiter, flacher1, sandiger Ebene weit von dem Orte ab hinausstreckte2. Es war heller lichter Mittag, und das Wetter an diesem Tage3 einer von den zu hellen Sonnenscheinen4, die eine Art5 von Verzweiflung hervorbringen, weil sie nichts Erquickliches haben6, durch keine nahrhafte Luft dringen oder auf Gegenstände fallen,7 die auch beruhigenden, ergrünten Schatten werfen könnten8. Dieses Wetter wirkte um so mehr, als die ganze Gegend aus dürrer9, vegetationsloser, sandsteiniger Erde,10 die sich in wirklichem Sande verlief11, bestand; holperig und uneben; wie Orte aussehen12, wo man Sand gräbt. Dieser zu helle13 und alles zu hell machende Sonnenschein reizte mir Augen und Nerven nur zu sehr auf; und ängstigte mich schon auf eine eigene Weise14. Man sah auf der unseligen Fläche nichts; und der Eindruck davon war15, als ob die Sonne zornig durcheilte, diesen nichtswürdigen Ort nicht gar umgehen zu können! So stand ich dicht mit der Brust am Rande dieser alten Schanze16 - denn sie war beschädigt wie vieles umher - von einem ganzen Volke17 hinter mir gedrängt. Diese Menschen waren alle wie Athenienser angezogen18. F. stand neben mir19, mit bloßem Haupte, wie sie gekleidet, aber in rosafarbenem Taffet, ohne |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000146 im geringsten lächerlich auszusehen. Ich sollte20 von dieser Schanze, die die letzte21 der ganzen22 Festung war23, hinuntergeworfen werden; tief hinab; unter Steine, kalkige Sandgruben24 und ganz verfallene Festungsstücke und Schutt. Das Volk verlangte es und schrie zu F., der ihr König war, er möchte Ja sagen!25 Er stand grausam verbissen da,26 und sah nach der Tiefe: man schrie stärker und heftiger und forderte sein Ja; immer dichter an mir; sie faßten,28 mit den Augen auf F.,29 an meine Kleider; ich suchte ihm in die Augen zu sehen und schrie immer: 31Du wirst doch nicht Ja sagen?32 Er stand unbeweglich verlegen da,33 verlegen gegen34 das Volk,35 noch nicht Ja gesagt zu haben. 36Du wirst doch nicht Ja sagen?37 schrie ich wieder. Das38 Volk schrie auch:39 und er, ›40Ja!41 sagte er. Man ergriff mich, stürzte mich über den Wall; von Stein fiel ich zu Stein,42 und als ich nach der43 letzten Tiefe kommen sollte, erwachte ich. Und wußte44 in tiefster Seele wohl, wie F. gegen mich war. Auch machte mir der Traum ganz den Eindruck, als ob die Geschichte wahr gewesen wäre: ich war still;45 aber ich hatte mich nicht geirrt.46«
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Dieser Traum lässt1 sich ohne Schaden in den Tag mitnehmen, erklärt nur den Tag, nur was ohnehin Wirklichkeit ist: dass3 Finckenstein dem Volk, der allgemeinen Meinung, seiner Familie, die vom Schicksal bereits bis an den äussersten4 Rand Gedrängte einfach aufopfert, ihrem Willen hinwirft. Nicht erst Finckenstein hat sie an den äussersten5 Rand des Abgrunds gedrängt - in seine Macht nur war es gegeben, sie hinunterzustossen6. Das alles weiss7 sie ohne die Kraft der Traumsymbolik auch. Der Traum wiederholt sich daher nicht, er hat keine selbständige Gewalt.
Dieser Traum, der1 sich anscheinend nicht wiederholt, läßt sich2 ohne Schaden in den Tag mitnehmen, erklärt nur den Tag, nur was ohnehin Wirklichkeit ist: daß3 Finckenstein dem Volk, der allgemeinen Meinung, seiner Familie, die vom Schicksal bereits bis an den äußersten4 Rand Gedrängte einfach aufopfert, ihrem Willen hinwirft. Nicht erst Finckenstein hat sie an den äußersten5 Rand des Abgrunds gedrängt - in seine Macht nur war es gegeben, sie hinunterzustoßen6. Das alles weiß7 sie ohne die Kraft der Traumsymbolik auch. Der Traum wiederholt sich daher nicht, er hat keine selbständige Gewalt.
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Dieser Traum, von dem sie weder erzählt, dass er sich wiederholt, noch das Datum angibt, an de sie ihn geträumt hat, den sie anscheinend nur gelegentlich mitaufzeichnet, diser Traum lässt sich ohne weiteres in den Tag mitnehmen.
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Ein anderer, ungleich düsterer1 Traum, der sich aber auch nicht wiederholt3, und der nicht einmal eine Landschaft4 träumt, soll nur die Tagesumgebung reproduzieren, bezieht sich wieder auf Urquijo. Sie träumt5 einfach, dass6 sie ihn in Wut ermordert7. Als er aber wirklich in Agojie8 kommt, ver[gap]ucht9 sie, ihn wieder gesund zu küssen. Es hilft nichts. Sie hat solch10 Angst, dass er11 sterben könnte12, dass13 sie erwacht. »Also so denkst du von ihm? sagte14 ich mir in der Nacht. du musst15 ihm alles verzeihen. Du16 hast ihm alles verzeiehen17Sie18 schläft wieder ein19 und träumt weiter, dass20 er nun21 wirklich stirbt. Da packt sie eine neue22 Angst: »Es war gewiss,23 (wie Leben oder so etwas) dass24, sowie er stirbt, ich mitsterbe. und leufend25 dachte ich immer, also das ist sein und mein Ende, so sterben wir, das ist unser Tod, qlso26 du hast ihn doch umgebracht, du |152 du27 stirbst ja mit!« Auch dieser Traum gehört noch zum Tag28. Aber was29 der Tag schliesslich30 von ihm aufbewahren kann31, ist nicht eine Konsequenz, sonder eine33 Frage: warum hat sie ihn nicht wirklich getötet? hatte sie nicht das Recht, da sie34 mit ihrem Leben mitbezahlt hätte,35 »Glauben Sie so bin ich. Was mich aber im Leben abhält, so zu handeln, das kenne ich genau, weiss38 [gap] es nicht zu nennen.« Es hat kaum einen Sinn39, nach dem zu fragen40, was sie selbst nicht zu nennen wiess. Aber das41 sie selbst das42, was sie eigentlich ist, in die Nacht verlegt43 hat, das45 sie diesen Traum träumt46, selbst47 Jahre nachedem48 sie von Urquijo getrennt ist, das, lässt49 alles Gewonnene illusorisch erscheinen. Das sie die51 Wiederholung, die sie aus dem52 Leben schon verbannt hatte53, als es ihr zur Geschichte wurde, in der Nacht immer wieder überfällt55 grausig verwandelt zur Eindringlichkeit des Identischen,56 oder zum Nacholen des LängstGewesenen, ist nicht nur der Preis, mit dem sie für die Möglichkeit57 des Weiterlebens überhaupt bezahlt58. Was hilft der Tag, der immer wieder die Dankbarkeit lehrt dass59 das Leben so ist, dass60 wir es verstehen können, wenn die Nacht auf der Unverständlichkeit besteht und in immer gleichen u61 und bestimmten Bildern einen ganzen Konnex62 von Unverständlichem von Undurchdringlichem Birgt64? Was hilft der Tag, wenn ein »ganzes verzaubertes Herzensdasein« die Nacht wichtiger erscheinen lässt,65 als den Tag? Was hilft alle Einsicht, wenn das »andere Land« der Nacht das Uneinsehbare, schlieslich66 und immer wieder,67 »Freiheit, Wahrheit, Einheit, Heimat« zeigt.68
In dem zweiten1 Traum, der von Urquijo handelt3, träumt sie5 einfach, dass6 sie ihn in Wut ermorde7. Als er aber wirklich in Agonie8 kommt, versucht9 sie, ihn wieder gesund zu küssen. Es hilft nichts. Sie hat solche10 Angst, dass sie selbst11 sterben könnte12, dass13 sie erwacht. »Also so denkst du von ihm? sagte14 ich mir in der Nacht. Du musst15 ihm alles verzeihen. Du16 hast ihm alles verziehen17Darauf18 schläft sie wieder19 und träumt weiter, dass20 er wirklich stirbt. Da packt sie wieder die22 Angst: »Es war gewiss23 (wie Leben oder so etwas), dass24, sowie er stirbt, ich mitsterbe. Und laufend25 dachte |167 ich immer, also das ist sein und mein Ende, so sterben wir, das ist unser Tod, also26 du hast ihn doch umgebracht, du stirbst ja mit!« Auch dieser Traum gehört noch zum Tage28. Was29 der Tag schliesslich30 von ihm aufbewahrt31, ist nicht eine Konsequenz oder eine Einsicht32, sondern die quälende33 Frage: warum hat sie ihn nicht wirklich getötet? Sie hätte ja34 mit ihrem Leben bezahlt.35 »Glauben Sie,36 so bin ich. Was mich aber im Leben abhält, so zu handeln, das kenne ich nicht37 genau, weiss38 es nicht zu nennen.« An dieser Nacht - und deshalb berichtet sie von ihr - wurde ihr klar39, dass sie alles, was sie eigentlich angeht40, was sie im Grunde wünscht, aus dem Tage verbannt hat, dass41 sie in den Nächten dafür bezahlt42, am Leben geblieben zu sein. Weil sie nichts je getan43 hat von dem44, was45 sie hätte tun wollen46, verfolgt sie solch ein Traum noch47 Jahre, nachdem48 sie von Urquijo getrennt ist, und lässt49 alles im Tage50 Gewonnene illusorisch erscheinen. Die51 Wiederholung, die sie aus ihrem52 Leben schon verbannt glaubte53, als es ihr zur Geschichte wurde, treibt54 in der Nacht das alte Spiel,55 grausig verwandelt zur Eindringlichkeit des Identischen oder höhnisch lockend zum Nachholen57 des Unwiderrufbaren58. Was hilft der Tag, der immer wieder die Dankbarkeit lehrt, dass59 das Leben so ist, dass60 wir es verstehen können, wenn die Nacht auf der Unverständlichkeit besteht und in immer gleichen und bestimmten Bildern ein ganzes System62 von Unverständlichem,63 von Undurchdringlichem bringt64? Was hilft der Tag, wenn ein »ganzes verzaubertes Herzensdasein« die Nacht wichtiger erscheinen lässt65 als den Tag? Was hilft alle Einsicht, wenn das »andere Land« der Nacht in dem Uneinsehbaren schliesslich66 und immer wieder »Freiheit, Wahrheit, Einheit, Heimat« vorgaukelt?68
In dem anderen1 Traum gleicher Art2, der von Urquijo handelt3, träumt sie5 einfach, daß6 sie ihn in Wut ermorde7. Als er aber wirklich in Agonie8 kommt, versucht9 sie, ihn wieder gesund zu küssen. Es hilft nichts. Sie hat solche10 Angst, daß sie selbst11 sterben könne12, daß13 sie erwacht. »Also so denkst du von ihm? sagt’14 ich mir in der Nacht, du mußt15 ihm alles verzeihen, du16 hast ihm alles verziehen17Darauf18 schläft sie wieder ein19 und träumt weiter, daß20 er wirklich stirbt. Da packt sie wieder die22 Angst: »Es war gewiß23 (wie Leben oder so etwas), daß24, sowie er stirbt, ich mitsterbe. Und laufend25 dachte ich immer, also das ist sein und mein Ende, so sterben wir, das ist unser Tod, also26 du hast ihn doch umgebracht, du stirbst ja mit!« Auch dieser Traum gehört noch zum Tage28. Was29 der Tag schließlich30 von ihm aufbewahrt31, ist nicht eine Konsequenz oder eine Einsicht32, sondern die quälende33 Frage: warum hat sie ihn nicht wirklich |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000147 getötet? Sie hätte ja34 mit ihrem Leben bezahlt.35 »Glauben Sie,36 so bin ich. Was mich aber im Leben abhält, so zu handeln, das kenne ich nicht37 genau, weiß38 es nicht zu nennen.« An dieser Nacht - und deshalb berichtet sie von ihr - wurde ihr klar39, daß sie alles, was sie eigentlich angeht40, was sie im Grunde wünscht, aus dem Tage verbannt hat; daß41 sie in den Nächten dafür bezahlt42, am Leben geblieben zu sein. Weil sie nichts je getan43 hat von dem44, was45 sie hätte tun wollen46, verfolgt sie solch ein Traum noch47 Jahre, nachdem48 sie von Urquijo getrennt ist, und läßt49 alles im Tage50 Gewonnene illusorisch erscheinen. Die51 Wiederholung, die sie aus ihrem52 Leben schon verbannt glaubte53, als es ihr zur Geschichte wurde, treibt54 in der Nacht das alte Spiel,55 grausig verwandelt zur Eindringlichkeit des Identischen oder höhnisch lockend zum Nachholen57 des Unwiderrufbaren58. Was hilft der Tag, der immer wieder die Dankbarkeit lehrt, daß59 das Leben so ist, daß60 wir es verstehen können, wenn die Nacht auf der Unverständlichkeit besteht und in immer gleichen und bestimmten Bildern einen ganzen Konnex62 von Unverständlichem,63 von Undurchdringlichem bringt64? Was hilft der Tag, wenn ein »ganzes verzaubertes Herzensdasein« die Nacht wichtiger erscheinen läßt65 als den Tag? Was hilft alle Einsicht, wenn das »andere Land« der Nacht in dem Uneinsehbaren schließlich66 und immer wieder »Freiheit, Wahrheit, Einheit, Heimat« vorgaukelt?68
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Was hilft das Verschweigenkönnen, das tapfer sich selbst noch1 die letzte Last und das tiefste Unglück verschweigt2, das3 zu stolz ist,5 sich selbst zum Mitwisser zu haben, wenn die Nacht alles wieder6 offenbar macht; wenn die Nacht sich weigert |153 stumm zu bleiben und nur den dunklen, unsäglichen Grund für den Ermüdeten bereit zu halten; wenn die Nacht in ihrer ganzen8 Dunkelheit das Dunkle des Tages, das bestimmte9 Verschwiegene in sich aufsaugt10, und dies Bestimmte,11 das am Tage nur Schatten und Verdüsterung war, zum Grund macht und zur Heimat umlügt.
Was hilft es tapfer zu sein und schweigsam,1 die letzte Last und das tiefste Unglück zu leugnen2, stolz3 zu sein, zu4 stolz, um auch nur5 sich selbst zum Mitwisser zu haben, wenn die Nacht alles offenbar macht; wenn die Nacht sich weigert,7 stumm zu bleiben und nur den dunklen, unsäglichen Grund für den Ermüdeten bereit zu halten; wenn die Nacht in ihre8 Dunkelheit das am Tage9 Verschwiegene, das am Tage nur Schatten und Verdüsterung war, aufsaugt,12 zum Grund macht und zur Heimat umlügt.
Was hilft es, tapfer zu sein und schweigsam1 die letzte Last und das tiefste Unglück zu leugnen2, stolz3 zu sein, zu4 stolz, um auch nur5 sich selbst zum Mitwisser zu haben, wenn die Nacht alles offenbar macht; wenn die Nacht sich weigert,7 stumm zu bleiben und nur den dunklen, unsäglichen Grund für den Ermüdeten bereit zu halten; wenn die Nacht in ihrer8 Dunkelheit das am Tage9 Verschwiegene, das am Tage nur Schatten und Verdüsterung war, aufsaugt,12 zum Grund macht und zur Heimat umlügt.
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Rahel träumt:
Rahel träumt:
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»Ich lag auf einem breiten Lager mit [gap]iner2 grauen Decke zugedeckt. Auf demselben Lager mir gegenüber, ohne mich zu berühren, die Füsse3 auch unter Decke, mir etwas rechts, lag Bettina Brentano und in Bettinens5 Richtung, ihr rechts mir aber links, die Mutter Gottes. Deren Gesicht ich jedoch gar nicht deutlich sehen konnte; wie über alles zu Sehende eine äusserst7 feine ganz dünne-graue8 Wolke zu sein schien, die aber am Sehen nicht hinderte, nur auch - wie eine Luftart gesehen wird. Dabei war es mir als hätte die Mutter Gottes der Schleiermacher ihr Antlitz. Wir waren am Rande der Welt. Dicht rechts neben dem Lager war ein grosser11 Streif Erde ziemlich tief unter uns zu sehen, etwa wie eine sehr grosse12 Chaussee; darauf liefen kleingesehen Menschen hin und her und trieben d[gap]r13 Welt Gewerbe; nur flüchtig und als nach einer sehr bekannten Sache sah ich dahin. Wir waren die Mägde der Erde und lebten nicht mehr,14 oder vielmehr wir waren vom Leben geschieden, - -15 auch ohne Verwunderung für mich noch Trauer noch Gedanken an den Tod - und sollten nach meinem dunklen Wissen nach einem Ort; unser Geschäft aber auf diesem Lager, nämlich unsere Be[gap]chäftigung16 war, uns abzufragen, was wir gelitten hatten, eine Art Beichte! - »18Kennst Du Kränkung?«19 fragten wir uns zum Beispiel. Und20 wenn man nun diesen Schmerz im Leben empfunden hatte, so sagten wir: »21Ja! die kenne ich«22, mit einem lauten Schmerzensschrei und dieser Schmerz eben, wovon die Rede war, riss23 sich hundertfach schmerzhaft aus dem Herzen: man war ihn aber los auf ewig und fühlte sich ganz hell24 und leicht. Die Mutter Gottes war immer still, sagte nur Ja! und weinte auch.25 Bettina fragt26: »27Kennst Du Liebesschmerz?« Wimm[gap]rnd28 und wie heulend rief unter rinnenden Tränen ein Schnupftuch vor dem Gesicht ein langes, langes Ja! »31Kennst Du Kränkung?«32 Ja! wied[gap]r33 so. »34Kennst Du35 Unrecht dulden, Ungerechtigkeit Ja! »37Kennst Du38 gemordete Jugend?«39 Ja! wimmere ich wieder in langem Ton in Tränen zergehend. Wir waren fertig, die Herzen rein, meines aber noch mit schwerer Erdenlast gefüllt; ich richte mich auf;41 sehe die Weiber erregt an, will meine Last mir entnehmen lassen; mit schwer gesprochenen Worten, überdeutlich, um ja auch43 hierauf die Antwort Ja zu erhalten, frage ich: »44Kennt ihr - Schande?«45 Beide rücken vor mir zurück wie in46 Entsetzen, noch etwas Mitleid in der Gebärde, sie sehen einander flüchtig an und bemühen sich trotz des engen Raumes, sich von mir zu entfernen. In einem an Unsinnigkeit grenzenden Zustand schrei ich: »47 Ich habe nichts getan! Getan habe48 ich nichts. Ich habe nichts getan. Ich bin unschuldig!«49 Die Weiber glauben mir, das sehe ich an dem starre50 nicht mehr unwilligen Liegenbleiben, aber sie verstehen mich nicht mehr »51Wehe«52, schrei ich unter Tränen, die mir das Herz wegzuschmelzen drohen »53die verstehen mich auch nicht, also54 niemals! Diese Last muss55 ich behalten; das wusste56 ich. Ewig! Gnädiger Gott! Wehe!« Ausser57 mir wie ich war beschleunigte ich das Erwachen.«59
»Ich lag auf einem breiten Lager mit einer2 grauen Decke zugedeckt. Auf demselben Lager mir gegenüber, ohne mich zu berühren, die Füsse3 auch unter der4 Decke, mir etwas rechts, lag Bettina Brentano und in Bettinas5 Richtung, ihr rechts,6 mir aber links, die Mutter Gottes. Deren Gesicht ich jedoch gar nicht deutlich sehen konnte; wie über alles zu Sehende eine äusserst7 feine ganz dünne, graue8 Wolke zu sein schien, die aber am Sehen nicht hinderte, nur auch - wie eine Luftart gesehen wird. Dabei war es mir,10 als hätte die Mutter Gottes der Schleiermacher ihr Antlitz. Wir waren am Rande der Welt. Dicht rechts neben dem Lager war ein grosser11 Streif Erde ziemlich tief unter uns zu sehen, etwa wie eine sehr grosse12 Chaussee; darauf liefen kleingesehen Menschen hin und her und trieben der13 Welt Gewerbe; nur flüchtig und als nach einer sehr bekannten Sache sah ich dahin. Wir waren die Mägde der Erde und lebten nicht mehr,14 oder vielmehr wir waren vom Leben geschieden, - auch ohne Verwunderung für mich noch Trauer noch Gedanken an den Tod - und sollten nach meinem dunklen Wissen nach einem Ort; unser Geschäft aber auf diesem Lager, nämlich unsere Beschäftigung16 war, uns abzufragen, was wir gelitten hatten, eine Art Beichte! - ›18Kennst |169 Du Kränkung?19 fragten wir uns zum Beispiel. Und20 wenn man nun diesen Schmerz im Leben empfunden hatte, so sagten wir: 21Ja! die kenne ich22, mit einem lauten Schmerzensschrei und dieser Schmerz eben, wovon die Rede war, riss23 sich hundertfach schmerzhaft aus dem Herzen: man war ihn aber los auf ewig und fühlte sich ganz hell24 und leicht. Die Mutter Gottes war immer still, sagte nur Ja! und weinte auch.25 Bettina fragte26: 27Kennst Du Liebesschmerz?‹ Wimmernd28 und wie heulend rief ich29 unter rinnenden Tränen ein Schnupftuch vor dem Gesicht ein langes, langes Ja! 31Kennst Du Kränkung?32 Ja! wieder33 so. 34Kennst du35 Unrecht dulden, Ungerechtigkeit?‹36 Ja! 37Kennst du38 gemordete Jugend?39 Ja! wimmere ich wieder in langem Ton,40 in Tränen zergehend. Wir waren fertig, die Herzen rein, meines aber noch mit schwerer Erdenlast gefüllt; ich richte mich auf,41 sehe die Weiber erregt an, will meine Last mir entnehmen lassen; mit schwer gesprochenen Worten, überdeutlich, um ja auch43 hierauf die Antwort Ja zu erhalten, frage ich: 44Kennt ihr - Schande?45 Beide rücken vor mir zurück wie im46 Entsetzen, noch etwas Mitleid in der Gebärde, sie sehen einander flüchtig an und bemühen sich trotz des engen Raumes, sich von mir zu entfernen. In einem an Unsinnigkeit grenzenden Zustand schrei ich: 47Ich habe nichts getan! Getan habe48 ich nichts. Ich habe nichts getan. Ich bin unschuldig!49 Die Weiber glauben mir, das sehe ich an dem starren,50 nicht mehr unwilligen Liegenbleiben, aber sie verstehen mich nicht mehr. ›51Wehe52, schrei ich unter Tränen, die mir das Herz wegzuschmelzen drohen, ›53die verstehen mich auch nicht, also54 niemals! Diese Last muss55 ich behalten; das wusste56 ich. Ewig! Gnädiger Gott! Wehe!‹ Ausser57 mir wie ich war,58 beschleunigte ich das Erwachen. Und auch erwacht bleibt mir die Last, denn ich trage sie wirklich |170 .« Niemals hat Rahel so b r utal, so ungeschminkt auszusprechen gewagt, was sie von den Anderen hoffnungslos trennt, als in dieser Traumerzählung. Nur die Nacht, nur die Verzweiflung, die in die Nacht sich geflüchtet, lässt als tiefsten Grund erscheinen, was der Tag versucht hat zu zerstreuen, zu umgehen, zu verbessern. Unentwirrbar ist in solch wahrem und in höchster Allgemeinheit Geträumten die Verwirrung von Tag und Nacht, unentwirrbar die Verstrickung von Wahrheit und Lüge, unergründbar, wo Heimat ist und wo Fremde, undurchschaubar, was gesagt, was verschwiegen wird. Die Nacht und der Traum bestätigen und produzieren, was der Tag umlügt oder verschweigt; der Traum schrickt vor keiner Härte zurück, zeigt die nackten Phänomene und kehrt sich nicht an ihre Unverstehbarkeit. Spielend besiegt er den guten Willen, der nicht annehmen will, was er nicht verstehen oder nicht verändern kann. Alles Verborgene zerrt er ans Licht.59
Rahel träumt:1 »Ich lag auf einem breiten Lager mit einer2 grauen Decke zugedeckt. Auf demselben Lager mir gegenüber, ohne mich zu berühren, die Füße3 auch unter der4 Decke, mir etwas rechts, lag Bettina Brentano und in Bettinens5 Richtung, ihr rechts,6 mir aber links, die Mutter Gottes. Deren Gesicht ich jedoch gar nicht deutlich sehen konnte; wie über alles zu Sehende eine äußerst7 feine ganz dünn-graue8 Wolke zu sein schien, die aber am Sehen nicht hinderte, nur auch - wie eine Luftart -9 gesehen wird. Dabei war es mir,10 als hätte die Mutter Gottes der Schleiermacher ihr Antlitz. |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000148 Wir waren am Rande der Welt. Dicht rechts neben dem Lager war ein großer11 Streif Erde ziemlich tief unter uns zu sehen, etwa wie eine sehr große12 Chaussee; darauf liefen kleingesehen Menschen hin und her und trieben der13 Welt Gewerbe; nur flüchtig und als nach einer sehr bekannten Sache sah ich dahin. Wir waren die Mägde der Erde und lebten nicht mehr;14 oder vielmehr wir waren vom Leben geschieden, - auch ohne Verwunderung für mich noch Trauer noch Gedanken an den Tod - und sollten nach meinem dunklen Wissen nach einem Ort; unser Geschäft aber auf diesem Lager, nämlich unsere Beschäftigung16 war, uns abzufragen, was wir gelitten hatten, -17 eine Art Beichte! 18Kennst Du Kränkung?19 fragten wir uns zum Beispiel; und20 wenn man nun diesen Schmerz im Leben empfunden hatte, so sagten wir: 21Ja! die kenne ich22, mit einem lauten Schmerzensschrei und dieser Schmerz eben, wovon die Rede war, riß23 sich hundertfach schmerzhaft aus dem Herzen: man war ihn aber los auf ewig und fühlte sich ganz heil24 und leicht. Die Mutter Gottes war immer still, sagte nur Ja! und weinte auch;25 Bettina fragte26: 27Kennst Du Liebesschmerz?‹ Wimmernd28 und wie heulend rief ich29 unter rinnenden Tränen,30 ein Schnupftuch vor dem Gesicht ein langes, langes Ja! 31Kennst Du Kränkung?32 Ja! wieder33 so. 34Kennst du35 Unrecht dulden, Ungerechtigkeit?‹36 Ja! 37Kennst du38 gemordete Jugend?39 Ja! wimmere ich wieder in langem Ton,40 in Tränen zergehend. Wir waren fertig, die Herzen rein, meines aber noch mit schwerer Erdenlast gefüllt; ich richte mich auf,41 sehe die Weiber erregt an, und42 will meine Last mir entnehmen lassen; mit schwer gesprochenen Worten, überdeutlich, um auch ja43 hierauf die Antwort Ja zu erhalten, frage ich: 44Kennt ihr - Schande?45 Beide rücken vor mir zurück wie in46 Entsetzen, noch etwas Mitleid in der Gebärde, sie sehen einander flüchtig an und bemühen sich trotz des engen Raumes, sich von mir zu entfernen. In einem an Unsinnigkeit grenzenden Zustand schrei ich: 47Ich habe nichts getan! Getan hab’48 ich nichts. Ich habe nichts getan. Ich bin unschuldig!49 Die Weiber glauben mir, das sehe ich an dem starren,50 nicht mehr unwilligen Liegenbleiben, aber sie verstehen mich nicht mehr. ›51Wehe52, schrei ich unter Tränen, die mir das Herz wegzuschmelzen drohen, ›53die verstehen mich auch nicht. Also54 niemals! Diese Last muß55 ich behalten; das wußte56 ich. Ewig! Gnädiger Gott! Wehe!‹ Außer57 mir wie ich war,58 beschleunigte ich das Erwachen. Und auch erwacht blieb mir die Last, denn ich trage sie wirklich; und könnte es Menschen geben, die es ganz verständen, so würde mir auch leichter.«59
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350
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Niemals wieder und nirgends sonst hat Rahel so brutal, so ungeschminkt ausgesprochen, was sie von den anderen hoffnungslos trennt, als in diesem Traum, den sie Alexander von der Marwitz erzählte. Nur die Nacht, nur die Verzweiflung, die in die Nacht sich geflüchtet, läßt als tiefsten Grund erscheinen, was der Tag versucht hat zu zerstreuen, zu umgehen, zu verbessern. Unentwirrbar ist in solch wahrem und in höchster Allgemeinheit Geträumten die Verwirrung von Tag und Nacht, unentwirrbar die Verstrickung von Wahrheit und Lüge, unergründbar, wo Heimat ist und wo Fremde, undurchschaubar, was gesagt, was verschwiegen wird. Die Nacht und der Traum bestätigen und reproduzieren, was der Tag umlügt oder verschweigt; der Traum schrickt vor nichts zurück, zeigt die nackten Phänomene und kehrt sich nicht an ihre Unverstehbarkeit. Spielend besiegt er den guten Willen, der nicht annehmen will, was er nicht verstehen oder nicht verändern kann. Alle Verborgenheit zerrt er ans Licht.
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Aber d[gap]r Tag muss er nicht dieser Lüge v[gap]rtrauen, wenn sie1 die Wahrheit sagt? »Und auch erwacht, bliebt mir die Last, denn ich trage sie wirklich.« Unentwirrbar ist die Verstrickung von Tag und2 Nacht, von Realität und Geträumten, von Lüge und Wahrheit |154 von Heimat und Fremde. Undurchscaubar, was Lüge, was Wahrheit, was gesagt, was verschwiegen wird. Die Nacht und der Traum bestätigen die Lüge und Verschwiegenheit des Tages; der Traum zeigt die grauenhafte letzte Isolierung und die letzte Unverstehbarke Aber die Nacht3 bestätigt lügenhaft; denn sie lügt die Last des Tages zum Grund des ganzen Lebens um. Der Tag ist zwar von sich aus verschwiegen; aber er nimmt4 doch die Wahrheit der Nacht an - »denn ich trage sie wirklich«; ja er wird zum Ausprechen5 verleitet:6 »und könnte es Menschen geben, die es ganz verständen, so würde es mit7 auch leichter«. Er gesteht also, gezwungen von d8 der Nacht, die Isolierung zu und verwandelt damit wiederum sein eigenes weiter - ein Mensch unter Menschen zu sein - zur Lüge mindestens zur Illusion9.
Aber die Nacht bestätigt lügenhaft; denn sie lügt die Last des Tages zum Grund des ganzen Lebens um. Der Tag ist zwar von sich aus verschwiegen, nimmt aber schliesslich4 doch die Wahrheit der Nacht an - »denn ich trage sie wirklich«; ja er wird zum Aussprechen5 verleitet -6 »und könnte es Menschen geben, die es ganz verständen, so würde es mir7 auch leichter«. Je mehr8 der Tag verborgen hat, desto schutzloser verfällt er der Lüge der Nacht, die eben doch, wenn auch lügnerisch, Wahres zeigte9.
Aber die Nacht bestätigt lügenhaft; denn sie lügt die Last des Tages zum Grund des ganzen Lebens um. Der Tag ist zwar von sich aus verschwiegen, nimmt aber schließlich4 doch die Wahrheit der Nacht an - »denn ich trage sie wirklich«; ja er wird zum Aussprechen5 verleitet -6 »und könnte es Menschen geben, die es ganz verständen, so würde es mir7 auch leichter«. Je mehr8 der Tag verborgen hat, desto schutzloser verfällt er der Lüge der Nacht, die eben doch, wenn auch lügnerisch, Wahres zeigte9.
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So kommt es, dass1 das Weiter des Tages ständig in Frsge2 gestellt wird3 durch die Nacht und ihre stumme4, uneinsichtige Beharrlichkeit5 bei dem längst vergangenen6 oder glücjlich verschwiegenen; so7 kommt es, dass das was jetzt folgt8, nicht zu denken ist9, ohne10 die Unentwirrbarkeit von Tag und Nacht, von Wahrheit11 und Lüge. So kommt es12, dass alles das Timbre13 der Zweideutigkeit annimmt, einer kaum gewussten14, keinesfalls gewollten Zweideutigkeit; - so wie der zweideutig sein muss15, der nie genau17 und selbstverständlich weiss, ob er träumt oder wacht18, der äussere Kennzeichen brqucht, um zu erfahren20, ob die Welt wirklich ist und sich wohl21 am Tage zurücklehnt und sich erst beschwert fühlt22, wenn er mit seinem Kopf nicht den Widerstand des Kissens sprürt, und erst aufatmet, wenn er sich nachts zum Erwachen gebract und glücklich merkt, es sit nur die Nacht nur der Traum23.
So wird1 das Weiter des Tages ständig in Frage2 gestellt durch die Nacht und ihre stumme4, uneinsichtige Beharrlichkeit5 bei dem längst Vergangenen6 oder glücklich Verschwiegenen. So7 kommt es, dass alles Folgende die Farbe der Zweideutigkeit annimmt8, einer kaum gewussten, keinesfalls gewollten Zweideutigkeit. Wiederholte |171 Träume9, Nächte,10 die Bestimmtes aussagen, werden sicher nicht ein eigenes Lebenskontinuum hervorzaubern. Aber in eine so bekannte11 und vertraute Traumlandschaft lässt der Mensch sich endlich doch hineinziehen12, als gäbe es neben13 der klaren Realität des Tages ein zweites Land14, in dem man sich häuslich einrichten könnte. Ist erst einmal das Bewusstsein getrübt15, die Sicherheit verstört, dass nur eine Welt uns von16 der Geburt zum Tod begleitet17 und umgibt, so stellt sich die Zweideutigkeit ganz von selbst ein18, wie das Zwielicht in19 der Dämmerung zwischen Tag und Nacht. Die Schande20, die kein Mensch und kein Gott abnehmen kann, ist21 am Tage eine fixe Idee. Weiterkommen, Assimilation22, Geschichte lernen sind in der Nacht ein komisch verzweifeltes Spiel. Aus soclhem Auseinanderklaffen findet nur die Zweideutigkeit einen bleibenden Ausweg, da sie beides nicht ernst nimmt und im Zwielicht der Mischung Resignation und neue Kräfte erzeugt23.
So wird1 das Weiter des Tages ständig in Frage2 gestellt durch die Nacht und ihr stummes4, uneinsichtiges Verweilen5 bei dem längst Vergangenen6 oder glücklich Verschwiegenen. So7 kommt es, daß alles Folgende die Farbe der Zweideutigkeit annimmt8, einer kaum gewußten, keinesfalls gewollten Zweideutigkeit. Wiederholte Träume9, Nächte,10 die Bestimmtes aussagen, werden sicher nicht ein eigenes Lebenskontinuum hervorzaubern. Aber in eine so bekannte11 und vertraute Traumlandschaft läßt der Mensch sich endlich doch hineinziehen12, als gäbe es neben13 der klaren Realität des Tages ein zweites Land14, in dem man sich häuslich einrichten könnte. Ist erst einmal das Bewußtsein getrübt15, die Sicherheit gestört, daß nur eine Welt uns von16 der Geburt zum Tod begleitet17 und umgibt, so stellt sich die Zweideutigkeit ganz von selbst ein18, wie das Zwielicht in19 der Dämmerung zwischen Tag und Nacht. Die Schande20, die kein Mensch und kein Gott abnehmen kann, ist21 am Tage eine fixe Idee. Weiterkommen, Assimilation22, Geschichte lernen sind in der Nacht ein |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000150 komisch-verzweifeltes Spiel. Aus solchem Auseinanderklaffen findet nur die Zweideutigkeit einen bleibenden Ausweg, da sie beides nicht ernst nimmt und im Zwielicht der Mischung Resignation und neue Kraft erzeugt23.
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13. Kapitel Der Bettler am Wege1
Der Bettler am Wege1808-18091
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Im Frühjahr des Jahres 1808 lernt Rahel in Berlin August Varnhagen kennen und ist wenige Monate später seine Geliebte. Charakteristisch für die plötzlich veränderten Sitten der Zeit ist, daß hiervon nur zwei Menschen wissen, während ihre Affäre mit Urquijo Stadtgespräch war; charakteristisch aber auch, daß, als sie es zugibt, sie hinzusetzt: »Ich würde mich schämen es zu leugnen; ich kann es ordentlichen Menschen nicht leugnen.« In Rahels Umgebung war offenbar die Zahl der »ordentlichen Menschen« auf zwei gesunken.
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Der Tag ist nicht nur eine Illusion. Das, was er bringt, ni nicht nur erkauft mit der Lüge und dem Verschweigen der viel zu |155 gesprächigen Nächte, da der Tag trotz allem besteht, kann auch die Nacht als Illusion erscheinen: dass Rahel Urquijo nicht vergessen kann, sieht am Tag wie eine fixe Idee aus; und die Schande, die keiner kennt, kann das Leben, ein wenig Glück, verschwinden lassen.
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2.
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Im Frühjahr des Jahres 1808 lernt Rahel in Berlin August1 Varnhagen kennen. Varnhagen2, der 143 Jahre jünger als Rahel ist4, gehört5 zu den von Napoleon aus Halle6 vertriebenen Studenten. Er ist seinen Lehrern, Wolf und Schleiermacher nachgereist und besucht in Berlin ihre Kurse. Eigentlich ist er Mediziner7, aber er hat8 sich wenig um sein Berufsstudium gekümmert; er hat nicht eigentlich studiert9, sondrn jeden Anlass wahrgenommen10, um sich zu bilden. Er weiss etwas von Philosophie, etwas von Philologie; er hat sich schon in der Literatur hrumgetrieben, mit Chamisso zusammen einen Musenalmanach herausgegeben, der überall schlecht besprochen wurde;11 mit seinem Freunde Neumann zusammen einen quasi literarisch-satirischen Roman12 geschrieben; er chreibt jedenfalls dauernd, das heisst13, er schreibt alles auf. Er wäre vielleicht14 ein guter Journalist geworden, wenn es das damals gegeben hätte. Sein Talent der Pointierung ist durchaus mehr als gewöhnlich.16
Im Frühjahr des Jahres 1808 lernt Rahel in Berlin August1 Varnhagen kennen. Varnhagen2, der vierzehn3 Jahre jünger als Rahel ist4, gehörte5 zu den aus Halle von Napoleon6 vertriebenen Studenten. Dort hatte er sein Berufsstudium, die Medizin7, im Drange8 sich zu bilden, von vornherein vernachlässigt. Mit einigen philosophischen9, einigen literarischen Kenntnissen versehen10, hatte er sich früher schon in den Berliner literarischen Betrieb gestürzt und mit Chamisso einen Musenalmanach herausgegeben, der an schlechten Rezensionen von überall her einging; darauf folgte die Herausgabe eines satirischen Romans, den er11 mit seinem Freunde Neumann zusammen geschrieben hatte. Aus den Jugendpublikationen geht bereits hervor13, dass Varnhagen vermutlich14 ein guter Journalist geworden wäre15, wenn es das damals gegeben hätte.
Varnhagen, 1785 geboren2, also vierzehn3 Jahre jünger als Rahel, gehörte5 zu den aus Halle von Napoleon6 vertriebenen Studenten. Dort hatte er sein Berufsstudium, die Medizin7, im Drange8 sich zu bilden, von vornherein vernachlässigt. Mit einigen philosophischen9, einigen literarischen Kenntnissen versehen10, war er, bevor er Rahel kennenlernte, schon mit Schriftstellerkreisen in Berührung gekommen und hatte mit Chamisso einen Musenalmanach herausgegeben, der an schlechten Rezensionen von überallher einging; darauf folgte die Herausgabe eines satirischen Romans, den er11 mit seinem Freunde Neumann zusammen geschrieben hatte. Aus den Jugendpublikationen geht bereits hervor13, daß Varnhagen auf jeden Fall14 ein guter Journalist geworden wäre15, wenn es das damals gegeben hätte.
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Er ist von Geburt Rheinländer, aber mit1 einer aus dem Elsass2 stammenden Mutter; der Vater Katholik3, die Mutter Protestantin; der4 Vater völlig freisinnig5, von6 der Kirche ganz losgelöst und so auch der Sohn nur noch scheinbar dazu gehörend7. In Düsseldorf, seinem Geburtsort, hat8 der Vater eine gutgehende Arztpraxis. Bald zieht die Familie nach Strassburg9, nach dem11 Frankreich der Revolution. Der Vater13, der zwar14 freisinnig aber völlig15 legitimistisch ist, fühlt16 sich abgestossen17 von der Radikalität zu Beginn18 der neunziger Jahre19, vor allem von der Enthauptung des Königs. Er fürchtet21 auch für das Elsass22 Unruhen und kehrt23 nach Düsseldorf zurück. Dort aber wird24 er als Anhänger der Französischen Revolution ausgewiesen und nach27 manchem Hin und Her landet28 er schliesslich29 in Hamburg. Den Sohn nimmt30 er überall hin mit, von Frau und Tochter lebt er jahrelang getrennt. Als31 er in Hamburg stirbt, hinterlässt er32 eine fast mittellose Familie.
Varnhagen, im Rheinland von1 einer aus dem Elsass2 stammenden protestantischen Mutter geboren3, wurde von seinem4 Vater, der Katholik aber ohne jede Beziehung zur Kirche war, freis innig erzogen7. In Düsseldorf, seinem Geburtsort, hatte8 der Vater eine gutgehende Arztpraxis, die er in der Folge liquidierte9, um10 nach Strassburg, ins11 Frankreich der Revolution, überzusiedeln12. Damit begann für ihn und den Sohn13, den er mit sich schleppte, ein jahrzehntelanges Wanderleben; von Frau und Tochter lebte er fast dauernd getrennt. Strassburg verliess er wieder, weil er nur religiös14 freisinnig, politisch aber15 legitimistisch gesinnt war und16 sich von der Radikalität der Bewegung19, vor allem von der Enthauptung des Königs, |173 abgestossen fühlte20. Da er21 auch für das Elsass22 Unruhen fürchtete, kehrte er23 nach Düsseldorf zurück, wo24 er als Anhänger der Französischen Revolution sofort26 ausgewiesen wurde. Nach27 manchem Hin und Her landete28 er schliesslich29 in Hamburg. Dorthin liess30 er auch seine Familie nachkommen. Wenige Jahre nach seiner Niederlassung starb31 er und hinterliess32 eine fast mittellose Familie.
Varnhagen, im Rheinland von1 einer aus dem Elsaß2 stammenden protestantischen Mutter geboren3, wird von seinem4 Vater, der Katholik, aber ohne jede Beziehung zur Kirche war, freisinnig erzogen7. In Düsseldorf, seinem Geburtsort, hatte8 der Vater eine gutgehende Arztpraxis, die er in der Folge liquidierte9, um10 nach Straßburg, ins11 Frankreich der Revolution, zu übersiedeln12. Damit begann für ihn und den Sohn13, den er mitnahm, ein jahrelanges Wanderleben; von Frau und Tochter lebte er fast dauernd getrennt. Straßburg verließ er wieder, weil er |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000152 nur religiös14 freisinnig, politisch aber15 legitimistisch gesinnt war und16 sich von der Radikalität der Bewegung19, vor allem von der Enthauptung des Königs, abgestoßen fühlte20. Da er21 auch für das Elsaß22 Unruhen fürchtete, kehrte er23 nach Düsseldorf zurück, wo24 er wiederum25 als Anhänger der Französischen Revolution sofort26 ausgewiesen wurde. Nach27 manchem Hin und Her landete28 er schließlich 179429 in Hamburg. Dorthin ließ30 er auch seine Familie nachkommen. Wenige Jahre nach seiner dortigen Niederlassung starb31 er und hinterließ32 eine fast mittellose Familie.
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Des knapp sechzehnjährigen August Varnhagen nimmt1 sich ein Freund des Vaters an und schickt2 ihn zum Medizinstudium auf die Pépinière nach Berlin. Dies Studium, das erste und letzte geregelte Lernen seines Lebens, dauert3 nur wenige Jahre und bleibt ohne Abschluss4. Er kommt sehr5 jung schon in die literarischen und aufgeklärten Kreise der Stadt. Damit beginnt ein6 eigentlich zielloses und von dauernden literarischen Produktionen unterbrochenes Herumstudieren. Er macht7 Gedichte, weil Chamisso welche macht, und8 er begeistert9 sich doch wieder10 für die Medizin, weil der grosse Arzt Koreff11 ihm naturphilosophische Horizonte erschliesst12. Sein Vagieren im Geistigen bekommt13 eine Art Methode als er nach14 Halle geht15 , wo Schleiermacher, Wolf16, Steffens das studentische Milieu seiner Sucht nach Bildung die selbstverständlichen18 Inhalte geben19. Hier lebt20 er zum ersten Mal21 wirklich befriedigt. Er denkt22 sogar daran, das Medizinstudium zu vollenden23, um etwas für ein bürgerliches24 Leben in der Hand zu haben. Der Krieg 1806/07 zerstört25 das Hallesche Universitätsleben,26 Professoren wie Studenten werden27 aus der Stadt verbannt,28 Schleiermacher und Wolf gehen29 nach Berlin. In Berlin existiert30 noch keine Universität, Varnhagen besucht die31 Kurse, lebt aber nicht mehr in einem bestimmten Studiumsmilieu32. Er ist mit den alten Freunden des Musenalmanachs nie ganz auseinandergekommen33, sein Milieu wird das des gesellschaftlich-literarischen Berlins. Er hört viel von Rahel und ihrem Salon, der damals in Wahrheit kaum noch existierte. Er lernt sie auf einer Gesellschaft kennen, und ist bald in wenigen Wochen ihr nächster Freund34 und Vertrauter35.
Des knapp sechzehnjährigen August Varnhagen nahm1 sich ein Freund des Vaters an und schickte2 ihn zum Medizinstudium auf die Pépinière nach Berlin. Dies Studium, das erste und letzte geregelte Lernen seines Lebens, dauerte3 nur wenige Jahre und bleibt ohne Abschluss4. Er kam sehr5 jung schon in die literarischen und gesellschaftlich aufgeklärten Kreise der Stadt. Damit begann für ihn6 eigentlich zielloses und von dauernden literarischen Produktionen unterbrochenes Herumstudieren. Er machte7 Gedichte, weil Chamisso sein Freund war,8 er begeisterte9 sich für die Medizin, weil er den grossen Arzt Koreff kennen lernte, der11 ihm naturphilosophische Horizonte erschloss12. Sein Vagieren im Geistigen bekam13 eine Art Methode in14 Halle, wo Schleiermacher, Wolff16, Steffens und17 das studentische Milieu seiner Sucht nach Bildung einige18 Inhalte gaben19. Hier lebte20 er zum ersten Mal21 wirklich befriedigt. Er dachte22 sogar an einen Abschluss des Medizinstudiums23, um etwas für das bürgerliche24 Leben in der Hand zu haben. Der Krieg 1806/07 zerstörte25 das Hallesche Universitätsleben;26 Professoren wie Studenten wurden27 aus der Stadt verbannt;28 Schleiermacher und Wolff gingen29 nach Berlin. In Berlin existierte30 noch keine Universität, die Professoren hielten nur31 Kurse, an denen auch Varnhagen wieder teilnahm32. Ein bestimmtes Studienmilieu konnte sich unter solchen Umständen nicht bilden33, und Varnhagen nahm seine alten gesellschaftlichen und literarischen |174 Beziehungen wieder auf. Auf diese Weise wurde er auch bei Rahel bekannt gemacht, obwohl ihr Salon schon gar nicht mehr richtig existierte. In wenigen Wochen wird er ihr nächster Freund34 und Vertrauter35.
Des knapp sechzehnjährigen August Varnhagen nimmt1 sich ein Freund des Vaters an und schickt2 ihn zum Medizinstudium auf die Pépinière nach Berlin. Dies Studium, das erste und letzte geregelte Lernen seines Lebens, dauert3 nur wenige Jahre und bleibt ohne Abschluß4. Sehr5 jung schon beginnt er ein6 eigentlich zielloses und von dauernden literarischen Produktionen unterbrochenes Herumstudieren. Er macht7 Gedichte, weil Chamisso sein Freund ist,8 er begeistert9 sich für die Medizin, weil er den jungen Johann Ferdinand Koreff kennenlernt, der bald einer der berühmtesten Ärzte der Zeit werden sollte und11 ihm naturphilosophische Horizonte erschließt12. Sein Vagieren im Geistigen bekommt13 eine Art Methode, als er nach14 Halle geht15, wo Schleiermacher, Wolf16, Steffens und17 das studentische Milieu seiner Sucht nach Bildung einige18 Inhalte geben19. Hier lebt20 er zum erstenmal21 wirklich befriedigt. Er denkt22 sogar an eine Vollendung des Medizinstudiums23, um etwas für das bürgerliche24 Leben in der Hand zu haben. Der Krieg 1806/07 zerstört25 das Hallesche Universitätsleben;26 Professoren wie Studenten werden27 aus der Stadt verbannt;28 Schleiermacher und Wolf gehen29 nach Berlin. In Berlin gibt es30 noch keine Universität, die Professoren halten nur31 Kurse, an denen auch Varnhagen wieder teilnimmt32. Ein bestimmtes Studienmilieu kann sich unter solchen Umständen nicht bilden33, und Varnhagen hört bald wieder auf, für das Studium zu arbeiten und beginnt das alte literarische und gesellschaftliche Leben. Auf diese Weise kommt er auch zu Rahel, deren Salon aber gar nicht mehr existiert. Er kommt in der Zeit der größten Isolierung: »Bei meinem ›Teetisch‹ ... sitze nur ich mit Wörterbüchern; Tee wird gar nicht bei mir gemacht ... So ist alles anders! Nie war ich so allein. Absolut. Nie so durchaus34 und bestimmt ennuyiert35. ... Im Winter, und im Sommer auch noch, kannt’ ich einige Franzosen ... Die sind alle weg. Meine deutschen Freunde, wie lange schon; wie gestorben, wie zerstreut!«36
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Varnhagens Gedichte sind schlecht, sein Roman ist nicht nur dilettantisch, er ist sogar1 geschmacklos,2 seine philosophischen Bemerkungen sind3 banal; seine Bildung ist4 viel zu zerstreut, viel zu abhängig von divergierenden Meinungen Anderer5, denen er immer für eine Zeit erliegt, als dass6 man sagen könnte: er sei wirklich gebildet7. Da er niemals den Menschen auf lange sympathisch ist, ist er eitel. Er ist es |158 kaum aus eigenem8 Impuls, er verlängert nur künstlich die Zuneigung der Anderen9, die er sich nicht erhalten kann. Er kann sie sich nicht erhalten10, weil er11 bei aller Schmiegsamkeit ein gewisses eigensinniges Festhalten an Grundsätzen betont,12 weil er vor allem13 keinen Sinn für Atmosphärisches14 hat, weil sich ihm alles gleich verdichtet und zur Pointe zuspitzt. Er hat dennoch ein ungeheures Prae15: er ist bildsam aus Einsicht und16 er kann17 verstehen, weil er Vernunft hat.
Varnhagens Gedichte sind schlecht, sein Roman ist nicht nur dilettantisch, sondern einfach1 geschmacklos;2 seine philosophischen Bemerkungen sind ganz unoriginell und3 banal; seine Bildung ist4 viel zu zerstreut, viel zu abhängig von divergierenden Meinungen Anderer5, denen er immer für eine Zeit erliegt, als dass6 man ihn für einen gebildeten Menschen halten könnte7. Da er niemals den Menschen auf lange sympathisch ist, ist er eitel. Aber dahinter steckt kein eigener8 Impuls, er verlängert nur künstlich die Zuneigung, die er sich nicht erhalten kann, weil er11 bei aller Schmiegsamkeit ein gewisses eigensinniges Festhalten an Grundsätzen betont und12 weil er keinen Sinn für Atmosphärisches14 hat, weil sich ihm alles gleich verdichtet und zur Pointe zuspitzt. Er hat dennoch einen grossen Vorzug15: er ist bildsam aus Einsicht;16 er bemüht sich zu17 verstehen, weil er Vernunft hat.
Varnhagens Gedichte sind schlecht, sein Roman ist nicht nur dilettantisch, sondern einfach1 geschmacklos;2 seine philosophischen Bemerkungen ganz unoriginell und3 banal; seine Bildung viel zu zerstreut, viel zu abhängig von divergierenden Meinungen anderer5, denen er immer für eine Zeit erliegt, als daß6 man ihn für einen gebildeten Menschen halten könnte7. Da er niemals den Menschen auf lange sympathisch ist, ist er eitel. Aber dahinter steckt kein eigener8 Impuls, er verlängert nur künstlich die Zuneigung, die er sich nicht erhalten kann, weil ihm11 bei aller Schmiegsamkeit ein gewisses eigensinniges Festhalten an Grundsätzen eigentümlich ist und12 weil er keinen Sinn für das Atmosphärische14 hat, weil sich ihm alles gleich verdichtet und zur Pointe zuspitzt. Er hat dennoch einen großen Vorzug15: er ist bildsam aus Einsicht;16 er bemüht sich zu17 verstehen, weil er Vernunft hat.
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Er schildert sich selbst ausgezeichnet: »Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen und muss1 sich, wenn andere in der Erdengesellschaft jeder gleich anfangs einen Einsatz gegeben hat, oder auch2 jederzeit, es liegt nur an ihm, geben kann, scheu zurüc kziehen von dem Spiel. Leer ist es in mir, wirklich meistens leer, ich erzeuge nicht Gedanken, nicht Gestalten, weder den Zusammenhang kann ich darstellen als System, noch das Einzelste aussondern3 in ein individuelles Leben als Witz, es sprudeln keine Quellen in mir! .. Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen, ein Sonnenstrahl, eine Bewegung |175 eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen, ich erwarte nur, dass6 etwas vorgehe, ein Bettler am Wege
Er schildert sich selbst ausgezeichnet: »Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen und muß1 sich, wenn andere in der Erdengesellschaft jeder gleich anfangs einen Einsatz gegeben hat, oder doch2 jederzeit, es liegt nur an ihm, geben kann, scheu zurückziehen von dem Spiel. Leer ist es in mir, wirklich meistens leer, ich erzeuge nicht Gedanken, nicht Gestalten, weder den Zusammenhang kann ich darstellen als System, noch das Einzelste heraussondern3 in ein individuelles Leben als Witz, es sprudeln keine Quellen in mir! ...4 Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen, ein Sonnenstrahl, eine Bewegung,5 eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen, ich erwarte nur, daß6 etwas vorgehe, ein Bettler am Wege
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»Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen und muss sich, wenn andere in1 der Erdengesellschaft jeder gleich anfangs einen Einsatz gegeben hat, oder doch jederzeit, es liegt nur2 an ihm3, geben kann, scheu zurückziehen von dem Spiel. Leer ist4 es in mir, wirklich meistens leer5, ich erzeuge nicht Gedanken, nicht Gestalten6, weder den Zusammenhang kann ich darstellen als System, noch das Einzelste heraussondern in ein individuelles Leben als Witz,7 es sprudeln keine Quellen in mir!8 ... Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen, ein Sonnenstrahl, eine Bewegung, eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen, ich erwarte nur, dass etwas vorgehe, ein Bettler9 am Wege.10« Er erwartet nur dass etwas vorgeht11. Da kommt Rahel und ihr ganzes Leben, das sie ihm erzählt, das er gierig anhört, keine Einzelheit je vergisst, wird sein eigenes Leben. Er ist der Bettler am Wege; wer weiss12 besser, was vorgeht, was vorüberzieht als der, der am Wege steht und13 niemals selbst verstrickt ist.14 Er nennt sich selbst »unfähig einer grossen15 Leidenschaft«. Er16 ist von sich aus18 völlig unbestimmt, bereit alles zu werden, alles aus sich machen zu lassen. Er ist ein Mensch ohne19 Impulse, von jedem Augenblick überwältigt, da20 er ja21 etwas bringt; er ist auch bereit, diesen22 Augenblicken irgendwie treu zu bleiben, aber dies mehr23 aus Gewohnheit und um der Zeit Herr zu werden bis zum nächsten »Liebesmoment«. Seine Unbestimmtheit hat in der Welt keinen Halt. Er ist nichts in der Welt24; aus seinem eigenen Milieu25 früh entwurzelt, ohne Familie, |159 ohne Vermögen, ohne26 Talent. Ein eigenes Leben zu leben ist ihm nicht möglich; was soll28 er, der Bettler am Wege, von29 den Vorüberziehenden ergreifen? Er will diesen Platz30 gar nicht aufgeben, denn er31 ist sein einziger eindeutiger Vorzug: mehr zu sehen, mehr zu erfahren als die Anderen33. Was er ergreift, was er zu sehen bekommt, ist allerdings nie ein Ganzes, immer nur Einzelheiten, Züge, Anekdoten. Und35 Rahel wird die grosse36 Chance seines Lebens, weil sie ihm freiwillig ein Ganzes gibt. Ihr Leben wird die Anekdote, von der er ein38 Leben lang zehrt. Dass39 er letztlich ihr Leben zur Anekdote degradiert, dass40 er sie rühmt,41 ihre Eigenschaften, ihre Güte oder42 ihre Klugheit, dass43 er sie bewundert,44 ihre Leidenschaften, ihren Witz, ihre Fähigkeit zu lieben45, dass46 er sie beklagt,47 ihr Unglück, ihre Einsamkeit, kurz dass48 er in ihr im Grunde nur ein gewaltiges Kuriosum sieht, ist das grundsätzliche Missverständnis49 seiner »Priestertreue«.
Rahel vertraut ihr Leben1 der bettelhaften Neugier dieses Menschen2 an, der4 es voll gieriger Erwartung anhört5, nie wieder irgendeine Einzelheit vergisst6, es zu seinem eigenen macht8. Varnhagen weiss alle Vorteile eines »Bettlers9 am Wege« wahrzunehmen11. Wer weiss12 besser, was vorgeht, was vorüberzieht als der, der am Wege niemals selbst verstrickt ist?14 Er nennt sich selbst »unfähig einer grossen15 Leidenschaft«; und wirklich16 ist er17 von sich her18 völlig unbestimmt, bereit alles zu werden, alles aus sich machen zu lassen. Er ist ohne alle19 Impulse, von jedem Augenblick überwältigt, da20 er ihm ja21 etwas bringt; er ist auch bereit, solchen22 Augenblicken irgendwie treu zu bleiben, wenn auch eher23 aus Gewohnheit und um der Zeit Herr zu werden bis zum nächsten »Liebesmoment«. Seine Unbestimmtheit hat in der Welt keinen Halt. Er ist nichts und hat nichts24; aus seinem Elternhaus25 früh entwurzelt, ohne Familie, ohne Talent. Ein eigenes Leben zu leben,27 ist ihm nicht möglich; auch will28 er den Platz des Bettlers30 gar nicht aufgeben, denn es31 ist sein einziger,32 eindeutiger Vorzug: mehr zu sehen, mehr zu erfahren als die Anderen33. Was er ergreift, was er zu sehen bekommt, ist allerdings nie ein Ganzes, sind34 immer nur Einzelheiten, Züge, Anekdoten. Rahel wird die grosse36 Chance seines Lebens, weil sie ihm freiwillig ein Ganzes in die Hände37 gibt. Ihr Leben wird die Anekdote, von der er sein38 Leben lang zehrt. Dass39 er letztlich ihr Leben zur Anekdote degradiert, dass40 er sie rühmt,41 ihre Eigenschaften, ihre Güte,42 ihre Klugheit, dass43 er sie bewundert,44 ihre Leidenschaften, ihren Witz, ihre Liebesfähigkeit45, dass46 |176 er sie beklagt,47 ihr Unglück, ihre Einsamkeit, kurz, dass48 er in ihr im Grunde nur ein gewaltiges Kuriosum sieht, ist das grundsätzliche Missverständnis49 seiner »Priestertreue« (Varnhagen)50.
Rahel vertraut ihr Leben1 der bettelhaften Neugier dieses Menschen2 an, der4 es voll gieriger Erwartung anhört5, nie wieder irgendeine Einzelheit vergißt6, es zu seinem eigenen macht8. Varnhagen weiß alle Vorteile eines »Bettlers9 am Wege« wahrzunehmen11. Wer weiß12 besser, was vorgeht, was vorüberzieht als der, der am Wege niemals selbst verstrickt ist?14 Er nennt sich selbst »unfähig einer großen15 Leidenschaft«; und wirklich16 ist er17 von sich her18 völlig unbestimmt, bereit alles zu werden, alles aus sich machen zu lassen. Er ist ohne alle19 Impulse, von jedem Augenblick überwältigt, wenn20 er ihm nur21 etwas bringt; er ist auch bereit, solchen22 Augenblicken irgendwie treu zu bleiben, wenn auch eher23 aus Gewohnheit und um der Zeit Herr zu werden bis zum nächsten »Liebesmoment«. Seine Unbestimmtheit hat in der Welt keinen Halt. Er ist nichts und hat nichts24; aus seinem Elternhaus25 früh entwurzelt, ohne Familie, ohne Talent. Ein eigenes Leben zu leben,27 ist ihm nicht möglich; auch will28 er den Platz |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000154 des Bettlers30 gar nicht aufgeben, denn es31 ist sein einziger,32 eindeutiger Vorzug: mehr zu sehen, mehr zu erfahren als die anderen33. Was er ergreift, was er zu sehen bekommt, ist allerdings nie ein Ganzes, sind34 immer nur Einzelheiten, Züge, Anekdoten. Rahel wird die große36 Chance seines Lebens, weil sie ihm freiwillig ein Ganzes in die Hände37 gibt. Ihr Leben wird die Anekdote, von der er sein38 Leben lang zehrt. Daß39 er letztlich ihr Leben zur Anekdote degradiert, daß40 er sie rühmt:41 ihre Eigenschaften, ihre Güte,42 ihre Klugheit, daß43 er sie bewundert:44 ihre Leidenschaften, ihren Witz, ihre Liebesfähigkeit45, daß46 er sie beklagt:47 ihr Unglück, ihre Einsamkeit, kurz, daß48 er in ihr im Grunde nur ein gewaltiges Kuriosum sieht, ist das grundsätzliche Mißverständnis49 seiner »Priestertreue«.
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Der Bettler am Wege ist niemand; er ist ohne Namen, ohne Geschichte und ohne Gesicht. Er ist der Unbekannte schlechthin. Wirklich sprechen kann man nur zu dem Unbekannten, bei dem das Risiko des Zuwissengebens nicht mehr besteht, weil es unabsehbar ist und nicht zu erwarten1. Da der Unbekannte nicht zu identifizieren ist, verliert der Sprecher selbst langsam seine Identität, seinen Namen, sein Gesicht, das, was der Andere2 nicht kennt und nicht zu wissen braucht. Was bleibt, ist nur die Geschichte, das reine Erzählen, nur das, wovon man weiss3, dass4 es geschah. Jeder Bekannte, den man hier und dort trifft, hier und dort6 mit ihm verbunden, wird die Geschichte vergessen und den Sprecher selbst7 sich ansehen, völlig8 gebannt von der Möglichkeit, ihn kennen zu lernen9. Aber was ist denn an einem Menschen kennen10 zu lernen?11 Es ist besser nur eine Anekdote zu sein als ein Mensch mit Eigenschaften.
Der Bettler am Wege ist niemand; er ist ohne Namen, ohne Geschichte und ohne Gesicht. Er ist der Unbekannte schlechthin. Wirklich sprechen kann man nur zu dem Unbekannten, bei dem das Risiko des Zuwissengebens nicht mehr besteht, weil es unabsehbar ist und nicht abzuwarten1. Da der Unbekannte nicht zu identifizieren ist, verliert der Sprecher selbst langsam seine Identität, seinen Namen, sein Gesicht, das, was der Andere2 nicht kennt und nicht zu wissen braucht. Was bleibt, ist nur die Geschichte, das reine Erzählen, nur das, wovon man weiss3, dass4 es eben5 geschah. Jeder Bekannte, den man hier und dort trifft, so und so6 mit ihm verbunden, wird die Geschichte vergessen und den Sprecher sich ansehen, völlig8 gebannt von der Möglichkeit ihn kennen zu lernen9. Aber was ist denn an einem Menschen kennen10 zu lernen?11 Es ist besser nur eine Anekdote zu sein als ein Mensch mit Eigenschaften.
Der Bettler am Wege ist niemand; er ist ohne Namen, ohne Geschichte und ohne Gesicht. Er ist der Unbekannte schlechthin. Wirklich sprechen kann man nur zu dem Unbekannten, bei dem das Risiko des Zuwissengebens nicht mehr besteht, weil es unabsehbar ist und nicht abzuwarten1. Da der Unbekannte nicht zu identifizieren ist, verliert der Sprecher selbst langsam seine Identität, seinen Namen, sein Gesicht, das, was der andere2 nicht kennt und nicht zu wissen braucht. Was bleibt, ist nur die Geschichte, das reine Erzählen, nur das, wovon man weiß3, daß4 es eben5 geschah. Jeder Bekannte, den man hier und dort trifft, durch dies oder jenes6 mit ihm verbunden, wird die Geschichte vergessen und den Sprecher sich ansehen, gebannt von der Möglichkeit, einen Menschen kennenzulernen9. Statt der Geschichte, die man ihm erzählt, wird er sich bei Eigenschaften aufhalten, die er10 zu entdecken vermeint und die man, hat man sie erst einmal anerkannt, mit jedem Beliebigen teilen muß.11 Es ist besser,12 nur eine Anekdote zu sein als ein Mensch mit Eigenschaften.
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Der, der1 nur am Wege steht, kann nichts vergessen, denn es gibt nichts, um dessentwillen er vergessen müsste2. Er3 ist sicher: immer wird er am Wege stehen4, denn er müsste5 sterben, wenn man ihm nichts gäbe. |160 Er hat nichts zu verlieren, man beraubt ihn nicht, wenn man ihm so viel gibt, dass6 er nun von anderen nichts mehr zu fordern braucht; ja man gibt ihm noch die Garantie einer gesicherten Existenz. Zum Dank dafür wird er nichts anderes mehr annehmen und nur noch Bewahrer des7 zu grossen Geschenks sein8. Zum Dank dafür wird er darauf verzichten, weiter Bettler zu sein und wird sich einrichten mit dem Geschenkten als wäre er reich und voller Leben wie die Anderen11. Das Fremde und Geschenkte, das,12 was ihm nie begegnete, was ihn weder je glücklich machte noch je unglücklich, wird ein vollgültiger Ersatz für ein14 eigenes Leben.
Wer1 nur am Wege steht, kann nichts vergessen, denn es gibt nichts, um dessentwillen er vergessen müsste2. Er3 ist sicher: immer wird er am Wege stehen4, denn er müsste5 sterben, wenn man ihm nichts gäbe. Er hat nichts zu verlieren, man beraubt ihn nicht, wenn man ihm so viel gibt, dass6 er nun von anderen nichts mehr zu fordern braucht; ja man gibt ihm noch die Garantie einer gesicherten Existenz. Zum Dank dafür wird er nichts anderes mehr annehmen und nur noch darauf achten, das7 zu grosse Geschenk zu bewahren8. Zum Dank dafür wird er darauf verzichten, weiter Bettler zu sein und wird sich einrichten mit dem Geschenkten,10 als wäre |177 er reich und voller Leben wie die Anderen11. Das Fremde und Geschenkte, das was ihm nie begegnete, was ihn weder je glücklich machte noch je unglücklich, wird ein vollgültiger Ersatz für eigenes Leben.
Wer1 nur am Wege steht, kann nichts vergessen, denn es gibt nichts, um dessentwillen er vergessen müßte2. Eins3 ist sicher: immer wird er am Wege bleiben4, denn er müßte5 sterben, wenn man ihm nichts gäbe. Er hat nichts zu verlieren, man beraubt ihn nicht, wenn man ihm so viel gibt, daß6 er nun von anderen nichts mehr zu fordern braucht; ja man gibt ihm noch die Garantie einer gesicherten Existenz. Zum Dank dafür wird er nichts anderes mehr annehmen und nur noch darauf achten, das7 zu große Geschenk zu bewahren8. Zum Dank dafür wird er darauf verzichten, weiter Bettler zu sein,9 und wird sich einrichten mit dem Geschenkten,10 als wäre er reich und voller Leben wie die anderen11. Das |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000155 Fremde und Geschenkte, das,12 was ihm nie begegnete, was ihn weder je glücklich machte noch je unglücklich, wird Varnhagen13 ein vollgültiger Ersatz für ein14 eigenes Leben.
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Rahel gibt Varnhagen alles was sie hat, alle Tagebücher, alle Briefe, die an Finckenstein, die an Urquijo, die2 sie teils3 in Abschriften besitzt, teils4 sich hat zurückgeben lassen; sie gibt ihm dazu noch alle5, die sie sich aufbewahrte. Schon wenige Monate nach ihrer Bekanntschaft rühmt Varnhagen sich7 Jean Paul gegenüber, dass8 er an 3000 Briefe von ihr besitze. Diese Briefe sind die9 Landschaft, in der er lebt10. Sie geben ihm keine Erfahrungen, kein Wissen: so11 ist das Leben; sie geben ihm nichts irgendwie allgemein Aussagbares. Aber sie geben12 ihm ein bestimmtes seelisches Milieu. »Und wenn ich auch nicht in die Himmelsbahn gelangen kann, die wie der Adel nur bei der Geburt den Menschen als sie selbst in ihrer ganzen Fülle ergreift, so werd13 ich doch bei Dir gleichsam in hohen Wäldern und auf Bergen herum irren, deren Wüste nichts von den Schrecknissen der wüsten rings offenen Ebenen hat.« Der Bettler am Wege ist über seine Armut getröstet, wenn das Geschenk so gross15 ist, dass16 es für ein ganzes Leben reicht. Der, den das Schicksal nie traf, weder als Unglück noch als Glück, der immer im Stich gelassen war von den Menschen und verurteilt schien in den »wüsten rings offenen Ebenen« zu leben, er ist getröstet von dem Hauch des fremden Lebens, das an ihm vorbeiweht, das »heimlich liebkosend« ihn trifft. Wenn er neben ihr leben darf, sie »sehen sieht«, sie17 »reden hört«, scheint das Leben selbst sich ihm zuzuneigen, scheint »das Leben selbst18 mir genug«.
Rahel gibt Varnhagen alles was sie hat, alle Tagebücher, alle Briefe, die an Finckenstein, die an Urquijo, die2 sie teils3 in Abschriften besitzt, teils4 sich hat zurückgeben lassen; sie gibt ihm noch die dazu5, die sie sich aufbewahrte von anderen6. Schon wenige Monate nach ihrer Bekanntschaft rühmt sich Varnhagen7 Jean Paul gegenüber, dass8 er an 3000 Briefe von ihr besitze. Diese Briefe werden zur9 Landschaft seines Lebens10. Sie geben ihm keine Erfahrungen, kein Wissen: So11 ist das Leben; sie geben ihm nichts irgendwie allgemein Aussagbares. Aber sie schaffen12 ihm ein bestimmtes seelisches Milieu. »Und wenn ich auch nicht in die Himmelsbahn gelangen kann, die wie der Adel nur bei der Geburt den Menschen als sie selbst in ihrer ganzen Fülle ergreift, so werd13 ich doch bei Dir gleichsam in hohen Wäldern und auf Bergen herum irren, deren Wüste nichts von den Schrecknissen der wüsten rings offenen Ebenen hat.« (Varnhagen)14 Der Bettler am Wege ist über seine Armut getröstet, wenn das Geschenk so gross15 ist, dass16 es für ein ganzes Leben reicht. Der, den das Schicksal nie traf, weder als Unglück noch als Glück, der immer im Stich gelassen war von den Menschen und verurteilt schien in den »wüsten rings offenen Ebenen« zu leben, er ist getröstet von dem Hauch des fremden Lebens, das an ihm vorbeiweht, das »heimlich liebkosend« ihn trifft. Wenn er neben ihr leben darf, sie »sehen sieht«, sie17 |178 »reden hört«, scheint das Leben selbst sich ihm zuzuneigen, scheint »das Leben mir genug«.
Rahel gibt Varnhagen alles,1 was sie hat, alle Tagebücher, alle Briefe, die an Finckenstein, soweit2 sie sie3 in Abschriften besitzt, die an Urquijo, die sie4 sich hat zurückgeben lassen; sie gibt ihm noch die dazu5, die sie sich aufbewahrte von anderen6. Schon wenige Monate nach ihrer Bekanntschaft rühmt sich Varnhagen7 Jean Paul gegenüber, daß8 er an 3000 Briefe von ihr besitze. Diese Briefe werden zur9 Landschaft seines Lebens10. Sie geben ihm keine Erfahrungen, kein Wissen: so11 ist das Leben; sie geben ihm nichts irgendwie allgemein Aussagbares. Aber sie schaffen12 ihm ein bestimmtes seelisches Milieu. »Und wenn ich auch nicht in die Himmelsbahn gelangen kann, die wie der Adel nur bei der Geburt den Menschen als sie selbst in ihrer ganzen Fülle ergreift, so werd’13 ich doch bei Dir gleichsam in hohen Wäldern und auf Bergen herumirren, deren Wüste nichts von den Schrecknissen der wüsten rings offenen Ebenen hat.« Der Bettler am Wege ist über seine Armut getröstet, wenn das Geschenk so groß15 ist, daß16 es für ein ganzes Leben reicht. Der, den das Schicksal nie traf, weder als Unglück noch als Glück, der immer im Stich gelassen war von den Menschen und verurteilt schien in den »wüsten rings offenen Ebenen« zu leben, er ist getröstet von dem Hauch des fremden Lebens, das an ihm vorbeiweht, das »heimlich liebkosend« ihn trifft. Wenn er neben ihr leben darf, sie »sehen sieht«, »reden hört«, scheint das Leben selbst sich ihm zuzuneigen, scheint »das Leben mir genug«.
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366
Wenn der Bettler am Wege1 auf das Leben, das der Mensch nur leben kann von Geburt bis Tod, das nur einsichtig wird in der Erfahrung, das in seiner Allgemeinheit nur sichtbar wird in dem Weiter von Tag zu Tag, wenn er auf dies, das jedem eigentlich zusteht, verzichten muss, wenn er3 »neugierig und getröstet« dem Fremden4 nur zusehen kann, so wird ihm, »liebkost« vom Einzelnen, das Einzelne zur Anekdote, so wird er, getröstet einmal ein Ganzes zu haben, Rahels6 ganzes Leben zu besitzen, dies Leben personifizieren. Das Ganze ist zu gross7 für ihn,8 es wird zur Landschaft für seine eigene Seele; es bekommt eine bestimmte Physiognomie, als sei es so nur9 von einem Menschen geformt, einem Menschen mit besonderer Leidenschaft, mit besonderer Wahrheitsliebe; es10 verliert seinen Wahrzeichensinn, es wird zur heroischen Tat eines Menschen; es verliert seinen Zeitcharakter und11 wird zu einem gerundeten Ganzen, in dessen Mittelpunkt Rahel als besondere12 Person steht. Ihr13 Leben wird ihm14 zur Ausstrahlung ihrer Person.
Wenn der Bettler auf das Leben, das der Mensch nur leben kann,2 von Geburt bis Tod, das nur einsichtig wird in der Erfahrung, das in seiner Allgemeinheit nur sichtbar wird in dem Weiter von Tag zu Tag, wenn er auf dies, das jedem eigentlich zusteht, verzichten muss, wenn er3 »neugierig und getröstet« dem Fremden4 nur zusehen kann, so wird ihm, »liebkost« vom Einzelnen, das Einzelne zur Anekdote, so wird er, getröstet einmal ein Ganzes zu haben, ein6 ganzes Leben zu besitzen, dies Leben personifizieren. Das Ganze ist zu gross7 für ihn;8 es wird zur Landschaft für seine eigene Seele; es bekommt eine bestimmte Physiognomie, als sei es so von einem Menschen geformt, einem Menschen mit besonderer Leidenschaft, mit besonderer Wahrheitsliebe; das Leben10 verliert seinen Wahrzeichensinn, es wird zur heroischen Tat eines Menschen; es verliert seinen Zeitcharakter, es11 wird zu einem gerundeten Ganzen, in dessen Mittelpunkt eine12 Person steht. Rahels13 Leben wird Varnhagen14 zur Ausstrahlung ihrer Person.
Wenn der Bettler auf das Leben, das der Mensch nur leben kann von Geburt bis Tod, das nur einsichtig wird in der Erfahrung, das in seiner Allgemeinheit nur sichtbar wird in dem Weiter von Tag zu Tag, wenn er auf dies, das jedem eigentlich zusteht, verzichten muß und3 »neugierig und getröstet« nur zusehen kann, so wird ihm, »liebkost« vom Einzelnen, das Einzelne zur Anekdote, so wird er, getröstet,5 einmal ein Ganzes zu haben, ein6 ganzes Leben zu besitzen, dies Leben personifizieren. Das Ganze ist zu groß7 für ihn;8 es wird zur Landschaft für seine eigene Seele; es bekommt eine bestimmte Physiognomie, als sei es so von einem Menschen geformt, einem Menschen mit besonderer Leidenschaft, mit besonderer Wahrheitsliebe; das Leben10 verliert seinen Wahrzeichensinn, es wird zur heroischen Tat eines Menschen; es verliert seinen Zeitcharakter, es11 wird zu einem gerundeten Ganzen, in dessen Mittelpunkt eine12 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000156 Person steht. Rahels13 Leben wird Varnhagen14 zur Ausstrahlung ihrer Person.
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Der Bettler am Wege hat nichts ausser3 diesem Leben, nichts ausser4 dieser Person. Er muss5 Leben wie Person bewahren, hüten wie eine Kostbarkeit; er muss6 beides glorifizieren. Er muss7 gierig werden auf jede Äusserung8 der Glorifizierten, der Schenkenden, wie der Götzendiener auf jedes Wunder seines Gottes. »Bringe die Briefe von Gentz und Louis doch mit nach Wien, ich sag es nicht aus Habsucht, ich lasse sie Dir gern, mein Verlangen geht nur auf Deine, die möcht ich alle besitzen, meiner Priestertreue mir bewusst9, die andern nur lesen!« Nicht die10 Briefe der Anderen will er besitzen -11 auch sie sollen an ihm vorüberwehen und ihn berühren -12 aber sie sind nur wie die Anekdoten, deren er schon immer hat habhaft werden können13. Nur die ihren will er haben, denn sie allein sind die echten Ausstrahlungen. An sie ist er gefesselt wie der Priester an seinen Gott16, er muss17 sie »hegen und begleiten, auf (18sie)19 alles Leben wenden, (20ihr)21 dienen wie einem griechischen |162 Klassiker«.
Der Bettler am Wege hat nichts ausser3 diesem Leben, nichts ausser4 dieser Person. Er muss5 Leben wie Person bewahren, hüten wie eine Kostbarkeit; er muss6 beides glorifizieren. Er muss7 gierig werden auf jede Äusserung8 der Glorifizierten, der Schenkenden, wie der Götzendiener auf jedes Wunder seines Gottes. »Bringe die Briefe von Gentz und Louis doch mit nach Wien, ich sag es nicht aus Habsucht, ich lasse sie Dir gern, mein Verlangen geht nur auf Deine, die möcht ich alle besitzen, meiner Priestertreue mir bewusst9, die andern nur lesen!« Die10 Briefe der Freunde,11 auch sie sollen an ihm vorüberwehen und ihn berühren,12 aber sie |179 sind nur wie die Nebenanekdoten zu seiner grossen Hauptgeschichte13. Nur die ihren will er haben, denn sie allein sind die »14echten«15 Ausstrahlungen. An sie ist er gefesselt wie der Priester an seinen Götzen16, er muss17 sie »hegen und begleiten, auf (18sie)19 alles Leben wenden, (20ihr)21 dienen wie einem griechischen Klassiker« (Varnhagen)22.
Der »1Bettler am Wege«2 hat nichts außer3 diesem Leben, nichts außer4 dieser Person. Er muß5 Leben wie Person bewahren, hüten wie eine Kostbarkeit; er muß6 beides glorifizieren. Er muß7 gierig werden auf jede Äußerung8 der Glorifizierten, der Schenkenden, wie der Götzendiener auf jedes Wunder seines Gottes. »Bringe die Briefe von Gentz und Louis doch mit nach Wien, ich sag es nicht aus Habsucht, ich lasse sie Dir gern, mein Verlangen geht nur auf Deine, die möcht ich alle besitzen, meiner Priestertreue mir bewußt9, die andern nur lesen!« Die10 Briefe der Freunde,11 auch sie sollen an ihm vorüberwehen und ihn berühren,12 aber sie sind nur wie die Nebenanekdoten zu seiner großen Hauptgeschichte13. Nur die ihren will er haben, denn sie allein sind die »14echten«15 Ausstrahlungen. An sie ist er gefesselt wie der Priester an seinen Götzen16, er muß17 sie »hegen und begleiten, auf sie alles Leben wenden, ihr dienen wie einem griechischen Klassiker« (Varnhagen)22.
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Varnhagen hat nichts zu verlieren; um1 nur etwas zu scheinen, scheut er vor keiner Groteske zurück. Keine Klugheit warnt ihn vor der unsinnigen Geschmacklosigkeit3, sich zum Propheten einer Frau zu machen. Keine Scheu hält ihn vor dem Erzählen zurück. Was ist denn sein Geschenk und die Grossartigkeit4 seiner Erwähltheit, wenn er es nicht zeigen darf? Woran will man ihn denn erkennen? Er spricht hemmungslos von ihr zu jedem, der ihm über den Weg läuft. Er zeigt sie, ihre Aussprüche, ihre Geschichte,5 vor wie eine Legitimation, wie die Legitimation dafür, dass6 er nicht mehr im Hintergrund bleiben will, dass7 er nicht mehr am Wege steht. Er spielt nicht nur den Priester, der das Alleinseligmachende weiss8, sondern den Propheten, der es verkünden muss9: »Als Dein Apostel möcht ich leben, in dieser Verrichtung ist mir am wohlsten, fühl ich meine Bestimmung am vielseitigsten erfüllt!10 - Und doch wird die Blindheit ewig blind bleiben: es gibt ja auch jetzt noch mehr Heiden als Christen; doch sollen die nicht verehren wollen, das Maul halten und erstarren. Ich sprach bei Steffens vor Schedes12 von Dir als der dritten Lichtgeburt der jüdischen Nation, die erste und zweite seien Christus und Spinoza der Zeit nach, Du aber dem Inhalt nach die erste; sie beschuldigten mich des Götzendienstes, aber dem Steffens gefiel doch mein Eifer ungemein.«
Varnhagen hat nichts zu verlieren. Um1 nur überhaupt2 etwas zu scheinen, scheut er vor keiner Groteske zurück. Keine Klugheit warnt ihn vor der unsinnigen Komik3, sich zum Propheten einer Frau zu machen. Keine Scheu hält ihn vor dem Erzählen zurück. Was ist denn sein Geschenk und die Grossartigkeit4 seiner Erwähltheit, wenn er es nicht zeigen darf? Woran will man ihn denn erkennen? Er spricht hemmungslos von ihr zu jedem, der ihm über den Weg läuft. Er zeigt sie, ihre Aussprüche, ihre Geschichte vor wie eine Legitimation, wie die Legitimation dafür, dass6 er nicht mehr im Hintergrund bleiben will, dass7 er nicht mehr am Wege steht. Er spielt nicht nur den Priester, der das Alleinseligmachende weiss8, sondern den Propheten, der es verkünden muss9: »Als Dein Apostel möcht ich leben, in dieser Verrichtung ist mir am wohlsten, fühl ich meine Bestimmung am vielseitigsten erfüllt!10 - Und doch wird die Blindheit ewig blind bleiben: es gibt ja auch jetzt noch mehr Heiden als Christen; doch sollen die nicht verehren wollen, das Maul halten und erstarren. Ich sprach bei Steffens ..12 von Dir als der dritten Lichtgeburt der jüdischen Nation, die erste und zweite seien Christus und Spinoza der Zeit nach, Du aber dem Inhalt nach die erste; sie beschuldigten mich des Götzendienstes, aber dem Steffens gefiel doch mein Eifer ungemein.«
Varnhagen hat nichts zu verlieren. Um1 nur überhaupt2 etwas zu scheinen, scheut er vor keiner Groteske zurück. Keine Klugheit warnt ihn vor der absurden Lächerlichkeit3, sich zum Propheten einer Frau zu machen. Keine Scheu hält ihn vor dem Erzählen zurück. Was ist denn sein Geschenk und die Großartigkeit4 seiner Erwähltheit, wenn er es nicht zeigen darf? Woran will man ihn denn erkennen? Er spricht hemmungslos von ihr zu jedem, der ihm über den Weg läuft. Er zeigt sie, ihre Aussprüche, ihre Geschichte vor wie eine Legitimation, wie die Legitimation dafür, daß6 er nicht mehr im Hintergrund bleiben will, daß7 er nicht mehr am Wege steht. Er spielt nicht nur den Priester, der das Alleinseligmachende weiß8, sondern den Propheten, der es verkünden muß9: »Als Dein Apostel möcht ich leben, in dieser Verrichtung ist mir am wohlsten, fühl ich meine Bestimmung am vielseitigsten erfüllt - Und doch wird die Blindheit ewig blind bleiben: es gibt ja auch jetzt noch mehr Heiden als Christen; doch sollen,11 die nicht verehren wollen, das Maul halten und erstarren. Ich sprach bei Steffens ...12 von Dir als der dritten Lichtgeburt der jüdischen Nation, die erste und zweite seien Christus und Spinoza der Zeit nach, Du aber dem Inhalt nach die erste; sie beschuldigten mich des Götzendienstes, aber dem Steffens gefiel doch mein Eifer ungemein.«
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369
Es ist mindestens1 unwahrscheinlich, dass2 Steffens dieser3 Eifer gefiel4. Viele Briefe von Rahel an Varnhagen, in denen sie ihn bittet, sich nicht mit Sprechen von ihr lächerlich zu machen, bezeugen zudem5 das Gegenteil. Sie hat6 sich nur7 dem Unbekannten ergeben8, aber9 sie kann ihn nun nicht10 hindern, dass er11 bekannt werden will12. Er ist ja nicht mehr der Bettler am Wege, er hat ja etwas in der Hand; er will in der Welt etwas vorstellen und er will »ihrer würdig« werden. Er trennt sich zu diesem Zweck15 von ihr und geht nach Tübingen, um sein Medizinstudium zum Abschluss16 zu bringen.
Es ist zum mindesten1 unwahrscheinlich, dass2 Steffens der3 Eifer gefiel4. Viele Briefe von Rahel an Varnhagen, in denen sie ihn bittet, sich nicht mit Sprechen von ihr lächerlich zu machen, bezeugen zudem5 das Gegenteil. Sie hatte6 sich nur7 dem Unbekannten ergeben8, aber9 sie kann nun nicht10 hindern, dass er11 bekannt werden will12. Er ist ja nicht mehr der Bettler am Wege, er hat ja etwas in der Hand; er will in der Welt etwas vorstellen und er will »ihrer würdig« werden. Er trennt sich zu diesem Zweck15 von ihr und geht nach Tübingen, um sein Medizinstudium zum Abschluss16 zu bringen.
Es ist zum mindesten1 unwahrscheinlich, daß2 Steffens oder irgendeinem sonst solch3 Eifer gefallen konnte4. Viele Briefe von Rahel an Varnhagen, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000157 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000158 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000159 in denen sie ihn bittet, sich nicht mit Sprechen von ihr lächerlich zu machen, bezeugen außerdem5 das Gegenteil. Nachdem sie6 sich einmal7 dem Unbekannten ausgeliefert hat8, kann9 sie ihn nicht daran10 hindern, bekannt werden zu wollen12. Er ist ja nicht mehr der »13Bettler am Wege«14, er hat ja etwas in der Hand; er will in der Welt etwas vorstellen und er will »ihrer würdig« werden. Zu diesem Zweck trennt er sich15 von ihr und geht nach Tübingen, um sein Medizinstudium zum Abschluß16 zu bringen.
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370
Sie kann und darf ihm das nicht ausreden. Obwohl sie weiss1, dass2 es für sie sinnlos ist; dass3 es für sie sinnlos ist4, wenn er nicht mehr der Unbekannte ist; dass5 er sich täuscht, wenn er glaubt, er könnte6 ohne sie, unabhängig von ihr für sich jemand sein. Denn was er in der Hand hat, ist doch nur das Fremde, er8 kann nur eitel werden.
Sie kann und darf ihm das nicht ausreden. Obwohl sie glaubt1, dass2 es für sie sinnlos ist; dass3 es ihr nichts mehr nützt4, wenn er nicht mehr der Unbekannte ist; dass5 er sich täuscht, wenn er glaubt, er könnte6 ohne sie, unabhängig von ihr für sich jemand sein. Denn was er in der Hand hat, ist doch nur das Fremde. Er8 kann damit9 nur eitel werden.
Sie kann und darf ihm das nicht ausreden. Obwohl sie glaubt1, daß2 es für sie sinnlos ist; daß3 es ihr nichts mehr nützt4, wenn er nicht mehr der Unbekannte ist; daß5 er sich täuscht, wenn er glaubt, er könne6 ohne sie, unabhängig von ihr,7 für sich jemand sein. Denn was er in der Hand hat, ist doch nur das Fremde. Er8 kann damit9 nur eitel werden.
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371
Jetzt, da Varnhagen weg geht, wird1 alles mit einem Schlage anders. Die Situation des Abschiedes ähnelt bis zum Verwechseln einer Liebessituation2. Er geht weg und nimmt sein ganzes Wissen von ihr mit sich mit. Sie wird ihn halten müssen. Er will ja etwas werden,3 gerade auf Grund dessen, was er von ihr erfahren hat, etwas werden5. Er wird nicht unbekannt bleiben; sie muss6 ihn halten, denn er hat sie, wenn er ein Bekannter7 geworden ist, in der Hand. Da sie ihn halten muss, muss8 sie sich nach ihm sehnen. Denn9 man hält sich selbst an dem Anderen10 nur durch die Sehnsucht fest.
Varnhagens Weggang ändert1 alles mit einem Schlage. Die Situation des Abschieds ähnelt bis zum Verwechseln einer Liebessituation2. Er geht weg und nimmt sein ganzes Wissen von ihr mit sich mit. Sie wird ihn halten müssen. Er will ja etwas werden,3 gerade auf Grund dessen, was er von ihr erfahren hat, etwas werden5. Er wird nicht unbekannt bleiben; sie muss6 ihn halten, denn er hat sie, wenn er bekannt7 geworden ist, in der Hand. Dann aber muss8 sie sich nach ihm sehnen, denn9 man hält sich selbst an dem Anderen10 nur durch die Sehnsucht fest.
Varnhagens Weggang ändert1 alles mit einem Schlage, drängt sie in die Position der Bittenden2. Er geht weg und nimmt sein ganzes Wissen von ihr mit sich mit. Sie wird ihn halten müssen. Er will ja gerade auf Grund dessen etwas werden4, was er von ihr erfahren hat. Er wird nicht unbekannt bleiben; sie muß6 ihn halten, denn er hat sie, wenn er bekannt7 geworden ist, in der Hand. Das heißt aber, daß8 sie sich nach ihm sehnen muß, denn9 man hält sich selbst an dem anderen10 nur durch die Sehnsucht fest.
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372
Varnhagen in Tübingen, allein, nur auf sich angewiesen ohne Geselligkeit, ohne Anregung, vergisst2 fast, warum er wegging. Er lebt in einer beklemmenden Leere, in einer tödlichen Langenweile3. Er hat ganz zu Beginn, als er Rahel kennen lernte, heftig geglaubt, dass4 er sie liebe. Rahel hat abgewehrt in dem sicheren Wissen, dass5 Liebe ihr nicht6 helfen kann. Sie hat auf Urquijo gewiesen und dass8 sie nicht mehr lieben könne. Jetzt in der zweideutigen Situation des Getrenntseins verwechselt sie ihre Sehnsucht mit Liebe. Varnhagen aber antwortet nicht auf Liebe, er weicht aus9. Vielleicht glaubt sie auch, nur durch Liebe10 ihn halten zu können11, da er ein Bekannter werden will. Vielleicht12 glaubt sie13 auch Liebe14 ihm schuldig zu sein, da er ihr doch sein Leben versprach. Varnhagen jedenfalls15 weicht aus; er lässt16 sie in Unsicherheit über seine Pläne, spielt mit einer Beziehung zu einer anderen Frau, einem jungen Mädchen, das er aus Hamburg kennt und dem er sich verpflichtet fühlt. Aber wenn Rahel wiederum dies Ernst17 nimmt und darauf antworten will und18 Konsequenzen verlangt, weicht er auch da wieder |16[4] aus19: »Das Band, das mich an sie fesselt, reicht über die ganze Erde hin und so bin ich frei, völlig frei!« Er sagt nichts Direktes, er20 schreibt oft und viel, aber alles ist21 wie ein22 »laues23 Erstarren«. Er weist immer wieder auf die Unsicherheit seiner Existenz hin, pocht wohl auch heimlich auf die Freiheit, die sie24 ihm zu lassen versprochen hat25 und die sich26 für sich fordert27. Die ganze Geschichte droht wieder zu einer unglücklichen Liebesaffaire28 zu werden.
Varnhagen in Tübingen, allein, nur auf sich angewiesen,1 ohne Geselligkeit, ohne Anregung, vergisst2 fast, warum er wegging. Er |181 lebt in einer beklemmenden Leere, in einer tödlichen Langenweile3. Er hat ganz zu Beginn, als er Rahel kennen lernte, heftig geglaubt, dass4 er sie liebe. Rahel hat abgewehrt in dem sicheren Wissen, dass5 Liebe ihr nichts6 helfen kann. Sie hat auf Urquijo gewiesen,7 und dass8 sie nicht mehr lieben könne. Jetzt in der zweideutigen Situation des Getrenntseins verwechselt sie ihre Sehnsucht mit Liebe. Varnhagen aber antwortet nicht auf Liebe. Durch Liebe will sie10 ihn halten, glaubt auch sie14 ihm schuldig zu sein, da er ihr doch sein Leben versprach. Varnhagen jedenfalls15 weicht aus; er lässt16 sie in Unsicherheit über seine Pläne, spielt mit einer Beziehung zu einer anderen Frau, einem jungen Mädchen, das er aus Hamburg kennt und dem er sich verpflichtet fühlt. Aber wenn Rahel dies wiederum Ernst17 nimmt und darauf antworten will,18 Konsequenzen verlangt, weicht er auch da wieder zurück19: »Das Band, das mich an sie fesselt, reicht über die ganze Erde hin und so bin ich frei, völlig frei!« Er schreibt oft und viel, ohne sich direkt zu äussern,21 wie in22 »lauem23 Erstarren«. Er weist immer wieder auf die Unsicherheit seiner Existenz hin, pocht wohl auch heimlich auf die Freiheit, die sie24 ihm zu lassen versprach25 und die sie26 für sich forderte27. Die ganze Geschichte droht wieder zu einer unglücklichen und zudem lächerlichen Liebesaffaire28 zu werden.
Varnhagen in Tübingen, allein, nur auf sich angewiesen,1 ohne Geselligkeit, ohne Anregung, vergißt2 fast, warum er wegging. Er lebt in einer beklemmenden Leere, in einer tödlichen Langeweile3. Er hat ganz zu Beginn, als er Rahel kennenlernte, heftig geglaubt, daß4 er sie liebe. Rahel hat abgewehrt in dem sicheren Wissen, daß5 Liebe ihr nichts6 helfen kann. Sie hat auf Urquijo gewiesen,7 und daß8 sie nicht mehr lieben könne. Jetzt in der zweideutigen Situation des Getrenntseins verwechselt sie ihre Sehnsucht mit Liebe. Varnhagen aber antwortet nicht auf Liebe. Durch Liebe will sie10 ihn halten, glaubt auch, sie14 ihm schuldig zu sein, da er ihr doch sein Leben versprach. Varnhagen aber15 weicht aus; er läßt16 sie in Unsicherheit über seine Pläne, spielt mit einer Beziehung zu einer anderen Frau, einem jungen Mädchen, das er aus Hamburg kennt und dem er sich verpflichtet fühlt. Aber wenn Rahel dies wiederum ernst17 nimmt und darauf antworten will,18 Konsequenzen verlangt, weicht er auch da wieder zurück19: »Das Band, das mich an sie fesselt, reicht über die ganze Erde hin und so bin ich frei, völlig frei!« Er schreibt oft und viel, ohne sich direkt zu äußern,21 wie in22 »lauem23 Erstarren«. Er weist immer wieder auf die Unsicherheit seiner Existenz hin, pocht |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000160 wohl auch heimlich auf die Freiheit, die Rahel24 ihm zu lassen versprach25 und die sie26 für sich forderte27. Die ganze Geschichte droht wieder zu einer unglücklichen und lächerlichen Liebesaffäre28 zu werden.
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373
Aber liebt1 Rahel ihn denn wirklich?2 Was ist die Sehnsucht des Tages und sein kluges Haltenwollen gegen die immer gleichen Träume der Nächte, die sie nicht loslassen? Ist ihre Liebe nicht so zweideutig wie sein Ausweichen? Gewiss3, sie braucht ihn, wenn sie an der Realität des Gewesenen festhalten will. Aber straft nicht jede Nacht diese Realität Lügen? Wird sie nicht jede Nacht wieder von ihm weggeschwemmt4? Und selbst wenn der Tag sie ihm wieder zuwirft, ihm und seinem »lauen Erstarren« und der Quälerei der Unsicherheit, des Nichtdisponierenkönnens,5 es bleibt die Distanz, dass6 die Nächte ihm fremd sind,7 und dass8 es Reiche gibt, die sie seiner bettelnden Habsucht nicht anveru traut9 hat. Sie wird sich an ihn nicht »veräussern«.10
Dabei gelingt es1 Rahel nicht einmal sich einzureden, sie liebe ihn.2 Was ist die Sehnsucht des Tages und sein kluges Haltenwollen gegen die immer gleichen Träume der Nächte, die sie nicht loslassen? Ist ihre Liebe nicht so zweideutig wie sein Ausweichen? Gewiss3, sie braucht ihn, wenn sie an der Realität des Gewesenen |182 festhalten will. Aber straft nicht jede Nacht diese Realität Lügen? Wird sie nicht jede Nacht wieder von ihm weggespült in ein anderes Land4? Und selbst wenn der Tag sie ihm wieder zuwirft, ihm und seinem »lauen Erstarren« und der Quälerei der Unsicherheit, es bleibt die Distanz, dass6 die Nächte ihm fremd sind,7 und dass8 es Reiche gibt, die sie seiner bettelnden Habsucht nicht anvertraut9 hat. Es wird keine Liebesaffaire daraus werden, sie wird sich an ihn nicht »veräussern«.10
Dabei gelingt es1 Rahel nicht einmal, sich einzureden, sie liebe ihn.2 Was ist die Sehnsucht des Tages und sein kluges Haltenwollen gegen die immer gleichen Träume der Nächte, die sie nicht loslassen? Ist ihre Liebe nicht so zweideutig wie sein Ausweichen? Gewiß3, sie braucht ihn, wenn sie an der Realität des Gewesenen festhalten will. Aber straft nicht jede Nacht diese Realität Lügen? Wird sie nicht jede Nacht wieder von ihm weggespült in ein anderes Land4? Und selbst wenn der Tag sie ihm wieder zuwirft, ihm und seinem »lauen Erstarren« und der Quälerei der Unsicherheit, es bleibt die Distanz, daß6 die Nächte ihm fremd sind und daß8 es Reiche gibt, die sie seiner bettelnden Habsucht nicht anvertraut9 hat.
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374
Die Distanz ermöglicht es, ihm zu sagen, was unerträglich an ihm ist. Nicht er treibt sie ein Ultimatum zu stellen wie eine Konsequenz, die sie nur noch zu vollziehen hätte, sondern sie1 stellt ihn von sich aus vor ein Entweder-Oder: einfach weil ihre Nerven versagen, weil sie ihrer »2Geschichte«3 und ihrem »Herzmuskel« nach »nichts4 Zweideutiges mehr ertragen kann«. Sie sagt ihm, dass5 seine Zweideutigkeit nichts mit Freiheit oder Unfreiheit zu tun hat6: »Ich erklärte Dich für7 frei. ...8 Aber mitten in der ersten Vollziehung des ersten Aktes zu einer Tat ist man nicht frei: mitten in der Vollziehung aufhören, heisst11 nicht vollenden; und hat mit frei oder nicht frei nichts gemein. Jemand, der Lust hat den Fandango zu tanzen und aus Ungeschicklichkeit |165 oder Mangel an Kräften mitten drin aufhört, hat keinen Akt der Freiheit ausgeführt.« Sie zieht sich wieder ganz auf sich zurück - »und13 ich dachte einen Augenblick nicht allein zu sein! ich bin es in einem Sinne wieder«. Sie riskiert nicht einmal viel damit, denn er, Varnhagen, ist wieder zum Bettler am Wege geworden. Das,16 was er in der Hand hatte, ist ihm entglitten. Und es bleibt ihm kaum mehr davon als eine neue Folie18 für seine Reflexionen.
Die Distanz ermöglicht es, ihm zu sagen, was unerträglich an ihm ist. Sie1 stellt ihn von sich aus vor ein Entweder-Oder: einfach weil ihre Nerven versagen, weil sie ihrer Geschichte und ihrem »Herzmuskel« nach nichts »4Zweideutiges mehr ertragen kann«. Sie sagt ihm, dass5 seine Zweideutigkeit nichts mit Freiheit oder Unfreiheit zu tun habe6: »Ich erklärte Dich für7 frei. .. Aber mitten in der ersten Vollziehung des ersten Aktes zu einer Tat ist man nicht frei: mitten in der Vollziehung aufhören, heisst11 nicht vollenden; und hat mit frei oder nicht frei nichts gemein. Jemand, der Lust hat den Fandango zu tanzen und aus Ungeschicklichkeit oder Mangel an Kräften mitten drin aufhört, hat keinen Akt der Freiheit ausgeführt.« Sie zieht sich wieder ganz auf sich zurück - »und13 ich dachte einen Augenblick nicht allein zu sein! ich bin es in einem Sinne wieder«. Sie riskiert nicht einmal viel damit, denn er, Varnhagen, ist wieder zum Bettler am Wege geworden. Das was er in der Hand hatte, ist ihm in der Einsamkeit, in der Lange weile17 entglitten. Und es bleibt ihm kaum mehr davon als eine neue Rolle18 für seine Reflexionen.
Die Distanz ermöglicht es, ihm zu sagen, was unerträglich an ihm ist. Nicht er treibt sie, ein Ultimatum zu stellen wie eine Konsequenz, die sie nur noch zu vollziehen hätte; sondern sie1 stellt ihn von sich aus vor ein Entweder-Oder: einfach weil ihre Nerven versagen, weil sie ihrer Geschichte und ihrem »Herzmuskel« nach nichts »4Zweideutiges mehr ertragen kann«. Sie sagt ihm, daß5 seine Zweideutigkeit nichts mit Freiheit oder Unfreiheit zu tun habe6: »Ich erklärte Dich frei. ...8 Aber ...9 mitten in der ersten Vollziehung des ersten Aktes zu einer Tat,10 ist man nicht frei: mitten in der Vollziehung aufhören, heißt11 nicht vollenden; und hat mit frei oder nicht frei sein12 nichts gemein. Jemand, der Lust hat den Fandango zu tanzen und aus Ungeschicklichkeit oder Mangel an Kräften mitten drin aufhört, hat keinen Akt der Freiheit ausgeführt.« Sie zieht sich wieder ganz auf sich zurück - »ich dachte einen Augenblick nicht allein zu sein! ich bin es in einem Sinne wieder«. Sie riskiert nicht einmal viel damit, denn er, Varnhagen, ist wieder zum »14Bettler am Wege«15 geworden. Das,16 was er in der Hand hatte, ist ihm in der Einsamkeit, in der Langeweile17 entglitten. Und es bleibt ihm kaum mehr davon als eine neue Folie18 für seine Reflexionen.
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375
Da geschieht etwas Erstaunliches: Varnhagen reagiert auf ihre Kritik mit Einsicht. Er ist nicht verletzt, er1 zieht sich nicht zurück, er2 gibt ihr Recht3. »Nichts hat mich in Deinen Worten verletzt, ich sah ihnen mutig in die Augen, obwohl ich mich in5 ihren Blicken zusammenschmelzen fühlte in immer kleinere und kleiner6 Gestalt: denn ich fand mich zuletzt,7 in der, in welcher ich mich immer gefunden habe, und die Wahrheit hat für mich nichts Furchtbares, weil sie mit dem Wahren in mir einig ist.«
Da geschieht etwas Erstaunliches: Varnhagen reagiert auf ihre |183 Kritik mit Einsicht. Er ist nicht verletzt, zieht sich nicht zurück, sondern2 gibt ihr Recht3. »Nichts«, schreibt er, »4hat mich in Deinen Worten verletzt, ich sah ihnen mutig in die Augen, obwohl ich mich in5 ihren Blicken zusammenschmelzen fühlte in immer kleinere und kleinere6 Gestalt: denn ich fand mich zuletzt in der, in welcher ich mich immer gefunden habe, und die Wahrheit hat für mich nichts Furchtbares, weil sie mit dem Wahren in mir einig ist.«
Da geschieht etwas Erstaunliches: Varnhagen reagiert auf ihre Kritik mit Einsicht. Er ist nicht verletzt, zieht sich nicht zurück, sondern2 gibt ihr recht3. »Nichts«, schreibt er, »4hat mich in Deinen Worten verletzt, ich sah ihnen mutig in die Augen, obwohl ich mich von5 ihren Blicken zusammenschmelzen fühlte in immer kleinere und kleinere6 Gestalt: denn ich fand mich zuletzt in der, in welcher ich mich immer gefunden habe, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000161 und die Wahrheit hat für mich nichts Furchtbares, weil sie mit dem Wahren in mir einig ist.«
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376
Es gibt nichts Beruhigenderes, als dass1 ein Mensch auf Gründe hören kann. Einsicht ist die Vernunft, die sich auf andere einlässt2 und dennoch ihre Autonomie als Humanität behält. Die Vernunft ist die Garantie dafür, dass3 der Mensch nicht nur den Mächten und sich selbst, wie er nun einmal ist, ausgeliefert ist. Sie ist der Trost, dass4 man immer - gleich wie der andere, fremde Mensch ist - an etwas appellieren kann. Unbegreiflich und alle menschliche6 Beziehungen zerstörend ist nie die Fremdheit oder die Gemeinheit oder die Eitelkeit, sondern nur die Vergeblichkeit dieses Appells, in dem wir bezeugt haben wollen, dass7 wir Menschen sind. Misslingt8 der Appell, kann der Andere9 nicht auf Gründe hören, so bleibt vom10 Menschen nichts übrig als die ewige Verschiedenheit und unverständliche Fremdheit11 naturhafter Substanzen. Man kann die Fremdheit lieben mit der versponnenen Zärtlichkeit, die schöne12 Formen aufzwingen. Man kann sich vom Fremden wegwenden mit der ganzen Gleichgültigkeit oder dem vollständigen Ekel vor der misslungenen13 |166 Kreatur. Nichts14 aber kann verhindern15, dass16 der mislungene17 Appell auf einen selbst zurückfällt, einen selbst zur Kreatur macht und die Vernunft zu einer Eigenschaft, zu einer18 Differenz unter anderen erniedrigt.
Es gibt nichts Beruhigenderes, als dass1 ein Mensch auf Gründe hören kann. Einsicht ist die Vernunft, die sich auf Andere einlässt2 und dennoch ihre Autonomie als Humanität behält. Die Vernunft ist die Garantie dafür, dass3 der Mensch nicht nur den Mächten und sich selbst, wie er nun einmal ist, ausgeliefert ist. Sie ist der Trost, dass4 man immer - gleich wie der andere, fremde Mensch beschaffen5 ist - an etwas appellieren kann. Unbegreiflich und alle menschlichen6 Beziehungen zerstörend ist nie die Fremdheit oder die Gemeinheit oder die Eitelkeit, sondern nur die Vergeblichkeit dieses Appells, in dem wir bezeugt haben wollen, dass7 wir Menschen sind. Misslingt8 der Appell, kann der Andere9 nicht auf Gründe hören, so bleibt vom10 Menschen nichts übrig als die ewige Verschiedenheit und unverständliche Andersartigkeit11 naturhafter Substanzen. Man kann die Fremdheit lieben mit der versponnenen Zärtlichkeit, die schönen12 Formen aufzwingen. Man kann sich vom Fremden wegwenden mit der ganzen Gleichgültigkeit oder dem vollständigen Ekel vor der misslungenen13 Kreatur. Nichts14 aber kann hindern15, dass16 der misslungene17 Appell auf einen selbst zurückfällt, einen selbst zur Kreatur macht und die Vernunft zu einer Differenz unter anderen erniedrigt.
Es gibt nichts Beruhigenderes, als daß1 ein Mensch auf Gründe hören kann. Einsicht ist die Vernunft, die sich auf andere einläßt2 und dennoch ihre Autonomie als Humanität behält. Die Vernunft ist die Garantie dafür, daß3 der Mensch nicht nur den Mächten und sich selbst, wie er nun einmal ist, ausgeliefert ist. Sie ist der Trost, daß4 man immer - gleich wie der andere, fremde Mensch beschaffen5 ist - an etwas appellieren kann. Unbegreiflich und alle menschlichen6 Beziehungen zerstörend ist nie die Fremdheit oder die Gemeinheit oder die Eitelkeit, sondern nur die Vergeblichkeit dieses Appells, in dem wir bezeugt haben wollen, daß7 wir Menschen sind. Mißlingt8 der Appell, kann der andere9 nicht auf Gründe hören, so bleibt von10 Menschen nichts übrig als die ewige Verschiedenheit und unverständliche Andersartigkeit11 naturhafter Substanzen. Man kann die Fremdheit lieben mit der versponnenen Zärtlichkeit, die schöne12 Formen aufzwingen. Man kann sich vom Fremden wegwenden mit der ganzen Gleichgültigkeit oder dem vollständigen Ekel vor der mißlungenen13 Kreatur. Das14 aber kann nicht hindern15, daß16 der mißlungene17 Appell auf einen selbst zurückfällt, einen selbst zur Kreatur macht und die Vernunft zu einer Differenz unter anderen erniedrigt.
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377
Vernunft, Einsicht, Humanität, auf Gründe hören1 - das alles hat in Rahels Leben kaum eine Rolle gespielt. Die Wahrheit ist nicht human3, die man direkt mitteilt ohne Rücksicht auf den Anderen. Die5 Wahrheit hat keine Gründe. Varnhagens Vernunft wandelt6 Rahels Wahrheit zur Einsicht7. Weil er sich nach ihr8 richtet, sich von ihr9 bilden lässt10, macht er sie menschlich. Ihr11 Leben selbst12 wird ein menschliches13, weil es auf einen Menschen als Erziehung wirkt. Weil14 zum ersten Mal15 der Andere16 und seine Fremdheit ihr nicht zum Schicksal wird, zum Unausc weichlichen17, mit dem man nicht reden kann, von dem her man nur etwas erfahren kann18 - etwas anderes als das,19 was er20 selbst ist. Es ist »in die Augen springend, wie verschieden unsere Gemütsart und der Gang unseres Geistes ist«. Diese21 Fremdheit, die gleich in der ersten Bekanntschaft klar war, bleibt kein factum brutum22, sondern ist - dank der Einsicht Varnhagens, dank der Menschlichkeit der Sprache - einzubeziehen in den Gang einer Freundschaft. »Wo uns auch Gaben, Natur trennt;23 verbindet uns Freundschaft, Einsicht, Nachsicht, Gerechtigkeit, Treue, Ehrlichkeit, wahre Bildung.«
Vernunft, Einsicht, Humanität, Aufgründehören1 - das alles hat in Rahels Leben bisher2 kaum eine Rolle gespielt. Die Wahrheit, die man direkt mitteilt,4 ohne Rücksicht auf den Zuhörer, ist nicht human, die5 Wahrheit hat keine Gründe. Varnhagens Vernunft wandelt6 Rahels Wahrheiten in Einsichten7. Weil er sich nach ihnen8 richtet, sich von ihnen9 bilden lässt10, macht er sie menschlich. Rahels11 Leben wird menschlicher13, weil es auf einen Menschen als Erziehung einwirkt. Weil14 zum ersten Mal15 der Andere16 und seine Fremdheit ihr nicht zum Schicksal wird, zum Unausweichlichen17, mit dem man nicht reden kann, von dem her man nur etwas erfährt18 - etwas anderes als was man20 selbst ist. Es ist »in die Augen springend, wie verschieden unsere Gemütsart und der Gang unseres Geistes ist«. Die21 Fremdheit, die gleich in der ersten Bekanntschaft klar war, bleibt kein brutaler Fakt22, sondern ist - dank der Einsicht Varnhagens, dank der Menschlichkeit der Sprache - einzubeziehen in den Gang einer Freundschaft. »Wo uns auch Gaben, Natur trennt;23 verbindet uns Freundschaft, Einsicht, Nachsicht, Gerechtigkeit, Treue, Ehrlichkeit, wahre Bildung.«
Vernunft, Einsicht, Humanität, Auf-Gründe-hören1 - das alles hat in Rahels Leben bisher2 kaum eine Rolle gespielt. Die Wahrheit, die man direkt mitteilt,4 ohne Rücksicht auf den Zuhörer, ist nicht human, die5 Wahrheit hat keine Gründe. Varnhagens Vernunft verwandelt6 Rahels Wahrheiten in Einsichten7. Weil er sich nach ihnen8 richtet, sich von ihnen9 bilden läßt10, macht er sie menschlich. Rahels11 Leben wird menschlicher13, weil es auf einen Menschen als Erziehung einwirkt, weil14 zum erstenmal15 der andere16 und seine Fremdheit ihr nicht zum Schicksal wird, zum Unausweichlichen17, mit dem man nicht reden kann, von dem her man nur etwas erfährt18 - etwas anderes als das,19 was man20 selbst ist. Es ist »in die Augen springend, wie verschieden unsere Gemütsart und der Gang unseres Geistes ist«. Die21 Fremdheit, die gleich in der ersten Bekanntschaft klar war, bleibt kein brutales Faktum22, sondern ist - dank der Einsicht Varnhagens, dank der Menschlichkeit der Sprache - einzubeziehen in den Gang einer Freundschaft. »Wo uns auch Gaben, Natur trennt,23 verbindet uns Freundschaft, Einsicht, Nachsicht, Gerechtigkeit, Treue, Ehrlichkeit, wahre Bildung.«
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Varnhagens Einsicht rettet nicht nur in einer bestimmten Krise ihre Beziehung;1 sie wird schlechthin die Grundlage für ihre jahrelange Freundschaft und für ihre2 Ehe. Rahel beginnt, ihn zu erziehen, sie3 liebt ihn wie einen »Sohn«. Schliesslich ist er 14 Jahre jünger4 als sie. Sie lernt bei Varnhagen zum ersten Male5, dass6 nicht nur das, was einem geschieht, den Menschen auszeichnet; dass7 der Mensch nicht nur sein Glück oder sein Unglück ist. Dass8 der, dem nichts geschieht, der angewiesen bleibt auf sich selbst, nicht nur das Material seiner Natur bleibt9. Dass10 nicht nur das Geschehen herauslöst aus der Isoliertheit |167 des puren Seins11; dass12 die Vernunft und die Möglichkeit, an sie zu appellieren, noch dem Unedelsten - und Varnhagen war so eitel, dass von Adel gar keine Rede sein konnte -13 die Menschenwürde gibt. Dass14 der Vernünftige von vornherein mehr ist als die zufällige Anordnung von16 Gaben und Eigenschaften gerade in ihm17. Varnhagen ist eitel, aber man hat nicht18 das Recht, ihn mit seiner Eitelkeit zu identifizieren, weil19 er sie kennt und vernünftig beurteilt. Varnhagen ist leer, aber man darf ihn mit seiner Hohlheit nicht verwechseln, weil er als Vernünftiger die Möglichkeit hat, die Hohlheit in Bildungsfähigkeit,20 in Unparteiischkeit umzuwandeln. »Lieber August! (Ich schmeichele Dir jetzt!) ...21 weil kein mir Bekannter auf der Erde ein so richtiges Urteil, eine so gründliche Meinung über die Art und den Umfang seines ganzen Seins hat als Du:22 ja, Du bist das, was Du am unparteiischsten und besten beurteilst: und daher bist Du auch der bildungsfähigste, wenn ich nicht sagen soll der gebildetste23 Mensch. ...24 Wir sind auch gebildet; wir müssen uns bilden wie das Wasser stürzen; solches Bilden ist Glück ...26 Deines ist ein edler Aktus des ganzen moralischen Daseins, es ist nicht allein die Moral Deiner Natur, sondern eine von allen Vernunftwesen zu fordernde und wird von Dir und28 von Deiner Natur unaufgefordert geleistet.«
Varnhagens Einsicht rettet nicht nur in einer bestimmten Krise ihre Beziehung,1 sie wird schlechthin die Grundlage für ihre jahrelange Freundschaft und Ehe. Rahel beginnt, ihn zu erziehen, liebt ihn wie einen »Sohn«, vierzehn Jahre jünger ist er4 als sie. Sie sieht an ihm5, dass6 nicht nur das, was einem geschieht, den Menschen auszeichnet; dass7 der Mensch nicht nur sein Glück oder sein Unglück ist. Dass8 der, dem nichts geschieht, der angewiesen bleibt auf sich selbst, nicht nur das Material seiner Natur zu bleiben braucht9. Dass10 nicht nur das Geschehen herauslöst aus der |185 Isoliertheit des einfachen Daseins11; dass12 die Vernunft und die Möglichkeit, an sie zu appellieren, noch dem Unedelsten die Menschenwürde gibt. Dass14 der Vernünftige von vornherein mehr ist als die zufällige Anordnung seiner16 Gaben und Eigenschaften. Varnhagen ist eitel, aber man hat schwerlich18 das Recht, ihn mit seiner Eitelkeit zu identifizieren, da19 er sie kennt und vernünftig beurteilt. Varnhagen ist leer, aber man darf ihn mit seiner Hohlheit nicht verwechseln, weil er als Vernünftiger die Möglichkeit hat, die Hohlheit in Bildungsfähigkeit in Unparteiischkeit umzuwandeln. »Lieber August! (Ich schmeichele Dir jetzt!) .. weil kein mir Bekannter auf der Erde ein so richtiges Urteil, eine so gründliche Meinung über die Art und den Umfang seines ganzen Seins hat als Du:22 ja, Du bist das, was Du am unparteiischsten und besten beurteilst: und daher bist Du auch der bildungsfähigste, wenn ich nicht sagen soll der gebildeteste23 Mensch .. Wir sind auch gebildet; wir müssen uns bilden wie das Wasser stürzen; solches Bilden ist Glück .. Deines ist ein edler Aktus des ganzen moralischen Daseins, es ist nicht allein die Moral Deiner Natur, sondern eine von allen Vernunftwesen zu fordernde und wird von Dir und28 von Deiner Natur unaufgefordert geleistet.«
Varnhagens Einsicht rettet nicht nur in einer bestimmten Krise ihre Beziehung,1 sie wird schlechthin die Grundlage für ihre jahrelange Freundschaft und Ehe. Rahel beginnt, ihn zu erziehen, liebt ihn wie einen »Sohn«, vierzehn Jahre jünger ist er4 als sie. Lernt von ihm5, daß6 nicht nur das, was einem geschieht, den Menschen auszeichnet; daß7 der Mensch nicht nur sein Glück oder sein Unglück ist. Daß8 der, dem nichts geschieht, der angewiesen bleibt auf sich selbst, nicht nur das Material seiner Natur zu bleiben braucht9. Daß10 nicht nur das Geschehen herauslöst aus der Isoliertheit des einfachen Daseins11; daß12 die Vernunft und die Möglichkeit, an sie zu appellieren, noch dem Unedelsten die Menschenwürde gibt. Daß auch14 der Vernünftige, nicht nur der, der ein Schicksal hat,15 von vornherein mehr ist als die zufällige Anordnung seiner16 Gaben und Eigenschaften. Varnhagen ist eitel, aber man hat schwerlich18 das Recht, ihn mit seiner Eitelkeit zu identifizieren, da19 er sie kennt und vernünftig beurteilt. Varnhagen ist leer, aber man darf ihn mit seiner Hohlheit nicht verwechseln, weil er als Vernünftiger die Möglichkeit hat, die Hohlheit in Bildungsfähigkeit,20 in Unparteiischkeit umzuwandeln. »Lieber August! (Ich schmeichele Dir jetzt!) ...21 weil kein mir Bekannter auf der Erde ein so richtiges Urteil, eine so gründliche Meinung über die Art und den Umfang seines ganzen Seins hat als Du;22 ja, Du bist das, was Du am unparteiischsten und besten beurteilst: und daher bist Du auch der bildungsfähigste, wenn ich nicht sagen soll der gebildetste23 Mensch ...24 Wir sind auch gebildet; wir müssen uns bilden,25 wie das Wasser stürzen; solches Bilden ist Glück ...26 Deines ist ein edler Aktus des ganzen moralischen Daseins, es ist nicht allein die Moral Deiner Natur, sondern eine von allen Vernunftwesen zu fordernde,27 und wird von Dir,28 von Deiner Natur freigebig,29 unaufgefordert geleistet.«
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Indem sie bei1 ihm lernt, was Vernunft, was Einsicht bedeuten, nimmt sie sich seiner grenzenlosen Bildsamkeit an und versucht, gerade die Einsicht zu einem bestimmten Talent zu machen2, das dem Bettler am Wege in der Welt eine bestimmte Funktion gibt5. »Du hast eine solche Einsicht in Dein Wesen, welche vielleicht noch nie ein Mensch Deiner Art und wie Du Dich schilderst und findest, gehabt hat: Du bist so ehrlich, mit Anlagen es nicht zu sein; dass7 es ein Wunder - nicht moralisch genommen - ist. Dies allein muss8 Dein Talent originalisieren auf eine Weise, wie es vielleicht noch nie geschah und schaffen, wie es noch nie keins gab.«
Indem sie an1 ihm lernt, was Vernunft, was Einsicht bedeuten, nimmt sie sich seiner grenzenlosen Bildsamkeit an und versucht, gerade die Einsicht zu einem bestimmten Talent zu entwickeln2, das dem Bettler am Wege in der Welt eine bestimmte Funktion verleiht5. »Du hast eine solche Einsicht in Dein Wesen, welche vielleicht noch nie ein Mensch Deiner Art und wie Du Dich schilderst und findest, gehabt hat: Du bist so ehrlich, mit Anlagen |186 es nicht zu sein; dass7 es ein Wunder - nicht moralisch genommen - ist. Dies allein muss8 Dein Talent originalisieren auf eine Weise, wie es vielleicht noch nie geschah und schaffen, wie es noch nie keins gab.«
Indem sie an1 ihm lernt, was Vernunft, was Einsicht bedeuten, nimmt sie sich seiner grenzenlosen Bildsamkeit an und versucht, gerade die Einsicht zu einem bestimmten Talent zu entwickeln2, das dem »3Bettler am Wege«4 in der Welt eine bestimmte Funktion verleiht5. »Du hast eine solche Einsicht in Dein Wesen, welche vielleicht noch nie ein Mensch Deiner Art,6 und wie Du Dich schilderst und findest, gehabt hat: Du bist so ehrlich, mit Anlagen es nicht zu sein; daß7 es ein Wunder - nicht moralisch genommen - ist. Dies allein muß8 Dein Talent originalisieren auf eine Weise, wie es vielleicht noch nie geschah und schaffen, wie es noch nie keins gab.«
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380
Sie1 erzieht ihn nicht schlechthin, sie erzieht ihn2 für sich. Wie Varnhagen erst der Unbekannte, der Bettler am Wege war, dem sie gerade deshalb sich hatte in die Hand geben können, dass5 er sie bewahre, -6 so versucht sie jetzt7 ihn verstehen zu lehren. Sie gibt ihm noch einmal ihr Leben, nicht als das unmenschliche Geschehen, aus dem die Wahrheit spricht, sondern als das8 verstehbare Leben9 eines bestimmten Menschen.10 »Freue Dich, wenn Du wirklich etwas von mir hältst und mein Leben und Sein für ein ausserordentliches11 nimmst. Du hast es zu einem menschlichen gestempelt.« Sie sieht ein, dass12 der Unbekannte ein Bekannter werden muss13, sie sieht ein, dass14 unter Menschen ihr Leben nur als ein menschliches, verstehbares bewahrt werden kann. Sie ergreift die ungeheure Chance, dass der15, der von sich aus16 nichts Bestimmtes ist, zugleich die grösste17 Einsicht hat und gibt der Einsicht ihre Bestimmtheit, die Bestimmtheit ihres Lebens. Sie schafft sich damit zugleich aus dem Unbekannten, aus dem20 Bettler am Weg21 den einzig verlässlichen22 Freund, den Menschen, der sie auch in der Zukunft verstehend begleiten soll.
Rahel1 erzieht Varnhagen2 für sich. Wie Varnhagen erst der Unbekannte, der Bettler am Wege war, dem sie gerade deshalb sich hatte in die Hand geben können, dass5 er sie bewahre, -6 so versucht sie jetz,t7 ihn verstehen zu lehren. Sie gibt ihm noch einmal ihr Leben, nicht als das unmenschliche Geschehen, aus dem die Wahrheit spricht, sondern als das8 verstehbare Leben9 eines bestimmten Menschen.10 »Freue Dich, wenn Du wirklich etwas von mir hältst und mein Leben und Sein für ein ausserordentliches11 nimmst. Du hast es zu einem menschlichen gestempelt.« Sie sieht ein, dass12 der Unbekannte ein Bekannter werden muss13, sie sieht ein, dass14 unter Menschen ihr Leben nur als ein menschliches, verstehbares bewahrt werden kann. Sie ergreift die ungeheure Chance, dass einer15, der von sich her16 nichts Bestimmtes ist, zugleich die grösste17 Einsicht hat,18 und sie19 gibt der Einsicht ihre Bestimmtheit, die Bestimmtheit ihres Lebens. Sie schafft sich damit zugleich aus dem Bettler am Wege21 den einzig zuverlässigen22 Freund, den Menschen, der sie auch in der Zukunft verstehend begleiten soll. »So sehr es Deiner Natur möglich war, eine wie meine zu verstehen, verstandest Du sie: durch grossartigstes, geistvollstes Anerkennen, mit einer Einsicht, die ich nicht begreife, da sie nicht aus der Ähnlichkeit der Natur kommt.«23
Rahel1 erzieht Varnhagen2 für sich. Wie Varnhagen erst der Unbekannte, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000163 der »3Bettler am Wege«4 war, dem sie gerade deshalb sich hatte in die Hand geben können, daß5 er sie bewahre, so versucht sie jetzt,7 ihn verstehen zu lehren. Sie gibt ihm noch einmal ihr Leben, nicht als das unmenschliche Geschehen, aus dem die Wahrheit spricht, sondern als die8 verstehbare Lebensgeschichte9 eines bestimmten Menschen:10 »Freue Dich, wenn Du wirklich etwas von mir hältst und mein Leben und Sein für ein außerordentliches11 nimmst. Du hast es zu einem menschlichen gestempelt.« Sie sieht ein, daß12 der Unbekannte ein Bekannter werden muß13, sie sieht ein, daß14 unter Menschen ihr Leben nur als ein menschliches, verstehbares bewahrt werden kann. Sie ergreift die ungeheure Chance, daß einer15, der von sich her16 nichts Bestimmtes ist, zugleich die größte17 Einsicht hat,18 und sie19 gibt der Einsicht ihre Bestimmtheit, die Bestimmtheit ihres Lebens. Sie schafft sich damit zugleich aus dem »20Bettler am Wege«21 den einzig zuverlässigen22 Freund, den Menschen, der sie auch in der Zukunft verstehend begleiten soll. »So sehr es möglich war, Deiner Natur möglich, eine wie meine zu verstehen, verstandst Du sie: durch großartigstes, geistvollstes Anerkennen, mit einer Einsicht, die ich nicht begreife, da sie nicht aus Ähnlichkeiten der Naturen kommt.«23
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381
An den Unbekannten, dem sie ihr Leben überliess1, dass2 er es bewahre, war sie nicht gebunden. Jede persönliche Gebundenheit3 zerstört die reine Erzählung dessen, der gar nicht verstanden, sondern4 nur gehört und tradiert werden will. An Varnhagen, den sie zum Verstehen erzieht, dessen Vernunft sie nutzt zum Kampf gegen seine Eigenschaften, auf dessen Liebe sie hört und sich verlässt5, an den einzigen Freund, der immer für sie da ist, muss6 sie sich binden. Er ist nicht mehr nur der Zuschauer, für dessen »Aug allein das schreckliche Schauspiel (ihres Lebens) da ist«.9 Als er mit ihrer Einwilligung und ihrer erziehenden Hilfe begann, das, was ihm zufällig, gleichsam nur als Leihgabe zugeworfen war, verstehend11 zu erfassen12, wurde er ein Bekannter, wurde er13 ihr Freund, wurde er14 die stärkste, unnachgiebigste Bindung ihres Lebens.15 »Ich fühle mich lebendig angewachsen an die16 Stelle Deines Herzens |169 , mit der Du mich auffassend liebst.« Er nimmt von ihrem Leben, nicht nur von ihrem vergangenen, jede Heimlichkeit, jede Dunkelheit, jedes Verbergen. Vor ihm, dem bleibenden Freund, wird jede Zweideutigkeit zur verstehbaren17 Konsequenz, da er das Ganze kennt und versteht. Ob er sie falsch oder richtig versteht,18 ist dafür kaum noch wichtig19. Dass20 er zu jedem seine klare, wissende, begeisterte Zustimmung gibt, verleiht allem dieselbe klare Durchsichtigkeit. »DU weisst21 alles. Das, das, Varnhagen, ist meine Wonne und,22 meine Liebe zu Dir.«
An den Unbekannten, dem sie ihr Leben überliess1, dass2 er es bewahre, war sie nicht gebunden. Jede persönliche Bindung3 zerstört die reine Erzählung dessen, der gar nicht verstanden, nur |187 gehört und tradiert werden will. An Varnhagen, den sie zum Verstehen erzieht, dessen Vernunft sie nutzt zum Kampf gegen seine Eigenschaften, auf dessen Liebe sie hört und sich verlässt5, an den einzigen Freund, der immer für sie da ist, muss6 sie sich binden. Er ist nicht mehr nur der Zuschauer, für dessen »Aug allein das schreckliche Schauspiel (ihres Lebens) da ist9 Als er mit ihrer Einwilligung und ihrer erziehenden Hilfe begann, das, was ihm zufällig, gleichsam nur als Leihgabe zugeworfen worden10 war, zu verstehen12, wurde er ein Bekannter, ihr Freund, die stärkste, unnachgiebigste Bindung ihres Lebens:15 »Ich fühle mich lebendig angewachsen an die16 Stelle Deines Herzens, mit der Du mich auffassend liebst.« Er nimmt von ihrem Leben, nicht nur von ihrem vergangenen, jede Heimlichkeit, jede Dunkelheit, jedes Verbergen. Vor ihm, dem bleibenden Freund, wird jede Zweideutigkeit zur auslegbaren17 Konsequenz, da er das Ganze kennt und versteht. Ob er sie falsch oder richtig begreift18 ist dafür ganz belanglos19. Dass20 er zu jedem seine klare, wissende, begeisterte Zustimmung gibt, verleiht allem dieselbe klare Durchsichtigkeit. »Du weisst21 alles. Das, das, Varnhagen, ist meine Wonne und meine Liebe zu Dir.«
An den Unbekannten, dem sie ihr Leben überließ1, daß2 er es bewahre, war sie nicht gebunden. Jede persönliche Bindung3 zerstört die reine Erzählung dessen, der gar nicht verstanden, nur gehört und tradiert werden will. An Varnhagen, den sie zum Verstehen erzieht, dessen Vernunft sie nutzt zum Kampf gegen seine Eigenschaften, auf dessen Liebe sie hört und sich verläßt5, an den einzigen Freund, der immer für sie da ist, muß6 sie sich binden. Er ist nicht mehr nur der Zuschauer, für dessen »Aug allein ...7 das schreckliche Schauspiel (ihres Lebens) da«8 ist.9 Als er mit ihrer Einwilligung und ihrer erziehenden Hilfe begann, das, was ihm zufällig, gleichsam nur als Leihgabe zugeworfen worden10 war, zu verstehen12, wurde er ein Bekannter, ihr Freund, die stärkste, unnachgiebigste Bindung ihres Lebens:15 »Ich fühle mich lebendig angewachsen an der16 Stelle Deines Herzens, mit der Du mich auffassend liebst.« Er nimmt von ihrem Leben, nicht nur von ihrem vergangenen, jede Heimlichkeit, jede Dunkelheit, jedes Verbergen. Vor ihm, dem bleibenden Freund, wird jede Zweideutigkeit zur auslegbaren17 Konsequenz, da er das Ganze kennt und versteht. Ob er sie falsch oder richtig begreift,18 ist dafür ganz belanglos19. Daß20 er zu jedem seine klare, wissende, begeisterte Zustimmung gibt, verleiht allem dieselbe klare Durchsichtigkeit. »Du weißt21 alles. Das, das, Varnhagen, ist meine Wonne und meine Liebe zu Dir.«
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382
Je mehr Varnhagen Rahel1 versteht, desto mehr ist sie2 gezwungen, sich3 ihm zu entziehen4. Man kann einen Menschen nur als einen Bestimmten verstehen, mit bestimmten Konturen, einer bestimmten5 Physiognomie. Alles, was diese6 Kontur stört7, muss8 verheimlicht werden, will man das Verständnis nicht sprengen. Und das will Rahel keineswegs9. Sie verheimlicht ihm nicht etwas10 Bestimmtes, nur die unheimliche Unbestimmtheit der Nächte, das verwirrende Zwielicht des Tages und die qualvolle Anstrengung, die es sie kostet, jeden Tag von neuem ihr Desinteressement11 zu überwinden. »Ich kann weder des Morgens noch des Nachmittags den Mut finden, mich vom Lager zu heben, weil ich gar nicht weiss12 wozu. Meinem Herzen fehlt die Lebenslust, der Reiz,13 - es geht nicht.« Sie Sie14 hält sich an Varnhagen wie an den Tag, um doch jede Nacht wieder zurückzufallen in die immer sich wiederholenden eindringlichen und zudringlichen Träume der Nacht.
Je mehr Varnhagen Rahel1 versteht, desto mehr ist sie2 gezwungen ihm zu verschweigen4. Man kann einen Menschen nur als einen Bestimmten verstehen, mit bestimmten Konturen, bestimmter5 Physiognomie. Alles, was die6 Kontur verundeutlicht7, muss8 verheimlicht werden, will man das Verständnis nicht sprengen. Und das will Rahel keinesfalls9. Sie verheimlicht ihm nichts10 Bestimmtes, nur die unheimliche Unbestimmtheit der Nächte, das verwirrende Zwielicht |188 des Tages und die qualvolle Anstrengung, die es sie kostet, jeden Tag von neuem ihr Desinteressement11 zu überwinden. »Ich kann weder des Morgens noch des Nachmittags den Mut finden, mich vom Lager zu heben, weil ich gar nicht weiss12 wozu. Meinem Herzen fehlt die Lebenslust, der Reiz - es geht nicht.« Sie hält sich an Varnhagen wie an den Tag, um doch jede Nacht wieder zurückzufallen in die immer sich wiederholenden eindringlichen und zudringlichen Träume der Nacht.
Je mehr Varnhagen versteht, desto mehr ist Rahel2 gezwungen,3 ihm zu verschweigen4. Man kann einen Menschen nur als einen Bestimmten verstehen, mit bestimmten Konturen, bestimmter5 Physiognomie. Alles, was die6 Kontur undeutlich macht7, muß8 verheimlicht werden, will man das Verständnis nicht sprengen. Und das will Rahel keinesfalls9. Sie verheimlicht ihm nichts10 Bestimmtes, nur die unheimliche Unbestimmtheit der Nächte, das verwirrende Zwielicht des Tages und die qualvolle Anstrengung, die es sie kostet, jeden Tag von neuem die Schwermut11 zu überwinden. »Ich kann weder des Morgens noch des Nachmittags den Mut finden, mich vom Lager zu heben, weil ich gar nicht weiß12 wozu. Meinem Herzen fehlt die Lebenslust, der Reiz - es geht nicht.« Sie hält sich an Varnhagen wie an den Tag, um doch jede Nacht wieder zurückzufallen in die immer sich wiederholenden,15 eindringlichen und zudringlichen Träume der Nacht.
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14. Kapitel Bankrott einer Freundschaft1
Bankrott einer Freundschaft1809-18111
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Unter Varnhagens zahlreichen Bekannten, die er Rahel zuführt, befindet sich auch ein junger, sehr begabter Student, der bei Wolf Altertumswissenschaften studiert; er heißt Alexander von der Marwitz und ist der jüngere Bruder jenes märkischen Junkers, der Hardenbergs Reformen am schärfsten und intelligentesten bekämpfte und dessen Idee vom Adel und seiner Erneuerung eines der interessantesten Dokumente dieses Standes überhaupt ist. Als Rahel ihn 1809 kennenlernt, ist er zweiundzwanzig Jahre alt.
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Unter Varnhagens zahlreichen Bekannten, die er Rahel zuführt, befindet sich auch ein junger, sehr begabter Student, der bei Wolff Altertumswissenschaften studiert; er heisst1 Alexander von der Marwitz und ist der jüngere Bruder jenes märkischen Junkers, der Hardenbergs Reformen am schärfsten und intelligentesten bekämpfte und dessen Idee vom Adel und seiner Erneuerung eines der interessantesten Dokumente dieses Standes überhaupt ist. Alexander2 hat wenig mit seinem Bruder gemein. Er interessiert sich nicht für die Interessen der Junker, er will keine Reformen des Adels. Aber er ist auch kein Renegat, kein Bürgerlicher; auch ihm scheinen Hardenbergs Reformen und Gesetze nichts als »ein Gewebe von modern eleganter Dummheit, Unwissenheit, Lügenhaftigkeit und Schwäche5 Er hat ein leidenschaftliches Interesse für alles Geschichtliche, aber die gegenwärtige Geschichte hat keinen Platz für ihn. Er steht ausserhalb6 der öffentlichen Welt und ist doch zu verknüpft mit ihr, zu eingewoben in sie durch Tradition, durch eine geschichtlich legitimierte Position, um als Privatmann existieren zu können. Er bildet sich an den Griechen aus leidenschaftlicher Liebe für »ein ganzes nach allen Richtungen hin vollständig gebildetes Leben«. Die Klassik soll ihm die Erlösung vor der Barbarei der Geschichte, die Befreiung von der blossen7 Privatheit eines Lebens bringen, das sich nach keiner Richtung hin auswirken, öffentlich machen kann, das nirgends Anerkennung findet - trotz allem Beifall, den alle Welt |190 dem jungen schönen und begabten Adligen zollt. »Marwitz hat ein ausserordentliches9 Talent zum Herrschen, aber keines die Herrschaft zu erwerben, und ich weiss10 nicht, wie er den Thron besteigen soll, da das Geschick ihn nicht dort hat geboren werden lassen.« (Varnhagen)11
Alexander hat wenig mit seinem Bruder gemein. Er interessiert sich nicht für die Interessen der Junker, er will keine »3Reformen des Adels«4. Aber er ist auch kein Renegat, kein Bürgerlicher; auch ihm scheinen Hardenbergs Reformen und Gesetze nichts als »ein Gewebe von modern eleganter Dummheit, Unwissenheit, Lügenhaftigkeit und Schwäche«.5 Er hat ein leidenschaftliches Interesse für alles Geschichtliche, aber die gegenwärtige Geschichte hat keinen Platz für ihn. Er steht außerhalb6 der öffentlichen Welt und ist doch zu verknüpft mit ihr, zu eingewoben in sie durch Tradition, durch eine geschichtlich legitimierte Position, um als Privatmann existieren zu können. Er bildet sich an den Griechen aus leidenschaftlicher Liebe für »ein ganzes nach allen Richtungen hin vollständig gebildetes Leben«. Die Klassik soll ihm die Erlösung vor der Barbarei der Geschichte, die Befreiung von der bloßen7 Privatheit eines Lebens bringen, das sich nach keiner Richtung hin auswirken, öffentlich machen kann, das nirgends Anerkennung findet - trotz allem Beifall, den alle Welt dem jungen,8 schönen und begabten Adligen zollt. »Marwitz hat ein außerordentliches9 Talent zum Herrschen, aber keines die Herrschaft zu erwerben, und ich weiß10 nicht, wie er den Thron besteigen soll, da das Geschick ihn nicht dort hat geboren werden lassen.«
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Wenn es ihm gelänge sich zu fügen, auf alles Ausserordentliche2 zu verzichten, wenn er auf das Allernächste achten lernte,3 und den schönen Schwung, die echte Leidenschaftlichkeit seiner Existenz hemmte, dann vielleicht würde er eines Tages auch damit noch zufrieden sein, »alles Menschliche und Geschichtliche verstehen zu lernen und verstehend daran zu arbeiten« (Marwitz). Aber vorläufig scheint ihm dies zu wenig, und er fühlt sich ausgeliefert der leeren Zeit, die nirgends für ihn eine Bedeutung, nirgends für ihn eine Verwendung hat - ausgeliefert der Langenweile4. »Les ennuis me consument, ma chère amie, ich lebe zu schlecht, zu einsam, zu mechanisch, ohne eine B-eziehung5, ohne eine6 Aussicht; und gegen den matten Tod, der rings auf mich eindringt, hält sich die innere Kraft kaum aufrecht.« Die Welt, zu der er gehört, für die er durch seine Geburt mit verantwortlich ist, kann er nicht einfach verlassen, kann nicht durch seine kleine zufällige Existenz zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Jahrhunderte seiner Vorväter auslöschen, die Politik, Welt und Geschichte gemacht haben. Aber all das wozu er gehört, tritt ihm nur noch als Langeweile, als Ekel entgegen. Was ihm sein Leben zu stehlen droht, ist noch nicht einmal der Widerwille gegen bestimmte Einrichtungen, nicht einmal der »Ekel vor der Gegenwart« (Marwitz), als vielmehr vor der gesamten menschlichen Welt, die immer irgendwie »gemein« sei. Vor der Gemeinheit hat er Furcht, hütet sich vor jeder Berührung |191 , bleibt in seiner Beziehungslosigkeit - und fühlt am Ende, dass10 er an seiner »zitternden Leidenschaftlichkeit« zugrunde gehen wird. Er ist zu jung für seine Weltverachtung, er hat noch gar keine schlechten Erfahrungen mit den Menschen gemacht - Erfahrungen, die ihm zwar nicht den Ekel hätten ersticken, wohl aber ihn hätten Besonnenheit11 lehren können. So reagiert er stets mit einer unangemessenen Unmittelbarkeit, mit Wut, mit einem jedesmaligen Einsatz der gesamten Existenz, der einfach12 lächerlich wirkt. »Ich kann die Berührung des Gemeinen nicht dulden; aber (und das ist der faule Fleck in mir) ich kann es auch nicht verwehren, wo ich soll, und ich kann es nicht mit Besonnenheit abwehren, sondern nur mit Wut«.13 So hat er einmal fast14 aus »15Versehen« einen Gastwirt, der unverschämt zu ihm wurde, erstochen; diese Geschichte hat ihn dann ein gut Teil seiner Karriere gekostet. Was aber schlimmer ist: er weiss16, er kann die Welt nicht ertragen; er weiss17, er ist abgesondert, er kann nicht leben. Er kann sich auch nicht das Leben nehmen; er hat eine Scheu zu zerstören, was er nicht selbst gemacht hat: »Untergehen kann ich, aber mir zum Ekel, anderen zur Last leben oder auf eine unanständige, gemeingrausame Art endigen, das kann ich nicht .. Ich habe in dieser Zeit oft19 an Selbstmord gedacht, und immer ist es mir vorgekommen wie eine verruchte Roheit, das heilige Gefäss21 so blutig, so überlegt zu zerstören.«
Wenn es ihm gelänge,1 sich zu fügen, auf alles Außerordentliche2 zu |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000166 verzichten, wenn er auf das Allernächste achten lernte und den schönen Schwung, die echte Leidenschaftlichkeit seiner Existenz hemmte, dann vielleicht würde er eines Tages auch damit noch zufrieden sein, »alles Menschliche und Geschichtliche verstehen zu lernen und verstehend daran zu arbeiten« (Marwitz). Aber vorläufig scheint ihm dies zu wenig, und er fühlt sich ausgeliefert der leeren Zeit, die nirgends für ihn eine Bedeutung, nirgends für ihn eine Verwendung hat - ausgeliefert der Langeweile4. »Les ennuis me consument, ma chère amie, ich lebe zu schlecht, zu einsam, zu mechanisch, ohne irgend eine Beziehung5, ohne Aussicht; und gegen den matten Tod, der rings auf mich eindringt, hält sich die innere Kraft kaum aufrecht.« Die Welt, zu der er gehört, für die er durch seine Geburt mit verantwortlich ist, kann er nicht einfach verlassen, kann nicht durch seine kleine zufällige Existenz zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Jahrhunderte seiner Vorväter auslöschen, die Politik, Welt und Geschichte gemacht haben. Aber all das,7 wozu er gehört, tritt ihm nur noch als Langeweile, als Ekel entgegen. Was ihm sein Leben zu stehlen droht, ist noch nicht einmal der Widerwille gegen bestimmte Einrichtungen, nicht einmal der »Ekel <8vor>9 der Gegenwart« (Marwitz), als vielmehr vor der gesamten menschlichen Welt, die immer irgendwie »gemein« sei. Vor der Gemeinheit hat er Furcht, hütet sich vor jeder Berührung, bleibt in seiner Beziehungslosigkeit - und fühlt am Ende, daß10 er an seiner »zitternden Leidenschaftlichkeit« zugrundegehen wird. Er ist zu jung für seine Weltverachtung, er hat noch gar keine schlechten Erfahrungen mit den Menschen gemacht - Erfahrungen, die ihm zwar nicht den Ekel hätten ersticken, wohl aber ihn Besonnenheit hätten11 lehren können. So reagiert er stets mit einer unangemessenen Unmittelbarkeit, mit Wut, mit einem jedesmaligen Einsatz der gesamten Existenz, der oft12 lächerlich wirkt. »Ich kann die Berührung des Gemeinen nicht dulden; aber (und das ist der faule Fleck in mir) ich kann es auch nicht verwehren, wo ich soll, und ich kann es nicht mit Besonnenheit abwehren, sondern nur mit Wut13 So hat er einmal »14aus Versehen« einen Gastwirt, der unverschämt zu ihm wurde, erstochen; diese Geschichte hat ihn dann ein gut Teil seiner Karriere gekostet. Was aber schlimmer ist: er weiß16, er kann die Welt nicht ertragen; er weiß17, er ist abgesondert, er kann nicht leben. Er kann sich auch nicht das Leben nehmen; er hat eine Scheu zu zerstören, was er nicht selbst gemacht hat: »Untergehen kann ich, aber mir zum Ekel, anderen zur Last leben oder auf eine unanständige, gemeingrausame Art endigen, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000167 das kann ich nicht ...18 Ich habe in dieser Zeit zuweilen19 an den20 Selbstmord gedacht, und immer ist es mir vorgekommen wie eine verruchte Roheit, das heilige Gefäß21 so blutig, so überlegt zu zerstören.«
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Rahel hört seinen Klagen zu, als wären es ihre eigenen. Sie antwortet mit allem, was sie weiss1; jede Erfahrung möchte sie mobilisieren, um ihm zu helfen: dass2 es ihm »glücklicher gehen soll als mir«. Denn »Sie sind der Erste3, den ich nie wieder |192 sehen, wieder hören noch besitzen will, wenn es Ihnen nur gut geht, wenn IHRE4 Natur mit ihren Bedürfnissen sich deployieren darf«. Sie tröstet ihn: »Sie scheinen zu schwanken und eine ausgesogene Welt ist, die farb- und marklos um Sie her wogt.« Sie rät ihm die gute Alltäglichkeit: »Leben, lieben, studieren, fleissig8 sein, heiraten,9 wenn’s so kommt, jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand.« Sie hat recht, und er dankt es ihr. Er ist ja bereit zu resignieren - »fernab sind mir längst alle Träume von Heldengrösse10 und äussere11 Bedeutsamkeit gezogen.« Was wirklich13 aus ihm geworden wäre, ob er gelernt hätte, mit der Welt zu paktieren, ob er nicht am Ekel zugrunde gegangen wäre - er14 zieht in die Befreiungskriege und übertäubt so wenigstens für die letzten Monate seine Langeweile in der allgemeinen Begeisterung; 1814 fällt er in einer kleinen Plänkelei - viel zu jung noch, als dass15 mehr von ihm hätte bleiben können als einige Briefe und das Gedächtnis der Zeitgenossen.
Rahel hört seinen Klagen zu, als wären es ihre eigenen. Sie antwortet mit allem, was sie weiß1; jede Erfahrung möchte sie mobilisieren, um ihm zu helfen: daß2 es ihm »glücklicher gehen soll als mir«. Denn »Sie sind der erste3, den ich nie wieder sehen, wieder hören noch besitzen will, wenn es Ihnen nur gut geht, wenn Ihre4 Natur mit ihren Bedürfnissen sich nur5 deployieren darf«. Sie tröstet ihn: »Sie scheinen zu schwanken,6 und eine ausgesogene Welt ist es7, die farb- und marklos um Sie her wogt.« Sie rät ihm die gute Alltäglichkeit: »Leben, lieben, studieren, fleißig8 sein, heiraten;9 wenn’s so kommt, jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand.« Sie hat recht, und er dankt es ihr. Er ist ja bereit zu resignieren - »fernab sind mir längst alle Träume von Heldengröße10 und äußerer11 Bedeutsamkeit gezogen«12. Ob wirklich etwas13 aus ihm geworden wäre, ob er gelernt hätte, mit der Welt zu paktieren, ob er nicht am Ekel zugrundegegangen wäre, wer kann es sagen? Er14 zieht in die Befreiungskriege und übertäubt so wenigstens für die letzten Monate seine Langeweile in der allgemeinen Begeisterung; 1814 fällt er in einer kleinen Plänkelei - viel zu jung noch, als daß15 mehr von ihm hätte bleiben können als einige Briefe und das Gedächtnis der Zeitgenossen.
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Die Freundschaft zwischen Rahel und Marwitz mutet an wie ein Bündnis gegen alle Anderen1. Es geht in ihr nicht um Liebe, und doch ist sie von einer Ausschliesslichkeit2, die nichts neben sich dulden will. Marwitz ist der Einzige, dem es für eine kurze Zeit gelungen ist, Rahel ihre Wahllosigkeit abzugewöhnen. Sein Ekel vor den Menschen, sein kl arer, böser Blick für ihre Nichtswürdigkeit hat so viel Überzeugendes, dass3 auch sie beginnt, Menschen nach Qualitäten zu scheiden. Dass4 sie Marwitz zum Bundesgenossen hat, verpflichtet sie zur Exklusivität. Sie kannte immer - zum Beispiel - die Geschmacklosigkeit der Herz oder die Unsinnigkeit6 |193 der Friedländer, die Qualitäten Bokelmanns oder die grosse7 Begabung von Gentz; auf ihre Beziehung hatte das wenig Einfluss8. Marwitz ist der Erste9, dem sie sich zur Freundschaft verpflichtet fühlt - nur auf Grund seiner Eigenschaften.
Die Freundschaft zwischen Rahel und Marwitz mutet an wie ein Bündnis gegen alle anderen1. Es geht in ihr nicht um Liebe, und doch ist sie von einer Ausschließlichkeit2, die nichts neben sich dulden will. Marwitz ist der Einzige, dem es für eine kurze Zeit gelungen ist, Rahel ihre Wahllosigkeit abzugewöhnen. Sein Ekel vor den Menschen, sein klarer, böser Blick für ihre Nichtswürdigkeit hat so viel Überzeugendes, daß3 auch sie beginnt, Menschen nach Qualitäten zu scheiden. Daß4 sie Marwitz zum Bundesgenossen hat, verpflichtet sie zur Exklusivität. Sie kannte immer - zum Beispiel - die Geschmacklosigkeit der Henriette5 Herz oder die Torheit6 der Friedländer, die Qualitäten Bokelmanns oder die große7 Begabung von Gentz; auf ihre Beziehung hatte das wenig Einfluß8. Marwitz ist der erste9, dem sie sich zur Freundschaft verpflichtet fühlt - nur auf Grund seiner Eigenschaften.
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Zum ersten Male1 hält sie eine Solidarität ohne die Verpflichtung des gleichen Schicksals, nur aus bestimmter und evidenter Einsicht von Gleichrangigkeit. »Marwitz war der letzte, den ich über mich stellte; mit Tränen hat ers gebüsst2, und steinern fand mich dieser Engel, der aber nicht mehr war als ich«, schreibt sie noch Jahre nach seinem Tod. Er findet sie »steinern« und - bereit sein Leben mitzuleben. So sehr erscheinen ihr Rang und Schicksal eines Menschen identisch, dass4 sie anders gar nicht ihrer Solidarität, ihrer Freundschaft Ausdruck zu geben wüsste5. Zeugnis abzulegen, wie so oft schon, wie in allen ihren Freundschaften, genügt ihr nicht mehr. »Halten Sie kein Wort, keinen Unmut, keine Stimmung zurück, beehren Sie mich damit, ich will Ihr Leben wie meines ertragen, doppelt leben ist ja schön; sowie es dem Menschen möglich ist, will ich es gerne annehmen, dahinnehmen.« Sie hat Angst um ihn wie um sich; er soll glücklich werden, will sie, wünscht sie mit einer fast eigensinnigen Intensität. »Mit meinem Blut, mit meinem Leben, mit dem Glück, das6 unergründliche Gottheiten mir noch schicken können, möchte7 ich seins8 ergänzen.« Sein Glück wäre wie die Kompensation, der gerechte Ausgleich für ihr Unglück. »Ich tröste mich - wie man sich an einem Kinde etwa trösten kann - eine ähnliche Natur in ihrem besten Vermögen, in ihren geheimsten, feinsten Nuancen auf der Erde zu wissen, der es glücklicher gehen soll als mir. .. Ich kenne |194 durchschaue und empfinde Sie so, dass10 mein Glück und Ihr Glück einen Strom geht!« Sein Glück könnte sie nicht mehr glücklicher machen, höchstens zufriedener, ausgesöhnter mit der Welt. »Nicht Sie, nicht ich, nicht die Götter ohne Wunder können mein Schicksal erneuen; dies muss11 ich ausspielen. Die Blume ist zerdrückt auf dieser Pflanze, dies vergessen Sie nicht! Ihr Laub macht Illusion.« Nur in aller Allgemeinheit und persönlicher12 Uninteressiertheit kann sein Glück das Ihre werden - in der teilnehmenden Uninteressiertheit des alten Menschen, der weiss13, dass14 die Endlichkeit dieses einen Lebens, das allein uns zusteht, schon bis an seine äussersten15 Grenzen abgeschritten ist16; in der Allgemeinheit, in der allein das Leben verständlich wird, wenn man endlich weiss17: so ist das Leben.
Zum erstenmal1 hält sie eine Solidarität ohne die Verpflichtung des gleichen Schicksals, nur aus bestimmter und evidenter Einsicht von Gleichrangigkeit. »Marwitz war der letzte, den ich über mich stellte; |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000168 mit Tränen hat er’s gebüßt2, und steinern fand mich dieser Engel, der aber nicht mehr war als ich«, schreibt sie noch Jahre nach seinem Tod. Er findet sie »steinern« und - bereit,3 sein Leben mitzuleben. So sehr erscheinen ihr Rang und Schicksal eines Menschen identisch, daß4 sie anders gar nicht ihrer Solidarität, ihrer Freundschaft Ausdruck zu geben wüßte5. Zeugnis abzulegen, wie so oft schon, wie in allen ihren Freundschaften, genügt ihr nicht mehr. »Halten Sie kein Wort, keinen Unmut, keine Stimmung zurück, beehren Sie mich damit, ich will Ihr Leben wie meines ertragen, doppelt leben ist ja schön; sowie es dem Menschen möglich ist, will ich es gerne annehmen, dahinnehmen.« Sie hat Angst um ihn wie um sich; er soll glücklich werden, will sie, wünscht sie mit einer fast eigensinnigen Intensität. »Mit meinem Blut, mit meinem Leben, mit dem Glück, was6 unergründliche Gottheiten mir noch schicken können, möcht’7 ich seines8 ergänzen.« Sein Glück wäre wie die Kompensation, der gerechte Ausgleich für ihr Unglück. »Ich tröste mich - wie man sich an einem Kinde etwa trösten kann - eine ähnliche Natur in ihrem besten Vermögen, in ihren geheimsten, feinsten Nuancen auf der Erde zu wissen, der es glücklicher gehen soll als mir ... Ich kenne,9 durchschaue und empfinde Sie so, daß10 mein Glück und Ihr Glück einen Strom geht!« Sein Glück könnte sie nicht mehr glücklicher machen, höchstens zufriedener, ausgesöhnter mit der Welt. »Nicht Sie, nicht ich, nicht die Götter ohne Wunder können mein Schicksal erneuen; dies muß11 ich ausspielen. Die Blume ist zerdrückt auf dieser Pflanze, dies vergessen Sie nicht! Ihr Laub macht Illusion.« Nur in aller Allgemeinheit und persönlichen12 Uninteressiertheit kann sein Glück das Ihre werden - in der teilnehmenden Uninteressiertheit der so viel Älteren13, welche14 die Endlichkeit dieses einen Lebens, das allein uns zusteht, schon bis an seine äußersten15 Grenzen abgeschritten hat16; in der Allgemeinheit, in der allein das Leben verständlich wird, wenn man endlich weiß17: so ist das Leben.
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Im selben Masse1 in dem sie sein Leben zu dem ihren macht, wird sie »2abgelenkt ..3 von aller Beschauung und Befühlung (4ihrer)5 eigenen Gefühle .. auf (6sein)7 Sein«, im selben Masse will8 ihr »Herz«, das immer verstrickt war in sich selbst, immer nur durch sich selbst zum Allgemeinen fand, sachlich »ausser10 sich« sein. Marwitz ist der erste und letzte, der für sie mehr bedeutet,11 als die Rolle, die er in ihrem Leben spielt. Er ist der Freund dessen »Gegenwart ihr wie das Auge der Welt geworden«, durch den sie zum ersten Male die Welt unabhängig von ihrer eigenen Verstricktheit und ihrem Ausgestossensein13 erblickt. Noch an seinem Ekel, noch an seiner Verachtung kann sie die Ränge und Niveauunterschiede einer fremden Ordnung begreifen lernen. Denn bei allem Ekel, bei allem Entferntsein von der Gesellschaft durch Langeweile: Marwitz gehört in diese Welt und ihre Ordnungen, und selbst sein |195 Ekel hat noch von ihr her eine Legitimation. Er braucht sich nicht wie Rahel vor »Jahrtausenden der Dummheit zu legitimisieren14«; er kann die Dummheit sehen, so wie sie ist, und sie verachten. Er zeigt ihr seine15 Verachtung, zeigt ihr16 die Nichtswürdigkeit der so ersehnten höheren Kreise. »Seien Sie versichert«, schreibt sie, »wenn ich heute zu Stand oder zu17 Vermögen oder nur passageren Einfluss18 käme, ich alle en canaille behandeln« würde. Marwitz, der Stand, Vermögen und Einfluss19 hat, lehrt sie durch seine Verzweiflung, dass20 das alles nichts wert ist. Er löst sie aus der Angewiesenheit auf die Welt, indem er ihr legitim die Welt verkörpert, er und seine Verachtung.
Im selben Maße,1 in dem sie sein Leben zu dem ihren macht, wird sie abgelenkt »3von aller Beschauung und Befühlung ihrer eigenen Gefühle ... auf6 sein Sein«, im selben Maße lernt8 ihr »Herz«, das immer verstrickt war in sich selbst, immer nur durch sich selbst zum Allgemeinen fand, sachlich zu sein,9 »außer10 sich« sein. Marwitz ist der erste und letzte, der für sie mehr bedeutet als die Rolle, die er in ihrem Leben spielt. Er ist der Freund,12 dessen »Gegenwart ihr wie das Auge der Welt geworden«, durch den sie zum ersten Male die Welt unabhängig von ihrer eigenen Verstricktheit und ihrem Ausgestoßensein13 erblickt. Noch |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000169 an seinem Ekel, noch an seiner Verachtung kann sie die Ränge und Niveauunterschiede einer fremden Ordnung begreifen lernen. Denn bei allem Ekel, bei allem Entferntsein von der Gesellschaft durch Langeweile: Marwitz gehört in diese Welt und ihre Ordnungen, und selbst sein Ekel hat noch von ihr her eine Legitimation. Er braucht sich nicht wie Rahel vor »Jahrtausenden der Dummheit zu legitimieren14«; er kann die Dummheit sehen, so wie sie ist, und sie verachten. Er lehrt sie diese15 Verachtung, lehrt sie16 die Nichtswürdigkeit der so ersehnten höheren Kreise. »Seien Sie versichert«, schreibt sie, »wenn ich heute zu Stand oder Vermögen oder nur passageren Einfluß18 käme, ich alle en canaille behandeln« würde. Marwitz, der Stand, Vermögen und Einfluß19 hat, lehrt sie durch seine Verzweiflung, daß20 das alles nichts wert ist. Er löst sie aus der Angewiesenheit auf die Welt, indem er ihr legitim die Welt verkörpert, er und seine Verachtung.
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Durch die legitime Verachtung beweist1 der Adlige und konservativ2 Geschichtsgläubige der aufgeklärten3 Jüdin, dass4 Wirklichkeit nicht nur der Zufall ist, der auf den Menschen auftrifft, sondern, dass5 die Gesellschaft, der sie nicht zugehört und die ihn anekelt, eine andere Wirklichkeit kennt, die des von lange her Gewordenen, des seit jeher Anerkannten, des durch Geschlechter immer wieder Betätigten. Er lehrt sie, dass6 es Fäden aus dem Bekannten ins immer Unbekanntere, aus dem Nahen ins Ferne, aus dem Gegenwärtigen ins Vergangene gibt; dass7 man die geschichtliche Wirklichkeit nur an dieser immer feiner, immer unsichtbarer werdenden Kettung und Verankerung begreift. Aber er macht8 sie nur mit den9 Lehren einer untergehenden Welt bekannt10, die ihr klar wird an seinen Klagen über das »Beziehungslose und Wüste« der Gegenwart, über den Mangel an Kontinuität und Zusammenhalt. Sie lernt etwas kennen, was sie schliesslich11 weder billigen noch für sich ausnutzen kann. Denn der geistige Untergang dieser Welt in der |196 Aufklärung war die Bedingung dafür, dass12 sie überhaupt zusammenkamen, dass13 es Rahel gleichsam überhaupt gibt, dass14 der Junker und die Jüdin einen so absonderlichen Freundschaftsbund gegen die Welt schliessen15.
Durch die legitime Verachtung lehrt1 der Adlige und konservative2 Geschichtsgläubige die aufgeklärte3 Jüdin, daß4 Wirklichkeit nicht nur der Zufall ist, der auf den Menschen auftrifft, sondern, daß5 die Gesellschaft, der sie nicht zugehört und die ihn anekelt, eine andere Wirklichkeit kennt, die des von lange her Gewordenen, des seit jeher Anerkannten, des durch Geschlechter immer wieder Betätigten. Er lehrt sie, daß6 es Fäden aus dem Bekannten ins immer Unbekanntere, aus dem Nahen ins Ferne, aus dem Gegenwärtigen ins Vergangene gibt; daß7 man die geschichtliche Wirklichkeit nur an dieser immer feiner, immer unsichtbarer werdenden Kettung und Verankerung begreift. Aber er lehrt8 sie nur die9 Lehren einer untergehenden Welt, die ihr klar wird an seinen Klagen über das »Beziehungslose und Wüste« der Gegenwart, über den Mangel an Kontinuität und Zusammenhalt. Sie lernt etwas kennen, was sie schließlich11 weder billigen noch für sich ausnutzen kann. Denn der geistige Untergang dieser Welt in der Aufklärung war die Bedingung dafür, daß12 sie überhaupt zusammenkamen, daß13 es Rahel gleichsam überhaupt gibt, daß14 der Junker und die Jüdin einen so absonderlichen Freundschaftsbund gegen die Welt schließen15.
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Ganz gelingt es ihm nie, sie zu sich herüberzuziehen, sie gegen das »Wüste und Beziehungslose« ihrer Umgebung, gegen »Leute ohne richtigen Sinn für menschliche Verhältnisse« rebellisch zu machen. Er weiss1 nicht - und sie selbst gibt sich darüber keine Rechenschaft - dass2 er es nur scheinbar mit ihr als Einzelner zu tun hat, dass3 sie weder der erste noch der letzte Jude ist, der sich assimilieren, in die Wirklichkeit des fremden Landes hineinkommen will. Vielleicht könnte es gelingen, einen Einzelfall umzuändern, ihn mitzunehmen - noch dazu in eine so brüchige, so rissige Welt; es hat mehr als genug solcher Einzelfälle gegeben. Aber Rahel bei aller Vereinzelung, bei aller Atomisierung4, sträubt sich hier, wie sie sich bei Finckenstein, wie sie sich bei Gentz gesträubt hatte,5 sträubt sich gegen eine Gesellschaft und ein Weltverständnis dessen Grundlagen ihr immer feindlich sein müssen -7 nicht einmal8 ihr persönlich -9 aber ihr als Jüdin, die ihr nie das Primitivste, Wenigste und Wichtigste von sich aus zugestanden hätte: gleiche Menschenrechte.
Ganz gelingt es ihm nie, sie zu sich herüberzuziehen, sie gegen das »Wüste und Beziehungslose« ihrer Umgebung, gegen »Leute ohne richtigen Sinn für menschliche Verhältnisse« rebellisch zu machen. Er weiß1 nicht - und sie selbst gibt sich darüber keine Rechenschaft -, daß2 er es nur scheinbar mit ihr als Einzelner zu tun hat, daß3 sie weder der erste noch der letzte Jude ist, der sich assimilieren, in die Wirklichkeit des |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000170 fremden Landes hineinkommen will. Vielleicht könnte es gelingen, einen Einzelfall umzuändern, ihn mitzunehmen - noch dazu in eine so brüchige, so rissige Welt; es hat mehr als genug solcher Einzelfälle gegeben. Aber Rahel bei aller Vereinzelung, bei aller Isolierung4, sträubt sich hier, wie sie sich bei Finckenstein, wie sie sich bei Gentz gesträubt hatte:5 sträubt sich gegen eine Gesellschaft und ein Weltverständnis,6 dessen Grundlagen ihr immer feindlich sein müssen,7 nicht ihr persönlich,9 aber ihr als Jüdin, gegen eine Gesellschaft,10 die ihr nie das Primitivste, Wenigste und Wichtigste von sich aus zugestanden hätte: gleiche Menschenrechte.
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Der Kampf der Bundesgenossen gegeneinander ist heimlich, nicht direkt, gebraucht den Umweg über Rahels Freundschaft mit Varnhagen. Varnhagen ist in diesem Zusammenhang nicht der »Bettler am Wege«, sondern der Aufgeklärte, Liberale, Bürgerliche, mit dem immer wachen Misstrauen1 gegen alle Privilegien, gegen den Adel als Stand und sein2 Vorrecht der Geburt. Marwitz schreibt: |197 Varnhagen »erscheint mir, ungeachtet aller äusseren3 Bildung, innerlich höchst gemein, kleinlich in der Ansicht und gering die Energie seines Wollens, der inneren Tat, in der sein Leben gewurzelt hat4. Und dabei ist diese Gemeinheit so widerwärtig, so ärgerlich. Mein frühestes Urteil über ihn, als ich ihn vor drei Jahren in Halle sah, war ebendies6; ich hasste7 die Dürftigkeit dieser Natur, die durch Gewandtheit und allerlei kleine Künste sich auf eine viel höhere Stufe gestellt hatte, als die ihr gebührte. .. Ich weiss9 wohl, er hat Sinn, aber immer nur Sinn für Miniaturen, für ein Blatt, nicht für eine Landschaft, für ein gelegtes Haar, nicht für ein Gesicht, für ein geschicktes und kluges Wort, nicht für die inneren Tiefen einer göttlichen Natur. Das Kolossale sieht er nirgend, und Sie wissen, liebe Rahel, das ist doch das einzig Reelle. Aber er ist Ihr Freund, wie ist das? .. Sehen Sie ihn anders als ich, habe ich Unrecht? Ist er edel, denn darauf kommt am Ende doch alles an? nein11, er ist es nicht.« Sicher ist Varnhagen nicht edel, fraglich nur, ob für Rahel wirklich »alles darauf ankommt«. Jedenfalls verteidigt sie den Freund mit keinem Wort, lässt12 Marwitz seine Antipathie, ja teilt sie oft so weitgehend, dass13 Marwitz anfragen darf: »Muss14 ich Ihnen helfen, von Varnhagen loszukommen?« Dabei endet alles mit dem Siege Varnhagens. Die ersten Angriffe finden sie zögernd, oft bereit, Varnhagen fallen zu lassen; später, als sie sich schon für ihn entschieden hat, zögert sie noch lange, es einzugestehen, und rückt erst gegen Ende damit15 heraus: »Varnhagen ist also mein Freund, der mich am meisten liebt, für dessen ganze Lebenseinricht ung ich Bedingung bin; und es |198 ist nicht genug, dass16 ich ihn ganz kenne und fühle, nehme und ertrage; ich muss17 nun, Wog’ auf Wog’ unter Klippen an mit ihm durch.« Sie muss18 zu ihm halten, bei ihm bleiben, nicht nur weil er sie am meisten liebt, sondern weil seine Welt - die Welt eines eitlen, mediokren Menschen20, des Bettlers am Wege21 - immerhin die Welt der Aufklärung ist, in der sie eher beheimatet ist als in der noch so glänzend und »edel« repräsentierten des preussischen22 Junkers.
Der Kampf der Bundesgenossen gegeneinander ist heimlich, nicht direkt, gebraucht den Umweg über Rahels Freundschaft mit Varnhagen. Varnhagen ist in diesem Zusammenhang nicht der »Bettler am Wege«, sondern der Aufgeklärte, Liberale, Bürgerliche, mit dem immer wachen Mißtrauen1 gegen alle Privilegien, gegen den Adel als Stand und das2 Vorrecht der Geburt. Marwitz schreibt: Varnhagen »erscheint mir, ungeachtet aller äußeren3 Bildung, innerlich höchst gemein, kleinlich in der Ansicht und gering die Energie seines Wollens, der inneren Tat, in der sein Leben gewurzelt ist4. Und dabei ist diese Gemeinheit so widerwärtig, so ärgerlich. Mein frühestes Urteil über ihn, als ich ihn zuerst5 vor drei Jahren in Halle sah, war eben dieses6; ich haßte7 die Dürftigkeit dieser Natur, die durch Gewandtheit und allerlei kleine Künste sich auf eine viel höhere Stufe gestellt hatte, als die ihr gebührte. ...8 Ich weiß es9 wohl, er hat Sinn, aber immer nur Sinn für Miniaturen, für ein Blatt, nicht für eine Landschaft, für ein gelegtes Haar, nicht für ein Gesicht, für ein geschicktes und kluges Wort, nicht für die inneren Tiefen einer göttlichen Natur. Das Kolossale sieht er nirgend, und Sie wissen, liebe Rahel, das ist doch das einzig Reelle. Aber er ist Ihr Freund, wie ist das? ...10 Sehen Sie ihn anders als ich, habe ich Unrecht? Ist er edel, denn darauf kommt am Ende doch alles an? Nein11, er ist es nicht.« Sicher ist Varnhagen nicht edel, fraglich nur, ob für Rahel wirklich »alles darauf ankommt«. Jedenfalls verteidigt sie den Freund mit keinem Wort, läßt12 Marwitz seine Antipathie, ja teilt sie oft so weitgehend, daß13 Marwitz anfragen darf: »Muß14 ich Ihnen helfen, von Varnhagen loszukommen?« Dabei endet alles mit dem Siege Varnhagens. Die ersten Angriffe finden sie zögernd, oft bereit, Varnhagen fallenzulassen; später, als sie sich schon für ihn entschieden hat, zögert sie noch lange, es einzugestehen, und rückt erst gegen Ende mit dem für sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000171 Entscheidenden15 heraus: »Varnhagen ist also mein Freund, der mich am meisten liebt, für dessen ganze Lebenseinrichtung ich Bedingung bin; und es ist nicht genug, daß16 ich ihn ganz kenne und fühle, nehme und ertrage; ich muß17 nun, Wog’ auf Wog’ unter Klippen an mit ihm durch.« Sie muß18 zu ihm halten, bei ihm bleiben, nicht nur,19 weil er sie am meisten liebt, sondern weil seine Welt - die Welt eines eitlen, dürftig begabten20, gewandten Menschen21 - immerhin die Welt der Aufklärung ist, in der sie eher beheimatet ist als in der noch so glänzend und »edel« repräsentierten des preußischen22 Junkers.
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Die Entscheidung gegen Marwitz fällt nicht gleich und ist auch nicht nur Varnhagens Einfluss1 zuzuschreiben. Im Gegenteil, nie wieder hat sie so sehr alle Reserven einem Menschen gegenüber fallen gelassen als ihm gegenüber. Selbst ihre Nächte erzählt sie dem Freund, und zwar nicht zufällig, wie sie stückweise immer allen etwas zu wissen gab, nur keinem alles; sondern mit Bedacht und mit deutlichem Bewusstsein2, ihm alles, ihm den letzten Grund ihrer Existenz auszuliefern, denn dieser Grund war ja nie etwas Bestimmtes - er war der Tag oder die Nacht oder die Verstricktheit von beiden; oder auch nur die Tatsache, ein Paria zu sein, ein Geheimnis zu haben, gleich welches. Jedes Bestimmte4 konnte beliebig5 zum Grund werden, nur durch Verschweigen. Das Verschweigen der Träume aber hatte in den letzten Jahren die Nacht der Kontrolle des Tages gänzlich entzogen und sie zu jener zweideutigen Zuflucht gemacht, die Schutz vor den Menschen gewährte und daher wie Heimat aussah. »Je vous mets (le reve6) dans cette lettre. Mais je vous prie de me le rendre la premiere7 fois que vous viendrez a8 Berlin, car j’aimerais le conserver, puisqu’il ouvre et montre les abimes9 de l’ame10, |199 ou11 l’amour s’ouvre des routes inconnues a12 tout ce qu’on ne croit, ne dit et ne veux13 publier et qu’il n’est presque donné qu’a14 moi de descendre dans mes reves15 dans les fonds les plus obscurs de mon coeur16.« Die Nächte haben ihr Leben so zerstört, dass17 ihre Träume ohne jede Zweideutigkeit als eigentlicher Ausdruck ihrer Seele erscheinen mögen -18 »glauben Sie, so bin ich« - dass19 sie guten Gewissens den Tag mit seinem Zwang, mit seinem von Marwitz kritisierten Getriebe, dem sie immer sich nur halb fügte, als spielerisches, konventionell erzwungenes Theater, das nur kaschieren soll, was Menschen nicht verstehen, hinstellen kann. Sie passt20 sich Marwitzens Verachtung der Welt an, indem sie die Nächte und ihre Träume gegen die Gesellschaft ausspielt.
Die Entscheidung gegen Marwitz fällt nicht gleich und ist auch nicht nur Varnhagens Einfluß1 zuzuschreiben. Im Gegenteil, nie wieder hat sie so sehr alle Reserven einem Menschen gegenüber fallen gelassen als ihm gegenüber. Selbst ihre Nächte erzählt sie dem Freund, und zwar nicht zufällig, wie sie stückweise immer allen etwas zu wissen gab, nur keinem alles; sondern mit Bedacht und mit deutlichem Bewußtsein2, ihm alles, ihm den letzten Grund ihrer Existenz auszuliefern, denn dieser Grund war ja nie etwas Bestimmtes - er war der Tag oder die Nacht oder die Verstricktheit von beiden; oder auch nur die Tatsache, erfahren zu haben, was Schande ist,3 ein Paria zu sein, ein Geheimnis zu haben, gleich welches. Jedes Beliebige4 konnte zum Grund werden, nur durch Verschweigen. Das Verschweigen der Träume aber hatte in den letzten Jahren die Nacht der Kontrolle des Tages gänzlich entzogen und sie zu jener zweideutigen Zuflucht gemacht, die Schutz vor den Menschen gewährte und daher wie Heimat aussah. »Je vous mets (le rêve6) dans cette lettre. Mais je vous prie de me le rendre la première7 fois que vous viendrez 8 Berlin, car j’aimerais le conserver, puisqu’il ouvre et montre les abîmes9 de l’âme10, où11 l’amour s’ouvre des routes inconnues 12 tout ce qu’on ne croit, ne dit et ne veut13 publier et qu’il n’est presque donné qu’à14 moi de descendre dans mes rêves15 dans les fonds les plus obscurs de mon cœur16.« Die Nächte haben ihr Leben so zerstört, daß17 ihre Träume ohne jede Zweideutigkeit als eigentlicher Ausdruck ihrer Seele erscheinen mögen:18 »glauben Sie, so bin ich« -, daß19 sie guten Gewissens den Tag mit seinem Zwang, mit seinem von Marwitz kritisierten Getriebe, dem sie immer sich nur halb fügte, als spielerisches, konventionell erzwungenes Theater, das nur kaschieren soll, was Menschen nicht verstehen, hinstellen kann. Sie paßt20 sich Marwitzens Verachtung der Welt an, indem sie die Nächte und ihre Träume gegen die Gesellschaft ausspielt.
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Sie macht also nicht mehr die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Indem sie die Nächte erzählt, zeigt sie: sie hat auch etwas Reelles in der Hand, das sie der Welt, ihren Forderungen und Abweisungen entgegenstellt; eine Zuflucht, von der her sie Marwitzens Verachtung zu der ihren macht. Zu Hilfe kommt ihr hier - wie auch sonst - jene ins Prinzipielle übersteigerte Naturliebe, die der hat, dem man alles nehmen kann, nur nicht die Sonne, die jeden1 bescheint. Wohl ist ihr nur, wenn sie »in mildem Wetter, bei hell gelockertem Himmel nach vielem Verdruss2 allein spazieren« geht, wenn sie »viel Himmel« sieht, »die Luft ländlich« ist und still.3 »Und wie4 böse Hüllen fiel es von mir ab5, all das Fremde, mir von der Lage Aufgezauberte, und ich wurde auch still«.6 Jede gesellschaftliche Lage ist ihr fremd und verzaubert, weil sie nichts hat, nichts ist, nie natürlich sein darf. »Und das Unleidlichste der Lage ist, dass7 ich sie nicht |200 und nie zu ändern vermag.« So unveränderlich wie ihre gesellschaftliche Situation ist nur noch der Himmel und die Entspannung durch Licht und Erde, die er jedem Menschen gönnt. Beides ihr gleich fremd, weil von ihr nicht veränderbar, weil ihrer Macht entzogen. »Dies Schwere all wurde mir leicht, weil mein Blut richtig fliessen8, meine Nerv-en9 richtig vibrieren konnten und ich so mit Elementen, Farbe10, Licht und Erde in einen augenblicklich richtigen Zusammenhang und Wechselwirkung kam. Ich genoss11 es lauschend, beinah verwundert, und dann machte ich dem Himmel Vorstellungen, mir dies wenige Natürliche zu lassen und klagte auch gegen ihn.« So böse und angreifend ist die Gesellschaft wie die Natur heilsam und lösend - und auch fremd. Aber von dieser Fremdheit, die alle gleich trifft, wie die Sonne sie alle gleichmässig12 bescheint, braucht sie sich nicht Rechenschaft zu geben. Sie braucht nicht zu wissen, dass nur das letztlich dem Menschen fremd ist, was wirklich all seiner Macht entzogen ist.13 Geht sie durch die Stadt mit offenen Augen, nichts sehend als nur Häuser, Himmel, Räume, Licht und Erde, so erscheinen ihr die Menschen nur als Gespenster und Marionetten, die Umgebung nur als Kulissen14, das menschliche, bewohnbare Ganze theatralisch unlebendig. »Gestern unter den Linden befiel mich ein solcher Zustand; fremd, ganz fremd und ruppig schienen mir Linden, Strasse15 und Häuser, die Menschen zur Furcht, nicht einer ein Gesicht, eine Physiognomie; der albernste, äusserlichste16, hölzernste, zerstreuteste Ausdruck, alberne eitle Frauen, nicht kokett, auf Neigung oder Geschlecht sich beziehend, oder ein Vollgenuss18 irgendeiner Art. Die Armut der Stadt, |201 wo ich jeden berechnen kann, was er hat, verzehrt, will oder kann, die schreckbare wüste Beziehungslosigkeit, die nicht an Staat noch Liebe, Familie oder irgend einer selbst erzeugten Religion anreicht. Ihr schwindelnder, eitler, nichtiger strafbar ekler Taumel. Ich darunter, noch beziehungsloser, mit vollem, leeren Herzen, frustriert um alles was wünschenswert ist, getrennt vom Letzten. Kurz wie vor einem Zaubertempel, - denn die Wirklichkeit entschwand dem dennoch nicht toten Gemüt - dessen Wanken ich schon sehe, dessen Einsturz gewiss22 ist, der mich und alle treffen muss23
Sie macht also nicht mehr die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Indem sie die Nächte erzählt, zeigt sie: sie hat auch etwas Reelles in der Hand, das sie der Welt, ihren Forderungen und Abweisungen entgegenstellt; eine Zuflucht, von der her sie Marwitzens Verachtung zu der ihren macht. Zu Hilfe kommt ihr hier - wie auch sonst - jene ins Prinzipielle übersteigerte Naturliebe, die der hat, dem man alles nehmen kann, nur nicht die Sonne, die alle1 bescheint. Wohl ist ihr nur, wenn sie »in mildem Wetter, bei hell gelockertem Himmel nach vielem Verdruß2 allein spazieren« geht, wenn sie »viel Himmel« sieht, »die Luft ländlich« ist und still:3 »Wie4 böse Hüllen fiel es von mir, all das Fremde, mir von der Lage Aufgezauberte, und ich wurde auch still6 Jede gesellschaftliche Lage ist ihr fremd und verzaubert, weil sie nichts hat, nichts ist, nie natürlich sein darf. »Und das Unleidlichste der Lage ist, daß7 ich sie nicht und nie zu ändern vermag.« So unveränderlich wie ihre gesellschaftliche Situation ist nur noch der Himmel und die Entspannung durch Licht und Erde, die er jedem Menschen gönnt. Beides ihr gleich fremd, weil von ihr nicht veränderbar, weil ihrer Macht entzogen. »Dies Schwere all wurde mir leicht, weil mein Blut richtig fließen8, meine Nerven9 richtig vibrieren konnten und ich so mit Elementen, Farben10, Licht und Erde in einen augenblicklich richtigen Zusammenhang und Wechselwirkung kam. Ich genoß11 es lauschend, beinah verwundert, und dann machte ich dem Himmel Vorstellungen, mir dies wenige Natürliche zu lassen und klagte auch gegen ihn.« So böse und angreifend ist die Gesellschaft wie die Natur heilsam und lösend - und auch fremd. Aber von dieser Fremdheit, die alle gleich trifft, wie die Sonne sie alle gleichmäßig12 bescheint, braucht sie sich nicht Rechenschaft zu geben. Geht sie durch die Stadt mit offenen Augen, nichts sehend als nur Häuser, Himmel, Räume, Licht und Erde, so erscheinen ihr die Menschen nur als Gespenster und Marionetten, die Umgebung nur als Kulisse14, das menschliche, bewohnbare Ganze theatralisch unlebendig. »Gestern unter den Linden befiel mich ein solcher Zustand; fremd, ganz fremd und ruppig schienen mir Linden, Straße15 und Häuser, die Menschen zur Furcht, nicht einer ein Gesicht, eine Physiognomie; der albernste, äußerlichste16, hölzernste, zerstreuteste Ausdruck, alberne und17 eitle Frauen, nicht kokett, auf Neigung oder Geschlecht sich beziehend, oder einen Vollgenuß18 irgendeiner Art. Die Armut der Stadt, wo ich jeden berechnen kann, was er hat, verzehrt, will oder kann, die schreckbare wüste Beziehungslosigkeit, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000173 die nicht an Staat noch Liebe, Familie oder irgend einer selbst erzeugten Religion anreicht. Ihr schwindelnder, eitler, nichtiger,19 strafbar ekler Taumel. Ich darunter, noch beziehungsloser, mit vollem, leeren Herzen, frustriert um alles,20 was wünschenswert ist, getrennt vom Letzten. Kurz,21 wie vor einem Zaubertempel, - denn die Wirklichkeit entschwand dem dennoch nicht toten Gemüt - dessen Wanken ich schon sehe, dessen Einsturz gewiß22 ist, der mich und alle treffen muß23
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Sie hat einiges durch Marwitz begriffen. Sie kann nun1 ihre eigene Beziehungslosigkeit und Fremdheit sachlich sehen, einordnen3 in die Wüste und Leere einer Stadt, die gleichsam zu arm und zu inhaltlos ist, um die Kraft zu haben, sie anzusaugen, sie zu assimilieren. Ihre Verzweiflung ist nicht mehr ihre Privatsache, sondern nur das Widerspiel einer dem Untergang geweihten Welt. So sieht Marwitz seine eigene Verzweiflung, seinen Ekel - und ist im Recht, denn die Welt, der er zugehört, ist wirklich im Wanken und vor dem Einsturz. Ihre Fremdheit deutet sie danach und lässt4 sie nicht mehr als den Schlag eines unbegreiflich abstrakten, nur in kategorialer Allgemeinheit zu verstehenden Schicksals erscheinen5 - das Leben, die Welt - sondern als bestimmtes Unglück, historisch falsch geboren zu sein, durch die Geschichte einer untergehenden Welt zugeteilt worden zu sein - wie Marwitz. Wenn der Einsturz sie nämlich mittrifft, gehört sie wieder, wenn auch nur im Untergang mit dazu. Und ist dann nicht ihre Fremdheit vielleicht nur die Hellsichtigkeit des |202 »besonderen« Menschen? Diese Verzweiflung und diese Verachtung jedenfalls kann sie Marwitz anbieten, die kann er annehmen, damit kann er sich ihr verbunden fühlen wie eine grosse7 Seele - wie eine »bange Seele« - der anderen. »Ihren Spaziergang unter den Linden«, antwortet er, »fühle ich. Gross8, grässlich9, wahr. Muss10 ich Sie nun an die edlen, rührenden Worte erinnern, die Sie mir zur Zeit meines grossen11 Elends über die Hilflosigkeit jeder bangen Seele schrieben? O12, es ist entsetzlich wahr. Wie vieles halb Tröstliche und darum ganz Nichtige konnte ich Ihnen sagen von der Erhabenheit Ihres Geistes, der Tiefe Ihres Gefühls, kraft deren Sie die ganze wesenlose Umgebung vernichten, sobald Sie wollen und hineintreten können in die Herrlichkeit des wahren Lebens.« ..14 Die Tiefe des Gefühls, die Erhabenheit des Geistes sucht Marwitz, in dessen Welt es Adel und Gemeinheit, Qualität und Unechtheit, gute und schlechte Konsistenz der Seele gibt. Das sind für ihn gar keine Eigenschaften wie für Varnhagen, der Rahel lobt; eher schon Formen der Existenz, Intensitäts- und Leidenschaftsgrade, die identisch sein mögen mit der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der Person. Rahel kann sich nur beweisen, nur legitimieren vor ihm, wenn sie ihm das als Qualität, als Beweis der Gelungenheit zeigt, wovon sie ziemlich genau weiss15, dass16 es nur Resultat eines bösen Geschicks ist. Die Umwandlung, die Marwitz unausgesprochen von ihr fordert, ist die Verwandlung aus dem Nichts- und Niemandsein in eine Person. Marwitz sieht und begreift nicht, dass17 zu einer Person, zu Rang und Qualität, eine Welt gehört, in der gerade dies oder das als Rang, als Qualität anerkannt wird; dass18 eine Person in einem Gefüge stehen |203 muss19, das sie hindert, dem Zufall und der Wirklichkeit von ungefähr ausgeliefert zu sein. Aber indem er sie nimmt, als gleichberechtigten Partner, als einzig gleichberechtigten sogar, schafft er - für die Zeit ihrer Beziehung wenigstens - auch für sie eine Welt, in der sie als Person etwas gilt. So ist er der Erste20 und bleibt im Grunde der Einzige21, der sie als ein Ganzes mit Recht betrachtet, als einen Menschen. Der Einzige22 auch, der sie mit einem Scheine von Recht wenigstens als etwas Ausserordentliches23, Einmaliges sehen darf. Auf die Person, die er aus ihr, ohne es zu wissen gemacht hat, wird er nie falsch reagieren, denn er hat sie als solche natürlich besser begriffen, als sie sich selbst je begreifen könnte. »Ich kann ihm alles sagen, eben weil er mich noch nicht missverstanden25 hat«.26 Er kann nie das Falsche tun oder sagen, denn in seiner, trotz aller Verachtung, festgefügten Welt, steht sie an einer bestimmten Stelle, hat sie ihren Platz,27 als Person. Denn er verstrickt sich nicht in ihr Leben, sie sich nicht in seines. So droht dem Bild, das er von ihr hat, keine Gefahr. Vielleicht hätte er nach ihrem Tode sie als etwas »Einmaliges«, was sie nicht war - jedenfalls nicht in seinem Sinne -28 wirklich einer Welt überliefern können, der nämlichen, die sie als Lebende nicht hat annehmen wollen, zu deren Vergangenheit sie nicht gehörte und aus deren Zukunft sie jeden Tag gestrichen werden kann. Sie erhofft das von ihm: »O29, seien Sie mein Freund und retten Sie, wenn ich tot bin, das Bild meiner Seele« - und wendet sich damit deutlich weg von Varnhagen. Es scheint ihr für eine Zeit aussichtsvoller, ein Mensch unter Menschen zu sein, ein grosser30 Mensch vielleicht in einem Reich, das Grösse31 kennt, |204 als eine Anekdote zu werden, vorgetragen und überliefert von dem unnoblen, traditionslosen Bettler am Wege.
Sie hat einiges gelernt bei Marwitz: gelernt,1 ihre eigene Beziehungslosigkeit und Fremdheit sachlich zu2 sehen, einzuordnen3 in die Wüste und Leere einer Stadt, die gleichsam zu arm und zu inhaltlos ist, um die Kraft zu haben, sie anzusaugen, sie zu assimilieren. Ihre Verzweiflung ist nicht mehr ihre Privatsache, sondern nur das Widerspiel einer dem Untergang geweihten Welt. So sieht Marwitz seine eigene Verzweiflung, seinen Ekel - und ist im Recht, denn die Welt, der er zugehört, ist wirklich im Wanken und vor dem Einsturz. Ihre Fremdheit deutet sie danach, versteht4 sie nicht mehr als den Schlag eines unbegreiflich abstrakten, nur in kategorialer Allgemeinheit zu verstehenden Schicksals - das Leben, die Welt -,6 sondern als bestimmtes Unglück, historisch falsch geboren zu sein, durch die Geschichte einer untergehenden Welt zugeteilt worden zu sein - wie Marwitz. Wenn der Einsturz sie nämlich mittrifft, gehört sie wieder, wenn auch nur im Untergang mit dazu. Und ist dann nicht ihre Fremdheit vielleicht nur die Hellsichtigkeit des »besonderen« Menschen? Diese Verzweiflung und diese Verachtung jedenfalls kann sie Marwitz anbieten, die kann er annehmen, damit kann er sich ihr verbunden fühlen wie eine große7 Seele - wie eine »bange Seele« - der anderen. »Ihren Spaziergang unter den Linden«, antwortet er, »fühle ich. Groß8, gräßlich9, wahr. Muß10 ich Sie nun an die edlen, rührenden Worte erinnern, die Sie mir zur Zeit meines großen11 Elends über die Hilflosigkeit jeder bangen Seele schrieben? Oh12, es ist entsetzlich wahr. Wie vieles halb Tröstliche und darum ganz Nichtige konnte ich Ihnen sagen von der Erhabenheit Ihres Geistes, der Tiefe Ihres Gefühls, kraft deren Sie die ganze wesenlose Umgebung vernichten, sobald Sie wollen,13 und hineintreten können in die Herrlichkeit des wahren Lebens.« Die Tiefe des Gefühls, die Erhabenheit des Geistes sucht Marwitz, in dessen Welt es Adel und Gemeinheit, Qualität und Unechtheit, gute und schlechte Konsistenz der Seele gibt. Das sind für ihn gar keine Eigenschaften wie für Varnhagen, der Rahel lobt; eher schon Formen der Existenz, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000174 Intensitäts- und Leidenschaftsgrade, die identisch sein mögen mit der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der Person. Rahel kann sich nur beweisen, nur legitimieren vor ihm, wenn sie ihm das als Qualität, als Beweis der Gelungenheit zeigt, wovon sie zu wissen glaubt15, daß16 es nur Resultat eines bösen Geschicks ist. Die Umwandlung, die Marwitz unausgesprochen von ihr fordert, ist die Verwandlung aus dem Nichts- und Niemandsein in eine Person. Marwitz sieht und begreift nicht, daß17 zu einer Person, zu Rang und Qualität, eine Welt gehört, in der gerade dies oder das als Rang, als Qualität anerkannt wird; daß18 eine Person in einem Gefüge stehen muß19, das sie hindert, dem Zufall und der Wirklichkeit von ungefähr ausgeliefert zu sein. Aber indem er sie nimmt, als gleichberechtigten Partner, als einzig gleichberechtigten sogar, schafft er - für die Zeit ihrer Beziehung wenigstens - auch für sie eine Welt, in der sie als Person etwas gilt. So ist er der erste20 und bleibt im Grunde der einzige21, der sie als ein Ganzes mit Recht betrachtet, als einen Menschen. Der einzige22 auch, der sie mit einem Scheine von Recht wenigstens als etwas Außerordentliches23, Einmaliges sehen darf. Auf die Person, die er aus ihr, ohne es zu wissen,24 gemacht hat, wird er nie falsch reagieren, denn er hat sie als solche natürlich besser begriffen, als sie sich selbst je begreifen könnte. »Ich kann ihm alles sagen, eben weil er mich noch nicht mißverstanden25 hat26 Er kann nie das Falsche tun oder sagen, denn in seiner, trotz aller Verachtung, festgefügten Welt, steht sie an einer bestimmten Stelle, hat sie ihren Platz als Person. Denn er verstrickt sich nicht in ihr Leben, sie sich nicht in seines. So droht dem Bild, das er von ihr hat, keine Gefahr. Vielleicht hätte er nach ihrem Tode sie als etwas »Einmaliges« wirklich einer Welt überliefern können, der nämlichen, die sie als Lebende nicht hat annehmen wollen, zu deren Vergangenheit sie nicht gehörte und aus deren Zukunft sie jeden Tag gestrichen werden kann. Sie erhofft das von ihm: »Oh29, seien Sie mein Freund und retten Sie, wenn ich tot bin, das Bild meiner Seele« - und wendet sich damit deutlich weg von Varnhagen. Es scheint ihr für eine Zeit aussichtsvoller, ein Mensch unter Menschen zu sein, ein großer30 Mensch vielleicht in einem Reich, das Größe31 kennt, als eine Anekdote zu werden, vorgetragen und überliefert von dem unnoblen, traditionslosen »32Bettler am Wege«33.
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Vieles in ihr kommt Marwitz und dem Bild, das er von ihr hat entgegen. Ist ihr Leben nicht zuende2? Könnte sie nicht wie viele andere es zeigen, als sei es nichts als die Entwicklung ihrer Seele? Ist man nicht stets am Ende, wenn man nicht mehr zerstreut und beteiligt am Einzelnen, Gegenwärtigen ist, an Glück und Unglück, wenn alles schon entschieden ist, der Anfang wieder eindringlich da, all das, was man vergessen musste3, um weiter zu können, überströmt von der Fülle und dem viel zu Vielen eines menschlichen Lebens? Und gebärdet sich nicht der Anfang stets als das Eigentliche, nicht Zerstörbare, als der Kern?
Vieles in ihr kommt Marwitz und dem Bild, das er von ihr hat,1 entgegen. Ist ihr Leben nicht zu Ende2? Könnte sie nicht wie viele andere es zeigen, als sei es nichts als die Entwicklung ihrer Seele? Ist man nicht stets |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000175 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000176 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000177 am Ende, wenn man nicht mehr zerstreut und beteiligt am Einzelnen, Gegenwärtigen ist, an Glück und Unglück, wenn alles schon entschieden ist, der Anfang wieder eindringlich da, all das, was man vergessen mußte3, um weiter zu können, überströmt von der Fülle und dem viel zu Vielen eines menschlichen Lebens? Und gebärdet sich nicht der Anfang stets als das Eigentliche, nicht Zerstörbare, als der Kern?
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Das geht alles ganz schön und gut, solange sie nur ihn reden lässt1, solange sie vorlieb nimmt mit der »Tiefe des Gefühls« und der »Erhabenheit des Geistes«, solange sie sich mit allgemeinen Schmeicheleien begnügt, ohne sich darauf zu kaprizieren, selbst zu finden, weshalb sie ausserordentlich2 sei. Es dauert relativ lange, bis sie sich an Marwitzens Art zu denken, zu klassieren, zu beurteilen genügend assimiliert hat, um selbst zu versuchen, das zu interpretieren, was sie ihm ohne Scheu zu wissen gibt. Sie sagt ihm nur durch die Träume, wie sie »eigentlich«, wie sie »wirklich« sei, ohne das Eigentliche, Wirkliche, den »Mittelpunkt« zu nennen. Gerade sein Lob, sein dauerndes Interpretieren reizen sie nur als3 Selbstanalyse, sobald sie glaubt zu wissen, worauf es ihm ankommt. »Mich dünkt, der einzige Mittelpunkt, die Achse meines unglänzenden, veränderten5 Wesens, des unscheinbaren, des grazien- und talentlosen, ist, dass6 dieser Punkt zu finden ist, dass7 ich gerecht bin für andere wie für mich. .. |205 Was wäre ich wohl Gutes, wenn ich ungerecht sein könnte?8«
Das geht alles ganz schön und gut, solange sie nur ihn reden läßt1, solange sie vorlieb nimmt mit der »Tiefe des Gefühls« und der »Erhabenheit des Geistes«, solange sie sich mit allgemeinen Schmeicheleien begnügt, ohne sich darauf zu kaprizieren, selbst zu finden, weshalb sie außerordentlich2 sei. Es dauert relativ lange, bis sie sich an Marwitzens Art zu denken, zu klassieren, zu beurteilen genügend assimiliert hat, um selbst zu versuchen, das zu interpretieren, was sie ihm ohne Scheu zu wissen gibt. Sie sagt ihm nur durch die Träume, wie sie »eigentlich«, wie sie »wirklich« sei, ohne das Eigentliche, Wirkliche, den »Mittelpunkt« zu nennen. Gerade sein Lob, sein dauerndes Interpretieren reizen sie zur3 Selbstanalyse, sobald sie glaubt zu wissen, worauf es ihm ankommt. »Was wär’ ich wohl Gutes, ich, wenn ich ungerecht sein könnte?4 Mich dünkt, der einzige Mittelpunkt, die Achse meines unglänzenden, verrenkten5 Wesens, des unscheinbaren, des grazien- und talentlosen, ist, daß6 dieser Punkt zu finden ist, daß7 ich gerecht bin für andere wie für mich.«
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Auf diesen Brief gibt es keine Antwort. Ein grosser1 Teil des Briefwechsels zwischen ihr und Marwitz, zwischen Berlin und Potsdam wird mündlich beantwortet. So bleibt nichts übrig, als die Antwort zu rekonstruieren.
Auf diesen Brief gibt es keine Antwort. Ein großer1 Teil des Briefwechsels zwischen ihr und Marwitz, zwischen Berlin und Potsdam,2 wird mündlich beantwortet. »Geben Sie sich nun nur keine Mühe zu antworten, sondern kommen Sie«, schließt auch dieser Brief.3 So bleibt nichts übrig, als die Antwort zu rekonstruieren.
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400
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Gerechtigkeit ist keine Qualität, die Marwitz unmittelbar aus seiner Welt vertraut wäre, ist überhaupt keine Eigenschaft mehr, eher schon eine Art sich zur Welt zu stellen und sich von ihr zu distanzieren. Marwitz könnte noch ohne weiteres2 die resignierte Abwehr alles Tuns und aller Verstricktheit, den Ekel vor der Berührung und, damit zusammen vielleicht auch in einer grösseren Allgemeinheit, die unausweichliche Schuldigkeit alles3 Handelns hinnehmen4. Aber Gerechtsein ist etwas Spezielleres: der Gerechte urteilt in jedem einzelnen Fall und mischt sich dauernd ein; sein objektives, distanziertes Urteil ist immer nur Schein. Rahel belässt5, wenn sie sich gerecht nennt, die Distanz zur Welt nicht in irgendeiner Indifferenz, sondern ist aggressiv und glaubt im Grunde an die Veränderbarkeit der ungerechten Welt. Zwar distanziert sie sich, aber nicht, oder6 nur aus Machtlosigkeit, resigniert7 und ohne Ekel8; zwar hebt sie sich ab als etwas Besonderes, aber diese Besonderheit müsste9 man von jedem verlangen können: dass10 er nämlich »gerecht sei gegen andere wie für sich«. Marwitz flüchtet aus der Gegenwart, in der kein Platz für ihn ist, in die Vergangenheit und besiegelt damit sein Urteil für11 den notwendigen Verfall dieser Welt. Rahel flüchtet aus einer Gegenwart, in der ihrer Meinung nach nur12 noch kein Platz für sie ist, in eine bessere Zukunft. Rahel |206 bittet darum: »Retten Sie, wenn ich tot bin, das Bild meiner Seele« und erhofft für13 die Zukunft, eine zukünftige Gerechtigkeit. Marwitz aber15 findet das Bild seiner Seele aufbewahrt und gesichert in der Vergangenheit und im Tradierten.
Gerechtigkeit ist keine Qualität, die Marwitz unmittelbar aus seiner Welt vertraut wäre, ist überhaupt keine Eigenschaft mehr, eher schon eine Art,1 sich zur Welt zu stellen und sich von ihr zu distanzieren. Marwitz kennt aus eigenster Erfahrung2 die resignierte Abwehr alles Tuns und aller Verstricktheit, den Ekel vor der Berührung, und er könnte von daher vielleicht verallgemeinernd zu einem Verständnis des unausweichlichen Schuldigwerdens allen3 Handelns kommen4. Aber Gerechtsein ist etwas Spezielleres: der Gerechte urteilt in jedem einzelnen Fall und mischt sich dauernd ein; sein objektives, distanziertes Urteil ist immer nur Schein. Rahel beläßt5, wenn sie sich gerecht nennt, die Distanz zur Welt nicht in irgendeiner Indifferenz, sondern ist aggressiv und glaubt im Grunde an die Veränderbarkeit der ungerechten Welt. Zwar |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000178 distanziert sie sich, aber nicht oder nicht6 nur aus Ohnmacht7 und Resignation8; zwar hebt sie sich ab als etwas Besonderes, aber diese Besonderheit, meint sie, müsse9 man von jedem verlangen können: daß10 er nämlich »gerecht sei gegen andere wie für sich«. Marwitz flüchtet aus der Gegenwart, in der kein Platz für ihn ist, in die Vergangenheit und besiegelt damit sein Urteil über11 den notwendigen Verfall dieser Welt. Rahel flüchtet aus einer Gegenwart, in der ihrer Meinung nach noch kein Platz für sie ist, in eine bessere Zukunft. Rahel bittet darum: »Retten Sie, wenn ich tot bin, das Bild meiner Seele« und hofft auf13 die Zukunft, auf14 eine zukünftige Gerechtigkeit. Marwitz erhofft nichts von der Zukunft, sondern15 findet das Bild seiner Seele aufbewahrt und gesichert in der Vergangenheit und im Tradierten.
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401
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Gerechtigkeit kann auch eine Eigenschaft des Alters sein. Wenn es keinen Sinn mehr hat zu wünschen und zu hoffen, kann man gerecht werden. Rahel aber war immer schon gerecht, auch als sie noch jung war. In aller Leidenschaft, in all ihren Wünschen und Hoffnungen lag immer ein Wissen um Unerfüllbarkeit und eine letzte Gleichgültigkeit gegen alles Einzelne, einzeln Erfüllte. Deshalb kann sie mit Recht sagen, dass1 Gerechtigkeit die »Achse ihres Wesens« sei. Aber verstehen und aussprechen tut sie dies doch erst, als ihr Leben zuende2 ist.
Gerechtigkeit kann auch eine Eigenschaft des Alters sein. Wenn es keinen Sinn mehr hat zu wünschen und zu hoffen, kann man gerecht werden. Rahel aber war immer schon gerecht, auch als sie noch jung war. In aller Leidenschaft, in all ihren Wünschen und Hoffnungen lag immer ein Wissen um Unerfüllbarkeit und eine letzte Gleichgültigkeit gegen alles Einzelne, einzeln Erfüllte. Deshalb kann sie mit Recht sagen, daß1 Gerechtigkeit die »Achse ihres Wesens« sei. Aber verstehen und aussprechen tut sie dies doch erst, als ihr Leben zu Ende2 ist.
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»Zu Asche ist mein Herz ..; ich überlegte2 es noch gestern, es liebt nicht mehr für seine Rechnung, seine Seele lebt nur noch und der Geist,3 es ist wirklich tot. Und in Eins4 hat Harscher recht, dass5 er sich wundert, dass6 ich weiter lebe. Sehen Sie, wie traurig ich bin! Ich weine auch und sage das Meiste nicht, niemals. Und doch sehe ich auch dies so ganz anders an und kann es wie ein Glück betrachten. Ich bin so unendlich frei in meinem Innern, wie nicht verpflichtet der Erde. O7, ich kann es gar in Worten nicht sagen. Mir ist noch immer zu Mute8 als damals, als ich 14 Jahre9 alt war; für die andern, für die grossen10 Leute war alles; so ist es noch, vergesse ich meine grässlichen12 Schmerzen, die grimme Schmach, und ich habe eigentlich kein Talent mich mit ihnen abzugeben, zu wiederkauen, wie es war, weil von Natur aus ich zum Unglück nicht gemacht bin. Sie |207 war üppig und14 stolz, übermütig vor Freude als die Erde mich empfing, aber weiter ging es schlecht und gut, d.h. viel und nichtsnutz, aber gar nicht recht zum Unglück, obgleich ich’s empfinde und genoss16 wie wenige.« In diesen Worten ist alles enthalten: dass17 das Leben zuende ist und das Glück der Freiheit18, ihm entronnen zu sein; die Verzweiflung, dass19 es nur eine Kette von Missgeschick20 war und das Wissen um die Identität von22 Anfang und Ende, die Überzeugung der Unausweichlichkeit23. Geschrieben ist dies traurige Bekenntnis24 in einem Ton übermütigster Hoffnung, als fange jetzt erst, da alles vorbei ist, das Leben richtig an. »Sie glauben nicht, wie ironisch ich mich über mich erheben kann bis zur freiesten Lustigkeit, ohne Groll und Zorn, und wie ich gewöhnlich ganz von meinem Schicksal abgewandt bin. Neue Kräfte, neuer Mut, neues Sehen, ein frisches unpersönliches Herz, ein gesunder Kopf, ein recht geistiger Geist, die helfen sehr.« Unverkennbar auch die Hoffnung25, dass26 alles Unglück ihr nur von den Menschen angetan worden ist, für die sie ja27 eigentlich zu schade war - Marwitz soll recht haben - die sie nicht begreifen konnten, weil sie mehr und anders war als sie. Ist sie nicht, gerade wie Marwitz, ganz einfach nur die Fremde29, weil sie besser ist als ihre Umgebung? Und ist dies ganze30 Leben nicht vielleicht nur deshalb eine Gespenstergeschichte, weil sie niemals einen von gleichem Rang getroffen hat, der ihr hätte bestätigen können, dass32 sie, auch sie »wirklich« sei? »Und Sie, Sie helfen mir auch, Sie machen es mir wahr und wirklich, was ich liebe, was ich in mir liebe, Sie vergewissern es mir, dass33 ich kein Träumender allein hier bin.«
»Zu Asche ist mein Herz ...1; ich überlegt’2 es noch gestern, es liebt nicht mehr für seine Rechnung, seine Seele lebt nur noch und der Geist;3 es ist wirklich tot. Und in eins4 hat Harscher recht, daß5 er sich wundert, daß6 ich weiter lebe. Sehen Sie, wie traurig ich bin! Ich weine auch und sage das Meiste nicht, niemals. Und doch sehe ich auch dies so ganz anders an und kann es wie ein Glück betrachten. Ich bin so unendlich frei in meinem Innern, wie nicht verpflichtet der Erde. Oh7, ich kann es gar in Worten nicht sagen. Mir ist noch immer zumute8 als damals, als ich 14 Jahr9 alt war; für die andern, für die großen10 Leute war alles; und11 so ist es noch, vergesse ich meine gräßlichen12 Schmerzen, die grimme Schmach, und ich habe eigentlich kein Talent,13 mich mit ihnen abzugeben, zu wiederkauen, wie es war, weil von Natur aus ich zum Unglück nicht gemacht bin. Sie war üppig,14 stolz, übermütig vor Freude,15 als die Erde mich empfing, aber weiter ging es schlecht und gut, d. h. viel und nichtsnutz, aber gar nicht recht zum Unglück, obgleich ich’s empfinde und genoß16 wie wenige.« In diesen Worten ist alles enthalten: das Wissen, daß17 das Leben zu Ende ist, und die Glückseligkeit18, ihm entronnen zu sein; die Verzweiflung, daß19 es nur eine Kette von Mißgeschick20 war,21 und der Stolz |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000179 auf ein Schicksal, in dem22 Anfang und Ende zusammenfallen und das daher unausweichlich war23. Geschrieben ist dies Bekenntnis der endgültigen Trauer24 in einem Ton übermütigster Hoffnung, als fange jetzt erst, da alles vorbei ist, das Leben richtig an. »Sie glauben nicht, wie ironisch ich mich über mich erheben kann bis zur freiesten Lustigkeit, ohne Groll und Zorn, und wie ich gewöhnlich ganz von meinem Schicksal abgewandt bin. Neue Kräfte, neuer Mut, neues Sehen, ein frisches unpersönliches Herz, ein gesunder Kopf, ein recht geistiger Geist, die helfen sehr.« Unverkennbar auch die Überzeugung25, daß26 alles Unglück ihr nur von den Menschen angetan worden ist, für die sie eigentlich zu schade war - Marwitz soll recht haben -,28 die sie nicht begreifen konnten, weil sie mehr und anders war als sie. Ist sie nicht, gerade wie Marwitz, nur darum fremd in der Welt29, weil sie besser ist als ihre Umgebung? Und ist ihr30 Leben nicht vielleicht nur deshalb eine Gespenstergeschichte geworden31, weil sie niemals einen von gleichem Rang getroffen hat, der ihr hätte bestätigen können, daß32 sie, auch sie »wirklich« sei? »Und Sie, Sie helfen mir auch, Sie machen es mir wahr und wirklich, was ich liebe, was ich in mir liebe, Sie vergewissern es mir, daß33 ich kein Träumender allein hier bin.«
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Marwitz greift diese Solidarität nicht auf. Nicht nur, weil |208 er schliesslich1 an die 152 Jahre jünger ist als sie und sein Leben noch nicht vorbei; sondern weil er gerade an ihrer schrankenlosen Offenheit recht gut3 merkt, dass4 seine Verachtung der Welt etwas anderes ist als ihr verzweifeltes Draussenstehen5. Ihre Gerechtigkeit, die nur aus Isoliertheit und Ohnmacht in der Gesellschaft nicht zu Wort kommt, versucht er zur Erhabenheit und Grösse6 der Seele zu stempeln. Er antwortet: »Jeder Rechte..7 setzt sich als Mittelpunkt des Weltalls, aber wie wenigen Hochbegabten ward, seit die Erde steht, die Fülle des Herzens, die Gerechtigkeit der Seele, die Penetration des Geistes verliehen und10 ihn zu befriedigen wie Sie? Lassen Sie Rahels Herz zu Asche gesunken sein, das menschliche Herz schlägt weiter in Ihnen mit freiern11, höheren Pulsen, abgewandt von allem Irdischen und doch ihm ganz nahe, die scharfe Intelligenz denkt weiter und in grösseren12 Kreisen; aus dem grünen, frischen, lebendigen Teil13 hat sie14 der Schicksalssturm hinausgehoben auf Bergeshöh, wo der Blick unendlich ist, der Mensch ferne, aber Gott nahe.« Diese Worte, sie mögen so schmeichelhaft gehört werden, wie sie ehrlich gemeint sind, bedeuten für Rahel doch nur den Bruch der Solidarität, bedeuten, wieder allein an einen Platz verwiesen zu sein, an den nichts hindringt, abgeschnitten von allem Menschlichen, von allem, worauf Menschen Anspruch haben. Die »weiteren Kreise«, die »Bergeshöh«, wo »der Mensch ferne, aber Gott nahe« ist - diese ganze metaphorische Umschreibung der Abstraktheit ihrer Existenz wird ihr nicht annehmbarer dadurch, dass15 sie nicht dem Schicksal, sondern der »Hochbegabtheit« ihrer Seele zugeschrieben werden.
Marwitz greift diese Solidarität nicht auf. Nicht nur, weil er schließlich1 an die fünfzehn2 Jahre jünger ist als sie und sein Leben noch nicht vorbei; sondern weil er gerade an ihrer schrankenlosen Offenheit merkt, daß4 seine Verachtung der Welt etwas anderes ist als ihr verzweifeltes Draußenstehen5. Ihre Gerechtigkeit, die nur aus Isoliertheit und Ohnmacht in der Gesellschaft nicht zu Wort kommt, versucht er zur Erhabenheit und Größe6 der Seele zu stempeln. Er antwortet: »Jeder Rechte hat einen solchen Egoismus,7 setzt sich als Mittelpunkt des Weltalls, aber wie wenigen Hochbegabten ward, seit die Erde steht, die Fülle des Herzens, 8die Gerechtigkeit der Seele9, die Penetration des Geistes verliehen, um10 ihn zu befriedigen wie Sie? Lassen Sie Rahels Herz zu Asche gesunken sein, das menschliche Herz schlägt weiter in Ihnen mit freieren11, höheren Pulsen, abgewandt von allem Irdischen und doch ihm ganz nahe, die scharfe Intelligenz denkt weiter und in größeren12 Kreisen; aus dem grünen, frischen, lebendigen Tal13 hat Sie14 der Schicksalssturm hinausgehoben auf Bergeshöh, wo der Blick unendlich ist, der Mensch ferne, aber Gott nahe.« Diese Worte, sie mögen so schmeichelhaft gehört werden, wie sie ehrlich gemeint sind, bedeuten für Rahel doch nur den Bruch der Solidarität, bedeuten, wieder allein an einen Platz verwiesen zu sein, an |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000180 den nichts hindringt, abgeschnitten von allem Menschlichen, von allem, worauf Menschen Anspruch haben. Die »weiteren Kreise«, die »Bergeshöh«, wo »der Mensch ferne, aber Gott nahe« ist - diese ganze metaphorische Umschreibung der Abstraktheit ihrer Existenz wird ihr nicht annehmbarer dadurch, daß15 sie nicht dem Schicksal, sondern der »Hochbegabtheit« ihrer Seele zugeschrieben werden.
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So greift sie als Antwort wirklich zurück auf ihre »Seele«, auf das Wenige, was sie von sich weiss1, so wie sie ist und war, von ihren Wünschen und Hoffnungen - ihm zu zeigen und zu beweisen, dass2 sie nicht freiwillig, sondern »geschoben« und gestossen3 auf dem Berg gelandet ist, auf den er sie mit Recht stellt, sie aber nicht sich selbst! Wie gern hätte sie nur den ersten Teil seiner Antwort gelesen: »Was sagen Sie mir nicht Erhebendes, zum genussreichsten4 Stolz erhebenden Beifall, wie befriedigt5 es mich, von Ihnen lobend anerkannt6 zu sein als eine Ausgezeichnete! Dem aufhorchenden, gieren, eitlen Persönlichen! Dies ist’s, dem Herzen entging nichts,7 und nahrungsbedürftig sog es alles ein, eh’ die8 Worte kamen. Die scharfe Intelligenz, (9so endet ihre10 Aufmunterung)11 denke weiter und in grösseren12 Kreisen.« Wie gut hätte alles werden können; wie gern hätte sie sich ihm angepasst13, ausserhalb14 der Welt, weil von gleichem Rang wie er. Aber: (Dann folgt)16: »17Aus dem grünen, frischen lebendigen Tal hat Sie der Schicksalssturm hinaufgehoben auf Bergeshöh, wo der Blick unendlich ist, der Mensch ferne, aber Gott nah19. -20 .. So ist Unglück; sind meine Freunde wahr, so müssen Sie21 mir das Schreckenswort sagen. Aus dem grünen, lebendigen, frischen Tal soll ich verbannt sein und doch leben? Ich, die Gott, an den Sie mich verwiesen - kennen Sie mich ganz! -, nicht kennt, als in der Zeit durch Sinn und Sinne, bei nichts sich nur nichts denken kann! Er zeigt, er offenbart sich uns in Erde, Farbe, Gestalt, Herzensschlag der Freude oder des Schmerzes; mir hat er das Bewusstsein23 über dieses Wissen besonders erschlossen, ich bete die mir ganz24 bekannte Natur an und finde nichts gemein, als eine niedere25, enge, lügenhafte Gesinnung. Ich soll verschlagen sein, ohne tot zu sein? Sie haben’s |210 gesprochen, Freund. Unglück kann der beste Freund nur mindern durch Trost. Sie haben recht, nennen Sie’s, ich tue es auch und wieder, weil es wahr ist, will ich es, so wie es ist, an mein Herz drücken.«
So greift sie als Antwort wirklich zurück auf ihre »Seele«, auf das Wenige, was sie von sich weiß1, so wie sie ist und war, von ihren Wünschen und Hoffnungen - ihm zu zeigen und zu beweisen, daß2 sie nicht freiwillig, sondern »geschoben« und gestoßen3 auf dem Berg gelandet ist, auf den er sie mit Recht stellt, sie aber nicht sich selbst! Wie gern hätte sie nur den ersten Teil seiner Antwort gelesen: »Was sagen Sie mir nicht Erhebendes, zum genußreichsten4 Stolz erhebenden Beifall, wie befriedigte5 es mich, von Ihnen lobend erkannt6 zu sein als eine Ausgezeichnete! Dem aufhorchenden, gieren, eitlen Persönlichen! Dies ist’s, dem Herzen entging nichts und nahrungsbedürftig sog es alles ein, eh’ diese8 Worte kamen. Die scharfe Intelligenz -9 so endet Ihre10 Aufmunterung -11 denke weiter und in größeren12 Kreisen.« Wie gut hätte alles werden können; wie gern hätte sie sich ihm angepaßt13, außerhalb14 der Welt, weil von gleichem Rang wie er. Aber: »15(Dann folgt:)17 Aus dem grünen, frischen,18 lebendigen Tal hat Sie der Schicksalssturm hinaufgehoben auf Bergeshöh... So ist Unglück; sind meine Freunde wahr, so müssen sie21 mir das Schreckenswort sagen. Aus dem grünen, lebendigen, frischen Tal soll ich verbannt sein und doch leben? Ich, die Gott, an den Sie mich verwiesen - kennen Sie mich ganz! -, nicht kennt, als in der Zeit durch Sinn und Sinne, und22 bei nichts sich nur nichts denken kann! Er zeigt, er offenbart sich uns in Erde, Farbe, Gestalt, Herzensschlag der Freude oder des Schmerzes; mir hat er das Bewußtsein23 über dieses Wissen besonders erschlossen, ich bete die mir ganze24 bekannte Natur an und finde nichts gemein, als eine niedre25, enge, lügenhafte Gesinnung. Ich soll verschlagen sein, ohne tot zu sein? Sie haben’s gesprochen, Freund. Unglück kann der beste Freund nur mindern durch Trost. Sie haben recht, nennen Sie’s, ich tue es auch,26 und wieder, weil es wahr ist, will ich es, so wie es ist, an mein Herz drücken.«
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Verschlagensein ist keine Qualität und Unglück kein Verdienst. Und beides haben sie zu dem gemacht, was sie ist. Man kann auch ohne vollständiges Bewusstsein1 leben, und sie hätte sich von solchen Wahrheiten vielleicht trennen können - sie hatte den besten Willen - wenn der Freund sie nicht selbst ausgesprochen hätte. So aber liegt in diesen Zeilen ein feiner, unüberhörbarer Ton von Trennung und Abschied. Wie soll sie nicht begreifen, da es aus dem Munde des Besten und Nächsten kommt, dass3 nur dies, nur Schicksal, Verschlagensein und Unglück ihr als Realität bleiben, und dass4 sie es, wie seit je anerkennen, »ans Herz drücken« muss5, weil es wahr, die grossartige6 und einmalige Wahrheit ihres Lebens ist.
Verschlagensein ist keine Qualität und Unglück kein Verdienst. Und beides haben sie zu dem gemacht, was sie ist. Man kann auch ohne vollständiges Bewußtsein1 leben, und sie hätte sich von solchen Wahrheiten vielleicht trennen können - sie hatte den besten Willen -,2 wenn der |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000181 Freund sie nicht selbst ausgesprochen hätte. So aber liegt in diesen Zeilen ein feiner, unüberhörbarer Ton von Trennung und Abschied. Wie soll sie nicht begreifen, da es aus dem Munde des Besten und Nächsten kommt, daß3 nur dies, nur Schicksal, Verschlagensein und Unglück ihr als Realität bleiben, und daß4 sie es, wie seit je anerkennen, »ans Herz drücken« muß5, weil es wahr, die großartige6 und einmalige Wahrheit ihres Lebens ist.
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406
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Auf seine tröstende Antwort: »Der Berg gehört auch zur Erde; der frische Lebensgenuss1 ist auch auf ihm vergönnt, nur gedämpfter, milder, weniger persönlich und an die grössten2 geistigen Anschauungen geknüpft« - antwortet sie nicht mehr. Steht sie erst wieder wo sie stand - und etwas anderes bleibt ihr nun nicht mehr übrig - so weiss5 sie besser als er, aus dem her, was für sie Wirklichkeit ist, dass6 es dies »weniger persönlich« nicht gibt, dass7 es sinnlos ist erhaben zu sein über das Leben, weil alles »Persönliche«, und nur das Persönliche, etwas zeigt, was mehr ist als es selbst.
Auf seine tröstende Antwort: »Der Berg gehört auch zur Erde; der frische Lebensgenuß1 ist auch auf ihm vergönnt, nur gedämpfter, milder, weniger persönlich und an die größten2 geistigen Anschauungen geknüpft« - antwortet sie nicht mehr. Steht sie erst wieder,3 wo sie stand - und etwas anderes bleibt ihr nun nicht mehr übrig -,4 so weiß5 sie besser als er, aus dem her, was für sie Wirklichkeit ist, daß6 es dies »weniger persönlich« nicht gibt, daß7 es sinnlos ist,8 erhaben zu sein über das Leben, weil alles »Persönliche«, und nur das Persönliche, etwas zeigt, was mehr ist als es selbst.
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Mit Marwitz also ist sie fertig. Der will sie nicht mitnehmen |211 , will nichts für sie tun. Besser ist es noch, eine Anekdote zu werden, einsam mit einem Zweiten1 zusammenzuleben, der einen liebt, als an solch platonischer Bewunderung zugrundezugehen. »Er liebt auch mich; wie man das Meer, ein Wolkenspiel, eine Felsenschlucht2 liebt. Das genügt mir nicht! Nicht mehr. Wen ich liebe, muss3 mit mir leben wollen; bei mir bleiben. .. Meine Freunde .. denken alle, ich kann von der Luft lieben und leben. Sie freuen sich ein Herzspiel zu sehen wie das meinige, und ich solle6 ohne Liebe leben! Es ist vorbei, es ist zu viel!« Von Grösse7, Hochbegabtheit, Erhabenheit und Übermenschlichem hat sie nun endgiltig8 genug - und heiratet 1814 Varnhagen.
Mit Marwitz also ist sie fertig. Der will sie nicht mitnehmen, will nichts für sie tun. Besser ist es noch, eine Anekdote zu werden, einsam mit einem zweiten1 zusammenzuleben, der einen liebt, als an solch platonischer Bewunderung zugrundezugehen. »Er liebt auch mich; wie man das Meer, ein Wolkenspiel, eine Felsschlucht2 liebt. Das genügt mir nicht! Nicht mehr. Wen ich liebe, muß3 mit mir leben wollen; bei mir bleiben ... Meine Freunde ...4 denken alle, ich kann von der Luft lieben und leben. Sie freuen sich,5 ein Herzspiel zu sehen wie das meinige, und ich soll6 ohne Liebe leben! Es ist vorbei, es ist zu viel!« Von Größe7, Hochbegabtheit, Erhabenheit und Übermenschlichem hat sie nun endgültig8 genug - und heiratet 1814 Varnhagen.
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15. Kapitel Bürgerliche Verbesserung1
Bürgerliche Verbesserung • Geschichte einer Karriere1811-18141
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Das Leben vergeht und ehe man sich umsieht, ist die Jugend weg und das Alter nahe. Rahel ist inzwischen 402 Jahre alt geworden und nichts ist ihr gelungen. Sie wollte aus dem Judentum heraus und ist drin geblieben, sie wollte heiraten und keiner hat sie genommen, sie wollte reich werden und ist verarmt4; sie wollte in der Welt etwas sein, etwas gelten, und5 die wenigen Möglichkeiten, die sie in der Jugend hatte, sind verloren. Ihr war »Gesellschaft das halbe Leben6«, und das einzige, was ihr fast gelungen wäre, ist ein legitimer Ekel vor der Gesellschaft.
Das Leben vergeht,1 und ehe man sich umsieht, ist die Jugend weg und das Alter nahe. Rahel ist inzwischen vierzig2 Jahre alt geworden,3 und nichts ist ihr gelungen. Sie wollte aus dem Judentum heraus und ist drin geblieben, sie wollte heiraten und keiner hat sie genommen, sie wollte reich werden und verarmte4; sie wollte in der Welt etwas sein, etwas gelten, aber5 die wenigen Möglichkeiten, die sie in der Jugend hatte, sind verloren. Ihr war »Gesellschaft ... von je die Hälfte des Lebens6«, und das einzige, was ihr fast gelungen wäre, ist ein legitimer Ekel vor der Gesellschaft.
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Dabei kann sie sich nichts vorwerfen. Sie hat nicht am falschen Ende angefangen und sie hat sich nicht töricht versperrt. Sie war von der Wichtigkeit »äusserlich2 eine andere Person« zu werden stets überzeugt, sie hat sich über ihre unglückselige4 Situation nie Illusionen gemacht. Sie war für eine entschiedene Änderung stets bereit, alle nur erdenklichen Opfer zu bringen. Sie hat nie auf Wunder gehofft und nie geglaubt, dass5 man anders als gezogen - geschleppt oder gerettet - in die gute Gesellschaft hereinkommt. Und gerade sie, ohne Illusionen, ohne Prinzipien, ohne moralische Skrupeln6, hat man weder geschleppt noch gerettet, sondern einfach sitzen lassen.
Dabei kann sie sich nichts vorwerfen. Sie hat nicht am falschen Ende angefangen und sie hat sich nicht töricht versperrt. Sie war von der Wichtigkeit,1 »äußerlich2 eine andere Person« zu werden,3 stets überzeugt, sie hat sich über ihre unglückliche4 Situation nie Illusionen gemacht. Sie war für eine entschiedene Änderung stets bereit, alle nur erdenklichen Opfer zu bringen. Sie hat nie auf Wunder gehofft und nie geglaubt, daß5 man anders als gezogen - geschleppt oder gerettet - in die gute Gesellschaft hereinkommt. Und gerade sie, ohne Illusionen, ohne Prinzipien, ohne moralische Skrupel6, hat man weder geschleppt noch gerettet, sondern einfach sitzen lassen.
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Allen ihren Freundinnen, allen die aus der gleichen Situation kamen und aus dem Judentum herauswollten, ist es gelungen. Der2 Frau von Grotthus und der Frau von Eibenberg, der Dorothea Schlegel und der Henriette Herz, ihrer Schwester Rose |213 und der Rebekka3 Friedländer, alle, alle haben geheiratet; wenn Deutsche, dann meist Adlige, wenn Juden, dann reiche Geschäftsleute, die gebraucht wurden und denen ein Platz, wenn auch ein umstrittener, doch gesichert war.
Allen ihren Freundinnen, allen,1 die aus der gleichen Situation kamen und aus dem Judentum herauswollten, ist es gelungen; der2 Frau von Grotthus und der Frau von Eibenberg, der Dorothea Schlegel und der Henriette Herz, ihrer Schwester Rose und der Rebecca3 Friedländer, alle, alle haben geheiratet; wenn Deutsche, dann meist Adlige, wenn Juden, dann reiche Geschäftsleute, die gebraucht wurden und denen ein Platz, wenn auch ein umstrittener, doch gesichert war.
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Nur ihr ist alles missglückt1. Nur ihr bleibt jetzt, da sie alt wird, nichts als die Erinnerung an ein paar unglückliche Liebesgeschichten und viele Kränkungen, an lauter misslungene2 Versuche. Und ganz nah, ganz dicht bei ihr und doch schon fast wie eine Erinnerung steht Marwitz, der sie viel mehr gelehrt hat, als er je ahnte, vor allem, dass3 das Abgewiesensein wirklich endgiltig4 ist und dass5 ihr nichts bleibt, als es auf einem anderen Wege6 zu versuchen. Marwitz lehrte sie, die letzte Chance in Varnhagen sehen.
Nur ihr ist alles mißglückt1. Nur ihr bleibt jetzt, da sie alt wird, nichts als die Erinnerung an ein paar unglückliche Liebesgeschichten und viele Kränkungen, an lauter mißlungene2 Versuche. Und ganz nah, ganz dicht |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000183 bei ihr und doch schon fast wie eine Erinnerung steht Marwitz, der sie viel mehr gelehrt hat, als er je ahnte, vor allem, daß3 das Abgewiesensein wirklich endgültig4 ist und daß5 ihr nichts bleibt, als es auf einem anderen Weg6 zu versuchen. Marwitz lehrte sie, sehr gegen seinen Willen,7 die letzte Chance in Varnhagen zu8 sehen.
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Kein Zweifel, dass Assi milation1 durch Heirat gelingen konnte. Aber nicht, wenn man -2 wie Rahel - fast aus Versehen und in ständiger Wiederholung,3 aus der Assimilation, aus dem Versuch in die Höhe, in Ordnung zu kommen, eine Liebesgeschichte machte. Nicht wenn man die schon gegebene Ungesichertheit der jüdischen Situation noch verschärfte durch die gewählte Unsicherheit eines sich exponierenden Lebens.
Kein Zweifel, daß Assimilation1 durch Heirat gelingen konnte. Aber nicht, wenn man wie Rahel immer wieder, wenn auch ohne eigentlichen Vorsatz3 aus der Assimilation, aus dem Versuch,4 in die Höhe, in Ordnung zu kommen, eine Liebesgeschichte machte. Nicht,5 wenn man die schon gegebene Ungesichertheit der jüdischen Situation noch verschärfte durch die gewählte Unsicherheit eines sich exponierenden Lebens.
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Die Welt, die Gesellschaft, die Realität - das waren für Rahel stets1 die Welt der gesellschaftlich Anerkannten, der Arrivierten, derer von Stand und Namen, die etwas Bestehendes, Legitimiertes vertraten. Diese Welt, diese Gesellschaft, diese Realität haben sie abgewiesen. Nie sah sie die andere Möglichkeit, sich mit denen zu verbinden, die nicht arriviert waren, sich zu denen zu schlagen, die wie sie auf irgend eine Zukunft angewiesen waren. |214 Ihre Leidenschaft zu verallgemeinern, zu generalisieren, das anscheinend Privateste noch mitteilbar, erfahrbar für jeden Menschen zu machen, im Einzelsten, Persönlichsten das Allgemein-Menschliche herauszuspüren, all ihre Abstraktionsfähigkeit haben sie charakteristischerweise bisher nie dahin geführt, in ihrem Schicksal als Jüdin mehr zu sehen als ein ganz persönliches Pech, nie dazu, ihr privates Unglück in allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge zu klassieren2, weder zu einer Kritik an der Gesellschaft noch gar zu einer Solidarität mit denen, die aus anderen Gründen ebenfalls nicht zu den Privilegierten gehörten.
Welt und Wirklichkeit waren für Rahel stets in der Gesellschaft repräsentiert. Real hieß ihr1 die Welt der gesellschaftlich Anerkannten, der Arrivierten, derer von Stand und Namen, die etwas Bestehendes, Legitimiertes vertraten. Diese Welt, diese Gesellschaft, diese Realität haben sie abgewiesen. Nie sah sie die andere Möglichkeit, sich mit denen zu verbinden, die nicht arriviert waren, sich zu denen zu schlagen, die wie sie auf irgendeine Zukunft angewiesen waren. Ihre Leidenschaft zu verallgemeinern, zu generalisieren, das anscheinend Privateste noch mitteilbar, erfahrbar für jeden Menschen zu machen, im Einzelsten, Persönlichsten das Allgemein-Menschliche herauszuspüren, all ihre Abstraktionsfähigkeit haben sie charakteristischerweise bisher nie dahin geführt, in ihrem Schicksal als Jüdin mehr zu sehen als ein ganz persönliches Pech, nie dazu, ihr privates Unglück in allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen2, weder zu einer Kritik an der Gesellschaft noch gar zu einer Solidarität mit denen, die aus anderen Gründen ebenfalls nicht zu den Privilegierten gehörten.
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Dies scheint unverständlich, wenn man sich die Biographien der jüdischen Generationen nach ihr ansieht. Seit Heine und Börne ist aus den Besten des assimilierten Judentums das Bewusstsein1, zwangsläufig mit den,2 ganz allgemein,3 Entrechteten solidarisch zu sein, zwangsläufig das Schicksal bestimmter Bewegungen, bestimmter Revolten zu teilen, nicht mehr verschwunden. Rahel und ihrer ungebrochen aufklärreischen4 Vorstellung von dem langsamen aber sicheren Fortschritt, der zu einer Reform und Neugestaltung der Gesellschaft führen müsse, lag jeder Kampf fern. Wichtig war nur, in diese Gesellschaft hineinzukommen, in der sich der Fortschritt vollzieht, in und an der sich schliesslich6 jede geschichtliche Wirksamkeit abzeichnet.
Dies scheint unverständlich, wenn man sich die Biographien der jüdischen Generationen nach ihr ansieht. Seit Heine und Börne ist aus den Besten des assimilierten Judentums das Bewußtsein1, zwangsläufig mit den -2 ganz allgemein -3 Entrechteten solidarisch zu sein, zwangsläufig das Schicksal bestimmter Bewegungen, bestimmter Revolten zu teilen, nicht mehr verschwunden. Rahel und ihrer ungebrochen aufklärerischen4 Vorstellung von dem langsamen,5 aber sicheren Fortschritt, der zu einer Reform und Neugestaltung der Gesellschaft führen müsse, lag jeder Kampf fern. Wichtig war nur, in diese Gesellschaft hineinzukommen, in der sich der Fortschritt vollzieht, in und an der sich schließlich6 jede geschichtliche Wirksamkeit abzeichnet.
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Dass1 ökonomische Sicherheit, wenn nicht Reichtum, erste und unabdingbare Voraussetzung jeder Assimilation war, wusste2 jeder, hat niemand klarer und mutiger ausgesprochen als sie4. Dass5 Armut mit Einsamkeit bezahlt wurde, hatte man ihr sehr grausam |215 klar gemacht. In der Hinsicht fehlte ihr auch von je,6 »der Mut7 mich in unselige Lagen zu stürzen«. Ökonomische Sicherheit bildete die einzige Basis ihres ganzen getriebenen Lebens. Bis zum Tode der Mutter hatte sie ein ausreichendes Auskommen. Die Mutter aber starb, ohne ein Testament zu hinterlassen. Von da an war Rahel auf die Gutwilligkeit ihrer Brüder angewiesen, wusste8 nie, was sie besass9, bekam eine Rente, deren Höhe noch nicht einmal fixiert war, sondern sich nach dem jeweiligen Geschäftsgang richtete. Ihr Lebensunterhalt war zwar immer gesichert, aber unter dem12 Niveau ihrer Umgebung; kurz, sie lebte eingeschränkter als vorher, gerade als veritabler Reichtum immer notwendiger wurde13, um sich in der Gesellschaft zu halten. Die Zeiten, da sie in dem Stübchen in der Jägerstrasse15, in der Dachkammer16, alle sehen konnte, da alle kamen und die Konventionslosigkeit noch ein bestechender Reiz war, sind gründlich vorbei. Immer mehr Reichtum wird gefordert, damit er den Stand ersetze. Ohne ihn ist nichts mehr zu erreichen. Heimlich muss17 sich Rahel in die wenige Gesellschaft, die ihr noch bleibt, einschleichen, dauernd über ihre Verhältnisse leben, dauernd etwas scheinen, dem keine Wirklichkeit mehr entspricht. »Hat man nicht Stand, nicht Namen, Talent, Schönheit, so muss18 man Opulenz haben; war ich opulent? je? Ich sah schon seit Mama’ ens Tode19 deshalb wenig Menschen; sie haben sich schon verloren, und ich misse sie nur auf eine solche Weise, wie ich sie nicht haben kann. Ja, ich misse alles was ich liebe; ausser21 persönliche Freiheit und Bequemlichkeit (die oft an die Grenzen des Vermögens anläuft und sich stösst22), - und |216 ich liebe vieles!« Ohne Geld ist sie wieder auf den engen Kreis der Familie und Geschäftsfreunde der Brüder verwiesen. Der Umschlag ist aus der Korrespondenz sofort ersichtlich. Sie steht fast nur noch mit Juden in Briefwechsel - Varnhagen und Marwitz sind die einzigen Ausnahmen.
Daß1 ökonomische Sicherheit, wenn nicht Reichtum, erste und unabdingbare Voraussetzung jeder Assimilation war, wußte ein2 jeder Jude3, hat aber kaum einer so klar und mutig ausgesprochen4. Daß5 Armut mit Einsamkeit bezahlt wurde, hatte man ihr sehr grausam klargemacht. In der Hinsicht fehlte ihr auch von je der6 »Mut ...7 mich in unselige Lagen zu stürzen«. Ökonomische Sicherheit bildete die einzige Basis ihres ganzen getriebenen Lebens. Bis zum Tode der Mutter hatte sie ein ausreichendes Auskommen. Die Mutter aber starb, ohne ein Testament zu hinterlassen. Von da an war Rahel auf die Gutwilligkeit ihrer Brüder angewiesen, wußte8 nie, was sie besaß9, bekam eine Rente, deren Höhe noch nicht einmal fixiert war, sondern sich nach dem jeweiligen Geschäftsgang richtete. Ihr Lebensunterhalt war zwar immer gesichert, sank10 aber nach 180711 unter das12 Niveau ihrer Umgebung. Genau zu dem Zeitpunkt also, da normale Wohlhabenheit nicht mehr genügte und man reich sein mußte13, um sich in der Gesellschaft zu halten, mußte sie eingeschränkter leben als je zuvor14. Die Zeiten, da sie in dem Stübchen in der Jägerstraße15, in der Dachstube16, alle sehen konnte, da alle kamen und die Konventionslosigkeit noch ein bestechender Reiz war, sind gründlich vorbei. Immer mehr Reichtum wird gefordert, damit er den Stand ersetze. Ohne ihn ist nichts mehr zu erreichen. Heimlich muß17 sich Rahel in die wenige Gesellschaft, die ihr noch bleibt, einschleichen, dauernd über ihre Verhältnisse leben, dauernd etwas scheinen, dem keine Wirklichkeit mehr entspricht. »Hat man nicht Stand, nicht Namen, Talent, Schönheit, so muß18 man Opulenz haben; war ich opulent? je? Ich sah schon seit Mama’ens Tode (im Jahre 1809)19 deshalb wenig Menschen; sie haben sich schon verloren, und ich misse sie nur auf eine solche Weise, wie ich sie nicht haben kann. Ja, ich misse alles,20 was ich liebe; außer21 persönliche Freiheit und Bequemlichkeit (die oft an die Grenzen des Vermögens anläuft und sich stößt22), - und ich liebe vieles!« Ohne Geld ist sie wieder auf den engen Kreis der Familie und Geschäftsfreunde der Brüder verwiesen. Der Umschlag ist aus der Korrespondenz sofort ersichtlich. Sie steht fast nur noch mit Juden in Briefwechsel - Varnhagen und Marwitz sind die einzigen Ausnahmen.
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Assimilation gab es nur und ausschliesslich1 für wohlhabende Juden. Die anderen traten2 in das Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit nur3, nachdem sie auch4 in die Klasse der Wohlhabenden aufgestiegen waren, nachdem sie5 sich an die bereits assimilierten Juden assimiliert hatten6. Sonst kannte7 man sie nur als Witzblattfiguren, als Karikaturen, als Objekte des pöbelhaften8 Antisemitismus. In den Augen der wohlhabenden Glaubensbrüder stellte die arme Masse schon damals nur ein Objekt für Wohltätigkeit dar, höchstens für reformistische Bestrebungen, deren letztes Ziel es blieb, diese gefährlichen und bedauernswerten Provokateure des Judenhasses aus der Welt zu reformieren.
Assimilation gab es nur und ausschließlich1 für wohlhabende Juden. Die anderen treten2 in das Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit erst3, wenn auch sie4 in die Klasse der Wohlhabenden aufgestiegen sind und5 sich an die bereits assimilierten Juden assimiliert haben6. Sonst kennt7 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000185 man sie nur als Witzblattfiguren, als Karikaturen, als Objekte des pöbelhaftesten8 Antisemitismus. In den Augen der wohlhabenden Glaubensbrüder stellte die arme Masse des Volkes9 schon damals nur ein Objekt für Wohltätigkeit dar, höchstens für reformistische Bestrebungen, deren letztes Ziel es blieb, diese gefährlichen und bedauernswerten Provokateure des Judenhasses aus der Welt zu reformieren.
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Dass1 jeder Versuch der Assimilation schon eine Art Privileg war, konnte Rahel nicht zum Bewusstsein2 kommen. Sie kannte in ihrer Umgebung nur eine relativ gleichmässige3 Wohlhabenheit, die nach Oben4 zu grossem5 Reichtum Ausnahmen zuliess6, nicht nach Unten7. Sie kannte nur jüdische Kaufmannschaft, weder jüdische Handwerker, noch jüdische Deklassierte, noch jüdisches Elend. Rahel nannte sich oft mit Stolz eine Untertanin Friedrichs II.; sie ahnte wohl kaum, in welchem Ausmasse8 sie wirklich zu den Juden der preussischen9 Monarchie gehörte. Denn ihre völlige Abgeschnittenheit von Elend, Kampf, langsamem Aufstieg und allem, was damit zusammenhängt, verdankte sie jener Judenpolitik, die im preussischen10 Staate nur Juden mit einem bestimmten |217 Vermögen, nur Kaufleute, keine Handwerker, geduldet, jeden Bankrott mit Ausweisung bestraft, jede Übervölkerung durch Heiratssteuer und erzwungene Abwanderung verhindert, die solidarische Haftung der Gemeinden für die Steuerschuld eines jeden Mitgliedes verschärft, und durch all diese Massnahmen11 nicht nur von vornherein eine ökonomisch gesicherte Atmosphäre geschaffen, sondern die reichen, privilegierten Juden selbst - vor allem durch die Kollektivhaftung - zu Bundesgenossen gegen ihre armen zugewanderten Volksangehörigen gewonnen hatte. Die Judenfrage war in Berlin und in ganz Preussen12 eine Frage der reichen Juden und die Assimilation die erhoffte Lösung der vermögenden Kaste, die dazu prädestiniert schien, in der wohlhabenden bürgerlichen Schicht der Gesellschaft unterzugehen.
Daß1 jeder Versuch der Assimilation schon eine Art Privileg war, konnte Rahel nicht zum Bewußtsein2 kommen. Sie kannte in ihrer Umgebung nur eine relativ gleichmäßige3 Wohlhabenheit, die nach oben4 zu großem5 Reichtum Ausnahmen zuließ6, nicht nach unten7. Sie kannte nur jüdische Kaufmannschaft, weder jüdische Handwerker, noch jüdische Deklassierte, noch jüdisches Elend. Rahel nannte sich oft mit Stolz eine Untertanin Friedrichs II.; sie ahnte wohl kaum, in welchem Ausmaße8 sie wirklich zu den Juden der preußischen9 Monarchie gehörte. Denn ihre völlige Abgeschnittenheit von Elend, Kampf, langsamem Aufstieg und allem, was damit zusammenhängt, verdankte sie jener Judenpolitik, die im preußischen10 Staate nur Juden mit einem bestimmten Vermögen, nur Kaufleute, keine Handwerker, geduldet, jeden Bankrott mit Ausweisung bestraft, jede Übervölkerung durch Heiratssteuer und erzwungene Abwanderung verhindert, die solidarische Haftung der Gemeinden für die Steuerschuld eines jeden Mitgliedes verschärft, und durch all diese Maßnahmen11 nicht nur von vornherein eine ökonomisch gesicherte Atmosphäre geschaffen, sondern die reichen, privilegierten Juden selbst - vor allem durch die Kollektivhaftung - zu Bundesgenossen gegen ihre armen zugewanderten Volksangehörigen gewonnen hatte. Die Judenfrage war in Berlin und in ganz Preußen12 eine Frage der reichen Juden und die Assimilation die erhoffte Lösung der vermögenden Kaste, die dazu prädestiniert schien, in der wohlhabenden bürgerlichen Schicht der Gesellschaft unterzugehen.
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Direkte, gesellschaftliche und persönliche Beziehungen hatten die Juden nicht zur Bürgerschaft1, sondern zum Adel, dessen Financiers2 sie in der Gestalt der Geldleiher lange Zeit gewesen waren. Daher der merkwürdige und sehr kurze Übergang, in dem wir Juden überall in die Gesellschaft des Adels hineinkommen sehen, während die Häuser des Bürgertums ihnen noch lange verschlossen bleiben. Aus dem Geldleiher der Judengasse war für das verarmte Junkertum der Vater einer Tochter mit Mitgift geworden.
Direkte, gesellschaftliche und persönliche Beziehungen hatten die Juden nicht zum Bürgertum1, sondern zum Adel, dessen Finanziers2 sie in der Gestalt der Geldleiher lange Zeit gewesen waren. Daher der merkwürdige und sehr kurze Übergang, in dem wir Juden überall in die Gesellschaft des Adels hineinkommen sehen, während die Häuser des Bürgertums ihnen noch lange verschlossen bleiben. Aus dem Geldleiher der Judengasse war für das verarmte Junkertum der Vater einer Tochter mit Mitgift geworden.
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Rahel gehörte zu der ersten jüdischen Bürgerschaft1, die vom Adel eine Zeit lang gesellschaftlich aus verschiedenen Gründen anerkannt wurde -2 was gleichsam eine nachträglich soziale3 Legalisierung jahrhundertealter ökonomischer Beziehungen darstellte4. Nach dem Tode ihrer Mutter verlor sie die letzte Chance auf eine standesgemässe5 Heirat, nämlich die Mitgift. Varnhagen hat, wie |218 sie sehr stolz berichtet, sie »ohne einen Sous genommen«.. Solange sie nicht arm war,6 hat sie immer nur in die Gesellschaft der schon Arrivierten hineingewollt, in die Gesellschaft, die den gleichen Lebensstandard hatte wie sie selbst und in der sich für sie das geschichtlich Geschehende allein vollzog.
Rahel gehörte zu der ersten Generation der Assimilationsperiode1, die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000186 vom Adel eine Zeitlang gesellschaftlich aus verschiedenen Gründen anerkannt wurde,2 was einer nachträglichen sozialen3 Legalisierung jahrhundertealter ökonomischer Beziehungen gleichkam4. Nach dem Tode ihrer Mutter verlor sie die letzte Chance auf eine standesgemäße5 Heirat, nämlich die Mitgift. Varnhagen hat, wie sie sehr stolz berichtet, sie »ohne einen Sous genommen«. Bis zu diesem Verlust6 hat sie immer nur in die Gesellschaft der schon Arrivierten hineingewollt, in die Gesellschaft, die den gleichen Lebensstandard hatte wie sie selbst,7 und in der sich für sie das geschichtlich Geschehende allein vollzog.
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Die gemischte Geselligkeit zwischen Juden und Adligen war nur ein Übergang, wenn sich auch Reste davon bis in die Gegenwart erhalten haben1. Mit einem geregelten Kreditwesen wurden die Juden für den Adel überflüssig, die persönlichen Beziehungen wurden zwecklos. Der Adel schloss2 sich von Neuem3 ab und verlor seine Vorurteilslosigkeit; er wurde wieder zur Kaste - aus dem feudalen Herren war der fast unumschränkte Herrscher des Bodens und der Getreideversorgung geworden.
Die gemischte Geselligkeit zwischen Juden und Adligen war nur ein Übergang, wenn sich auch Reste davon bis in das zwanzigste Jahrhundert erhielten1. Mit einem geregelten Kreditwesen wurden die Juden für den Adel überflüssig, die persönlichen Beziehungen wurden zwecklos. Der Adel schloß2 sich von neuem3 ab und verlor seine Vorurteilslosigkeit; er wurde wieder zur Kaste - aus dem feudalen Herren war der fast unumschränkte Herrscher des Bodens und der Getreideversorgung geworden.
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Die soziale Stellung der Juden hatte sich inzwischen so weit entschieden, dass1 niemand mehr daran zweifelte, dass2 sie zum Bürgertum gehörten, wenn sie auch nicht von ihm gesellschaftlich anerkannt wurden. So wandten4 sich denn jetzt alle Vorurteile, die der Adel gegen das Bürgertum hegte, verstärkt gegen die Juden, die nicht ganz zu Unrecht als Schrittmacher und eigentliche Prototypen der kapitalistischen Bourgeoisie und ihrer gefährlichen Mobilisierung des Grundeigentums galten5. So haben die Juden ihre gesellschaftliche Neutralität, die ihnen eine kurze Zeit die Möglichkeit gab, gesellschaftlich weit über ihre Verhältnisse zu leben, gründlich verloren - zu Gunsten6 einer ökonomisch befestigteren7 Situation. Dazu kommt noch, dass8 vor allem in Deutschland der Adel für die bürgerliche Gesellschaft und ihre Masstäbe9 weitgehend massgebend blieb,10 seine Gewohnheiten, Bräuche, Wertmassstäbe11 |219 durchaus die ökonomisch immer mächtiger heranwachsende bürgerliche Gesellschaft beherrschten12. So entwickelte sich13 die paradoxe Situation, dass14 das Bürgertum zu seinem eigenen Antisemitismus noch den adligen hinzunahm15, der sich seinerseits16 im Grunde - als Reaktion, als Konservativismus - ebenso sehr gegen es selbst richtete als gegen den17 Juden. Und dass18 andererseits den19 Juden im selben Masse20, in dem sie verbürgerlichten21, d.h. emanzipiert wurden, eine Assimilation unmöglich gemacht wurde22: der Adel hatte sich zurückgezogen und das Bürgertum nahm sie nicht auf23. Dieses neue Abgewiesenwerden wird schon während und vor dem Kriege 1813/14 deutlich, um dann nach 1815 sich ganz offen zu manifestieren.
Die soziale Stellung der Juden hatte sich inzwischen so weit entschieden, daß1 niemand mehr daran zweifelte, daß2 sie ökonomisch3 zum Bürgertum gehörten, wenn sie auch nicht von ihm gesellschaftlich anerkannt wurden. So wenden4 sich denn jetzt alle Vorurteile, die der Adel gegen das Bürgertum hegte, verstärkt gegen die Juden, die nicht ganz zu Unrecht als Schrittmacher und eigentliche Prototypen der kapitalistischen Bourgeoisie und ihrer gefährlichen Mobilisierung des Grundeigentums gelten5. So haben die Juden ihre gesellschaftliche Neutralität, die ihnen eine kurze Zeit die Möglichkeit gab, gesellschaftlich weit über ihre Verhältnisse zu leben, gründlich verloren - zugunsten6 einer ökonomisch befestigten7 Situation. Dazu kommt noch, daß8 vor allem in Deutschland der Adel für die bürgerliche Gesellschaft und ihre Maßstäbe9 weitgehend maßgebend bleibt und10 seine Gewohnheiten, Bräuche, Wertungen11 durchaus die ökonomisch immer mächtiger heranwachsende bürgerliche Gesellschaft beherrschen12. So entsteht13 die paradoxe Situation, daß14 das Bürgertum zu seinem eigenen Antisemitismus noch den adligen hinzunimmt15, der sich einerseits16 im Grunde - als Reaktion, als Konservativismus - ebensosehr gegen es selbst richtete als gegen die17 Juden. Und daß18 andererseits die19 Juden im selben Maße20, in dem sie verbürgerlichen21, d. h. sich assimilieren und emanzipiert werden, isoliert werden22: Das Bürgertum hat sie nicht aufgenommen und der Adel hat sich |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000187 zurückgezogen23. Dieses neue Abgewiesenwerden wird schon während und vor dem Kriege 1813/14 deutlich, um dann nach 1815 sich ganz offen zu manifestieren. Erst als die gesellschaftliche Isolierung ein fait accompli war, solidarisiert sich die jüdische Intelligenz mit revolutionären Bewegungen. In Rahels gegenwärtiger Situation kommt dies noch gar nicht in Betracht. Jetzt bleibt ihr gar nichts anderes übrig als darauf zu sinnen, wie auch sie einen individuellen Ausweg finden könnte, nachdem sie, enttäuscht, verlassen und eigentlich verständnislos dem geänderten Klima der Zeit gegenüber, sehen muß, wie alles sich zu ihren Ungunsten verändert. Der einzige Ausweg, der sich bietet, ist Varnhagen.24
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Erst in der kompletten gesellschaftlichen Isolierung begannen sich die Juden mit revolutionären Bewegungen zu solidarisieren. Das geschah in einer Zeit, da Rahels Entwicklung schon abgeschlossen war. Sie selbst kann gar nicht anders als auf einen individuellen Ausweg sinnen, nachdem sie enttäuscht, verlassen und eigentlich verständnislos sehen muss, wie alles sich zu ihren Ungunsten verändert. Ihr einziger Ausweg ist Varnhagen.
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Je unsicherer Rahels ökonomische Situation wird, desto geneigter wird sie, die letzte Chance zu ergreifen. Die Notwendigkeit einer raschen Lösung öffnet ihr die Augen für Möglichkeiten, die sie bisher nicht übersah, für neue Menschen, neue Chancen. Sie verzichtet zwar nicht,1 und hat nie verzichtet, in die Gesellschaft der Arrivierten eingereiht zu werden; aber sie beginnt sich anderer Mittel zu bedienen: anstatt sich von irgendeinem, der schon oben ist, heraufheben, versucht sie sich von einem, der noch unten ist, mitnehmen zu lassen.
Je unsicherer Rahels ökonomische Situation wird, desto geneigter wird sie, die letzte Chance zu ergreifen. Die Notwendigkeit einer raschen Lösung öffnet ihr die Augen für Möglichkeiten, die sie bisher nicht übersah, für neue Menschen, neue Chancen. Sie verzichtet zwar nicht und hat nie verzichtet, in die Gesellschaft der Arrivierten eingereiht zu werden; aber sie beginnt sich anderer Mittel zu bedienen: anstatt sich von irgendeinem, der schon oben ist, heraufheben, versucht sie sich von einem, der noch unten ist, mitnehmen zu lassen.
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Varnhagen ist der erste Mensch in ihrem Leben, der ganz arm |220 ist, ganz unbekannt, ohne Namen, ohne Stand. Wenn sie sich entschliesst1 zu ihm zu halten, so muss2 sie sich klarmachen: heute und morgen kann er ihr nichts bieten, jung und arm wie er ist, heute und morgen steht er eher schlechter da als sie. Das ist schlimm, aber vielleicht zu ändern. Gut ist, dass3 er sie wirklich will, dass4 sie seiner völlig sicher ist, dass5 sie in dieser Hinsicht nichts riskiert - schliesslich6 wofür sollte sie hier noch riskieren, sie7 hat weder ihm noch sich selbst eingeredet, dass8 sie ihn liebe. Fraglich ist nur, ob es ihm gelingen wird, aufzusteigen,9 fraglich und sehr riskant, weil sie nicht mehr zurück kann, weil sie sich mit ihm schon zu sehr eingelassen hat.
Varnhagen ist der erste Mensch in ihrem Leben, der ganz arm ist, ganz unbekannt, ohne Namen, ohne Stand. Wenn sie sich entschließt1 zu ihm zu halten, so muß2 sie sich klarmachen: heute und morgen kann er ihr nichts bieten, jung und arm wie er ist, heute und morgen steht er eher schlechter da als sie. Das ist schlimm, aber vielleicht zu ändern. Gut ist, daß3 er sie wirklich will, daß4 sie seiner völlig sicher ist, daß5 sie in dieser Hinsicht nichts riskiert - schließlich,6 wofür sollte sie hier noch riskieren? Sie7 hat weder ihm noch sich selbst eingeredet, daß8 sie ihn liebe. Fraglich ist nur, ob es ihm gelingen wird, fraglich und sehr riskant, weil sie nicht mehr zurück kann, weil sie sich mit ihm schon zu sehr eingelassen hat.
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426
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Nicht weil sie musste1. Sondern weil Sich-kompromittieren die einzige Entschädigung für Opferbereitschaft sein kann. Und2 auch nicht nur3 aus Grossmut4. Sondern, weil sie zum ersten Mal5 in ihrem Leben ärmer geworden ist, rechnen, auf vieles verzichten muss6, vor allem auf Geselligkeit. Weil sie mit Schrecken die schmale Basis, die sie noch hatte, sich entgleiten spürt. In solcher Situation liegt es näher sich zu dem hingezogen zu fühlen, der auch nichts hat,8 von Anfang anfangen muss9. Schliesslich, auf das10 was ihr die Brüder geben, hat sie kein juristisch feststellbares Anrecht - »rechtmässig11 hab’ ich an die Brüder nicht einen Sous zu fordern. Was mir Moritz gibt, ist reine Grossmut12«. Das bedeutet zwar keine wirklichen pekuniären Sorgen, es ist undenkbar, dass13 ihr die Brüder nicht geben, was sie braucht; aber es verändert doch grundlegend ihre soziale Stellung. Aus einer Rentnerin, die ihre täglichen Ausgaben von |221 Zinsen bestreitet und hinter sich ein Vermögen hat, wird die von der Familie Unterstützte, Unterhaltene15. Als Rentnerin wäre sie von der Familie unabhängig,16 und damit ohne Bindungen an das Milieu, aus dem sie stammt. So aber bleibt sie unfreiwillig, ohne die Möglichkeit des Entschlusses, ihm immer verhaftet, immer in es verstrickt. In einer ganz primitiven Schicht des täglichen Lebens, die natürlich stets präsent ist, sind ihre Interessen die gleichen wie die ihres engsten jüdischen Kreises, Interessen, die17 sich keineswegs immer zu decken brauchen18 mit denen der weiteren Umwelt. »Siehst Du«,20 schreibt sie an Varnhagen, »das ist mein grösstes21 Leid: wär22 ich einmal von deren Interessen23 geschieden! Aber Gott gibt es mir! So wie er mir Dich so spät gab!« So spricht für eine Heirat um jeden Preis auch der Wunsch und die Notwendigkeit, sich von der Familie zu trennen - zu der sie sich dann faktisch immer zugehörig fühlt.
Nicht weil sie mußte1. Sondern weil Sich-kompromittieren die einzige Entschädigung für Opferbereitschaft sein kann. Aber2 auch dies nicht3 aus Großmut4. Sondern, weil sie zum erstenmal5 in ihrem Leben ärmer geworden ist, rechnen, auf vieles verzichten muß6, vor allem auf Geselligkeit. Weil sie mit Schrecken die schmale Basis, die sie noch hatte, sich entgleiten spürt. In solcher Situation liegt es näher,7 sich zu dem hingezogen zu fühlen, der auch nichts hat und8 von Anfang anfangen muß9. Auf das,10 was ihr die Brüder geben, hat sie kein juristisch |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000188 feststellbares Anrecht - »Rechtmäßig11 hab’ ich an die Brüder nicht einen Sous zu fordern. Was mir Moritz gibt, ist reine Großmut12«. Das bedeutet zwar keine wirklichen pekuniären Sorgen, es ist undenkbar, daß13 ihr die Brüder nicht geben, was sie braucht; aber es verändert doch grundlegend ihre soziale Stellung. Aus einer Rentnerin, die ihre täglichen Ausgaben von Zinsen bestreitet und hinter sich ein Vermögen hat, wird sie zu der armen Verwandten,14 die von der Familie unterhalten werden muß15. Als Rentnerin wäre sie von der Familie unabhängig und damit ohne Bindungen an das Milieu, aus dem sie stammt. So aber bleibt sie unfreiwillig, ohne die Möglichkeit des Entschlusses, ihm immer verhaftet, immer in es verstrickt. In einer ganz primitiven Schicht des täglichen Lebens, die natürlich stets präsent ist, sind ihre Interessen die gleichen wie die ihres engsten jüdischen Kreises; und diese Interessen brauchen17 sich keineswegs immer mit denen der weiteren Umwelt zu decken19. »Siehst Du20 schreibt sie an Varnhagen, »das ist mein größtes21 Leid; wär’22 ich einmal von deren Interesse23 geschieden! Aber Gott gibt es mir! So wie er mir Dich so spät gab!« So spricht für eine Heirat um jeden Preis auch der Wunsch und die Notwendigkeit, sich von der Familie zu trennen - zu der sie sich dann faktisch immer zugehörig fühlt.
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Weil sie ärmer geworden ist, liegt eine Solidarität mit dem, der nichts hat, näher. Weil sie alle Chancen, von oben gerettet zu werden, verspielt hat, bleibt ihr nichts anderes mehr als zu versuchen, mit einem, der auch nichts hat - noch nichts - zusammen in die Höhe zu kommen. Der einmal gefasste Entschluss2 hindert dann nicht, dass3 sie konkret doch nicht versteht, wie schwer es ist hinaufzukommen, wenn man keine Zeit hat und kein Geld. Um warten zu können, ist sie zu alt. Alle Differenzen zwischen ihr und Varnhagen in diesen Jahren vor der Ehe beruhen darauf, dass4 er gar5 nicht recht weiss6, wie er es anstellen soll, weiterzukommen, sich rasch eine Position zu erwerben |222 und dass7 sie das gar nicht versteht, sondern alles auf seine Unschlüssigkeit zurückführt, die sie wie »auf der Wippe« lässt8; sie weiss9 gar nicht, wie wenig Chancen es gibt.
Weil sie ärmer geworden ist, liegt eine Solidarität mit dem, der nichts hat, näher. Weil sie alle Chancen, von oben gerettet zu werden, verspielt hat, bleibt ihr nichts anderes mehr als zu versuchen, mit einem, der auch nichts hat - noch nichts -,1 zusammen in die Höhe zu kommen. Der einmal gefaßte Entschluß2 hindert dann nicht, daß3 sie konkret doch nicht versteht, wie schwer es ist hinaufzukommen, wenn man keine Zeit hat und kein Geld. Um warten zu können, ist sie zu alt. Alle Differenzen zwischen ihr und Varnhagen in diesen Jahren vor der Ehe beruhen darauf, daß4 er nicht recht weiß6, wie er es anstellen soll, weiterzukommen, sich rasch eine Position zu erwerben, und7 sie das gar nicht versteht, sondern alles auf seine Unschlüssigkeit zurückführt, die sie wie »auf der Wippe« läßt8; sie weiß9 gar nicht, wie wenig Chancen es gibt.
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Vermutlich ist sie schon zu alt und zu verbraucht, um auch davon1 noch wieder sich ein Stück fremder Welt erschliessen2 zu lassen3. Es ist für sie nur ein Schicksalsschlag mehr, nachdem4 sie schon5 auf alle Forderungen, auf alle Glücksprätentionen eigentlich verzichtet hatte. »Das Zum-Narren-Halten6 dauert zu lange,7 wenn es auch vom Schicksal kommt. Menschen sind mir nichts als Schicksal.« Und waren ihr nie anderes als Schicksal, mit der einzigen Ausnahme Marwitz, mit dem sie sprechen konnte und von9 dem sie vieles erfuhr10. Ausser11 Varnhagen, sollte man meinen, der ja Einsicht hat,12 und den ungeheuren Vorrang der Vernunft. Alle anderen waren stumm, unbeeinflussbar13, unbehelligbar14 von Argumenten, nichts als Schicksal, »wie ein17 Beil, das einem grossen18 Mann den Kopf abhaut«. Und gerade darum hat sie sich ja Varnhagen genommen, weil sie genug vom Schicksal hat, weil es zuende19 ist - »heraus bin ich aus der Sphäre, mein Los ist heraus20 aus dem Lotto« - weil das Leben dennoch ganz schön ist und wert, zuende22 gelebt zu werden.
Vermutlich ist sie schon zu alt und zu verbraucht, um auch daraus1 noch wieder zu lernen3. Es ist für sie nur ein Schicksalsschlag mehr, weil4 sie ja5 auf alle Forderungen, auf alle Glücksprätentionen eigentlich verzichtet hatte. »Das zum Narren haben6 dauert zu lange:7 wenn es auch vom Schicksal kommt, es ist dadurch nicht schöner8. Menschen sind mir nichts als Schicksal.« Und waren ihr nie anderes als Schicksal, mit der einzigen Ausnahme Marwitz, mit dem sie sprechen konnte und bei9 dem |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000189 sie vieles lernte10. Außer11 Varnhagen, sollte man meinen, der ja Einsicht hat und den ungeheuren Vorrang der Vernunft. Alle anderen waren stumm, reagierten nicht13, konnten14 von Argumenten nicht beeinflußt15, nicht einmal behelligt werden: sie waren16 nichts als Schicksal, »wie das17 Beil, das einem großen18 Mann den Kopf abhaut«. Und gerade darum hat sie sich ja Varnhagen genommen, weil sie genug vom Schicksal hat, weil es zu Ende19 ist - »heraus bin ich aus der Sphäre, mein Los ist raus20 aus dem Lotto« - und21 weil das Leben dennoch ganz schön ist und wert, besser zu Ende22 gelebt zu werden.
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Später als ihre Ehe mit Varnhagen ihr schon so selbstverständlich geworden ist, dass2 sie ihr nur den Namen Liebe zu geben weiss3, glaubt sie sogar, dass4 Leidenschaft notwendig nur in Stummheit und Einsichtslosigkeit entstehen kann: »Es wird auch keine Anhänglichkeit, kein Wohlwollen, kein Erkennen zur Herzpein, Leidenschaft genannt, zum Zerren: wenn der Gegenstand der Wahl, des Wirkens so verständig ist, dass6 man mit ihm sprechen kann;7 so vernünftig, dass8 man ihm alles sagen |223 kann!« Je weniger sie sich in Leidenschaft9 verstricken will und kann, desto eigensinniger will sie ihre Ruhe haben. Und Varnhagen hat nicht so unrecht, wenn er sich schliesslich10 gegen die Prätentionen ihres Ruhebedürfnisses sträubt, wenn er sie unverständig und ungerecht findet: »Sollte Marwitz, sollte ein anderer der Wackersten jetzt plötzlich sein Leben in bestimmter Wahl der Arbeit gewinnen müssen:11 er wäre ebenso unglücklich wie ich.« Das ist wahr und nicht wahr. Denn das, was Rahel an ihm auszusetzen hat, ihm in immer variierenden Wendungen vorwirft, das ist mehr, ist vor allem seine Unfähigkeit, sich mit Menschen gut zu stellen, seine Taktlosigkeit, seinen12 Mangel an Haltung. Sie hat schon Recht13, sich Sorgen zu machen. Das verschwindet später, nachdem er Karriere gemacht hat. Vorläufig trägt er sich zwar höchst »feierlich Rahel15 zum Gemahl an«, weiss16 aber zugleich selbst am besten: »Weder geliebt von der Welt noch von ihr ausgezeichnet erblickst Du mich.«
Später,1 als ihre Ehe mit Varnhagen ihr schon so selbstverständlich geworden ist, daß2 sie ihr nur den Namen Liebe zu geben weiß3, glaubt sie sogar, daß4 Leidenschaft notwendig nur in Stummheit und Einsichtslosigkeit entstehen kann: »Es wird auch keine Anhänglichkeit, kein Wohlwollen, kein Erkennen zur Herzpein, Leidenschaft genannt, zum Zerren: wenn der Gegenstand der Wahl, des Wirkens,5 so verständig ist, daß6 man mit ihm sprechen kann,7 so vernünftig, daß8 man ihm alles sagen kann!« Je weniger sie sich in Leidenschaften9 verstricken will und kann, desto eigensinniger will sie ihre Ruhe haben. Und Varnhagen hat nicht so unrecht, wenn er sich schließlich10 gegen die Prätentionen ihres Ruhebedürfnisses sträubt, wenn er sie unverständig und ungerecht findet: »Sollte Marwitz, sollte ein anderer der Wackersten jetzt plötzlich sein Leben in bestimmter Wahl der Arbeit gewinnen müssen,11 er wäre ebenso unglücklich wie ich.« Das ist wahr und nicht wahr. Denn das, was Rahel an ihm auszusetzen hat, ihm in immer variierenden Wendungen vorwirft, das ist mehr, ist vor allem seine Unfähigkeit, sich mit Menschen gut zu stellen, seine Taktlosigkeit, sein12 Mangel an Haltung. Sie hat schon recht13, sich Sorgen zu machen. Das verschwindet später, nachdem er Karriere gemacht hat. Vorläufig trägt er sich Rahel14 zwar höchst »feierlich zum Gemahl an«, weiß16 aber zugleich selbst am besten: »Weder geliebt von der Welt noch von ihr ausgezeichnet erblickst Du mich.«
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16. Kapitel Geschichte einer Karriere
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»Aber jetzt nur gegen den Feind! Ich muss1 fallen oder steigen, Platz machen oder gewinnen können2. Im Frieden gibts kein Avancement, nur durch Verlust im Gefecht. ..« Der Ausbruch des neuen Krieges zwischen Österreich und Frankreich im Jahre 1809 rief nicht nur die deutschen Patrioten, die über Preussens4 Untätigkeit verzweifelten5, zu den Fahnen, sondern in grösserem Masstab6, wenn auch unkontrollierbarer, eine Jugend, die in dem verkleinerten, verarmten, politisch ruinierten Staat keine Möglichkeit des Vorwärtskommens mehr hatte. Für sie war der Krieg die einzige Lotterie, die noch eine gewisse Chance auf Gewinn bot. Nach der siegreichen Schlacht bei Aspern liess7 sie sich leicht und gern von Österreich anwerben. Unter ihnen finden wir Marwitz und Varnhagen. Marwitz geht aus eigenem Impuls, Varnhagen folgte ihm. Marwitz hatte nicht nötig, Karriere zu machen. Ihn trieb8 ein wunderliches Gemisch von Einsicht, dass10 man als Adliger nicht danebenstehen darf, dass11 man nicht nur von oben Geschichte machen kann, und von Langer- weile12. Varnhagen machte13 mit (und nicht nur nach, wie Rahel ihm vorwirft), weil er sehr gut wusste14, dass15 das seine letzte Gelegenheit war16.
»Aber jetzt nur gegen den Feind! Ich muß1 fallen oder steigen, Platz machen oder gewinnen. Im Frieden gibts kein Avancement, nur durch Verlust im Gefecht ...« Der Ausbruch des neuen Krieges zwischen Österreich und Frankreich im Jahre 1809 rief nicht nur die deutschen Patrioten, die verzweifelt sind3 über Preußens4 Untätigkeit, zu den Fahnen, sondern in größerem Maßstab6, wenn auch unkontrollierbarer, eine |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000190 Jugend, die in dem verkleinerten, verarmten, politisch ruinierten Staat keine Möglichkeit des Vorwärtskommens mehr hatte. Für sie war der Krieg die einzige Lotterie, die noch eine gewisse Chance auf Gewinn bot. Nach der siegreichen Schlacht bei Aspern ließ7 sie sich leicht und gern von Österreich anwerben. Unter ihnen finden wir Marwitz und Varnhagen. Marwitz geht aus eigenem Impuls, Varnhagen folgte ihm. Marwitz hatte nicht nötig, Karriere zu machen. Ihn treibt8 ein wunderliches Gemisch von Langeweile, die zum Abenteuer drängt, und von9 Einsicht, daß10 man als Adliger nicht danebenstehen darf, daß11 man nicht nur von oben Geschichte machen kann. Varnhagen macht13 mit (und nicht nur nach, wie Rahel ihm vorwirft), weil er sehr gut weiß14, daß15 das seine letzte Chance ist16.
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Varnhagen kam1 zum Infanterieregiment des Obersten Bentheim und erlebte2 erst einmal die Niederlage bei Wagram, die der ganzen kriegerischen Herrlichkeit ein rasches Ende bereitete3. |225 Die Truppen wurden4 nach Hause geschickt, und nach dem Friedensschlusse im Oktober kehrten5 die preussischen6 Soldaten endgiltig7 zurück. Die ganze Sache schien8 ein sinnloses Unternehmen, reiner Zeitverlust für Varnhagen gewesen zu sein.
Varnhagen kommt1 zum Infanterieregiment des Obersten Bentheim und erlebt2 erst einmal die Niederlage bei Wagram, die der ganzen kriegerischen Herrlichkeit ein rasches Ende bereitet3. Die Truppen werden4 nach Hause geschickt, und nach dem Friedensschlusse im Oktober kehren5 die preußischen6 Soldaten endgültig7 zurück. Die ganze Sache scheint8 ein sinnloses Unternehmen, reiner Zeitverlust für Varnhagen gewesen zu sein.
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Aber er hatte1 Glück. Er lernte2 seinen Obersten zufällig näher kennen - er pflegte3 ihn dank seiner ärztlichen Kenntnisse während einer schweren Krankheit - und trat4 zu ihm als bald in ein Verhältnis, das, so charakteristisch und so wichtig es für seine ganze spätere Karriere wird, doch kaum genau zu präzisieren ist. Er blieb5 in der Umgebung des Obersten als ein Mittelding zwischen Vertrautem und Privatsekretär. Er begleitete6 ihn erst zurück nach Prag, dann zur Ordnung Bentheimscher Familienangelegenheiten nach Westfalen,7 und landete schliesslich8 mit ihm in Paris. Hier in Paris,9 auf der österreichischen Botschaft, lernte10 Varnhagen zum ersten Male Menschen von Einfluss11 kennen, bekam12 die notwendigen Beziehungen: Metternich, der ihm später nützlich wurde, Tettenborn, unter dem er 1813/14 in den Krieg zog13. Er hatte14 sogar schon vage Aussichten auf eine kleine diplomatische Stelle in österreichischen Diensten. Die Aussichten zerschlugen15 sich, er blieb16 an Bentheim gebunden, der völlig ruiniert nach Westfalen zurückkehrt, und entschloss17 sich erst auf Rahels energische Drohungen hin, ein Abenteuerleben aufzugeben, das nur im Kriege sinnvoll ist: »Mit Deinem derangierten Grafen rate18 ich Dir nicht, Dich zu verketten. Geld, Mittel muss19 ein Held haben, ein Grosser20. Keine Schwindelgeschäfte,21 wie Prinz Louis! sonst sind seine Genossen unglücklich, wenn sie ihn nicht bestehlen. Also Du nimmst Deinen Abschied, und holst mich auf der Stellen23
Aber Varnhagen hat1 Glück. Er lernt2 seinen Obersten zufällig näher kennen - er pflegt3 ihn dank seiner ärztlichen Kenntnisse während einer schweren Krankheit - und tritt4 zu ihm alsbald in ein Verhältnis, das, so charakteristisch und so wichtig es für seine ganze spätere Karriere wird, doch kaum genau zu präzisieren ist. Er bleibt5 in der Umgebung des Obersten als ein Mittelding zwischen Vertrautem und Privatsekretär. Er begleitet6 ihn erst zurück nach Prag, dann zur Ordnung Bentheimscher Familienangelegenheiten nach dessen Heimat in Westfalen7 und landet schließlich8 mit ihm in Paris. Hier in Paris auf der österreichischen Botschaft lernt10 Varnhagen zum ersten Male Menschen von Einfluß11 kennen, bekommt12 die notwendigen Beziehungen: Metternich, der ihm später nützlich wurde, Tettenborn, unter dem er 1813/14 in den Krieg zieht13. Er hat14 sogar schon vage Aussichten auf eine kleine diplomatische Stelle in österreichischen Diensten. Die Aussichten zerschlagen15 sich, er bleibt16 an Bentheim gebunden, der völlig ruiniert nach Westfalen zurückkehrt, und entschließt17 sich erst auf Rahels energische Drohungen hin, ein Abenteuerleben aufzugeben, das nur im Kriege sinnvoll ist: »Mit Deinem derangierten Grafen rat’18 ich Dir nicht, Dich zu verketten. Geld, Mittel muß19 ein Held haben, ein Großer20. Keine |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000191 Schwindelgeschäfte wie Prinz Louis! sonst sind seine Genossen unglücklich, wenn sie ihn nicht bestehlen ...22 Also Du nimmst Deinen Abschied, und holst mich auf der Stelle23
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Varnhagen gehorcht nicht gleich. Er kann sich nicht entschliessen1, das Stückchen Realität, das ihm drei Monate Krieg in die Hände gespielt haben, einfach fahren zu lassen. Er weiss2 auch gar nicht, wovon er leben soll. Seine Stellung hat sich langsam durch Gewohnheit legitimiert, er ist quasi des Grafen Adjutant geworden, er führt seine Geschäfte, er schreibt seine Briefe. Und er beginnt jene Aufzeichnungen, die unter dem Namen Denkwürdigkeiten eine zwar oft angezweifelte, aber doch unentbehrliche historische Quelle geworden sind.
Varnhagen gehorcht nicht gleich. Er kann sich nicht entschließen1, das Stückchen Realität, das ihm drei Monate Krieg in die Hände gespielt haben, einfach fahren zu lassen. Er weiß2 auch gar nicht, wovon er leben soll. Seine Stellung hat sich langsam durch Gewohnheit legitimiert, er ist quasi des Grafen Adjutant geworden, er führt seine Geschäfte, er schreibt seine Briefe. Und er beginnt jene Aufzeichnungen, die unter dem Namen Denkwürdigkeiten eine zwar oft angezweifelte, und in der Tat höchst zweifelhafte,3 aber doch unentbehrliche historische Quelle geworden sind.
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Der gräfliche Aufenthalt bringt ihm noch etwas anderes und wirklich wichtiges1 ein. Seine Erfahrungen der letzten Jahre haben ihm immer wieder eindringlich gezeigt, wie angenehm und nützlich es ist, adlig zu sein, wie recht Rahel hat, wenn sie meint: »So lange2 es einen Adligen gibt, muss3 man auch geadelt werden«, da man sich schliesslich4 in die Welt und ihre »Fugen fügen muss.«5 Mag es nun Einsicht sein oder vielleicht nur sein rührender Gehorsam, kurz, er findet für sich die Adelsfuge u nd erreicht es wirklich, sich selbst gleichsam6 in den Adelsstand zu erheben. »In einem alten Geschichtsbuch Westfalens habe ich Nachrichten von meiner Familie, mein Wappen und die sichere Darlegung gefunden, dass7 ich von einer uralten, ritterlichen Familie von Ense, genannt Varnhagen, abstamme. Wie9 ich schon aus mündlicher Überlieferung meines Vaters ehemals gehört habe10
Der gräfliche Aufenthalt bringt ihm noch etwas anderes und wirklich Wichtiges1 ein. Seine Erfahrungen der letzten Jahre haben ihm immer wieder eindringlich gezeigt, wie angenehm und nützlich es ist, adlig zu sein, wie recht Rahel hat, wenn sie meint: »Solang2 es einen Adligen gibt, muß3 man auch geadelt werden«, da man sich schließlich4 in die Welt und ihre »Fugen fügen muß«.5 Mag es nun Einsicht sein oder vielleicht nur sein rührender Gehorsam, kurz, er findet für sich die Adelsfuge und erreicht es wirklich, sich selbst in den Adelsstand zu erheben. »In einem alten Geschichtsbuch Westfalens habe ich Nachrichten von meiner Familie, mein Wappen und die sichere Darlegung gefunden, daß7 ich von einer uralten, ritterlichen Familie,8 von Ense, genannt Varnhagen, abstamme, wie9 ich schon aus mündlicher Überlieferung meines Vaters ehemals gehört hatte10
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Für einen Liberalen, für einen erklärten Adelshasser eine etwas komische Entdeckung. Er hat schon2 in den ersten Kriegsmonaten eingesehen3: »Was haben denn die Adligen in diesem Krieg zu tun? Leider sehen sie’s als ihren Krieg an, und leider mag er’s wohl sein!« Von dieser Einsicht hat4 er nur die Empörung |227 in den letzten zwei Jahren vergessen - und nicht5 für immer vergessen. Komisch ist der Ernst, mit dem er nun die Selbsternennung zu betreiben anfängt: »Was meinen Adel betrifft, so meint Bentheim und Stein, den ich deswegen zu Rate zog, es würde niemand daran zweifeln .. Die Bestätigung vom Kaiser sei jedoch nötig, damit ich gerichtlich auftreten und Recht auf Stiftungen und dergl. erlangen könne,8 Bentheim würde sie wohl ohne Schwierigkeiten9 auswirken können10
Für einen Liberalen, für einen erklärten Adelshasser eine etwas komische Entdeckung, die wohl ohne Rahels Bemerkung nie zustande gekommen wäre1. Er schreibt noch2 in den ersten Kriegsmonaten: »Was haben denn die Adligen in diesem Krieg zu tun? Leider sehen sie’s als ihren Krieg an, und leider mag er’s wohl sein!« Diese Gesinnung muß4 er erst einmal beiseite lassen, bis er selbst adlig geworden ist;5 für immer vergessen hat er sie jedenfalls nicht6. Komisch ist der Ernst, mit dem er nun die Selbsternennung zu betreiben anfängt: »Was meinen Adel betrifft, so meint Bentheim und Stein, den ich deswegen zu Rate zog, es würde niemand daran zweifeln ...7 Die Bestätigung vom Kaiser sei jedoch nötig, damit ich gerichtlich auftreten und Recht auf Stiftungen und dergl. erlangen könne.8 Bentheim würde sie wohl ohne Schwierigkeit9 auswirken.«
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Nach einem kurzen Urlaub in der Prager Garnison nimmt Varnhagen endlich Urlaub von seinem »derangierten Grafen«,1 und fährt, um Adel und viele Beziehungen bereichert, nach Berlin, holt Rahel und fährt mit ihr zusammen nach Teplitz. In Teplitz ist wieder einmal alle Welt und Rahel zeigt sich zum ersten Mal3 in aller Öffentlichkeit mit Varnhagen. Es geht ihr gut hier in dem so berlinischen Gemisch aus Adligen, Schauspielern und Künstlern.
Nach einem kurzen Urlaub in der Prager Garnison nimmt Varnhagen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000192 endlich Urlaub von seinem »derangierten Grafen« und fährt, um Adel und viele Beziehungen bereichert, nach Berlin, holt Rahel und fährt mit ihr zusammen nach Teplitz. In Teplitz ist wieder einmal alle Welt,2 und Rahel zeigt sich zum erstenmal3 in aller Öffentlichkeit mit Varnhagen. Es geht ihr gut hier in dem so berlinischen Gemisch aus Adligen, Schauspielern und Künstlern.
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Der gemeinsame Aufenthalt war von beiden Seiten wohl2, sicher aber von Rahels, eine Art Versuchsballon. Völlig glückte er offensichtlich nicht, da Rahel die Zeit mit einer Reise nach Dresden beendet, wo sie Marwitz erwartet. Danach fährt sie nach Berlin, Varnhagen nach Prag zurück.
Der gemeinsame Aufenthalt war wohl1 von beiden Seiten, sicher aber von Rahels, eine Art Versuchsballon. Völlig glückte er offensichtlich nicht, da Rahel die Zeit mit einer Reise nach Dresden beendet, wo sie Marwitz erwartet. Danach fährt sie nach Berlin, Varnhagen nach Prag zurück.
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In Prag tut Varnhagen eigentlich nichts als Menschen sehen. Er erzählt immer noch von Rahel Wunderdinge, allerdings auch nicht mehr so uneingeschränkt wie früher. Die Teplitzer Zeit gibt ihm wohl die Legitimation, sich zu ihr zu rechnen, als ihr Verlobter aufzutreten, andererseits aber will er vorwärtskommen,1 und merkt auch, dass2 eine noch so bekannte Jüdin nicht immer3 nur nützlich ist. So kann es sogar passieren, dass4 er Brentano, dem er einige abfällige Bemerkungen Rahels über ihn hinterbracht hatte, |228 nicht hindert, einen Rachebrief an Rahel5 abzuschicken, voll der bösesten Beleidigungen, obwohl Brentano ihm diesen Brief ausdrücklich, um ihn zu provozieren, vorher vorliest. Das trägt ihm von Rahel den schlimmsten und ernstesten Krach seines Lebens ein und6 an Brentano bleibt zwar nicht Rahels, aber Varnhagens ewige Feindschaft hängen, die ihn leider bis zur Vernichtung vieler wesentlicher und aller ihn oder Rahel betreffender7 Briefstellen aus Brentanos Nachlass8 (der ihm von Bettina anvertraut war) trieb9.
In Prag tut Varnhagen eigentlich nichts als Menschen sehen. Er erzählt immer noch von Rahel Wunderdinge, allerdings auch nicht mehr so uneingeschränkt wie früher. Die Teplitzer Zeit gibt ihm wohl die Legitimation, sich zu ihr zu rechnen, als ihr Verlobter aufzutreten, andererseits aber will er vorwärtskommen und merkt auch, daß2 eine noch so bekannte Jüdin niemals3 nur nützlich ist. So kann es sogar passieren, daß4 er Brentano, dem er einige abfällige Bemerkungen Rahels über ihn hinterbracht hatte, nicht hindert, einen Rachebrief abzuschicken, voll der bösesten Beleidigungen, obwohl Brentano ihm diesen Brief ausdrücklich, um ihn zu provozieren, vorher vorliest. Das trägt ihm von Rahel den schlimmsten und ernstesten Krach seines Lebens ein,6 an Brentano bleibt zwar nicht Rahels, aber Varnhagens ewige Feindschaft hängen, die ihn leider bis zur Vernichtung vieler wesentlicher und aller ihn oder Rahel betreffenden7 Briefstellen aus Brentanos Nachlaß8 (der ihm von Bettina anvertraut war) bewog9.
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In all diesen lächerlichen[metamark |]und unwichtigen Klatschereien hat Varnhagen Rahel einen so grossen1 Dienst erwiesen, dass2 er allein genügt hätte, sie ihm für immer zu sichern. Er nutzte seine Zeit und seine Unfähigkeit, eine Sache in der Hand zu behalten, gut aus, und er begann, alles, was Rahel je an ihn über Goethe und dessen Werke geschrieben hatte, zu sammeln, zusammenzustellen, mit seinen eigenen Antworten zu versehen und das Ganze als ein kleines Bändchen Cotta anzubieten. Cotta schickte das Manuskript Goethe zu, der erst einmal, - schon ahnend, dass3 es sich um einen Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau handele - in dem Buchstaben, der Varnhagen bezeichnete,4 die Frau, in dem, der Rahel bezeichnete, den Mann vermutete. Varnhagen selbst berichtet über die leise Ironie, mit der Goethe seine eigenen Aussprüche bzw. Briefstellen behandelt hat. Und er berichtet gleichzeitig das schöne Wort über Rahel: »Jene urteilt eigentlich nicht, sie hat den Gegenstand, und insofern sie ihn nicht besitzt, geht er sie nichts an.«
In all diesen lächerlichen und unwichtigen Klatschereien hat Varnhagen Rahel einen so großen1 Dienst erwiesen, daß2 er allein genügt hätte, sie ihm für immer zu sichern. Er nutzte seine Zeit und seine Unfähigkeit, eine Sache in der Hand zu behalten, gut aus, und er begann, alles, was Rahel je an ihn über Goethe und dessen Werke geschrieben hatte, zu sammeln, zusammenzustellen, mit seinen eigenen Antworten zu versehen und das Ganze als ein kleines Bändchen Cotta anzubieten. Cotta schickte das Manuskript Goethe zu, der erst einmal, - schon ahnend, daß3 es sich um einen Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau handele - in dem Buchstaben, der Varnhagen bezeichnete die Frau, in dem, der Rahel bezeichnete, den Mann vermutete. Varnhagen selbst berichtet über die leise Ironie, mit der Goethe seine eigenen Aussprüche |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000193 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000194 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000195 bzw. Briefstellen behandelt hat. Und er berichtet gleichzeitig das schöne Wort über Rahel: »Jene urteilt eigentlich nicht, sie hat den Gegenstand, und insofern sie ihn nicht besitzt, geht er sie nichts an.«
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Ein Brief von Goethe: das war mehr als eine persönliche Freude. Das war durchaus ein Schritt vorwärts zur Bekanntheit, zum Arrivieren. Goethe wurde für Varnhagen zur Beziehung, und er erreichte damit all das, was Rahel ihr ganzes Leben nicht erlangt hatte, weil sie es nicht wollte. »Seit Goethen’s Brief vor mir liegt. Wie eine Überschwemmung ist es über mich gekommen: ein Meer ist alles; und es muß sich erst jedes nach und nach daraus bilden. Ob ich Dir danke - Du weißt es; Du wirst es erfahren. Du weißt, ob ich eitel nach Beifall strebe, den ich mir nicht selbst gebe; ob ich große Bemühungen anstelle, um gelobt zu werden. Aber meine wirklich namenlose Liebe und bewundernde Verehrung dem herrlichsten Mann und Menschen einmal zu Füßen legen zu können, war der geheime, stille Wunsch meines ganzen Lebens, seiner Dauer und seiner Intensität nach. In Einer Sache hab’ ich meinem tiefsten Innersten gefolgt, mich von Goethe scheu zurückzuhalten.« Rahel wird auch dies nicht ausnutzen, für ihr Leben bleibt die Anerkennung Goethes gänzlich ohne Konsequenzen. Er ist, könnte man sagen, der einzige Mensch, den sie nie hat kennenlernen wollen, nie auch nur den Versuch gemacht hat, kennenzulernen. Denn die flüchtige Bekanntschaft des jungen Mädchens in Karlsbad mit dem schon berühmten Mann kann man schwerlich als ein Kennen oder auch nur als ein Treffen bezeichnen. Wenige Jahre, nachdem Varnhagen diesen Brief für sie erreicht hat, begegnet sie ihm wieder. Durch Zufall sieht sie, daß er gleich ihr auf Reisen in Frankfurt ist und schreibt ihm ein kurzes Billet. Darauf kommt er, ohne sich vorher anzusagen, sie besuchen. Als er ihr gemeldet wird, ist sie nicht angezogen. »Ich lasse ihn eintreten und nur so lange warten, als man Zeit braucht, einen Überrock überzuknöpfen; es war ein schwarzer Wattenrock; und so trete ich vor ihn. Mich opfernd, um ihn nicht einen Moment warten zu lassen. ... Im ganzen war er wie der vornehmste Fürst: aber wie ein äußerst guter Mann; voller aisance, aber Persönlichkeiten ablehnend ... Er ging sehr bald. ... Es war mir recht. Ich fühle, daß ich mich im ganzen so betragen habe, wie damals in Karlsbad. ... Aber wenn man einen nur einen Moment nach so langjähriger Liebe und Leben und Beten und Weben und Beschäftigung zu sehen bekommt, dann ist es so. ... Als er weg war, zog ich mich sehr schön an, als wollt’ ich’s nachholen, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000196 redressieren! Ein schönes weißes Kleid mit hohem schönen Kragen: eine Spitzenhaube, einen Kantenschleier, den Moskauer Shawl ...« Ein größeres Kompliment, eine größere Selbstbescheidung als sich nicht zurechtzumachen, um den Mann auch »nicht einen Moment warten zu lassen«, kann eine Frau einem Manne wohl nicht erweisen.
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Ein Brief von Goethe: das war mehr als eine persönliche Freude. Das war durchaus ein Schritt vorwärts zur Bekanntheit, zum |229 Arrivieren. Goethe wurde für1 Varnhagen zur Beziehung, und er erreichte damit all das, was Rahel ihr ganzes Leben nicht erlangt hatte, weil sie es nicht wollte. »Seit Goethen’s Brief vor mir liegt. Wie eine Überschwemmung2 ist es über mich gekommen: ein Meer ist alles; und es muss sich erst jedes nach und nach daraus bilden. Ob ich Dir danke - Du weisst es; Du wirst es erfahren. Du weisst, ob ich eitel nach Beifall strebe, den ich mir nicht selbst gebe; ob ich grosse Bemühungen anstelle um gelobt zu werden. Aber meine wirklich namenlose Liebe und bewundernde Verehrung dem herrlichen Mann und Menschen einmal zu Füssen legen zu können, war3 der geheime, stille Wunsch meines ganzen Lebens, seiner Dauer und seiner Intensität nach. In Einer Sache hab’ ich meinem tiefsten Innersten gefolgt, mich von Goethe scheu zurückzuhalten.« Rahel wird auch dies nicht ausnutzen, für ihr Leben bleibt auch die Anerkennung Goethes gänzlich ohne Konsequenzen. Für Varnhagen ist der4 Brief, den er wie einen Triumph, wie einen Beweis überall vorzeigt, viel mehr und viel weniger. Denn er weiss5 recht gut, dass6 er den Triumph dem Buchstaben G, der Rahel symbolisiert, und nicht dem eigenen verdankt. »Mit Dir hab’ ich diesen Sieg erfochten, Dich hab’ ich als unbezwingliche Waffe geführt. .. Das hab’ ich zuwege gebracht, dass8 wir nun von dem weisesten Dichter die edelsten Aussprüche über Deinen Geist besitzen, dass9 ihr, die10 Geister,11 euch im dunklen Nebel entgegenwinkt.« Unglaubhaft die masslose Überschätzung12, wenn man sich das massvoll13 Anerkennende des Goetheschen14 Briefes vor Augen hält. Aber wichtiger für Varnhagen - schliesslich15, da Rahel sich ja mit ihm eingelassen hat, auch für sie - ist, »der ungeheure16 Vorteil, den Stern eines freundlichen Verhältnisses zu dem weisesten |230 Vorsteher unserer Literatur,17 am Horizont heraufdämmern zu sehen, der, wenn er auch bald wieder unterginge, doch seinen Schimmer auf meiner Bahn zurücklässt!«18
Für1 Varnhagen aber2 ist der Brief, den er wie einen Triumph, wie einen Beweis überall vorzeigt, viel mehr und viel weniger. Denn er weiß5 recht gut, daß6 er den Triumph dem Buchstaben G, der Rahel symbolisiert, und nicht dem eigenen verdankt. »Mit Dir hab’ ich diesen Sieg erfochten, Dich hab’ ich als unbezwingliche Waffe geführt. ...7 Das hab’ ich zuwege gebracht, daß8 wir nun von dem weisesten Dichter die edelsten Aussprüche über Deinen Geist besitzen, daß9 ihr wie10 Geister euch im dunklen Nebel entgegenwinkt.« Diese maßlose Übertreibung des Goethenschen Urteils wirkt um so krasser12, wenn man sich das maßvoll13 Anerkennende des Goethenschen14 Briefes vor Augen hält. Aber wichtiger für Varnhagen - schließlich15, da Rahel sich ja mit ihm eingelassen hat, auch für sie - ist, »den ungeheuren16 Vorteil, den Stern eines freundlichen Verhältnisses zu dem weisesten Vorsteher unserer Literatur am Horizont heraufdämmern zu sehen, der, wenn er auch bald wieder unterginge, doch seinen Schimmer auf meiner Bahn zurückläßt«!18
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Prag war in jenen Jahren eine Art Mittelpunkt sowohl der politischen wie der Schriftstellerwelt. Stein, der von Napoleon aus Preussen1 ausgewiesen war, hatte sich dort niedergelassen, und um ihn versammelten sich die preussischen2 Patrioten. Auch Varnhagen lernt ihn kennen,3 und hofft4 lange, einmal durch ihn eine Stelle in der preussischen5 Verwaltung oder im diplomatischen Dienst zu bekommen. Als 1812 der Krieg zwischen Frankreich und Russland6 ausbrach, zerstreute sich der Kreis, der ohnehin Prag nur als provisorische Zufluchtsstätte angesehen hatte. Stein ging nach Russland7. Weder Österreich noch Preussen8 schlossen sich Russland9 an; viele Patrioten verliessen11 daher den österreichischen oder preussischen13 Dienst, um auf eigene Faust unter russischem Kommando Napoleon zu bekämpfen. Einige von Varnhagens Freunden waren schon diesen Weg gegangen und auch ihm liegt15 er nahe. Nur hat16 er, trotz seiner guten Erfahrungen mit Kriegschancen keine grosse17 Lust, sich jetzt, da er schon etwas gewonnen hat18, noch einmal der Unberechenbarkeit des Zufalls auszusetzen. Er versucht erst, mit Empfehlungen von Humboldt und Metternich an Hardenberg, den preussischen19 Staatskanzler, heranzukommen. Ausschlaggebend ist20 dafür wohl auch Rahels Wunsch gewesen, nur, wenn es sich gar nicht vermeiden liess21, in den Krieg zu ziehen. Denn Krieg ist ihr keineswegs, wie aller Welt um sie, Beginn22 und Wiederanfang23, sondern »das Drunter- und Drübergehen der Welt«. So geht Varnhagen wirklich nach Berlin, allerdings ohne eine Anstellung zu finden, überall Versprechungen |231 hörend, im ganzen in genau derselben vagen Situation wie vorher.
Prag war in jenen Jahren eine Art Mittelpunkt sowohl der politischen wie der Schriftstellerwelt. Stein, der von Napoleon aus Preußen1 ausgewiesen war, hatte sich dort niedergelassen, und um ihn versammelten sich die preußischen2 Patrioten. Auch Varnhagen lernt ihn kennen und hoffte4 lange, einmal durch ihn eine Stelle in der preußischen5 Verwaltung oder im diplomatischen Dienst zu bekommen. Als 1812 der Krieg zwischen Frankreich und Rußland6 ausbrach, zerstreute sich der Kreis, der ohnehin Prag nur als provisorische Zufluchtsstätte angesehen hatte. Stein ging nach Rußland7. Weder Österreich noch Preußen8 schlossen sich Rußland9 an; und10 viele entschlossen sich11 daher,12 den österreichischen oder preußischen13 Dienst zu verlassen14, um auf eigene Faust unter russischem Kommando Napoleon zu bekämpfen. Einige von Varnhagens Freunden waren schon diesen Weg gegangen und auch ihm lag15 er nahe. Nur hatte16 er, trotz seiner guten Erfahrungen mit Kriegschancen keine große17 Lust, sich jetzt, da er schon etwas gewonnen hatte18, noch einmal der Unberechenbarkeit des Zufalls auszusetzen. Er versucht erst, mit Empfehlungen von Humboldt und Metternich an Hardenberg, den preußischen19 Staatskanzler, heranzukommen. Ausschlaggebend war20 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000197 dafür wohl auch Rahels Wunsch gewesen, nur, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ21, in den Krieg zu ziehen. Denn Krieg ist ihr keineswegs, wie aller Welt um sie, Neubeginn22 und Befreiung23, sondern »das Drunter- und Drübergehen der Welt«. So geht Varnhagen wirklich nach Berlin, allerdings ohne eine Anstellung zu finden, überall Versprechungen hörend, im ganzen in genau derselben vagen Situation wie vorher.
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Erst als anfangs1 1813 Berlin von2 den Russen besetzt wurde3, meldete auch Varnhagen sich zu den russischen Waffen und findet dank seiner Beziehungen sofort einen Platz im Regiment des Obersten von Tettenborn, als kaiserlich-russischer Hauptmann. Bevor er sich endgültig bindet, versichert er sich noch, dass4 die preussische5 und russische Sache auch offiziell für identisch anerkannt wird. Denn das ist natürlich ausschlaggebend für alle späteren Konsequenzen. So geht er mit Tettenborn nach Hamburg und wird dort wieder der Vertrauensmann und Sekretär des Obersten. Nicht nur seine Stellung ist die gleiche wie 1809 bei Bentheim, sondern auch die Ausdrücke, mit denen er von dem einen und dem andern spricht, die peinlich übertriebenen Lobpreisungen der Grosszügigkeit6, Freundlichkeit, Tapferkeit, Milde, Aufgeklärtheit usf7. ähneln einander so sehr, dass8 man ruhig die Briefe austauschen, die Namen verwechseln könnte, es wäre nichts geändert.
Erst als Anfang1 1813 Preußen in nähere Beziehung zu2 den Russen trat3, meldete auch Varnhagen sich zu den russischen Waffen und findet dank seiner Beziehungen sofort einen Platz im Regiment des Obersten von Tettenborn, als kaiserlich-russischer Hauptmann. Bevor er sich endgültig bindet, versichert er sich noch, daß4 die preußische5 und russische Sache auch offiziell für identisch anerkannt wird. Denn das ist natürlich ausschlaggebend für alle späteren Konsequenzen. So geht er mit Tettenborn nach Hamburg und wird dort wieder der Vertrauensmann und Sekretär des Obersten. Nicht nur seine Stellung ist die gleiche wie 1809 bei Bentheim, sondern auch die Ausdrücke, mit denen er von dem einen und dem andern spricht, die peinlich übertriebenen Lobpreisungen der Großzügigkeit6, Freundlichkeit, Tapferkeit, Milde, Aufgeklärtheit usw7. ähneln einander so sehr, daß8 man ruhig die Briefe austauschen, die Namen verwechseln könnte, es wäre nichts geändert.
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Doch, eines hat sich geändert: er1 ist patriotischer geworden. Er merkt später als die anderen, aber doch noch früher als Rahel, dass2 das unerlässlich3 ist. Er schreibt »berauscht vom Jubel, den ich erfahren habe, von der Kraft, die ich vor mir sehe, von dem glücklichen Gelingen, das unausbleiblich ist.« Er weiss5, dass6 es nötig wird, »persönlich und namentlich ›mitverflochten‹ zu sein«, achtet scharf auf persönlichen Nutzen;7 rezensiert z. B. überschwänglich8 lobend die recht dürftigen Kriegsgedichte des Geheimen Staatsrats9 Stägemann, froh, sich »Stägemann sehr verpflichtet zu haben«; wehrt Rahels Einwände, die viel instinktloser ist11 als er, mit der Bemerkung ab, dass12 immer »das auf der einen Seite Vorteil13 |232 bringt, was auf der anderen schaden könnte14
Doch, eines hat sich geändert: Varnhagen1 ist patriotischer geworden. Er merkt später als die anderen, aber doch noch früher als Rahel, daß2 das unerläßlich3 ist. Er schreibt »berauscht vom Jubel, den ich erfahren habe, von der Kraft, die ich vor mir sehe, von dem glücklichen Gelingen, das jetzt4 unausbleiblich ist.« Er weiß5, daß6 es nötig wird, »persönlich und namentlich ›mitverflochten‹ zu sein«, achtet scharf auf persönlichen Nutzen - -7 rezensiert z. B. überschwenglich8 lobend die recht dürftigen Kriegsgedichte des Geheimen Staatsrates9 Stägemann, froh, sich »Stägemann sehr verpflichtet zu haben«; wehrt Rahels Einwände, die für solche Dinge10 viel weniger Instinkt hat11 als er, mit der Bemerkung ab, daß12 immer »das auf der einen Seite Vorteile13 bringt, was auf der anderen schaden könnte«.14
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Bei Rahel geht diese Umstellung erheblich langsamer. Sie hört nicht auf zu mahnen: »Vergiss1 nicht, dass2 nach dieser Zeit für die leben bleiben, noch eine ist; wo alles wieder in die faule Ordnung kommt, und die Besitzer die Anderen4 auslachen.« Sie drängt darauf, alle Errungenschaft5 des Krieges gleich zivil und rechtlich bestätigen zu lassen, so den Titel Kaiserlicher Hauptmann: »Menschen sind sterblich; im Kriege doppelt.« Patriotismus als solcher ist ihr trotz all der vorbereitenden Jahre noch immer so fremd wie am ersten Tage. Sie lebt wieder ganz in ihrer Familie - keiner der Brüder meldet sich freiwillig! - hält sehr naiv, weil ganz ahnungslos, mit ihrer wahren Meinung nicht zurück, die sie wenig später, aber nur für die Dauer des Krieges,7 dem Druck der öffentlichen Meinung doch erliegend, schleunigst ändert: »Dass8 wir Deutsche heissen9 und sind, ist eine Zufälligkeit; und die Aufblaserei, dies so gross10 hervortreten lassen zu wollen, wird mit einem Zerplatzen dieser Torheit endigen.«
Bei Rahel geht diese Umstellung erheblich langsamer. Sie hört nicht auf zu mahnen: »Vergiß1 nicht, daß2 nach dieser Zeit für die, die3 leben bleiben, noch eine ist; wo alles wieder in die faule Ordnung kommt, und die Besitzer die anderen4 auslachen.« Sie drängt darauf, alle Errungenschaften5 des Krieges gleich zivil und rechtlich bestätigen zu lassen, so den Titel Kaiserlicher Hauptmann: »Menschen sind sterblich; im Kriege |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000198 doppelt.« Patriotismus als solcher ist ihr trotz all der vorbereitenden Jahre noch immer so fremd wie am ersten Tage. Sie lebt wieder ganz in ihrer Familie - keiner der Brüder meldet sich freiwillig! -,6 hält sehr naiv, weil ganz ahnungslos, mit ihrer wahren Meinung nicht zurück, die sie wenig später, aber nur für die Dauer des Krieges dem Druck der öffentlichen Meinung doch erliegend, schleunigst ändert: »Daß8 wir Deutsche heißen9 und sind, ist eine Zufälligkeit; und die Aufblaserei, dies so groß10 hervortreten lassen zu wollen, wird mit einem Zerplatzen dieser Torheit endigen.«
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Rahel ist für den Krieg so nicht zu gewinnen. So lange es in der Initiative Einzelner1 lag, sich aus Patriotismus hier oder da anwerben zu lassen, ist sie nicht dazu zu bewegen, anders zu fragen, als: ist er opportun oder nicht opportun? Erst als der Krieg den Anschein einer Revolte des ganzen Volkes gegen die Regierung, gegen die Politik der Kabinette, gegen den Adel gewann, erst da schliesst sie2 sich der neuen3 Bewegung an4. Varnhagen schreibt: »Von Adel, Geburt und Rang ist nirgends mehr die Rede; eine feinere Bildung aber, eine rechte Tüchtigkeit, die gelten viel, und werden bereitwillig anerkannt. Auch in dieser Rücksicht |233 gibt dieser Krieg uns die beste Hoffnung, und was sich in Ansehung der Meinung aus ihm entwickeln wird, ist wohl viel bedeutender, als alle Veränderungen der Staaten und ihrer Grenzen.« Das allerdings klingt in Rahels Ohren wie eine Erfüllung jener Voraussagen Fichtes in den Reden an die deutsche Nation, an denen sie ihren Patriotismus zum ersten Male entdeckte und auf die sie ihn später stets zurückführt5. Hier ist sie faktisch interessiert. Hier scheinen sich andere Möglichkeiten zu öffnen als »Steigen oder Fallen« Einzelner6, als Vorwärtskommen einiger fast schon Deklassierter. Und jetzt scheint wirklich das anzubrechen, was Fichte für eine viel spätere Generation prophezeit hatte: die Aufhebung aller Stände im Aufschwung des ganzen Volkes.
Rahel ist für den Krieg so nicht zu gewinnen. So lange es in der Initiative einzelner1 lag, sich aus Patriotismus hier oder da anwerben zu lassen, ist sie nicht dazu zu bewegen, anders zu fragen, als: ist er opportun oder nicht opportun? Erst als der Krieg den Anschein einer Revolte des ganzen Volkes gegen die Regierung, gegen die Politik der Kabinette, gegen den Adel gewann, beginnt sie, in2 sich gewisse Sympathien für die neue3 Bewegung zu entdecken4. Varnhagen schreibt: »Von Adel, Geburt und Rang ist nirgends mehr die Rede; eine feinere Bildung aber, eine rechte Tüchtigkeit, die gelten viel, und werden bereitwillig anerkannt. Auch in dieser Rücksicht gibt dieser Krieg uns die beste Hoffnung, und was sich in Ansehung der Meinung aus ihm entwickeln wird, ist wohl viel bedeutender, als alle Veränderungen der Staaten und ihrer Grenzen.« Das allerdings klingt in Rahels Ohren wie eine Erfüllung jener Voraussagen Fichtes in den Reden an die deutsche Nation, an denen sie ihren Patriotismus zum ersten Male entdeckte und auf die sie ihn später stets zurückführte5. Hier ist sie faktisch interessiert. Hier scheinen sich andere Möglichkeiten zu öffnen als »Steigen oder Fallen« einzelner6, als Vorwärtskommen einiger fast schon Deklassierter. Und jetzt scheint wirklich das anzubrechen, was Fichte für eine viel spätere Generation prophezeit hatte: die Aufhebung aller Stände im Aufschwung des ganzen Volkes.
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So beginnt ihre Vaterlandsbegeisterung absurderweise1 mit der enthusiastischen Bewunderung aller Proklamationen, in denen dem französischen Volke nicht Unrecht getan wird, in denen man »den Feind zu ehren weiss2, die Nation schont und nicht schimpft«. Was für die anderen höchstens ein Nebenbei ist: Rechtlichkeit auch im Kriege, ist ihr die Hauptsache; ja der ganze Krieg brauchte, ginge es nach ihr, nur zu zeigen, dass3 die grösste4 Tugend der aufgeklärten Menschheit: Gerechtigkeit immer und überall siegen kann. Mit dieser Tugend identifiziert sie das deutsche Volk, um auf solch merkwürdigen6 Umweg, den nach ihr fast alle Generationen8 des deutschen Judentums gegangen sind, zu einer Identifizierung mit dem deutschen Patriotismus zu kommen.
So beginnt ihre Vaterlandsbegeisterung mit der enthusiastischen Bewunderung aller Proklamationen, in denen dem französischen Volke nicht Unrecht getan wird, in denen man »den Feind zu ehren weiß2, die Nation schont und nicht schimpft«. Was für die anderen höchstens ein Nebenbei ist: Rechtlichkeit auch im Kriege, ist ihr die Hauptsache; ja der ganze Krieg brauchte, ginge es nach ihr, nur zu zeigen, daß3 die größte4 Tugend der aufgeklärten Menschheit: Gerechtigkeit,5 immer und überall siegen kann. Mit dieser Tugend identifiziert sie das deutsche |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000199 Volk, um auf solch merkwürdigem6 Umweg, den nach ihr auf diese oder jene Manier7 fast alle offiziellen Wortführer8 des deutschen Judentums gegangen sind, zu einer Identifizierung mit dem deutschen Patriotismus zu kommen.
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Varnhagens Patriotismus reisst1 sie mit, d.h. seine Art, den Krieg zu interpretieren, ermöglicht ihr die Anteilnahme. Wie |234 recht hatte sie gehabt, sich dem anzuschliessen2, der erst nach oben kommen muss3, also in vielem denselben Ausgangspunkt hat, vieles aus dem gleichen Gesichtswinkel beurteilen muss4, wie sie selbst. Varnhagen nämlich sieht diesen ganzen Feldzug wie eine Art Fortsetzung der Französischen Revolution an, die zwar selber ehemals »ausartete«, deren Errungenschaften aber gerade durch diesen Befreiungskrieg, durch den Aufstand des Volkes jetzt auch Preussen5 zuteil werden sollen. »Dass6 man die französische7 Revolution schelte, das leide ich nicht« (Varnhagen).8 Ihm scheint dieser Krieg die grosse9 Chance des Bürgertums, sein Ziel die Erhebung des Titels Bürger zum Ehrentitel. So schreibt er in einem Artikel in der von ihm redigierten Feldzeitung, anlässlich10 der Ernennung des Generals Tettenborn zum Ehrenbürger der Stadt Bremen: »Dass11 Männer aus den höchsten Ständen und mit den höchsten Staatsämtern bekleidet, eine Ehre darin finden, Bürger genannt zu werden und einem Stande anzugehören, der sonst von ihresgleichen in den Zeiten der Torheit und der Anmassung13 geringer geachtet wurde, tut unwiderleglich dar, dass14 diese Zeiten vorüber und die Versöhnung der Stände auf die herrlichste Weise begonnen ist. So trifft bei uns in edler Entwicklung ruhig und gelassen ein, welches16 die Franzosen, nicht so begünstigt, aber doch mit edlem Eifer, ehemals durch harte Gewalt ihren störrischen Mitbrüdern für eine Zeit abdrangen.«
Varnhagens Patriotismus reißt1 sie mit, d. h. seine Art, den Krieg zu interpretieren, ermöglicht ihr die Anteilnahme. Wie recht hatte sie gehabt, sich dem anzuschließen2, der erst nach oben kommen muß3, also in vielem denselben Ausgangspunkt hat, vieles aus dem gleichen Gesichtswinkel beurteilen muß4, wie sie selbst. Varnhagen nämlich sieht diesen ganzen Feldzug wie eine Art Fortsetzung der Französischen Revolution an, die zwar selber ehemals »ausartete«, deren Errungenschaften aber gerade durch diesen Befreiungskrieg, durch den Aufstand des Volkes jetzt auch Preußen5 zuteil werden sollen. »Daß6 man die Französische7 Revolution schelte, das leide ich nicht8 Ihm scheint dieser Krieg die große9 Chance des Bürgertums, sein Ziel die Erhebung des Titels Bürger zum Ehrentitel. So schreibt er in einem Artikel in der von ihm redigierten Feldzeitung, anläßlich10 der Ernennung des Generals Tettenborn zum Ehrenbürger der Stadt Bremen: »Daß11 Männer aus den höchsten Ständen und mit den höchsten Staatsämtern bekleidet, eine Ehre darin finden, Bürger genannt zu werden und einem Stande mit12 anzugehören, der sonst von ihresgleichen in den Zeiten der Torheit und der Anmaßung13 geringer geachtet wurde, tut unwiderleglich dar, daß14 diese Zeiten vorüber und die Versöhnung der Stände auf die herrlichste Weise begonnen ist. So trifft bei uns in edler Entwicklung ruhig und gelassen von selbst die ausgleichende Gerechtigkeit15 ein, welche16 die Franzosen, nicht so begünstigt, aber doch mit edlem Eifer, ehemals durch harte Gewalt ihren störrischen Mitbrüdern für eine Zeit abdrangen.«
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Für das preussische1 Judentum, das gerade durch das Edikt von 1812 zu Bürgern des Staates gemacht worden war, war2 der Krieg die erste Gelegenheit, seine Zugehörigkeit zu beweisen |235 und sich zu legitimieren. Rahel beginnt zu tun, was alle Frauen ihrer Umgebung machen: Hilfe zu organisieren, Geld und Sachen für Verwundete zu sammeln usw. »Gäben doch die Christen so wie die Juden«, schreibt sie, »dann wäre hier wenigstens keine Not.« Alles versuchte3 an sichtbarster Stelle,4 die schwersten Opfer zu bringen - und zeigte5 damit aufs deutlichste, wie wenig sicher man sich trotz des Ediktes fühlte. Tausende gingen6 als Freiwillige in den Krieg - den ersten Krieg, in dem Juden auf deutscher Seite kämpfen - und alle Frauen waren7 auf den Beinen. Sie brachten8 Geld und Sachen, mehr als die andern, man reihte9 sie gern ein, sie durften10 mittun.
Für das preußische1 Judentum, das gerade durch das Edikt von 1812 zu Bürgern des Staates gemacht worden war, ist2 der Krieg die erste Gelegenheit, seine Zugehörigkeit zu beweisen und sich zu legitimieren. Rahel beginnt zu tun, was alle Frauen ihrer Umgebung machen: Hilfe zu organisieren, Geld und Sachen für Verwundete zu sammeln usw. »Gäben doch die Christen so wie die Juden«, schreibt sie, »dann wäre hier wenigstens keine Not.« Alles versucht,3 an sichtbarster Stelle die schwersten Opfer zu bringen - und zeigt5 damit aufs deutlichste, wie wenig sicher man sich trotz des Ediktes fühlte. Tausende gehen6 als Freiwillige in den Krieg - den ersten Krieg, in dem Juden auf deutscher Seite kämpfen - und alle Frauen sind7 auf den Beinen. Sie bringen8 Geld und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000200 Sachen, mehr als die andern, man reiht9 sie gern ein, sie dürfen10 mittun. Dieser ganze patriotische Betrieb hindert Rahel nicht, aus Berlin zu fliehen, als der Krieg immer näher kommt, nach Österreich und Prag zu fahren, das sich den verbündeten Truppen noch nicht angeschlossen hat. Dabei flieht sie weniger vor dem Kriege, als daß sie den Krieg als Vorwand benutzt, um endlich sich von ihrer Familie zu trennen. Denn als der Krieg schließlich auch Österreich mit hineinzieht und Massen von Soldaten und Verwundeten Prag überschwemmen, ist sie keineswegs unglücklich, bleibt da und wird mit jedem Tag begeisterter für Preußen.11
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Der ganze Patriotismus hindert Rahel nicht, aus Berlin zu fliehen, als der Krieg immer näher kommt, nach Österreich und Prag zu fahren, das sich den verbündeten Truppen noch nicht angeschlossen hat. Die Flucht gilt weniger dem Kriege noch als der Familie. Denn als der Krieg schliesslich auch Österreich mit hineinzieht, und Massen von Soldaten und Verwundeten Prag überschwemmen, ist sie keineswegs unglücklich, bleibt da und wird mit jedem Tag begeisterter für Preussen.
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Flucht aus der Familie: »Nach Hause aber habe ich beschlossen, gehe ich ohne neue grosse2 Veranlassung nicht wieder. Dort muss3 meine letzte Existenz von Brüdern, Freunden, Feinden, Bekannten, Behörden, und jedem Menschen, ganz und von mir besonders vergessen werden! die war zu ruppig!« Flucht also aus der ganzen früheren Existenz, Flucht alles in allem zu Varnhagen. Der verdient zum ersten Mal4, kann ihr zum ersten Mal5 das Leben sichern, gibt ihr Reisegeld, verschafft ihr in dem überfüllten |236 Prag dank seiner Beziehungen zu Bentheim ein Quartier. Hier,6 in Prag,7 geht es ihr gut, endlich wieder, seit langer Zeit; so gut wie vielleicht noch nie. Sie lebt in einer fremden Stadt, aber unter alten Freunden. Marwitz ist verwundet eine Zeit zur Pflege bei ihr, Gentz kümmert sich wieder, schreibt ihr täglich kleine Billets. Die Fremde, der Krieg, die praktische Arbeit haben entscheidende gesellschaftliche Vorteile. Ihr Fremdsein ist legitimiert durch Flucht; das allgemeine Unglück hat sie mitbetroffen, es ist also eins mit Titeln und Namen, also für sie ein Glück. »Kann ich im fremden Orte nicht bei mir empfangen, nicht mitteilen; so habe ich den Titel und den Stand: Fremde; und natürlich ergibt sich’s da, dass8 ich aufgenommen werde: und alle Verrenkung, jedes schmerzhafte Bedauern der vergangenen Tage fällt weg.« Ihre alte »Witz- und Scherzlaune« kommt wieder, sie lebt auf, denn in dieser Ausgestossenheit9, die nicht die ihre ist, sondern die aller Menschen, in der sich jeder befinden kann, kann sie sich »frei« fühlen, frei »besonders von den alten so sehr verkehrten und gehassten10 und langen Lasten«. Fremde, Ausgestossensein11 ist in Prag kein zerstörendes Schicksal, schwer und mühsam zu verbergen als Unglück und Schande, sondern wird zum sozialen Phänomen. Unter diesen Umständen hat sie noch den Vorzug, an solches Leben von je gewohnt zu sein; ihr ist die Fremde ja nicht fremd, sie kann hier dahinter12 ihre Beziehungslosigkeit verbergen.
Flucht aus der Familie: »Nach Hause aber,1 habe ich beschlossen, gehe ich ohne neue große2 Veranlassung nicht wieder. Dort muß3 meine letzte Existenz von Brüdern, Freunden, Feinden, Bekannten, Behörden, und jedem Menschen, ganz und von mir besonders vergessen werden! die war zu ruppig!« Flucht also aus der ganzen früheren Existenz, Flucht alles in allem zu Varnhagen. Der verdient zum erstenmal4, kann ihr zum erstenmal5 das Leben sichern, gibt ihr Reisegeld, verschafft ihr in dem überfüllten Prag dank seiner Beziehungen zu Bentheim ein Quartier. Hier in Prag geht es ihr gut, endlich wieder, seit langer Zeit; so gut wie vielleicht noch nie. Sie lebt in einer fremden Stadt, aber unter alten Freunden. Marwitz ist verwundet eine Zeit zur Pflege bei ihr, Gentz kümmert sich wieder, schreibt ihr täglich kleine Billets. Die Fremde, der Krieg, die praktische Arbeit haben entscheidende gesellschaftliche Vorteile. Ihr Fremdsein ist legitimiert durch Flucht; das allgemeine Unglück hat sie mitbetroffen, es ist also eins mit Titeln und Namen, also für sie ein Glück. »Kann ich im fremden Orte nicht bei mir empfangen, nicht mitteilen; so habe ich den Titel und den Stand: Fremde; und natürlich ergibt sich’s, daß da8 ich aufgenommen werde: und alle Verrenkung, jedes schmerzhafte Bedauern der vergangenen Tage fällt weg.« Ihre alte »Witz- und Scherzlaune« kommt wieder, sie lebt auf, denn in dieser Ausgestoßenheit9, die nicht die ihre ist, sondern die aller Menschen, in der sich jeder befinden kann, kann sie sich »frei« fühlen, frei »besonders von den alten so sehr verkehrten und gehaßten10 und langen Lasten«. Fremde, Ausgestoßensein11 ist in Prag kein zerstörendes Schicksal, schwer und mühsam zu verbergen als Unglück und Schande, sondern wird zum sozialen Phänomen. Unter diesen Umständen hat sie noch den Vorzug, an solches Leben von je gewohnt zu sein; ihr ist die Fremde ja nicht fremd, sie kann hinter ihr12 ihre Beziehungslosigkeit verbergen.
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Jüdin-sein ist ihr nun eine Situation, eine schlechte Lage in der Welt, nichts sonst. Nirgends zeigt sich das deutlicher als |237 hier. Sobald alle in ihrer Situation sind - Fremde - ist sie nicht mehr identisch mit sich. Sie vergleicht ihre Lage mit der alten schönen Zeit bis 1806, da sie gesellschaftlich besser, unbehelligt und unbelastet lebte. Und es scheint ihr jetzt, dass2 sie wieder so wird, wie sie damals war: »Aber ich glaube es geht mit meiner Laune so zu: da ist sie immer; nur unterdrückt; da ich hier so eigentlich kein Verhältnis habe, als neue, nicht drückende,4 verjährte, und aus der grossen5 Angst bin, obgleich ich nicht anders fühle, denke und fürchte für6 unser Land, und unserer beiden Zustände: doch aber alles dies suspendu ist, und ich nichts davon höre und sehe und dazu tun kann: so duckt das ganze7 alte Sein bei mir auf. Besonders aber fühl’ ich dieses Aufducken ganz wie von Elastizität in mir hinausgetrieben8: ich war zu lange zu gedrückt: ich sagte es immer. Da ich nun nicht gestorben bin; mein Wesen in mir nicht getötet, so lebt es wie ein aus einer Verschüttung Geretteter. Das Leben ist auch manchmal wunderbar hartnäckig.« Also hat ihr9 das Weiterleben, zu dem sie sich so schwer hat entschliessen10 können, doch gelohnt. Sie sieht wirklich ein, jetzt, da es ihr für kurze Zeit gut geht, wie schön und über alles zu lieben immer noch das Leben ist. Das »Aufducken der Elastizität« - das ist ihre Kriegskarriere, das verdankt sie dem Krieg. Und sie verdankt ihm ein sehr momentanes Erlöschen der gesellschaftlichen Unterschiede.
Jüdin-sein ist ihr nun eine Situation, eine schlechte Lage in der Welt, nichts sonst. Nirgends zeigt sich das deutlicher als hier. Sobald alle in ihrer Situation sind - Fremde -,1 ist sie nicht mehr identisch mit sich. Sie vergleicht ihre Lage mit der alten schönen Zeit bis 1806, da sie gesellschaftlich besser, unbehelligt und unbelastet lebte. Und es scheint ihr jetzt, daß2 sie wieder so wird, wie sie damals war: »Aber ich glaube,3 es geht mit meiner Laune so zu: da ist sie immer; nur unterdrückt; da ich hier so eigentlich kein Verhältnis habe, als neue, nicht drückende verjährte, und aus der großen5 Angst bin, obgleich ich nicht anders fühle, denke und fürchte über6 unser Land, und unserer beiden Zustände: doch aber alles dies suspendu ist, und ich nichts davon höre und sehe und dazu tun kann: so duckt das ganz7 alte Sein bei mir auf. Besonders aber fühl’ ich dieses Aufducken ganz wie von Elastizität in mir hinaufgetrieben8: ich war zu lange zu gedrückt: ich sagte es immer. Da ich nun nicht gestorben bin; mein Wesen in mir nicht getötet, so lebt es wie ein aus einer Verschüttung Geretteter. Das Leben ist auch manchmal wunderbar hartnäckig.« Also hat sich9 das Weiterleben, zu dem sie sich so schwer hat entschließen10 können, doch gelohnt. Sie sieht wirklich ein, jetzt, da es ihr für kurze Zeit gut geht, wie schön und über alles zu lieben immer noch das Leben ist. Das »Aufducken der Elastizität« - das ist ihre Kriegskarriere, das verdankt sie dem Krieg. Und sie verdankt ihm ein sehr momentanes Erlöschen der gesellschaftlichen Unterschiede.
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Zu lange haben die Kränkungen gedauert, zu verzweifelt und unabsehbar war ihre Einsamkeit gewesen, zu unsicher ist auch jetzt noch die Zukunft, als dass1 sie sich naiv wohl fühlen könnte. |238 Sie muss2 sich und allen andern beweisen, ein für alle Mal,3 wie sie glaubt, dass4 sie wie alle anderen ist: sie muss5 übertreiben, damit es auch alle merken: sie wird betriebsam, tüchtig, von jener Tüchtigkeit, die wir dann hundert Jahre zu studieren in Deutschland ergiebigste Gelegenheit hatten. Es ist wirklich kurios zu sehen, wie sie sich nicht nur ebenso abscheulich gebärdet - bei jeder Gelegenheit alles organisiert, über jede Wohltat in Tränen ausbricht, in jedem Soldaten sämtliche Helden verehrt - wie alle Wohlfahrtsdamen nach ihr, sondern wie sie auch, damals schon, exakt6 die gleichen, etwas7 infantil-friedfertigen Gedanken hegt8, geboren aus der Überschätzung einer einmaligen geduldeten Tätigkeit und der Unterschätzung, ja Unkenntnis aller objektiven, Geschichte bildenden Faktoren. »Ich habe so einen Plan im Herzen, alle europäischen Frauen aufzufordern, dass9 sie den Krieg niemals mitmachen wollen; und gemeinsam allen Leidenden helfen wollen: dann könnten wir doch ruhig sein, von einer Seite; wir Frauen mein’ ich. Sollte so etwas nicht gehen
Zu lange haben die Kränkungen gedauert, zu verzweifelt und unabsehbar war ihre Einsamkeit gewesen, zu unsicher ist auch jetzt noch die Zukunft, als daß1 sie sich naiv wohlfühlen könnte. Sie muß2 sich und allen andern beweisen, ein für allemal3 wie sie glaubt, daß4 sie wie alle anderen ist: sie muß5 übertreiben, damit es auch alle merken: sie wird betriebsam, tüchtig, von jener Tüchtigkeit, die wir dann hundert Jahre zu studieren in Deutschland ergiebigste Gelegenheit hatten. Es ist wirklich kurios zu sehen, wie sie sich nicht nur ebenso abscheulich gebärdet - bei jeder Gelegenheit alles organisiert, über jede Wohltat in Tränen ausbricht, in jedem Soldaten sämtliche Helden verehrt - wie alle Wohlfahrtsdamen nach ihr, sondern wie sie auch, damals schon, genau6 die gleichen, infantil-friedfertigen Programme ausbrütet8, geboren aus der Überschätzung einer einmaligen geduldeten Tätigkeit und der Unterschätzung, ja Unkenntnis aller objektiven, Geschichte bildenden Faktoren. »Ich habe so einen Plan im Herzen, alle europäischen Frauen aufzufordern, daß9 sie den Krieg niemals mitmachen wollen; und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000202 gemeinsam allen Leidenden helfen wollen: dann könnten wir doch ruhig sein, von einer Seite; wir Frauen mein’ ich. Sollte so etwas nicht gehen
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Sie wird richtig dumm und platt vor lauter überschwänglichem1 Glück darüber, dass2 man ihr gnädigst erlaubt mitzutun, dass3 sie etwas zu besorgen hat, dass4 das Zusehen und Abwarten aufhörte. »Es freut mich, ausgestossen5 wie mich meine Nahen hatten, ohne Vermögen, Stand, Jugend, Namen, Talente, zu sehen, dass6 ich doch meinen Platz in der Welt finden kann.« Wichtig für alles Spätere ist, dass7 Varnhagen den Prager Aufenthalt ermöglicht hat, dass8 er ihr Geld schickt und immer mehr der Garant für ihre äussere9 Existenz wird.
Sie wird richtig dumm und platt vor lauter überschwenglichem1 Glück darüber, daß2 man ihr gnädigst erlaubt mitzutun, daß3 sie etwas zu besorgen hat, daß4 das Zusehen und Abwarten aufhörte. »Es freut mich, ausgestoßen,5 wie mich meine Nahen hatten, ohne Vermögen, Stand, Jugend, Namen, Talente, zu sehen, daß6 ich doch meinen Platz in der Welt finden kann.« Wichtig für alles Spätere ist, daß7 Varnhagen den Prager Aufenthalt ermöglicht hat, daß8 er ihr Geld schickt und immer mehr der Garant für ihre äußere9 Existenz wird.
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Varnhagen hat es wirklich inzwischen zu etwas gebracht. Nicht1 |239 nur zum Schwertorden und zum kaiserlich-russischen Hauptmann, sondern zu einer Art politischer2 Schriftsteller. Seine Stellung bei Tettenborn, seine unmittelbare Beteiligung an einem wichtigen und recht exponierten Teile des Feldzuges geben ihm die Möglichkeit, Nachrichten aus erster Hand zu bekommen, Meinungen sich als erster zu bilden. Diese Chance nimmt er gut wahr. Er gibt mehrere Kriegszeitungen heraus, die zwar alle rasch wieder eingehen, da sie nur dem aktuellsten Bedürfnisse dienen, die aber seinen Namen bekannt machen. Er geht mit Tettenborn nach Paris, erlebt den misslungenen3 Durchbruchsversuch Napoleons, den Tettenborn abschneidet, und beobachtet dann in Paris aus nächster Nähe wirklich ein Stück Geschichte. Seine ökonomische Situation ist gut, Rahel wird ganz unabhängig von der Familie,4 und gehört nun ohne alle Zweideutigkeit zu ihm.
Varnhagen hat es wirklich inzwischen zu etwas gebracht, nicht1 nur zum Schwertorden und zum kaiserlich-russischen Hauptmann, sondern zu einer Art politischen2 Schriftsteller. Seine Stellung bei Tettenborn, seine unmittelbare Beteiligung an einem wichtigen und recht exponierten Teile des Feldzuges geben ihm die Möglichkeit, Nachrichten aus erster Hand zu bekommen, Meinungen sich als erster zu bilden. Diese Chance nimmt er gut wahr. Er gibt mehrere Kriegszeitungen heraus, die zwar alle rasch wieder eingehen, da sie nur dem aktuellsten Bedürfnisse dienen, die aber seinen Namen bekannt machen. Er geht mit Tettenborn nach Paris, erlebt den mißlungenen3 Durchbruchsversuch Napoleons, den Tettenborn abschneidet, und beobachtet dann in Paris aus nächster Nähe wirklich ein Stück Geschichte. Seine ökonomische Situation ist gut, Rahel wird ganz unabhängig von der Familie und gehört nun ohne alle Zweideutigkeit zu ihm.
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Varnhagen hat keine grossen1 Ambitionen, nirgends greift er handelnd ein, niemals ist er irgendwo mitverantwortlich. Aber seinen Platz hat er gefunden. Alle Geschehnisse strömen dem Bettler am Weg3 zu. Er wird ein ganzes Leben lang neben ihnen hergehen, um sie zu notieren. Aber ohne4 je wieder das beschämende Bewusstsein5 der Leere und der Ausgestossenheit6 zu empfinden. Denn Geschichte wird ihm niemals mehr Geschichte einzelner Personen, mit denen er sich vergleichen müsste7 - er hat an Rahel ganz genug. Obwohl8 scheinbar nur einzelne Personen in seinen Aufzeichnungen und mitwissenden Erzählungen vorkommen, sind diese Personen kaum noch sie selbst, sind nur das Medium, durch das die Geschichte ihren Weg nimmt: »Das Handeln der Fürsten, Staatsmänner und Feldherren ist ganz unwichtig, bloss9 die Absicht |240 und Tat des Schicksals, die es mit diesen Menschen wie mit Wasserfluten, mit Schneegestöber, mit Stürmen und Erd stössen10 bewerkstelligt, mit Totem das Lebende, kann Teilnahme und Aufmerksamkeit erregen. Das Geschick ist die einzige handelnde Person, nur das mitwissende Bewusstsein11 weniger freier Geister löst diese von dem Banne, der die meisten Menschen zu blinden Werkzeugen macht, los. Ich möchte einer dieser Geister sein .. « Mit diesen Sätzen, dieser Einsicht und dieser Aufgabe hat Varnhagen sich endgültig abgewandt von seiner eigenen armseligen Person und hat sich mit einem durchaus grossartigen13 Elan eingeordnet in die Reihen jener »freien Geister«, die zwar alle, was Begabung anlangte, mehr waren als er, aber letztlich auch nichts anderes wollten. Schlegels »teilnehmendes Mitdenken« und Humboldts rastlose »Mitwisserschaft«, Gentz’ Eitelkeit »alles zu wissen« und Hegels Selbstbefreiung der Vernunft in der Geschichte - alle Tendenzen des Zeitalters klingen hier an. Gerade in dem hochmütigen14 Verzicht auf Handeln - »das Geschick ist die einzig handelnde Person« - findet er seinen Platz in der Zeit.
Varnhagen hat keine großen1 Ambitionen, nirgends greift er handelnd ein, niemals ist er irgendwo mitverantwortlich. Aber seinen Platz hat er gefunden. Alle Geschehnisse strömen dem »2Bettler am Wege«3 zu. Er wird ein ganzes Leben lang neben ihnen hergehen, um sie zu notieren, ohne doch4 je wieder das beschämende Bewußtsein5 der Leere und der Ausgestoßenheit6 zu empfinden. Denn Geschichte wird ihm niemals mehr Geschichte einzelner Personen, mit denen er sich vergleichen müßte7 - er hat an Rahel ganz genug -, obwohl8 scheinbar nur einzelne Personen in seinen Aufzeichnungen und mitwissenden Erzählungen vorkommen, sind diese Personen kaum noch sie selbst, sind nur das Medium, durch das die Geschichte ihren Weg nimmt: »Das Handeln der Fürsten, Staatsmänner und Feldherren ist ganz unwichtig, bloß9 die Absicht und Tat des Schicksals, die es mit diesen Menschen wie mit Wasserfluten, mit |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000203 Schneegestöber, mit Stürmen und Erdstößen10 bewerkstelligt, mit Totem das Lebende, kann Teilnahme und Aufmerksamkeit erregen. Das Geschick ist die einzige handelnde Person, nur das mitwissende Bewußtsein11 weniger freier Geister löst diese von dem Banne, der die meisten Menschen zu blinden Werkzeugen macht, los. Ich möchte einer dieser Geister sein ...12« Mit diesen Sätzen, dieser Einsicht und dieser Aufgabe hat Varnhagen sich endgültig abgewandt von seiner eigenen armseligen Person und hat sich mit einem durchaus großartigen13 Elan eingeordnet in die Reihen jener »freien Geister«, die zwar alle, was Begabung anlangte, mehr waren als er, aber letztlich auch nichts anderes wollten. Schlegels »teilnehmendes Mitdenken« und Humboldts rastlose »Mitwisserschaft«, Gentz’ Eitelkeit »alles zu wissen« und Hegels Selbstbefreiung der Vernunft in der Geschichte - alle Tendenzen des Zeitalters klingen hier an. Gerade in dem Verzicht auf Handeln - »das Geschick ist die einzig handelnde Person« -,15 findet er seinen Platz in der Zeit.
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Varnhagen hat es erreicht und ist ausgeschieden aus der Klasse derer, die die Welt ändern wollen und daher nicht zugeben können, dass1 etwas anderes als Menschen - und sei es die Geschichte als handelnde Person -2 sie gemacht habe, mache und machen werde. Er nimmt Rahel mit, sie arriviert zur Gattin eines Schriftstellers mit Aussicht auf Karriere und Erfolg, zur3 Frau eines »freien Geistes«, der endlich nicht mehr zu tun braucht, als Zeugnis abzulegen von dem was geschieht, unbeteiligt letztlich und nicht mehr verstrickt in Sorge, Angst, Revolte und die Sucht, die ganze Welt umzustülpen, nur um Platz zu schaffen für die eigene kleine Person.
Varnhagen hat es erreicht und ist ausgeschieden aus der Klasse derer, die die Welt ändern wollen und daher nicht zugeben können, daß1 etwas anderes als Menschen sie gemacht habe, mache und machen werde. Er nimmt Rahel mit, sie arriviert zur Gattin eines Schriftstellers mit Aussicht auf Karriere und Erfolg, wird aber auch die3 Frau eines »freien Geistes«, der endlich nicht mehr zu tun braucht, als Zeugnis abzulegen von dem,4 was geschieht, unbeteiligt letztlich und nicht mehr verstrickt in Sorge, Angst, Revolte und die Sucht, die ganze Welt umzustülpen, nur um Platz zu schaffen für die eigene kleine Person.
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17. Kapitel Parvenus
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Zwischen Paria und Parvenu1815-18191
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Paria und Parvenu1
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»Ich habe einen Trieb, den ich gar nicht hemmen kann, in den Vorgesetzten mich selbst zu ehren und ihren guten Eigenschaften auf die Spur zu kommen, um sie zu lieben.« So berichtet Varnhagen von sich selbst und berechtigt, was Karriere anlangt, wirklich zu den schönsten Hoffnungen. Es ist auch wahrlich nicht seine Schuld, wenn er es schliesslich1 in der Staatslaufbahn nicht weit gebracht hat. Es blieb ihm immerhin genug Gelegenheit, das bei Bentheim und Tettenborn Gelernte auszubilden und zu vervollkommnen.
»Ich habe einen Trieb, den ich gar nicht hemmen kann, in den Vorgesetzten mich selbst zu ehren und ihren guten Eigenschaften auf die Spur zu kommen, um sie zu lieben.« So berichtet Varnhagen von sich selbst und berechtigt, was Karriere anlangt, wirklich zu den schönsten Hoffnungen. Es ist auch wahrlich nicht seine Schuld, wenn er es schließlich1 in der Staatslaufbahn nicht sehr2 weit gebracht hat. Es blieb ihm immerhin genug Gelegenheit, das bei Bentheim und Tettenborn Gelernte auszubilden und zu vervollkommnen.
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Varnhagens Trieb kennen alle Parvenus, alle, die sich in eine Gesellschaft, in einen Stand, eine Klasse hinaufschwindeln müssen, zu der sie nicht gehören. Der angestrengte Versuch zu lieben -1 wo einem nur das Gehorchen übrig bleibt -2 führt meist weiter als die einfache und ungekünstelte Subalternität. Indem man den »guten Eigenschaften der Vorgesetzten auf die Spur kommt«, hofft man das unleidliche und unausweichliche Ressentiment loszuwerden. Wer den entschlossenen Willen hat, in die Höhe zu kommen, zu arrivieren, muss3 sich frühzeitig gewöhnen, die zu erreichende Stufe im Schwindel der freiwilligen Anerkennung vorwegzunehmen; muss4 sich frühzeitig hüten, sich mit blindem Gehorsam, der allein gefordert ist, zu begnügen; muss5 immer so tun, als leiste er freiwillig und als Herr all das, was von Knechten und Untergebenen ohnehin erwartet wird. Der Schwindel hat selten unmittelbaren Einfluss6 auf die Karriere, ist aber von grösstem7 Nutzen für gesellschaftliche |242 Erfolge und soziale Stellung. Mit dem Schwindel bereitet der Paria die Gesellschaft auf seine Karriere als Parvenu vor.
Varnhagens Trieb kennen alle Parvenus, alle, die sich in eine Gesellschaft, in einen Stand, eine Klasse hinaufschwindeln müssen, zu der sie nicht gehören. Der angestrengte Versuch zu lieben,1 wo einem nur das Gehorchen übrigbleibt,2 führt meist weiter als die einfache und ungekünstelte Subalternität. Indem man den »guten Eigenschaften der Vorgesetzten auf die Spur kommt«, hofft man das unleidliche und unausweichliche Ressentiment loszuwerden. Wer den entschlossenen Willen hat, in die Höhe zu kommen, zu arrivieren, muß3 sich frühzeitig gewöhnen, die zu erreichende Stufe im Schwindel der freiwilligen Anerkennung vorwegzunehmen; muß4 sich frühzeitig hüten, sich mit blindem Gehorsam, der allein gefordert ist, zu begnügen; muß5 immer so tun, als leiste er freiwillig und als Herr all das, was von Knechten und Untergebenen ohnehin erwartet wird. Der Schwindel hat selten unmittelbaren Einfluß6 auf die Karriere, ist aber von größtem7 Nutzen für gesellschaftliche Erfolge und soziale Stellung. Mit dem Schwindel bereitet der Paria die Gesellschaft auf seine Karriere als Parvenu vor.
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Auch Varnhagen wird für seine Liebe und Ehrfurcht belohnt. Rettet er schliesslich1 doch aus einer ohne seine Schuld vernichteten Karriere einen grossen2 gesellschaftlichen Einfluss3, eine für seine Stellung und seine Gaben ausserordentliche4 Anerkennung, den freien Zutritt in allen5 sozialen Sphären.
Auch Varnhagen wird für seine Liebe und Ehrfurcht belohnt. Rettet er schließlich1 doch aus einer ohne seine Schuld vernichteten Karriere einen großen2 gesellschaftlichen Einfluß3, eine für seine Stellung und seine Gaben außerordentliche4 Anerkennung, den freien Zutritt in alle5 sozialen Sphären.
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Er begann als Sekretär auf dem Wiener Kongress1 mit dem Auftrage aus unzähligen »Eingaben, Bitten, Forderungen etc. einen Auszug und ein Tableau zu machen mit Bemerkungen, damit der Staatskanzler beim Kongress4 davon Gebrauch machen könne« (Varnhagen). Nach Abschluss5 des Kongresses und der endgültigen Besiegung Napoleons wurde6 er von Hardenberg zum preussischen Geschäftsführer7 in Baden ernannt und mit der Vertretung am Karlsruher Hof betraut. Das Jahr 1819 mit seinen8 »Karlsbader Beschlüssen« kostete ihn, der sich von einem gemässigten10 Liberalismus nie lossagte - sich allerdings auch nie, wie man verleumderisch behauptete, auf die Seite der badischen Opposition geschlagen hatte - seine Stellung und seine gesamte politische Laufbahn. Mit dem Titel Geheimer Legationsrath11 stellte die preussische12 Regierung den Fünfunddreissigjährigen13 auf Lebenszeit »zur Disposition«. Von seiner dreijährigen politischen Aktivität in Baden ist nichts Erwähnenswertes zu melden. Hingegen wirft seine letzte diplomatische Aktion ein bezeichnendes Licht auf die Art seiner politischen Interessen und Fähigkeiten. Zehn Jahre nach seiner Abberufung, im Jahre 1829, wurde er plötzlich zu Hofe gerufen und damit beauftragt, den Kurfürsten von Hessen zu |243 überreden, mit seiner Maitresse14 zu brechen und sich mit seinem Sohn auszusöhnen; man glaubte den offenen Skandal in einem befreundeten deutschen Lande nicht länger dulden zu dürfen. Diese Mission in hochherrschaftlichen Klatsch nimmt15 Varnhagen todernst, reist16 voller Wichtigkeit und voller Hoffnungen ab, verkehrt17 - dem alten Trieb gehorchend - voller Liebe und »Ungezwungenheit« mit den beiden feindlichen Parteien,18 und erreicht19 natürlich gar nichts, ausser20 einem Orden für sich, was ihn aber auch21 vollständig, nämlich gesellschaftlich befriedigt22. Er hat23 wirklich keine politischen Ambitionen; Politik wie Literatur waren ihm Mittel des Aufstiegs; niemals beklagt24 er sich über seine Untätigkeit. Er war ganz damit zufrieden, in hohen und höchsten Kreisen freundlichst25 empfangen zu werden. Als Privatmann, von preussischer26 Pension lebend, findet27 er bis ans Ende seines Lebens reichlich Gelegenheit28 bei allem offen bekundeten Liberalismus, seinen Trieb zu üben, da ja bei der grausigen Zerrissenheit Deutschlands einige Dutzend gekrönter Häupter für Liebe und Ehrerbietung, für sorgende Teilnahme an persönlichen Schicksalen zur Verfügung standen.
Er begann als Sekretär auf dem Wiener Kongreß1 mit dem Auftrage,2 aus unzähligen »Eingaben, Bitten, Forderungen etc. einen Auszug und ein Tableau zu machen mit Bemerkungen, damit der Staatskanzler (Hardenberg)3 beim Kongreß4 davon Gebrauch machen könne« (Varnhagen). Nach Abschluß5 des Kongresses und der endgültigen Besiegung Napoleons wird6 er von Hardenberg zum preußischen Geschäftsträger7 in Baden ernannt und mit der Vertretung am Karlsruher Hof betraut. Das Jahr 1819 mit der Ermordung Kotzebues, den darauf folgenden8 »Karlsbader Beschlüssen« und dem Beginn der »Demagogenverfolgungen« aller liberal Gesinnter9 kostete ihn, der sich von einem gemäßigten10 Liberalismus nie lossagte - sich allerdings auch nie, wie man verleumderisch behauptete, auf die Seite der badischen Opposition geschlagen hatte - seine Stellung und seine gesamte politische Laufbahn. Mit dem Titel Geheimer Legationsrat11 stellte die preußische12 Regierung den Fünfunddreißigjährigen13 auf Lebenszeit »zur Disposition«. Von seiner dreijährigen politischen Aktivität in Baden ist nichts Erwähnenswertes zu melden. Hingegen wirft seine letzte diplomatische Aktion ein bezeichnendes Licht auf die Art seiner politischen Interessen und Fähigkeiten. Zehn Jahre nach seiner Abberufung, im Jahre 1829, wurde er plötzlich zu Hofe gerufen und damit beauftragt, den Kurfürsten von Hessen zu überreden, mit seiner Mätresse14 zu brechen und sich mit seinem Sohn auszusöhnen; man glaubte den offenen Skandal in einem befreundeten deutschen Lande nicht länger dulden zu dürfen. Diese Mission in hochherrschaftlichen Klatsch nahm15 Varnhagen todernst, reiste16 voller Wichtigkeit und voller Hoffnungen ab, verkehrte17 - dem alten Trieb gehorchend - voller Liebe und »Ungezwungenheit« mit den beiden feindlichen Parteien und erreichte19 natürlich gar nichts, außer20 einem Orden für sich, was ihn vollständig, nämlich gesellschaftlich, befriedigte22. Er hatte23 wirklich keine politischen Ambitionen; Politik wie Literatur waren ihm Mittel des Aufstiegs; niemals beklagte24 er sich über seine Untätigkeit. Er war ganz damit zufrieden, in hohen und höchsten Kreisen freundlich25 empfangen zu werden. Als Privatmann, von preußischer26 Pension lebend, fand27 er bis ans Ende seines Lebens bei allem offen bekundeten Liberalismus reichlich Gelegenheit29, seinen »30Trieb«31 zu üben, da ja bei der grausigen Zerrissenheit Deutschlands einige Dutzend gekrönter Häupter für Liebe und Ehrerbietung, für sorgende Teilnahme an persönlichen Schicksalen zur Verfügung standen.
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»Man sagt mir, .. dass1 Varnhagen die kleine Levy nunmehr geheiratet hat. So kann sie noch einmal Gesandtenfrau und Excellenz2 werden. Es ist nichts, was die Juden nicht erreichten3.« Wilhelm von Humboldt ist hier wie auch sonst die beste, scharfsinnigste und mechanteste Klatschquelle seiner Zeit. Er hat es akkurat getroffen - wenn auch etwas vergröbert, wenn auch etwas bösartiger ausgedrückt als unbedingt notwendig. Juden sind die4 Parvenus par excellence und bestimmt in jenen Jahrzehnten die |244 ausgebildetsten Exemplare. Rahel blieb nur noch dies rein darzustellen übrig, wenn sie wirklich Beispiel für alle »Trivalitäten« sein will6 - was wichtiger sein kann, als sich als Ausnahme zu fühlen.
»Man sagt mir, ... daß1 Varnhagen die kleine Levy nunmehr geheiratet |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000206 hat. So kann sie noch einmal Gesandtenfrau und Exzellenz2 werden. Es ist nichts, was die Juden nicht erreichen3.« Wilhelm von Humboldt ist hier wie auch sonst die beste, scharfsinnigste und mechanteste Klatschquelle seiner Zeit. Er hat es akkurat getroffen - wenn auch etwas vergröbert, wenn auch etwas bösartiger ausgedrückt als unbedingt notwendig. Juden, wenn sie in der Gesellschaft eine Rolle spielen wollen, werden im 19. Jahrhundert zu den4 Parvenus par excellence und bestimmt in jenen Jahrzehnten der Reaktion5 die ausgebildetsten Exemplare. Rahel blieb nur noch dies rein darzustellen übrig, wenn sie wirklich Beispiel für alle »Trivalitäten« sein wollte6 - was für einen, der das Leben selbst darstellen will in seiner erschütternden Erhabenheit sowohl wie in seiner unausweichlichen vulgären Banalität,7 wichtiger sein kann, als sich als Ausnahme zu fühlen.
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Varnhagen ist erst durch sie zum Parvenu geworden. Er hat es darin nie zur Vollkommenheit gebracht,1 und sie wie in so vielem kopiert. So stammt die unleidliche Familiarität der »Liebe« zu den Vorgesetzten eigentlich von ihr. Seine natürliche preussische2 Subalternität schwingt sich nicht von allein in so widerwärtige Nähe und Distanzlosigkeit, bleibt eher kleiner Beamtenehrgeiz. Rahel aber will entscheidend mehr: sie will als Pair geachtet sein. Eine3 »Fürstin« hätte sie sein müssen. Und da sie es doch nicht ist, stellt sie sich vor, was sie täte, wenn sie es wäre - und lässt5 sich dann von Varnhagen ihre Talente zum Regieren bestätigen. Wie alle Parvenus träumt sie nie von einer Änderung schlechter Zustände, sondern von einem Personalwechsel zu ihren Gunsten, der dann alles wie mit einem Zauberschlag verbessern würde. Aus der ungeheuren Anstrengung und Anspannung aller Kräfte und Gaben, die der Parvenu zu leisten hat, um nur überhaupt einige Stufen auf der Stufenleiter der Gesellschaft zu erklimmen, stammt seine oft verrückt anmutende Selbstüberschätzung; der kleinste Erfolg, so schwer errungen, muss6 ihm ein:7 alles ist möglich vorspiegeln; der kleinste Misserfolg9 ihn gleich in die Tiefe seines gesellschaftlichen Nichts zurückschleudern, ihn zur schäbigsten Erfolgsanbetung verführen.
Varnhagen ist erst durch sie zum Parvenu geworden. Er hat es darin nie zur Vollkommenheit gebracht und sie wie in so vielem kopiert. So stammt die unleidliche Familiarität der »Liebe« zu den Vorgesetzten eigentlich von ihr. Seine natürliche preußische2 Subalternität schwingt sich nicht von allein in so widerwärtige Nähe und Distanzlosigkeit, bleibt eher kleiner Beamtenehrgeiz. Rahel aber will entscheidend mehr: sie will als Pair geachtet sein, eine3 »Fürstin« hätte sie sein müssen. Und da sie es doch nicht ist, stellt sie sich vor, was sie täte, wenn sie es wäre,4 - und läßt5 sich dann von Varnhagen ihre Talente zum Regieren bestätigen. Wie alle Parvenus träumt sie nie von einer Änderung schlechter Zustände, sondern von einem Personalwechsel zu ihren Gunsten, der dann alles wie mit einem Zauberschlag verbessern würde. Aus der ungeheuren Anstrengung und Anspannung aller Kräfte und Gaben, die der Parvenu zu leisten hat, um nur überhaupt einige Stufen auf der Stufenleiter der Gesellschaft zu erklimmen, stammt seine oft verrückt anmutende Selbstüberschätzung; der kleinste Erfolg, so schwer errungen, muß6 ihm ein »7alles ist möglich«,8 vorspiegeln; der kleinste Mißerfolg9 ihn gleich in die Tiefe seines gesellschaftlichen Nichts zurückschleudern, ihn zur schäbigsten Erfolgsanbetung verführen.
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»Es ist nichts was die Juden nicht erreichen«, weil sie ausserhalb2 der Gesellschaft stehen, weil keine Stufenleiter von |245 Geburt an ihnen vorgeschrieben ist und weil sich keiner freiwillig auf die unterste Stufe stellen will3. Nicht Rahels Schuld ist es, wenn ihre berechtigte Sehnsucht, einen Stand zu haben, ein normaler Mensch zu werden, gesellschaftlich gleichberechtigt zu sein, bei der Verehrung für »tugendhafte Monarchen«, für literarisch gebildete Prinzen, bei »Regentenrespekt und Pietät« für die »Väter von allen Hessen, allen Preussen4 etc.«, bei der Bewunderung »milder und väterlicher königlicher Gnade« (Varnhagen), bei scheinbarem Freimut, nämlich Lob menschlicher Eigenschaften auch bei Prinzessinnen, bei grösster5 Besorgnis für den königlichen Schnupfen endet6. Auch ihre Schuld nicht, das rein ausgedrückt und ehrlich zu empfinden: »Hätten wir nur unseren Prinzen miteinander gesehen. .. Die Empfindungen eines Bruders hat er mir gemacht. Nur Geschwister können einen auf die Art freuen und ärgern. .. Seit ich ihn sah, habe9 ich unseren König noch einmal so lieb.« Hilft ihr doch -10 ihr selbst halb und halb bewusst -11 die alte und neue Dankbarkeit für die Monarchen - »nur Despoten können uns helfen, die Einsicht haben« - Herrscher des Absolutismus, die endlich am Ende der bösesten Zeiten die nie Gebrauchten oder nur Beraubten zu benutzen verstanden, aus Geldnot den Geschichtslosen in die Geschichte verhalfen, schliesslich14 ihr und allen Ihrigen mit: »Ich küsse ja Friedrich dem Grossen15, unserem grossen16 Kurfürsten, noch mit aufschlagendem Herzen den Saum des Mantels. Schönes, herrliches Gefühl: Verdanken! Respekt!« Hilft ihr doch auch noch, trotz aller phantasierten Familiarität, das so beruhigende Bewusstsein17, dass18 man so hoch hinauf nicht gelangen kann, und also sich nicht anzustrengen braucht; dass19 der verfluchte20 Ehrgeiz, |246 der das Höchstmögliche21 erreichen muss22, um nur23 etwas befriedigt24 zu sein25, irgendwo eine Grenze seiner Wünsche hat, dass26 es etwas gibt, was man gelassen bewundern darf. »O,27 wie würde man Fürsten und Grosse28 vergöttern müssen, verstünden sie ihre Stellen, ihre schweren schönen Pflichten und Statthalterschaften: man konnte sich unter den guten auch nichts anderes als Götter denken. Erdengötter wären sie auch.« Erreichen muss29 man nur allein30, was die Glücklichen ohne »infame Geburt« zu erreichen vermögen32, um sich bei jeder neuerklommenen Stufe beweisen zu können: »Solche Leute wie wir können nicht Juden sein!33«
»Es ist nichts,1 was die Juden nicht erreichen«, weil sie außerhalb2 der Gesellschaft stehen, weil keine Stufenleiter von Geburt an ihnen vorgeschrieben ist und weil sich keiner freiwillig auf die unterste Stufe stellen wird3. Nicht Rahels Schuld ist es, wenn ihre berechtigte Sehnsucht, einen Stand zu haben, ein normaler Mensch zu werden, gesellschaftlich gleichberechtigt zu sein, bei der Verehrung für »tugendhafte Monarchen«, für |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000207 literarisch gebildete Prinzen, bei »Regentenrespekt und Pietät« für die »Väter von allen Hessen, allen Preußen4 etc.«, bei der Bewunderung »milder und väterlicher königlicher Gnade« (Varnhagen), bei scheinbarem Freimut, nämlich Lob menschlicher Eigenschaften auch bei Prinzessinnen, bei größter5 Besorgnis für den königlichen Schnupfen endete6. Auch ihre Schuld nicht, das rein ausgedrückt und ehrlich zu empfinden: »Hätten wir nur unseren Prinzen miteinander gesehen. ...7 Die Empfindungen eines Bruders hat er mir gemacht. Nur Geschwister können einen auf die Art freuen und ärgern. ...8 Seit ich ihn sah, hab’9 ich unseren König noch einmal so lieb.« Hilft ihr doch,10 ihr selbst undeutlich bewußt,11 die alte und neue Dankbarkeit für die Monarchen - »nur Despoten können uns helfen, die Einsicht haben« -, für die12 Herrscher des aufgeklärten13 Absolutismus, die endlich am Ende der bösesten Zeiten die nie Gebrauchten oder nur Beraubten zu benutzen verstanden, aus Geldnot den Geschichtslosen in die Geschichte verhalfen, schließlich14 ihr und allen Ihrigen mit: »Ich küsse ja Friedrich dem Großen15, unserem großen16 Kurfürsten, noch mit aufschlagendem Herzen den Saum des Mantels. Schönes, herrliches Gefühl: Verdanken! Respekt!« Hilft ihr doch auch noch, trotz aller phantasierten Familiarität, das so beruhigende Bewußtsein17, daß18 man so hoch hinauf nicht gelangen kann, und also sich nicht anzustrengen braucht; daß19 der restlose20 Ehrgeiz, der das höchstmögliche21 erreichen muß22, nur um23 etwas erreicht24 zu haben25, irgendwo eine Grenze seiner Wünsche hat, daß26 es etwas gibt, was man gelassen bewundern darf. »Oh!27 wie würde man Fürsten und Große28 vergöttern müssen, verstünden sie ihre Stellen, ihre schweren schönen Pflichten und Statthalterschaften: man konnte sich unter den guten auch nichts anderes als Götter denken. Erdengötter wären sie auch.« Erreichen muß29 man nur alles30, was die Glücklichen ohne »infame Geburt« haben, nicht31 zu erreichen brauchen32, um sich bei jeder neuerklommenen Stufe beweisen zu können: »Solche Leute wie wir können nicht Juden sein.33«
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Nicht nur die Juden, alle Parvenus glauben1, ihrem Adelsressentiment2, ihrem Hass3 auf das Vorrecht der Geburt,4 dadurch Genüge zu tun5, dass6 sie zeigen, sie sind imstande das Gleiche aus eigener Kraft sich zu verschaffen. Alle Selfmademen möchten nichts lieber als mit vieler Mühe dahin8 kommen, wo andere, Wenige,9 von Geburt her schon sind, alle sind sie adel- und titelsüchtig. Daher lieben sie auch den Monarchen als Gegenstand der12 Vergottung, vor dessen »väterlicher Gnade« alle gleich sind; seine Gnadenwahl, die sie erhöhen soll, ist ihrer aller letzter Hoffnungsstrahl15. Der absolute König wird im 19. Jahrhundert der König der Parvenus. Um in seinen Augen zur Geltung zu kommen, erwerben die Einen17 Reichtum, bemühen sich die Andern18 um literarische Verdienste. Erst im 19. Jahrhundert, erst nach Goethe ist Literatur ein Mittel, um Königen19 gleich zu werden. Goethe bleibt das Sinnbild dafür, wie man Könige zu Freundschaftsbezeugungen (den König von Bayern zu einem Geburtstagsbesuch) bewegen, wie man Orden, Titel, Adel nur aus »Verdienst« erhalten |247 kann. Beide Varnhagen werfen sich nach der gescheiterten diplomatischen Karriere auf die Literatur, bilden das Zentrum der Berliner Goetheverehrung, welche in dem Varnhagenschen Salon einen ganz anderen Sinn bekam als in Rahels Dachstübchen vor dreissig20 Jahren. Was an Parvenumanieren sich hinter dem Berliner Goethekult verbarg, hat niemand ausser21 dem jungen Heine auch nur geahnt.
Nicht nur die Juden, auch die Bürger1, die in einer Gesellschaft2, in der immer noch der Adel tonangebend ist, zu Parvenus werden, reagieren3 auf das Vorrecht der Geburt dadurch, daß6 sie zeigen, sie sind imstande,7 das Gleiche aus eigener Kraft sich zu verschaffen. Sie alle geben sich die größte Mühe, dahin zu8 kommen, wo die Wenigen9 von Geburt her schon sind, alle sind sie adel- und titelsüchtig. Daher »10lieben«11 sie auch den Monarchen bis zur12 Vergottung, weil13 vor dessen »väterlicher Gnade« alle gleich sind; seine Gnadenwahl, die sie erhöhen, in den Adelsstand erheben14 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000208 soll, ist ihrer aller größte Hoffnung15. Der absolute König wird im bürgerlichen16 19. Jahrhundert der König der Parvenus. Um in seinen Augen zur Geltung zu kommen, erwerben die einen17 Reichtum, bemühen sich die anderen18 um literarische Verdienste. Erst im 19. Jahrhundert, erst nach Goethe ist Literatur ein Mittel, Fürsten19 gleich zu werden. Goethe bleibt das Sinnbild dafür, wie man Könige zu Freundschaftsbezeugungen (den König von Bayern zu einem Geburtstagsbesuch) bewegen, wie man Orden, Titel, Adel nur aus »Verdienst« erhalten kann. Beide Varnhagen werfen sich nach der gescheiterten diplomatischen Karriere auf die Literatur, bilden das Zentrum der Berliner Goetheverehrung, welche in dem Varnhagenschen Salon einen ganz anderen Sinn bekam als in Rahels Dachstübchen vor dreißig20 Jahren. Was an Parvenumanieren sich hinter dem Berliner Goethekult verbarg, hat niemand außer21 dem jungen Heine auch nur geahnt.
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Vorerst aber scheint es beiden leichter und einfacher zu glücken. In Baden, in der Fremde, avanciert Rahel zur Preussin1. Keine Spur von der »infamen Geburt« ist übrig geblieben; es gilt nur die Frau des preussischen Geschäftsführers2. Weg von der Heimat musste3 sie laufen, um die Herkunft, alle Mitwisser der Herkunft loszuwerden. Herrlich mit Prinzessinnen zu verkehren, wenn man nicht angewiesen ist auf die Extravaganz der hohen Herrschaften, sondern einen Anspruch darauf hat. Herrlich, die Heimat fliehen zu dürfen, wenn man von ihr selbst sozusagen delegiert ist und ihr »im Ausland Ehre machen« kann. Grösste5 Genugtuung, mit Rang, Titel,6 und Anerkennung, allen sichtbar, das zu tun, was man ohnehin nicht lassen kann. »Was ich tat, tat die Preussin7: und ich war bescheiden, hilfreich, gut, sanft; und beliebt, und das kam auf die Rechnung aller Preussinnen8; ich hatte die grosse9 Satisfaktion, nicht zu Hause zu sein - wo ich immer noch beweisen soll, dass10 ich das Recht habe edel zu sein: und wo jeder Stein mich an solches von sonst erinnert, und ich doch11 die alte vorstellen soll! und die ganz unendliche, dass12 ich endlich einmal auf solchem Piedestal stand, wo man, was ich Gutes |248 machte und war, auch mitzählte. Unendlich nenne ich diese Satisfaktion, wegen ihres unendlichen Unterschiedes, ob sie einem gewährt wird oder nicht.«
Vorerst aber scheint es beiden leichter und einfacher zu glücken. In Baden, in der Fremde, avanciert Rahel zur Preußin1. Keine Spur von der »infamen Geburt« ist übriggeblieben; es gilt nur die Frau des preußischen Geschäftsträgers2. Weg von der Heimat mußte3 sie laufen, um die Herkunft, alle Mitwisser der Herkunft loszuwerden. Herrlich,4 mit Prinzessinnen zu verkehren, wenn man nicht angewiesen ist auf die Extravaganz der hohen Herrschaften, sondern einen Anspruch darauf hat. Herrlich, die Heimat fliehen zu dürfen, wenn man von ihr selbst sozusagen delegiert ist und ihr »im Ausland Ehre machen« kann. Größte5 Genugtuung, mit Rang, Titel und Anerkennung, allen sichtbar, das zu tun, was man ohnehin nicht lassen kann. »Was ich tat, tat doch eine Preußin7: und ich war bescheiden, hilfreich, gut, sanft; und beliebt, und das kam auf die Rechnung aller Preußinnen8; ich hatte die große9 Satisfaktion, nicht zu Hause zu sein - wo ich immer noch beweisen soll, daß10 ich das Recht habe edel zu sein: und wo jeder Stein mich an solches von sonst erinnert, und ich durchaus11 die alte vorstellen soll! und die ganz unendliche, daß12 ich endlich einmal auf solchem Piedestal stand, wo man, was ich Gutes machte und war, auch mitzählte. Unendlich nenne ich diese Satisfaktion, wegen ihres unendlichen Unterschiedes, ob sie einem gewährt wird oder nicht.«
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Dem Parvenu wird alle unschuldige Sympathie zum Erfolg, alle unschuldige Antipathie zur Kränkung. Mit der Herzogin von Sagan zu baden - »wenn das Gentz wüsste1! Dies war seine grösste2 terreur in Prag. Der immer dachte, er müsste3 mich vor lauter Verleugnen in die Erde stecken, vor dem Verscheiden, bloss4 wegen der5 Herzogin von6 Sagan.« Bei dem Staatsrath7 Stägemann nicht eingeladen zu werden, obwohl sie Varnhagen haben bitten lassen - »tödlicher, namenloser Ärger von Personen,9 die ich sonst nicht hätte sehen wollen«. Das ist die »grosse10 Vergiftung aller Einsicht und Aussicht«, die der Parvenu unter keinen Umständen zugestehen darf: dass11 er nämlich aufgezehrt wird von lauter Dingen, die er eigentlich nicht einmal begehrt, deren Verweigerung ihn aber kränken muss12; dass13 er ihnen seinen Geschmack, sein Leben, seine Wünsche anpassen muss14; dass15 er in nichts und in keiner Minute mehr er selbst sein darf, sondern ganz gleich was, eben alles erreichen wollen muss16, bereit sein muss17 in einer Art von Heroismus »zu dulden«, was er »nicht machte« und sogar »verabscheute«.
Dem Parvenu wird alle unschuldige Sympathie zum Erfolg, alle unschuldige Antipathie zur Kränkung. Mit der Herzogin von Sagan zu baden - »wenn das Gentz wüßte1! Dies war seine größte2 terreur in Prag. Der immer dachte, er müßte3 mich vor lauter Verleugnen in die Erde |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000209 stecken, vor dem Verscheiden, bloß4 wegen Herzogin Sagan.« Bei dem Staatsrat7 Stägemann nicht eingeladen zu werden, obwohl sie Varnhagen haben bitten lassen - »tödlicher, namenloser Ärger ...8 von Personen die ich sonst nicht hätte sehen wollen«. Das ist die »große10 Vergiftung aller Einsicht und Aussicht«, die der Parvenu unter keinen Umständen zugestehen darf: daß11 er nämlich aufgezehrt wird von lauter Dingen, die er eigentlich nicht einmal begehrt, deren Verweigerung ihn aber kränken muß12; daß13 er ihnen seinen Geschmack, sein Leben, seine Wünsche anpassen muß14; daß15 er in nichts und in keiner Minute mehr er selbst sein darf, sondern ganz gleich was, eben alles erreichen wollen muß16, bereit sein muß17 in einer Art von Heroismus »zu dulden«, was er »nicht machte« und sogar »verabscheute«.
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Rahel hat sich ebenso redlich um das alles bemüht, wie sie es zugleich dauernd in Frage gestellt hat. Ihre Vergangenheit mit ihren Erfahrungen ist eine Spur1 zu teuer erkauft und eine Spur2 zu exakt bezahlt, als dass3 es ihr gelingen könnte5, sich und sie6 »ganz aufzugeben«, wie sie selbst fordert7. Zwar kann sie praktisch nicht ihr »jetziges Leben nach meiner Vergangenheit, |249 d. h. mehr nach den Wünschen derselben wie9 nach dem wirklichen Leben, was ich in ihr führte, einrichten«; aber ebensowenig kann sie - und das ist ihr Pech und zugleich das Geheimnis ihrer merkwürdigen Jugendlichkeit im10 Alter - ihre Einsichten vergessen, sich innerlich von ihnen emanzipieren; Erfahrungen aufgeben, die viel weiter reichen als das Bisschen11, was sie nun wirklich erreicht hat; Vergangenes auslöschen, das viel zu leidenschaftlich alles Mögliche - in ihrer Welt Mögliche - vorweggenommen, durchschaut, beurteilt und verworfen hatte, als dass die12 noch so ersehnte bürgerliche Verbesserung dagegen aufkäme. In der schwärzesten, gehetztesten Verzweiflung wusste15 sie bereits und schrieb 1810 an Pauline Wiesel: »Wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben. .. Wir sind neben der menschlichen Gesellschaft. Für uns ist kein Platz, kein Amt, kein eitler Titel da! Alle Lügen haben einen: die ewige Wahrheit, das richtige Leben und Fühlen .. hat keinen! Und somit sind wir ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Sie, weil Sie sie beleidigten. .. Ich, weil ich nicht ihr sündigen und lügen kann.« Um ein Parvenu zu werden, muss20 man mit der Wahrheit bezahlen.
Rahel hat sich ebenso redlich um das alles bemüht, wie sie es zugleich dauernd in Frage gestellt hat. Ihre Vergangenheit mit ihren Erfahrungen ist zu teuer erkauft und zu exakt bezahlt, als daß3 es ihr hätte4 gelingen können5, sich und das vergangene Leben6 »ganz aufzugeben«, wie sie selbst forderte7. Zwar kann sie praktisch nicht ihr »jetziges Leben nach meiner Vergangenheit, d. h. mehr noch8 nach den Wünschen derselben, als9 nach dem wirklichen Leben, was ich in ihr führte, einrichten«; aber ebensowenig kann sie - und das ist ihr Pech und zugleich das Geheimnis ihrer wunderbaren Lebendigkeit bis ins10 Alter - ihre Einsichten vergessen, sich innerlich von ihnen emanzipieren; Erfahrungen aufgeben, die viel weiter reichen als das bißchen11, was sie nun wirklich erreicht hat; Vergangenes auslöschen, das viel zu leidenschaftlich alles Mögliche - in ihrer Welt Mögliche - vorweggenommen, durchschaut, beurteilt und verworfen hatte, als daß eine12 noch so ersehnte »13bürgerliche Verbesserung«14 dagegen aufkäme. In der schwärzesten, gehetztesten Verzweiflung wußte15 sie bereits und schrieb 1810 an Pauline Wiesel: »Wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben. ...16 Wir sind neben der menschlichen Gesellschaft. Für uns ist kein Platz, kein Amt, kein eitler Titel da! Alle Lügen haben einen: die ewige Wahrheit, das richtige Leben und Fühlen ...17 hat keinen! Und somit sind wir ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Sie, weil Sie sie beleidigten. ...18 Ich, weil ich nicht mit19 ihr sündigen und lügen kann.« Um ein Parvenu zu werden, muß20 man mit der Wahrheit bezahlen, und dies will Rahel nicht21.
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Dagegen beginnt Rahel bereits kurz vor Varnhagens Berufung, gleich nach ihrer Heirat, höchst eifrig ihre Vorkehrungen zu treffen. Die erste und wichtigste ist der Auftrag an Varnhagen, der zu den Friedensverhandlungen in Paris weilt1, ihr die kompromittierteste Jugendfreundin, Pauline Wiesel, wiederzufinden. Die ehemalige Geliebte des Prinzen Louis Ferdinand hatte inzwischen einen selbst für jene recht grosszügigen2 Zeiten ungewöhnlichen |250 Männer- und Geldverbrauch aufzuweisen und galt als eine schlechte, übelbeleumundete Person. Sie war früher viel geliebt worden wegen ihrer grossen3 Schönheit und einer ebenso verblüffenden wie erschreckenden Natürlichkeit. Sie ist die einzige Frau, die Rahel für ihresgleichen gehalten hat. Der recht verschüchterte Varnhagen findet sie6 in Paris in einem Wust von Geldkalamitäten, Schulden und wahren oder erdichteten Liebeshändeln. Er berichtet aber doch erst gehorsamst begeistert. Allerdings hat er sich später, nach Rahels Tod7, in dieser Beziehung gründlichst gerächt, den ganzen Briefwechsel zwischen ihr und Rahel (mit Ausnahme einiger Auszüge die er ohne den9 Namen der Adressatin10 oder unter den unverständlichen Initialen Fr.v.V. publizierte) unveröffentlicht gelassen, obwohl er das einzige von Konventionen nicht verstellte Licht auf Rahels Alter wirft, und hat späteren Neugierigen, die sein Archiv etwa durchschnüffeln sollten, noch eine kräftige Warnung von eigener Hand hinterlassen: »Die so ersehnte und gefeierte Freundin sollte nach wenigen Monaten als widrig Entblösste16 und tief Erkannte, als Unwürdige und Gleichgültige heimreisen«.17 Dies soll sich ein Jahr vor Rahels Tode zugetragen haben, bei ihrem letzten Besuch, da sie Varnhagen »eine Zeitlang Rahel ganz abwendig machte, sie kalt und schroff stimmte und alles gegeneinander hetzte«. Wenn diese Schilderung von dem Betragen der Wiesel der Wahrheit entsprach - was durchaus anzunehmen ist - so hat es wenigstens Rahel nicht in ihrer Zuneigung zu erschüttern vermocht; das bezeugt ein letzter Brief von ihr, wenige Wochen vor ihrem Tode, den Varnhagen nicht vernichtet hat. Pauline ist auch da noch »der erste und einzige Mensch, dem ich schreibe«.
Dagegen beginnt Rahel bereits kurz vor Varnhagens Berufung, gleich nach ihrer Heirat, höchst eifrig ihre Vorkehrungen zu treffen. Die erste und wichtigste ist der Auftrag an Varnhagen, der zu den |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000210 Friedensverhandlungen in Paris weilte1, ihr die kompromittierteste Jugendfreundin, Pauline Wiesel, wiederzufinden. Die ehemalige Geliebte des Prinzen Louis Ferdinand hatte inzwischen einen selbst für jene recht großzügigen2 Zeiten ungewöhnlichen Männer- und Geldverbrauch aufzuweisen und galt als eine schlechte, übelbeleumundete Person. Sie war früher viel geliebt worden wegen ihrer großen3 Schönheit und einer ebenso verblüffenden wie erschreckenden Natürlichkeit. Sie ist die einzige Frau, die Rahel für ihresgleichen gehalten hat: »Wer so Natur und Welt kennt wie wir4 ..., wer alles so vorher weiß, ... wer sich so über Ungewöhnliches nicht wundert, und wem das Gewöhnliche ewig fort so rätselhaft erscheint und zur Beschäftigung wird; wer so Grünes sieht und liebt, wer so geliebt hat oder geliebt worden ist; wer so die Einsamkeit nicht mehr ertragen kann, und nicht entbehren: wer das lächerlich wunderbare große Los gefunden hat, auf Eine zu treffen, die ebenso sieht und innerlich ist, bei den verschiedensten Gaben, welches nur noch amüsanter ist; ... wer so alle Naturereignisse, die unserer Vernunft Unsinn dünken müssen, für möglich hält ...«, schreibt sie 1816 an die Freundin.5 Der recht verschüchterte Varnhagen findet Pauline6 in Paris in einem Wust von Geldkalamitäten, Schulden und wahren oder erdichteten Liebeshändeln. Er berichtet aber doch erst gehorsamst begeistert. Allerdings hat er sich später, nach Rahels Tode7, in dieser Beziehung gründlichst gerächt, den ganzen Briefwechsel zwischen ihr und Rahel (mit Ausnahme einiger Auszüge,8 die er ohne ihren9 Namen oder unter den unverständlichen Initialen Fr. v. V. publizierte) unveröffentlicht gelassen, obwohl er das einzige,11 von Konventionen nicht verstellte Licht auf Rahels Alter wirft. Pauline ist die Art und Weise12, wie sie aus Rahels Leben herausredigiert wurde, nicht entgangen. Fast ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen des Buches des Andenkens wandte sich Varnhagen an sie mit der Bitte, ihm Rahels Briefe zu überlassen; bei der Gelegenheit fragt sie ihn in ihrer einfachen, direkten Art, warum er denn »das, was Bezug auf mich hat, ausgestrichen« habe13 und merkt an, daß auch andere sich wunderten, »warum Herr von Varnhagen so vieles an den Briefen geändert« habe. Varnhagen, der es natürlich für unter seiner Würde hielt, ihr auf die Anfrage auch nur zu antworten, wußte, daß Pauline arm, alt und krank war und daß wohl nichts mehr in Rahels Sinne gewesen wäre, als ihr materiell zu helfen. Dies tut er denn auch auf seine Weise. Sie sei, so schreibt er, doch immer ein halbes Kind gewesen, und so wolle er sie denn auch locken, wie man Kinder locke; statt der Bonbons würde |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000211 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000212 |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000213 er ihr für jeden Brief, den sie ihm überlasse, einen Dukaten zahlen. Pauline antwortete auf dies Angebot nicht, schickte ihm die Briefe und bekam ihre Dukaten, die sie dann auch ganz zufrieden annahm. Damit nicht genug14 hat Varnhagen15 späteren Neugierigen, die sein Archiv etwa durchschnüffeln sollten, noch eine kräftige Warnung von eigener Hand hinterlassen: »Die so ersehnte und gefeierte Freundin sollte nach wenigen Monaten als widrig Entblößte16 und tief Erkannte, als Unwürdige und Gleichgültige heimreisen17 Dies soll sich ein Jahr vor Rahels Tode zugetragen haben, bei ihrem letzten Besuch, da sie Varnhagen »eine Zeitlang Rahel ganz abwendig machte, sie kalt und schroff stimmte und alles gegeneinander hetzte«. Wenn diese Schilderung von dem Betragen der Wiesel der Wahrheit entsprach - was durchaus anzunehmen ist -,18 so hat es wenigstens Rahel nicht in ihrer Zuneigung zu erschüttern vermocht; das bezeugt ein letzter Brief von ihr, wenige Wochen vor ihrem Tode, den Varnhagen nicht vernichtet hat. Pauline ist auch da noch »der erste und einzige Mensch, dem ich schreibe«.
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Pauline Wiesel ist der einzige Mensch, gegen den Varnhagen schon zu Rahels Lebzeiten aufs heftigste, mit sehr gutem Instinkt protestiert1 - besonders nachdem der Tugendhafte auch noch Objekt ihrer Verführungskünste geworden -3 sie wollte, meinte Rahel, »Ralle’ns5 Mann kosten; wie Eispunsch«. Er kann sich »nicht helfen« und findet »ihren Flug8 oft zu niedrig, ihre Sitten verdorbener als ihre Sittlichkeit« und was man sonst noch mit gutem Grund10 gegen sie vorbringen mochte. Rahel hat sich an solchen Kleinigkeiten nie einen Moment lang gestossen11. Sie hat diese tolle Person ihr ganzes Leben lang bewundert, sie nur in den Jahren der heftigsten Avanciersucht vergessen, fast verloren, um sie sofort, noch ehe sie wirklich arriviert ist, nur ihrer Meinung nach über den Berg - verheiratet, getauft und vor einer Karriere des Mannes - also im ungeeignetesten13 Moment wieder aufzustöbern und eine regelmässige14 Beziehung zu ihr -15 den einzigen kontinuierlichen Briefwechsel bis zu ihrem Tode -16 zu unterhalten17. Denn, so meint Rahel, »es ist nur ein Unterschied zwischen uns, Sie leben alles; weil Sie den18 Mut haben und das19 Glück hatten; ich denk20 mir das Meiste21, weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam.22« Anders ausgedrückt: Pauline stellte sich in voller Freiheit ausserhalb24 der bürgerlichen Gesellschaft, weil ihr grosses25 Temperament und eine unbändige Natur sich keinen Konventionen fügen mochten26. Ihr Mut war ihre Natürlichkeit, die gehalten und bestärkt wurde von all den Menschen, die aus der Gesellschaft heraus zu ihr hin flohen und ihr ein freies Leben ermöglichten. Die Lüge - das war für Pauline höchstens die konventionelle und heuchlerische |252 Verleugnung der Natur in der Gesellschaft. Rahel stand immer als Jüdin ausserhalb27 der Gesellschaft, war ein Paria und entdeckte schliesslich28, höchst unfreiwillig und höchst unglücklich, dass29 man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam, um den Preis einer viel allgemeineren Lüge als die der einfachen Heuchelei; entdeckte, dass30 es für den Paria31 - aber eben auch nur für ihn - gilt, alles Natürliche zu opfern, alle Wahrheit zu verdecken, alle Liebe zu missbrauchen32, alle Leidenschaft nicht nur zu unterdrücken, sondern schlimmer:33 zum Mittel des Aufstiegs zu machen. Mut kann der Paria34 nicht haben, weil er36 nicht freiwillig verzichtete37; er kann nur eine38 angelernte, nachträgliche Heldenpose39 annehmen. Mut hat man40 nur, wenn man42 schön ist und nicht gedemütigt. Mut kann man noch haben als höchsten Grad von Einsicht und Vernunft, in der Identifizierung mit dem Allgemeinen, nicht als44 personale Eigenschaft. Rahel aber bekam ihre Einsicht nur langsam und stückweise verabreicht und verstand das Ganze, entdeckte den Schlüssel zum45 eigenen »Bankrott46« erst, als sie schon beinahe tot war47. Ihr Vorrecht, ihre Chance48 war gerade, sich ein »weiches Herz, von Fleisch und Blut« bewahrt zu haben, immer treffbar geblieben zu sein, jede Schwäche sich eingestanden zu haben, und darum, nur darum, zur Erfahrung gelangt zu sein. »Ich kann zu Gott dem Allmächtigen schwören, dass49 ich in meinem Leben noch nie eine Schwäche bemeistert habe!!50«
Pauline Wiesel ist der einzige Mensch, gegen den Varnhagen schon zu Rahels Lebzeiten aufs heftigste und aus guten Gründen protestiert hat1 - besonders nachdem der Tugendhafte in Paris2 auch noch Objekt ihrer Verführungskünste geworden war;3 sie wollte, meinte Rahel, die im Gegensatz zu Varnhagen gar nicht entrüstet ist,4 »Rallen’s5 Mann kosten; wie Eispunsch«. Rahel versucht vergebens, ihm klarzumachen, daß der Verführungsversuch durchaus ein Beweis lebendigster Anteilnahme an Rahels Schicksal ist.6 Er kann sich »nicht helfen« und findet ihren7 »Flug ...8 oft zu niedrig, ihre Sitten verdorbener als ihre Sittlichkeit«,9 und was man sonst noch an treffenden Banalitäten10 gegen sie vorbringen mochte. Rahel hat sich an solchen Kleinigkeiten nie einen Moment lang gestoßen11. Sie hat diese tolle Person ihr ganzes Leben lang bewundert, sie nur in den Jahren der heftigsten Avanciersucht vergessen, fast verloren, um sie sofort, noch ehe sie wirklich arriviert ist, nur ihrer Meinung nach über den Berg - verheiratet, getauft und vor einer Karriere des Mannes -,12 also im ungeeignetsten13 Moment wieder aufzustöbern und eine regelmäßige14 Beziehung zu ihr,15 den einzigen kontinuierlichen Briefwechsel bis zu ihrem Tode, neu16 zu beginnen17. Denn, so meint Rahel, »es ist nur ein Unterschied zwischen uns, Sie leben alles; weil Sie Mut haben und Glück hatten; ich denke20 mir das meiste21, weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam«; sie gehören zusammen, weil Pauline gleich Rahel, wenn auch »auf entgegengesetztem Wege, mit dem größten |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000214 Mute, bankrott22« ist.23 Anders ausgedrückt: Pauline stellte sich in voller Freiheit außerhalb24 der bürgerlichen Gesellschaft, weil ihr großes25 Temperament und eine unbändige Natur sich keinen Konventionen fügen mochte26. Ihr Mut war ihre Natürlichkeit, die gehalten und bestärkt wurde von all den Menschen, die aus der Gesellschaft heraus zu ihr hin flohen und ihr ein freies Leben ermöglichten. Die Lüge - das war für Pauline höchstens die konventionelle und heuchlerische Verleugnung der Natur in der Gesellschaft. Rahel stand immer als Jüdin außerhalb27 der Gesellschaft, war ein Paria und entdeckte schließlich28, höchst unfreiwillig und höchst unglücklich, daß29 man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam, um den Preis einer viel allgemeineren Lüge als die der einfachen Heuchelei; entdeckte, daß30 es für den Parvenu31 - aber eben auch nur für ihn - gilt, alles Natürliche zu opfern, alle Wahrheit zu verdecken, alle Liebe zu mißbrauchen32, alle Leidenschaft nicht nur zu unterdrücken, sondern schlimmer,33 zum Mittel des Aufstiegs zu machen. Mut konnte sie34 nicht haben, den Mut, sich außerhalb der Gesellschaft zu stellen,35 weil der Paria36 nicht freiwillig verzichtet37; er kann nur angelernte, nachträgliche Heldenposen39 annehmen. Eine Frau zudem kann sich gesellschaftlichen Mut40 nur leisten41, wenn sie42 schön ist und nicht gedemütigt. Mut kann man dann43 noch haben als höchsten Grad von Einsicht und Vernunft, in der Identifizierung mit dem Allgemeinen, ohne Rücksicht auf44 personale Eigenschaft. Rahel aber bekam ihre Einsicht nur langsam und stückweise verabreicht und verstand das Ganze, gestand sich die Ursache des45 eigenen »Bankrotts46« erst am Ende ihres Lebens zu47. Ihr Vorrecht war gerade, sich ein »weiches Herz, von Fleisch und Blut« bewahrt zu haben, immer treffbar geblieben zu sein, jede Schwäche sich eingestanden zu haben, und darum, nur darum, zur Erfahrung gelangt zu sein. »Ich kann zu Gott dem Allmächtigen schwören, daß49 ich in meinem Leben noch nie eine Schwäche bemeistert habe!«
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Der Paria will in leerer Allgemeinheit alles erreichen, wie er von allem ausgeschlossen ist. Er kann es sich nicht leisten, bestimmte Wünsche zu haben. Der Parvenu wird immer entdecken |253 , dass4 er, was er nun geworden ist, im Grunde gar nicht gewünscht hat, nämlich gar nicht wünschen konnte. Er konnte nur höher hinauswollen - unabsehbar für ihn wo er schliesslich6 landen wird. Er bleibt dem gleichen widrigen Gesetz unterworfen, gegen das er als Paria revoltiert hatte: mit allem sich bescheiden zu müssen. Daran kann keine Karriere etwas ändern. Er wird - eben wegen der notwendigen Unbestimmtheit seiner Wünsche - auf alles Erreichte stolz sein müssen. Will er solchen aufgezwungenen Stolz nicht, nennt er auch das noch Sichbescheiden, so ist7 er ein misslungener8 Parvenu, der sich -9 wie Rahel - nachträglich einen10 »Grundwillen11«, »Grundwünsche seines Wesens« andichtet12, um nur nicht die Demütigung einstecken zu müssen, mit so teuer, so qualvoll Erkauftem auch noch zufrieden zu sein. Rahel hat nie verwinden können, »mit Mühe zu suchen«, was ihr »so zukommt«, war13 immer »zu stolz .. einen Schritt drum17 zu tun« - und suchte doch mit vieler Mühe und tat viele Schritte.
Der Paria, der es zum Parvenu bringen1 will, strebt danach,2 in leerer Allgemeinheit alles zu3 erreichen, wie er von allem ausgeschlossen ist. Er kann es sich nicht leisten, bestimmte Wünsche zu haben. Der Parvenu wird immer entdecken, daß4 er, was er nun geworden ist, im Grunde gar nicht gewünscht hat, nämlich gar nicht wünschen konnte. Er konnte nur höher hinauswollen - unabsehbar für ihn,5 wo er schließlich6 landen wird. Er bleibt dem gleichen widrigen Gesetz unterworfen, gegen das er als Paria revoltiert hatte: mit allem sich bescheiden zu müssen. Daran kann keine Karriere etwas ändern. Er wird - eben wegen der notwendigen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000215 Unbestimmtheit seiner Wünsche - auf alles Erreichte stolz sein müssen. Will er solchen aufgezwungenen Stolz nicht, nennt er auch das noch Sichbescheiden, so bringt7 er es nicht zum8 Parvenu, sondern wird9 wie Rahel gerade dann ein10 »Rebell11«, wenn er scheinbar das Ziel erreicht hat12, um nur nicht die Demütigung einstecken zu müssen, mit so teuer, so qualvoll Erkauftem auch noch zufrieden zu sein. Rahel hat nie verwinden können, »mit Mühe zu suchen«, was ihr »so zukommt«, hoffte13 immer, sie würde14 »zu stolz sein15 ...16 einen Schritt darum17 zu tun« - und suchte doch mit vieler Mühe und tat viele Schritte.
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Ein ehrlicher Parvenu, der sich eingesteht, dass1 er nur vag wünschte, was alle haben, und ehrlich entdeckt, dass2 er etwas Bestimmtes nie hat haben wollen, ist eine Art Paradox. »Und alles, was ich mit Mühe erkaufen soll, existiert eigentlich nie für mich.« Ein Parvenu, der sich nach seinem Pariadasein zurücksehnt, ist in der bürgerlichen Gesellschaft ein Narr. Rahel findet es unerträglich, dass3 »ich mich gegen die Leute doch jetzt so haben muss4, als wäre ich nicht mehr als mein Mann - sonst war ich Nichts und das ist viel5 Aber offiziell will6 sie weder ein Narr noch ein Monstre7 sein und überliess8 es daher Varnhagen, sie wirklich zu Frau Friedericke9 |254 Varnhagen von Ense zu machen, ihre Existenz bis auf den Vornamen auszutilgen. Heimlich, gegen ihn, in bewusster10 Revolte gegen ein solches Dasein, zaubert sie sich Fetzen ihrer alten Existenz zurück, lebt »nur ganz innerlich« ihr eigenes Leben. Zeuge dieser inoffiziellen Machinationen ist Pauline Wiesel, mit der sie nichts11 gemein hat als die tief humane Liebe aller von der Gesellschaft Ausgestossenen13 zu den »wahern14 Realitäten« - »einer Brücke, einem Baum, einer Fahrt, einem Geruch, einem Lächeln«.
Ein ehrlicher Parvenu, der sich eingesteht, daß1 er nur vag wünschte, was alle haben, und ehrlich entdeckt, daß2 er etwas Bestimmtes nie hat haben wollen, ist eine Art Paradox. »Und alles, was ich mit Mühe erkaufen soll, existiert eigentlich nie für mich.« Ein Parvenu, der sich nach seinem Pariadasein zurücksehnt, ist in der bürgerlichen Gesellschaft ein Narr. Rahel findet es unerträglich, daß3 »ich mich gegen die Leute doch jetzt so haben muß4, als wäre ich nicht mehr als mein Mann - sonst war ich Nichts und das ist viel«.5 Aber offiziell wollte6 sie weder ein Narr noch ein Paradox7 sein und überließ8 es daher Varnhagen, sie wirklich zu Frau Friederike9 Varnhagen von Ense zu machen, ihre Existenz bis auf den Vornamen auszutilgen. Heimlich, gegen ihn, in bewußter10 Revolte gegen ein solches Dasein, zaubert sie sich Fetzen ihrer alten Existenz zurück, lebt »nur ganz innerlich« ihr eigenes Leben. Zeuge dieser inoffiziellen Machinationen ist Pauline Wiesel, mit der sie mehr11 gemein hat als Eigenschaften, nämlich12 die tief humane Liebe aller von der Gesellschaft Ausgestoßenen13 zu den »wahren14 Realitäten« - »einer Brücke, einem Baum, einer Fahrt, einem Geruch, einem Lächeln«.
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Die Tendenz, rückgängig zu machen, was sie erreichte, verstärkt sich in dem Masse1, als sie gewahr werden muss2, dass3 ihr Aufstieg nur Schein ist, dass4 ein Parvenu5 in der wirklich guten Gesellschaft immer6 nur Parvenu bleibt, dass7 sie der unerträglichen Exponiertheit doch nicht entgeht, so wenig wie den Kränkungen. Das erste und bestimmende Erlebnis dieser Art ist ihr Wiedersehen mit Caroline von Humboldt in Frankfurt, kurz nach Abschluss8 des Wiener Kongresses. Caroline gehörte zu den wenigen Nichtjüdinnen, mit denen Rahel noch von ihrer Jugendzeit her befreundet war. Sie konnte nicht ahnen, dass9 die Freundin, deren Mann offiziell als der grosse10 Fürsprecher der Juden galt, offen antisemitisch11 geworden war und auch Humboldt in diesem Sinne zu bremsen12 suchte. Rahel erfuhr das erst, als sie von ihr vor einer grossen13 Gesellschaft einfach mit Sie angeredet wurde - eine recht simple Art, eine jahrzehntealte, peinlich gewordene Freundschaft zu liquidieren. In Frankfurt, wo sie Varnhagens Rückkehr aus Paris abwartet, wird ihr auch sonst durchaus eindeutig zum Bewusstsein14 gebracht, dass15 sie nur mit ihrem Mann |255 geduldet wird, keinesfalls mehr allein, auch nicht verheiratet. »Wie eine Pute auf fremden17 Hof trabt18 ich umher und19 kauerte auf einem gefundenen Eckchen.« Sie hat nicht das zweifelhafte Glück ihrer Schwägerin, die dem Herrn Staegemann -20 von dem Varnhagens Zukunft durchaus21 abhängig war -22 besonders gut gefiel, weil sie »nichts von einer Jüdin an sich habe« (Varnhagen)23. Gleich nach ihrer Heirat, noch vor Beginn der eigentlichen Reaktion in Preussen24, muss25 sie Beides26 einsehen: wie wenig die Heirat nutzte und wie unentbehrlich sie war, weil sie immerhin ein gesellschaftliches Minimum ermöglichte, das zugleich bereits das Maximum des Erreichbaren darstellte.
Die Tendenz, rückgängig zu machen, was sie erreichte, verstärkt sich in dem Maße1, als sie gewahr werden muß2, daß3 ihr Aufstieg nur Schein ist, daß4 ein Paria5 in der wirklich guten Gesellschaft nur Parvenu bleibt, daß7 sie der unerträglichen Exponiertheit doch nicht entgeht, so wenig wie den Kränkungen. Das erste und bestimmende Erlebnis dieser Art ist ihr Wiedersehen mit Caroline von Humboldt in Frankfurt, kurz nach Abschluß8 des Wiener Kongresses. Caroline gehörte zu den wenigen Nichtjüdinnen, mit denen Rahel noch von ihrer Jugendzeit her befreundet war. Sie konnte nicht ahnen, daß9 die Freundin, deren Mann offiziell als der große10 Fürsprecher der Juden galt, offen judenfeindlich11 geworden war und auch Humboldt in diesem Sinne zu beeinflussen12 suchte. Rahel erfuhr das erst, als sie von ihr vor einer großen13 Gesellschaft |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000216 einfach mit Sie angeredet wurde - eine recht simple Art, eine jahrzehntealte, peinlich gewordene Freundschaft zu liquidieren. In Frankfurt, wo sie Varnhagens Rückkehr aus Paris abwartet, wird ihr auch sonst durchaus eindeutig zum Bewußtsein14 gebracht, daß15 sie nur mit ihrem Mann geduldet wird, keinesfalls mehr allein, auch nicht verheiratet. »Wie eine Pute zum erstenmal16 auf fremdem17 Hof trabt’18 ich umher oder19 kauerte auf einem gefundenen Eckchen.« Sie hat nicht das zweifelhafte Glück ihrer Schwägerin, die dem Herrn Stägemann,20 von dem Varnhagens Zukunft noch dazu21 abhängig war,22 besonders gut gefiel, weil sie »nichts von einer Jüdin an sich habe«. Gleich nach ihrer Heirat, noch vor Beginn der eigentlichen Reaktion in Preußen24, muß25 sie beides26 einsehen: wie wenig die Heirat nutzte und wie unentbehrlich sie war, weil sie immerhin ein gesellschaftliches Minimum ermöglichte, das zugleich bereits das Maximum des Erreichbaren darstellte.
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Die drei Jahre in Karlsruhe sind Rahels glücklichste, ungekränkteste Zeit. Sie hat an sie später1 immer wie an die glücklichsten Jahre ihres Lebens zurückgedacht. Als sie aber wieder nach Berlin zurückkehrt - 1819 - schon im Voraus3 verzweifelt »nach Hause« zu sollen, wo sie allen bekannt ist und daher nicht nur als Frau ihres Mannes behandelt wird, beginnen die alten Klagen wieder. »Nichts gefällt mir hier .. Nichts gefreut mich hier .. Dass5 keiner jemals nach seinem Orte kommt, wo er lange nicht war! .. Lauter traurige Revenants;7 die auch mich wie sonst haben und gebrauchen und ansehen wollen; die nämlich, die noch übrig geblieben sind, .. sind Furien der Vergangenheit«.9 Dennoch bleibt der »Stand, die Heirat, die Namensänderung« immer eine Zuflucht, das letzte Zipfelchen, die Phantasmagorie einer Heimat. Um dieses Zipfelchens willen fügt sie sich.
Die drei Jahre in Karlsruhe sind Rahels glücklichste, ungekränkteste Zeit. Sie hat später daran1 immer wie an die glücklichsten Jahre ihres Lebens zurückgedacht. Als sie aber wieder nach Berlin zurückkehrt - 1819 -,2 schon im voraus3 verzweifelt »nach Hause« zu sollen, wo sie allen bekannt ist und daher nicht nur als Frau ihres Mannes behandelt wird, beginnen die alten Klagen wieder. »Nichts gefällt mir hier ...4 Nichts gefreut mich hier ... Daß5 keiner jemals nach seinem Orte kommt, wo er lange nicht war! ...6 Lauter traurige Revenants,7 die auch mich wie sonst haben und gebrauchen und ansehen wollen; die nämlich, die noch übrig geblieben sind, ...8 sind Furien der Vergangenheit9 Dennoch bleibt der »Stand, die Heirat, die Namensänderung« immer eine Zuflucht, das letzte Zipfelchen, die Phantasmagorie einer Heimat. Um dieses Zipfelchens willen fügt sie sich.
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Da sie es aber nie, und sicher nicht nach der Rückkehr nach |256 Berlin zu jener Virtuosität bringt, welche sich selbst alles verheimlicht1 und dadurch das Leben erträglich macht, bricht unter dem ruhigen und oberflächlich glücklichen Eheleben eine richtige Panik hervor: »Kann man ganz abkommen von dem, was man eigentlich ist; ab weit ab: wie ein schwaches kleines Schiff getrieben auf grossem3 Meer weit hin von Wind und Sturm! Das Einzige4, was mich wahrhaft noch persönlich angeht, was mir tief in’s5 Herz gesunken ist, unten granitschwer und dunkel liegt: da seh6 ich nicht hin, das lasse ich liegen; wie ein armer Arbeiter, der die ganze Woche sich in Mitteln verliert, vielleicht den Sonntag seinen Lebenslichtern nahe kommen zu können!« So ist es, wenn man scheinen soll, was man sein nicht will. Rahel Levin ist sie endlich los geworden, aber Frau7 Varnhagen möchte sie auch nicht werden. Jene wurde nicht akzeptiert, diese will sich nicht zu einer lügenhaften Selbstidentifizierung entschliessen9. »Ich fühle meinen Untergang, und will ihn Ihnen beschreiben10; und dazu langen meine Kräfte nicht hin11.«12
Da sie es aber nie, und sicher nicht nach der Rückkehr nach Berlin zu jener Virtuosität bringt, welche sich selbst belügt1 und dadurch das Leben erträglich macht, bricht unter dem ruhigen und oberflächlich glücklichen Eheleben eine richtige Panik hervor: »Kann man ganz abkommen von dem, was man eigentlich ist; ab,2 weit ab: wie ein schwaches kleines Schiff getrieben auf großem3 Meer weit hin von Wind und Sturm! Das einzige4, was mich wahrhaft noch persönlich angeht, was mir tief ins5 Herz gesunken ist, unten granitschwer und dunkel liegt: da seh’6 ich nicht hin, das lasse ich liegen; wie ein armer Arbeiter, der die ganze Woche sich in Mitteln verliert, vielleicht den Sonntag seinen Lebenslichtern nahe kommen zu können!« So ist es, wenn man scheinen soll, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000217 was man sein nicht will. Rahel Levin ist sie endlich losgeworden, aber Friederike7 Varnhagen, geborene Robert,8 möchte sie auch nicht werden. Jene wurde nicht akzeptiert, diese will sich nicht zu einer lügenhaften Selbstidentifizierung entschließen9. Denn »ich hielt mich zeitlebens für Rahel10; und sonst nichts«11.
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Solch leidenschaftlicher Protest, solch wütender Versuch, alles wieder rückgängig zu machen, alles Erreichte als nie Gewünschtes abzuleugnen, erhält sie in einer sonderbaren, fast abstrusen1 Jugendlichkeit. Je älter sie wird, desto starrer hält sie daran fest, »dass2 wir noch dasselbe wünschen, wollen und meinen« wie früher. »Ich finde mich also mit mir wie zu vierzehn, zu sechzehn Jahren. Nur ein paar mörderische5 Schläge hat mir das Alter vernichtend beigebracht.«
Solch leidenschaftlicher Protest, solch wütender Versuch, alles wieder rückgängig zu machen, alles Erreichte als nie Gewünschtes abzuleugnen, erhält sie in einer sonderbaren Jugendlichkeit. Je älter sie wird, desto starrer hält sie daran fest, »daß2 wir ...3 noch dasselbe wünschen, wollen und meinen« wie früher. »Ich finde mich also mit mir,4 wie zu vierzehn, zu sechzehn Jahren. Nur ein paar mördrische5 Schläge hat mir das Alter vernichtend beigebracht.«
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Jungbleiben, sich nicht ändern, in Meinungen wenigstens ungebunden sein, nur die alten »Jugendgenossen« schätzen, mit |257 sechsundfünfzig Jahren noch »Leidenschaft der Liebe« für das »einzig2 Schöne, Paradiesartige auf der Erde« halten - das heisst3 immer weiter Unmögliches wollen, nachdem das Mögliche in Erfüllung gegangen ist. Unsinnig ist ihr Trotz,4 zu behaupten, nichts habe sich verändert. Sie ist nicht mehr jung, sie hat Namen, Stand, Vermögensverhältnisse5 erworben, ist verheiratet, Frau eines Beamten, nicht mehr ungebunden, muss6 Rücksicht nehmen, sich verstellen - was soll sich denn eigentlich noch ändern? Sie lebt nicht mit den alten »Jugendgenossen«, sondern sitzt in Varnhagens Salon, wird als Rahel immer unbekannter. Auch mit der Liebe ist es endlich aus; und7 den Mann, mit dem sie lebt, hat sie nie geliebt. Aber solche unsinnige Sehnsucht, solches auf den ersten Blick ganz8 vernunftlose und obstinate Weiterführen einer vor Jahrzehnten untergegangenen Existenz, hat bei näherem Zusehen seine Vorteile: es bereitet in aller Heimlichkeit den Boden für die paar wichtigen Erkenntnisse vor, ohne die zu sterben erst der wirkliche Bankrott wäre, die paar Einsichten, die für ihre Generation und in ihrer Umgebung so haarsträubend ketzerisch waren, dass9 sie ohne bürgerliche Sicherung zu ihnen nie den Mut gefunden hätte. Denn »Mut fehlte mir von je, mich in unselige Lagen zu stürzen;11 darum duldete ich, was ich .. verabscheute; darum13 bin ich krank14 Sie hat bezahlen müssen mit den »wahren Realitäten«, mit den Herrlichkeiten, die keine Gesellschaft je dem Menschen aus der Hand schlagen kann, mit dem freiern Leben des Paria, mit »Grünem, Kinder, Liebe, Wetter«. Gewiss16 »man ist nicht frei, wenn man in der bürgerlichen Gesellschaft etwas vorstellen soll, eine Gattin, eine Beamtenfrau etc«; frei ist19 man aber -20 bürgerlich gesehen -21 |258 immer nur22 in »unseligen Lagen«, die Rahel zu gut, zu genau kennen gelernt hat, um sie nicht mehr als jede Freiheitsberaubung zu fürchten. Schliesslich23 ist die gerühmte Freiheit des Ausgestossenen24 gegenüber der Gesellschaft doch selten mehr als das völlig freie Recht auf Verzweiflung, »dass25 ich nichts bin. Keine Schwester, keine Geliebte, keine Frau, keine Bürgerin einmal.«
Jungbleiben, sich nicht ändern, in Meinungen wenigstens ungebunden sein, nur die alten »Jugendgenossen« schätzen, »die Dachstube ... im Größern fortspinnen«,1 mit sechsundfünfzig Jahren noch »Leidenschaft der Liebe« für das »ewig2 Schöne, Paradiesartige auf der Erde« halten - das heißt3 immer weiter Unmögliches wollen, nachdem das Mögliche in Erfüllung gegangen ist. Unsinnig ist ihr Trotz zu behaupten, nichts habe sich verändert. Sie ist nicht mehr jung, sie hat Namen, Stand, Vermögen, gesellschaftliches Ansehen5 erworben, ist verheiratet, Frau eines Beamten, nicht mehr ungebunden, muß6 Rücksicht nehmen, sich verstellen - was soll sich denn eigentlich noch ändern? Sie lebt nicht mit den alten »Jugendgenossen«, sondern sitzt in Varnhagens Salon, wird als Rahel immer unbekannter. Auch mit der Liebe ist es endlich aus; denn7 den Mann, mit dem sie lebt, hat sie nie geliebt. Aber solche unsinnige Sehnsucht, solches auf den ersten Blick vernunftlose und obstinate Weiterführen einer vor Jahrzehnten untergegangenen Existenz, hat bei näherem Zusehen seine Vorteile: es bereitet in aller Heimlichkeit den Boden für die paar wichtigen Erkenntnisse vor, ohne die zu sterben erst der wirkliche Bankrott wäre, die paar Einsichten, die für ihre Generation und in ihrer Umgebung so haarsträubend ketzerisch waren, daß9 sie ohne bürgerliche Sicherung zu ihnen nie den Mut gefunden hätte. Denn »Mut fehlte mir nur10 von je, mich in unselige Lagen zu stürzen:11 darum duldete ich, was ich ...12 verabscheute; davon13 bin ich krank«.14 Sie hat bezahlen müssen mit den »wahren Realitäten«, mit den Herrlichkeiten, die keine Gesellschaft je dem Menschen aus der Hand schlagen kann, mit dem freiern Leben des Paria, mit »Grünem, Kinder, Liebe, Musik,15 Wetter«. Gewiß,16 »man ist nicht frei, wenn man in der bürgerlichen Gesellschaft etwas vorstellen soll, eine Gattin, eine |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000218 Beamtenfrau etc.17«; ist man aber18 frei, so befindet19 man sich,20 bürgerlich gesehen,21 immer in »unseligen Lagen«, die Rahel zu gut, zu genau kennengelernt hat, um sie nicht mehr als jede Freiheitsberaubung zu fürchten. Schließlich23 ist die gerühmte Freiheit des Ausgestoßenen24 gegenüber der Gesellschaft doch selten mehr als das völlig freie Recht auf Verzweiflung, »daß25 ich gerade26 nichts bin. Keine Tochter, keine27 Schwester, keine Geliebte, keine Frau, keine Bürgerin einmal.«
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Verzweifeln oder den Bankrott erklären muss1 sie ohnehin. Der Preis, der vom Paria gefordert wird, wenn er Parvenu werden will, ist immer zu hoch und betrifft immer die menschlichsten Dinge, die, aus denen sein Leben allein bestand. Ist es nicht zum Verzweifeln, keine Kinder zu haben, keinen gleichaltrigen Mann, kein ruhiges Altern2? Was sie am tiefsten empört, ist die höllische Zwickmühle, in der sich ihr Leben abgespielt hat, dass3 ihr erst von den allgemeinen sozialen Verhältnissen alles aus der Hand geschlagen wurde, und dass4 sie dann nur um den Preis der Natur sich ein gesellschaftliches Dasein hat erkaufen können. »Eigentlich möchte ich gerne so alt vorstellen als ich bin;5 das kann ich nicht, .. weil ich einen jungen, mich sehr liebenden Mann habe. Komischeres gibt es8 nicht. Die verkehrte Krone auf meinem Schicksal, dankbar bin ich auch
Verzweifeln oder den Bankrott erklären muß1 sie ohnehin. Der Preis, der vom Paria gefordert wird, wenn er Parvenu werden will, ist immer zu hoch und betrifft immer die menschlichsten Dinge, die, aus denen sein Leben allein bestand. Ist es nicht zum Verzweifeln, keine Kinder zu haben, keinen gleichaltrigen Mann, kein natürliches Alt- und Müdewerden2? Was sie am tiefsten empört, ist die höllische Zwickmühle, in der sich ihr Leben abgespielt hat, daß3 ihr erst von den allgemeinen sozialen Verhältnissen alles aus der Hand geschlagen wurde, und daß4 sie dann nur um den Preis der Natur sich ein gesellschaftliches Dasein hat erkaufen können. »Eigentlich möchte ich gerne so alt vorstellen als ich bin:5 das kann ich nicht, ...6 weil ich einen jungen, mich so7 sehr liebenden Mann habe. Komischers gibts8 nicht. Die verkehrte Krone auf meinem Schicksal, dankbar bin ich auch
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Es ist überreichlich dafür gesorgt, dass1 die Bäume der Freiheit und Rebellion nicht in den Himmel wachsen. Die Dankbarkeit tut mehr noch dazu als die »verkehrte Krone auf meinem Schicksal«, die eben genau durch Dankbarkeit an ihrer Existenz festgewachsen ist. »Eigenschaften, die man nicht regieren kann«, sind »Fehler«, Dankbarkeit, exzessive Anhänglichkeit ist das Laster des Paria, der auch dem zufällig hingeworfenen Wort, der fast unabsichtlich |259 auf ihn zukommenden freundschaftlichen Geste sich verbunden fühlt, weil er nichts Derartiges von der Welt je erwartete. »Und zu dankbar bin ich, weil es mir zu schlecht ging, und ich gleich an lauter Leisten und Vergelten denke; auch, weil nur ich immer leistete. Dies Letzte ist ganz leidenschaftlich und mechanisch zugleich geworden.« »Eigenschaften, die man nicht regieren kann«, sind Süchte; Dankbarkeit als »langgezogener Fehler« die Sucht nach Freundlichkeit, Güte, Entgegenkommen; »mechanisches und leidenschaftliches Vergelten« der vergebliche Versuch, die Menschen zu bestechen, zur Liebe zu zwingen; die schreckliche3 Distanzlosigkeit des Ausgestossenen4, der die Anderen5 sich verpflichten muss6, sie auf sich mit allen Mitteln aufmerksam machen will, ihre Gleichgültigkeit nicht erträgt und sich eine Atmosphäre von Freundschaft, Wärme, Hilfsbereitschaft und Familiarität vorschwindelt. Solche Dankbarkeit wäre nur ein Fehler, wäre sie nicht begleitet, ja unfehlbar begründet in dem Besten und Würdigsten, das der Paria in seiner Welt lernen und verstehen kann: von »zu viel Rücksicht für menschlich Angesicht. Eher kann ich nach dem eigenen Herzen mit der Hand fassen und es verletzen, als ein Angesicht kränken und ein gekränktes sehen.« Die Sensibilität, das wortwörtliche Mitleiden8, das wiederum distanzlos ist, ist nur der krankhaft gesteigerte Ausdruck für das instinktive Begreifen der Würdigkeit9, die jedem innewohnt, der ein menschlich Antlitz trägt, ein Instinkt, den die Privilegierten nie kennen, der die Humanität des Paria ausmacht, der ihn eindeutig unterscheidet von dem gehetzten Tier, das er in der Gesellschaft |260 darstellen muss10; ein Instinkt durch den alle Privilegierten zu Tieren - wenn auch vielleicht zu edlen Species - ihm gegenüber degradiert werden. Immer repräsentieren darum die Paria in einer Gesellschaft, welche auf Privilegien, Geburtsstolz, Standeshochmut basiert, das eigentlich Humane, spezifisch Menschliche, in Allgemeinheit Auszeichnende. Die Menschenwürde, die Achtung vor dem menschlichen Angesicht, die der Paria instinktartig entdeckt, ist die einzig natürliche Vorstufe für das gesamte moralische Weltgebäude der Vernunft.
Es ist überreichlich dafür gesorgt, daß1 die Bäume der Freiheit und Rebellion nicht in den Himmel wachsen. Die Dankbarkeit tut mehr noch dazu als die »verkehrte Krone auf meinem Schicksal«, die eben genau durch Dankbarkeit an ihrer Existenz festgewachsen ist. »Eigenschaften, die man nicht regieren kann«, sind »Fehler«, Dankbarkeit, exzessive Anhänglichkeit ist das Laster des Paria, der auch dem zufällig hingeworfenen Wort, der fast unabsichtlich auf ihn zukommenden freundschaftlichen Geste sich verbunden fühlt, weil er nichts Derartiges von der Welt je erwartete. »Und zu dankbar bin ich, weil es mir zu schlecht ging, und ich gleich an lauter Leisten und Vergelten denke; auch, weil nur ich immer leistete. Dies Letzte ist ganz leidenschaftlich und mechanisch zugleich geworden.« »Eigenschaften, die man nicht regieren kann«, sind Süchte; Dankbarkeit als »langgezogener Fehler« die Sucht nach Freundlichkeit, Güte, Entgegenkommen; »mechanisches und leidenschaftliches Vergelten«,2 der vergebliche Versuch, die Menschen zu bestechen, zur Liebe zu zwingen; die Distanzlosigkeit des Ausgestoßenen4, der andere5 sich verpflichten muß6, sie auf sich mit allen Mitteln aufmerksam machen will, ihre Gleichgültigkeit nicht erträgt und sich eine Atmosphäre |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000219 von Freundschaft, Wärme, Hilfsbereitschaft und Familiarität vorschwindelt. Solche Dankbarkeit wäre nur ein Fehler, wäre sie nicht begleitet, ja unfehlbar begründet in dem Besten und Würdigsten, das der Paria in seiner Welt lernen und verstehen kann: von »zu viel Rücksicht für menschlich Angesicht. -7 Eher kann ich nach dem eigenen Herzen mit der Hand fassen und es verletzen, als ein Angesicht kränken und ein gekränktes sehen.« Die Sensibilität, das wortwörtliche Mit-leiden8, das wiederum distanzlos ist, ist nur der krankhaft gesteigerte Ausdruck für das instinktive Begreifen der Würde9, die jedem innewohnt, der ein menschlich Antlitz trägt, ein Instinkt, den die Privilegierten nie kennen, der die Humanität des Paria ausmacht, der ihn eindeutig unterscheidet von dem gehetzten Tier, das er in der Gesellschaft darstellen muß10; ein Instinkt,11 durch den alle Privilegierten zu Tieren - wenn auch vielleicht zu edlen Species -,12 ihm gegenüber degradiert werden. Immer repräsentieren darum die Paria in einer Gesellschaft, welche auf Privilegien, Geburtsstolz, Standeshochmut basiert, das eigentlich Humane, spezifisch Menschliche, in Allgemeinheit Auszeichnende. Die Menschenwürde, die Achtung vor dem menschlichen Angesicht, die der Paria instinktartig entdeckt, ist die einzig natürliche Vorstufe für das gesamte moralische Weltgebäude der Vernunft. Diese Eigenschaften - und Rahel nennt sie ihre beiden »unaussprechlichen Fehler« - muß der Parvenu ablegen. Er darf nicht dankbar sein, weil er alles seinen eigenen Kräften schuldet; er darf keine Rücksicht für »menschlich Angesicht« kennen, weil er sich selbst als eine Art Übermenschen der Tüchtigkeit, als ein besonders gutes und starkes und intelligentes Exemplar, als ein Leitbild seiner armen Pariabrüder einschätzen muß. Der Parvenu bezahlt den Verlust der Pariaeigenschaften damit, daß er endgültig unfähig wird, Allgemeines zu erfassen, Zusammenhänge zu erkennen, sich für anderes als für seine eigene Person zu interessieren.13
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Rahel Varnhagen und die Assimilation der deutschen Juden
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Diese Eigenschaften - und Rahel nennt sie ihre beiden »unaussprechlichen Fehler« - muss der Parvenu ablegen. Er darf nicht dankbar sein, weil er alles seinen eigenen Kräften schuldet; er darf keine Rücksicht für menschlich Angesicht kennen, weil er sich selbst als eine Art Übermenschen der Tüchtigkeit, als ein besonders gutes und starkes und intelligentes Exemplar, als ein Leitbild seiner armen Pariabrüder einschätzen muss. Der Parvenu bezahlt den Verlust der Pariaeigenschaften damit, dass er endgiltig unfähig wird, Allgemeines zu erfassen, Zusammenhänge zu erkennen, sich für anderes als für seine eigene Person zu interessieren.
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Rahel ist ihre Fehler nie losgeworden. Sie haben sie gehindert, ein richtiger Parvenu zu werden, sich als Parvenu glücklich zu fühlen. Ihre Beziehung zu Varnhagen, die schliesslich3 nur noch auf Dankbarkeit beruhte, als Dankbarkeit sich aussprach, ursprünglich zur Sicherung eines Parvenudaseins bestimmt, verwandelte sich im Laufe der Ehe zu einem Unterschlupf, zu einem dargebotenen und mit Dankbarkeit angenommenen Asyl, in dem die |261 aus »Ägypten und Palästina Geflüchtete --4 Hilfe, Liebe und Pflege« findet. Dass5 es ihr gelang, ihre Pariaqualitäten in das Parvenudasein hinüberzuretten, hat ihr einen Ausblick eröffnet, einen Weg vorgezeichnet in Alter6 und Tod7. Es ist der gleiche Ausblick, durch den der Paria, weil er ausgestossen8 ist, das Leben als Ganzes erblicken kann, der gleiche Weg, auf dem er zu der »grossen9 Liebe zu freiem Sein« gelangt. Wenn er nämlich aus der Unfähigkeit als Einzelner11 gegen das Ganze zu revoltieren den Ausweg des Parvenu verschmäht und für »unselige Lagen« mit der »Betrachtung des Ganzen« entlohnt wird, seine einzig würdige Hoffnung, »weil alles Zusammenhang hat;13 und es ist wahrlich auch jedes gut genug. Dies ist aus dem grossen14 Bankrott des Lebens das gerettete Vermögen.«
Rahel ist ihre »1Fehler«2 nie losgeworden. Sie haben sie gehindert, ein richtiger Parvenu zu werden, sich als Parvenu glücklich zu fühlen. Ihre Beziehung zu Varnhagen, die schließlich3 nur noch auf Dankbarkeit beruhte, als Dankbarkeit sich aussprach, ursprünglich zur Sicherung eines Parvenudaseins bestimmt, verwandelte sich im Laufe der Ehe zu einem Unterschlupf, zu einem dargebotenen und mit Dankbarkeit angenommenen Asyl, in dem die aus »Ägypten und Palästina Geflüchtete - Hilfe, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000220 Liebe und Pflege« findet. Daß5 es ihr gelang, ihre Pariaqualitäten in das Parvenudasein hinüberzuretten, hat ihr einen Ausblick eröffnet, einen Weg vorgezeichnet in Altern6 und Sterben7. Es ist der gleiche Ausblick, durch den der Paria, weil er ausgestoßen8 ist, das Leben als Ganzes erblicken kann, der gleiche Weg, auf dem er zu der »großen9 Liebe zu freiem Sein« gelangt. Wenn er nämlich aus der Unfähigkeit,10 als einzelner11 gegen das Ganze zu revoltieren,12 den Ausweg des Parvenu verschmäht und für »unselige Lagen« mit der »Betrachtung des Ganzen« entlohnt wird, seine einzig würdige Hoffnung, »weil alles Zusammenhang hat:13 und es ist wahrlich auch jedes gut genug. Dies ist aus dem großen14 Bankrott des Lebens das gerettete Vermögen.«
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18. Kapitel Aus dem Judentum kommt man nicht heraus1
Aus dem Judentum kommt man nicht heraus1820-18331
Aus dem Judentum kommt man nicht heraus1
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Rahel Varnhagen in ihrer Zeit
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Rahel machte als junges Mädchen ihre erste Reise nach Breslau; zu den obligaten1 jüdischen Provinzverwandten, durch die damals noch jeder assimilierte europäisch gebildete Jude mit dem jüdischen Volke3 und den alten, von ihm abgelegten Sitten und Gebräuchen zusammenhing. Rahel, die zu dieser Zeit die deutsche Sprache noch durchaus nicht beherrschte - die frühen Briefe an die Familie sind im Juden-Deutsch der Zeit mit hebräischen Buchstaben geschrieben - berichtet, wie sie »aus Neugier« einer Hochzeit nach jüdischem Ritus zusah, auf der man sie empfing, »als käme der Groß-Sultan5 in ein lange verlassenes Serail«. Sie setzt gleich hinzu: »Mich beschämte das.«
Rahel machte als junges Mädchen ihre erste Reise nach Breslau; zu den jüdischen Provinzverwandten, durch die damals noch jeder assimilierte,2 europäisch gebildete Jude mit dem jüdischen Volke3 und den alten, von ihm abgelegten Sitten und Gebräuchen zusammenhing. Rahel, die zu dieser Zeit die deutsche Sprache noch durchaus nicht beherrschte - die frühen Briefe an die Familie sind im Juden-Deutsch der Zeit mit hebräischen Buchstaben geschrieben -,4 berichtet, wie sie »aus Neugier« einer Hochzeit nach jüdischem Ritus zusah, auf der man sie empfing, »als käme der Großsultan5 in ein lange verlassenes Serail«. Sie setzt gleich hinzu: »Mich beschämte das.«
Rahel machte als junges Mädchen ihre erste Reise nach Breslau; zu den obligaten1 jüdischen Provinzverwandten, durch die damals noch jeder assimilierte,2 europäisch gebildete Jude mit dem jüdischen Volk3 und den alten, von ihm abgelegten Sitten und Gebräuchen zusammenhing. Rahel, die zu dieser Zeit die deutsche Sprache noch durchaus nicht beherrschte - die frühen Briefe an die Familie sind im Juden-Deutsch der Zeit mit hebräischen Buchstaben geschrieben - berichtet, wie sie »aus Neugier« einer Hochzeit nach jüdischem Ritus zusah, auf der man sie empfing, »als käme der Groß-Sultan5 in ein lange verlassenes Serail«. Sie setzt gleich hinzu: »Mich beschämte das.«
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Rahel machte als junges Mädchen ihre erste Reise nach Breslau; zu den obligaten jüdischen Provinzverwandten, durch die damals noch jeder europäisch gebildete Jude mit dem jüdischen Volke und den alten, von ihm abgelegten Sitten und Gebräuchen zusammenhing. Sie sah hier »aus Neugier« einer Hochzeit nach jüdischem Ritus zu, auf der man sie empfing, »als käme der Gross-Sultan in ein lange verlassenes Serail«. Sie setzt gleich hinzu: »Mich beschämte das.«1 Wenn es für den zentralen Wunsch ihres unglücklich getriebenen2 Lebens, aus dem Judentum herauszukommen, noch ein Motiv3 gibt, ausser4 der von Aussen5 bestimmten Unmöglichkeit, als Jude ein normaler Mensch zu werden, ausser6 dem Judenhass7 ihrer Umgebung, so liegt er sicher hier8. Wie ein Gross-Sultan9 kam sich jeder Berliner Jude seinen armen zurückgebliebenen Glaubensbrüdern gegenüber11 vor. Aus ihrer Erniedrigung, aus der Differenz, die ihn von ihnen trennte, bezog er sowohl sein Selbstbewusstsein12, eine Ausnahme zu sein, seinen Stolz, es so herrlich weit gebracht zu haben, wie seine Widerstandskraft gegen die unaufhörlichen Kränkungen, Demütigungen und Rückschläge, die schliesslich13 bei keinem ausblieben. Diese Differenz, diese dunkle Kulisse von Armut, Elend, europäischer Unwissenheit14 und kompletter15 Fremdheit verbürgte ihm immer aufs neue die Grösse des16 Fortschritts, gab ihm neue Hoffnung für17 eine bessere Zukunft, für18 eine ständig19 fortschreitende Verbesserung, die nun, da die ersten Riesenschritte offensichtlich hinter ihm lagen, gar nicht ausbleiben konnte. Die |263 dunkle Kulisse,20 den Nichtjuden, unter denen er lebte, so gut wie unbekannt,21 verwandelte das beschämende Gefühl, einer der »Letzten der Gesellschaft« zu sein in das erhebende, doch zu ihr zu gehören und in ihr - statt ausserhalb ihrer23 - um immer bessere Bedingungen, immer höhere Stufen zu kämpfen25. Blickte man auf die Herkunft, die damals noch jedem präsent, lebendig und in geographisch nächster Nähe war, so wurde man aus einem der Letzten einer der Ersten.
Wenn es für die Unerfüllbarkeit des zentralen Wunsches ihres2 Lebens, aus dem Judentum herauszukommen, noch einen Grund3 gibt, außer4 der von außen5 bestimmten Unmöglichkeit, als Jude ein normaler Mensch zu werden, außer6 dem Judenhaß7 ihrer Umgebung, so liegt er in dieser Scham8. Wie ein Groß-Sultan9 kam sich jeder Berliner Jude seinen armen zurückgebliebenen Glaubensbrüdern gegenüber11 vor. Aus ihrer Erniedrigung, aus der Differenz, die ihn von ihnen trennte, bezog er sowohl sein Selbstbewußtsein12, eine Ausnahme zu sein, seinen Stolz, es so herrlich weit gebracht zu haben, wie seine Widerstandskraft gegen die unaufhörlichen Kränkungen, Demütigungen und Rückschläge, die schließlich13 bei keinem ausblieben. Diese Differenz, diese dunkle Kulisse von Armut, Elend, Unbildung im Sinne Europas14 und vollkommener15 Fremdheit verbürgte ihm immer aufs neue die Größe des16 Fortschritts, gab ihm neue Hoffnung auf17 eine bessere Zukunft, für18 eine beständig19 fortschreitende Verbesserung, die nun, da die ersten Riesenschritte offensichtlich hinter ihm lagen, gar nicht ausbleiben konnte. Die dunkle Kulisse,20 den Nichtjuden, unter denen er lebte, so gut wie unbekannt,21 verwandelte das beschämende Gefühl, einer der »Letzten der Gesellschaft« zu sein in |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000222 das erhebende, doch zu ihr zu gehören und in ihr - statt außerhalb ihrer23 - um immer bessere Bedingungen, immer höhere Stufen kämpfen24 zu können25. Blickte man auf die Herkunft, die damals noch jedem präsent, lebendig und in geographisch nächster Nähe war, so wurde man aus einem der Letzten einer der Ersten.
Wenn es für die Unerfüllbarkeit des zentralen Wunsches ihrer2 Lebens, aus dem Judentum herauszukommen, noch einen Grund3 gibt, außer4 der von außen5 bestimmten Unmöglichkeit, als Jude ein normaler Mensch zu werden, außer6 dem Judenhaß7 ihrer Umgebung, so liegt er in dieser Scham8. Wie ein Großsultan9 kam sich jeder Berliner Jude seinen armen zurückgebliebenen Glaubensbrüdern gegenüber11 vor. Aus ihrer Erniedrigung, aus der Differenz, die ihn von ihnen trennte, bezog er sowohl sein Selbstbewußtsein12, eine Ausnahme zu sein, seinen Stolz, es so herrlich weit gebracht zu haben, wie seine Widerstandskraft gegen die unaufhörlichen Kränkungen, Demütigungen und Rückschläge, die schließlich13 bei keinem ausblieben. Diese Differenz, diese dunkle Kulisse von Armut, Elend, Unbildung im Sinne Europas14 und vollkommener15 Fremdheit verbürgte ihm immer aufs neue die Größe des16 Fortschritts, gab ihm neue Hoffnung auf17 eine bessere Zukunft, für18 eine beständig19 fortschreitende Verbesserung, die nun, da die ersten Riesenschritte offensichtlich hinter ihm lagen, gar nicht ausbleiben konnte. Die dunkle Kulisse,20 den Nichtjuden, unter denen er lebte, so gut wie unbekannt,21 verwandelte das beschämende Gefühl, einer der »Letzten der Gesellschaft« zu sein,22 in das erhebende, doch zu ihr zu gehören und in ihr - statt außerhalb ihrer23 - um immer bessere Bedingungen, immer höhere Stufen zu kämpfen25. Blickte man auf die Herkunft, die damals noch jedem präsent, lebendig und in geographisch nächster Nähe war, so wurde man aus einem der Letzten einer der Ersten.
Wenn es für die Unerfüllbarkeit des zentralen Wunsches ihres2 Lebens, aus dem Judentum herauszukommen, noch einen Grund3 gibt außer4 der von außen5 bestimmten Unmöglichkeit, als Jude ein normaler Mensch zu werden, und außer6 dem Judenhaß7 ihrer Umgebung, so liegt er in dieser Scham8. Wie ein Groß-Sultan9 kam sich jeder Berliner Jude gegenüber10 seinen armen zurückgebliebenen Glaubensbrüdern vor. Aus ihrer Erniedrigung, aus der Differenz, die ihn von ihnen trennte, bezog er sowohl sein Selbstbewußtsein12, eine Ausnahme zu sein, seinen Stolz, es so herrlich weit gebracht zu haben, wie seine Widerstandskraft gegen die unaufhörlichen Kränkungen, Demütigungen und Rückschläge, die schließlich13 bei keinem ausblieben. Diese Differenz, diese dunkle Kulisse von Armut, Elend, Unbildung (im Sinne Europas)14 und vollkommener15 Fremdheit verbürgte ihm immer aufs neue die Größe seines16 Fortschritts, gab ihm neue Hoffnung auf17 eine bessere Zukunft, auf18 eine beständig19 fortschreitende Verbesserung, die nun, da die ersten Riesenschritte offensichtlich hinter ihm lagen, gar nicht ausbleiben konnte. Die dunkle Kulisse -20 den Nichtjuden, unter denen er lebte, so gut wie unbekannt -21 verwandelte das beschämende Gefühl, einer der »Letzten der Gesellschaft« zu sein,22 in das erhebende, doch zu ihr zu gehören und in ihr - statt außerhalb23 - um immer bessere Bedingungen, immer höhere Stufen kämpfen24 zu können25. Blickte man auf die Herkunft, die damals noch jedem präsent, lebendig und in geographisch nächster Nähe war, so wurde man aus einem der Letzten einer der Ersten.
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Sich dieser herablassenden Geste, dieser in jedem Sinne wohltätigen und eitlen Haltung1, in der allein sich2 noch Zugehörigkeit ausdrücken konnte3, zu schämen, hiess4 sich ganz und auf immer5 von jeder Herkunft, von jedem Trost, von jeder Kompensation trennen. Mit dem Aussprechen der Scham, mit dem Verzicht auf Zugehörigkeit gab Rahel sehr viel mehr auf, als sie selbst ahnte: nicht nur die Zugehörigkeit zu der dunklen Masse des Volkes, sondern auch die viel notwendigere zu6 dem kleinen Kollektiv preussischer7 Ausnahmejuden, aus dem sie stammte und dessen Schicksal sie teilte. Keine Taufe, keine Assimilation, keine noch so reiche und adlige8 Heirat hätte eine so radikale Wirkung haben können, als ihre9 Scham.
Sich dieses Gefühls der Herablassung1, in dem sich immerhin2 noch eine Zugehörigkeit ausdrückte3, zu schämen, hieß4 sich ganz und gar5 von jeder Herkunft, von jedem Trost, von jeder Kompensation trennen. Mit dem Aussprechen der Scham, mit dem Verzicht auf Zugehörigkeit gab Rahel sehr viel mehr auf, als sie selbst ahnte: nicht nur die Zugehörigkeit zu der dunklen Masse des Volkes, sondern auch die viel notwendigere Solidarität mit6 dem kleinen Kollektiv preußischer7 Ausnahmejuden, aus dem sie stammte und dessen Schicksal sie teilte. Keine Taufe, keine Assimilation, keine noch so reiche und adlige8 Heirat hätte eine so radikale Wirkung haben können wie diese9 Scham.
Sich dieses Gefühls der Herablassung1, in dem sich immerhin2 noch eine Zugehörigkeit ausdrückte3, zu schämen, hieß4 sich ganz und gar5 von jeder Herkunft, von jedem Trost, von jeder Kompensation trennen. Mit dem Aussprechen der Scham, mit dem Verzicht auf Zugehörigkeit gab Rahel sehr viel mehr auf, als sie selbst ahnte: nicht nur die Zugehörigkeit zu der dunklen Masse des Volkes, sondern auch die viel notwendigere Solidarität mit6 dem kleinen Kollektiv preußischer7 Ausnahmejuden, aus dem sie stammte und dessen Schicksal sie teilte. Keine Taufe, keine Assimilation, keine noch so reiche und adlige8 Heirat hätte eine so radikale Wirkung haben können wie diese9 Scham.
Sich dieses Gefühls der Herablassung1, in dem sich immerhin2 noch eine Zugehörigkeit ausdrückte3, zu schämen, hieß4 sich ganz und gar5 von jeder Herkunft, von jedem Trost, von jeder Kompensation trennen. Mit dem Aussprechen der Scham, mit dem Verzicht auf Zugehörigkeit gab Rahel sehr viel mehr auf, als sie selbst ahnte: nicht nur die Zugehörigkeit zu der dunklen Masse des Volkes, sondern auch die viel notwendigere Solidarität mit6 dem kleinen Kollektiv preußischer7 Ausnahmejuden, aus dem sie stammte und dessen Schicksal sie teilte. Keine Taufe, keine Assimilation, keine noch so reiche und adelige8 Heirat hätte eine so radikale Wirkung haben können wie diese9 Scham.
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Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben. Die Welt, die Gesellschaft ist nur zu bereit, sofort eine andere zu stellen, hat man erst einmal die natürliche und durch Geburt mitgegebene in die Rumpelkammer zu werfen gewagt. Wagte1 Rahel es2 ohne das stolze oder eitle Bewusstsein3 des schon Errungenen sich als Jüdin der Gesellschaft zu exponieren, so fehlte5 ihr das Selbstbewusstsein6, gleichsam die Beine, mit denen sie gehen soll. »Jeder Schritt, den ich machen will, und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Übel der Menschen, gegen die ich gehen will, sondern |264 ich fühle mein besonderes Unglück noch, und doppelt und zehnfach, und eines erhöht mir immer das andere.« Da sie nicht begriff, dass8 sie in ihrer9 Zugehörigkeit zum Judentum schon ihr gut10 Teil an dem11 »allgemeinen Übel12« abbekommen hat13, da14 sie es für ein spezielles hält und darum gar nicht erst gewillt war, um ihr Stück Befreiung zu kämpfen, sondern sie nur in aller Allgemeinheit und Abstraktheit Übel zu bekämpfen oder zu akzeptieren, rächte sich ihr »besonderes Unglück ..15 doppelt und zehnfach«, spezialisierte16, konzentrierte17 sich ganz auf ihre kleine schwache18 Person, wurde19 ihr individuelles Schicksal, so unentrinnbar wie ein Buckel oder sonst20 ein Naturfehler21. »Wie hässlich22 bin ich nicht dabei: ist denn die Welt klug, sagt man denn;23 ›Der Arme ist lahm, bringen wir dem Armen das entgegen ach wie schwer muss26 ihm jeder Tritt werden, man sieht’s!‹ Nein, sie achten seine Tritte nicht, weil sie sie nicht machen, sie finden sie hässlich27, weil sie sie sehen und bringen ihm nichts entgegen, weil ihnen seine Mühe nichts scheint29, und ihre eigene ihnen entsetzlich ist. Und der Lahme zu gehen gezwungen, sollte nicht unglücklich sein?« Man wird das Judentum nicht los, wenn man sich von den anderen Juden trennt; es verändert sich nur aus einem historischen Schicksal, einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit in eine Charaktereigenschaft, einen Charakterfehler - für die Anderen32. Angewachsen ist in33 Rahel das Judentum wie dem Lahmen sein zu kurzes Bein.
Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben. Die Welt, die Gesellschaft ist nur zu bereit, sofort eine andere zu stellen, hat man erst einmal die natürliche und durch Geburt mitgegebene in die Rumpelkammer zu werfen gewagt. Wagt1 Rahel es,2 ohne das stolze oder eitle Bewußtsein3 des schon Errungenen sich als Jüdin der Gesellschaft zu exponieren, so fehlte5 ihr das Selbstbewußtsein6, gleichsam die Beine, mit denen sie gehen soll. »Jeder Schritt, den ich machen will, und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Übel der Menschen, gegen die ich gehen will, sondern ich fühle mein besonderes Unglück noch, und doppelt und zehnfach, und eines erhöht mir immer das andere.« Da für8 sie die9 Zugehörigkeit zum Judentum kein10 Teil des11 »allgemeinen Übels12« ist13, das14 sie zusammen mit allen anderen aus der Welt zu schaffen versuchen könnte oder in der Solidarität mit anderen Juden als das Schicksal des Volkes zu ertragen vermöchte, da es ihr zum »besonderen Unglück« wird, trifft es sie »15doppelt und zehnfach«, spezialisiert16, konzentriert17 sich ganz auf ihre Person, wird19 ihr individuelles Schicksal, so unentrinnbar wie ein Buckel oder ein Klumpfuß21. »Wie häßlich22 bin ich nicht dabei: ist denn die Welt klug, sagt man denn;23 ›Der Arme ist lahm, bringen wir dem Armen das entgegen:24 ach,25 wie schwer muß26 ihm jeder Tritt werden, man sieht’s!‹ Nein, sie achten seine Tritte nicht, weil sie sie nicht machen, sie finden sie häßlich27, weil sie sie sehen und bringen ihm nichts entgegen, weil ihnen seine Mühe nichts schadet29, und ihre eigene ihnen entsetzlich ist. Und der Lahme,30 zu gehen gezwungen, sollte nicht unglücklich sein?« |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000223 Man wird das Judentum nicht los, wenn man sich von den anderen Juden trennt; es verändert sich nur aus einem historischen Schicksal, einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, einem unpersönlichen »allgemeinen Übel«31 in eine Charaktereigenschaft, einen Charakterfehler eines Individuums32. Angewachsen ist Rahel das Judentum wie dem Lahmen sein zu kurzes Bein.
Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben. Die Welt, die Gesellschaft ist nur zu bereit, sofort eine andere zu stellen, hat man erst einmal die natürliche und durch Geburt mitgegebene in die Rumpelkammer zu werfen gewagt. Wagt1 Rahel es,2 ohne das stolze oder eitle Bewußtsein3 des schon Errungenen sich als Jüdin der Gesellschaft zu exponieren, so fehlte5 ihr das Selbstbewußtsein6, gleichsam die Beine, mit denen sie gehen soll. »Jeder Schritt, den ich machen will, und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Übel der Menschen, gegen die ich gehen will, sondern ich fühle mein besonderes Unglück noch, und doppelt und zehnfach, und eines erhöht mir immer das andere.« Da für8 sie die9 Zugehörigkeit zum Judentum kein10 Teil des11 »allgemeinen Übels12« ist13, das14 sie zusammen mit allen anderen aus der Welt zu schaffen versuchen könnte oder in der Solidarität mit anderen Juden als das Schicksal des Volkes zu ertragen vermöchte, da es ihr zum »besonderen Unglück« wird, trifft es sie »15doppelt und zehnfach«, spezialisiert16, konzentriert17 sich ganz auf ihre Person, wird19 ihr individuelles Schicksal, so unentrinnbar wie ein Buckel oder ein Klumpfuß21. »Wie häßlich22 bin ich nicht dabei: ist denn die Welt klug, sagt man denn:23 ›Der Arme ist lahm, bringen wir dem Armen das entgegen:24 ach,25 wie schwer muß26 ihm jeder Tritt werden, man sieht’s!‹ Nein, sie achten seine Tritte nicht, weil sie sie nicht machen, sie finden sie häßlich27, weil sie sie sehen,28 und bringen ihm nichts entgegen, weil ihnen seine Mühe nichts scheint29, und ihre eigene ihnen entsetzlich ist. Und der Lahme,30 zu gehen gezwungen, sollte nicht unglücklich sein?« Man wird das Judentum nicht los, wenn man sich von den anderen Juden trennt; es verändert sich nur aus einem historischen Schicksal, einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, einem unpersönlichen »allgemeinen Übel«31 in eine Charaktereigenschaft, einen Charakterfehler eines Individuums32. Angewachsen ist Rahel das Judentum wie dem Lahmen sein zu kurzes Bein.
Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben. Die Welt, die Gesellschaft ist nur zu bereit, sofort eine andere zu stellen, hat man erst einmal die natürliche und durch Geburt mitgegebene in die Rumpelkammer zu werfen gewagt. Wagt1 Rahel,2 ohne das stolze oder eitle Bewußtsein3 des schon Errungenen sich als Jüdin gegenüber4 der Gesellschaft zu exponieren, so fehlt5 ihr das Selbstbewußtsein6, so fehlen ihr7 gleichsam die Beine, mit denen sie gehen soll. »Jeder Schritt, den ich machen will, und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Übel der Menschen, gegen die ich gehen will, sondern ich fühle mein besonderes Unglück noch, und doppelt und zehnfach, und eines erhöht mir immer das andere.« Da für8 sie die9 Zugehörigkeit zum Judentum kein10 Teil des11 »allgemeinen Übels12« ist13, das14 sie zusammen mit allen anderen aus der Welt zu schaffen versuchen könnte oder in der Solidarität mit anderen Juden als das Schicksal des Volkes zu ertragen vermöchte, da es ihr zum »besonderen Unglück« wird, trifft es sie »15doppelt und zehnfach«, spezialisiert16, konzentriert17 sich ganz auf ihre Person, wird19 ihr individuelles Schicksal, so unentrinnbar wie ein Buckel oder ein Klumpfuß21. »Wie häßlich22 bin ich nicht dabei: ist denn die Welt klug, sagt man denn:23 ›Der Arme ist lahm, bringen wir dem Armen das entgegen:24 ach,25 wie schwer muß26 ihm jeder Tritt werden, man sieht’s!‹ Nein, sie achten seine Tritte nicht, weil sie sie nicht machen, sie finden sie häßlich27, weil sie sie sehen und bringen ihm nichts entgegen, weil ihnen seine Mühe nichts scheint29, und ihre eigene ihnen entsetzlich ist. Und der Lahme,30 zu gehen gezwungen, sollte nicht unglücklich sein?« Man wird das Judentum nicht los, wenn man sich von den anderen Juden trennt; es verändert sich nur aus einem historischen Schicksal, einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, einem unpersönlichen »allgemeinen Übel«31 in eine Charaktereigenschaft, einen Charakterfehler eines Individuums32. Angewachsen ist Rahel das Judentum wie dem Lahmen sein zu kurzes Bein.
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Anderssein - Makel oder Auszeichnung?
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Ein Charakterfehler oder ein Charaktervorzug, z.B. im Salon, in der kurzen Zeit, als Juden wegen ihrer natürlichen Vorurteilslosigkeit so viel galten; als Rahel sich rühmte, dem Louis Ferdinand |265 ordentliche »Dachstubenwahrheiten« zu sagen und sich gegen andere Juden herausstrich - Getaufte, die den Vorzug aufgegeben, den Vorurteilen der Welt gehorcht haben.1 Vielleicht liegt es nur an den Juden selbst, aus dem Mangel2 eine Qualität3 zu machen. Wenn man ganz allein ist, kann Anderssein Makel oder Auszeichnung sein. Es ist4 schwer zu5 entscheiden - und in der persönlichen Sphäre nie6. Wenn man sich an gar nichts festhalten kann, hält man sich endlich in aller Allgemeinheit an dem fest, was einen absondert. »Also mit den Juden steht’s hier so schlecht?! Es liegt doch an ihnen, denn ich versichere Dich7; ich sage hier allen Leuten, dass8 ich eine bin; eh bien, le même empressement. Aber nur ein Berliner Jude kann die9 gehörige Verachtung und Lebensart im Leibe haben; ich sage nicht: hat sie. Ich versichere Dich,10 ordentlich eine Art contenance gibt’s einem auch hier, aus Berlin zu sein und Jude, wenigstens mir; ich weiss11 darüber Anekdoten.« So aber dachte12 sie nur, als13 sie durch Glück und Zufall gerade in die Fremde verschlagen wurde14, in Paris sass15; weil sie persönlich im Moment von niemandem etwas verlangte16, keine Prätentionen hatte17, nicht erreichen wollte18, was sie nicht zu erlangen vermochte19.
Ein Charakterfehler oder ein Charaktervorzug, z. B. im Salon, in der kurzen Zeit, als Juden wegen ihrer natürlichen Vorurteilslosigkeit so viel galten; als Rahel sich rühmte, dem Louis Ferdinand ordentliche »Dachstubenwahrheiten« zu sagen und sich gegen andere Juden herausstrich - Getaufte, die den Vorzug aufgegeben hatten, die Vorurteile der Welt nicht teilen zu müssen.1 Vielleicht liegt es nur an den Juden selbst, aus der Not2 eine Tugend3 zu machen. Wenn man ganz allein ist, ist es4 schwer zu5 entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist6. Wenn man sich an gar nichts festhalten kann, hält man sich endlich in aller Allgemeinheit an dem fest, was einen absondert. »Also mit den Juden steht’s hier so schlecht?! Es liegt doch an ihnen, denn ich versichere Dich7; ich sage hier allen Leuten, daß8 ich eine bin; eh bien, le même empressement. Aber nur ein Berliner Jude kann die9 gehörige Verachtung und Lebensart im Leibe haben; ich sage nicht: hat sie. Ich versichere Dich,10 ordentlich eine Art contenance gibt’s einem auch hier, aus Berlin zu sein und Jude, wenigstens mir; ich weiß11 darüber Anekdoten.« So aber denkt12 sie nur, solange13 sie durch Glück und Zufall gerade in die Fremde verschlagen ist14, in Paris lebt15; weil sie persönlich im Moment von niemandem etwas will16, keine Prätentionen hat17, nicht erreichen will18, was sie nicht zu erlangen vermag19.
Ein Charakterfehler oder ein Charaktervorzug, zum Beispiel im Salon, in der kurzen Zeit, als Juden wegen ihrer natürlichen Vorurteilslosigkeit so viel galten; als Rahel sich rühmte, dem Louis Ferdinand ordentliche »Dachstubenwahrheiten« zu sagen und sich gegen andere Juden herausstrich - Getaufte, die den Vorzug aufgegeben hatten, die Vorurteile der Welt nicht teilen zu müssen.1 Vielleicht liegt es nur an den Juden selbst, aus der Not2 eine Tugend3 zu machen. Wenn man ganz allein ist, ist es4 schwer zu5 entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist6. Wenn man sich an gar nichts festhalten kann, hält man sich endlich in aller Allgemeinheit an dem fest, was einen absondert. »Also mit den Juden steht’s hier so schlecht?! Es liegt doch an ihnen, denn ich versichere dich7; ich sage hier allen Leuten, daß8 ich eine bin; eh bien, le même empressement. Aber nur ein Berliner Jude kann eine9 gehörige Verachtung und Lebensart im Leibe haben; ich sage nicht: hat sie. Ich versichere dich10 ordentlich eine Art contenance gibt’s einem auch hier, aus Berlin zu sein und Jude, wenigstens mir; ich weiß11 darüber Anekdoten.« So aber denkt12 sie nur, solange13 sie durch Glück und Zufall gerade in die Fremde verschlagen ist14, in Paris lebt15; weil sie persönlich im Moment von niemandem etwas will16, keine Prätentionen hat17, nicht erreichen will18, was sie nicht zu erlangen vermag19.
Vielleicht liegt es nur an den Juden selbst, aus ihrer Not2 eine Tugend3 zu machen. Wenn man ganz allein ist, läßt sich4 schwer |Arendt-II-010-00000002 entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist6. Wenn man sich an gar nichts festhalten kann, hält man sich endlich in aller Allgemeinheit an dem fest, was einen absondert. »Also mit den Juden steht’s hier so schlecht?! Es liegt doch an ihnen, denn ich versichere Dich7; ich sage hier allen Leuten, daß8 ich eine bin; eh bien, le même empressement. Aber nur ein Berliner Jude kann die9 gehörige Verachtung und Lebensart im Leibe haben; ich sage nicht: hat sie. Ich versichere Dich,10 ordentlich eine Art contenance gibt’s einem auch hier, aus Berlin zu sein und Jude, wenigstens mir; ich weiß11 darüber Anekdoten.« So aber denkt12 sie nur, solange13 sie durch Glück und Zufall gerade in die Fremde verschlagen ist14, in Paris lebt15; weil sie persönlich im Moment von niemandem etwas will16, keine Prätentionen hat17, nicht erreichen will18, was sie nicht zu erlangen vermag19.
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Denn sonst, in jedem alltäglichen Umgang, in jeder gewöhnlichen Umgebung ist es kein Spass1 als Ausnahme herumzulaufen, noch dazu, wenn man sich getrennt hat von der dunklen Volkskulisse und gar keine Anlässe mehr findet für Stolz oder Herablassung3. Ganz allein mit dem Makel behaftet in die Gesellschaft zu kommen als Eine6 ihrer Letzten7 ist viel schlimmer als draussen8 zu bleiben und auf bessere Bedingungen zu hoffen. Ganz allein immer etwas Besonderes darstellen zu müssen, zur Legitimierung |266 der nackten Existenz,9 ist bis zur Aufzehrung der Kräfte anstrengend: »Was ist es garstig sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig eine Jüdin zu sein!!« Legitimation ist ausserdem12 zumeist gar nicht möglich, nur in seltenen, vereinzelten Situationen gibt die Gutwilligkeit der Anderen13 wohl einmal eine Chance, findet man wohl hie und da einen Spalt, durch den man den Kopf stecken und seine Einzigartigkeit herausschreien darf. Jeder Tag und jede Stunde, jeder Gang und jedes unerwartete Zusammentreffen mit Menschen lässt14 das nicht zu, spricht die Jüdin nur in der aller Welt bekannten Qualität an15. Daher die dauernde Sehnsucht in die Fremde »aus dem Ort, wo ich bin, die ich bin; in einen wo mich kein Gemeiner kennt«, wo nämlich jede Situation die Ausnahmechance des Neu-Kennenlernens hat, wo es überhaupt keine gekannte Identität mehr gibt. Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, noch einmal geboren zu werden. »Der Mensch«, so meinte18 sie, »sei19 nur in der Fremde er; zu Hause muss20 er seine Vergangenheit repräsentieren; und die wird in der Gegenwart eine Maske; schwer zu tragen und das Gesicht verdeckend.« In der Fremde hiess ihre Herkunft Berlin, in Berlin hiess sie Judengasse. Um also Berlinerin zu werden, »Bürgerin«, Preussin, musste sie weg aus Berlin, alles verlassen - wie in Paris, dann in Prag, schliesslich mit Varnhagen in Karlsruhe. Leider nur halfen solche Fluchtversuche nur auf sehr kurze Zeit - nicht nur, weil man aus seiner Haut schlecht raus kann - sondern weil Judesein kein Berliner Problem ist, weil es in Paris, Prag und Karlsruhe gleichfalls Juden gibt, die deutlich genug, zu mindestens die Anderen, an die wahre Herkunft erinnern. Man wird kein zweites Mal geboren.21
Denn sonst, in jedem alltäglichen Umgang, in jeder gewöhnlichen Umgebung ist es kein Spaß,1 als Ausnahme herumzulaufen, noch dazu, wenn man sich getrennt hat von der dunklen Volkskulisse, sich der Herablassung schämt2 und den billigen Dünkel der »aufgeklärten« Juden gegen die »zurückgebliebenen Glaubensbrüder« verachtet3. Ganz allein mit dem Makel behaftet in die Gesellschaft zu kommen als eine6 ihrer Letzten,7 ist viel schlimmer als draußen8 zu bleiben und auf bessere Bedingungen zu hoffen. Ganz allein immer etwas Besonderes darstellen zu müssen, zur Legitimierung der nackten Existenz,9 ist bis zur Aufzehrung der Kräfte anstrengend: »Was ist es garstig,10 sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig,11 eine Jüdin zu sein!!« Legitimation ist außerdem12 zumeist gar nicht möglich, nur in seltenen, vereinzelten |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000224 Situationen gibt die Gutwilligkeit der anderen13 wohl einmal eine Chance, findet man wohl hie und da einen Spalt, durch den man den Kopf stecken und seine Einzigartigkeit herausschreien darf. Jeder Tag und jede Stunde, jeder Gang und jedes unerwartete Zusammentreffen mit Menschen läßt14 das nicht zu, spricht die Jüdin nur in der aller Welt bekannten Qualität an15. Daher die dauernde Sehnsucht in die Fremde »aus dem Ort, wo ich bin, die ich bin; in einen wo mich kein Gemeiner kennt«, wo nämlich jede Situation die Ausnahmechance des Neu-Kennenlernens hat, wo es überhaupt keine gekannte Identität mehr gibt. Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, noch einmal geboren zu werden. »Der Mensch«, so meint18 sie, sei »19nur in der Fremde er; zu Hause muß20 er seine Vergangenheit repräsentieren; und die wird in der Gegenwart eine Maske; schwer zu tragen und das Gesicht verdeckend.« In der Fremde hieß ihre Herkunft: Berlin, in Berlin hieß sie: Judengasse. Um also Berlinerin zu werden, »Bürgerin«, Preußin, mußte sie weg aus Berlin, alles verlassen - wie in Paris, dann in Prag, schließlich mit Varnhagen in Karlsruhe. Leider halfen solche Fluchtversuche nur auf sehr kurze Zeit - nicht nur, weil man aus seiner Haut schlecht heraus kann -, sondern weil Judesein kein Berliner Problem ist, weil es in Paris, Prag und Karlsruhe gleichfalls Juden gibt, die deutlich genug zumindest die anderen an die wahre Herkunft erinnern. Man wird kein zweites Mal geboren.21
Denn sonst, in jedem alltäglichen Umgang, in jeder gewöhnlichen Umgebung ist es kein Spaß,1 als Ausnahme herumzulaufen, noch dazu, wenn man sich getrennt hat von der dunklen Volkskulisse, sich der Herablassung schämt2 und den billigen Dünkel der »aufgeklärten« Juden gegen die »zurückgebliebenen Glaubensbrüder« verachtet3. Ganz allein mit dem Makel behaftet,4 in die Gesellschaft zu kommen als eine6 ihrer letzten,7 ist viel schlimmer als draußen8 zu bleiben und auf bessere Bedingungen zu hoffen. Ganz allein immer etwas Besonderes darstellen zu müssen, zur Legitimierung der nackten Existenz,9 ist bis zur Aufzehrung der Kräfte anstrengend: »Was ist es garstig,10 sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig,11 eine Jüdin zu sein!!« Legitimation ist außerdem12 zumeist gar nicht möglich, nur in seltenen, vereinzelten Situationen gibt die Gutwilligkeit der anderen13 wohl einmal eine Chance, findet man wohl hie und da einen Spalt, durch den man den Kopf stecken und seine Einzigartigkeit herausschreien darf. Jeder Tag und jede Stunde, jeder Gang und jedes unerwartete Zusammentreffen mit Menschen läßt14 das nicht zu, spricht die Jüdin nur in aller Welt bekannten Qualität an15. Daher die dauernde Sehnsucht in die Fremde »aus dem Ort, wo ich bin, die ich bin; in einen wo mich kein Gemeiner kennt«, wo nämlich jede Situation die Ausnahmechance des Neu-Kennenlernens hat, wo es überhaupt keine gekannte Identität mehr gibt. Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, noch einmal geboren zu werden. »Der Mensch«, so meint18 sie, sei »19nur in der Fremde er; zu Hause muß20 er seine Vergangenheit repräsentieren; und die wird in der Gegenwart eine Maske; schwer zu tragen und das Gesicht verdeckend.« In der Fremde hieß ihre Herkunft: Berlin, in Berlin hieß sie: Judengasse. Um also Berlinerin zu werden, »Bürgerin«, Preußin, mußte sie weg aus Berlin, alles verlassen - wie in Paris, dann in Prag, schließlich mit Varnhagen in Karlsruhe. Leider halfen solche Fluchtversuche nur auf sehr kurze Zeit - nicht nur, weil man aus seiner Haut schlecht raus kann -, sondern weil Judesein kein Berliner Problem ist, weil es in Paris, Prag und Karlsruhe gleichfalls Juden gibt, die deutlich genug, zumindest die anderen, an die wahre Herkunft erinnern. Man wird kein zweites Mal geboren.21
Denn sonst, in jedem alltäglichen Umgang, in jeder gewöhnlichen Umgebung ist es kein Spaß,1 als Ausnahme herumzulaufen, noch dazu, wenn man sich getrennt hat von der dunklen Volkskulisse, sich der Herablassung schämt2 und den billigen Dünkel der »aufgeklärten« Juden gegen die »zurückgebliebenen Glaubensbrüder« verachtet3. Ganz allein mit dem Makel behaftet in die Gesellschaft zu kommen,5 als eine6 ihrer letzten,7 ist viel schlimmer als draußen8 zu bleiben und auf bessere Bedingungen zu hoffen. Ganz allein immer etwas Besonderes darstellen zu müssen, ist bis zur Aufzehrung der Kräfte anstrengend: »Was ist es garstig,10 sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig,11 eine Jüdin zu sein!!« Legitimation ist außerdem12 zumeist gar nicht möglich, nur in seltenen, vereinzelten Situationen gibt die Gutwilligkeit der anderen13 wohl einmal eine Chance, findet man wohl hie und da einen Spalt, durch den man den Kopf stecken und seine Einzigartigkeit herausschreien darf. Jeder Tag und jede Stunde, jeder Gang und jedes unerwartete Zusammentreffen mit Menschen läßt14 das nicht zu. Daher die dauernde Sehnsucht in die Fremde:16 »aus dem Ort, wo ich bin, die ich bin; in einen,17 wo mich kein Gemeiner kennt«, wo nämlich jede Situation die Ausnahmechance des Neu-Kennenlernens hat, wo es überhaupt keine gekannte Identität mehr gibt. Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, noch einmal geboren zu werden. »Der Mensch«, so meint18 sie, sei »19nur in der Fremde er; zu Hause muß20 er seine Vergangenheit repräsentieren; und die wird in der Gegenwart eine Maske; schwer zu tragen und das Gesicht verdeckend.«
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In der Fremde hieß ihre Herkunft: Berlin, in Berlin hieß sie: Judengasse. Um also Berlinerin zu werden, »Bürgerin«, Preußin, mußte sie weg aus Berlin, alles verlassen - wie in Paris, dann in Prag, schließlich mit Varnhagen in Karlsruhe. Leider halfen solche Fluchtversuche nur auf sehr kurze Zeit - nicht nur, weil man aus seiner Haut schlecht heraus kann -, sondern weil Jude-Sein kein Berliner Problem ist, weil es in Paris, Prag und Karlsruhe gleichfalls Juden gibt, die zumindest die anderen deutlich genug an die wahre Herkunft erinnern. Man wird kein zweites Mal geboren.
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Aus dem geheimen Wissen um die Unentrinnbarkeit des Judeseins1 auf Grund der Existenz der anderen Juden, der Internationalität des Volkes, entspringt Hoffnung und Wunsch, es möge mit dem Judentum als Ganzes2 gar nichts geschehen, keine bürgerliche Verbesserung, keine Emanzipation, vor allem keine Judenreform. Dann mögen wirklich nur einzelne, wenige beweisen, dass3 sie Ausnahmen sind; dann wird man sie - welch paradoxer, wenn auch logischer Wunsch - ausnahmsweise für normal erklären. »Was aber für und mit Juden zu bewirken sei, verstehe ich wirklich gar nicht; ausser5 sehr im Grossen6, wie ein gut organisierter Kopf alles verstehen muss7. .. Nur wünsche ich, Du möchtest ihnen und zugleich Dir dienen können. Bis jetzt gelang das noch mit dieser zerrissenen, verwahrlosten und noch mehr als alles dies verdient verachteten Nation nicht.« Teilt man so die Meinung der feindlichen Umwelt über die eigene Herkunft aus der »verdient verachteten Nation«, hat man sich an seine Feinde assimiliert, ohne von ihnen akzeptiert, bis zum Vergessen der Vergangenheit aufgenommen11 zu sein, so bleibt wirklich nur noch die Hoffnung auf12 ein Wunder, auf das Wunder,13 der Schrei14: so bin ich nicht, werde15 erhört werden - und die bittere Erfahrung, dass16 er nie gehört wird.
Aus dem geheimen Wissen um die Unentrinnbarkeit des Judeseins1 auf Grund der Existenz der anderen Juden, der Internationalität des Volkes, entspringt Hoffnung und Wunsch, es möge mit dem Judentum als Ganzem2 gar nichts geschehen, keine bürgerliche Verbesserung, keine Emanzipation, vor allem keine Judenreform. Dann mögen wirklich nur einzelne, wenige beweisen, daß3 sie Ausnahmen sind; dann wird man sie - welch paradoxer, wenn auch logischer Wunsch - ausnahmsweise für normal erklären. »Was aber für und mit Juden zu bewirken sei, verstehe ich wirklich gar nicht; außer5 sehr im Großen6, wie ein gut organisierter Kopf alles verstehen muß7. ...8 Nur wünsche ich, Du möchtest ihnen und zugleich Dir dienen können. Bis jetzt gelang das noch mit dieser zerrissenen, verwahrlosten -9 und noch mehr als alles dies -10 verdient verachteten Nation nicht.« Teilt man so die Meinung der feindlichen Umwelt über die eigene Herkunft aus der »verdient verachteten Nation«, hat man sich an seine Feinde assimiliert, ohne von ihnen akzeptiert, bis zum Vergessen der Vergangenheit aufgenommen11 zu sein, so |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000225 bleibt wirklich nur noch die Hoffnung,12 ein Wunder möge geschehen und13 der Ruf14: so bin ich nicht, erhört werden - und die bittere Erfahrung, daß16 er nie gehört wird.
Aus dem geheimen Wissen um die Unentrinnbarkeit des Judeseins1 auf Grund der Existenz der anderen Juden, der Internationalität des Volkes, entspringt Hoffnung und Wunsch, es möge mit dem Judentum als Ganzem2 gar nichts geschehen, keine bürgerliche Verbesserung, keine Emanzipation, vor allem keine Judenreform. Dann mögen wirklich nur einzelne, wenige beweisen, daß3 sie Ausnahmen sind; dann wird man sie - welch paradoxer, wenn auch logischer Wunsch - ausnahmsweise für normal erklären. »Was aber für und mit den4 Juden zu bewirken sei, verstehe ich wirklich gar nicht; außer5 sehr im großen6, wie ein gut organisierter Kopf alles verstehen muß7 ... Nur wünsche ich, Du möchtest ihnen und zugleich Dir dienen können. Bis jetzt gelang das noch mit dieser zerrissenen, verwahrlosten und noch mehr als alles dies verdient verachteten Nation nicht.« Teilt man so die Meinung der feindlichen Umwelt über die eigene Herkunft aus der »verdient verachteten Nation«, hat man sich an seine Feinde assimiliert, ohne von ihnen akzeptiert, bis zum Vergessen der Vergangenheit aufgenommen11 zu sein, so bleibt wirklich nur noch die Hoffnung,12 ein Wunder möge geschehen und13 der Ruf14: so bin ich nicht, erhört werden - und die bittere Erfahrung, daß16 er nie gehört wird.
Aus dem geheimen Wissen um die Unentrinnbarkeit des Jude-Seins1 auf Grund der Existenz der anderen Juden, der Internationalität des Volkes, entspringt Hoffnung und Wunsch, es möge mit dem Judentum als Ganzem2 gar nichts geschehen, keine bürgerliche Verbesserung, keine Emanzipation, vor allem keine Judenreform. Dann mögen wirklich nur einzelne, wenige beweisen, daß3 sie Ausnahmen sind; dann wird man sie - welch paradoxer, wenn auch logischer Wunsch - ausnahmsweise für normal erklären. »Was aber für und mit den4 Juden zu bewirken sei, verstehe ich wirklich gar nicht; außer5 sehr im Großen6, wie ein gut organisierter Kopf alles verstehen muß7 ... Nur wünsche ich, Du möchtest ihnen und zugleich Dir dienen können. Bis jetzt gelang das noch mit dieser zerrissenen, verwahrlosten -9 und noch mehr als alles dies -10 verdient verachteten Nation nicht.« Teilt man so die Meinung der feindlichen Umwelt über die eigene Herkunft aus der »verdient verachteten Nation«, hat man sich an seine Feinde assimiliert, ohne von ihnen akzeptiert zu sein, so bleibt wirklich nur noch die Hoffnung,12 ein Wunder möge geschehen und13 der Ruf14: so bin ich nicht, erhört werden - und die bittere Erfahrung, daß16 er nie gehört wird.
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Die Welt bevölkert sich mit bösen Dämonen, die aus jeder Ecke, bei jeder Gelegenheit rausschreien1, was man ewig verschwiegen haben möchte. Das Leben verwandelt sich in eine nicht abreissende2 Folge von Kränkungen, wenn man sich selbst nicht hat3 akzeptieren wollen4, sich selbst verleugnen will, und nur noch von Aussen5 die Fratze einem entgegenstarrt, von der Böswilligkeit |268 der Anderen6 entgegengehalten wird. Statt aus dem Judentum herauszukommen, wird man zur Judenfratze der Antisemiten, zum klarsten Beispiel für den Judenhass.7 Hat man seine Herkunft verleugnet um jeden Preis -8 »und sollte das Leben mitgehen« -9 hat man sich ganz allein, auf eigene Faust von dem natürlichen gesellschaftlichen Boden, der auch mit dem Paria mitgeboren wird, getrennt, glaubt man, dass10 Judentum eine schlechte, Unglück bringende Eigenschaft sei, die »ausgerottet« werden muss11, hat man bis in alle Konsequenzen verzichtet auf die Hilfe der Anderen12, auf die Existenz und die historische Gegebenheit des ganzen Volkes, so mag man wohl einen Augenblick lang ein Individuum sein, mächtig durch seines »Herzens Kraft und was mein Geist mir zeigt«, beruhend in dem »von der Natur mir14 angezeigten Kreis: in dem bin ich mächtig und die Andern16 nichtig« -17 um sehr schnell18 aus solch erhabener Höhe in die Hände der Feinde zu fallen, die, glücklich einmal einen ganz isolierten Juden erwischt zu haben, gleichsam einen Juden an sich, ein Abstractum20 ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung, ihn so behandeln werden, als sei er der Inbegriff des Judentums, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur ihn, an dem man dartun könnte, was Judesein21 in der Gesellschaft ist und war. Die so auf sie herabregnenden Kränkungen zwangen Rahel das als voll zu verantwortendes Schicksal zu übernehmen, was sie - hätte sie nicht ihr ganzes Leben um die »Schande«, die »infame Geburt« zentriert - als nebensächliches Beiwerk, an dem sie unschuldig ist, sich hätte abwickeln lassen können. Voll und ganz und ohne Zweideutigkeit Nein zum Judesein sagen, wirkte sich ganz genau |269 so aus, als sei es ein unzweideutiges Ja gewesen. Alles, was sie unternahm, endete immer bei dem »Wahnsinn von Unmut, Schreck und sich für die Ewigkeit aufwindender - wie Schlangentiere - Verzweiflung, die über meinen Stand, über meine Lage«. Unter Umständen lässt sich die Existenz von Mauern nur durch wundgestossene Köpfe beweisen.22
Die Welt bevölkert sich mit bösen Dämonen, die aus jeder Ecke, bei jeder Gelegenheit herausschreien1, was man ewig verschwiegen haben möchte. Das Leben verwandelt sich in eine nicht abreißende2 Folge von Kränkungen, wenn man sich selbst nicht hat3 akzeptieren wollen4, sich selbst verleugnen will, und nur noch von außen5 die Fratze einem entgegenstarrt, von der Böswilligkeit der anderen6 entgegengehalten wird. Hat man seine Herkunft verleugnet um jeden Preis -8 »und sollte das Leben mitgehen« -,9 hat man sich ganz allein, auf eigene Faust von dem natürlichen gesellschaftlichen Boden, der auch mit dem Paria mitgeboren wird, getrennt, glaubt man, daß10 Judentum eine schlechte, Unglück bringende Eigenschaft sei, die »ausgerottet« werden muß11, hat man bis in alle Konsequenzen verzichtet auf die Hilfe der anderen12, auf die Existenz und die historische Gegebenheit des ganzen Volkes, so mag man wohl einen Augenblick lang ein Individuum sein, mächtig durch seines »Herzens Kraft und was mein Geist mir zeigt«, beruhend in dem »mir13 von der Natur angezeigten Kreis: ...15 in dem bin ich mächtig und die andern16 nichtig«,17 um sehr bald18 aus solch erhabener Höhe in die Hände der Feinde zu fallen, die, glücklich einmal einen ganz isolierten Juden erwischt zu haben, gleichsam einen Juden an sich, ein Abstraktum20 ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung, ihn so behandeln werden, als sei er der Inbegriff des Judentums, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur ihn, an dem man dartun könnte, was Judesein21 in der Gesellschaft ist und war. Die so auf sie herabregnenden Kränkungen zwangen Rahel das als voll zu verantwortendes Schicksal zu übernehmen, was sie - hätte sie nicht ihr ganzes Leben um die »Schande«, die »infame Geburt« zentriert - als nebensächliches Beiwerk, an dem sie unschuldig ist, sich hätte abwickeln lassen können. Voll und ganz und ohne Zweideutigkeit Nein zum Judesein sagen, hätte die gleiche Wirkung gehabt wie ein unzweideutiges Ja; Judesein konnte aus einer politisch-geschichtlichen Gegebenheit zu einem individuell-privaten Problem nur werden, wo aus gleich welchen Gründen alles in der Zweideutigkeit eines »zu gleicher Zeit Juden sein und Juden nicht sein wollen« (wie es der zeitgenössische liberale Theologe H. E. G. Paulus einmal unübertrefflich formulierte) verblieb. Als persönliches Problem war die Judenfrage unlösbar, und darum endete alles, was Rahel unternahm, immer |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000226 bei dem »Wahnsinn von Unmut, Schreck und sich für die Ewigkeit aufwindender - wie Schlangentiere - Verzweiflung, die über meinen Stand, über meine Lage«. Unter Umständen ist die Existenz von Mauern nur an wundgestoßenen Köpfen nachweisbar.22
Die Welt bevölkert sich mit bösen Dämonen, die aus jeder Ecke, bei jeder Gelegenheit ’rausschreien1, was man ewig verschwiegen haben möchte. Das Leben verwandelt sich in eine nicht abreißende2 Folge von Kränkungen, wenn man sich selbst nicht hat3 akzeptieren wollen4, sich selbst verleugnen will, und nur noch von außen5 die Fratze einem entgegenstarrt, von der Böswilligkeit der anderen6 entgegengehalten wird. Hat man seine Herkunft verleugnet um jeden Preis,8 »und sollte das Leben mitgehen«,9 hat man sich ganz allein, auf eigene Faust von dem natürlichen gesellschaftlichen Boden, der auch mit dem Paria mitgeboren wird, getrennt, glaubt man, daß10 Judentum eine schlechte, Unglück bringende Eigenschaft sei, die »ausgerottet« werden muß11, hat man bis in alle Konsequenzen verzichtet auf die Hilfe der anderen12, auf die Existenz und die historische Gegebenheit des ganzen Volkes, so mag man wohl einen Augenblick lang ein Individuum sein, mächtig durch seines »Herzens Kraft und was mein Geist mir zeigt«, beruhend in dem »von der Natur mir14 angezeigten Kreis: in dem bin ich mächtig und die Andern16 nichtig« -17 um sehr bald18 aus solch erhabener Höhe in die Hände der Feinde zu fallen, die, glücklich einmal einen ganz isolierten Juden erwischt zu haben, gleichsam einen Juden an sich, ein Abstraktum20 ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung, ihn so behandeln werden, als sei er der Inbegriff des Judentums, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur ihn, an dem man dartun könnte, was Judesein21 in der Gesellschaft ist und war. Die so auf sie herabregnenden Kränkungen zwangen Rahel das als voll zu verantwortendes Schicksal zu übernehmen, was sie - hätte sie nicht ihr ganzes Leben um die »Schande«, die »infame Geburt« zentriert - als nebensächliches Beiwerk, an dem sie unschuldig ist, sich hätte abwickeln lassen können. Voll und ganz und ohne Zweideutigkeit Nein zum Judesein sagen, hätte die gleiche Wirkung gehabt wie ein unzweideutiges Ja; Judesein konnte aus einer politisch-geschichtlichen Gegebenheit zu einem individuell-privaten Problem nur werden, wo aus gleich welchen Gründen alles in der Zweideutigkeit eines »zu gleicher Zeit Juden sein und Juden nicht sein wollen« (wie es der zeitgenössische liberale Theologe H. E. G. Paulus einmal unübertrefflich formulierte) verblieb. Als persönliches Problem war die Judenfrage unlösbar, und darum endete alles, was Rahel unternahm, immer bei dem »Wahnsinn von Unmut, Schreck und sich für die Ewigkeit aufwindender - wie Schlangentiere - Verzweiflung, die über meinen Stand, über meine Lage«. Unter Umständen ist die Existenz von Mauern nur an wundgestoßenen Köpfen nachweisbar.22
Die Welt bevölkert sich mit bösen Dämonen, die aus jeder Ecke, bei jeder Gelegenheit herausschreien1, was man ewig verschwiegen haben möchte. Das Leben verwandelt sich in eine nicht abreißende2 Folge von Kränkungen, wenn man sich selbst nicht akzeptieren, sich selbst verleugnen will, und nur noch von außen5 die Fratze einem entgegenstarrt, von der Böswilligkeit der anderen6 entgegengehalten wird. Hat man seine Herkunft verleugnet um jeden Preis -8 »und sollte das Leben mitgehen« -,9 hat man sich ganz allein, auf eigene Faust von dem natürlichen gesellschaftlichen Boden, der auch mit dem Paria mitgeboren wird, getrennt, glaubt man, daß10 Judentum eine schlechte, Unglück bringende Eigenschaft sei, die »ausgerottet« werden muß11, hat man bis in alle Konsequenzen verzichtet auf die Hilfe der anderen12, auf die Existenz und die historische Gegebenheit des ganzen Volkes, so mag man wohl einen Augenblick lang ein Individuum sein, mächtig durch seines »Herzens Kraft und was mein Geist mir zeigt«, beruhend in dem »von der Natur mir14 angezeigten Kreis: in dem bin ich mächtig und die andern16 nichtig« -,17 um sehr bald18 aus solch erhabener Höhe in die Hände der Feinde zu fallen, die, glücklich,19 einmal einen ganz isolierten Juden erwischt zu haben, gleichsam einen Juden an sich, ein Abstraktum20 ohne gesellschaftliche und geschichtliche Bindung, ihn so behandeln werden, als sei er der Inbegriff des Judentums, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nur ihn, an dem man dartun könnte, was Jude-Sein21 in der Gesellschaft ist und war.
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Die auf sie herabregnenden Kränkungen zwangen Rahel, das als voll zu verantwortendes Schicksal zu übernehmen, was - hätte sie nicht ihr ganzes Leben um die »Schande«, die »infame Geburt« zentriert - als nebensächliches Beiwerk, an dem sie unschuldig ist, sich hätte abwickeln lassen. Voll und ganz und ohne Zweideutigkeit Nein zum Jude-Sein sagen, hätte die gleiche Wirkung gehabt wie ein unzweideutiges Ja; Jude-Sein konnte aus einer politisch-geschichtlichen Gegebenheit zu einem individuell-privaten Problem nur werden, wo - gleich aus welchen Gründen - alles in der Zweideutigkeit eines »Zu gleicher Zeit Jude sein und Jude nicht sein wollen« (wie es der zeitgenössische liberale Theologe H. E. G. Paulus unübertrefflich formulierte) verblieb. Als persönliches Problem war die Judenfrage unlösbar, und darum endete alles, was Rahel unternahm, immer bei dem »Wahnsinn von Unmut, Schreck und sich für die Ewigkeit aufwindender - wie Schlangentiere - Verzweiflung, die über meinen Stand, über meine Lage.« Unter Umständen ist die Existenz von Mauern nur an wundgestoßenen Köpfen nachweisbar.
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Kampf um das natürliche Dasein
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»Die Missgeschicke1, die unmittelbar vom Himmel kommen, ertrag ich immer mit ganzer Seele ruhig. Wo aber Unbill,3 von Menschen ausgeführt, mich befährdet;4 da ist meine Seele nicht zusammen, und dies kann ich gar nicht ertragen. Auch habe ich gefunden, dass5 ich das Allernötigste, das Natürlichste, die rechtmässigste6 Lebensnahrung gewiss7 gelassen entbehren kann, wie ich noch von keinem sah; aber meine Ansprüche unter und von Menschen müssen mir nicht betrüglich8 vorenthalten,9 oder entrückt werden. Wo von Recht und Sitte die Rede, muss10 es mir gehalten werden; an offenbare Gewalt gäbe ich auch das ruhig hin; gestohlen aber mit Heuchler-Worten und Taten muss11 es mir nicht werden; und dies Stehlen von Staat und Gesellschaft konveniert12 werden. Mein Ehrgeiz geht bei mir über alles; diese Empörung halt13 ich dafür. Denn nie ist mir eingefallen, mehr als Andere14 sein zu wollen, oder ihnen ihr Recht nicht zu tun.« Rahel musste15 es scheinen, als seien solche Juden wie sie betrügerisch in die Gesellschaft hineingelockt16 worden, »mit Heuchler-Worten und Taten«, angelockt schon durch den Mangel an »offenbarer Gewalt«. Bestohlen und betrogen hat sie das heimtückische17, geheime18 Bündnis zwischen Staat und Gesellschaft, durch das ihnen19 erst die bürgerlichen Rechte und dann die soziale20 Gleichstellung vorenthalten wurden21. Betrügerisch hat man sie herausgelockt aus ihrem |270 zweitausendjährigen Dachsbau. Vergiftet war ihr Leben, als man ihnen das Gift des Ehrgeizes einimpfte, der schliesslich wahnsinnig und22 verzweifelt alles erreichen wollte, weil er das Einfachste und Wichtigste, was »Bäuerinnen und Bettlerinnen haben«, nicht erhielt - und das noch nicht einmal »23sagen darf«24. Um dies gestohlene »natürlichste Dasein« kämpfte Rahel, ohne sich je beruhigen zu können, forderte es von jedem Beliebigen, versuchte mit allen Mitteln es sich anzuködern - und erreichte endlich »die verkehrte Krone auf meinem Schicksal«. Je weiter sie sich treiben liess, je hartnäckiger sie auf ihren Rechten, Menschenrechten bestand, je entschiedener sie ablehnte, das allgemeine Schicksal der Juden zu teilen, desto typischer jüdisch wurde ihr Schicksal, desto einleuchtender für den Beschauer - und schliesslich auch für sie selbst - dass sie allen Leuten zum Bewundern deutlich vor exerzierte, was alles ein Jude anstellen kann, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Alle Wege, die in die fremde Welt führen könnten, ist sie entlang gelaufen, überall hat sie an mehr oder minder höflich verschlossene Türen geklopft; auf allen Wegen hat sie ihre Spur hinterlassen, sie zu jüdischen Wegen, zu Pariawegen gemacht, endlich ihr ganzes Leben zu einem Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. Denn wahrlich ihr »ganzes Schicksal (war) ein historisches, nicht abzuwendendes, alttestamentarisches, ja der Fluch, dem die Kinder seiner Anhänger vergeblich auf allen Erdpunkten entfliehen«.25
»Die Mißgeschicke1, die unmittelbar vom Himmel kommen, ertrag ich immer mit ganzer Seele,2 ruhig. Wo aber Unbill,3 von Menschen ausgeführt, mich befährdet,4 da ist meine Seele nicht zusammen, und dies kann ich gar nicht ertragen. Auch habe ich gefunden, daß5 ich das Allernötigste, das Natürlichste, die rechtmäßigste6 Lebensnahrung gewiß7 gelassen entbehren kann, wie ich noch von keinem sah; aber meine Ansprüche unter und von Menschen müssen mir nicht betrügerisch8 vorenthalten oder entrückt werden. Wo von Recht und Sitte die Rede, muß10 es mir gehalten werden; an offenbare Gewalt gäbe ich auch das ruhig hin; gestohlen aber mit Heuchler-Worten und Taten muß11 es mir nicht werden; und dies Stehlen von Staat und Gesellschaft konniviert12 werden. Mein Ehrgeiz geht bei mir über alles; diese Empörung halt’13 ich dafür. Denn nie ist mir eingefallen, mehr als andre14 sein zu wollen, oder ihnen ihr Recht nicht zu tun.« Rahel mußte15 es scheinen, als seien solche Juden wie sie betrügerisch in die Gesellschaft hineingelockt16 worden, »mit Heuchler-Worten und Taten«, angelockt schon durch den Mangel an »offenbarer Gewalt«. Bestohlen und betrogen hat sie ein, wie ihr scheint17, heimtückisch-geheimes18 Bündnis zwischen Staat und Gesellschaft, durch das den Juden19 erst die bürgerlichen Rechte und dann die gesellschaftliche20 Gleichstellung vorenthalten wurden21. Betrügerisch hat man sie herausgelockt aus ihrem zweitausendjährigen Dachsbau. Vergiftet war ihr Leben, als man ihnen das Gift des Ehrgeizes einimpfte, der schließlich22 verzweifelt alles erreichen wollte, weil er das Einfachste und Wichtigste, was »Bäuerinnen und Bettlerinnen haben«, nicht erhielt - und das noch nicht einmal sagen durfte24. Um dies gestohlene »natürlichste Dasein« kämpfte Rahel, ohne sich je beruhigen zu können, forderte es von jedem Beliebigen, versuchte mit allen Mitteln, es sich anzulocken - und erreichte »die verkehrte Krone auf meinem Schicksal«. Je weiter sie sich treiben läßt, je hartnäckiger sie auf ihren Rechten, Menschenrechten besteht, je entschiedener sie ablehnt, das allgemeine Schicksal der Juden zu teilen, und auf politische Maßnahmen, die allen zugute kommen sollen, ihre Hoffnung zu setzen, desto typischer jüdisch wird ihr Schicksal, desto einleuchtender für den Beschauer - und schließlich auch für sie selbst -, daß sie allen Leuten zum Bewundern deutlich vorexerzierte, was alles |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000227 ein Jude anstellen kann, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Alle Wege, die in die fremde Welt führen könnten, ist sie entlang gelaufen, und auf allen Wegen hat sie ihre Spur hinterlassen, sie zu jüdischen Wegen, zu Pariawegen gemacht, endlich ihr ganzes Leben zu einem Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. So versteht sie schließlich ihr »ganzes Schicksal als ein historisches, nicht abzuwendendes, alttestamentarisches, ja als den Fluch, dem die Kinder seiner Anhänger vergeblich auf allen Erdpunkten entfliehen«.25
»Die Mißgeschicke1, die unmittelbar vom Himmel kommen, ertrag ich immer mit ganzer Seele ruhig. Wo aber Unbill,3 von Menschen ausgeführt, mich gefährdet,4 da ist meine Seele nicht zusammen, und dies kann ich gar nicht ertragen. Auch habe ich gefunden, daß5 ich das Allernötigste, das Natürlichste, die rechtmäßigste6 Lebensnahrung gewiß7 gelassen entbehren kann, wie ich noch von keinem sah; aber meine Ansprüche unter und von Menschen müssen mir nicht betrügerisch8 vorenthalten oder entrückt werden. Wo von Recht und Sitte die Rede, muß10 es mir gehalten werden; an offenbare Gewalt gäbe ich auch das ruhig hin; gestohlen aber mit Heuchler-Worten und Taten muß11 es mir nicht werden; und dies Stehlen von Staat und Gesellschaft konniviert12 werden. Mein Ehrgeiz geht bei mir über alles; diese Empörung halt’13 ich dafür. Denn nie ist mir eingefallen, mehr als andre14 sein zu wollen, oder ihnen ihr Recht nicht zu tun.« Rahel mußte15 es scheinen, als seien solche Juden wie sie betrügerisch in die Gesellschaft hingelockt16 worden, »mit Heuchler-Worten und Taten«, angelockt schon durch den Mangel an »offenbarer Gewalt«. Bestohlen und betrogen hat sie ein, wie ihr scheint17, heimtückisch-geheimes18 Bündnis zwischen Staat und Gesellschaft, durch das den Juden19 erst die bürgerlichen Rechte und dann die gesellschaftliche20 Gleichstellung vorenthalten wurden21. Betrügerisch hat man sie herausgelockt aus ihrem zweitausendjährigen Dachsbau. Vergiftet war ihr Leben, als man ihnen das Gift des Ehrgeizes einimpfte, der schließlich22 verzweifelt alles erreichen wollte, weil er das Einfachste und Wichtigste, was »Bäuerinnen und Bettlerinnen haben«, nicht erhielt - und das noch nicht einmal sagen durfte24. Um dies gestohlene »natürlichste Dasein« kämpfte Rahel, ohne sich je beruhigen zu können, forderte es von jedem Beliebigen, versuchte mit allen Mitteln, es sich anzulocken - und erreichte »die verkehrte Krone auf meinem Schicksal«. Je weiter sie sich treiben läßt, je hartnäckiger sie auf ihren Rechten, Menschenrechten besteht, je entschiedener sie ablehnt, das allgemeine Schicksal der Juden zu teilen, und auf politische Maßnahmen, die allen zugute kommen sollen, ihre Hoffnung zu setzen, desto typischer jüdisch wird ihr Schicksal, desto einleuchtender für den Beschauer - und schließlich auch für sie selbst -, daß sie allen Leuten zum Bewundern deutlich vorexerzierte, was alles ein Jude anstellen kann, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Alle Wege, die in die fremde Welt führen könnten, ist sie entlang gelaufen, und auf allen Wegen hat sie ihre Spur hinterlassen, sie zu jüdischen Wegen, zu Pariawegen gemacht, endlich ihr ganzes Leben zu einem Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. So versteht sie schließlich ihr »ganzes Schicksal (als) ein historisches, nicht abzuwendendes, alttestamentarisches, ja (als den) Fluch, dem die Kinder seiner Anhänger vergeblich auf allen Erdpunkten entfliehen« ...25
»Die Mißgeschicke1, die unmittelbar vom Himmel kommen, ertrag ich immer mit ganzer Seele ruhig. Wo aber Unbill von Menschen ausgeführt, mich gefährdet,4 da ist meine Seele nicht zusammen, und dies kann ich gar nicht ertragen. Auch habe ich gefunden, daß5 ich das Allernötigste, das Natürlichste, die rechtmäßigste6 Lebensnahrung gewiß7 gelassen entbehren kann, wie ich |Arendt-II-010-00000003 noch von keinem sah; aber meine Ansprüche unter und von Menschen müssen mir nicht betrügerisch8 vorenthalten oder entrückt werden. Wo von Recht und Sitte die Rede, muß10 es mir gehalten werden; an offenbare Gewalt gäbe ich auch das ruhig hin; gestohlen aber mit Heuchler-Worten und Taten muß11 es mir nicht werden; und dies Stehlen von Staat und Gesellschaft konniviert12 werden. Mein Ehrgeiz geht bei mir über alles; diese Empörung halt’13 ich dafür. Denn nie ist mir eingefallen, mehr als andre14 sein zu wollen, oder ihnen ihr Recht nicht zu tun.« Rahel mußte15 es scheinen, als seien solche Juden wie sie betrügerisch in die Gesellschaft hineingelockt16 worden, »mit Heuchler-Worten und Taten«, angelockt schon durch den Mangel an »offenbarer Gewalt«. Bestohlen und betrogen hat sie ein, wie ihr scheint17, heimtückisch-geheimes18 Bündnis zwischen Staat und Gesellschaft, durch das den Juden19 erst die bürgerlichen Rechte und dann die gesellschaftliche20 Gleichstellung vorenthalten wurde21. Betrügerisch hat man sie herausgelockt aus ihrem zweitausendjährigen Dachsbau. Vergiftet war ihr Leben, als man ihnen das Gift des Ehrgeizes einimpfte, der schließlich22 verzweifelt alles erreichen wollte, weil er das Einfachste und Wichtigste, was »Bäuerinnen und Bettlerinnen haben«, nicht erhielt - und das noch nicht einmal sagen durfte24.
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Um dies gestohlene »natürlichste Dasein« kämpfte Rahel, ohne sich je beruhigen zu können, forderte es von jedem Beliebigen, versuchte mit allen Mitteln, es sich anzulocken - und erreichte »die verkehrte Krone auf meinem Schicksal«. Je weiter sie sich treiben läßt, je hartnäckiger sie auf ihren Rechten, Menschenrechten besteht, je entschiedener sie ablehnt, das allgemeine Schicksal der Juden zu teilen, und auf politische Maßnahmen, die allen zugute kommen sollen, ihre Hoffnung zu setzen, desto typischer jüdisch wird ihr Schicksal, desto einleuchtender für den Beschauer - und schließlich auch für sie selbst -, daß sie allen Leuten zum Bewundern deutlich vorexerzierte, was alles ein Jude anstellen kann, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Alle Wege, die in die fremde Welt führen könnten, ist sie entlang gelaufen und auf allen Wegen hat sie ihre Spur hinterlassen, sie zu jüdischen Wegen, zu Paria-Wegen gemacht, endlich ihr ganzes Leben zu einem Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. So versteht sie schließlich ihr »ganzes Schicksal (als) ein historisches, nicht abzuwendendes, alttestamentarisches, ja (als den) Fluch, dem die Kinder seiner Anhänger vergeblich auf allen Erdpunkten entfliehen.«
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Nie denkt sie, daß irgend etwas davon hätte voraussehbar, abwendbar sein können. Nur an dem überzeugten und zu allen Konsequenzen bereiten guten Glauben konnte sich die Heuchelei der Gesellschaft, die vorgab, assimilierte Juden zu behandeln, als ob sie keine Juden seien, offenbaren. Nacheinander galt es,1 alles zu versuchen: den Namen zu ändern, ist »entscheidend wichtig«; dadurch wurde sie ihrer Meinung nach »äußerlich eine andere Person«. Danach kam die Taufe, da der Verlust des Namens nicht genügt und »keine Ursache (besteht), in dem Scheine des Geburtsglaubens bleiben zu wollen«.2 Worauf es ankommt, ist sich »auch äußerlich an die Klasse halten, mit deren Sitten, Meinung, Bildung, Überzeugung«6 man ohnehin eins sein möchte. Das Wichtigste: »Die7 Kinder mittaufen. Die ... müssen von jenem Verrückthistorischen8 nichts anders9 erfahren, als wie von Historie überhaupt!«
Nie denkt sie, daß irgendetwas davon hätte voraussehbar, abwendbar sein können. Nur an dem überzeugten und zu allen Konsequenzen bereiten guten Glauben konnte sich die Heuchelei der Gesellschaft, die vorgab, assimilierte Juden zu behandeln, als ob sie keine Juden seien, offenbaren. Nacheinander galt es alles zu versuchen: den Namen zu ändern, ist »entscheidend wichtig«; dadurch wurde sie ihrer Meinung nach »äußerlich eine andere Person«. Danach kam die Taufe, da der Verlust des Namens nicht genügt und »keine Ursache (besteht), in dem Scheine des Geburtsglaubens bleiben zu wollen2 Worauf es ankommt, ist,3 sich »auch äußerlich an die Klasse (zu)4 halten«5, mit deren Sitten, Meinung, Bildung, Überzeugung man ohnehin eins sein möchte. Das Wichtigste: »die7 Kinder mittaufen. Die ... müssen von jenem Verrückt-Historischen8 nichts anderes9 erfahren, als wie von Historie überhaupt!«
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Aber ist Rahel wirklich bereit, alle Konsequenzen zu ziehen und die eigene Identität radikal auszulöschen? Nachdem sie der Freundin alle diese Maßnahmen vorgeschlagen hat, die ja nur aus Scham entspringen können, mahnt sie auf einmal, sich ihrer »jüdischen Geburt nicht (zu) schämen und die Nation, deren Unglück und Mängel Sie dadurch genauer kennen, darum preis(zu)geben, damit man nicht sage, ›Sie haben noch Jüdisches an sich!‹« Nachdem man den Vorurteilen der Gesellschaft so weit entgegengekommen ist, daß man sich beinahe aus der Welt geändert hat, soll man plötzlich doch nicht mit einstimmen dürfen in den »neuern Judenhaß«, und wiewohl man an der eigenen Person kein Kennzeichen des Jude-Seins übriggelassen hat, soll man verpflichtet bleiben, »immer den unseligen Überbleibseln (ich möchte sagen Warnungszeichen für Staatengründer) einer großen, begabten und weit in Gotterkenntnis vorgeschrittenen Nation bei(zu)stehen«!
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Man denke nicht, dass irgendetwas davon hätte voraussehbar, abwendbar sein können. Der Versuch der Assimilation musste gemacht werden, mögen uns seine Formen oft noch so wenig |271 gefallen. Nur an dem überzeugten und zu allen Konsequenzen bereiten guten Glauben konnte sich die Heuchelei der Gesellschaft offenbaren. Nacheinander galt es alles zu versuchen: den Namen zu ändern, war entscheidend wichtig; dadurch wurde sie ihrer Meinung nach »äusserlich eine andere Person«. Danach kam die Taufe, da der Verlust des Namens nicht genügte. Warum nicht, da »keine Ursache in dem Schein des Geburtsglaubens bleiben zu wollen« bestand. Das bedeutete, sich »auch äusserlich an die Klasse halten, sich zu der grossen Klasse zu bekennen, mit deren Sitten, Meinung, Bildung, Überzeugung« man ohnehin Eins sein möchte. Das Wichtigste: »die Kinder mittaufen. Die .. müssen von jenem Verrückthistorischen nichts anders erfahren, als wie von Historie überhaupt!« Und wenn man all diese Verdeckungsmassnahmen getroffen hat - dann soll man sich auf einmal, seiner »jüdischen Geburt nicht schämen und die Nation, deren Unglück und Mängel Sie dadurch genauer kennen, darum preisgeben, damit man nicht sage, Sie haben noch Jüdisches an sich!« Sich nicht schämen, nachdem man alles getan hat, was nur aus Scham entspringen, was nur Scham erklären kann! Mit allem soll man Eins sein, nur nicht »einstimmen in den neuern Judenhass«, nachdem man sich selbst schon so gründlich gehasst hat, dass man sich beinahe aus der Welt geändert hat! Ja mehr noch, man soll »immer den unseligen Überbleibseln (ich möchte sagen Warnungszeichen für Staatengründer) einer grossen, begabten und weit in Gotterkenntnis vorgeschrittenen Nation beistehen«! Will man sich assimilieren1, gleich um welchen Preis2, dann3 kann man sich nicht aussuchen woran, dann darf man das Christentum so wenig auslassen wie den Judenhass; beides gehörte |272 in der Vergangenheit zusammen, beides sind integrierende Bestandteile, wenn auch heute getrennte,8 der europäischen Menschheit9. Es gibt keine Assimilation, wenn man seine eigene Vergangenheit aufgibt und11 die fremde ignoriert. In einer im grossen12 Ganzen antisemitischen13 Gesellschaft - und das waren und sind noch heute14 alle Länder, in denen Juden leben15 - kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert. Will man ein normaler Mensch werden, akkurat werden16 wie alle anderen, so bleibt wenig anderes17 übrig, als alte Vorurteile mit neuen zu vertauschen. Tut man dies nicht, so wird man unversehens ein Rebell. (18»Ich19 bin doch ein Rebell.20«)21 - und bleibt ein22 Jude. Oder assimiliert23 sich wirklich mit allen Konsequenzen - und25 wird ein Lump.
Nie denkt sie, daß irgendetwas davon hätte voraussehbar, abwendbar sein können. Nur an dem überzeugten und zu allen Konsequenzen bereiten guten Glauben konnte sich die Heuchelei der Gesellschaft, die vorgab, assimilierte Juden zu behandeln, als ob sie keine Juden seien, offenbaren. Nacheinander galt es alles zu versuchen: den Namen zu ändern, ist »entscheidend wichtig«; dadurch wurde sie ihrer Meinung nach »äußerlich eine andere Person«. Danach kam die Taufe, da der Verlust des Namens nicht genügt und »keine Ursache besteht, in dem Scheine des Geburtsglaubens bleiben zu wollen«. Worauf es ankommt, ist, sich »auch äußerlich an die Klasse zu halten«, mit deren Sitten, Meinung, Bildung, Überzeugung man ohnehin eins sein möchte. Das Wichtigste: »die Kinder mittaufen. Die ... müssen von jenem Verrückthistorischen nichts anders erfahren, als wie von Historie überhaupt!« Aber ist Rahel wirklich bereit, alle Konsequenzen zu ziehen und die eigene Identität radikal auszulöschen? Nachdem sie der Freundin alle diese Maßnahmen vorgeschlagen hat, die ja nur aus Scham entspringen können, mahnt sie sie auf einmal, sich ihrer »jüdischen Geburt nicht zu schämen und die Nation, deren Unglück und Mängel Sie dadurch genauer kennen, darum preiszugeben, damit man nicht sage, ›Sie haben noch Jüdisches an sich!‹«. Nachdem man den Vorurteilen der Gesellschaft so weit entgegengekommen ist, daß man sich beinahe aus der Welt geändert hat, soll man plötzlich doch nicht mit einstimmen dürfen in den »neuern Judenhaß«, und wiewohl man an der eigenen Person kein Kennzeichen des Judeseins übriggelassen hat, soll man verpflichtet bleiben, »immer den unseligen Überbleibseln (ich möchte sagen Warnungszeichen für Staatengründer) einer großen, begabten und weit in Gotterkenntnis vorgeschrittenen Nation beizustehen«!! An diesem Widerspruch1, an dieser Zweideutigkeit werden alle Versuche2, das Judentum ganz und gar loszuwerden, zuschanden. Denn will man sich wirklich assimilieren, so3 kann man sich nicht von außen4 aussuchen,5 woran man |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000228 sich assimilieren möchte6, was einem gefällt und was einem mißfällt;7 dann darf man das Christentum so wenig auslassen wie den zeitgenössischen Judenhaß. Beides sind integrierende Bestandteile der geschichtlichen Vergangenheit der europäischen Menschheit und lebendige Elemente8 der damaligen Gesellschaft9. Es gibt keine Assimilation, wenn man nur10 seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber11 die fremde ignoriert. In einer im großen12 Ganzen judenfeindlichen13 Gesellschaft - und das waren bis in unser Jahrhundert hinein14 alle Länder, in denen Juden lebten15 - kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert. Will man ein normaler Mensch werden, akkurat so16 wie alle anderen, so bleibt kaum etwas anderes17 übrig, als alte Vorurteile mit neuen zu vertauschen. Tut man dies nicht, so wird man unversehens ein Rebell -18 »ich19 bin doch ein Rebell« - und bleibt ein22 Jude. Assimiliert man23 sich aber24 wirklich mit allen Konsequenzen der Verleugnung des eigenen Ursprungs, des Solidaritätsbruchs mit denen, die es nicht oder noch nicht geschafft haben, so25 wird man26 ein Lump.
Aber ist Rahel wirklich bereit, alle Konsequenzen zu ziehen und die eigene Identität radikal auszulöschen? Nachdem sie der Freundin alle diese Maßnahmen vorgeschlagen hat, die ja nur aus Scham entspringen können, mahnt sie auf einmal, sich ihrer »jüdischen Geburt nicht (zu) schämen und die Nation, deren Unglück und Mängel Sie dadurch genauer kennen, darum preis(zu)geben, damit man nicht sage, Sie haben noch Jüdisches an sich!« Nachdem man den Vorurteilen der Gesellschaft so weit entgegengekommen ist, daß man sich beinahe aus der Welt geändert hat, soll man plötzlich doch nicht mit einstimmen dürfen in den »neuern Judenhaß«, und wiewohl man an der eigenen Person kein Kennzeichen des Judeseins übriggelassen hat, soll man verpflichtet bleiben, »immer den unseligen Überbleibseln (ich möchte sagen Warnungszeichen für Staatengründer) einer großen, begabten und weit in Gotterkenntnis vorgeschrittenen Nation bei(zu)stehen«!! An diesem Widerspruch1, an dieser Zweideutigkeit werden alle Versuche2, das Judentum ganz und gar loszuwerden, zuschanden. Denn will man sich wirklich assimilieren, so3 kann man sich nicht von außen4 aussuchen,5 woran man sich assimilieren möchte6, was einem gefällt und was einem mißfällt;7 dann darf man das Christentum so wenig auslassen wie den zeitgenössischen Judenhaß. Beides sind integrierende Bestandteile der geschichtlichen Vergangenheit der europäischen Menschheit und lebendige Elemente8 der damaligen Gesellschaft9. Es gibt keine Assimilation, wenn man nur10 seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber11 die fremde ignoriert. In einer im großen12 Ganzen judenfeindlichen13 Gesellschaft - und das waren bis in unser Jahrhundert hinein14 alle Länder, in denen Juden lebten15 - kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert. Will man ein normaler Mensch werden, akkurat so16 wie alle anderen, so bleibt kaum etwas anderes17 übrig, als alte Vorurteile mit neuen zu vertauschen. Tut man dies nicht, so wird man unversehens ein Rebell -18 »Ich19 bin doch ein Rebell« - und bleibt ein22 Jude. Assimiliert man23 sich aber24 wirklich mit allen Konsequenzen der Verleugnung des eigenen Ursprungs, des Solidaritätsbruchs mit denen, die es nicht oder noch nicht geschafft haben, so25 wird man26 ein Lump.
An diesem Widerspruch1, an dieser Zweideutigkeit werden alle Versuche2, das Judentum ganz und gar loszuwerden, zuschanden. Denn will man sich wirklich assimilieren, so3 kann man sich nicht von außen4 aussuchen,5 woran man sich assimilieren möchte6, was einem gefällt und was einem mißfällt;7 dann darf man das Christentum so wenig auslassen wie den zeitgenössischen Judenhaß. Beides sind integrierende Bestandteile der geschichtlichen Vergangenheit der europäischen Menschheit und lebendige Elemente8 der damaligen Gesellschaft9. Es gibt keine Assimilation, wenn man nur10 seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber11 die fremde ignoriert. In einer im großen12 Ganzen judenfeindlichen13 Gesellschaft - und das waren bis in unser Jahrhundert hinein14 alle Länder, in denen Juden lebten15 - kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert. Will man ein normaler Mensch werden, akkurat so16 wie alle anderen, so bleibt kaum etwas17 übrig, als alte Vorurteile mit neuen zu vertauschen. Tut man dies nicht, so wird man unversehens ein Rebell -18 »Ich19 bin doch ein Rebell« - und bleibt Jude. Assimiliert man23 sich aber24 wirklich mit allen Konsequenzen der Verleugnung des eigenen Ursprungs, des Solidaritätsbruchs mit denen, die es nicht oder noch nicht geschafft haben, so25 wird man26 ein Lump.
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»Ich war Jüdin, nicht hübsch, ignorant, ohne grace1, sans talents et sans instruction: et2 ma soeur3, c’est fini:4 c’est fini avant la fin réelle. Nichts hätte ich anders machen können.« Mit der Einsicht der5 Vergeblichkeit aller Versuche ging6 Rahel ins Alter. Nichts hat sie falsch gemacht, nichts unversucht gelassen. »Dabei wird man alt und das Leben fällt hinter einen7 zurück wie alte Träume.« Was das Leben an wirklicher Einordnung in die Welt gebracht hat, ist Schein und selbst die Erfüllung von Wünschen bleibt Traumwelt. Was einer persönlich erreicht, kann herrliche, überwältigende, glückselige Wirklichkeit werden, wenn es eingepasst9 ist in den Gang der Welt. In einer fortschreitenden Welt etwa, wo -10 wie Rahel lange11 hoffte -12 »Judenhass13 und Adelsstolz nun im Verlöschen noch zu guter letzt14 einmal recht aufflackern15«, hätte sie stolz und glücklich trotz allem Misslingen16 alt werden können, weil ihre persönliche |273 Lösung kein Schein, ihr Arriviertsein keine Maskerade gewesen wäre. Aber so: »Die Welt kommt noch so zurück, dass17 wenn man nicht bald stirbt, so lernt man noch Richelieu den Ersten kennen, die Schlange; und Adam, und die ganze erste Sozietät.« Von Varnhagen gerettet, bürgerlich etabliert, fand sie sich in einer ihr »unbekannten« Existenz, »fast ohne Zusammenhang mit meinem alten Sein«. Wo und mit wem sollte sie denn auch leben. »Man sollte glauben, Berlin bestände aus lauter Innungen. Der Hof und die Minister, das diplomatische Corps, die Civilbeamten, die Kaufleute, die Offiziere usw. alle geben sie eigene Bälle, worauf nur ein zu ihrem Kreis gehöriges Personal erscheint. .. Alle Bälle der vornehmen Klasse streben mit mehr oder minder Glück, den Hofbällen oder fürstlichen Bällen ähnlich zu sein.« (Heine) So exklusiv die »Innungen« gegeneinander waren, so exklusiv waren sie insgesamt gegen die Juden. Es war in Berlin nicht anders wie in der Provinz: die »christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischess, die höhere Klasse ebenso im höheren Grade ..« (Heine)18
»Ich war Jüdin, nicht hübsch, ignorant, ohne grâce1, sans talents et sans instruction: ah2 ma soeur3, c’est fini;4 c’est fini avant la fin réelle. Nichts hätte ich anders machen können.« Mit der Einsicht in die5 Vergeblichkeit aller Versuche geht6 Rahel ins Alter. Nichts hat sie falsch gemacht, nichts unversucht gelassen. »Dabei wird man alt und das Leben fällt hinter einen7 zurück wie alte Träume.« Was das Leben an wirklicher Einordnung in die Welt gebracht hat, ist Schein,8 und selbst die Erfüllung von Wünschen bleibt Traumwelt. Was einer persönlich erreicht, kann herrliche, überwältigende, glückselige Wirklichkeit werden, wenn es eingepaßt9 ist in den Gang der Welt. In einer fortschreitenden Welt etwa, wo,10 wie Rahel hoffte,12 »Judenhaß13 und Adelsstolz nun im Verlöschen noch zu guter Letzt14 einmal recht aufflackern15«, hätte sie stolz und glücklich trotz allem Mißlingen16 alt werden können, weil ihre persönliche Lösung kein Schein, ihr Arriviertsein keine Maskerade gewesen wäre. Aber so: »Die Welt kommt noch so zurück, daß17 wenn man nicht bald stirbt, so lernt man noch Richelieu den Ersten kennen, die Schlange; und Adam, und die ganze erste Sozietät.« Von Varnhagen gerettet, bürgerlich etabliert, findet sie sich in einer ihr »unbekannten« Existenz, »fast ohne Zusammenhang mit meinem alten Sein«. Wo und mit wem sollte sie denn auch leben. »Man sollte glauben, Berlin bestände aus lauter Innungen. Der Hof und die Minister, das diplomatische Corps, die Civilbeamten, die Kaufleute, die Offiziere usw. alle geben sie eigene Bälle, worauf nur |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000229 ein zu ihrem Kreis gehöriges Personal erscheint. ... Alle Bälle der vornehmen Klasse streben mit mehr oder minder Glück, den Hofbällen oder fürstlichen Bällen ähnlich zu sein« (Heine). So exklusiv die »Innungen« gegeneinander waren, so exklusiv waren sie insgesamt gegen die Juden. Es war in Berlin nicht anders als in der Provinz: die »christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höhere Klasse ebenso im höheren Grade ...« (Heine).18
»Ich war Jüdin, nicht hübsch, ignorant, ohne grâce1, sans talents et sans instruction: ah2 ma soeur3, c’est fini;4 c’est fini avant la fin réelle. Nichts hätte ich anders machen können.« Mit der Einsicht der5 Vergeblichkeit aller Versuche geht6 Rahel ins Alter. Nichts hat sie falsch gemacht, nichts unversucht gelassen. »Dabei wird man alt und das Leben fällt hinter einen7 zurück wie alte Träume.« Was das Leben an wirklicher Einordnung in die Welt gebracht hat, ist Schein,8 und selbst die Erfüllung von Wünschen bleibt Traumwelt. Was einer persönlich erreicht, kann herrliche, überwältigende, glückselige Wirklichkeit werden, wenn es eingepaßt9 ist in den Gang der Welt. In einer fortschreitenden Welt etwa, wo,10 wie Rahel hoffte,12 »Judenhaß13 und Adelsstolz nun im Verlöschen noch zu guter Letzt14 einmal recht aufflackern15«, hätte sie stolz und glücklich trotz allem Mißlingen16 alt werden können, weil ihre persönliche Lösung kein Schein, ihr Arriviertsein keine Maskerade gewesen wäre. Aber so: »Die Welt kommt noch so zurück, daß17 wenn man nicht bald stirbt, so lernt man noch Richelieu den Ersten kennen, die Schlange; und Adam, und die ganze erste Sozietät.« Von Varnhagen gerettet, bürgerlich etabliert, findet sie sich in einer ihr »unbekannten« Existenz, »fast ohne Zusammenhang mit meinem alten Sein«. Wo und mit wem sollte sie denn auch leben? »Man sollte glauben, Berlin bestände aus lauter Innungen. Der Hof und die Minister, das diplomatische Corps, die Civilbeamten, die Kaufleute, die Offiziere, usw. alle geben sie eigene Bälle, worauf nur ein zu ihrem Kreis gehöriges Personal erscheint ... Alle Bälle der vornehmen Klasse streben mit mehr oder minder Glück, den Hofbällen oder fürstlichen Bällen ähnlich zu sein« (Heine). So exklusiv die »Innungen« gegeneinander waren, so exklusiv waren sie insgesamt gegen die Juden. Es war in Berlin nicht anders als in der Provinz: die »christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höhere Klasse ebenso im höheren Grade ...«18
»Ich war Jüdin, nicht hübsch, ignorant, ohne grâce1, sans talents et sans instruction: ah2 ma sœur3, c’est fini;4 c’est fini avant la fin réelle. Nichts hätte ich anders machen können.« Mit der Einsicht in die5 Vergeblichkeit aller Versuche geht6 Rahel ins Alter. Nichts hat sie falsch gemacht, nichts unversucht gelassen. »Dabei wird man alt und das Leben fällt hinter einem7 zurück wie alte Träume.« Was das Leben an wirklicher Einordnung in die Welt gebracht hat, ist Schein,8 und selbst die Erfüllung von Wünschen bleibt Traumwelt. Was einer persönlich erreicht, kann herrliche, überwältigende, glückselige Wirklichkeit werden, wenn es eingepaßt9 ist in den Gang der Welt. In einer fortschreitenden Welt etwa, wo,10 wie Rahel hoffte,12 »Judenhaß13 und Adelsstolz nun im Verlöschen noch zu guter Letzt14 einmal recht aufflackert15«, hätte sie stolz und glücklich trotz allem Mißlingen16 alt werden können, weil ihre persönliche Lösung kein Schein, ihr Arriviertsein keine Maskerade gewesen wäre. Aber so: »Die Welt kommt noch so zurück, daß17 wenn man nicht bald stirbt, so lernt man noch Richelieu den Ersten kennen, die Schlange; und Adam, und die ganze erste Sozietät.«
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Von Varnhagen gerettet, bürgerlich etabliert, findet sie sich in einer ihr »unbekannten« Existenz, »fast ohne Zusammenhang mit meinem alten Sein«. Wo und mit wem sollte sie denn auch leben? »Man sollte glauben, Berlin bestände aus lauter Innungen. Der Hof und die Minister, das diplomatische Corps, die Civilbeamten, die Kaufleute, die Offiziere usw., alle geben sie eigene Bälle, worauf nur ein zu ihrem Kreis gehöriges Personal erscheint ... |Arendt-II-010-00000004 Alle Bälle der vornehmen Klasse streben mit mehr oder minder Glück, den Hofbällen oder fürstlichen Bällen ähnlich zu sein« (Heine). So exklusiv die »Innungen« gegeneinander waren, so exklusiv waren sie insgesamt gegen die Juden. Es war in Berlin nicht anders als in der Provinz: die »christliche Mittelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischeß, die höhere Klasse ebenso im höheren Grade ...« (Heine).
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Da also die Welt sehr schlecht eingerichtet war1, immer weiter Hepp hepp2 von allen Seiten ertönte3 - 1819 ging ein Pogromsturm über ganz Preussen4 - erschien5 Rahel das alte, irreale, verzweifelte Sein mit einem Schlage viel realer, viel wahrer, viel passender. Es zeigte6 sich, dass7 der Paria nicht nur mehr Sinn für die »wahren Realitäten« sich zu bewahren vermag, sondern unter Umständen auch mehr Wirklichkeit besitzt als der Parvenu, der, ein Scheindasein zu führen verurteilt, von allen Gegenständen einer nicht für ihn eingerichteten Welt nur wie im Maskeradenspiel Besitz ergreift. Maskiert ist er, maskiert erscheint |274 folglich alles, was er berührt; versteckt sein wahres Sein, wenn er hinzutritt, er, dem bei jeder ungeschickten Bewegung die Maske verrutscht und8 das alte Pariasein9 wieder herausschaut. Es stellte sich heraus10, dass11 man nicht aus der Reihe tanzen kann dass13 man in eine andere nicht kommt, dass14 man »doch mit dem Strome15 schwimmt, wenn auch noch so seitwärts getrieben«, in ihn immer wieder zurückgerissen wird, und dass »16die Ufer nur scheinbar da sind«17. Dass18 nämlich auch das Judenschicksal gar nicht so zufällig und so absonderlich war, dass19 es im Gegenteil den Zustand der Gesellschaft genau widerspiegelte, die Lücken als positive schreckliche Realität genau herausmodellierte. Dass20 es infolgedessen gar keine Flucht geben kann - es sei denn auf den Mond. »Keine rechte Erdentochter bin ich nicht, wenn auch ein rechtes Erdenkind. .. So bleib21 ich denn eine Art Betrachter von ihr und keine Tochter die ihre Art annähme und Heiratsgut und Geschenke aller Art erhielet.23«
Da also die Welt sehr schlecht eingerichtet ist1, immer weiter Hepp-hepp2 von allen Seiten ertönt3 - 1819 ging ein Pogromsturm über ganz Preußen4 - erscheint5 Rahel das alte, irreale, verzweifelte Sein mit einem Schlage viel realer, viel wahrer, viel passender. Es zeigt6 sich, daß7 der Paria nicht nur mehr Sinn für die »wahren Realitäten« sich zu bewahren vermag, sondern unter Umständen auch mehr Wirklichkeit besitzt als der Parvenu, der, ein Scheindasein zu führen verurteilt, von allen Gegenständen einer nicht für ihn eingerichteten Welt nur wie im Maskeradenspiel Besitz ergreift. Maskiert ist er, maskiert erscheint folglich alles, was er berührt; versteckt sein wahres Sein, wenn er hinzutritt, er, dem aus jedem Loch seines Kostüms sein altes Pariasein herausschaut. In dem konventionell gewordenen Berlin der zwanziger Jahre,8 das den großen Aufschwung der Jahrhundertwende ganz vergessen hat, wo alles9 wieder in die Reihe gekommen ist, wird nichts so klar10, als daß11 man nicht aus der eigenen12 Reihe tanzen kann, daß13 man in eine andere nicht kommt, daß14 man »doch mit dem Strom15 schwimmt, wenn auch noch so seitwärts getrieben«, in ihn immer wieder zurückgerissen wird, »und daß16 die Ufer nur scheinbar da« sind17. Daß18 nämlich auch das Judenschicksal gar nicht so zufällig und so absonderlich war, daß19 es im Gegenteil den Zustand der Gesellschaft genau widerspiegelte, die Lücken als positive schreckliche Realität genau herausmodellierte. Daß20 es infolgedessen gar keine Flucht geben kann - es sei denn auf den Mond. »Keine rechte Erdentochter bin ich nicht, wenn auch ein rechtes Erdenkind ... So bleib’21 ich denn eine Art Betrachter von ihr und keine Tochter,22 die ihre Art annähme und Heiratsgut und Geschenke aller Art erhielte!23«
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Da also die Welt sehr schlecht eingerichtet ist1, immer weiter Hepp hepp2 von allen Seiten ertönt3 - 1819 ging ein Pogromsturm über ganz Preußen4 - erscheint5 Rahel das alte, irreale, verzweifelte Sein mit einem Schlage viel realer, viel wahrer, viel passender. Es zeigt6 sich, daß7 der Paria nicht nur mehr Sinn für die »wahren Realitäten« sich zu bewahren vermag, sondern unter Umständen auch mehr Wirklichkeit besitzt als der Parvenu, der, ein Scheindasein zu führen verurteilt, von allen Gegenständen einer nicht für ihn eingerichteten Welt nur wie im Maskeradenspiel Besitz ergreift. Maskiert ist er, maskiert erscheint folglich alles, was er berührt; versteckt sein wahres Sein, wenn er hinzutritt, er, dem aus jedem Loch seines Kostüms sein altes Paria-Sein herausschaut. In dem konventionell gewordenen Berlin der Zwanzigerjahre,8 das den großen Aufschwung der Jahrhundertwende ganz vergessen hat, wo alles9 wieder in die Reihe gekommen ist, wird nichts so klar10, als daß11 man nicht aus der eigenen12 Reihe tanzen kann, daß13 man in eine andere nicht kommt, daß14 man »doch mit dem Strom15 schwimmt, wenn auch noch so seitwärts getrieben«, in ihn immer wieder zurückgerissen wird, und daß »16die Ufer nur scheinbar da« sind17. Daß18 nämlich auch das Judenschicksal gar nicht so zufällig und so absonderlich war, daß19 es im Gegenteil den Zustand der Gesellschaft genau widerspiegelte, die Lücken als positive schreckliche Realität genau herausmodellierte. Daß20 es infolgedessen gar keine Flucht geben kann - es sei denn auf den Mond. »Keine rechte Erdentochter bin ich nicht, wenn auch ein rechtes Erdenkind ... So bleib’21 ich denn eine Art Betrachter von ihr und keine Tochter,22 die ihre Art annähme und Heiratsgut und Geschenke aller Art erhielte!23«
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Wie leicht kann das Alter verführen, sich Platz zu suchen auf einem anderen Planeten, da ja jedes »Herz Heimat überhaupt will«. Wie leicht kann Müdigkeit trügen und das Eintönige als Unabänderliches darstellen, seit zwei Jahrtausenden immer das Gleiche - »unsere1 Krankengeschichte ist allein unsre Geschichte«. Wie stark muss2 die Sehnsucht nach dem Tod3 werden, wie trostreich der Gedanke, dass4 alles einmal ein Ende hat: »Denk Dir, dass5 einem hier die Domestiken erzählen, zwei Juden hätten hier! die Brunnen vergiftet. .. Ruhe will ich endlich! sag ich Dir).« (Zur Zeit7 der Cholera in Berlin)8 Wie schwer musste9 es sein, wenn man keine Kinder hat und in keiner Reihe steht, zu begreifen, dass10 solcher Ekel und solche Todeshoffnungen |275 unwahr sind, dass11 der Tod für den Menschen keine Lösung irgendeiner Art ist. »Das grösste12 Wunder ist immer das, dass13 nach unserem14 Tode die Gegenstände der Welt noch dastehen als bei unserm Leben: und dass15 das Leben, in so fern, keine reine Einbildung war.«
Wie leicht kann das Alter verführen, sich Platz zu suchen auf einem anderen Planeten, da ja jedes »Herz Heimat überhaupt will«. Wie leicht kann Müdigkeit trügen und das Eintönige als Unabänderliches darstellen, seit zwei Jahrtausenden immer das Gleiche - »unsre1 Krankengeschichte ist allein unsre Geschichte«. Wie stark muß2 die Sehnsucht nach dem Tode3 werden, wie trostreich der Gedanke, daß4 alles einmal ein |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000230 Ende hat: »Denk Dir, daß5 einem hier die Domestiken erzählen, zwei Juden hätten hier! die Brunnen vergiftet. ...6 Ruhe will ich endlich! sag ich Dir«, schreibt sie an den Bruder anläßlich7 der großen Berliner Choleraepidemie 1831.8 Wie schwer muß9 es sein, wenn man keine Kinder hat und in keiner Reihe steht, zu begreifen, daß10 solcher Ekel und solche Todeshoffnungen unwahr sind, daß11 der Tod für den Menschen keine Lösung irgendeiner Art ist. »Das größte12 Wunder ist immer das, daß13 nach unserm14 Tode die Gegenstände der Welt noch dastehen als bei unserm Leben: und daß15 das Leben, insofern, keine reine Einbildung war.«
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Wie leicht kann das Alter verführen, sich Platz zu suchen auf einem anderen Planeten, da ja jedes »Herz Heimat überhaupt will«. Wie leicht kann Müdigkeit trügen und das Eintönige als Unabänderliches darstellen, seit zwei Jahrtausenden immer das Gleiche - »unsre1 Krankengeschichte ist allein unsre Geschichte«. Wie stark muß2 die Sehnsucht nach dem Tode3 werden, wie trostreich der Gedanke, daß4 alles einmal ein Ende hat: »Denk Dir, daß5 einem hier die Domestiken erzählen, zwei Juden hätten hier! die Brunnen vergiftet ... Ruhe will ich endlich! sag ich Dir«, schreibt sie an den Bruder anläßlich7 der großen Berliner Choleraepidemie 1831.8 Wie schwer muß9 es sein, wenn man keine Kinder hat und in keiner Reihe steht, zu begreifen, daß10 solcher Ekel und solche Todeshoffnungen unwahr sind, daß11 der Tod für den Menschen keine Lösung irgendeiner Art ist. »Das größte12 Wunder ist immer das, daß13 nach unserm14 Tode die Gegenstände der Welt noch dastehen als bei unserm Leben: und daß15 das Leben, insofern, keine reine Einbildung war.«
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Das grösste1 Wunder ist der grösste2 Trost. Endlich hatte sie doch noch gefunden, was ihr3 Realität verbürgte. Mit dieser Einsicht liquidierte sie den persönlichen Bankrott. Die Julirevolution fand4 die alte Frau mit den Globes5 als pain quotidien, mit der, wenn auch trügerischen, so doch für sie richtigen Erkenntnis: »Eins ist gewiss8. Erobern will Europa nicht mehr Stücke Erde; aber ernster! Stücke Gleichheit«, fand10 sie als Saint-Simonistin, begeistert für »das neue, gross11 erfundene Instrument, welches die grosse12 alte Wunde, die Geschichte der Menschen auf der Erde, endlich berührt«, fand13 sie endlich »für nichts ganz interessiert als was die Erde für uns bessern kann: sie und unsere Handlungen darauf.« Sie hatte begriffen, dass14 die »Pockenmaterie«, die aus uns »raus muss15«, nicht in den Juden allein steckt; dass16 sie an den Juden nur ausbricht, sie mitergreifend, mitinfizierend. Dass17 alles, was sie selbst ein Leben lang dagegen unternahm, nur »Schminke« war, die nichts »hilft, und wäre sie mit Hausanstreichpinseln aufgeklext18 Freiheit und Gleichheit werden nicht dadurch hervorgezaubert, dass19 einer und noch einer sie sich als Privilegien erschwindelt20.
Das größte1 Wunder ist der größte2 Trost. Endlich hatte sie doch noch gefunden, was ihr3 Realität verbürgte. Mit dieser Einsicht liquidierte sie den persönlichen Bankrott. Die Julirevolution fand4 die alte Frau mit dem Globe5 als »6pain quotidien«7, mit der, wenn auch trügerischen, so doch für sie richtigen Erkenntnis: »Eins ist gewiß8. Erobern will Europa nicht mehr Stücke Erde; aber ernster! Stücke Gleichheit ... die Rede ist vom Rechte, und nicht mehr vom Herkommen9«, - findet10 sie als Saint-Simonistin, begeistert für »das neue, groß11 erfundene Instrument, welches die große12 alte Wunde, die Geschichte der Menschen auf der Erde, endlich berührt«, findet13 sie endlich »für nichts ganz interessiert als was die Erde für uns bessern kann: sie und unsere Handlungen darauf.« Sie hatte begriffen, daß14 die »Pockenmaterie«, die aus uns »raus muß15«, nicht in den Juden allein steckt; daß16 sie an den Juden nur ausbricht, sie mitergreifend, mitinfizierend; daß17 alles, was sie selbst ein Leben lang dagegen unternahm, nur »Schminke« war, die nichts »hilft, und wäre sie mit Hausanstreichpinseln aufgeklext«; und unbekümmert schreibt sie am Ende ihres Lebens in Briefen an den Bruder wieder ganze Absätze mit hebräischen Buchstaben.18 Freiheit und Gleichheit werden nicht dadurch hervorgezaubert, daß19 einer und noch einer sie sich als Privilegien erschwindeln20.
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Das größte1 Wunder ist der größte2 Trost. Endlich hatte sie doch noch gefunden, was ihre3 Realität verbürgte. Mit dieser Einsicht liquidierte sie den persönlichen Bankrott. Die Julirevolution findet4 die alte Frau mit dem »Globe«5 als »6pain quotidien«7, mit der, wenn auch trügerischen, so doch für sie richtigen Erkenntnis: »Eins ist gewiß8. Erobern will Europa nicht mehr Stücke Erde; aber ernster! Stücke Gleichheit ... die Rede ist vom Rechte, und nicht mehr vom Herkommen9«, - findet10 sie als Saint-Simonistin, begeistert für »das neue, groß11 erfundene Instrument, welches die große12 alte Wunde, die Geschichte der Menschen auf der Erde, endlich berührt«, findet13 sie endlich »für nichts ganz interessiert als was die Erde für uns bessern kann: sie und unsere Handlungen darauf.« Sie hatte begriffen, daß14 die »Pockenmaterie«, die aus uns »raus muß15«, nicht in den Juden allein steckt; daß16 sie an den Juden nur ausbricht, sie mitergreifend, mitinfizierend; daß17 alles, was sie selbst ein Leben lang dagegen unternahm, nur »Schminke« war, die nichts »hilft, und wäre sie mit Hausanstreichpinseln aufgeklext«; und unbekümmert schreibt sie am Ende ihres Lebens in Briefen an den Bruder wieder ganze Absätze mit hebräischen Buchstaben.18 Freiheit und Gleichheit werden nicht dadurch hervorgezaubert, daß19 einer und noch einer sie sich als Privilegien erschwindeln20.
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»Nur die Galeerensklaven kennen sich«
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Rahel ist Jüdin und Paria geblieben. Nur darum und nur als solche1 hat sie ihren3 Platz gefunden in der Geschichte der |276 europäischen Menschheit. Sie hat im Alter ganz die Chance4 ermessen, die das »ehrliche Untersuchen« hat, wenn es aus einer »verletzt- und geheilten Seele« stammt, wie bei Börne. Sie hat den jungen Heine mit Enthusiasmus und grosser5 Freundschaft begrüsst6 - »nur die Galeerensklaven kennen sich«. Wenige Briefe7 an ihn nur8 sind bis auf uns gekommen - bei einem grossen9 Hamburger Brand verbrannte der grösste10 Teil der Heineschen Briefschaften und Jugendmanuskripte. Heine’s11 Ja zum Judesein12, das erste und letzte entschiedene, das auf lange von einem assimilierten Juden gehört wurde - wirkte im letzten14 Grunde nicht sehr viel anders als15 Rahels Nein. Beide haben sich nie zu beruhigen vermocht über ihr Schicksal, beide haben es nie hinter grossen16 oder prahlerischen Worten verstecken mögen, haben immer Rechenschaft gefordert und nie »klug geschwiegen,17 christlich geduldet« (Heine). Rahel hat nicht allein und nicht umsonst gelitten, sie hat sich nicht umsonst geirrt, wenn Heine versichert18: »wenn19 die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben«.20 Nicht Marwitz und nicht Varnhagen haben in einem ernstenh21 geschichtlichen Sinn »das Bild ihrer Seele« gerettet, sondern nur Heine, der versprach, »für die Sache der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichstellung enthusiastisch« zu sein;22 »und23 in schlimmern Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, dass24 es in deutschen Bierstuben und Palästen hallt«25. Über diesem Versprechen konnte sie ruhig wegsterben. Sie hinterliess einen Erben, dem sie viel zu vermachen hatte, die Geschichte eines |277 Bankrotts und ein rebellisches Herz. »Keine Wohltätigkeitsliste, kein Vivat, keine Herablassung; keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschwichtigen .. Sie werden dies herrlich, elegisch, fantastisch, einschneidend, äusserst scherzhaft, immer gesangvoll, anreizend oder hinreissend sagen; nächstens sagen. Aber der Text aus meinem alten beleidigten Herzen wird doch dabei der Ihrige bleiben müssen.26«
Rahel ist Jüdin und Paria geblieben. Nur weil sie an beidem festgehalten1 hat, hat2 sie einen3 Platz gefunden in der Geschichte der europäischen Menschheit. Sie hat im Alter ganz die Chance4 ermessen, die das »ehrliche Untersuchen« hat, wenn es aus einer »verletzt- und geheilten Seele« stammt, wie bei Börne. Sie hat den jungen Heine mit Enthusiasmus und großer5 Freundschaft begrüßt6 - »nur die Galeerensklaven kennen sich«. (Nur wenige Briefe7 an ihn sind bis auf uns gekommen - bei einem großen9 Hamburger Brand verbrannte der größte10 Teil der Heineschen Briefschaften und Jugendmanuskripte.) Heines11 Ja zum Judesein12, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000231 das erste und letzte entschiedene, das auf lange Zeit13 von einem assimilierten Juden gehört wurde, stammte aus dem gleichen14 Grunde, der gleichen Wahrhaftigkeit wie15 Rahels Nein. Beide haben sich nie zu beruhigen vermocht über ihr Schicksal, beide haben es nie hinter großen16 oder prahlerischen Worten verstecken mögen, haben immer Rechenschaft gefordert und nie »klug geschwiegen und17 christlich geduldet« (Heine). Rahel hat nicht allein und nicht umsonst gelitten, sie hat sich nicht umsonst geirrt, wenn Heines Souveränität ein unbekümmertes Fazit daraus zu ziehen vermag18: »Wenn19 die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben20 Nicht Marwitz und nicht Varnhagen haben in einem ernsten21 geschichtlichen Sinn »das Bild ihrer Seele« gerettet, sondern nur Heine, der versprach, »für die Sache der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichstellung enthusiastisch« zu sein:22 »in schlimmern Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß24 es in deutschen Bierstuben und Palästen hallt.«
Rahel ist Jüdin und Paria geblieben. Nur weil sie an beidem festgehalten1 hat, hat2 sie einen3 Platz gefunden in der Geschichte der europäischen Menschheit. Sie hat im Alter ganz die Chancen4 ermessen, die das »ehrliche Untersuchen« hat, wenn es aus einer »verletzt- und geheilten Seele« stammt, wie bei Börne. Sie hat den jungen Heine mit Enthusiasmus und großer5 Freundschaft begrüßt6 - »nur die Galeerensklaven kennen sich«. (Wenige Briefe nur7 an ihn sind bis auf uns gekommen - bei einem großen9 Hamburger Brand verbrannte der größte10 Teil der Heineschen Briefschaften und Jugendmanuskripte.) Heines11 Ja zum Judesein12, das erste und letzte entschiedene, das auf lange Zeit13 von einem assimilierten Juden gehört wurde, stammte aus dem gleichen14 Grunde, der gleichen Wahrhaftigkeit wie15 Rahels Nein. Beide haben sich nie zu beruhigen vermocht über ihr Schicksal, beide haben es nie hinter großen16 oder prahlerischen Worten verstecken mögen, haben immer Rechenschaft gefordert und nie »klug geschwiegen und17 christlich geduldet« (Heine). Rahel hat nicht allein und nicht umsonst gelitten, sie hat sich nicht umsonst geirrt, wenn Heines Souveränität ein unbekümmertes Fazit daraus zu ziehen vermag18: »Wenn19 die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben20 Nicht Marwitz und nicht Varnhagen haben in einem ernsten21 geschichtlichen Sinn »das Bild ihrer Seele« gerettet, sondern nur Heine, der versprach, »für die Sache der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichstellung enthusiastisch« zu sein:22 »in schlimmern Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß24 es in deutschen Bierstuben und Palästen hallt.«
Rahel ist Jüdin und Paria geblieben. Nur weil sie an beidem festgehalten1 hat, hat2 sie einen3 Platz gefunden in der Geschichte der europäischen Menschheit. Sie hat im Alter ganz die Chance4 ermessen, die das »ehrliche Untersuchen« hat, wenn es aus einer »verletzt- und geheilten Seele« stammt, wie bei Börne. Sie hat den jungen Heine mit Enthusiasmus und großer5 Freundschaft begrüßt6 - »nur die Galeerensklaven kennen sich«. (Nur wenige Briefe7 an ihn sind bis auf uns gekommen - bei einem großen9 Hamburger Brand verbrannte der größte10 Teil der Heineschen Briefschaften und Jugendmanuskripte.) Heines11 Ja zum Jude-Sein12, das erste und letzte entschiedene, das auf lange Zeit13 von einem assimilierten Juden gehört wurde, stammte aus dem gleichen14 Grunde, der gleichen Wahrhaftigkeit wie15 Rahels Nein. Beide haben sich nie zu beruhigen vermocht über ihr Schicksal, beide haben es nie hinter großen16 oder prahlerischen Worten verstecken mögen, haben immer Rechenschaft gefordert und nie »klug geschwiegen und17 christlich geduldet« (Heine). Rahel hat nicht allein und nicht umsonst gelitten, sie hat sich nicht umsonst geirrt, wenn Heines Souveränität ein unbekümmertes Fazit daraus zu ziehen vermag18: »Wenn19 die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben20 Nicht Marwitz und nicht Varnhagen haben in einem ernsten21 geschichtlichen Sinn »das Bild ihrer Seele« gerettet, sondern nur Heine, der versprach, »für die Sache der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichstellung enthusiastisch« zu sein:22 »in schlimmern Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß24 es in deutschen Bierstuben und Palästen hallt.«
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Über diesem Versprechen kann sie ruhig wegsterben. Sie hinterläßt einen Erben, dem sie viel zu vermachen hat, die Geschichte eines Bankrotts und ein rebellisches Herz. »Keine Wohltätigkeitsliste, kein Vivat, keine Herablassung; keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschwichtigen ... Sie werden dies herrlich, elegisch, phantastisch, einschneidend, äußerst scherzhaft, immer gesangvoll, anreizend,1 oft hinreißend sagen; nächstens sagen. Aber der Text aus meinem alten beleidigten Herzen wird doch dabei der Ihrige bleiben müssen.«
Über diesem Versprechen kann sie ruhig wegsterben. Sie hinterläßt einen Erben, dem sie viel zu vermachen hat, die Geschichte eines Bankrotts und ein rebellisches Herz. »Keine Wohltätigkeitsliste, kein Vivat, keine Herablassung; keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschwichtigen ... Sie werden dies herrlich, elegisch, phantastisch, einschneidend, äußerst scherzhaft, immer gesangvoll, anreizend oft hinreißend sagen; nächstens sagen. Aber der Text aus meinem alten beleidigten Herzen wird doch dabei der Ihrige bleiben müssen.«
Über diesem Versprechen kann sie ruhig wegsterben. Sie hinterläßt einen Erben, dem sie viel zu vermachen hat, die Geschichte eines Bankrotts und ein rebellisches Herz. »Keine Wohltätigkeitsliste, kein Vivat, keine Herablassung; keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschwichtigen ... Sie werden dies herrlich, elegisch, phantastisch, einschneidend, äußerst scherzhaft, immer gesangvoll, anreizend,1 oft hinreißend sagen; nächstens sagen. Aber der Text aus meinem alten beleidigten Herzen wird doch dabei der Ihrige bleiben müssen.«
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Philologische Nachbemerkung
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Benutzt wurden für die vorliegende Biographie ausser der bekannten, publizierten und leicht zugänglichen Briefliteratur der Zeit eine grössere Zahl unveröffentlichter Dokumente aus dem Varnhagen-Archiv der Berliner Staatsbibliothek. Alte Exzerpte, die vor Jahren dort genommen wurden, konnten aus bekannten Gründen nicht nochmals überprüft und ergänzt werden. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um unveröffentlichte Briefe der Rahel an Rebecca Friedländer, Pauline Wiesel und ihre Geschwister; ferner um einige wichtige Stellen der Briefe von Gentz an die Rahel, die nur auszugsweise publiziert worden sind.
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Alle zitierten Stellen, bei denen eine andere Autorschaft nicht ausdrücklich vermerkt ist oder aus dem Zusammenhang ohne weiteres hervorgeht, stammen aus den Briefen und Tagebüchern der Rahel Varnhagen.
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Aus Rahels Briefen und Tagebüchern [Anhang II]
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An David Veit
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Berlin, den 18. Februar 1794 Nachmittags.
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Ich darf Ihnen doch etwas erzählen? - denn mein Brief wird wieder recht lang. Diesen Mittag bei Tische nahm Markus die Kinder in großes Verhör, weil er wirklich eine große Unart gefunden hatte, nämlich den Namen Levin oben in meinem Flur auf die Wand geschmiert. Röschen sagte frei und lachend: »Ich war es nicht«; Ludwig ebenso: »Ich auch nicht«; nur Moritz leugnete, der sagte nämlich: »Ich hab’ ja gar kein Bleistift« und dabei blieb er; das antwortete er wohl sechzehn- bis siebzehnmal, auf jede Frage, die nun in die Kreuz und Quere wie ein wirkliches Verhör und mit Verstand ihn ängstigend von allen Seiten hin und her getan wurden; seine Farbe zeugte wider ihn, aber selbst das Rotwerden unterdrückte er und blieb recht hübsch dabei: »Ich hab’ ja kein Bleistift«. Er hatte es nun endlich so gut wie gestanden, und obgleich ein Flor von Spaß über der ganzen Geschichte war, so wollten sie ihn doch zum völligsten Geständnis ängstigen; so sagt’ ich: »Nun gestehen kann er’s doch nun nicht, genug, daß er’s geleugnet hat.« Das gefiel mir sehr. Kaum hatt’ ich die Worte gehört, so mußt’ ich selbst entsetzlich lachen. (Sagen Sie mir, wie kann ich selbst lachen? Ich dachte sie doch erst, eh’ ich sie sagte! Nun ja! der Klang! -) Es gingen noch sehr hübsche Dinge bei der Geschichte vor, zuletzt wie er es denn wirklich gestanden hatte, so sagte Mama: »Man leugnet nicht, man sagt lieber, ich war’s und ich habe nicht gewußt, daß es unrecht ist, nun werd’ ich’s nicht mehr tun«; darauf sagt’ er ganz bieder: »Ich habe erst sehen wollen, ob’s so geht.« Überhaupt hat er recht hübsch geleugnet; Sie hätten’s sehen sollen. Ich habe dabei viel gedacht; auch mäßigte ich das Verhör so viel als möglich, und bei meiner ganzen Mühe, ein dickes Gewand darüber zu halten, brachten sie es doch dahin, mir es zu Flor zu zerreiben; denn dieses Leugnen gefiel mir nicht, denn der Junge (wie ein Kind) war seiner Sache nicht gewiß, und das große crime, das man ihm immer entgegen wälzte, erschreckte ihn alle Augenblick von neuem, so gut er sich auch faßte, und dieser Schreck und Verlegenheit haben immer eine sehr schlechte Wirkung im Charakter, und darum war’s mir auch so höchst peinlich mit anzusehen, ich gab mir alle Mühe, dieses unbedachtsame Verhör, so viel als möglich war, in ein exercice des Ausredens zu verwandeln, mit öffentlicher Bewilligung: um so mehr wurd’ |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000236 ich fast mißverstanden, aber es ging noch toll genug, Markus ahndete so ziemlich. - Warum verbietet man den Kindern so ausdrücklich Leugnen und Ausreden, die man (zwar leider! aber) doch braucht? Man erzieht sie ja für den Tummel der Welt, und nicht für einen positiven Himmel, der ein rotes Herz und ungeflecktes Gewissen genau belohnt. Morgen weiter. Adieu, ich muß plötzlich zu Visite.
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Abends nach 10 Uhr
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Nun komm’ ich wieder mit meinen Kindern. Warum lehrt man sie nicht Lügen, Leugnen und Ausreden sagen, als ein notwendiges Übel, und zeigt es ihnen dabei, wie andre schwere Arbeit, die man schon von selbst wegläßt, wenn man’s nicht nötig hat, und sich zarte Hände schont, - so würde man denn sein Gewissen schon pflegen. Fürchterliche Moral, bei mancher gebildeten Inquisition könnte mein Renommee wenigstens langsam gebraten werden? Und das wäre nicht einmal das Schlimmste; sie hat auch hier das Ansehen von Torheit oder Dummheit, denn sie scheint unausführbar; im genausten Verstande der Worte wohl, das fühl’ ich so gut als jemand, der’s hört; aber daß man sie Kindern begreiflich machen kann, ohne sie zu predigen und sie ihnen predigen kann, ohne sie ihnen lieb zu machen, und grade als Predigt sie ihnen nützlich, ohne schön, vorzustellen, alles durch Handlungen und Widerwillen, am rechten Orte gezeigt, - das glaub’ ich doch; bis Sie oder einer mir das Gegenteil ordentlich beweisen! Bon soir! Morgen geht’s immer Ihren Brief entlang fort.
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An Karl Gustav von Brinckmann in Hamburg
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Berlin, Juli 1800
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Lieber Brinckmann! denken Sie sich meinen Verdruß, wie ich das Formular vom Gebrauch des Guajac gar nicht im Brief finde: künftige Post sollen Sie’s haben. Herz ist grade heut im Tiergarten. Ich weiß nichts Neues zu bitten! - Schreiben Sie nicht, will ich nur sagen; nicht mehr; kommen Sie vor Schweden. - Wie befinden Sie sich? schwebt mir auf den Lippen. - Was hilft mir alles, Sie bleiben Seidenwurm, ich auch ein Wurm. So sind wir alle Würmer. Glücklich sind die, die da spinnen. Spinnen tu’ ich redlich: und was das Rühmlichste, das Köstlichste, das Glücklichste ist, noch an dem ersten selben Faden. Das sind die Erwählten, die so wurmartig sind. - Sonntag war Jean Paul bei mir: ich war launig - ich hatte grad acht sehr launige Tage, voller kurioser Ausdrücke und Bonmots - nicht er. Das war gut. Er hat überaus etwas |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000237 Beruhigendes an sich. Vor dem könnt’ ich mich gar nicht schämen. Nie hat ein Mensch so ganz anders ausgesehen, als ich ihn mir denken mußte. Keine Ahndung vom Komischen. Er sieht scharfsinnig, und die Stirn von Gedanken wie von Kugeln zerschossen aus. Er spricht so ernst, sanft und gelassen und geordnet, hört so gern - süß möcht’ ich sagen - und väterlich zu - daß ich nie geglaubt hätte, es sei Richter. Und blond ist er! »Sie sind es nicht!« möcht’ ich immer zu ihm sagen. Das reizt mich nur noch mehr: denn nun ist er Richter, und hat die neuen rührenden Eigenschaften noch obenein. »Die wenigsten Menschen sind etwas wert, außer die wenigen, die eben Richters sind«. Er sagt: »Die wenigsten Menschen haben Geld (Geld!) außer eben diese wenigen.« Die sind auch immer noch besser, als man sie schon kennt. Er hat mir heute ein kleines, aber Jean-Paul’sches Billet geschrieben - es ist auch Brinckmann’sch, Sie sollen gleich hören; wir sagten’s alle - es war eine Antwort, ich mußt’ ihm schreiben: denn Fleck wollte Antwort haben, welchen Tag er Wallenstein sehen will: er hat Fleck noch nicht gesehen, - pensez! Ich habe das Glück, die Glorie, für mich, meinen Fleck Richtern zu zeigen: in meine Loge geht er. Iffland hat er gesehen; bei einem Haar hätte Deutschland den für den Ersten gelesen. Das durft’ ich nicht zugeben. Er wollte schon wegreisen. Aber - er bleibt - um Fleck, auf mein Treiben. Ich halte es in der Tat für wichtig, solch einen Mann au fait zu setzen. Ich schreib’ Ihnen das Billet zum Amüsement ab; in der Gewißheit, daß ich Ihr Ehrenwort habe, daß Sie es niemandem sagen und zeigen; alle Menschen sind zu plump; und prahlen damit, und prahlen weiter; ich kann nicht leiden, wenn man eine Seele wie Richters - denn die lieben wir - wie ein ausländisch Tier behandelt, welches man herum promeniert: - »Berlin - und die Schauspieler - und die zwei Stücke - und Ihre gütige Verwendung gefallen mir so sehr, daß ich freitags und montags, und - wenn Gott die Schöpfung von Haydn noch einmal schafft - sogar dienstags hier bin. Ich dank’ Ihnen recht innig, daß Sie meine Bitte zu der Ihrigen gemacht haben.« Das war ein Freundschaftsstück. Adieu! Nicht wahr, man muß nur in Berlin bleiben; hier kommt noch alles her, Bonaparte mit allen Franzosen, bin ich überzeugt; Pyramiden und Berge mit, wenn man nur bis darauf zu warten versteht. Ich geh doch bald weg. Anderwärts müssen sie auch etwas haben. Adieu! Wenn Sie kämen!!! und nachher mit dem König sprächen. Wir hören beide nicht auf zu spinnen.
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An Wilhelm Bokelmann in Cadix
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Berlin, den 2. Juli 1801
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... Sie irren sich, mein teurer Freund! Ich bin nicht mehr - nicht mehr klingt hier so dumm - so leidenschaftlich, als Sie mich sahen. Der Stoff fehlt mir: und für die Ewigkeit: wenn ich das Gedächtnis nicht verliere. Sie hat sich anders wenden müssen, diese Leidenschaftlichkeit; sie existiert. Eine Sonne hat alle falsche Richtung hinweggebrannt, sie ist als tiefer reiner Quell nur da, ein Reichtum für mein ganzes Leben. Sie sind nicht mehr allein ruhig: freuen Sie sich, mein liebes Wesen. Sie haben sie mir mitgeteilt, die nicht mitzuteilende Ruhe. Ich wollt’ es Ihnen schon schreiben, ehe ich Ihren Brief erhielt. Wenigstens bei mir war es so! - Man muß den Glauben an sich in dieser Welt mit dem Glauben an einen anderen austauschen können; es muß ein Augenblick wirklich werden, wonach sich unser Busen hebt, worum wir weinen, betrogen werden können. Es muß sich einer an dem freuen, was in uns notwendig war und unser niemals ruhendes Gewissen uns schaffen hieß: und so müssen wir wieder an seiner Arbeit uns freuen. Hierin liegt für mich die Notwendigkeit der Liebe. Man darf und kann nicht lieben, in sich, was man fordern muß. Und es ist moralische Unzucht, wenn man sich selbst darum liebt; so ist es auch mit unserer organischen Existenz; notwendig ist uns die Schönheit - sie ist die völligste Gesundheit - und genießen darf sie nur ein anderer. Wie lieblich sind Sie mir dieser andere! Was fordert man nicht noch alles, in den tiefen Verschanzungen der Brust heimlich! Wie schön wird’s mir gewährt! Wie nur das Glück beschenkt! Eh’ ich fordern kann. Lieber! haben Sie keine Furcht! Vom Leisten kommt oft Fordern; diesmal nicht. Ich wollt’ es Ihnen schon lange sagen; werden Sie niemals bedenklich wegen meiner leidenschaftlichen Art mich auszudrücken: meine außerordentliche Haltung im Leben und Gemüt kontrastiert dagegen sonderbar, und Sie können das nicht vorher wissen, eh’ Sie ein Stück mit mir gelebt haben. Es entsteht nie eine Verlegenheit durch mich; keine oberflächliche in der Gesellschaft, noch eine tiefere in der Seele. Ich bin schnell, das wissen Sie, sehr gut, das wissen Sie auch, mit Seel’ und Aug’, und kenne nichts Fürchterlicheres als eine Verlegenheit; nun urteilen Sie, ob ich sie immer für andere vermeide. Die Sprache steht mir aber nicht zu Gebote, die deutsche, meine eigene nicht; unsere Sprache ist unser gelebtes Leben; ich habe mir meines selbst erfunden, ich konnte also weniger Gebrauch, als viele andere, von den einmal fertigen Phrasen machen, darum sind meine oft holperig und in allerlei Art fehlerhaft, aber immer echt. Wenn ich also von meinen Empfindungen spreche, so trage ich eigentlich doch |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000239 immer ein schon verflossenes Leben vor; und dies geschieht denn ganz in meiner Sprache. Man hat aber nichts zu befürchten. Ich bin gelassen im handelnden Leben, wie Polonius nach dem Tod. Verstehen Sie’s? Meine Ausdrücke verbinden zu nichts, ich sprach dann immer nur von mir, wenn’s auch anredend geschieht, wenn’s auch Titel sind, - immer nur so viel als man davon brauchen kann! Zu dieser Nachrede bewogen mich, wie mich dünkt, meine letzten Briefe; und die, die ich schreiben will: denn ich mag mich nicht genieren. Nehmen Sie dies gut auf, Bokelmann! Warum sollen Sie nicht, soviel es möglich ist, au fait von mir sein, als ich selbst. Manches kann man nicht erraten; und da sag’ ich’s lieber. Trotzdem, daß es den Schein der Plumpheit wider sich hat. Ich befolge mir aber hier ein Gesetz und überwinde mich; weil bei Plumpheit der Schein auch schon plump ist. Sie werden schon alles verstehen ...
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Ihre R. L.
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Aus einem Brief an den Grafen zu Lippe vom 24. Januar 1803
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... Werden Sie kein preußischer Offizier, dann sind wir ganz für einander verloren; in Krieg und Frieden. Jetzt sind Sie so gut als nichts; und das - den cavalier d’embassade nämlich - lassen Sie so ausgehen wie ein Licht. Dann leben Sie von Ihren 1500 Talern und seien Sie nichts, das ist am besten. - - Millionen Grüße an meinen Gentz, unsern holden, geliebten, schwachen, aufrichtigen, liebenswürdigen, geliebten, dummen lieben Gentz. Und daß ihm niemand in der Welt bestellen könnte, wie ich ihn liebe, wie ich ihn kenne, und wie schön er mir ist, und wie notwendig, und wie un, un, unersetzlich!!! - Der muß mir bleiben, denn ich kenne ihn. Doch hat er mich schändlicher vergessen als alle übrigen. Aber es ist in der Natur der Sache: diese Sorge übernehme ich ganz.
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Tagebuch
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Den 8. März 1803
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Die Menschen, die die kleinen Gefälligkeiten des Lebens nicht deutlich fordern, von denen denkt man leicht, daß sie sie gar nicht bedürfen, vermissen und zu genießen verstehen. Hieraus lassen sich Klugheitsregeln zum Gebrauch ziehen.
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März 1803
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Das Fühlen ist etwas Feineres, als das Denken: das Denken hat das Vermögen sich selbst zu erklären, das Fühlen kann das nicht und ist |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000240 unsere Grenze, diese Grenze sind wir selbst; es weiß nur, daß es existiert. Mit Grenzen ließe sich alles definieren; und die Grenze, die das nicht mehr erlaubt, umschließt unser eigenes Wesen und ist folglich ein Teil desselben.
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Und am Ende braucht Liebe nur zu lieben. Können muß sie dies; sonst kommt jeder günstige Zufall umsonst.
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An Don Raphael d’Urquijo
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Mon Urquijo! c’est avec ton billet qu’on m’a éveillé. Certainement que je t’aime! c’est un incendie dans mon sein; la moitié de la nuit je n’ai pu dormir, et que n’ai-je pas pensé! Ja, ja! ich fühlte mich mit ungeheuren Banden an Dich gefesselt. O! wer sagt es, was ich fühlte. Ich gebe Dir den größten Beweis meines unzuveräußernden Herzens. In welchem Augenblick des Zerreißens wirft sich mein ganzes Wesen in Deine Arme; ganz!!! abhängig von Dir. So ist wahre Liebe, so wirkt der heftige Zauber.
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Ich werde, unterdessen Du bei Chevalier B. bist, einen Besuch machen. In die Komödie geh’ ich nicht, weil mir das unbequem ist. Und in diesem Fall kann ich Dich vorher sehen: ich bin jetzt gieriger als je! Du hast von diesem Sehnen keine Vorstellung! Ich würde es sonst nicht wagen, Dir so lästig zu sein; es ist aber, als ob Du mich von einem Schmerzensgefühl durch Deine Gegenwart rettetest! Und ach! nur zu bald wird Dir das nicht immer möglich sein! Leb’ wohl, zu geliebter Sterblicher! -
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Wie es auch sein möge, und was immer werden könne, mein Herz gehört für das ganze Leben Dir! Ich kenne es besser als Du, ich fühle es, es ist ja meines. Und ich habe auch nachgedacht! Ewig, ewig, schöner Gegenstand, bezauberst und besitzest Du es. Mon Urquijo! Adieu.
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R. L.
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Aus einem Brief an Rebecca Friedländer vom Dezember 1805
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... Hoffen Sie auf Kräfte, die Sie noch nicht haben! Das ist doch das Unmöglichste, und ist doch möglich; wie verhältnisreich ist doch die Welt, wie voll Ereignisse, deren Geschichte und Zusammenhang wir nicht fassen, und sie Zufälle nennen! Ist das Größte, Ertötendste nicht: atemlos still zu stehen, aus Furcht vor der ganzen lebendigen Welt und |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000241 ihrem eigenen Pulsschlag? Mir ist kein Zucker gereicht worden! Aber ich wage noch eins! auf dieselbe Gefahr! Nur muß ich es kennen; und sollt’ es auch Schmerzen enthalten; kommt man doch glühender und gediegener heraus.
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An Rebecca Friedländer
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Lieben Sie nicht Ihren Schmerz! Die Welt ist noch größer an Ereignissen als unser Geist. Schmerzen erleben, heißt auch leben. Heftig und tief ist die Jugend, aber was es alles gibt, weiß sie noch nicht.
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An Frau Regine Frohberg (Rebecca Friedländer) in Berlin
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Berlin, den 13. Dezember 1807.
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Lesen Sie diesen Brief, als käme er erst in acht Tagen an. Ich hatte ihn gestern geschrieben. Es ist ein guter.
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Obgleich Sprechen und Schreiben zu gar nichts hilft, so sollte man gar nicht aufhören zu sprechen und zu schreiben! Diesen finstern Satz, wovon jede Hälfte nur für sich allein wahr ist, nur zum Scherz! Ich bin diesen Morgen nicht deutlich gewesen; und Sie haben mich auch nicht recht verstanden. Mir ist das, wovon die Rede war, zu wichtig, auch ist es auf einen Punkt gekommen, wo es deutlich werden muß - um so mehr, da vom nunmehrigen Halbverstehn nur ein Falschverstehn entstehen müßte, - um es nicht nach allen meinen Kräften und meiner besten Einsicht mit Ihnen zu verfolgen.
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Was wir eigentlich unter dem Worte Mensch verstehen, ist doch die Kreatur, welche mit ihresgleichen in vernünftiger Verbindung steht, in einem Verhältnisse mit Bewußtsein, an welchem wir selbst zu bilden vermögen, und auch genötigt sind, immerweg zu bilden. Wir mögen sein wie wir wollen, wir mögen machen, was wir wollen, wir haben das Bedürfnis liebenswürdig zu sein. Diesem schönen, reinen, menschlichsten, lieblichsten Triebe folgen wir alle. Im höchsten Sinne genommen - aber auch bis auf das Zersplittertste hinab - das ganze Lebensgewebe der Menschen, als Menschen, ist nichts als dies ins Unendliche modifiziert. In Ihnen, als in einem zarten, lebhaften Gemüte, ist dieses Bedürfnis dann auch sehr lebhaft. Was in der Welt ist aber liebenswürdiger - und glücklicher - als eine aufgeschlossene Seele für alles, was Menschen betreffen kann! Und was hinwieder gibt eine reinere Laune, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000242 als eben dieser Zustand, der sich selbst durch seine Dauer, durch sein bloßes Dasein, erhöht und propagiert! Die ganze Welt gewinnt Sie; und Sie die ganze Welt! Kommen Sie davon zurück - welches die Irrmeinung noch so vieler Guten ist - daß man nur eines mit ganzer Seele fassen kann. Prägen Sie sich recht ein, es entsprosse Ihnen einen Augenblick die Überzeugung, was liebenswürdig ist, und Sie sind es! nicht, wie Sie mir heute schrieben, »eine Arbeit ist es,« die ich fordere - wozu Sie jetzt unfähig sind, wozu man immer unfähig ist - sondern einen Augenblick von Überzeugung, einen Augenblick gesunder Ansicht fordere ich. Mehr gedemütigt als ich, wird man nicht, mehr Kummer genießt man nicht; größeres Unglück in allem, worauf man den größten und kleinsten Wert setzt, erlebt man nicht, mehr sieht man nicht untergehen; eine gepeinigtere Jugend bis zu achtzehn Jahren erlebt man nicht, kränker war man nicht, dem Wahnwitz näher auch nicht; und geliebt habe ich. Wann aber sprach die Welt mich nicht an, wann fand mich nicht alles Menschliche, wann nicht menschliches Interesse: Leid und Kunst und Scherz! In dem Augenblick, wo Schmerz und zerreißendes Vermissen die Seele auseinanderzerrt, kann man, muß man nicht Geistesschätze ergraben wollen. Alsdann muß man vom Vorrat zehren, von Vorrat an den Schätzen, von Vorrat an dem höchsten menschlichen Interesse, am menschlichen Interesse. Antworten Sie mir nicht, daß Gaben der Natur nur dazu fähig machen; und zum Beispiel, daß ich mich nicht mit Ihnen vergleichen soll. Wer so raisonnieren kann, wie Sie über manche Gegenstände, der hat Kräfte: nur sein Interesse ist falsch gerichtet.
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Ein gebildeter Mensch ist nicht der, den die Natur verschwenderisch behandelt hat; ein gebildeter Mensch ist der, der die Gaben, die er hat, gütig, weise und richtig und auf die höchste Weise gebraucht: der dies mit Ernst will; der mit festen Augen hinsehen kann, wo es ihm fehlt, und einzusehen vermag, was ihm fehlt. Dies ist in meinem Sinne Pflicht, und keine Gabe; und konstituiert, für mich, nur ganz allein einen gebildeten Menschen. Darum wende ich Sie, endlich mit Ihren Augen auf das zu sehen, was Sie eigentlich verabsäumen. Dies ist, sich mehr zum Allgemeinen - généraliser - zu erheben; daß nicht Allgemeines Sie immer auf Einzelnes führe, sondern umgekehrt. Dies ist höchst liebenswürdig; dies würde Sie ganz liebenswürdig machen. Dies können Sie erlangen; denn dies kommt plötzlich, durch einen Gedanken; wie bei Ihnen das Gegenteil auch nur durch einen Gedanken. Auch wiederhole ich, was ich schon gesagt habe: sogar gesund werden Personen wie wir nur, wenn sie den höchsten Ekel vor Kranksein fassen; wenn sie durchdrungen davon sind, daß Gesundsein höchst liebenswürdig ist. Sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-00000243 können sich meinen Drang nicht denken: mit einem Trank möchte ich Ihnen diese Überzeugung eingeben! Aber es gelingt, ich bin sicher! Sein Sie nur recht kokett!
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Montag, den 14. Bis hieher hatte ich schon gestern abend geschrieben; aber dann bekam ich, wie aus blauer Luft, plötzlich einen Fieberanfall; er dauerte bis 2 in der Nacht; mit allem Zubehör, außer Kopfweh; ich erspare Ihnen die Beschreibung, bitte Sie aber, heute nicht zu kommen, ich bin ihn mir als den dritten Tag gewärtig, und diesmal außerordentlich schreckhaft dabei: mit Lachen und Weinen. Morgen ist’s vorbei; und dann besuchen Sie mich: das geringste Erblassen, jedes Zucken von Ihnen, würde mich unleidlich machen. Gestalten hinderten und erschreckten mich gestern bis zu Herzklopfen und Schweiß. Ich habe ein Bad genommen; fühle aber schon jetzt, daß ich’s heute abend noch habe. Sehen Sie auch meine verschiedenen Hände.
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Ich habe Ihren Brief gelesen und schicke meinen doch ab! Eben schrieb ich Ihnen meine Gesundheit ab, als ich Ihren erhielt. Fassen Sie sich: denken Sie nicht immer an Tollheit; es kann eine Liebhaberei werden. Zerstreuung! Mir wird der Kopf immer schwerer! Kommen Sie morgen! Ich bin ja sanft, dünkt mich; sanfter kann ich auch nicht sein: ich verstehe nur das zu sagen, was ich denke, anderes sehr schlecht: und was ich Ihnen sage, Liebe, sagte ich, beim Allmächtigen! mir selbst, und habe es mir gesagt. Leben Sie wohl! über mich sein Sie ganz ruhig, ich habe nur einige schlechte Stunden. Leben Sie wohl! Es ist gut, daß Sie sich gestern mit den Menschen zwangen und sie unterhielten und im Gang erhielten. Es zerstreut, weil es beschäftigt. Sie werden schon immer geschickter werden. Ich denke viel an Sie! Adieu. Ich kann gar nicht mehr! Lesen Sie meinen großen Brief, als käm’ er erst in acht Tagen an!
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An August Varnhagen in Dresden
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Montag früh, den 26. September 1808
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Lieber Englischer! Gestern morgen gab man mir Deinen Brief. Im Gegenteil! Du schreibst hundertmal leichter, zusammenhängender und besser als ich! - Auch bin ich hier sehr zerstreut, sehr unterbrochen: muß für tausend Unwürdigkeiten sorgen, die mir den Kopf auseinandermachen: aber alles besser, als in Berlin geblieben ohne Dich; denke ich an die Straßen und an die Orte von uns beiden, und daß ich dahin zurück muß, so zieht sich mir das Herz! - Dein herrlicher, herrlicher Brief! Wie unendlich freut es mich, daß Du mir über Wolf schriebst, und Dein schöner Ausdruck: »daß sein Talent zerriß«. Du Lieber, teile |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000244 mir alles mit; Du kannst mir alles sagen, und wie stolz, wie zufrieden macht es mich! Du gabst mir Festigkeit! Kurz, wir tun uns gut. (Wie sonderbar, wie schneidend und schmerzend war unser Umgang im Anfang!) Wie verlassen, ja wie ausgelacht komme ich mir ohne Dich vor. Mit Dir, neben Dir, hatte ich zu allem Mut; Du lehrtest mich ausführen, was ich für gut halte; Du lehrtest mich, was ich wohl in der Welt hätte haben können: Du bist der Einzige in der ganzen Welt, der mich je lieb hatte, der mich behandelt wie ich andere. Ja, ich bekenne es Dir gerne mit dem ganzen Drang der Erkenntlichkeit; von Dir lernte ich geliebt sein, und Du hast Neues in mir geschaffen. Nicht Eitelkeit - auch ist die nicht so schlecht, als man sie macht: nur das Lügen durch und für sie ist schlecht - ist es, die ewig mein Wesen mit Befriedigung durchdringt, Du wirst es wissen, Du! - bei dessen rechter Vorstellung die Tränen mir in die Augen dringen - es ist das endlich gesunde, kräftige, wahre, wirkliche Empfangen der Seele. Sie nimmt und gibt, und so wird mir ein wahres Leben geboren! Freue Dich, wenn Du wirklich etwas von mir hältst und mein Leben und Sein für ein außerordentliches nimmst; Du hast es zu einem menschlichen gestempelt: durch Dich erkenne ich an, daß es eines war. O! Lieber, könntest Du jetzt meine Rührung, meine Tränen sehen; meine Demut; und könnt’ ich Dir mit würdigen deutlichen Worten meine Befriedigung ausdrücken! Mit Dir war es mir anders als mit allen Menschen. Oft machte ich mir Vorwürfe: ich fühlte oft, wenn Du mich nicht liebtest oder eine andere, ich würde ruhig sein. Aber es ist richtig. Ich liebe in Dir, daß Du mein Wesen erkennst, und daß das Erkennen sich in Dir ausdrückt, und wirkt, und äußert, wie es geschieht. Ich liebe Dich überaus zärtlich wieder, Du hast es hundertmal gesehen; ich könnte mein Leben mit Dir zubringen; es ist mein sehnlichster, ernster, jetzt einziger Wunsch; ich weihete Dir es in Freude und der größten Befriedigung; ich erkenne Deinen ganzen Wert, und nicht ein Pünktchen Deiner Liebenswürdigkeit und Deines Seins - Skala hinauf und Skala hinunter - entgeht mir. Ich bin Dir treu aus Lust, Liebe und der gelassensten Wahl. Ich habe keine Forderung über Dich. Ich bin Dein Freund, wie es ein Mann sein könnte. Du bist durch mich in nichts gebunden, ich möchte Dir mit meinem Blute dienen. Und ist es nicht natürlich, daß ich endlich - und es geschieht deutlich nur durch Dich - erkannt sein will: ich würde ja in Dir lieben, jedes Erkennen, und tue es auch. Ich habe genug allein, und Schatten von meinem Feuer koloriert, geliebt: endlich umfang’ ich Dich, Du lebst; und bist Du! Denke aber nicht, daß ich Dich ganz ohne Unruhe liebe. Dein Besitz ist mir nötig in jedem Sinn. Aber wo Befriedigung war, da bleibt sie. Und in jedem Verlust, in jedem Darben, würde |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000247 sie mir ewig Nahrung bleiben. »Ich habe es besessen, das Lebensglück.« Kindische Menschen echauffieren sich noch nach diesem Besitze. Hat der Himmel eine Zeit ausgesetzt? Ein Schmachten nach diesem Glück trage ich im Herzen: aber so lange ich lebe waren Pfeile, Leid und Schmerzen nur die Antwort, die Nahrung, und soll ich nie mehr etwas haben, so denk’ ich an unseren Sommer und Dich.
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An August Varnhagen in Tübingen
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Sonnabend morgen, den 5. November 1808
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Endlich bin ich verdrießlich. Weißt Du, was das heißt! Aber was kommt auch zusammen. Die Jahreszeit selbst wird toll: und schon seit dem Juli - Du wirst es lächerlich finden - konvulsiert der Winter in den Sommer hinein! Jetzt aber, heute, waren die Rinnen gefroren: noch beinah konvaleszent, muß ich mit meinem angeborenen Feind, dem - dezidiertesten, den ich je erlebte - Nordostwind kämpfen; der schon der Sonne allein eine Helle gibt, der mir die Nerven, wie es ein Strick ist, zusammendrehet. Es ist nur schade, aber nicht wunderbar, daß das mit meinem Innern und meiner ganzen Lage mir nicht den Tod gibt. Seit gestern quäle ich mich damit, ob ich Dir schreibe oder nicht. Lügen kann ich gar nicht: bei Dir gerade tritt die ganze Wahrheit hervor. Und doch habe ich Dir auch Hübsches zu schreiben. Mein ganzes Leben ist eine Marter, wie ich Dir mein ganzes Leben mitteilen will. O! die Gaben, die ich habe, hat man nicht umsonst! Dafür muß man ausstehen. Mein scharfes Wissen, Sondern und Scheiden, das große Meer in mir, mein präziser, tiefer, großer Zusammenhang mit der Natur; kurz, das bißchen Bewußtsein darüber, was hier doch so viel ist, kostet mich was! Welche Schmerzen, welche Unruh, welches Vermissen läßt das aufschießen; und wie muß ich es verarbeiten! Ich zweifle, daß Du selbst einen Begriff davon hast! Und wie ekelhaft, herabziehend ärgerlich, beleidigend, unsinnig, schwächlich, niedrig meine Umgebungen, denen ich nicht entfliehen kann; und die, so lang ich es nicht kann, mich auch verfolgen: ein gelindes Ausweichen hilft gar nichts. Ein einziges Besudeln, eine Berührung macht mich schmutzig, stört meinen Adel. Dieser Kampf dauert ewig! So lang ich gelebt habe und leben werde! Wodurch soll er enden? Diese Einsicht, nicht daß es bleibt, aber daß meine Konvulsionen umsonst sind, und doch nur mit all meinen Kräften aufhören können, bringt mich hart an Raserei! Alles, was mir Schönes im Leben begegnet, geht mir fremd, als Besuch vorüber; und mit Unwürdigen soll ich, von der Welt, wie sie ist, ganz und gar, anerkannt leben, wohnen müssen! |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000248 Das Kroppzeug braucht mich nur. Und gesellig stellen wir uns beiderseits; sie, weil sie mich brauchen; und ich, weil ein Zweikampf, einer mit Blut, es nicht enden kann. Du siehst, ich bin außer mir! So nennt man es, wenn das wahre Herz spricht. Gottverlassener ist kein Mensch. Die Narren und Lügner beschützen sich untereinander. Ich habe aber kein Gesetz, keinen Verwandten, keinen Freund. Und bei dieser Ungerechtigkeit ärgert mich sogar der Tadel. Keiner, nicht einer tadelt mich, der nicht in ihrer Meinung selbst gegen alle gefehlt hat: meiner nimmt sich keiner an; mich verfolgen sie, weil ich für jeden bei dem anderen sprach. So kann ich doch alles mit Exempel vor Exempel belegen.
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Ich will Dich mit den kleinlichen - und auch mich - Geschichten verschonen, die mich aus der Entfernung her dieser Ansicht zudrängen. O! wie entwachsen wäre ich ihnen durch Deine Nähe! durch die Nähe eines Freundes. Einer befreundeten Kreatur. Erfunden habe ich, daß die Gute ein sehr geringes Geschöpf ist. Ein- für allemal. (Wenn ich über einen Menschen ein- für allemal etwas denken will und muß, kann ich es mit Recht erfinden nennen.) Anekdoten von meinen Brüdern, meiner Mutter, und jener Frau, wären doch so, daß Du Dich noch wundern müßtest. Mündlich, wenn’s jemals Gottes Wille ist!
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An August Varnhagen in Tübingen
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Sonntag gegen Mittag, den 19. Februar 1809
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... Diese Woche habe ich erfunden, was ein Paradox ist. Eine Wahrheit, die noch keinen Raum finden kann, sich darzustellen; die gewaltsam in die Welt dringt, und mit einer Verrenkung hervorbricht. So bin ich leider! - Hierin liegt mein Tod. - Nie kann mein Gemüt in schönen Schwingungen sanft einherfließen, wozu dies Schöne in der Tiefe meines geistigen Seins wie in den tiefen Eingeweiden der Erde verzaubert liegt. O! Gott! jede Äußerung - und je kräftiger sie ist! - Ein Schmerz! Ein Schmerz, auf den ich nicht mehr immer hinhöre, weil er chronisch ist. So, mein Freund, hast Du wieder einmal geglaubt, daß ich Dich »Undankbarer« nennte, sei Deiner Wut ähnlich. Nein Geliebter! Ich sagte es, wie es steht; wie das Weib zum blinden Manne. Du sahst nur meine letzte Kraftäußerung, und nicht mein sanftes, längst verschwiegenes Leid: und Liebe nicht sehen, sie aber fordern, und nur halb leisten - wie es war - ist undankbar. Wie richtig, Geliebter - und wie traurig - vergleichst Du mich - wie überaus witzig, nie hat man etwas erschöpfend Ähnliches über mich gesagt!! - vergleichst Du mich zu einem Baume, den man aus der Erde gerissen hat, und dann seinen Wipfel |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000249 hineingegraben; zu stark hat ihn die Natur angelegt! Wurzel faßt der Wipfel, und ungeschickt wird Wurzel zu Wipfel! Das, Lieber, leider! leider! bin ich. Dies ist der Durchmesser meines Lebens. Seine erste Verschlingung zum Wirklichen. Laß dies mein Epitaph sein, und dies ist dasselbe, was mein »Paradox« ist: und das ist tausendmal witziger - obgleich unendlich tief unter Deinem Baum als mein: »Ich arbeite viel. R. Fr. Sie arbeitet viel! Rahel.« Damit meinte ich weiter nichts, als die Indignation: »die denkt noch sie arbeitet! Sie, arbeiten!« und dann gleich hinterher: »Ja! bei ihr ist auch alles Arbeit!« und das alles drückt’ ich aus Eil und Überdruß kurzmöglichst aus.
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Tagebuch
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5. Juli 1809
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Welch ein fürchterlicher Tag! Gestern morgen nahm ich meine Brieftasche, wollte Varnhagens Briefe durchsehen: las nur ein Billett. Wozu mehr! da keine Farbe hervorspringen will; auch aus dieser Gruppe nicht. Ich fand einen Brief von Rose. Und da ich gar mir nicht denken konnte, was der hier vorstellte, und er sehr kurz war, las ich ihn. Verfolgende Götter! ihr allein wißt, in welchen namenlosen Schmerz sich mein unseliges sich immer gleiches Herz ausdehnte! Der Brief lebt! sie schrieb mir, Urquijo’s Bild, welches ich ihr geschickt hatte, gefiele ihr: sie freue sich, daß ich einen Geliebten habe!
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Den Nachmittag sollt’ ich ihn sehen. Ich erwartete ihn wieder. Er sieht verändert aus. In der Nase sehe ich den Neid: zwischen Aug’ und Mund nach der Nase die Wangen herab, die Ungewißheit der Meinung. Die Sprache fand ich überaus undeutlich und ungebildet. Er sang aber in Gedanken ein wenig - mit zu viel angewohnten Manieren - und da kam er auf Töne, die die - Überzeugung - die Liebe hervorriefen, für mich ist er geschaffen: ich ihn zu lieben! O! Tränen. O! ewiges Schicksal! wahr wirst du bleiben, so lange ein Bestandteil einer Faser zusammen von mir bleibt: wahr wirst du ewig gewesen sein. Wahr! Wahr war das Ewig, was ich dem Tauben ewig schrieb. Wahr die unwiderrufliche Sentenz. Wahr, daß ich das Bild für meine Sinne fand: mein Herz für ewig zu ihm schleuderte; wahr, daß er mich nicht empfand; wahr die schreckliche Disharmonie.
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Wie wenige lieben! Unter Generationen nur einer. Treue liegt in den Sinnen, im Schauen des Geistes in das Herz; in seiner Mächtigkeit. Dies große Geschehen hab’ ich Elende ohne des Glückes Krone, ohne seinen Einklang. Wehe! Welche Tränen, welche Herzensschreie, Anreden an Gott, seit gestern! heute scheint’s, Gott spottet, wenn ich zu ihm flehe! Nur um |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000250 einen Blick in mein Herz! Wer mir solches Unglück beschloß, scheint’s mir, muß lachen, wenn ich um Nachlaß, um Erleichterung bitte. Wie fühl’ ich’s noch einmal! - - In seiner Gegenwart nur Verwunderung. Wie kalt, wie fremd. Wie die Wahrheit, die Vergangenheit mit dem Fuß ausgetreten! Und doch verlegen! Er sieht mich nicht an, wenn wir allein sind. Ist grob gegen mich. Weil er fürchtet, jedes menschliche Zeichen könnte für Liebe ausgelegt werden. Will sich noch in meine Wirtschaft mengen. Will, daß ich spare: in seiner Zerstreuung.
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Ich hatte so geweint, und das Herz hatte so in Todeskrampf Schleusen geöffnet, daß ich heute im Abendtee auf’m Wasser, den ich in meiner Unpäßlichkeit nicht ertragen kann, ein Spannen im Herzen bekam, und mich defaillieren fühlte: weil es vom Herzen kam, wünschte ich den Tod: ein Aufhören. Das Herz tat mir mehr als eine Stunde weh: und dreimal mußte ich bitter weinen, als hätte ich einen Gedanken und hatte keinen. So weint ich sonst in Sehnsucht: und wenn er mich kränkte. Heute hatte ich keine Gedanken. Aber gestern nach Rosens Brief: eh er kam! O! Gott! Welche Tage, gestern und heute! Alle Gedanken: Aller Menschen Charaktere mußt’ ich denken. Er ist so stupid. Weiß nichts von mir: ist so flach geworden! und noch, wenn er mich nur nicht so epileptisch, so gehässig furchtsam ansähe, könnte ich die Seligkeit der Erde durch ihn erhalten! Doch bin ich nicht treulos! Liebte mich einer: und ich hätte ihn geliebt, so würde ihm mein Herz treu sein: empfänden den höchsten Zauber auch meine Augen nicht. Ich habe es versucht. Aber -! Wenn ich nur wüßte, wie er über die Vergangenheit denkt: ob er noch denkt, ich habe ihn betrogen. Denkt er, ich liebte ihn, so verdient er die Folter. Keiner weiß, wie es mit meiner Seele steht: was ich sage, ist eine Lüge; ohne meine Schuld.
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Ich stand auf gestern, blieb zu Hause, las. Nachmittag kam er und Bielefeld. Um halb 9 gingen sie. An Varnhagen dacht’ ich millionenmale, und wünschte ihn vor- und nachher. Ich kann ihm mein Herz, meinen Schmerz zeigen. Mir fehlt aber jetzt alles. Heute stand ich verlassen, verwüstet auf: überlegte alles noch einmal! Rang, Stand, Zerstreuung, Freunde, Gesellschaft, alles fehlt mir. Ich weiß, das hilft; hindert das Wiederholen!
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Ging am Bord im Garten. Lerchen, Luft, dunkelnder Wald, alles half mir nur halb. Ich ging nach dem Kuchenladen, nach Hause essen. Schlafen; zur Guten. Zu Wasser mit ihr und Herrn Baron Klugen; zu ihr; hierher. Wer kann’s ausdrücken, wie man Tage durchschmerzt und durchdenkt! Nur verlassen will man mich. Bei mir will keiner bleiben. Ich habe es nicht nötig, denken sie: tadeln bitter die andern; und gehen. Wie macht es Varnhagen wieder! Und ich ekle mich vor den |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000251 vergeblichen Worten, und Denken, und den Bewegungen des Herzens. Rache möcht’ ich endlich an mir, an ihnen; an meinen Richtern: allen Umständen. - Tat, harte! mich malträtieren.
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An August Varnhagen in Prag
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Donnerstag, den 22. Februar 1810
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... Keiner von uns will mehr, daß mein ehrliches Leben auch geschaut werde von solchen, die es selbst sind; und genug findet man immer, unter Deutschlands Lesern, wenn man nur drucken läßt. Immerfort erzeugt die Erde auch wieder solche. Ich weiß, welche Freude, welches Behagen mir ein Fünkchen Wahrheit in einer Schrift aufbewahrt macht! Nur davon bekommt die Vergangenheit Leben, die Gegenwart Festigkeit und einen künstlerischen Standpunkt, betrachtet zu werden; nur Empfindungen, Betrachtungen durch eine Historie erregt, schaffen Muße, Götterzeit, und Freiheit; wo sonst nur allein Stoßen und Dringen und Drängen und schwindliches Sehen und Tun möglich ist; im wirklichen Leben des bedingten beschränkten Tages, wie er vor uns steht! Nicht, weil es mein Leben ist, aber weil es ein wahres ist; weil ich auch vieles um mich her oft, mit kleinen unbeabsichtigten Zügen, für Forscher, wie zum Exempel ich einer bin, wahr und sogar geschichtergänzend aussprach. Und endlich, weil ich ein Kraftstück der Natur bin, ein Eckmensch in ihrem Gebilde der Menschheit, weil sie mich hinwarf, nicht legte, zum grimmigen Kampf mit dem, was das Schicksal nur konnte verabfolgen lassen; jeder Kampfgesell der Natur, der größeren Geschichte, ist in einen Geschichtsmoment geworfen, wo er kämpfen muß, wie bei einem Tiergefecht in der Arena; glückliche Veteranen wirken weiter, zu ihrem und der Menschen Bewußtsein; unglückliche zerschellen; mich trugen Gedanken und Unschuld, als ich zerschellt schon war, empor, zwischen Himmel und Erde. Kurz, wie es mit mir ist, kann ich nicht sagen; ich will nichts mehr. Kein Plan, kein Bild; es schwankt und schwindet die Erde mit den Lebensgütern; der Lebensschatz ist alles! Sehen, lieben, verstehen, nichts wollen, unschuldig sich fügen; das große Sein verehren, nicht hämmern, erfinden und bessern wollen: und lustig sein, und immer güter! So wie ich war und werde, mögen meine Brüder mich sehen! Ich aber selbst will aus meinen Briefen alles suchen und verwerfen; und nicht in vierzig, fünfzig Jahren, wie Du der Guten schreibst, sondern viel früher; ich will noch leben, wenn man’s liest. Ich mache mir nichts aus der Welt. Ich habe keinen Plan; wer den nicht auszuführen hat, hat keine Rücksicht; und Schande kann ich nicht |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000252 haben: Schande, die mir das Leben hemmte; andere achte ich, wie Du weißt, nicht. Nur meine Billigung ist mir wichtig, und nötig. Adieu, Lieber! Diesen Sommer, und das früh und wahrscheinlich sehr bald, komme ich nach Teplitz, und auch wohl vorher nach Prag. Lebe wohl!
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R. L.
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Tagebuch
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Freitag, den 9. März 1810
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Unglück bringt Schande; Glück Ehre. Es ist heute sehr schönes Frühlingswetter. Ich bin gepeinigt und darf den Frühling nicht empfangen, wie ich könnte.
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11. März 1810
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Was machen Sie? Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen.
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An Pauline Wiesel
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Berlin, den 12. März 1810, abends halb 9. Dienstag.
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Es ist eine Schandtat, daß ich Ihnen nicht schrieb: ein Unglück; ein Unglück wie jede Schandtat! Teure geliebte Freundin, und Freund! Weh! - Mein wundes Herz weint dieses Weh! - Weh! daß unser Leben wegrinnt, ohne daß wir zusammenleben. Sie sind allein, getrennt von mir, und ich bin allein, entfernt von Ihnen. Nur einmal konnte die Natur zwei solche zugleich leben lassen. In diesem Zeitalter. Alle Tage sehe ich Sie, und die Natur, und mich, mehr. Entfernt von Ihnen tue ich nichts, als mir jedes Wort, jede kleine Tat von Ihnen repetieren, jede Äußerung, und glauben Sie, zu nennen weiß ich die Prinzipien Ihres ganzen Wesens, Ihres Seins besser als Sie selbst: es ist nur ein Unterschied zwischen uns, Sie leben alles, weil Sie Mut haben und Glück hatten: ich denke mir das meiste; weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam; nicht den, dem Glücke das Glück abzutrotzen, es ihm aus den Händen zu ringen; ich habe nur den des Tragens erlernt, aber groß verfuhr die Natur in uns beiden. Und wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben. Und auf verschiedenem Wege sind wir zu einem Punkt gelangt. Wir sind neben der menschlichen Gesellschaft. Für uns ist kein Platz, kein Amt, kein eitler Titel da. Alle Lügen haben einen: die ewige Wahrheit, das richtige Leben und Fühlen, das sich unabgebrochen auf einfach tiefe Menschenanlagen, auf die für uns zu fassende Natur zurückführen läßt, hat keinen! Und somit sind wir |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000253 ausgeschlossen aus der Gesellschaft, Sie, weil Sie sie beleidigten. (Ich gratuliere Ihnen dazu! so hatten Sie doch etwas; viele Tage der Lust!) Ich, weil ich nicht mit ihr sündigen und lügen kann. Ich weiß ganz Ihre innere Geschichte. Jede Beleidigung, die Sie der Gesellschaft zufügten, obgleich sie in Ihnen gerechtfertigt war, verwunderte Sie selbst: ich weiß Schritt vor Schritt, wie es gekommen ist. Gerne wären Sie »ein häusliches Weib, herzten und küßten den Mann«, wie Goethe im Distichon sagt; aber es ging nicht. Und wohin mit dem entsetzlichen Vorrat, mit dem Apparat von Herz und Leben! Empfindsam sich selbstzerstörende, opfernde Nonnen sind nicht alle Menschen. In den Krieg möchte man ziehen, ich auch so, um Nahrung für den Anspruch zu suchen, mit dem einen die Natur hinaus ins Dasein geschickt hat. Beim allgerechten, allmächtigen Gott auf hohem Richterstuhl, man zieht für weniger in den Krieg! und geehrt wird man dafür! Hätten Sie ein Herz in Wiesels Busen gefunden, Sie hätten nimmer ein anderes gesucht. Dieser aber räsonnierte in seinem Mangel und seinem unglücklichen Überfluß von Worten Ihren zu spät ausgebildeten und zu furchtsamen Geist weit in die Irre. Ihr besseres Bewußtsein lebte immer nebenher. Ich weiß alles. Zum Leiden ist Ihr starkes Herz nicht gemacht. Es muß gleich andere Beschäftigung haben: so auch Ihre Augen, Ihre Sinne. Ich kenne Sie ganz: weit mehr, Pauline, als Sie, als je ein Mensch denkt, daß man einen Menschen kennen kann. Auch über Prinz Louis hatten Sie recht. Sie wissen, wie ich ihn liebte: auch den studier’ ich noch nach; »er hat nichts Generöses«, sagten Sie oft. Im Augenblick geben, meinten Sie, und allerlei. Aber ich kenne das Prinzip in ihm, was Sie eigentlich kränkte. Ich verstehe alles nach. Auch er konnte den Grundwillen, die Grundwünsche seines Wesens nicht gewaltig genug vor seinen Geist führen, um daß ein einziges Handeln draus hätte entstehen können. Von momentanen Zwecken war er oft wie umstrickt; und was er sich vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren in den Kopf gebläut hatte und woran sein jetziges Inneres gar keinen Anteil mehr hatte, danach glaubte er noch handeln zu müssen, oder vielmehr, ihm fehlte oft der Mut, zu zeigen, daß er ein anderes Inneres hatte, andere Sehnsucht, andere Zwecke. So verwirrte er beinah jede seiner Lebensstunden mit dem feinsten, richtigsten und tüchtigsten Gemüte; und muß natürlich der klaren Geliebten minutlich Wunden geschlagen haben. Dies nun brachte Sie wieder in Gärung und, da das Wahre hierüber nie erörtert werden konnte, auch eine Menge Falsches von Ihnen zur Sprache. Nun seh’ ich alles ein, da ich, unermüdet, in mir grabe und bei den lichterlohen Flammen meiner Affekte mein Inneres immer mehr und mehr erschaue. So steht’s mit uns; und ich kann nicht zu Ihnen! Aufgegeben aber, Pauline, habe ich es nicht. All mein |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000254 Tun ist ein Arbeiten daran. Bis jetzt konnt’ ich nichts tun. Nun aber habe ich die Hoffnung, daß sich etwas von unserm Vermögen realisiert, und denken Sie sich! Moritz wird wahrscheinlich heiraten. Dann bin ich wieder ganz allein auf der Erde. Von nun an seh ich auch die Friedländer - die den Namen Frohberg angenommen hat - nicht mehr, sie ist zu unleidlich, unnatürlich pauvre von Natur, mit Prätentionen. In Gesellschaft bin ich dann und wann; keine fixierte wie sonst, die mir gefiele, habe ich nicht. Nicht einen Menschen, weder Mann noch Frau, mit dem ich spazierengehen kann, noch je ins Theater. Unfähiger werd’ ich von Tag zu Tag, mir dergleichen mit Mühe zu suchen. Auch zu stolz. Was ich so hatte, was mir so zukommt, vermiß ich lieber aufs herbste ewig, als einen Schritt drum tun. - Moritz wohnte, außer sechs Wochen, die er in Königsberg war, den ganzen Winter bei mir und noch. Ich habe wenig Genuß und vielerlei Ungemach davon. Ich existiere für ihn nur beiläufig. Obgleich er in pekuniärer Hinsicht für mich sorgt und en gros edel gegen mich ist. Andere Last für mein Herz! Nun hab’ ich noch den einen jungen Mann, von dem ich Ihnen vorigen Frühling schrieb, daß ich mit ihm auf dem Felde gegangen sei und nach Ihnen geschrien habe: meine ganze Seele liebt ihn, muß ihn lieben, weil seine Eigenschaften sie in Anspruch nehmen. Er liebt auch mich, wie man das Meer, ein Wolkenspiel, eine Felsschlucht liebt. Das genügt mir nicht. Nicht mehr. Wen ich liebe, muß mit mir leben wollen, bei mir bleiben. (Campan schreibt mir noch oft, und erst kürzlich, Liebesbriefe, ich soll kommen.) Ich reiße mir also gewiß auch diesen Pfeil aus dem Herzen und laß eine Wunde mehr schmerzen und heilen und narben. Und lägen jetzt, wie eine miserable Visitenkarte, zweihundert Louisd’or neben mir, so reist’ ich morgen ohne Abschied. Meine Freunde, außer Sie, denken alle, ich kann von der Luft lieben und leben. Sie freuen sich, ein Herzspiel zu sehen wie das meinige, und ich soll ohne Liebe leben! Es ist vorbei, es ist zu viel! - Noch eins, Pauline! Ich werde alle Tage mehr wie Sie. Ich kenne noch hier und da angenehme Menschen, aber in acht Tagen kenne ich sie ganz, und dann ist’s gut! <Der Rest fehlt.>
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An Alexander von der Marwitz
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Sonnabend abend gegen sieben, hellster Mondschein in meine Stube hinein, den 25. Oktober 1811.
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Teuerster, lieber Freund, welche Worte aus Ihrem Briefe soll ich erst aufnehmen? Sie stürmen alle auf mich ein und bewegen, rühren und |Arendt-II-001-00000255 beruhigen mir das Herz. Als ich ihn zuerst las, waren mir die liebsten, heilendsten, treffendsten, wie ein goldglänzender Pfeil. Das Ende Ihres ganzen Briefes: »Gleich Antwort. Ihre Briefe sind mir unentbehrlich.« Ich bekam aber den Donnerstag geschriebenen Brief (wenn er auch erst Freitag abgegangen wäre; wie schrecklich langsam gehn die Briefe. Meine auch?) erst heute, als man bald Licht anzünden mußte (mit einem von Barnekow zugleich). Als ich ihn ohne Schlüssel sah und so schwer, so wußte ich, er mußte viel für mich enthalten, aber ganz Liebes kommt einem immer ganz unverhofft. Vieles, liebster Freund, habe ich viel einfacher gesagt, als es ausgesehen haben muß. Nämlich grade das, was Sie anführen. Und haben Sie mich mißverstanden, oder ich Sie, o, so ist es mir göttlich lieb! Freilich seh’ ich Ihnen in die Augen, aber zu meiner größten Ehre eher, als Sie mir es sagten, unbefangen, mit voller Liebe. In die Augen, wo ich alle Menschlichkeit finde, wahren Trost, Sicherheit, Ersatz. Ich erlasse Ihnen viele Worte des echtesten, strömendsten Wohlwollens; sie strömen besser als alle Vorwürfe. Aber Sie sollen frei davon sein; ich will sie allein, selbst bekämpfen, diese Flut. Ich sagte es ganz ehrlich, zwingen Sie sich nun nicht mehr, mir zu schreiben. Nun, da ich so lange trotz Ihrem Versprechen gleich zu schreiben hatte warten müssen. Zwingen Sie sich nun nicht, da ich dies ausgehalten habe, wo es mir so notwendig war, Sie es so einsahen. Die übrigen Stimmungen, in denen man nicht schreibt, sollte dies heißen, kenne ich. Und dies selbe sollte es auch heißen, wenn ich die Briefe gleich zurückforderte, ohne ein Wort von Ihnen. Böse, Marwitz, war ich nicht, denn haben Sie nicht den offenbaren Vorwurf gelesen, wie er aus meinem Herzen kam, ganz wie er mich nur drin schmerzte? Sie sahen, fühlten mein Bedürfnis, so daß Sie selbst es mir zum Trost versprachen, und der Brief kam nicht! Dies sagte ich Ihnen klar; und haben wir nicht längst verabredet, daß arge Vorwürfe gar nicht gemacht werden können? Sehen Sie bis auf meinen schwarzen Herzensgrund; ich freue mich, daß ich Sie quälte, aber, bei Gott, ich wollte es nicht und dachte es nicht. Verzeihen Sie mir aber überhaupt meine Stimmungen jetzt! Ich habe ergründet, was es ist. Meine Brüder haben mich zu sehr gekränkt. Es waren die Letzten, die es konnten. Sie wissen, wie ich gegen Menschen stehe und was ich erwarte und wie hoch abgewandt ich mich von einem jeden zurückziehen kann. Wie anders aber ist es mit Geschwistern, wo Eltern, Vergangenheit, Blut, Gott und die Welt, Gesetz und Staat sie so vereinigt haben, ganz ohne Wahl, daß ein Trennen ein Zerreißen eben so vieler organisch-lebendiger Fäden wird. Ich sehe sie noch, diese Geschwister; äußerlich hängt noch alles zusammen, ich fühle aber eine Beleidigung, wie ich sie nie von nichts fühlte. Verletze ich sie, so |Arendt-II-001-00000256 verletze ich mich mit, und völlige Trennung von ihnen, da ich ihre Fasern so kenne und sie ewig meiner Hilfe bedürfen werden und wahnsinnig drauf rechnen, verletzt und trifft mich wieder. So lauf’ ich, wie Sie mich schon gehämmert kennen, dumpf, mit geschlagenem Herzen in dieser Stadt umher, wo nichts ist, wie Sie auch wissen, als was ich Ihnen beschrieben, ärmer in allem, als ich sonst war (mit physisch krankem Herzen). Nun nicht mehr, Lieber. Schon vor Ihrem Brief überlegt’ ich’s mir oft. Die Einsamkeit ist nicht für mich; trotz meiner regen, tätigen Sinne ist der stärkste, ich sehe es nun wohl (kurz vor meinem Ende beinah) mein Herz; soll das schweigen und ohne Gegenstand sein, so entsteht die Kerkerangst bei mir (der wahre Tod ist Kleinigkeit, der ist ein Aufhören einer Natur in die andere hinein, er sei nun, wie und was er wolle), verdumpfen tun alle meine Sinne und Funktionen, und das ganze Leben zieht in die Angst diese hinein, über diesen Zustand. Ich seh’ es ja; darf ich hoffen Sie zu sehen, sind Sie hier, wäre Pauline hier, die mich tausendfach erheitert, die ich vielfältig lieben kann, die ganze kadavereuse, verstaubte Stadt wäre mir belebt, und voll wären meine Tage, ich vermißte nichts, obgleich ich alle sterblichen Güter zu genießen wüßte. Ihre ehrenvolle, herrliche Anrede an mich paßt also nicht auf mich, mein lieber, lieber Freund. Mein Geist und Gefühl sind andere Helden. Ich kann mir die Herrlichkeit des wahren Lebens nur schaffen an der Seite eines Sterblichen, den ich lieben kann. Aber der Gott in mir wird mich aufrichten; denn ich schaffe mir gewiß, was ich brauche, aber beweine es. In Dumpfheit wird mich mein Schöpfer nicht lassen.
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Jetzt muß ich Sie verlassen. Ich bin zu Madam Frohberg auf ihre Schwester Julie gebeten. Wegen des Landrechts habe ich schon zu Hitzig geschickt, es ist mir erst zu Montag versprochen, ich bin aber mit Marcus in Unterhandlung drüber, von dem ich’s vielleicht bekomme. Nach Polen, reise ich nicht; Meyer reist Montag (übermorgen) über acht Tage dahin. Und ich freue mich auf Marwitz! Adieu. Die Anekdote von dem sächsischen Handwerksburschen ist eine der großartigsten; es ist mir unendlich lieb, daß sie Ihnen begegnet ist, dem einfachsten Menschen. Ich gönne sie Ihnen mehr als mir. Sie sind nicht böse. Ich freue mich in der Seele, daß Sie es waren. Adieu, Liebster! Lieber Hamlet, welch ein Zufall!
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An Alexander von der Marwitz
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Sonnabend vormittag halb zwölf Uhr, den 23. November 1811
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Sagen Sie, Liebster, Bester, warum schreiben Sie mir wieder nicht? Ein Wort. Ich bat Sie darum, Sie haben mir auch zu antworten, wenn Sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000257 wollen. Sie sind aber nicht ganz herkulisch, nicht sehr entfernt vom Flußfieber in unleidlichem Wetter hier abgereist. Das verdiente wohl zwei Zeilen. Ich erwartete sie immer und wollte nicht mit meiner Stimmung und meinen Angelegenheiten so zuplatzen. Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht H. Kleists Tod so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen, - Sie wissen, wie ich über den Mord an uns selbst denke, wie Sie. Und niemals hör’ ich dergleichen, ohne mich der Tat zu freuen. Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen, bis auf den Hefen leiden, denn Wahrheit, Großes, Unendliches, wenn man es konzessiert, kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keine, wir müssen hoffen auf die göttliche Güte, und die sollte grade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jeden Abend Fieber. Jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siech auf kranken und Unglückslagern sollt’ ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt, zu achtzig Jahren ein glücklicher imbécile werden, und wenn dreißig schon mich ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freund - denn Freund ruf’ ich ihm bitter und mit Tränen nach - das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Sehen Sie mich! Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätten ihm zehn Rtl. gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt’ er sich ihnen nur ungestört zeigen können. Der ewige Calcul hätte sie nie unterbrochen, ob er wohl recht, ob er wohl unrecht, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe. Ich weiß von seinem Tode nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, inkorrigible Leben, wenn er die dunklen Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon, dies von denen, die sich nichts zu erfreuen haben; forsche ein jeder selbst, ob es viele oder wenige sind.
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An Friedrich de la Motte-Fouqué in Nennhausen
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Freitag, 2 Uhr Mittag, den 29. November 1811.
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Ein leichtes Flußfieber, welches mich Montag befiel, hinderte mich, Schriftzüge zu machen, was seit einer großen Nervenkrankheit mir |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000258 immer schwer wird, und auch immer das erste wird, was ich unterlassen muß; diese Schwierigkeit geht dann auf Gedanken, Empfindung und Ausdruck über; sonst hätte ich wohl gleich auf Ihren Brief geantwortet, den ich Sonntag Abend, als ich meine Nichten zu einem Ball anzog, erhielt. Ich möchte Ihnen danken, wenn man dergleichen bekommen könnte, ohne es zu verdienen; in dieser Antwort will ich Ihnen von neuem zeigen, daß ich es wohl verdiene, so von Ihnen bedacht und angeredet zu werden! Und diese Erkenntlichkeit wird Ihnen der wahrste wirklichste Dank sein. Ich gratuliere Ihnen aus dem teilnehmendsten, einsichtsvollsten Herzen, daß Ihnen jene schöne Erscheinung begegnete; und mir, daß Sie mir nach so langem Schweigen davon sprechen mußten. (Ich merke, daß ich noch nicht schreiben kann, und hunderttausend bessere Briefe Ihnen während fünf Tagen geschrieben habe, als dieser hier. Auch hat man mich hier mit einem Besuch und einem Brief und Einlage gestört. Jetzt also - wie zur Unzeit, hör’ ich auf: doch nein! noch ein bißchen!) Könnt’ ich Sie nur für verliebt halten! - was Sie mir verbieten - von der Liebe kann man nichts Absurdes sagen, sagt Chamfort; und so ist es auch wahr, daß sie die tiefste Überzeugung ist. Ich freue mich also Ihres Glücks, daß Sie ein Geschöpf von Angesicht zu Angesicht sahen, welches jeden Ihrer Blicke von neuem reizt, und die Überzeugung in Ihnen zum Leben hervorruft, daß es ein reiner, lieber, verstehender Engel ist. Je vollkommener das Geschöpf, je weniger von unserm eignen Herzensglanz beschienen, je »freudenreicher«, »ruhiger«, je weniger »Verlangen« flößt es ein. Lieben ist ein außerirdisches Verhältnis; eine Empfindung. Ein Glück. Alles Übrige, was sich auf Besitz, außer dem Herzen, bezieht, Verhältnis; schlecht und peinigend. Ich tadle hier niemand: ich bedaure uns alle! Ich gönne Ihnen diese helle Sonne im Leben, die das Graue, erstickend-tötende, verscheucht, und die zum Erstaunen weckenden Kinderfarben wieder hervorruft; das Herz zum neuen Umschwung alles Lebens und Seins berührt! Es hängt von Ihnen ab, ob Sie es verliebt nennen wollen, das erfrischte Sein; ich beneide es Ihnen; ich gönne es Ihnen. Ich möchte es auch haben; ich freue mich, daß Sie von dem Zauber getroffen sind. Ohne das Glück, namenlos zu lieben, ist die Erde mir ein unverständlicher, ängstlicher Klumpen; entweichender himmelaufsteigender Dunst alles Denken! Ihnen wird alles doppelt gedeihlich; und des Herzens und der Augen Liebling, wird Ihnen gütige Göttin, Muse; die wohl weiß, was Liebe ist, und es nicht verschmäht, sich den Augen, dem Herzen zu fügen, in der geliebten Erscheinung! Also vielfach glückauf! Warum aber sprechen Sie von der Schönen wie von einer wirklichen Bewohnerin des Himmels; warum sollte sie nicht wiederkommen? Sie sie nicht besuchen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000259 können oder finden, treffen? Wäre das Glück zu groß? Fassen Sie es! Wollen Sie durch Leben nichts an der Empfindung, an dem Eindruck stören? Lassen Sie’s gehen wie Gott will. Bleibt es so, so bleiben Sie wie Sie sind; muß es anders werden, so konnt’ es anders werden; ist der letzte Fall, so wünsch’ ich Ihnen mit aller seiner Sehnsucht, den ersten; und so tun Sie auch.
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Ich habe viel die Zeit her an Sie gedacht: ich habe Undine gelesen, den Todesbund: und eine Geschichte eines jungen Wahnsinnigen in einem Almanach von 1812, der Name ist mir entfallen. Dies letzte halte ich für das Gelungenste in betreff des Vollkommenen und Tadellosen. In Undine sind die größten, ja die witzigsten Elemente zum Großen; es sind aber drei verschiedene darin, die sich nicht ergänzen und harmonisch organisch zum Leben bringen, sondern sie leben nebeneinander; und hindern sie sich nicht zu sichtbar, so hindern sie mich. Sie heißen Liebe, Sittlichkeit und Spekulation, über die Möglichkeiten des menschlichen Seins, bis zu den Grenzen anderer Wesen. Welch schönes neues Sujet!
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(Sechs Uhr abends, mir ist sehr unwohl; ich werde den Brief nicht fertig bekommen; er soll aber weg, damit Sie nicht länger warten, und mich nicht für undankbar halten müssen. Künftig will ich Ihnen alles schreiben, was er enthalten sollte.) Der Todesbund ist aber für jemand, der Sie so kennt wie ich, das Interessanteste; und eben wo es nicht Buch ist, wo Fouqué durchbricht und dies auseinanderspaltet. Mich dünkt, ich habe tiefe Blicke seit diesem Buche in Ihnen - in Sie, wie sagt man denn? - geschickt. In allen dreien aber fand ich liebe herrliche Züge, wie sie nur Ihnen entschlüpfen können. Ich gebe Ihnen hier meine Kritik, wie Sie der Welt Ihre Bücher geben; zur Kritik. Alles schlecht: alles kurz, roh, erbärmlich! wie ich unpaß bin! Nachsicht! Einsicht!
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Gestern war ich kränklich, und allein von 3 bis nachts 1 Uhr auch zu lesen nur halbstundenweise fähig. Da kramt’ ich in einer kleinen, kleinen! Kinderkommode, und fand inliegendes Billet, mit Schnallen von meinem Vater, manches von meiner Mutter, und Trümmern alten Lebens aller Art. Damit man die Karte nach meinem Tod erkennen soll, schrieb ich drauf, was auf der Rückseite steht: als ich es aber unvorsichtigerweise auf die Karte selbst geschrieben hatte, gefiel sie mir nicht mehr, und ich steckte sie gleich zu Ihrem letzten Briefe. Hier ist sie nun: Ihnen kann sie dadurch nicht unangenehmer sein, und muß Ihnen ein doppeltes Geschenk gewähren. Sie ist ein Wechsel, worauf Ihnen die Tücher sogleich ausgeliefert werden sollen. Auch sollen Sie die Briefe und Billetts haben, die ich von Louis konserviert habe: weil Sie sie am |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000260 meisten lieben werden. Sie aber vermachen sie mit den Tüchern wieder Ihrem liebsten Verwandten, und so der weiter, und immer der Liebste dem Liebsten. Er ist ein geschichtlicher Mann. Er war die feinste Seele: von beinah niemand gekannt, wenn auch viel geliebt; und viel verkannt. Es ist nicht Eitelkeit, daß ich mich so mit hinüberspielen möchte. Meine ehrenvollsten Briefe sind verbrannt, daß Feinde sie nicht lesen! Denn alles schrieb der Vielverworrene der vertrauten Freundin, oft auf einen Bogen, auf einer Blattseite. Mit wahrhaftem Vollgefühl sag’ ich Ihnen aber: »Schade, daß meine Briefe an ihn nicht da sind!« Gerne ließ ich der Welt das Exempel, wie wahrhaft man mit einem Königlichen Prinzen, der schon vom Ruhm geführt und hoch geliebt war, sein kann. Er hat alles, was er schriftlich besaß - wie ich - vor dem letzten Ausmarsch in Schricke verbrannt, weiß ich vom Major Möllendorf. Auch hat sich nichts gefunden. Sonst hätte man das Geklatsche schon gehört. Man kann Fürsten die Wahrheit sagen; und verschweigt man sie bei einem Wüterich, um Martern auszuweichen: so wird er dies schon merken. Mißhandelt wurde Louis oft - zur Empörung - aber schmeicheln taten sie ihm doch, und die Wahrheit hab’ ich ihm nicht sagen hören, wenn nicht Persönlichkeit dazu trieb; und großartig dies, nur von einer; von Paulinen <Pauline Wiesel, Geliebte des Prinzen>. Mir aber machte er es möglich, sie ihm jedesmal, wie ich sie einsah, zu zeigen. Halb, gewiß, gebührt diesem menschlichsten Menschen dieser Ruhm! Das Menschlichste im Menschen faßte er auf; zu diesem Punkte hin wußte sein Gemüt jede Handlung, jede Regung der andern zurückzuführen. Der war sein Maßstab, sein Probierstein; in allen Augenblicken des ganzen Lebens. Das ist das Schönste, was ich von ihm weiß. Nie sprach er darüber mit mir, nie ich mit ihm. Ich sah es aber ein, lebenslang. Er errötete, wenn Menschen von andern zum Narren gehalten wurden: das sah ich, als man dies einmal ziemlich gelinde mit einem verrückten Juden Schapse in seiner Gegenwart vornahm: er schenkte ihm Wein ein und behandelte ihn geschwind als Gast. Mein Verhältnis zu ihm war sonderbar: beinah ganz unpersönlich. Obgleich er seine letzte Lebenszeit mit und bei mir zubrachte (mehr als die letzten drei Jahre). Von uns zu einander, war nicht die Rede. Doch mußt’ er mir alles sagen: komponierte er, sollt’ ich bei ihm sitzen; spielte er - am Ende gezwungen - Karten, auch. Mein Greuel! Ich werde Ihnen noch viel von seinem Innern sagen, wie ich’s weiß, was Sie aufschreiben können. Wir hatten einmal, er und ich, und Pauline, eine Kontestation, wo denn häufig drin vorkam, was er mir gesagt hatte und nicht hätte sagen sollen; und er machte ihr dieselben Vorwürfe. Mit einem Male, gelangweilt, sagte ich zu ihm: »Prägen Sie sich fest ein, daß Sie mir alles |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000261 wiedersagen, und daß mir Pauline auch alles wiedersagt; ich kann das nicht behalten, was ich sagen, oder was ich verschweigen soll, solchen Kopf habe ich nicht. Sie sagen es mir ja dann doch beide zusammen.« Er lächelte ganz fein und unvermerkt, und schwieg. Einmal schrieb ich ihm eine Antwort nach Schricke, sehr aus dem Herzen, worin ich ihm sagte, »wenn ich Ihnen die Wahrheit nicht sagen soll, so hab’ ich Ihnen gleich gar nichts zu sagen; dies ist unser einzig Verhältnis«. Ich schrieb ihm »Gnädiger Herr«; und »Königliche Hoheit«; - und »Sie«. Im Gespräch ebenso, nur in sehr guter Laune, im Scherz und urgenten Fällen anders. Er nannte mich Kleine, Levi, oder Rahel, oder Mlle. Levi vor Leuten. Vor vielen Jahren, als wir noch nicht so sehr liiert waren und er nur viel zu mir kam, attakiert’ er mich über Goethe. Ich sprach nie von Goethe. Fing mich in einer Türe, und dozierte, wie schlecht Egmont sei, sehr lange, mir zur marterndsten Langenweile, weil ich nur der Schicklichkeit fünf Worte opferte und gar nicht antwortete. Wie Goethe einen Helden habe so schildern können! In einer miserablen Liebschaft mit solchem Klärchen etc. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb er aber seiner Geliebten, er sei vom Herzog von Weimar mit Goethen zu Hause gegangen, habe sich in sein Bette gelegt; Goethe davor; und da wäre er denn bei Punsch aufgetaut, er habe über alles mit ihm gesprochen, und nun habe er gesehen, was es für ein Mann ist; mit noch vielem Lobe; welches er so beschließt: »Laß dies ja der Kleinen lesen; denn alsdann bin ich ihr gewiß unter Brüdern dreitausend Taler mehr wert.« Dies, Fouqué, war mein größter Triumph in der Welt.
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Ein großer Prinz, mein Freund, der Vetter meines Königs, der Neffe Friedrichs des Zweiten, der noch von Friedrich selbst gekannt war, mußte mir das schreiben; ohne daß ich je von Goethe mit ihm gesprochen hatte. Es mußte der menschlichste Prinz seiner Zeit, in seinen eigenen leibhaften Freunden dem größten Dichter huldigen. Dies schreib’ ich Ihnen aus Eitelkeit. Nun aber setzt’ ich mich hin und schrieb Louis einen großen Brief, worin ich ihn bat, sich zu erinnern, daß ich nie mit ihm von Goethe gesprochen hätte, nie ihm gesagt, er soll etwas von ihm lesen; jetzt aber möcht’ er es tun, und nicht einzelnes um Goethens Werke kennenzulernen, sondern alles von ihm um Goethe kennenzulernen, aus ihrem Zusammenhang. Jetzt sei er’s wert, denn jetzt liebe er etc. Er hatte mir erzählt: wie er sonst gar sich nicht hätte zu lieben unterstanden, wenn es nicht eine berühmte Elegante war; wie er war, wie französische Koterien und Familien sind. Eine Menge! Mündlich.
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Sie Glücklicher. Ein Kind, eine Familie, eine Muse, Muße, ein schönes Feenbild, alles haben Sie! Ich - bin ziemlich herunter. Wozu leb’ ich wohl. Gott weiß es wohl: doch fühl’ ich es nicht. Ich bin nichts, tu |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000262 nichts, erfreu niemand mehr; und mich auch nicht. Und will ich ein Narr werden, so will ich’s aus alter Gewohnheit nicht leiden. Eine Dummheit. Labsal ist Narrheit, für arme Leute, sollen die ihr Stück Welt sehen wie es ist?
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Für Ihr Kind möcht’ ich die Bibel, wie Rousseau für alle, Lafontaine’s Fabeln, verbieten. Welche Reife gehört dazu, dieses Buch nach der neusten Mode - nach der neusten, oder nach der neusten; wie Sie wollen - zu verstehen! Es muß es für ein Buch von Geschichten halten. An die Anfänge der Dinge, mein’ ich, sollen wir nicht Kinder, sondern sie uns erinnern. Sie meinen das auch; und es ist Lohn, für die Kleine solche Geschichten zu lesen.
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Gerne käm’ ich nach Nennhausen! Bin ich aber nicht furchtsam in einem fremden Hause? Nicht bequem? An mein Mädchen gewöhnt? Ist nicht trübes Wetter? Sie haben recht, lieber Fouqué, daß Sie sich voraus entschuldigen: Sie werden wohl in den vierzehn Tagen nicht zu mir kommen! Kommt Frau von Fouqué nach Berlin? Legen Sie mich ihr zu Füßen: ich könnte wohl vor ihr knien und mir erzählen lassen, nach den Augen sehen: und auch ihr vom Sommer erzählen. Ich empfehle mich dem ältesten Fräulein, wie alle Meinigen tun. Robert will ja mit dem Fest zu Ihnen schliddern. Adieu! Trauen Sie mir wie bis jetzt
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Ihre Freundin R. R.
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Ich habe den ganzen Sommer mit Varnhagen gelebt: im Anfang schlecht; und dann sehr gut. Heute sähe ich ihn sehr gerne. Ich lieb’ ihn.
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An August Varnhagen in Prag
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Sonnabend, den 1. Februar 1812
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... Ich bin in meinem Leben nur dreimal beleidigt worden, einmal von einer Frau, das zweitemal von einem Mann, das drittemal von Clemens. Bei mir entsteht das Gefühl von Beleidigtsein nur dann, wenn ich sehe, daß man sich eine Behandlung untersteht, die man nur glaubt mir unbestraft zufügen zu können: denn sich die Hölle anzutun, fühlen sich die Menschen genug aufgelegt; sie fürchten sich nur. Im Anfang dacht’ ich, ich hätte etwas aus Clemens’ Brief gelernt; nämlich, daß ich nicht soll klüger sein wollen, als alle Menschen, und glauben, ich habe eine besondere exquisite Manier auch Verrückte zu zwingen, und daß ich den hätte für boshaft halten sollen, den man so boshaft nennt; Freund und Feind. So ist es aber nicht: ich habe nichts gelernt; und muß künftig doch wieder selbst untersuchen; dumm wär’ es gewesen, Clemens auf |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000263 Hörensagen so zu glauben, und borniert, nicht jedes, was vorkommt, dreist, und Lust selbst vorzunehmen. Ich schwöre Dir, daß ich nicht gewußt habe, daß es solche Bosheit außer den schlechten Büchern, worin ich sie immer falsch fand, gibt. Er spricht mir ja mit einem wütenden Wünschen von meinem Tod, als wär’ ich eine böse alte Kaiserin, die ein Serail von jungen Schönheiten hätte totmartern lassen, worunter ihm eine Geliebte war. Er ist ein Esel; und weiter nichts. Und sag mir um Gottes willen, wo nimmt er das her, daß ich so sehr ambitioniere, unglücklich sein zu wollen? Hunger wünscht er mir auch sous cape. Ich habe mich sehr geärgert - nachher die Ursach -, aber zweimal mußt’ ich doch lachen; als er sagte, »ich sei sitzen geblieben« - und »ich sei nicht schön«, damit meint er häßlich. Jetzt erst find’ ich es so gemein, wie in dem Bierhause hinter dem Teplitzer Garten; besoffen. Lachen mußt’ ich, weil es so fehl schoß mit dem großen Effort. Betrübt aber, wie Du meinst, hat mich nichts. Mein Brief muß ihn gräßlich geärgert haben; und da er ihn nicht gut zu nehmen vermochte, so ist das recht, und freut mich. Ich habe Deinen und seinen Brief Linen gegeben, daß sie sie in ihren Koffer legt; damit kein Bruder, kein Freund, kein Sterblicher ihn finden kann; ich will nicht erleben, daß sie mich könnten so beleidigen lassen: und will auch nicht, daß um solche Lumpensache einer Verdruß hätte. Il y a des offenses qu’il faut dissimuler. Erschöpft haben Franzosen alle gesellschaftliche Verhältnisse. Du mußt aber komplett die Besinnung verloren haben, daß Du ihn diesen Brief abschicken ließest! So pronierst Du mich! und so läßt Du mich beleidigen, wenn einige Hiebe mich schützen können? Du wirst begreifen, daß es jetzt dazu durchaus zu spät ist: und das Ridikül auf unserer Seite wäre. Denn die Sprache würde dadurch divulgiert; und Jesus und alles käme zur Sprache! Warum sprachst Du ihm von Pauline? Warum trägst Du mein Inneres zur Schau! Bedenke ja! jetzt, daß seinem Buckel eine Tracht Prügel nicht mehr schadet, als schon geschehen ist, und daß in Deinem Stande eine Berührung Dich entehrt. Warte also lange auf eine andere, ganz günstige Gelegenheit. Nun kein Wort mehr der Schmach, in Kot getreten zu sein. Darum schrieb ich auch noch heute zur morgenden Post, damit heute alles darüber vorbei sei. Ich danke Dir für Deine Besorgnis; obgleich ich Dir für was anderes danken möchte. Ich begreife nicht, wie Du Dich hast so beleidigen lassen können! Leb wohl!
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R. R.
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An Alexander von der Marwitz
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Freitag nachmittag sechs Uhr vorbei, schneeig, hell, etwas blau am Himmel, den 9. April 1812.
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Sittliche Menschen, die keine Narren sind, gestellt wie wir (das bißchen Modifikation rechne ich nicht), werden rein vom Tod berührt. Ich habe mich längst gewundert, keinen solchen Brief von Ihnen zu erhalten; die Gründe dieses Wunders und meiner Behauptung sind zu oft, zu lange dargelegt in allen meinen Briefen an Sie! »Grau in Grau.« Dies sind meine Worte schon vor Jahren an Varnhagen. So sollen die frischesten, biblischsten, ich meine frömmsten, lebendigsten Gemüter ausdauern müssen? Mit mir ist es nur noch schrecklicher! Sie wissen, wo ich mit meinem Vergehen, meinem Verzweifeln hielt; nun hat grenzenlose Angst und Sorge den Fuß auf mich gesetzt. Angst vor Exzessen - von denen welche, einige, vorfallen, und Sorge, wie ich es nur bestreiten soll. Diese beiden niedrigsten Affekte, oder was es sonst ist, steht meine Seele, wie sie ist, lebendig nicht aus, sie schrollt in Untätigkeit zurück, und dies nur fühl’ ich. Die edlern Klagen, das gerechte Vermissen schweigen; und wenn ich auch jetzt für Ruhe Glück und Seligkeit dem Himmel verpfände, so weiß ich von allem doch, wie es ist. Wie mir ist, ist keinem Gefangenen und keinem König im übelsten Zustand; entwickelt, dies nur mündlich! Ich habe einen Kommissär und einen Bedienten als Einquartierung; der Herr aber durch das größte Ungefähr wohnt wo anders! Reines Glück, welches sich in jeder Viertelstunde ändern kann. Ich sehe niemand, gehe nicht aus und fürchte mich unvernünftig. Sie haben mir vortrefflich geschrieben, und das Gefühl darüber wend’ ich dazu an, daß es mir wenigstens die Kraft geben soll, einen Brief zu schreiben, wenn auch nicht zu antworten. Ja, mein teurer Mitmensch - mehr noch als zufälliger Freund -, Sie drücken es aus, wie man über Gott nicht sprechen kann. Wenn der Begriff eines solchen Daseins nicht die Grenze des unsrigen ist, was ist er denn? Eine grenzenlose Unterwerfung muß es sein jedesmal, von etwas Unendlichem erzeugt, was in uns vorgeht, was wir auffassen! - Schneidende Messer sind es mir, wenn sie so dreist weg von Gott sprechen wie von einem Amtsrat und grade den Stummen, Übererfüllten von ihm (ihm!) abwendig glauben. Diese Empfindungen machen mir auch jetzt wieder in der Bibel alle Reden und Gesetze in der Wüste. Ich werde meiner Nation ganz abgewandt; wenn ich auch Moses die Gerechtigkeit muß widerfahren lassen, daß er’s mit sechsmalhunderttausend Jungvolk nötig |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000265 hatte. Gräßlich geschrieben und vorgetragen ist es gewiß. Nur bis nach Josephs Geschichte ist es schön; so weit ich bin.
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Diese Woche wollte ich einen Morgen Madam Schleiermacher besuchen; sie hatte Klavierstunde, und Nanny, die aus der Küche kam, führte mich mit Gewalt zu ihm, wo ich aus der reinsten Bescheidenheit weder hinein noch bleiben wollte. Er las in einem neuen Buche eines hiesigen Menschen, der die lutherisch-evangelische Vereinigung will, ich brachte ihm einen Teil von Heinrich Kleists Erzählungen wieder und wollte von ihm ein Buch und griff Spinoza. Ich lese ihn. Den habe ich mir zeitlebens anders gedacht. Ich verstehe ihn sehr gut. Fichte ist viel schwerer. Es ist sonderbar, mir kommt immer vor, als sagten alle Philosophen dasselbe, wenn sie nicht seicht sind. Sie machen sich andere Terminologien, die man ehrlich gleich annehmen kann; und den Unterschied find’ ich nur darin, daß sich ein jeder bei einem andern Nichtwissen beruhigt, entweder aus einem solchen seine Deduktion anfängt oder sie dahin führt oder weniger streng es mit drunter laufen läßt. Spinoza gefällt mir sehr; er denkt sehr ehrlich und kommt bis zum tiefsten Absolutesten und drückt es aus, und hat den schönen Charakter des Denkers, unpersönlich, mild, still, in der Tiefe beschäftigt und davon geschickt. Von den Gemütsbewegungen ennuyiert mich, weil das Wichtige im Vom Geiste schon vorkommt und, wie sich’s weiter fortbewegt, mir und uns allen genug bekannt ist, den abstrakten, einsamen Mann aber unterhielt, wie es scheint. So viel ich von Spinoza. Ich lieb’ ihn aber sehr, den Mann. Wissen Sie, was Faust Gretchen antwortet, als sie ihn frägt: »Glaubst du an Gott?« Das schönste Gebet! Welch schöne Gebete strömten schon durch eine Seele, die dies antwortet; wie wälzte da der Geist schon Gedanken empor! - Über Gerlach haben Sie recht. Ich bin es überzeugt, Sie haben ihn göttlich beschrieben; wie unschuldig, wie ehrlich und wie wirklich gesehen, das erfindet man noch schwerer, als man’s sieht. Das Abspeisen neumodischer Art mit dem Glaubenswesen ist meiner tiefsten Seele zuwider. Einzeln steht dieser Befehl, auf keinem Grund und Boden erwachsen, nicht auf Güte, nicht auf keuschem Auffassen der Geschichte, nicht auf Enthusiasmus des göttlichen Exempels, nicht auf kinderhaftem Glauben an das, was Eltern und Lehrer meinen und lehren; auf schlechte Weise, wie Theater und Galerien besucht werden, hausen sie und disputieren und verschanzen sie sich gegen les ennuis (den »großen Verdruß«) ins neuerfundene Glaubenswesen hinein und herum! Und kaum paßt dies zur Wahrheit, die Sie mir von Gerlach loben, und die ich glaube. Sie lieb’ ich doppelt wegen Ihrem Brief und Ihren Gebeten darin. Es gibt nichts anders! Wer nicht in der Welt wie in einem Tempel umhergeht, der wird in ihr keinen finden.
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Ich kann Ihnen nichts schreiben, - als: trösten Sie mich! Machen Sie mir Hoffnung zu Sommer, zu Luft, zu »Grünem«! Zu anderm, als ich sehe, was mich ganz erdrückt. Leben Sie wohl! Varnhagen hat mir wieder einen Liebesbrief geschrieben, mit einer Einlage von Hrn. von Nostitz an mich, recht artig in jeder Art. Antworten konnt’ ich dem aus Unseligkeit nicht. Varnhagen nur wenig, damit er nicht denkt, ich sei böse. Was ihm Graf Goltz geantwortet hat, weiß ich nicht, da Neumann seit zehn Tagen bei Fouqué ist und erst morgen wiederkommen soll. Zu Herrn von Winterfeld werd’ ich schicken, ich danke Ihnen. - Ich wünsche Sie wohl zu sehen! - aber nicht zum Zeugen meiner Angst. Kommen Sie! Adieu! Ach, wär’ ich auf einem schönen, ruhigen Berg und sähe glückliche Familien! Adieu!
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R. R.
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Schleiermacher<> fragte mich gleich höchst freundlich nach Ihnen, pour me plaire glaub’ ich.
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An August von Varnhagen in Koblenz
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Montag abends 6, den 14. Februar 1814. Es war schöner heller Sonnenuntergang, bei angenehm scharfem Frost.
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Obgleich zwei Briefe von Dir vor mir liegen, auf die ich mit unruhvoller Ungeduld lang wartete bis vorgestern; und die tausend Schönheiten enthalten von Dir, für mich und Dich; obgleich ich Dir meine Genesung zu melden habe und Millionen Dinge zu sagen: obgleich ich seit Freitag von unserer gewonnenen Schlacht in Frankreich weiß, so daß ich ganz Rahlchen und all ihr Leid vergaß: so laß uns doch zuerst von unserem verehrten Lehrer und Freund sprechen, dem ich Ehre und Leben in die Hand gegeben haben würde, ohne noch hinzusehen; dem ich das tausendmal in die Augen hineindachte und nie sagte, welches ich jetzt grimmig bereue, weil einem Menschen von anderen edlen, denkend, nichts Höheres werden kann, und wozu ich Elende nie den Mut hatte! Laß uns von Fichte sprechen! - Deutschland hat sein eines Auge zugetan; wie ein Einäugiger zittre ich nun erst für das andere! Ich nenne keinen; wie die Griechen die Furien umgehen und wahre Herzensangst es immer tut! Nun kann ja Unverstand, Lüge, Irrtum auf dem ganzen Grund und Boden der Erde umherwuchern, und, wie üppiges, ungesteuertes Unkraut, ihr alle Kräfte nehmen und sich |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000267 aneignen: keiner rottet es mehr aus; pflanzt, befördert, macht ihm Platz, säet ihn aus, den reinen nährenden Weizen, der Geschlecht zu Geschlecht verbessernd zu geleiten vermag! Fichte kann umfallen und faulen! Das ist nicht Zauber? Krank wie ich war, fand ich es vorgestern unvermutet in der hiesigen Zeitung »aus Berliner Blättern«. Ich weiß nicht, ich war beschämter als erschrocken. So gedemütigt! Fast beschämt, daß ich leben geblieben bin: und dann wieder eine wahre Furcht vor dem Tod empfindend. Wenn Fichte sterben muß, dann ist niemand sicher. Mich dünkte immer, Leben schützt vor dem Tode: wer lebte mehr als der! Tot ist er aber nicht. Gewiß nicht! Wenn ich Dir die Torheiten sagen sollte, die ich mir schon gewiß gedacht! Ich rief ihn an; ihm zu! O! Und was dachte ich noch alles. (Fürs erste bitte ich Dich, da Du nun auch in die Sphäre der Nervenfieber kommst, - sie gehen gräßlich raffend hier in Deutschland umher - mach Dir provisorisch, wie mein Arzt, eine spanische Fliege! Nimm Dich sehr in acht. Für mich, August! Ich bitte: aus dem Krankenbette; für mich schone Dich!) Fichte konnte also nicht erleben, daß sich die Länder vom Krieg erholten, Zäune wieder aufgebaut würden, dem Bauer geholfen, den Gesetzen nachgeholfen, daß die Schulen sich wieder herstellten und füllten; daß gewitzigte Staatsleute ihnen von den Fürsten Schutz verschafften! Daß Gesetze erfunden und ausgefeilt würden, daß die Denker frei, ohne den Augenblick zu schaden, sie Volk und Regenten zur Geistesprüfung vorlegen dürften; dies selbst ein Glück, zu aller Zukunft Glück! Der Mann, der dies, und also Deutsches, was allein so genannt werden dürfte, nur einzig und allein beabsichtigte, mißverstanden von den meisten Mitlebenden! Also auch er soll nicht aufgehen sehen, was er aus den dunkeln Schluchten, im Schweiße seines Angesichts, in dem ganzen Aufwand seiner Seelenkraft, hervortrieb? - Lessing! Lessing liegt auch; von wenigen nur nicht vergessen; und mußte kämpfen um das, was jetzt platt in jeder Zeitung stehen darf, um das, was solcher Gemeinplatz geworden ist, daß sie den Erfinder vergessen und es in stupider Albernheit nur ihm nachsprechen dürfen! Und was würde er jetzt wieder den anderen vorsprechen! Wie würd’ er sie über ihren Dünkel abkappen; sie polemisch, lebendig überführen, ihnen zur rechten Minute Völker und Geschichte vorrücken; in die blinde Aufgeblasenheit Löcher reißen und ihnen die Aussicht für Tat und Sache öffnen und frei machen: mit Ernst und Spott. Dieser Mann mußte sich mit einem Goeze abringen; und Schutt wegräumen, der damals fest und gerade stand wie unsere Gebäude. So auch Racine, und Voltaire, und all die anderen, die sie jetzt verachten wollen; weil sie die Zeit nicht fassen, in der jene leben mußten. Racine mußte große Kränkungen erleben, große Korrespondenzen führen, weil |Arendt-II-001-Lebensgschichte-1959-00000268 sein Sohn Manschetten angehabt hatte und in einer gewissen Schule darum nicht mehr geduldet werden sollte, und mußte diesen jungen Menschen deshalb schelten und sich anklagen und entschuldigen! Die berühmte blinde Französin, Mad. du Deffand glaub’ ich, wurde krank, von ihrer Tochter verfolgt, weil diese rechtgläubig und die Mutter es nicht war! Mit Gewalt schickte man einem der Dichter, der krank war, die Sakramente! Und diese Leute sollten davon sprechen und schreiben, was jetzt vorgeht? Die Religion der Jetzigen ist prahlerischer als der Abscheu jener vor den nur herrschenden Ceremonien derselben. Lessing, Fichte! und ihr Ehrlichen alle, möget ihr unsere Fortschritte sehen und uns mit euren starken Geistern segnen! So denke ich mir Heilige; begabt von Gott, geliebt von ihm, ihm treu. Selig sei unser ehrlicher Lehrer!
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An Pauline Wiesel in Paris
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Frankfurt am Main, den - September 1815
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Einzige! ich kann Ihnen nicht besonders schreiben. Reden Sie alles mit Varnhagen ab. Es gibt nur ein Wesentliches, da wir ganz so sind, wie wir ewig waren und sein werden, einzig wahr. - »Alle die andern armen Geschlechter der Erde winden und wandeln im dunklen Genuß«, sagt Goethe vom Vieh, gegen den Menschen genommen; ich meine alle andern Weiber - daß wir uns sehen: ehe ein kalter unverständlicher Tod uns umfängt. Kommen Sie hierher: eiligst! Was kostet Sie eine Reise! - Ihren Brief vom vorigen Jahr, den Sie Ihrem Bruder mitgaben, habe ich durch meinen Bruder Ludwig erhalten. Antworten konnt’ ich nicht mehr, weil ich mit Ihnen nur das Leben leben kann. Hören Sie aber nie mehr in der Welt von mir, so wissen Sie, daß ich mich nicht verändert habe, und mich nur in unserer schon gekannten Art ausbilden kann: daß Sie nun und ewig mein Matador, meine Einzige bleiben. Fragen Sie Varnhagen. Er weiß alles von uns. Zum Beweis, wie Sie und ich bei ihm stehen, schicke ich Ihnen den Brief zurück, den er mir schrieb, als er Sie in Paris entdeckte. Ich bin völlig frei bei ihm, sonst hätte ich ihn nie heiraten können. Er denkt über die Ehe wie ich. Ich bin ganz wahr mit ihm: in allem. Und davon liebt er mich, also mich. - Gentz - trägt seine Veränderung auf sich; an sich. Glauben Sie nicht, daß er irgend etwas in Ihnen sieht; keine Pauline! Er will von Ihnen - neue Subsidien, Hilfstruppen zur Lust; welche er in Erfindungen zu finden glaubt, während sie in den Empfindungen einer feinen richtigen Organisation allein gefunden wird, wenn diese bis in den tiefsten Herzensfasern und Bestandteilen ihr richtiges Spiel hat. Von |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000269 mir sagen Sie ihm, daß kein Mensch mit dem andern unzufriedener sein kann, als ich mit ihm. Und dies hört er nur von mir, nicht weil er’s verdient, denn er verdient dies nicht; aber weil bis in der letzten Herzenswand für ihn etwas in mir war, welches er so, wie es nun da ist, destilliert hat. Mag er sich nun stellen, wie er will! -
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Sagen Sie dies Gentz, weil Sie es sind, die es ihm sagt. Pauline, Sie kommen zu mir!
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An August von Varnhagen in Paris
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Frankfurt a. M., Mittwoch, den 11. Oktober, Nachmittag halb 5 Uhr, 1815.
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... Ach August, wie ist’s mit unserem Leben, mit seiner Optik der Zeit! Ein Gedanke hämmert mir jetzt bald den Kopf entzwei. Der nämlich, daß die Zukunft uns nicht entgegen kommt, nicht vor uns liegt, sondern von hinten uns über das Haupt strömt. Da wehre sich einmal einer! Tausendfältig bedenk’ und bestätige ich mir dies und kann es mit und aus allem, in der Geschichte, und einzelner Leben, bestätigen. Gestern, und das war eigentlich die erste Veranlassung zu der Herzensschwäche, hab’ ich so über Goethe geheult, geschrieen, weil mir das Herz barst. Ich nahm ein Bändchen Lieder zur Hand, weil es mir an einem Buche gebrach, und las manches Lied, mit großem neuen Anteil, weil mir sein Leben, welches ich eben gestern hier wieder ausstudiert hatte, ganz gegenwärtig war; und las, bis ich an das kam: »Mit einem gemalten Bande.« Ich freute mich, weil er selbst schreibt, er habe das Band gemalt und der Tochter in Sesenheim geschickt; ich kannte das Gedicht sehr gut; doch war mir nicht alles, und nicht das Ende gegenwärtig. Und so endet’s: Fühle, was dies Herz empfindet, Reiche frei mir deine Hand, Und das Band, das uns verbindet, Sei kein schwaches Rosenband!
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Wie mit verstarrendem Eis auf dem Herzen blieb ich sitzen! Einen kalten Todesschreck in den Gliedern. Die Gedanken gehemmt. Und als sie wiederkamen, konnt’ ich ganz des Mädchens Herz empfinden. Es, er mußte sie vergiften. Dem hätte sie nicht glauben sollen? Die Natur war dazu eingerichtet. Und wie muß er gewesen sein, er Goethe, hübsch wie er war! Ich fühlte dieser Worte ewiges Umklammern um ihr Herz; ich fühlte, daß die sich lebendig nicht wieder losreißen; und wie des |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000270 Mädchens Herz selbst, klappte meins krampfhaft zu, wurde ganz klein, in den Rippen; dabei dacht’ ich an solchen Plan, an solch Opfer des Schicksals; und laut schrie ich, ich mußte, das Herz wäre mir sonst tot geblieben. Und zum erstenmal war Goethe feindlich für mich da. Solche Worte muß man nicht schreiben; er nicht. Er kannte ihre Süße, ihre Bedeutung; hatte selbst schon geblutet. Gewalt antun ist nicht so arg. Sieh so geht es mir. »Aus der Leidenschaft kann ich nicht«; im Gegenteil, das Herz wird schwächer.
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Deine R.
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An Astolf Grafen von Custine in Fervaques
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Mon-endroit, Dienstag, den 17. Dezember 1816
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Gestern, lieber Astolf, in der größtens Einsamkeit. Morgens war Mad. Brede abgereist, es stürmte wie auf dem Meere, kein Mensch öffnete meine Tür, von jeder Seite sind zwei Zimmer bis zu meinem leer, alle sehen nur über Dächer weg; meines geht nach unserm Hof, wo ich über Seitengebäude nach einem Wald, Fasanerie genannt, sehe; aber vorher mit meinen Augen erst vor einem kleinen Nachbarsgarten vorbei muß, der bis jetzt allem frühen Schnee, dem ungebührlichsten tobendsten Sturm und allen Sorten von wütendem Regen, Reif und Frost widerstanden hat und unbefangen seinen grünen Boden zeigt, in der größten Sommerordnung, in gradgezogenen Salatstreifen oder sonstigen Küchenkräutern, die ich nicht ganz unterscheiden kann. Dieses Gärtchen und vier bis fünf Sonnenblicke, die ich, seit ich hier bin, teils auf den Wald fallen sah, und teils auf die Türme, die ich aus meinen Vorderfenstern sehe, kann ich schwören, ist alle Sinneserfrischung, die ich hier genoß; diese Blicke knüpfen mich an mein voriges Leben, und dieses nur bringt mir noch eine sinnliche Ahndung von Zukunft hervor, und auch wie ein Hell- und Dunkelschein, schnell durch die Seele ziehend. Dieser Umstand erinnert mich an die Geistesaufschlüsse, die Jakob Böhme beim Anblick eines blanken zinnernen Tellers gehabt haben soll, welches mich schon vor fünf oder sechs Jahren, wo ich es zuerst hörte, nicht wunderte, weil ich von jeher Ähnliches in mir erfahren hatte. In Beziehung auf meinen Zustand und meines Gärtchens hier, freute es mich zwiefach, in Ihrem Briefe zu lesen, daß Sie in Ihrer Normandie, in Ihrer Einsamkeit, eines ähnlichen Anblicks genießen, der Ihnen auch Ähnliches - wenigstens - in der Seele aufregen muß. Solches nun und die Briefe, die ich hier erhalten, erregen mich auch hier nur allein. Und nun kein Wort mehr, von meinem Aufenthalt, von Schicksal und all solchen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000271 Dingen! Ich habe es mir bis zur Evidenz durch mein langes Leben durch erörtert, daß es stärker ist als wir und alles; und unterwerfe mich nun, wenigstens stumm. So sehr lange mein Recht ihm zu beweisen, ennuyiert mich auch bei dieser hohen Person: und ich habe schon längst im Scherz gesagt und im Ernst gemeint: »Ich stelle mich den Jüngsten Tag nur, um mein Unrecht zu vernehmen, zu büßen, gut zu machen; das was mir geschehen ist, ist mir zu verjährt.« Zu lange muß nichts dauern, was nicht schön ist; je suis trop blasée sur ce qui me déplaît. Unser Schicksal ist eigentlich nichts als unser Charakter; unser Charakter nichts als das Resultat, in aktivem und passivem Dasein, der Summe und Mischung all unserer Eigenschaften und Gaben. Das sind wir - am tiefsten genommen - selbst: und was ist daran zu ändern? Oder vielmehr, wir selbst können grad daran nichts ändern. Der Zeitpunkt, in den wir nun mit unserer Persönlichkeit fallen, ist wieder ein fest gegebener; eine solche Mischung - wenn Sie wollen - im Größern. Deren und unserer Person Aufeinanderwirken nennen wir Schicksal; dem können wir wirklich nur zusehen, und unser Agitieren ist nur ein illusorisches. Das Gitter, woran wir ewig mit dem Kopf stoßen, eben weil wir eine Aussicht hindurch haben, ein Witz der höheren Mächte, uns zur Entwicklung eines ethischen Daseins gegeben. So explizier’ ich mir die Sache und verstehe leicht und willig die Erklärungsart jedes Menschen, wenn er’s nur ehrlich und gut meint; weil sie doch alle auf eins, auf Unterwerfung ins Unbegreifliche, hinauslaufen; mit dem wir uns bei der verliehenen Begriff-Fähigkeit nicht begnügen können, und ohne sie nicht einmal etwas vom Unbegreiflichen wüßten. Sie auch, lieber Freund, schrieben mir in einer andern Tonart dasselbe; muß man nicht immer nach der Tiefe hin? Aber mit ihr allein kann ich nicht leben; wäre meine Seele weniger umfangen, getragen von einem Meer, einer Atmosphäre von Ruhe und Klarheit - die ich nicht bin und nicht mache, die ich mir andern Orts erworben haben mag - so müßt’ ich sterben wollen für diese Tiefe; ich bin aber ins Leben gestellt mit allen meinen Sinnen, und vermag durch sie hindurch zu fühlen nach unendlichem Genuß der Dinge und meiner und des Daseins, mir bekannt und freundlich und intim, durch sie und diese Welt und beider Bewegung: die mir auch eine gottgegebene bleibt, so gut als diese Zeit eine Ewigkeit, und schon eine Zukunft, so gut als die zukünftige Zukunft; ich lasse diese Welt nicht ohne Schmerz und nichts in ihr. Bin ich zur Buße hier, so ist sie das; aber meine Anweisung, die Möglichkeit, auch hier zu leben, verlaß’ ich nicht. Es kann hier unendlich alles gelingen: und es gibt sehr gelungene Menschenleben, im Leben - nicht im Lassen des Lebens - von denen wir nichts wissen und erfahren oder es nicht beachten. Auch ist die bloße |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000272 Möglichkeit ganz genug. Schöne harmonische Gaben gehören dazu - wir wie ich uns beschrieb - gestellt in harmonische rein wiederklingende Lage. Klima, Eltern, Land, alles mitgerechnet. Womit hab’ ich mir, zum Beispiel, hier wohl das Glück verdient, von dem ich vorhin sprach, mich ohnerachtet aller Geisteszweifel und Fragen, die wir nicht befriedigen können und ich nie mit stupider Willkür hemme, mich wie auf Meeren von tiefster innrer Ruhe getragen zu fühlen, als regiert’ ich mit. Ein solch Gefühl zu haben, das bracht’ ich mit; das ist alter Erwerb: und sollte man nicht hoch und reich begabt auch hierher kommen können? Solchen Unterschied denk’ ich mir auf keiner Stelle des unendlichsten Geistes Schöpfung. Allenthalben ist ein ewiges Entwickeln und Sein; Leiden, Wissen, Werden, Genießen; und Höllenpfuhle wie Paradiese können allenthalben und zu allen Zeiten entstehen. Tragen wir nicht alles in der ewigen, verliehenen Seele? Unendliches können wir erfahren! Und kein Gehege, kein Bollwerk, kein refuge, von uns erfunden, wird halten. Sehen Sie, wenn ich anfange zu schreiben, hör’ ich gar nicht mehr auf; das nenne ich vom Schicksal nicht mehr sprechen. Drei Seiten! Jedes Wort, welches ich nicht französisch schreibe, geht mir durch die Seele, weil es dann nicht an Mama gerichtet scheint: Sie übersetzen ihr aber alles! Dies mit meinen Briefen vorgenommen, ist das größte exercice, deutschere, konfusere gibt es nicht; Bärstecher hilft! -
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Adieu, lieber Graf! Nun schreibe ich ehstens Mad. Schlegel. Das Blut steigt mir so nach dem Kopf. Mir müssen Sie Schweigen nach entsetzlich Plaudern nicht übelnehmen! Die Fervaquer haben meine treuste Liebe und Freundschaft fürs Leben! R. Ihren Brief goutierte ich sehr! Mehr solche! Schreibt Wilhelm? Malt Mama? Ist sie wohl? Nach Karlsbad?
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An August von Varnhagen in Berlin
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Frankfurt a. M., Freitag, den 14. November 1817.
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Nebel, der schon von der Sonne durchdrungen wird; kotig, nicht kaltes Wetter.
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... lieber August! Wie arm ist die Welt, wie stumpf die Menschen und faul im Aufregen ihrer selbst, wenn ich so viel gelten soll?! Erst neulich sagt’ ich im hastigen Reden zu Scholz: »Ja, ich habe viel Verstand; aber ich merke es nur an der andern große Dummheit; es deucht mir eigentlich nicht!« Bei dem Wort Verstand unterbrach er mich mit den Worten: »Sie dürfen auch nur das sagen.« Du aber, mein eingenommener, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000273 ehrlicher - ehrlich, weil Du eingenommen sein kannst - August, glaub den andern nicht, wenn sie mich loben: im Augenblick müssen sie sich mich wohl gefallen lassen - Schlegel sagt, ich verstünde manches nicht: nämlich Brüderschaften, als Freimaurer und dergleichen Getreibe, weil ich so éminemment eine Person wäre - wenn Du mich grade und all meine Persönlichkeiten erwähnst; aber sie lieben mich gar nicht: ich entgehe ihnen ganz: ich bin ihnen durch Güte, und Übersicht ihrer, und nur so hinzunehmenden deutlichen Vortrag, durch Freundlichkeit und Prätentionslosigkeit zu bequem; und gar nicht wie da! Werden sie mich aber gewahr, so hassen sie mich eher. Ein Wahrhaftiger ist fast so verhaßt, als Wahrheiten: so lange ich mit meinem Generalisieren ihnen Belege für ihre Wünsche, kleine Leidenschaften und Geschichten gebe, ist es ihnen recht; und sie meinen, sie hätten die Gründe der Rechtmäßigkeit dazu mit den Begierden so obenein gefunden; widersprechen ihnen einmal diese Gründe, so bin ich ihnen fatal als unbequemer Rebell, der ungebeten auch da ist. Glaub mir; ich schmeichle mir nicht; und darum seh’ ich sie durch. Harscher z. B. hält jetzt Stücke auf mich. Weil ich ihm ganz als Abstraktum durch Briefstellen und Dein Reden, Dein Bezeugnis, Dein glücklich Leben mit mir, gegenwärtig werde; und wie er mit mir lebte, war er schlaff genug, mir Begueulen vorzuziehen. Geschöpfe, die sich keine wahre Rechenschaft über sich selbst zu geben vermögen, kein promptes Gefühl haben, hartherziger sind als ich, die eitel sind: und aus dieser Eitelkeit nach Lob und Beifall streben und handeln, die ihnen gezollt werden. Ganz gut. Nur bleibe man dabei: und schwelge nicht an zwei Tafeln. Almosen kann man von meiner haben. Die Beschreibung, die ich hier von meinem Effekt mache, wiederholt sich nun mein ganzes Leben durch, durch alle Nüancen, die bei einem jeden Verhältnis zu Menschen aus diesen hervorgerufen werden, aber immer nach derselben Regel. Die Regel hier bin ich: die sich längst einsieht, aber gar nicht ändern kann. Es mag andern auch so gehen; aber noch niemals fand ich jemand, der mich ganz übersah, ganz meine Konstitution und meine Seele verstand, jedes einzelne, die widersinnigsten Äußerungen aus dem ganzen; sonst müßte es sich ändern, und ich würde eine andere Regel. Du nimmst mich mit Liebe auf im ganzen und verstehst mich, und gleich ist es anders. - Was Herr von Zerboni mit dem treffenden Wort meinen kann, das ich soll gesagt haben, und das einen ganzen Menschen unwidersprechlich bezeichnen soll, weiß ich wirklich nicht: besonders aber, weil es ihm Herr von Stägemann soll erzählt haben. Dem erinnre ich mich nicht etwas gesagt zu haben; sonst sage ich dergleichen grade sehr viel; »in dem Fach bin ich ein Ignorant«, und Gentz wollte darüber vor achtzehn Jahren schon verzweifeln; wenn |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000274 ich ihm mit einem Wort Menschen vorhielt, die er alle Tage in den großen Häusern sah und nicht kannte.
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An die Schwester Rose, im Haag
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Karlsruhe, Freitag, den 22. Januar 1819.
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Mittag 12 Uhr. Warmes Regenwetter.
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Teuerste Herzensrose! Wie hat es mich gekränkt, daß Dein so erwünschter Aufenthalt in Brüssel so unglücklich und quälend gestört war! Der arme Karl! Das ist ja die Krankheit, die ich hatte, als Du mit Louis niederkommen mußtest, und wo ich dreizehn Wochen zu Bette und ein Jahr konvaleszent war. Gott behüte! Was soll man dazu sagen! Das sind Schicksalsprügel; wovon die Flecke nicht vergehen. Ich spreche auch von Dir. Ich würde sagen, schone Dich, erheitere Dich; wenn ich nicht wüßte, daß dies ganz unnütz ist. Man tut es doch nicht: im Gegenteil, man will sparen nach großen Ausgaben und meint schon viel schuldig zu sein, wenn man nur jappt! So rinnt das Leben der Vernunfts- und Schuldigkeits-Knechte hin! Ich aber esse doch jetzt jeden Tag ein halbes Huhn, weil nichts so leicht Nahrung gibt, und feinen lädierten Organisationen diese so sehr nötig ist. Mache dir auch Zerstreuung bei Deiner Eselsmilch: d. h. geh an Orte, wo neue Gegenstände, Worte und Menschen Dich berühren, Dir Blut, Leben, Nerven und Gedanken auffrischen. Wir Frauen haben dies doppelt nötig; indessen der Männer Beschäftigung wenigstens in ihren eignen Augen auch Geschäfte sind, die sie für wichtig halten müssen, in deren Ausübung ihre Ambition sich schmeichelt; worin sie ein Weiterkommen sehen, in welcher sie durch Menschenverkehr schon bewegt werden: wenn wir nur immer herabziehende, die kleinen Ausgaben und Einrichtungen, die sich ganz nach der Männer Stand beziehen müssen, Stückeleien vor uns haben. Es ist Menschenunkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sei anders und zu andern Bedürfnissen konstituiert, und wir könnten z. E. ganz von des Mannes oder Sohns Existenz mitzehren. Diese Forderung entsteht nur aus der Voraussetzung, daß ein Weib in ihrer ganzen Seele nichts Höheres kennte, als grade die Forderungen und Ansprüche ihres Mannes in der Welt: oder die Gaben und Wünsche ihrer Kinder: dann wäre jede Ehe, schon bloß als solche, der höchste menschliche Zustand: so aber ist es nicht: und man liebt, hegt, pflegt wohl die Wünsche der Seinigen; fügt sich ihnen; macht sie sich zur höchsten Sorge und dringendsten Beschäftigung: aber erfüllen, erholen, uns ausruhen, zu fernerer Tätigkeit und Tragen, können die uns nicht; oder auf unser |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000275 ganzes Leben hinaus stärken und kräftigen. Dies ist der Grund des vielen Frivolen, was man bei Weibern sieht und zu sehen glaubt: sie haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer da hin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt, wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre, jeder Versuch, jeder Wunsch, den unnatürlichen Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten. Darum müssen Du und ich ein wenig angefrischt werden! Varnh., gleich nachdem wir deinen Brief gelesen hatten, vergaß alle Verabredungen mit manchen Freunden für künftigen Sommer und schlug mir gleich vor, zu dir zu gehen - nach Gesundheit und Jahreszeit. Ich stellte ihm die Sache vor, wie sie ist: und er sah es gleich ein. Mit Dir aber, teure liebe Rose, mag ich jetzt noch von keiner Reise reden: wozu dies im Januar, da es bis Juni Zeit hat. -
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- Auch ich tue nichts Unsinniges und Verschwendrisches: bei der größten Freiheit: und bin ein untergehender Sklave der Vernunft, so nennt man mit Recht das, was man fürs Ersprießlichste erkennt: nur beurteilt man dies zu oft aus nicht hohem Gesichtspunkt genug und zu untergeordnet: das ist auch mein Fehler: und ich schade Gesundheit und besserm, höhern Leben damit; weil die nur im höheren Leben gedeihet. Seit Mitte November war ich zweimal aus: ich mußte das Wetter meiden: und bin doch nur passabel gesund: wie du’s kennst: jedoch hab’ ich große Anfälle vermieden. Varnhagen ist seit dem Tag vor Sylvester an einer Grippe zu Bette gewesen: recht krank. - Ich hatte es schlimm: sein Zimmerchen war warm und klein, und ich mußte immer durch Kälte dahin. Das tat mir Schaden. Auch bin ich krank und imbécile von Ideen- und Zerstreuungslosigkeit. Das kann ich nicht: konnte es nie!!! - Doch geht’s jetzt: par ci par là kommt einer. Ich kann wegen Blutsteigen und meiner Augen nicht stets lesen. Doch lese ich viel. Du siehst meine Handschrift, nachgrade nun werde ich nervig. - Schreibe mir bald, Geliebte! Daß Du die Catalani hörtest, ist mein Trost! Auch freut mich sehr Dein Schiller und Goethe. Studiere den letztern sehr! Ist sein Leben und alles von ihm dabei? -
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Adieu. Liebes Kind! Schreibe mir bald! Von zu Hause krieg’ ich auch nur so wenig Briefe, und so wenig drin als möglich: auf dem Ort ist mein Herz hart gebrannt, Adieu. Deine R.
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Dore grüßt schön! Auch Hrn. Asser. Ich auch noch einmal! Er soll sich noch lange pflegen und schonen und Champagner trinken und Eisentropfen gebrauchen. Das waren damals meine guten Mittel.
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Tagebuch
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Berlin, den 3. November 1819
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Es wird eine Zeit kommen, wo Nationalstolz eben so angesehen werden wird, wie Eigenliebe und andere Eitelkeit; und Krieg wie Schlägerei. Der jetzige Zustand widerspricht unserer Religion. Um diesen Widerspruch nicht einzugestehen, werden die entsetzlichen, langweiligen Lügen gesagt, gedruckt und dramatisiert.
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Geschichte ist in närrischen Händen sehr schädlich, und ein Grundirrtum über sie in Umlauf; man hört überall den höchsten fast bis zu den niedrigsten Ständen empfehlen, sie möchten die Geschichte fragen und die studieren. Wer ist denn vermögend, Geschichte zu schreiben oder zu lesen? Doch nur solche, die sie als Gegenwart verstehen! Nur diese vermögen das Vergangene zu beleben und es sich gleichsam in Gegenwärtiges zu übersetzen. Daher ist das Wort von Friedrich Schlegel: »Der Historiker ist ein rückwärtsgekehrter Prophet«, so sehr richtig; darum Goethe ewig und stets von neuem so groß belebend und lebendig: alle Zeiten, Religionen, Ansichten, Extasen und Zustände begreifend und darstellend und erklärend. Diejenigen aber, welche mehr Geschichte lesen, als selbst leben, wollen nur immer eine gelesene aufführen oder aufführen lassen: daher der seichte Enthusiasmus, die leeren Projekte, und dabei das Gewaltsame; weil der große Lebensgang, einem Gewächs gleich, nicht herabgehalten noch erdwärts gebogen werden kann, sondern nach eignem Himmelsausspruch emporwächst und aller Anstrengung, es anders zu gebrauchen, mit größter Kraft widersteht. Römische Geschichte aufführen wollen, mit Intermezzos aus Ludwigs des Vierzehnten Leben, half Napoleon entthronen. Es wird gewiß bald dahin kommen, daß Schriftsteller der Geschichte, die bloß durch Geschichte ins Leben blicken, von denen, welche die Geschichte durch das gegenwärtige Leben auffassen und darstellen, scharf und klassenweise werden unterschieden sein. Dann werden die leider doch noch zu geistreichen Faselbücher nicht gelesen werden können und bald nicht mehr geschrieben ...
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An Karoline Gräfin von Schlabrendorf in Dresden
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Berlin, Sonnabend den 22. Juli 1820
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Teure Gräfin! Sichere Freundin. Die Lebenswellen schleichen, laufen, stürmen, wallen vorüber, und sitzen die Freunde nicht in einem und demselben Schiffe, nicht an demselben Ufer, so bleibt es vergeblich, jene |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000277 für einander auffangen zu wollen; erhascht sind sie tot, einzeln, ohne Strom, ohne Bedeutung, Leben oder Beziehung. Darum ist Trennung so hart: weil für die am meisten Gewitzigten dann auch, wie für andere, die Mitteilung starrt: nur dieser große Gewinn bleibt ihnen, daß der Lebensstrom in einem jeden von ihnen dieselben Tiefen durcharbeitet hat, wenn sie sich wiedersehen; und noch einen Vorteil müssen wir uns nicht entschlüpfen lassen! Diesen nämlich, wenn uns ein wirklich geistiger Fund entgegenschwimmt, daß wir ihn nicht in Stummheit für uns allein fischen, sondern unvergessen und gleich ihn den Geistesverwandten zuschiffen. In dieser ununterbrochenen Gesinnung schicke ich Ihnen, geehrte Freundin, beikommendes Büchlein: Angelus Silesius. Ein Schatz von Gedanken, Kleinode erhabenen Stolzes, der mich bis zum Lächeln erfreut; gedachte und daher einzig wahre Demut; einzig wahre Religion, da es Fragen an Gott sind; getrostes Verzweifeln; Unschuld in höchster Kraft bewahrt! Dies alles in bereiter, gebildeter, glücklicher Sprache, die ihr Bestes und alles dem Gedanken verdankt, und nicht wie ein Kleid des Gedankens, sondern wie dessen lebendige aus ihm erwachsene Behauptung lebt. Kurz das Gegenteil der Zeitavortons; in Religiosität, Denken, Gesinnung und Ausdruck von allem diesen! Darum, teure Gräfin, schicke ich es Ihnen! Mir stärken diese Sprüche den ganzen Geist und Kopf, wie Bergmorgenluft die zu wenig beachtete Natur des Körpers. Möge es Sie ebenso erfreuen, und Sie mich es wissen lassen! Ich dachte diesen Sommer gewiß nach dem Rhein zurückzugehen. Mein Bestes, meine Vernunft, muß einwilligen, hier zu bleiben. »Nur Geister können gezwungen werden«, sagt Novalis. Machen Sie von diesen wenigen Worten Ihr Facit! Fast fürcht’ ich mich, noch etwas Höheres zu werden im Verlauf der Zeiten. Welcher Zwang mag da erst eintreten! Doch bin ich seit heute getroster: weil ich ein paar Zimmer im George’schen Garten, der an der Spree liegt, als Absteigequartier habe. Und Luft, Grünes, Wasser, Leben, - welches auf dem Schiffbauerdamm ist, - mich gleich heilend berührt und mir wirklich so nötig als Atemluft ist. -
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An Adam von Müller in Leipzig
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Den 15. Dezember 1820
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... Angelus’ tiefste, erhabenste, schönste, kühnste Sprüche sind und bleiben nur unschuldige Fragen und demütiges Verzichten. Die ersten bis zur kühnsten Keckheit eines geistvollen Kindes. Ich muß hier noch sagen: es findet sich schon in Kindern diese Sitte, wie ich es nicht anders zu nennen weiß: die ganze Anlage, der ganze Keim zu Moralität. Wie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000278 sollt’ ihnen auch sonst verständlich werden, was sich darauf bezieht? Aber verschieden sind die Kinder; grad nur darin. -
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Und ich möchte sagen, was ist am Ende der Mensch anders als eine Frage! Zum Fragen, nur zum Fragen, zum ehrlich kühnen Fragen und zum demütigen Warten auf Antwort ist er hier. Nicht kühn fragen, und sich schmeichelhafte Antworten geben ist der tiefe Grund zu allem Irrtum: und ist man in diesem auch ehrlich und irrt nur, so ist es doch Verzärtelung und Mangel an Klarheit; und bei beiden können wir nicht immer verweilen: Die große allgütige Einrichtung Gottes, das wirkliche Verhalten der Dinge untereinander und der Gedanken zu den Dingen wird uns doch zum schwereren, demütigern Werk mit fortreißen. Auf solche Weise, glaub’ ich, sind wir zum ganzen hiesigen Dasein gekommen. Wir mußten es durchmachen. Wie überhaupt Menschengeister lernen. Mit eigener Mühe; dabei fängt die große Mitgift, Persönlichkeit an. Dies ist für mich »der Gedanke aller Gedanken, die Menschwerdung Gottes«; die Gnade, uns eine Person werden zu lassen, und in dieser Gnade find’ ich auch gleich ihren eigenen Grund; sie enthält ihre Bedingung in sich selbst. - Den Urgeist beurteile ich nur nach meiner Mitgift von ihm, im Verhältnis von mir zu ihm: nicht ungemessen, ungebührlich, was er sein kann. Der Gedanke Sein schwindet mir sogar bei solchen Möglichkeiten. Wie ein Adjektiv komme ich mir vor. -
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... Sie glauben gar nicht, was ich alles untereinander lese. Kennen Sie Madame Guion? Deren Leben las ich vorigen Winter und noch vieles von ihr. Die hat den metaphysischesten Kopf. Mit welcher Kraftmacht - vigueur - spekuliert, malt die ins Leere. Von dem großen Charakter noch gar nicht zu sprechen. Sie werden gewiß laut lachen: aber für mich ist sie ein Gegenstück zu Fichten. Beide lassen Welt und Natur ganz ausfallen und senden den starken Geist in die Weite. Fichte verfolgt die Tätigkeit desselben bis an die Grenze des Seins: die Guion schwingt sich neben ihren Vater in die Werkstätte der Welt, wie die Bibel sie erzählt. Mit einer Gemütskraft und einer Ergebung voll Zutrauen, die mich sie mit Verwandtschafts-Zärtlichkeit lieben macht. Mir äußerst merkwürdig. Nur krankhaft; unsäglich großartig aber. Darnach las ich Fénelons und Bossuets Leben von Beausset. Fénelon lieb’ ich: den muß jeder nach seiner Art lieben. Bossuet zwingt sich selbst: warum sollte er nicht andere zwingen wollen? Das ist seine Ehrlichkeit. In seinen Briefen an Freunde find’ ich ihn liebenswürdig. Ich glaube, kein gebildeter Franzose damaliger Zeit konnte in näherem vertraulichen Umgang der Liebenswürdigkeit entgehen: sonst wäre er mit niemand dazu gekommen. Soviel Echtes enthielt ihre damalige Gesamtbildung und das, was in der Gesellschaft herrschte.
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Tagebuch
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Berlin, den 29. Januar 1822
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Ich habe jetzt Wilhelm Meisters Lehrjahre wieder gelesen. Wie ist es möglich, einen zweiten Don Quichotte zu fassen, zu erfinden und darzustellen! Küßt euch, Cervantes und Goethe! Beide sahen mit ihren reinen Augen: verteidigten das Menschengeschlecht; sahen den Ritter durch, durch seine Torheiten und Irrsale, konnten ihrer Augen edlen Blick bis in seine tiefste Seele tauchen und dort seine eigentliche Gestalt sehen. Wie jenem Don Quichotte geht es Meistern; einen Narren nennen ihn die Leute »ohne Tadel«, einen Herumtreiber, der sich mit nichts Wirklichem beschäftigt, der sich mit Bettlervolk abgibt, nichts zuwege bringt; nicht einmal weiß, was er denken soll; der für einen Helden in einem Roman nicht einmal gut genug ist; von welcher Sorte man schon tausendmal bessere bei den Fieldings aller Länder gehabt hat, die doch noch ein Resultat geben! Während unser Weiser die edelste, reinste, ehrlichste Seele in ununterbrochenem Bemühen und Kampfe geschildert hat mit der Welt, wie sie leibt und lebt; ohne je einen Moment in ihre unreine Verwirrung zu geraten; immer im Bemühen, sich zu tadeln und zu bessern; immer in der Unschuld, die andern besser zu sehen, als sie sind, und meist sie sich vorzuziehen; immer aufgelegt zu lernen und nachzugeben, außer dem evident Unedlen: rührenderes, verehrungswürdigeres Benehmen, vortrefflichere Gesinnung kann man nicht erfinden; und je mehr man ihn sich deutlich macht, je mehr ehrt und liebt man ihn und Goethe’n. Don Quichotte mußte mit eben solcher Seele eine - also eine einseitige - Eigenschaft, die des Ritters, wählen, und mußte sie in Ausübung bringen wollen. Meister mußte den ganzen Menschen ausbilden wollen; und mir ist’s, als ob Goethe dem Cervantes nur die Feder abgenommen hätte, weil die Menschen sich in der Zeit folgen. Was die beiden Meister sonst noch in den Werken gelehrt und gezeigt haben, ist ihre Zeit: und das so rein und wahr, daß sich die künftigen gleich daran anschließen für den Geschichtsblick, für wahre Augen überhaupt. -
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An Oelsner in Paris
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Berlin, den 28. November 1822
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Donnerstag, 11 Uhr, in meinem Bette. Dunstiges, feuchtliches, graues Wetter: noch kein Frost, noch kein Schnee. Dies letzte, damit Sie nicht denken, daß Sie auch dies in Paris voraus hätten; das erste, um Ihnen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000282 gleich zu zeigen, daß ich Rheumatismus zu pflegen habe, und Sie mir sowohl mein Nichtschreiben als mein Schreiben zugute halten! »Ich wünschte meine Schuld in Person abzutragen«, schreiben Sie mir in Ihrem letzten Briefe, »denn die Empfindung bedarf der Gebärde und der Stimme.« Sie bedarf - und sie allein - der ganzen Welt und vermißt am meisten Gebärde und Stimme. Wie soll es mir nun aber gehen, da ich ohne weiteres stupid bin, wenn mich das Herz nicht aufrührt, was soll ich nun mit tonloser Feder und stiller schwarzer Tinte anfangen, wenn ich einen Brief seit Juli habe liegen lassen; in welchem Monat ich schon leidend und gestört auf manche Weise war. Grau in grau kommt mir die Welt vor: hab’ ich recht, oder stecken sie mir meine Haare bloß an? Mich dünkt, die politischen Fragen und die den geselligen Umgang betreffenden, sind abgesprochen, abgewitzt und abgelebt. Die Führer und Verwalter der erstgenannten suchen sich zu sichern und zu schanzen, weil die heiligen Haine, hinter denen sie thronten, durchschritten und gekannt sind. Die Arbeit geht nun an ein paar andere große Institutionen - die man für Religion ausgab und hielt und von ihr borgte - dünkt mich. Es wird nichts helfen; man wird in allen Winkeln des Geistes und des Herzens wahr sein müssen, und sich das große, allgemein herrschende Defizit des Nichtwissens eingestehen müssen. (Dies ahnt die größte Menge gar nicht. Viele von den andern wollen es nicht gestehen; noch wenigere denken, sogar dagegen noch handeln und wirken zu können. Unnützes Versuchen! Erstlich ist man immer selbst in der wahren Schöpfung - Entwicklung - man drehe sich Kopf vorne, Kopf hinten, mit einbegriffen; und jeder mittendrin; und zweitens, wo sollte es hinführen? Rückwärts? Wir müßten wieder vorwärts.) Man wird aufhören müssen, da für die menschliche Gesellschaft bauen zu wollen, wo kein Grund als selbstgemachte Fabeln zu finden sind, und sich das Herbe eingestehen, daß man Mangel fürs erste kennen muß und ihm nicht mit Verleugnen abhilft. Seinen Himmel wird sich jeder einzelne ausdenken müssen zur Unterhaltung - wahre Poesie - schaffen wird er ihn sich müssen, in seinem Gewissen: und daß er das muß, wird er wissen müssen: Gesetze für den Lebensverkehr werden klarer, intensiver - mit dem innersten des menschlichen Geistes und seiner ganzen Natur - treffender und wirkender ausgedacht werden; und das, daß niemand einem Gesetze entgehen kann, ganz allgemein und herrschend werden. Dahin, dünkt mich, will die Welt und die häusliche Gesellschaft: und vor diesem großen Werke - groß nur weil es endlich erkannt wird - steht sie jetzt stockend still: und darum ennuyieren wir uns! Das nenn’ ich ausgeholt: weit ausgeholt! Aber so ist’s: will man nahe kommen, muß man weit ausholen, mir geht’s immer so. Ich hoffe, |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000283 Sie ennuyieren sich auch. Nämlich, man wird weder erschüttert, noch angenehm hingehalten; und muß auch dies für sich allein übernehmen. Sie tun es gewiß: ich auch. Ich lese: es fällt mir dabei etwas ein; das amüsiert mich. Ich gehe, ist’s möglich - nur irgend einträglich - ins Theater; sehe wo möglich noch passable Menschen; und liebe Gedanken, Denken und Einfälle immer mehr: ich glaube, je weniger ich habe; sie ergötzen und stärken mich ungemein, sie heilen und flicken mich aus. Schreiben Sie uns also! Ohne alle Hoffnung - weil das überhaupt am meisten beruhigt - vielleicht sehen wir uns doch in dem ersten oder zweiten Jahr! lieber in Paris als in Berlin. Für die Fürstin von Salm-Kyrburg hab’ ich wahrlich gar nichts tun können, worüber ich noch in Reue bin! Der schwülste Sommer; Staubstraßen, leere, ganz leere Stadt; fast keine Gegend; ich ohne Pferde, ohne Mut; sehr unwohl! Hat die Fürstin durch alles dieses meinen guten Willen durchgesehen und mich in diesem ungünstigsten Zustand nicht ganz übersehen, so ist sie noch klüger und besser, als ich sie hier schon fand. Sie ist artig, klug, angenehm, voll Welt, die ihr nicht schadete: kurz, sehr gut. Sein Sie gut gegen diesen Unbrief! -
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Mittwoch, den 4. Dezember 1822
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Es ist nicht allein sehr schwer, die Wahrheit hier in der Welt zu finden; sondern man muß sie auch noch verleugnen!
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Mai 1823
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Ich konnte über Goethes Wahlverwandtschaft heute gar nicht mitsprechen. Ich habe das Meisterwerk erst kürzlich wieder gelesen, mit neuer Bewunderung des Ganzen, mit neuem Staunen über jedes Detail; aber mit dem Stoff bin ich diesmal nicht besser zufrieden als sonst, er ist mir zuwider. Das Leichenhafte des Ausgangs zieht sich rückwärts bis in den Anfang hinein, wo einem schon etwas beklommen zu Mut ist. Ganz besonders aber ist mir Ottilie zuwider mit ihrem halbseitigen Kopfweh, ihrer dunklen Naturbeziehung, ihrem Mangel an Talent. Daß sie mit dem Kind auf dem Arm im Spazierengehen noch nebenher liest, empört mich bis zur Grausamkeit. Gerechter Gott, wie kann einem das einfallen, wenn man ein holdes Kind zu besorgen hat und im Freien ist! Die wäre mir schön angekommen, auch ohne allen Unglücksfall. In diesem bedauer’ ich sie wieder unendlich, das arme Geschöpf, dies Unglück ist gräßlich. Und gerade diese Schilderung wie meisterhaft! - Ich |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000284 durfte aber alles das nicht sagen, die andern hätten sich nie ausreden lassen, daß ich doch nicht ihrer gemeinen Ansicht bin. Was ich gegen Goethe habe, geht die andern nichts an. - Noch mancherlei haß’ ich in dem Buch, so ganz besonders die lebenden Bilder, eine wahre Verirrung der Kunst, mit der ich mich nie versöhnen kann. Goethe beschreibt und gebraucht sie aber vortrefflich, und ich fürchte, doch mit etwas Vorliebe, die ihm vielleicht durch gesellschaftliche Eindrücke gegeben worden. -
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An Karl Gustav von Brinckmann in Stockholm
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Berlin, Freitag den 24. April 1824
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Sonnenhelles, seit drei Tagen, warmes Wetter; nur noch leichtes Knospengrün: die Straßen immer breiter, immer heller. Jedoch heute erfrischender, und viel Morgentau auf der Erde.
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Ich lebe noch. Nun wissen Sie alles. Da Sie doch auch wissen, daß man sich, umgekehrt wie gesagt wird, nicht ändert - garstig werden u. dgl. abgerechnet -. Was aber schlimmer ist, unser Schicksal ändert sich auch nicht: denn woraus besteht es, als aus uns selbst! Und nun wissen Sie noch einmal alles: und noch obenein, daß sich unser Stil auch nicht ändert; dies zeigt uns das still- und tiefere Studium Goethens und aller andern Menschen; und dann noch einmal, ich. Hab’ ich Ihnen wohl je andere Morgenbilletts geschrieben, als das hier über Meer und über Zeit? Es wird uns nach ihr (nach der Zeit) weiter gar nichts fehlen - zu hier -, als daß wir wissen, daß Sie Brinckmann heißen und ich Rahel. Eines sollen Sie nur noch wissen, weil Sie es, glaube ich, sonst nicht genau wußten. Meine größte Kränkung besteht darin, daß ich in keinem Garten lebe; in keiner Gegend; mit einem Wort, auf keinem Ort, wo ich aus der Tür’ ins Grüne trete: aus dem Fenster dahin sehe. Es liegt nicht in meinem Schicksal, mir das zu schaffen, was mir das Wichtigste ist; nur das liegt drin, daß ich das bin, was mir das Wichtigste ist. Verstandum? (kein Witz auf dumm, nur eine lateinische Frage, aus Spott und Verzweiflung) diese Kränkung aber greift in alle Stunden ein: und darum halte ich sie für eine. Große Herzensschläge, die man nur mit sich abmacht, existieren für mich nicht mehr. Nur Ungemach; und Privationen - der »fünf nötigen Dinge«. Nie wird etwas gesprochen oder gelesen, was Sie hätten hören oder sagen müssen, wo ich Sie nicht laut nenne: und Varnhagen kennt Sie und spricht von Ihnen, wie wir |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000285 andern. (Ich bin einmal treu gemacht: mir treu; und so auch allem.) Daran können Sie nun wissen, daß, geschieht ein Loslassen, es kam immer von den andern; Ihr Katholischwerden allein macht es bei mir nicht einmal: Sie müssen noch aparte ausspannen. So lieb’ ich Gentz als größten Publizisten; - ich würd’ ihn Privaten nennen - noch immer. Er trägt das Kind noch in sich, das liebe: und er mag sagen, was er will: er liebt Wahrheit: und er - ist nie eine Lüge. So ist’s mit vielen andern, die sich öffentlich über ihn stellen, bei weitem nicht. Ich wohne von Humboldts nur sechs Häuser weit, und meine Augen sehen sie nicht. Die Herz öfter: und alle alten, die nicht tot und weg sind. Pauline ist in Paris und die alte, nur älter: ich vermisse sie täglich und oft im Tag. Sie liebt das Freie - die Natur nennen sie’s - wie ich. Ich habe Mad. Benedix bei Abraham Mendelssohn gesehn; ich beneide sie; so gefällt sie mir: so jung; so selbständig, so frei im Ausdruck, und so sanft und graziös dabei. Ich - ewig lâche; oder ein Ausbruch wie Erdsturz; Gewitter ist mir zu gut. Ich gönne sie Ihnen in Stockholm; aber ihr: air natal: und anderes! - Welches sie nicht in Gedanken gefaßt hat, also nicht wünscht. Ich sehe auch oft Frau von Helvig, sie ist eine Nachbarin von uns (wir wohnen Friedrichs- und Französische Straßen-Ecke, sehr nah wo die Bethmann wohnte; Humboldts, wo O’Farils wohnten; Frau von Helvig vorne in der Behrenstraße), nur die andere Ecke. Und wir stehen gut. Eine wesentliche Frau; ohne ihre bekannten Eigenschaften zu rechnen! Ist Ihnen diese Paranthese nicht zu labyrinthisch: ich verlasse mich auf Ihren Faden! Er, Varnhagen, grüßt Sie schön und schickt Ihnen hier ein Buch, welches vorigen August erschien, und wozu er erst jetzt Gelegenheit findet, es Ihnen zukommen zu lassen mit der Bitte, Sie möchten ihn doch zum zweiten Band so bald als möglich mit Beiträgen erfreuen: hauptsächlich in Ihren eigenen Papieren stöbern, wo sich gewiß noch Unendliches zu diesem Behuf vorfinden muß; von Ihnen und tausend andern. Schicken Sie von Schweden, Deutschen; von was Sie nur können: hauptsächlich von sich. In dem Band, der hierbei liegt, sind die Seiten von 207 bis 222 (»Ungenannt« überschrieben) von mir. Aus meinen Briefen und Papieren genommen; die nie anderes Tageslicht, als das, wo sie geschrieben waren, vermuteten. Varnhagen stöbert aber alles durch: und ich bin nicht heikel: ich finde andern ihr Bereitetes nicht so sehr viel besser; und oft viel schlechter. Niemanden hat Goethe so durchströmt, wie Herzensblut selbst, als mich. Das finde ich interessant dabei. Il n’existe point de plus franchement, que ce franchement-ci! Das Buch ist amüsanter, als ich mir vorstellte, daß es werden würde. Wieland, Fichte: vortrefflich. Und alles unterhaltend. Nun schicke ich Ihnen noch einen kleinen Angelus, den ich vergöttre. Eine Kinderseele |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000286 voll Mut. Der Mensch eine reine Frage; voll Witz, Menschenwitz, den er nicht los werden kann; die höchste Art von Ergebung.
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Nun muß ich ausgehn. Zu Ihrer Ergötzlichkeit sollen Sie hören, wohin. Zu meiner Nichte Fanny; das Kind, was Sie kennen. Die ist seit gestern acht Tagen im Kindbett mit einer hübschen Tochter. Ihre Mutter, »die junge Madame«, seit einem Jahr tot. Ich war viel und bis die letzte Minute bei ihr. Nettchen ist tot; im Juli wird’s drei Jahre. - Ja, man wird einsam, trotz der neuen Kinder. »Und der Rest ist Schweigen.« Shakespeare wußte es; Hamlet mußt’ es sagen, (Melancholisch gesagt!) Also weiter! Adieu lieber Freund. Wenn ich treu bin, sind Sie’s auch. Antworten Sie ja. Generalkonsul Dehn schickt mir gern den Brief.
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(Rahel, damit Sie mich kennen;) Friederike Varnhagen. Meine Namen sind: Rahel, Antonie, Friederike; mit dem letzten unterschreibe ich alles Offizielle. Der Zug R bleibt mein Wappen. Mein Bruder Ludwig Robert hat eine sehr schöne Frau geheiratet, auf die Sie hundert Gedichte machen würden: sie ist auch liebenswürdig und dichtet auch: Lieder. Mein jüngster Bruder hat eine hübsche talentvolle Polin und zwei Knaben; der älteste elf Jahre. Als riß’ ich Gräber auf und mein Herz und bestürmte mit zwanzig neuen Leben meinen Kopf, so ist es mir, muß ich einem Alten schreiben! Man muß beieinander bleiben: man ist zu dumm, man sucht Fortüne und verläßt Glück. Wir sind getrieben. Ich werde je klüger, immer dümmer. Ruhe, Garten! Garten! Vieles ist nicht von hier: darunter gehören Blumen, Düfte, Stille. Wenn das Leben aufplatzen wird, was ist dann? Neue Jugend: Wunder. Gewiß. Adieu.
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Tagebuch
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Donnerstag früh bei Fichte, den 27. Januar 1825
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Wahres Unglück ist nicht das, welches einem Menschen als Unglücksfall überkommen muß, und welchem wir als solche stets ausgesetzt sind. Unglück ist das Unangenehme, in allen Lebensmomenten Drückende und Hemmende, welches notwendig aus einer gegebenen Lage sich entwickeln muß: aus Geburtsstellung, aus der Charaktermitgift - Konstellation unsrer Eigenschaften in jedem Sinn, - Körperschönheit und Gesundheit; oder deren Mangel u. s. w. Dagegen kann der Mensch nicht selbst an; sondern ein Höherer; wir können nur diese Fälle erkennen lernen, als Fakta, die uns als diesen besondren Menschen begegnen müssen: und uns darein ergeben als in ein Unvermeidliches und ein doch Trost enthaltendes, als eben so notwendig auf Neues, Hohes und Unbekanntes sich Beziehendes und darauf Begründetes. Und weil wir die |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000287 Gründe zu diesen Fakta nicht erkennen können, sie also blind annehmen müssen, d. h. geistlos, so muß da dann immer das Gemüt eintreten; heißt: sich aus Bedürfnis - welches eigentlich wir selbst sind - einen Grund, eine Voraussetzung in einem andern Gebiete schaffen - fast erschaffen, - und das mit Recht. Wo wir herstammen und wo wir hinströmen, das sind so gut Glieder von uns, als die, welche wir im zeitigen Gebrauch haben. »Wer nicht verzweifeln kann, der muß nicht leben!« sagt auch der Mann, der - und auch aus diesem Gesichtspunkt mein’ ich - am vielfachsten, was uns Menschen betrifft, gehandhabt, erwogen und ergründet hat, mit Herzens- und Geisteskräften, und der ein gesundes Menschenkind geblieben ist, wie er anfing, mit allen derben natürlichen Ansprüchen. Goethe sagt’s. -
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1825
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Was ist das innerste Streben aller Kunst und dieses Strebens Grund? Dem hiesigen beschränkt- und bedrängten Zustand zu entgehen durch die Tat. Wir würden eine andere Welt schaffen, wenn wir könnten.
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An Pauline Wiesel in Paris
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Mitten im Sommer, den 8. Juni 1826
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Donnerstag vormittag, schönes munkliches Wetter.
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Vormittag 11 Uhr.
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Einzige Pauline: immer und ewig! Diese Worte allein wären genug und ein Brief für Sie. Aber! Über ein Jahr quäl’ ich mich mit einer Antwort an Sie, die ich nicht schreibe. Den vorigen Frühling erhielt ich Ihren Brief und den im Herbst von der Schwester Meyer, die ihn selbst brachte. Ich kann Ihnen, teure Mitleidende, nicht schreiben: denn Ihnen möchte ich alles, jeden fliehenden Tag mit seinen fliehenden Minuten beschreiben; wie er mir das Leben in den Busen einkerbt. Alles, was ich wünsche, nicht: und dabei weiter, immer weiter gelebt! - Endlich ordentlich krank, so daß ich mich nur leidlich befinde, wenn ich zu Hause bleibe, oft Brustbeschwerden habe - jetzt stark - schreiben gar nicht kann: und dabei ausgehe und alle geselligen Pflichten erfülle und alle geselligen Verbindungen habe. Mitunter Theater. Nicht einmal, wie wir’s hatten. Nichts von Pauline und mir. Keine Freiheit. Wollen Sie noch mehr wissen? Oft wundere ich mich, daß ich lebe, dieselbige bin und so weit von mir ab kam. Ach! und in einer anderen Art geht’s Ihnen auch so. Aber darin sind und bleiben wir und wollen wir einzig bleiben, daß wir |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000288 noch wissen, wer wir waren, wissen, was wir wünschen; noch dasselbe wünschen, wollen und meinen. Ewig und bei allem, bei jeder Gelegenheit denke ich an Sie; und schrieb doch nicht: aus Ingrimm, denn wenn ich das Papier für Sie vor mir habe, dann ist alles zu lebendig und ich fühle meinen Untergang; und will ihn Ihnen beschreiben, und dazu langen meine Kräfte nicht hin. Diesen Brief, diese Worte zerreißen Sie gleich! - In meiner Seele und in meinem Geiste bin ich ruhig. Der Gedanke des Existierens - nicht als Pauline oder Rahel - überhaupt, das Dasein irgendeines Dinges oder einer uns möglichen Vorstellung ist so groß, so überragend kolossal, daß ich in der Grübelei und Anschauung untergehe in Ruhe. So mit meinem Geist und mit meinen Gedanken hab’ ich noch Pläsier. Und so ist’s auch ganz gewiß mit Ihnen. Auch bin ich noch zu allem wahren Vergnügen fähig und aufgelegt. Es kommt nur nicht, und ich bin nicht frei; und nun nicht gesund genug mehr, um es mit Inkommodidäten zu erkaufen. Man ist nicht frei, wenn man in der bürgerlichen Gesellschaft etwas vorstellen soll; eine Gattin, eine Beamtenfrau usw. Und Sie und unser Kreis fehlen mir ganz. Die Dummheit, Leerheit, Pedanterie, Frömmelei herrscht. Ihr Brief vorigen Herbst, wo Sie mir von den drei verschiedenen Gesellschaften schrieben, in denen Sie leben, ergötzte mich! In vieler Art geht’s mir auch so; jeder meint, ich meine wie er: ach! ich meine wie Sie und ich!
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Diesen Winter hielt mich auch Wiesels Mordkrankheit und sein Tod ab, Ihnen zu schreiben. Bis in der letzten Minute hatte er alles von mir. Essen, Gelee, Getränke, was nur erfunden werden kann für einen Kranken und für dessen Appetit und Bedürfnisse, vier-, fünfmal täglich wurde hin- und hergeschickt. Ich konnte, weil er drei Treppen hoch im Hirsch unter den Linden wohnte, nicht hinauf mit meinem Atem und Brust. Er wollte es auch nicht leiden. Dore war zweimal den Tag dort. Er empfand es und schrieb es mir. Varnhagen besuchte ihn noch zwei Tage vor dem Tod; das war viel, denn der selbst war an einer Gallenentzündung auf den Tod diesen Winter. Ich erlebte alles! Nein! Nein! Es kann noch mehr Schrecklicheres geben und kommen. Sähe ich Sie nur noch. Aber auch das werde ich noch erleben.
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Nun Ihren Brief gelesen! Den dritten seit einem Jahre. Er liegt noch unerbrochen neben mir. Mlle. Bauer, eine Aktrice, von Karlsruhe kommend, schickte ihn mir mit einem von Robert aus Paris. Und heute eben wollte ich Ihnen schreiben, weil Varnhagen gestern Crayens bei Stägemann sah und Victoire ihm sagte, Sie wüßten Wiesels Tod. Ja! Pauline, alles herunter nach der stummen Erde: und erst hier Bewußtsein und Schmerz. Dahinter muß ein herrliches Geheimnis stecken, wovon wir hier nichts wissen. Herrlich, wenn es auch schrecklich ist. Oh! Könnte |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000289 ich jetzt mit Ihnen sprechen! Zu Ihrem Brief! Also, meine Herzenstochter, Sie waren in Wien. Leben jetzt auf Montmartre. Glück zu! Oh! wie verstand ich das, daß Ihnen alle unsere Menschen, die Sie in Wien gekannt, lebendig wurden und nur Sie sich wie eine Tote dagegen fühlten. Gentz scheint mir nach Ihren Äußerungen sehr herab zu sein! Ich liebe ihn und kenne ihn: wie tiefrichtig schreiben Sie in wenig Worten ihn - sozusagen - ab. Nur wir sind ganz geblieben, wie wir waren, Grünes, Kinder, Liebe, Musik, Wetter, alle wahren Realitäten lieben wir, empfinden wir noch, weil wir nur ewig das wollten und nie den Schein und Vorstellen. Und die glückliche Organisation. Mut fehlte mir nur von je, mich in unselige Lagen zu stürzen: darum duldete ich, was ich nicht mochte und verabscheute; davon bin ich krank; das ist der ganze Unterschied zwischen uns beiden: der mit seinen Folgen und Nüancen: sonst keiner. Ich bin, wie der Arzt meint, nicht bedenklich: was macht mir das! Ich finde alle Lebendigen in Lebensgefahr: und Leiden ist das Schlimme. Daß ich nicht auf dem Lande lebe, ist meine innigste immerwährende Krümmung. Nämlich ein Landhaus im Sommer.
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Ludwig Robert mit Frau ist in Paris. Rabes Mädchen sind gut; der Sohn bei einer umherziehenden Truppe: ich finde, für ihn übergut. - Meine Adresse: Mad. de V. - meinen Namen - Rue Francaise Nr. 20. - Sparen Sie mir Postgeld. -
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Vorigen Sommer war ich unverhofft mit Varnhagen und meinem ältesten Bruder in Baden-Baden; ich dachte an Sie; in Karlsruhe und allerwärts. Reise ich diesen Sommer, sollen Sie’s wissen; vorher vielleicht ein Rendez-vous. Wäre ich frei, käme ich nach Paris. - Hanne und Fanny haben jede zwei herrliche Kinderchen. Hanne einen Emil von fünf Jahren, eine Marie von drei, Fanny eine Elise - Göttin - von zwei Jahren, eine Pauline von acht Monaten. Alle blond und schön und meine Freude. Varnhagen grüßt. Ich küsse und liebe Sie. - Jettchen Mendelssohn ist bigott - katholisch - und liebt stumm und still, was wollen Sie mehr? Aber mich wundert nichts dabei, als daß sie gegen Leidenschaft der Liebe spricht, als wäre das nicht das einzig Ewige auf Erden; und als hätte sie nie geliebt; es mag auch so sein: die meisten schwindelt’s nur so, und vergessen kann man’s nie. Wieder geliebt sein wollen und Treue verlangen, ist dumm - und von den Vorfahren uns eingebläut -, aber Bezauberung durch die Augen, Glück durch Sehen, das ewig Schöne, Paradiesartige auf der Erde. Nur darum möchte ich noch einmal leben, um zu lieben und es nie zu gestehen. So lang’ es eine Empfindung, ist es göttlich; so wird’s ein Verhältnis, eine Geschichte - halbe Ehe - gemeine Werkeltagslast. Jette Mendelssohn ist dabei doch noch lieb und gut. -
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Mein Bruder ist Rue Bergère Nr. 6 bei dem Herrn Vallentin zu erfragen. Machen Sie aber nicht, als wüßten Sie seinen Aufenthalt und seine Wohnung von mir. Beileibe nicht! Wie von ungefähr, wenn Sie ihn sehen wollen. Hugo Hatzfeldt ist bei Verwandten in oder bei Mainz. Adieu, Herze! Alles stirbt, es ist ein Wunder, daß wir noch leben. Wiesel starb an Brustwassersucht. Schwerer, langsamer Tod. Er starb den 16. März. Aß den Tag vorher noch meine Suppe und Apfelgelee, und Kalb- und Rindfleischgelee. Ein Trost für mich! Er empfand es, und schrieb mir öfters. Welche Liste von Toten haben wir! Wir wollen uns doch noch sehen! Ewig, wie Sie mich kannten! Die größte Liebe zu Ihnen! R.
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An August von Varnhagen in Bonn
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<den 11. März 1829>
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Guten Morgen!
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Mittwoch halb 10 Uhr, helle, wärmliche Sonne: auch an meinem Fenster, im Wohnzimmer, wo ich noch mit dem gestrigen Einheizen behaglich sitze.
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... Heine sehe ich fast nicht; er wälzt sich so in sich herum; sagt, er muß viel arbeiten; ist fast erstaunt, daß ihn so etwas Reelles als des Vaters Tod, der Mutter Leid darüber, betraf; meint, er hätte außerordentlich mit diesem »herrlichen« Vater harmoniert, sei ganz von ihm verstanden gewesen; und wohnt tief in der großen Friedrichsstraße, über die Brücke hinweg, dem Klinikum und den Kasernen gegenüber, - eine Art Festung - viel zu weit. Aussehen tut er gesünder; klagt beinah nicht wieder; aber es ist manche sonst vorüberfliegende Miene festgestellt zwischen seinen Zügen, die ihnen nicht wohltut; so im Munde ein Zerren, wenn er spricht, was ich sonst - auch schon - fast als eine kleine Grazie bemerkte, obgleich es nie schön Zeugnis gab. Glaube nicht, daß ich persönlich zu klagen habe; die Wahrnehmungen gewinnen nur, wenn sie zur Mitteilung gestaltet werden müssen, eine festere Form, als all dergleichen haben kann und soll: im Leben selbst fließt alles, wie sein großer Strom.
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...
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Viertel auf 2. Heine war hier, als ob er gekommen wäre zu bestätigen, was ich schrieb. Er ist so zerstört von des Vaters Tod. Ein anderer empfindet das nicht so: z. B. seine Geschwister. Er wollte gegen Goethe |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000291 sprechen: ich mußte lächeln; es ging nicht. Er wollte Gans tadeln; es ging nicht. Er wollte Wit-Döring loben; das machte ich ganz zu Schanden, und ihn mit. Er wollte Lindners Schreiben tadeln. Ich bewies ihm das Gegenteil. Lauter kurzgestellte Persönlichkeiten. Proben. Vor allem diesen las ich ihm Deinen Gruß, der machte ihn betreten: er dachte, es hätte Dir jemand etwas von ihm gesagt: da Du schriebst, er solle sich auf Dich verlassen etc. Das war der einzige Ernst bei ihm. Dabei rochen seine Stiefel nach Schuster, seine Kleider nach stockig. Also Fenster nach ihm aufsperren. ...
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An August von Varnhagen in Bonn
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<den 15. März 1829>
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Guten Morgen, es ist Sonntag, Vormittag, 10 Uhr vorbei, der 15. ...
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... - Von Heine’n - wollte ich Dir schreiben. Das Resumé, was ich heraus habe, ist und bleibt sein großes Talent: welches aber auch in ihm reifen muß, sonst wird’s inhaltleer und höhlt zur Manier aus. Aber begründete Kritik hat er nicht; weil ihm in der Tiefe der Ernst und das höchste Interesse fehlt; welches allein Zusammenhang und zusammenhängenden Überblick gewährt. Er kann sich und Goeth’n, seinen und dessen Ruhm verwechseln: denkt überhaupt an Ruhm! - kann Dich, Gentz und den Lump zusammennennen. Denkt überhaupt, was ihm entschlüpft, was er sagen mag, ist für die Menschen gut genug. Hat klätrige Geschichten - auch daher - die er verschweigt, und deren Lücken ihn in das größte Unbehagen versetzen. Will noch immer ausziehen, sucht Quartiere; will nach Potsdam, Freienwalde etc. etc. Vorgestern kam er schon um halb 7 zu mir. Ich nahm ihn, ohnerachtet der Stunde, doch an: weil ich mich nicht mit Lesen quälen wollte und Ludwigs und Moritzens bestellt hatte. Er sprach und sprach; und zeigte sich mir, wie ich ihn Dir nur schildere. Rike kam um 8.
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Wir sprachen alle viel. Einer oft tout hasard: welches er aber doch noch anders meinen muß; ich nur, wenn es mit mir durchlief, wegen damaligem Hustenkrampf. Die Rede kam auf Fräulein von Schätzels Auswärtsstehen. Rike erwähnte die ägyptischen Bildwerke. Ich nahm ihre steifen Haltungen in größten Schutz: ein Strom ergoß sich aus mir - ein längst zurückgedämmter - ich erwies, die Natur im Vagen und alles, was die versucht und zu tun gezwungen ist, aus lauter nur für sie geltenden Gründen nachahmen zu wollen, sei durchaus falsch und daher untunlich; in eine menschliche Schranke müsse Kunst sich engen; |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000292 in einen solchen, für den höchsten gehaltenen Menschenzustand; in Beschränkung, in Grenze ihre Einwilligung geben, das allein sei ihre Freiheit; und so seien der Ägypter Stellungen eine Art Bild ihres geselligen Daseins; nicht arbeitend, nicht strebend, nicht noch bewegt. Der Gegensatz davon sei der Wiener Walzer; der oft so unsinnig angebracht schiene, nach jedem ernsten Kampf oft; mir aber immer guten Eindruck mache und gefalle - ohne daß ich lange den Grund deutlich gewußt - so wie ein Leid, ein Kampf, eine Verwirrung, ein Vollbrachtes geschehen sei: gewalzt! Was will der Mensch mehr. Schweben, Leben, Sein, Fertigsein! Heine schlug über die Fauteuil-Lehne, blutrot, ganz weg vor Lachen; er brach wider Willen aus. »Tollheit!« schrie er, »toll, ganz toll; o wie toll! Tollheit, nein, das ist rasend: solcher Unsinn ward noch nicht gesagt«: und so blieb er lachend. Sowie er wieder zu sich war, war es reinster, lichter Neid. Ich sagte ihm auch: »Den Unsinn möchten Sie gemacht haben.« Ich lachte auch. Die letzte Hälfte, die vom Walzer, mußte ich ihm erklären: er frug ganz ernsthaft; und fand es dann sehr gut. Aber dies Lachen! So natürlich sah ich ihn nie.
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Deine F. V.
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An August von Varnhagen in Kassel
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Dienstag, den 24. März 1829. Bald 11 Uhr.
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Helles Wetter, welches eben bei diesem Worte dunkelt; wieder hell. Südostwind:
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... Pauvre humanité. Niemandem wird etwas gereicht, der nicht herzhaft den bitteren Kelch vor die feine Zunge nimmt; und herunter, herunter; alles hinein! Unverhofft wird’s veilchenartig, aromisch, süß genug; und hell um uns her und ruhig; und das nur, weil wir das Bittere abgetrunken, was wir selbst hinaufgehäuft; Ungesehenes, Unwahres, Falsches sogar; nach dem herben mutverlangenden Abtrinken ist reiner Grund und Wahrheit da; und in uns; und diese ist Himmelselement: weil ihr Wesen darin besteht und zu erkennen ist, daß sie zu den nächsten Gliedern passen muß; und dadurch bis zum Himmel hinauf passen kann. Alles was wir tun können, besteht in einem richtigen Erschauen, nach innen und außen hin; daß wir uns wiederfinden neuem bereichernden Erfassen! Der Faule muß alles nachholen, noch einmal beginnen, bei harter Strafe und Scherz; bei hartem Befinden. Wir versuchen alle und oft, faul zu sein; aber wir müssen es nicht bleiben: Clemens ruht |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000293 sich wieder zu sehr beim Katholizismus aus; vorwärts, armer Clemens! je eher je lieber. So viel Klügere auch wollen das große Defizit nicht ertragen: und mit Goethe’n nicht »verzweifeln, wenn sie leben wollen.« Beugt euch, Menschen, tief: dann könnt ihr euch erheben. August, ich prahle hier nicht: ich sträube mich alle Tage unartigst im einzelnen. Was heißt das aber? Ich sträube mich in den Momenten des Lebens, wo aus Zorn oder Einzelwunsch mein Auge, erhitzt oder verblindert, das Ganze nicht erfaßt; aber - wenn wir ans Ganze denken, das vor unseren Sinn gebracht haben, und dann uns nicht beugen, nicht rein werden, nicht verzweifeln wollen, nicht unterwürfig sind; in der eigenen Brust und in dem Drang nach Vernunft, Recht und Richtigkeit keine Bürgen finden, dann müssen wir erst noch recht leiden - und werden.
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Deine R. ...
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An Heinrich Heine in Hamburg
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Dienstag, den 21. September 1830
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5 Uhr Nachmittag. Sonnentag, nach einer kleinen Ausfahrt, einem kleinen Diner, einem kleinen Nachmittagsschlaf.
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Vielleicht zerstreut es Sie in dem jetzigen Leben und bringt Sie zu sehr hohen allgemeinen Betrachtungen, indem es Ihnen die Befriedigung unseres kleinen Herzens als das Wichtigste zeigt, wenn ich Ihnen sage, klage, erzähle, daß ich ein zerschlagenes Herz im Busen habe, weil ich heute meine Kinder Caspers wieder abgeben mußte. Rein abgeben, als wenn es ihre wären; und ich liebe sie. Ich lebte endlich acht Wochen, von morgens 7 bis 9 - und auch des Nachts mit zwei-, drei-, viermal nach ihnen sehen - abends mit, für und nur durch sie. Ich machte ihnen Fleisch durch Pflege; und ließ ihre Seelen wachsen, ihren Geist sich heben und regen. Den ganzen Tag hatten die drei, wovon Sie meine älteste, Elise, gewiß kennen, Prätentionen an mich; den halben war ich mit ihnen in Wald und Feld und Gärten. Nun ist’s aus. Alles aus; und ich in Eifersucht allein; daß andre haben, was ich besitzen sollte; und sie nicht genießen, aber verderben; und daß kein Despot, keine Armee, kein Gericht existiert, welches mir dies Gut zuspräche: und der liebe Gott wohl weiß, was mir gebührt; und was ich leide. Sehr gut. Und ich soll wieder elend warten, bis ich denken muß: er hatte recht; sonst wär’ es ärger gekommen. Es hilft mir nichts, aus der Zeit der verliebten Liebe zu sein; ich leide doch. Und Sie mit, - denn ich mag nicht - so sehr |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000294 kann ich nicht - schweigen; und Ihnen will ich grade heute schreiben. Auch scheint es mir verstockt, ein Verrat und freundlos Benehmen, einen schweren, schwarzen Klumpen Leid im Herzen zu tragen, es in Schmerzen überschwemmt zu fühlen, und dies - schriftlich - zu verheimlichen, ganz zu übergehn; und vom Tag oder anderm Ernst und Scherz zu sprechen. Wissen Sie, daß ich einen Todschreck von den Schneidergesellen - wegen falscher Berichte eines erschrockenen Domestiken, der während des Tumults, wie Roller vom Galgen, zu mir stürzte, um mir die Stadt als saccagiert vorzustottern - hatte, einen Tag, wo ich wegen Nervenaffekt und Rheuma ein Schwefelbad mit all den Übeln in dem Körper hatte; und nur aus ungefähr nicht davon tot blieb; gleich nachher bekam ich den Brief, der mir die Ankunft, durch die ich die Kinder wieder missen sollte, zum surlendemain ankündigte! - Gemelkt fühlt’ ich mein Herz. Unfähig meinen Körper. Seitdem hab’ ich gelacht, geredet, gedacht, die Honneurs der Tage gemacht, wie immer. Und bin durch nichts in meinen Ansichten und Meinungen gestört. Hepp ist mir so wenig unvermutet, als alle andre Unducht. Kein großer Trumeau, kein »Jungfernkranz«, kein Elephant über Theaterbrücken; keine Wohltätigkeitsliste, kein Vivat, keine Herablassung; keine gemischte Gesellschaft, kein neues Gesangbuch, kein bürgerlicher Stern, nichts, nichts konnte mich je beschwichtigen. Die Pockenmaterie muß raus; Schminke hilft nichts; und wäre sie mit Hausanstreichpinseln aufgeklext! Nur Despoten können uns helfen; die Einsicht haben: oder - so gesagt, so geschehn! Unversehens hab’ ich Sie hier gegrüßt, mit allem, was ich jetzt, über jetzt zu sagen weiß. Sie werden dies herrlich, elegisch, phantastisch, einschneidend, äußerst scherzhaft, immer gesangvoll, anreizend, oft hinreißend sagen; nächstens sagen. Aber der Text aus meinem alten beleidigten Herzen wird doch dabei der Ihrige bleiben müssen. Und auch hier wiederhole ich: Gott weiß das alles; sieht was uns fehlt; und schickt gewiß den trefflichen Despoten mit Bedacht aus weisem Grunde nicht. Dieser Grund ist Geschichte; und das mindeste bißchen Einsicht davon schon genug zu Geschichtserzählung. Unsre Krankengeschichte ist allein unsre Geschichte. Alle haben wir mit gefressen; und das muß wieder heraus. Kommen Sie bald; schreiben Sie noch früher! Ich leide schrecklich an Ungewaschenem, was jetzt auch sonst Gescheitere und Gewaschnere hervorlassen. Wie wenig wird echt gesehn und gedacht. Adieu. Gesundheit und heitre Tage. Ich mußte mich mit Ihrem Brief gestern freuen ... Schicken Sie mir einen recht argen <Brief>, aus tiefstem Herzen, ganz nachlässig.
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An Friedrich von Gentz in Wien
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Sonntagmorgen 8 Uhr, den 3. Oktober 1830.
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Das schönste Sonn- und Mondwetter.
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Der Himmel hat Sie gesegnet, sah ich völlig ein, als Fluten von Segen aus meinem Herzen für Sie strömten, nachdem ich Ihren paradiesischen Brief eben gelesen noch in Händen hielt. Ich fühle eine ewige Fortdauer, köstlicher reiner Freund, in dieser Übereinstimmung: die ist tiefer gegründet, bezieht sich auf Höheres, Unerschütterlicheres als auf diesen Weltwirrwarr - im höheren Sinne dieses Wort! - keine unserer Strebungen sind hier rein; das heißt, können unmittelbar sein, als die freie, von uns selbst nicht zu bändigende Liebe zu Gegenständen, die sie ins Leben zu reizen vermögen. Dieses Leben des Herzens ist allein wahr, reell. Das wußt’ ich, als ich ein Kind war, ein wirkliches Kind dem Alter nach: und Triumph! ich weiß es noch. Höchster Triumph! - Triumph ist nicht Sieg; Triumph ist Glück - mein bester Freund weiß das nun auch; bestätigt’s sich und mir, durch glückliches Erleben.
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Gutbestellte Herzen können immer verliebt sein, wollen es immer sein. Nur richtige Gegenstände dazu finden sie selten: daher das Liebesunglück all. Auch ist das Herz aus einem andern Dasein und für ein anderes: und schafft sich auch in seinem Dunkel immer ein anderes: wie ursprünglich ein jeder Mensch ein komplettes Original sein könnte und, unverdorben, dies auch in Gestalt und Wesen zu zeigen vermöchte; und also gediehen, ein vollkommener Gegenstand der individuellsten Liebe zu sein fähig wäre. Aber alles ist unter dicker Rinde der höchsten Verwirrung, in einem Aufruhr von Gemengsel und Verfehlung: sonst müßten alle Menschen lieben können, nur lieben wollen; und auch in unserm Alter lieben. Glück auf, köstlicher Freund! und auch dazu dieser Zuruf; weil dieser Lebenszustand Ihre Tage erfüllt, erhellt; reich macht, ihnen Bedeutung, Grund gibt; alle Augenblicke darin Beziehung und Zweck erhalten: nicht allein also des kostbaren Urgrunds dieses Zustandes wegen, der das reinste höchste Geschenk des Himmels ist; ja, ein Stück von ihm selbst, auf der Irr- und Probebahn mitgegangen. Hier ist meine ganze Religion ... ausgesprochen.
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Und welch ein Glück haben Sie mir noch verkündet! Wie fehlt mir dieses Glück. - Sie sagen mir: Sie haben nun meinen letzten Brief verstanden, der die Antwort auf die großen Urfragen enthielt; der eigentlich aussprach, daß wir nur so viel Gottheit erkennen könnten, als uns im Busen mitgegeben ist; daß unsre Vernunft, oder vielmehr der Durst |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000296 danach, der einzige Bürge für Urvernunft überhaupt sei. Das, geliebter Freund, wollten Sie mir zur Zeit etwas verübeln: und jetzt getraue ich mir Ihnen zu sagen, daß kein System der Philosophen - ich kenne sie -, kein Urpunkt einer Religion zu einem andern Ergebnis hingelangen kann. Philosophie kann nur den Zustand und die Fähigkeit unseres Geistes klar darlegen (und, wie Goethe in der röm. Elegie sagt: »den düstern Wegen unseres Geistes nachspüren«, dies ist wenigstens der Sinn seiner Worte -): die Religion sich nur am Ende dieser Untersuchung einfinden, und mit - aus uns selbst geschöpftem - Vertrauen gnädigst, gütigst und durch inneres Gefühl zuversichtlich, weiter verweisen; sauf neuer Offenbarungen, die ich nicht hier den alten entgegensetze, sondern - wünsche. Tief abgeschnitten hielt mich Ihre letzte Antwort an Varnhagen auf diesen meinen hier erwähnten Brief: was konnte ich sagen, weiter sagen, wenn Sie diese Worte, tief aus Herz und Geist geschöpft, nicht verstanden! Gelöst ist die Welt, die da zwischen uns lag; und auch von der Seite sind Sie mir gewonnen: wie nichts je mich von Ihnen trennen kann und konnte; fehlten Sie auch (fehlen heißt hier nicht, einen Fehler begehen, sondern nicht da sein); ich übersah uns; und wußte, daß in jeder Zukunft Sie zu mir mußten.
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Welche Ehre, daß Sie in dem Zustand, in dem vornehmen, besten, mir schreiben mußten! Keine zweite existiert, ich weiß es selbst; und leugne es Würdigen nicht. Aber woher das? Jeder könnte so sein; einzig sein. Wenn er den Mut, den Sinn hätte, »original«, er selbst zu sein: wenn ihm an fremder Zustimmung nicht mehr läge, als an seiner: wenn er sein tiefstes Wollen abfrüge. Wie einem aber dieser Mut, dieser Sinn abgehen kann, ist mir eigentlich durchaus unverständlich: gestehe ich’s nur! Menschen, denen diese bedeutend fehlen, sind mir eigentlich vortreffliche Marionetten; zur Verwunderung aus Fleisch und Blut. Nochmal Glück auf, zu unserer Frische! Unsre Jugend war kein Blendwerk. Wir lieferten ihr Grüne und Leben; sie bestand nicht nur aus Unkunde und ungekränkter Haut, sondern aus Fülle, Tiefe, Leben und Keimdrang; zum ewigen Weiterleben sind wir aufgelegt; vermögen zu lieben; und begründeter nur wird unsre alte Freundschaft, die nicht altern kann. Einen Tempel möchte ich in ewiggrünem Hain stiften, um für Ihre erneute Gesundheit zu danken; ja, mit Ruhe und Ungestörtheit (Grundlage aller Pflege) kann man sie wieder erlangen; sogar die verlorne.
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Auch ich habe noch ein Liebeherz. Ich liebe mit neuer, niegekannter Zärtlichkeit einen reinen Tautropfen des Himmels, ein sechsjähriges Nichten-Kind. Aber auch in dieser Liebe erfahre ich Störung, Kontradiktion. Und muß meinen Gegenstand oft leiden sehen! Das Mädchen |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000299 gehört mir nicht und fällt oft der Unvernunft zu. Aber das Kind gehört, höheren Ortes her, mir. Mein Blut, meine Nerven: meine Schnelligkeit: herzweich und herzstark. Vernunftkind nenne ich es; fromme Tochter. Aber sie ist hübsch, graziös: reizend, leichtsinnig: und ganz anders als ich. Vor Gott und Menschen angenehm. Sechs Jahre segne und pfleg’ ich sie mit allen meinen Kräften. Ich denke in meiner tiefen Überzeugung und Religion: daß das Kind und ich immer wieder zusammenkommen werden. Wie Schönes wußte ich Ihnen gestern darüber zu sagen; aber leider hatte ich keine Feder in der Hand.
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Nur so viel in diesem Brief. Den Ihrigen erhielt ich gestern abend. Von Heine, von allem andern künftig. Sie sollten nur geschwind Antwort haben. Wie ganz kindisch, lieblich Ihre Furcht, Ihre Zweifel! Von mir könnte ich Ihnen nur mündlich Rechenschaft geben: wie ich bin, hab’ ich Ihnen gesagt: wie es mir geht, könnte ich nur erzählen. Wissen Sie soviel: noch find’ ich mich immer wieder; und bin ich nur einigermaßen ungestört, find’ ich auch einen stillen See in der Seele: Natur, Luft und Wetter fühl’ ich wie zu fünfzehn Jahren; und Menschenseelen auch; wenn ich sie finde. Die schöne Tänzerin werde ich sehen: Keine Mühe soll mir zu groß dazu sein! Auch will ich sie kennenlernen ... Ich liebe sie schon jetzt: aber seien Sie meines reinen Urteils dennoch gewiß. ... Ich liebe Sie wie immer. Ich eile, daß Sie diesen Brief erhalten, und umarme Sie aufs zärtlichste! Welche große schöne Ursach muß der Himmel haben, uns getrennt zu halten! Ich beuge mich. Nochmals Dank, daß Sie mir schrieben! Ewigen Dank, wie ewige Liebe.
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Fr. V.
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Berlin, Montag abend 9 Uhr, den 7. Februar 1831.
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Feuchtes Tauwetter.
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Geküßt hab’ ich Ihren Brief; nach tiefer Verstummung, regungslos in meinem Bette aufrecht bleibend; aus Rührung, Liebe, Zärtlichkeit für Sie, Drang und Plan zum Helfen, Staunen, Betroffenheit. Liebes, teures - wie es sein muß - ewiges Kind! So wirft sich nur Goethens Tasso andern hin in die Hände, an den Busen, nur Sie, und die Besten, und ich, wenn ich einen bessern Busen wüßte, als den meinen! (Großes, hartes, ein noch nie ausgesprochenes Wort.) Sie sind nicht unglücklich; glauben Sie es mir, bis Sie diesen Brief ausgelesen haben. Lassen Sie |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000300 mich mit dem Unabweislichsten, Wunderbarsten, Schwärzesten anfangen, mit dem Tod. Sind wir es nicht schon? Ist er wunderbarer als das Leben? Dies Leben, mit den innern, geistigen Lücken? Dieses zerrissene Bruchstück? Wo er am Ende doch steht? Wer mir durch den dunklen Mutterleib half, bringt mich auch durch dunkle Erde! Ich will leben; also muß ich auch leben. Mein Lebensgefühl, mein Glücks-, Ordnungs-, Vernunftbedürfnis sind mir auch die Bürgen für dies alles; wie käm’ ich sonst darauf? Diese sind mein Gott in mir und außer mir; mein letzter Winkel, wo auch mein Tempel und meine Religion ist. Wenn ich jeden Augenblick sterben kann, so bin ich schon tot, d. h. ich lebe tot weiter. Und ich fühle ja mein Leben, und nicht den Tod; wie sträubt sich unser Innerstes bei jeder Probe, wo ihm nur Einhalt, Hemmung getan werden soll; jeden Widerspruch eines gerechten Anspruchs von uns fühlen wir nur darum so empfindlich, ja eigentlich so unleidlich! Das Leben läßt sich nicht betasten; nur erregen, fördern, bereichern, durch Stoff und Geist; und wirds mit dem Mordgewehr erfaßt, so fliehts, flieht aus der ganzen Sphäre, wo ihm das geschehen konnte. Gewiß werden wir wieder jung. Herrliches physisches Gefühl: nämlich ganz fertiges, nicht erst zusammengedacht, gemacht, von uns selbst erst bereitet, sondern gleich passend, gehörend zu dem Ort, wo wir zu sein haben: das ist Jugend; darin besteht sie: einschlürfend das Dasein, ausströmend, erregend wieder ausströmend: und eine neue, viel gesteigertere Jugend müssen wir wiederkriegen: in ihr fortleben: und in einer, in einer innern, leben wir schon fort! Und nur vielbehäutete Köpfe können es lächerlich finden, wenn Alte noch wollen wie Junge. Wollen sollten sie auch nicht? Ist es nicht Erde genug, daß sie nicht können? Soll im Leben ein Oberzeremoniemeister wie an Höfen herrschen? Wahrhaftig, das Volk aller Klassen versiegelt sein Leben und alle Pulse und ergibt sich darein; noch ganz voll Sittlichkeitsstolz. Wie stupid sehen sie auch alle aus! Über vierzig nicht mehr zu ertragen. Ich will sie auch nicht sehen, nicht kennen. -
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Sie sind jung, lieber Freund; lieben, sind glücklich, haben eine reizende Geliebte; einen Freund - mich - das herrlichste Kindergemüt: alle Ihre Jugendschwächen; wollen Rat und finden Rat; wie vor dreißig Jahren auf meinem Kanapee, ehe Sie zu Ihrem Vater gingen, um aus Berlin zu gehen. Nichts ist verloren; Einkünfte kommen wieder; andre. Die Welt - die olle politische - schwingt sich um: und Sie stehen ihr wieder en face. Nur mißkennen Sie ihre Entwicklung nicht so, daß Sie selbst sagen, Sie kennten sie nicht mehr. »Dieser paradoxe Satz wird bald ein Gemeinplatz werden«, muß man von Hamlet nie vergessen. Es sind jetzt andere Gemeinplätze in Umlauf; nie wird man die wieder für |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000301 Paradoxe halten wollen. Der Geist der Zeit ist nichts als die jedesmal allgemein gewordene Überzeugung. Horchen Sie dahin: agieren Sie mit der, durch die! -
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Dienstag früh
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Ich Ihnen Politik! - Sie, die allgemeine Überzeugung muß Ihnen dienen, sie sei Ihnen ein Instrument. Überwinden Sie den Abscheu: kommen Sie ihr zuvor: Lenker bedarf eine jede. Denn ist wohl noch je eine Überzeugung der Masse ihr klar? Machen Sie face; lassen Sie das Heft nicht aus den Händen, senken Sie Kopf, Feder, - wie Krieger das Schwert - nicht als überwunden: sprechen Sie sich das besonders nicht selbst aus! Und sehen Sie nicht nur die Unordnung, sondern - eben nach »den vierzig Jahren Arbeit« - was die in der Zeit sich folgenden Menschen nun jetzt zu wollen haben. Denken Sie nicht an das, was Menschen ewig wollen sollten: sondern fassen Sie ins Auge, was Weltwirrwar, alte Sünden, längst Verfehltes nun erlaubt, und wohin eben dies drängt. Im ganzen gewiß auch nach dem, was der Mensch soll: aber maskiert. Scheuen Sie diese Maske wie jede andere nicht! Behalten Sie das Heft in Händen! Sein Sie großartig. »Vous en parlez bien votre aise!« werden Sie denken. Fanny lebt noch, fragen Sie die: sie war zugegen, als ich aus blauem Himmel Warschaus Revolution erfuhr - Graf Mocenigo kam, und nach halbstündiger Tagesunterhaltung sagte er uns das - ich glaubte zu sterben. Ein Brustkrampf befiel mich, aufspringen mußte ich, noch bin ich nächtlich krank davon. - In der Welt fürchte ich nichts so als Pöbel, Hornvieh, Unvernunft, bis zur Besinnungslosigkeit und Krämpfen, - ich will nichts mehr als Ruhe. Ich habe längst meinen »Bankrott« gemacht; ich könnte nur noch gemartert und blutarm werden; und hoffe doch. Und nun Sie! - Ein Lenker, wenn Sie wollen. Wem gehören denn die Länder, wer sind denn die Regierungen als solche? O könnte ich mit dem Munde zu Ihnen reden! Gestern als ich Ihren Brief las, machte mein Herz gleich Pläne, nach Wien zu kommen. Ihnen zum Trost. Jetzt wünsche ich es, um Ihnen Vorschläge zu machen. - Nur eine Frau! Keine Maintenon und keine des-Ursins, und doch nähmen Sie einen Rat von mir in Gebrauch. Wie viel sah ich früh ein! Wie viel sagt’ ich vorher von den Dingen, mit denen Sie hantieren. Aber verwesen mußte meine gute Einsicht. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir in Prag erzählten, Sie hätten solchen göttlichen Plan erfunden, solchen herrlichen Gedanken, und wie Sie ihn dem Fürsten Metternich mitgeteilt, wäre er an sein Bureau getreten und hätte aufgeschrieben herausgelangt, was Sie ihm gesagt? Sie wollten nie sagen, was es war. Es war der deutsche Bund, dachte ich nachher. Damals war |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000302 der gut. Erfinden Sie wieder etwas. Ich zweifle nicht. Verzweifeln Sie nicht: und alles ist noch gut.
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Lieben Sie denn Ihre Blumen nicht mehr? Nicht Luft, Wetter? Das Gefühl Ihrer selbst, das Wetter in Ihnen? Wie krank bin ich! Wie gestört! Welche Deboires habe ich Dezennien lang verschlucken müssen, welche Leiden! Und Phönix nach Phönix stieg empor! Nicht, daß es mir so gefällt; nicht, daß ich’s annehme: Nein! Nein! Nein! Und ewig Nein! Aber ehrlich verarbeitet hab’ ich’s. Ich mag wohl in zwanzig Jahren keine persönliche Satisfaktion gehabt haben. Und weiß es wohl. Und schaffe mir menschliche; durch Teilnahme, durch Meditation, Einsicht, Schwung, Fröhlichkeit, Güte, Unschuld - je ne parle pas mon aise - ich verzweifelte oft, raste, hielt mich schon für toll: denn auch Ruhe und Muße hatte ich nicht. Und Sie sprechen von vierzig Jahr Arbeit. Genuß war die: und was brachte sie Ihnen ein! Allen Lebensgenuß und Wohlhabenheitsfülle, Persönlichkeitsbefriedigung; Ehre, Ansehen, Wohlhabenheit, Geselligkeitsgenuß; Reisen, Garten, Pferde, Anregung, Leben jeder Art. (Ich sollte Ihnen erzählen!!) Wie bescheiden gucke ich aus meinem Winkel hervor und hinauf! Wie tief- und frohsinnig: aber welche Abgaben bekam der Teufel durch meine nun für mich nicht mehr zu fassenden Leiden aller Art! Me voilà. Ich tröste mich und Sie. Und bin überzeugt, daß es mit zum Erdenleben gehört, daß jeder in dem gekränkt werde, was ihm das Empfindlichste, das Unleidlichste ist: wie er da herauskomme, ist das Wesentliche. Das sind die neuen Eigenschaften, die er sich anarbeiten, anleben kann. Darin, geliebtes Kind und Freund, möchte ich Ihnen helfen. Dies ist diesmal mein Schmeicheln: tiefe Wahrheit, wie ich sie mir selbst vorsetze. Daß Ihr Herz sie nur erkennt als aus meinem liebevollsten fließend! Glauben Sie mir noch fürs erste; es wird gut für Sie. Shakespeare sagt sehr klar, klug und erfahren: »Oft ist ein Fall das Mittel, desto glücklicher wieder aufzustehn«; dessen seien Sie eingedenk. Ich hab’s öfter gesehen, kürzlich erfahren. Glück auf, lieber Freund! Mut oben! Einsicht frei! Sie können alles zu allem überreden. Wagen Sie das Neuste, die neuste Behauptung. Sie sollen einmal sehen! - -
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An Pauline Wiesel (Vincent) in Baden
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Freitag, den 29. Juli 1831.
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Morgens 10 Uhr.
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Warmes ängstigendes Wetter mit Feuchtigkeit und jetzt Sonne. Ich sage, die Krankheiten kommen rein daher. Es ist seit Jahren, die ich fühle und leide, die größte Wetterrevolution.
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Wer gibt Ihnen diesen Brief, teure einzige Polle? Ludwig, Rike. Ja, die kommen nach Baden: die bleiben dort. Ich gratuliere Euch allen. Und - unmöglich ist es nicht, daß wir uns diesen Herbst noch sehen. Kommt die Cholera nicht her, so mache ich noch eine Reise. Fragen Sie Robert, Rike aus, die werden Ihnen alles von der armen Rahel sagen. Unglücklich ist sie nicht. Die Zeit ist vorbei. Sie glaubt und hofft nicht mehr auf Glück: kennt die Erde, und was sie beut und bieten kann; sie ist aber glücklich, glückselig, wenn sie nicht grade gequält wird. Und flammend glücklich, sich in dem Zustand zu befinden, Sie alle Jahre besuchen zu können; wenn vom Himmel herabströmende Seuchen es nicht verhindern wollen. Denkt meiner; ich bin bei Euch. So auch noch nach meinem Begräbnis. Ein Traum; ein Schwindel: keine Hand hält die Vergangenheit, sie rinnt durch; keine greift die Zukunft; sie ist nicht da. Aber die Ewigkeit ist da: in den wirklichen Lebensmomenten, in Leidenschaft, in Zorn, Liebe, in edler Überzeugung und ihren Wirkungen, haben wir sie ganz; darum handeln und wollen wir auch in solchen Momenten ohne Rücksicht auf Zeit; darum Glück und Leid der Liebe unendlich. Verstanden? Ja. Lesen Sie’s Robert ... adieu donc ma bonne et unique Pauline, mon trésor de bonté et d’amour pour moi. Meine Einverstandene! Naturfreundin. Wahrheitstochter, die auch mich dafür erkannt hat. Adieu. Bei allen Gelegenheiten denke ich an Sie: rufe Sie laut in Gärten, bei Blumen und Stauden, Wipfeln, Himmel und Scheinen. Solche Gebete hört Gott; - sie kommen bis zu ihm. Die Wahrheit und Natur erkennen, sind seine anerkannten Kinder; sind Geschwister: und, ich denke, bleiben zusammen. Adieu! Adieu!
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An Friedrich von Gentz in Wien
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Mittwoch, den 23. November 1831.
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Dunstiges, trübes, feuchtes, nebliges Novemberwetter; hinter welchem, wirklich wie hinter einem weiten Schleier, die Sonne kiekelt.
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Und so ist es mit allen uns bewußten Dingen: das Schöne will hervor, das Gute, das Reine, das Freie, Glück (unverletztes), Heiligkeit! Alles ist gestört: Chaos lebt noch. So sehe ich endlich im Alter unsern Zustand, in intellektueller, naturhistorischer, ethischer, politischer Hinsicht an. Das Wort steht da: Alter. Aber nicht unglücklicher bin ich als in der Jugend. Keinen heftigeren Herzenszustand gibt es in dieser Welt als den, glücklich sein zu wollen; dies zu erhoffen; noch zu glauben, daß solche Zustände für irgend jemand existieren, der ganz feinsinnig, tief und blühend intelligent ist und ein starkes und zartes Herz hat; - darunter verstehe ich das ganze Faser- und Nervensystem, mit allen seinen Dependenzen: findet kein Ganzes in irgendeiner Kombination von Umständen, zu einem Zustand gestaltet, der seinen gerechten Forderungen allen genügte: und nicht sogar quälte; oder auch nur: mir war dies nicht beschieden: (wie denn jeder Mensch, der nur Besinnung hat, ein ganz einziges Schicksal hat: ein Moment des Ganzen ist - Gottes, wenn Sie wollen - der nur einmal existieren kann). Einsamer ist man nicht als ich nun in allen Stücken. Ich sehe noch hie und da Menschen; lese, höre. Aber lebe ohne Pairs. Und denke an Vergangenes wie ein Verstorbener. Aber wenn ich mich bedenke, war es zu sechzehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahren nicht anders mit mir: auch wußte ich es in der Tiefe immer: nur überschrieen meine neuen Wahrnehmungen, Empfindungen, den Himmel, Natur und Welt belagernde Forderungen an all diese, die in der Tiefe immer zu findende Evidenz: und Stück vor Stück mußte mir das Ganze genommen werden, ehe ich den Mut, die Kraft, die Möglichkeit faßte, daß ich nichts haben sollte. Nur mich selbst. Auch darauf bin ich nicht stolz: wie weiß ich, daß schon Krankheit uns uns selbst entreißt, zerstört! Es gibt nur einen großen Lehnherrn: und wir alle Kreaturen sind Vasallen. Nur durch Miteinsicht erahnen wir Freiheit, - von der denke ich anders als die Kämpfenden, als je ein Publizist! -
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Unser innerstes Wesen ist sogar gezwungen: unser Wunsch nach einem heiligen, freien, unverletzten Zustand. Müssen wir das nicht wünschen? Sind wir dieser Wunsch nicht selbst? Adieu! demain! un mal d’yeux qu’il faut ménager, me fait quitter la plume. Bon jour! -
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Heute ist Freitag; und noch trübes Nebelwetter. Ich will fortzufahren suchen. Nun denn; ich bin verarmt; und vermisse den Reichtum nicht, wie ich wohl in meiner reicheren Zeit und in damaligem Mangelgefühl hätte denken können. Auch an mein Alter würde ich nicht erinnert werden, wäre ich nicht leidend; auch das wäre ich erträglich, wäre ich geschont worden. Enfin es ist so geworden, wie es ist. Ich habe alle meine Empfänglichkeit noch - für Gut- und Schlechtes, und freute mich auf Fannys und Theresens Kommen, wie zu sechzehn Jahren; nur verdoppelt, vielfach verdoppelt, und aus allen Sphären her begründet und bestätigt hat sich mein Haß und meine Liebe. - Und faux-frais zu Vergnügen und Glück kann ich nun durchaus nicht mehr machen; überhaupt keine frais; da ich Glück und Vergnügen missen kann, so müssen die beiden mir die Cour machen, wenn sie etwas mit mir zu tun haben wollen - es sei unter welcher Menschenmaske es wolle!! Sie wollen aber nicht: und ich bin einsam!!! Aber nicht aus diesem Grund allein: in der höchsten aktiven und passiven Aktivität konnte mir das geschehn: meine Einsicht, meine Gedanken sind zu abwärts: und in den größten Details noch mehr. Wie drücke ich das nur Ihnen verständlich aus! Sie haben mich jung gekannt und kennen meine Ignoranz: aber ich weiß alles: durch Selbsttätigkeit. Mit den größten Schriftstellern finde ich mich überein. Komme zu ihnen auf ihren hohen Sternen; aber auf meinem Weg: oder durch einen glücklichen Aufschwung. Und so ist es noch wie in der Kindheit: in der schlechtesten Komödie, in der geringsten Gesellschaft oder bei solchen Behauptungen, wird mir die höchste Tragödie, das höchste Beisammensein mit all seinen Bedingungen klar; Polemik bis an ihren Ziel- und Zweckpunkt. Und das in einer Tätigkeit, in einer Schnelligkeit, die mir noch nie vorkam. Dabei den kühnsten Denkmut, und jedes Resultat davon willig - wenn auch verzweifelt - angenommen. Nun denken Sie sich eine solche unter Leuten. Unter reinen Menschen müßte ich wenigstens sein. Nur ein Punkt Mensch im Menschen, und ich hebe uns wie mit dem berühmten Hebel nach allen Welten. Sprechen müßte ich Sie können: und in zwei Worten kennten Sie auch meine politisch-gesellige Lage. Ich rücke und rühre an nichts mehr: seit vielen Jahren; und ab fällt, was nicht hält: wie Blätter von einem gegendbeherrschenden Baum; den ich immer, im Reisen, einen Fürsten nenne; oft mit Familie, Volk; oft allein. Der große Todesgedanke - das viele Sterben aller Bekannten, das man im Alter erlebt - ist das ganze vollständige Gegengewicht dieser Phantasmagorie, dieser gezwungenen Anleihe von Illusion. Dieser, der Tod, ist eins mit dem Leben; wir werden’s in diesem nicht los. Dieses Rätsel, diese Aufgabe des Denkens und des künftigen Seins, löscht mir alle Vorfallenheiten des |Arendt-II-001-Lebensgeschichte-1959-00000306 Lebens, außer Blindheit, Kerker, Martern, überhaupt Schmerzen, ganz aus. Ich verachte nicht das Leben; das Gefühl von Dasein, die Denk-, die Fühlfähigkeit, das große, heilige, amüsante Rätsel: diese Zerstückelung ist zu kolossal, zu augenscheinlich: auch für solche Augen, mit denen wir hier hausen und unsern Verkehr treiben. Ich habe Momente von wahrem Erschauen, wo mir blitzlang alles klar ist; wo ich weiß, was das ist, heilig. Eins ist gewiß, und das kann man hier mit den Jahren schon ergründen und finden. Es steigert sich das Schlechte und Gute; und da das Schlechte doch nur eine Negation ist, so tritt es zurück und selbst wählen würden wir so die Steigerung. Ganz gut kann nichts werden. Warum - da es eigentlich keine Zeit gibt - wäre es nicht jetzt schon ganz gut? - Das alles humainement vu. Wir können ja ein neues Begreifungsvermögen bekommen oder werden! - Schon längst bin ich so durchdrungen, so übersättigt von Geduld und Abscheu, daß ich abends dem Himmel danke für das, was ich nicht weiß: und so mich auf die einzig mögliche Weise der Unschuld freue. (All sich hierauf Beziehendes habe ich längst aufgeschrieben.) So steht’s mit mir: so hatte ich die Influenza wie nur fünf in Berlin; acht Wochen schwach und elend davon; dann die Cholera-Furcht!!! Die Sperre, die Diät; dann ein Augenübel bei all meinen andern. Und doch nicht unglücklicher als sonst. Mein Augenübel ist nervös und leidet wohl Lesen, aber nicht Schreiben. Deshalb aber schwieg ich nicht. Sondern weil Sie nie antworten, wenn Sie auch einmal so gnädig sind zu schreiben. Ich bedarf Antwort. Aber »Ich mache mir wohl noch was aus Ihnen!« Liebe ist Überzeugung, wie Abscheu: unvertilgbar. Aber was tut’s! Ich kann Sie ja lieben; ohne daß Sie danach Nachfrage tun: noch ich selbst in mir. Was Menschen lernen können, habe ich gelernt; und Großes durch Sie. Ich habe auch Sie missen gelernt, seit Prag. Getrennt sind wir ohnehin. Kindisch habe ich mich vorvorgestern mit Fanny gefreut; und mit dem Schwan. Armer Freund. Armer Glücklicher, dem noch solch Glück entzogen werden kann. Sehn Sie, daß Wunder möglich sind; noch in diesem Erdengefängnis. - Und was kann noch kommen. Waren Sie je in der Jugend so beglückt: so glücklich in der Seele? -
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Tagebuch
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März 1832
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Abends atemreine Luft, von der tiefen Erde aus durch der Sterne Strahlen hin, bis zu ihrer Höhe. Tages von der Sonne erhellt und gereinigt durch sie, so weit nur Auge und Atem reichen: das wünsch ich mir und Dir; und miß es sterbend.
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An Leopold Ranke in Berlin
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Sonnabend, den 15. Juni 1832
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Ich kann, ich darf diesen Tag nicht vorbei lassen, ohne Ihnen zu schreiben. Wie falsch, wie schief sagen wir alles, was wir ausdrücken wollen; nichts kann auch verstanden werden, wenn es der andre nicht vorher weiß. So können Sie nicht wissen, daß ich meinen verschwundenen Freund nur dann, nur deshalb liebte, wenn er recht etwas Kindisches sagte oder tat. Da liebt’ ich ihn; deshalb wiederholte ich es, daß er sagte: er sei so glücklich in Prag der erste zu sein, daß alle oberste Behörden, große Damen und Herren zu ihm schicken müßten! etc. mit entzücktem Lächeln und in die Augen Sehn! So klug, dies zu verschweigen, ist jedes erzogene, verlogne Vieh: aber wer hat die hingebungsvolle Seele, das liebe Kinderherz, es zu sagen? Seine Perfidien - er übte sie reichlich gegen mich - sind anders, als der andern ihre: er glitt wie in einem Glücksschlitten fliegend auf einer Bahn, auf der er allein war; und niemand darf sich ihm vergleichen; auf diesem Wege dann, sah er, nicht mehr wie auf der Erde, weder rechts noch links: hatte er Schmerz, litt er Widerspruch, dann war er nicht mehr auf dieser Bahn; und dann verlangte er Hilfe und Trost; die er nie gab. Keiner aber darf dies wagen, und doch liebenswürdig und liebenswert sein. Ungestraft ließ ich’s, solange er lebte, nicht hingehn. Nun aber, beim Fazit, bleibt mir nur reine, lebendige Liebe. Dies sei sein Epitaph! Er reizte mich immer zur Liebe: er war immer zu dem aufgelegt, was er als wahr fassen konnte. Er ergriff das Unwahre mit Wahrheitsleidenschaft. Viele Menschen muß man Stück vor Stück loben: und sie gehn nicht in unser Herz mit Liebe ein; andre, wenige, kann man viel tadeln, aber sie öffnen immer unser Herz, bewegen es zur Liebe. Das tat Gentz für mich: und nie wird er bei mir sterben.
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Übrigens glaube ich jetzt, wir werden nach dem Sterben voneinander wissen: oder vielmehr, uns zusammen finden. Dies gesagt, grüße ich Sie, und bin überzeugt, mein Schreiben freut sie.
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Fr. Varnhagen
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Lebensdaten Rahel Varnhagens
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1771. 19. Mai In Berlin geboren als ältestes Kind des wohlhabenden Kaufmanns Levin Markus. Jüngere Geschwister: Markus (1772), Ludwig (1778), Rose (1781), Moritz (1785). Im Elternhaus, das orthodox, aber ungebildet war, wurde das Judendeutsch der Zeit gesprochen. Rahels früheste Briefe an die Familie sind in hebräischen Lettern geschrieben. 1780er Jahre Jugendfreundschaft mit dem gleichaltrigen David Veit. Regelmäßiger Briefwechsel in den Jahren 1793-1796. um 1790 Tod des Vaters. Bruder Markus übernimmt nach und nach das väterliche Geschäft. 1794 Erste Reise zu Verwandten nach Breslau. etwa 1790-1806 Rahels Salon in der Dachstube in der Jägerstraße, in dem sich die bedeutenden Männer des geistigen Berlin nahezu vollständig versammeln: die Brüder Humboldt, Friedrich Schlegel, Friedrich Gentz, Schleiermacher, Prinz Louis Ferdinand von Preußen und seine Geliebte Pauline Wiesel, der Altphilologe Friedrich August Wolf, Jean Paul, Brentano, die Brüder Tieck, Chamisso, Fouqué ... 1790er Jahre Beginn der Freundschaft mit dem Schweden Karl Gustav von Brinckmann. 1795 Sommer Rahel lernt Wilhelm von Burgsdorff kennen. 1795 Sommer Sie reist mit der Schauspielerin Unzelmann nach Teplitz, wohnt dort bei der Gräfin Josephine von Pachta. Auf einige Tage nach Karlsbad, dort erste Begegnung mit Goethe. 1795/96 Winter Rahel lernt den Grafen Karl von Finckenstein kennen. Verlobung. Die Liebesbeziehung zieht sich bis 1800 hin. 1796 Sommer In Teplitz und Karlsbad. Burgsdorff gleichfalls dort. um 1800 Taufe des Bruders Ludwig, der den Namen Robert annimmt, unter dem er als Schriftsteller bekannt wurde. 1800 Juli bis 1801 Mai Rahel reist mit der Gräfin Karoline von Schlabrendorf nach Paris, wo sie den Hamburger Kaufmann Wilhelm Bokelmann kennenlernt. 1801 Schwester Rose heiratet den Justizbeamten Asser aus Amsterdam; von dort holt Rahel ihre Mutter im Mai ab, um mit ihr zusammen nach Berlin zurückzufahren. 1801 Ende Rahel lernt Friedrich Gentz kennen. 1801/02 Sie lernt den spanischen Legationssekretär Don Raphael d’Urquijo kennen und verlobt sich mit ihm. 1804 Bruch mit Urquijo. 1806. 27. Okt. Napoleon zieht in Berlin ein, das bis 1808 unter französischer Besatzung bleibt. Sprengung des Freundeskreises durch die Kriegsereignisse. 1806/07 Schädigung des Vermögens der Familie. Einschränkungen, Auseinandersetzungen mit den Brüdern, die sich bis 1812 hinziehen. 1807/08 Winter Fichtes Vorlesungen Reden an die deutsche Nation. 1808 Frühling Beginn der Beziehung zu Varnhagen. 1808 Herbst Die Spannung zwischen Rahel und ihrer Mutter, die aus den eingeschränkten finanziellen Verhältnissen herrührt, erreicht ihren Höhepunkt mit dem Auszug der Mutter aus der Wohnung in der Jägerstraße. Rahel kann die teure Wohnung allein nicht halten und zieht in die Charlottenstraße, wo sie bis 1810 wohnt. Varnhagen geht nach Tübingen. Rahels kurze Reise nach Leipzig. 1809 Frühjahr Rahel lernt Alexander von der Marwitz kennen. Varnhagen bei Rahel in Berlin. 1809 Juni Varnhagen zum österreichischen Kriegsschauplatz; 1810 mit dem Grafen Bentheim nach Paris, von dort über Westfalen nach Wien (1811). 1809 Oktober Tod der Mutter. 1810 Sie nennt sich Rahel Robert. 1811. 25. Mai Finckensteins Besuch bei Rahel, die ihn seit Lösung der Verlobung nicht gesehen hat. 1811 Juni Varnhagen holt Rahel von Berlin nach Teplitz ab. 1811 September Rückreise über Dresden - Wiedersehen mit Alexander von der Marwitz - nach Berlin. 1812 Veröffentlichung der auf Goethe bezüglichen Stellen aus dem Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel im Cottaschen Morgenblatt. 1813. 9. Mai Zusammen mit der Familie ihres Bruders Markus nach Breslau, um den Kriegswirren zu entgehen, von dort über Reinerz nach Prag (30. Mai 1813). Aufnahme bei der Schauspielerin Auguste Brede, einer Freundin des Grafen Bentheim. Wiedersehen mit Gentz und Marwitz. 1813/14 Winter Schwere Krankheit. 1814 Sommer Wiedersehen mit Varnhagen in Teplitz. 1814 Ende August Varnhagen nach Berlin voraus. 1814. 5. September Rahel trifft in Berlin ein, wohnt bei ihrem Bruder Moritz. 1814. 27. Sept. Taufe und Vermählung mit Varnhagen. Namen: Antonie Friederike. 1814 Oktober Varnhagen als Mitglied des diplomatischen Korps zum Kongreß nach Wien. Rahel folgt ihm im gleichen Monat. 1815 Juni Varnhagen verläßt Wien, und Rahel verbringt einige Sommerwochen bei der Familie Arnstein in Baden bei Wien. 1815 August Rahel reist nach Frankfurt. 1815. 8. Sept. Goethes Besuch bei Rahel in Frankfurt. 1815 November Varnhagen kommt in Frankfurt an. 1816 Juli Varnhagen und Rahel ziehen nach Karlsruhe, wo Varnhagen preußischer Geschäftsträger geworden ist. 1819. 22. Juli Varnhagen wird von seinem Posten in Karlsruhe abberufen. 1819 Oktober Varnhagens kehren nach Berlin zurück. 1821 Frühjahr Rahel lernt Heine kennen. 1826 Ende Bruder Markus stirbt. 1829 Sommer Erholungsreise nach Baden, dort Zusammentreffen mit Pauline Wiesel. 1831 Ende August Die Cholera bricht in Berlin aus. 1832. 5. Juli Bruder Ludwig stirbt. 1832 Dezember Gentz stirbt. 1833. 7. März Rahel stirbt, wird auf dem Dreifaltigkeitskirchhofe vor dem Halleschen Tor in einem Gewölbe beigesetzt und dreißig Jahre später zusammen mit Varnhagen dort begraben.
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Bibliographie
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Rahel: Briefwechsel, einzelne Briefe
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Alle Sammlungen von Rahel-Briefen, die aus bereits veröffentlichten Briefwechseln zusammengestellt sind, werden hier nicht erwähnt, hingegen sind Sammlungen, in denen neues Material veröffentlicht ist, nach Möglichkeit mitgeteilt.
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Stern, Ludwig, Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin 1911. (Vollständige Aufzählung des gesamten Materials mit einer vorzüglichen Einleitung über Varnhagen.)
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Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. 3 Bde., Berlin 1834.
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Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Aus dem Nachlaß Varnhagens von Ense. 2 Bde., Leipzig 1861.
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Assing, Ludmilla, Aus Rahels Herzensleben. Leipzig 1877. (Enthält Briefe von Finckenstein und Rahels Briefentwürfe an ihn, p. 19 ff.; Briefe an Bokelmann, p. 132 ff.; Briefwechsel mit Urquijo, p. 194 ff.)
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Rahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen. Herausg. von Heinrich Meisner, Gotha 1925.
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Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel. Herausg. von Ludmilla Assing-Grimelli, 6 Bde., Leipzig 1874/75.
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Atzenbeck, Carl, Pauline Wiesel. o. J. (Enthält u. a. Briefe Rahels an Pauline, Briefe des Prinzen Louis Ferdinand an Rahel, einen Briefwechsel zwischen Pauline und Varnhagen aus dem Jahre 1841.)
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Briefwechsel zwischen Varnhagen von Ense und Oelsner, nebst Briefen von Rahel. Herausg. von Ludmilla Assing, 3 Bde., Stuttgart 1865.
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Louis Ferdinand Prinz von Preußen, Briefe an Pauline Wiesel. Nebst Briefen von Alexander von Humboldt, Rahel, Varnhagen, Gentz und Marie von Meris. Herausg. von Alexander Büchner, Leipzig 1865.
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Briefwechsel zwischen Karoline von Humboldt, Rahel und Varnhagen. Herausgegeben von Albert Leitzmann, Weimar 1896.
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»Brief von Rahel an Clemens Brentano.« Mitgeteilt von Dr. Agnes Harnack, Berliner Zeitschrift für Bücherfreunde. Leipzig, November 1912.
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»Ein ungedruckter Brief Rahels an Gentz vom 6. Januar 1832.« Briefe von und an Friedrich von Gentz, Bd. 1. Herausg. von Friedrich Carl Wittichen, 2 Bde., München 1909/1910.
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Berend, Eduard, »Ein ungedruckter Brief Rahels an Jean Paul (Paris, 16. Dezember 1800).« Zeitschrift für Bücherfreunde, Jahrgang 1920.
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Arendt, Hannah, »Ein Brief Rahels an Pauline Wiesel«. Deutscher Almanach, 1932.
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Rahel und ihre Zeit. Briefe und Zeugnisse. Ausgewählt von Bertha Badt, München 1912.
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Rahel Varnhagen. Ein Lebensbild aus ihren Briefen 1799-1832. Ausgewählt und eingeleitet von Curt Moreck, München. 1923. (Enthält ungedruckte Tagebucheintragungen und Briefe an Bokelmann.)
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Burgsdorff, Wilhelm von, »Briefe an Brinckmann, Henriette von Finckenstein, Wilhelm von Humboldt, Rahel, Friedrich Tieck, Ludwig Tieck und Wiesel«. Herausg. von Alfons Fedor Cohn, Berlin 1907, in: Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, Nr. 139, 3. Folge, Nr. 19. (Von den 67 Briefen sind 40 an Rahel, 22 an Brinckmann.)
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Dorow, Wilhelm, Reminiszensen. 1842. (Enthält einen Brief Ludwig Roberts an Rahel.)
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Galerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel. Herausg. von K. A. Varnhagen von Ense, Leipzig 1836. (Mit Briefen von Wilhelm von Burgsdorff, Karoline von Humboldt, Josephine Gräfin von Pachta, Karoline Gräfin von Schlabrendorf, Friedrich Schlegel, Prinz Louis Ferdinand von Preußen, Alexander von der Marwitz, Adam Müller, Friedrich Gentz, Hans Genelli, Peter von Gualtieri, Graf Tilly.)
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Geiger, Ludwig, »Aus dem Varnhagen-Chamissoschen Kreise«, Goethe-Jahrbuch, Bd. 24. (Enthält Brief Fouqués an Rahel vom 30. Nov. 1809; Brief Chamissos an Rahel vom Juni 1821.)
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Geiger, Ludwig, »Eine unbekannte Charakteristik der Bettina von Arnim«, Frankfurter Zeitung, 61. Jahrgang, Nr. 13, 14. Jan. 1917. (Rahel über Bettina, Oktober 1810.)
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Gentz, Friedrich von, »Briefe und Vertraute Blätter« (mit Briefen an Rahel), Bd. I der Schriften. Ein Denkmal. Herausg. von Gustav Schlesier, 5 Bde., Mannheim 1838-1840.
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Briefe, Briefstellen, Denkblätter Rahels, zu ihren Lebzeiten gedruckt
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Morgenblatt, Cotta, 1812, Nr. 161, 162, 166, 169, 176. (Goethe veröffentlicht die Briefstellen, die Varnhagen ihm zugestellt hat; Rahel = G; Varnhagen = E.)
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Troxler’s Schweizerisches Museum, Aarau, 1816, p. 212-242, 321-375: »Bruchstücke aus Briefen und Denkblättern«, nach Briefen Rahels von 1790-1816.
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Ernst’s Nepenthe, 1817.
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L. Börne’s Wage, 1821.
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Gesellschafter, 1821, Nr. 131-138: »Briefe und Gespräche über Wilhelm Meister«, von Varnhagen. Rahels Beiträge unter Friederike.
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Morgenblatt, Cotta 1825.
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Berlinische Blätter für Frauen. Eine Wochenschrift von Fouqué. 3. u. 4. Bd., Berlin 1829: »Aus Denkblättern einer Berlinerin.«
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Brinckmann’s Blätter für literarische Unterhaltung, 1833.
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Zeitgenössische Zeugnisse mit Bezug auf Rahel oder Varnhagen
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Anonym, »Der Salon der Frau von Varnhagen. Berlin, im März 1830.« Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Anonym, »Rahels Bild«, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Anonym, »Rahel Levin und ihre Gesellschaft. Gegen Ende des Jahres 1801.« Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Anonym, »Rahels Theater-Urtheile«, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Anonym, »Über Rahels Religiosität. Von einem ihrer älteren Freunde.« Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Brinckmann, Gustav von, »Rahel«, Brief an Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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»Briefe von Karl Gustav von Brinckmann an Friedrich Schleiermacher« in: Mitteilungen aus dem Literaturarchiv in Berlin, Neue Folge, 1912.
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Caroline. Briefe aus der Frühromantik. Nach G. Waitz vermehrt herausg. von Erich Schmidt, 2 Bde., Leipzig 1913.
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Chézy, Helmina von, Unvergessenes. Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Helmina von Chézy. Herausg. von Bertha Borngräber, Leipzig 1858.
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Custine, Marquis de, »Madame de Varnhagen«, Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften von K. A. Varnhagen von Ense, Bd. 8, Leipzig 1859.
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Geiger, Ludwig, »Varnhagens literarische Verspottung durch Clemens Brentano«, Zeitschrift für Bücherfreunde, Neue Folge, Nr. 10, Jahrgang I, 1918.
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Briefe von und an Friedrich von Gentz. Herausg. von Friedrich Carl Wittichen, 2 Bde., München 1909-1910. (Bd. 2 enthält Briefe von und an Karl Gustav von Brinckmann.)
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Gentz, Friedrich von, Tagebücher. Aus dem Nachlaß Varnhagens von Ense, herausg. von Ludmilla Assing, 4. Bde., Leipzig 1873-1874.
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Herz, Henriette, Ihr Leben und ihre Erinnerungen, herausg. von J. Fürst, Berlin 1850.
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»Jugenderinnerungen von Henriette Herz« in: Mitteilungen aus dem Literaturarchiv in Berlin, 1896.
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Henriette Herz, ihr Leben und ihre Zeit. Herausg. von Hans Landsberg, Weimar 1913. (Enthält Briefe von und an Schleiermacher.)
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Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen. Herausg. von Anna von Sydow, 7 Bde., Berlin 1906-1916.
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Pückler-Muskau, Fürst Hermann von, Briefwechsel und Tagebücher, herausg. von Ludmilla Assing-Grimelli, Bd. 1-2, Hamburg 1873; Bd. 3-9, Berlin 1874-1875.
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»Leopold von Ranke und Varnhagen von Ense. Ungedruckter Briefwechsel.« Herausg. von Theodor Wiedemann, Deutsche Revue, 20. Jahrgang, 3. Bd.
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Robert-Tornow, Walter, »Ferdinand Robert-Tornow, der Sammler und die Seinigen«, Deutsche Rundschau, Bd. 65, 1890.
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Rogge, Helmuth, »Kleist und Rahel«, Jahrbuch der Kleistgesellschaft, 1923 bis 1924.
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Caroline und Dorothea Schlegel in Briefen. Herausg. von Ernst Wieneke, Weimar 1914.
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Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Herausg. von Josef Körner, Berlin 1926.
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806
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»Briefe von Dorothea Schlegel an Friedrich Schleiermacher« in: Mitteilungen aus dem Literaturarchiv, Neue Folge 7 und 8, Berlin 1913.
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807
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Dorothea von Schlegel geb. Mendelssohn und deren Söhne Johannes und Philipp Veit. Briefwechsel. Herausg. von J. M. Raich, 2 Bde., Mainz 1881.
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808
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Aus Schleiermachers Leben. In Briefen. 4 Bde., Berlin 1858-1863. (Bd. 3 enthält den Briefwechsel mit Friedrich und August Wilhelm Schlegel; Bd. 4 enthält Briefe von Schleiermacher an Gustav von Brinckmann. Beide Bände herausgegeben von Wilhelm Dilthey.)
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809
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Varnhagen von Ense, K. A., Biographische Porträts, Leipzig 1871.
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810
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»Briefwechsel Varnhagens mit J. P. V. Troxler 1815-1818« in: Mitteilungen aus dem Literaturarchiv in Berlin, 1900.
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Allgemeine Literatur
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812
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Börne, Ludwig, Über die Judenverfolgung, 1819; Für die Juden 1819; Briefe aus Paris, 1830-1833.
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813
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Brentano, Clemens, Der Philister vor, in und nach der Geschichte. Heidelberg 1811.
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Buchholz, Friedrich, Untersuchungen über den Geburtsadel, Berlin 1807.
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815
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Dohm, Christian Wilhelm, Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, Berlin, 1781-1783; Denkwürdigkeiten meines Lebens, Lemgo 1814-1819.
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Fichte, Johann Gottlieb, Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, in Vorlesungen, gehalten im Winter 1804/05, Berlin 1806.
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Fichte, Johann Gottlieb, Reden an die deutsche Nation, Berlin 1808.
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Friedländer, David, Sendschreiben an Seine Hochwürden, Herrn Oberconsistorialrath Probst Teller zu Berlin von einigen Hausvätern jüdischer Religion, Berlin 1799.
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Geiger, Ludwig, »Vom Wiener Kongreß«, Die Zeit, 29. Sept. bis 4. Okt. 1917.
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Grattenauer, Carl, Über die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden. Stimme eines Kosmopoliten, Berlin 1791. Besprochen in Allgemeine Deutsche Bibliothek, Bd. 112, 1792; Wider die Juden, Berlin, 1802.
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Herder, Johann Gottfried, Briefe zur Beförderung der Humanität, 1793-1797; »Über die politische Bekehrung der Juden«, in Adrastea und das 18. Jahrhundert, 1801-1803.
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Humboldt, Wilhelm von, »Über die männliche und weibliche Form«, 1795, in Bd. I der Gesammelten Schriften, herausg. von Albert Leitzmann, Bd. I-XVII, Berlin 1903-1936; »Gutachten«, 1809, in: J. Freund, Die Emanzipation der Juden in Preußen, Berlin 1912; »Tagebücher«, in Bd. XIV u. XV der Gesammelten Schriften.
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Jost, J. M., Neuere Geschichte der Israeliten. 1815-1845, Berlin 1846.
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Marwitz, Friedrich August Ludwig von der, »Letzte Vorstellung der Stände des Lebusischen Kreises an den König«, 1811, Werke, herausg. von Meusel, Berlin 1908; »Über eine Reform des Adels«, 1812, ibid.; »Von den Ursachen des Verfalls der preußischen Staaten«, ibid.
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Mendelssohn, Moses, »Schreiben an Lavater«, 1769, Gesammelte Schriften, Berlin 1930, Bd. 7; »Vorrede zur Übersetzung von Menasseh ben Israel, Rettung der Juden«, 1782, Gesammelte Schriften, Leipzig 1843-1845, Bd. 3.
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Mirabeau, H. G. R. de, Sur Moses Mendelssohn, London 1788.
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Paulus, Heinrich, E. G., Beiträge von jüdischen und christlichen Gelehrten zur Verbesserung der Bekenner des jüdischen Glaubens, Frankfurt 1817; Die jüdische Nationalabsonderung nach Ursprung, Folgen und Besserungsmitteln, 1831.
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Rousseau, Jean Jacques, »Confessions«, vol. 23-26, Oeuvres complètes, Paris 1788-1793.
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Ruehs, Christian Friedrich, »Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht«, Zeitschrift für neuere Geschichte der Völker und Staatenkunde, Berlin 1815; Die Rechte des Christentums und des deutschen Volkes verteidigt gegen die Ansprüche der Juden und ihrer Verfechter, 1815.
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Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt. Dritte vermehrte Ausgabe, mit Anmerkungen von Albert Leitzmann, Stuttgart 1900.
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Schlegel, August Wilhelm und Friedrich, Athenäum, Berlin 1798.
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Schlegel, Friedrich, Lucinde, Berlin, 1799; »Charakteristik des Wilhelm Meister«, Charakteristiken und Kritiken, 1. Bd., Königsberg 1801.
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Schleiermacher, Friedrich, Briefe bei Gelegenheit der politischen theologischen Aufgabe und des Sendschreibens jüdischer Hausväter, 1799; Werke, Abt. I, Bd. 5, 1846; »J. G. Fichte. Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« (Rezension in der Jenaer Literaturzeitung, 1807), in Aus Schleiermachers Leben, Bd. 4, herausg. von Wilhelm Dilthey, Berlin 1858-1863.
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Zimmer, Heinrich W. B., Johann Georg Zimmer und die Romantiker, Frankfurt 1888.
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Verzeichnis der Briefe und Tagebuchstellen
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ARH: Ludmilla Assing, Aus Rahels Herzensleben. Leipzig 1877. Atzenbeck: Carl Atzenbeck, Pauline Wiesel. Leipzig 1925. BdA: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. 3 Bde., Berlin 1834. engl. Ausgabe: Hannah Arendt, Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess. Mit einem Anhang unveröffentlichter Brief- und Tagebuchstellen. London 1957. Marwitz: Rahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen. Herausgegeben von Heinrich Meisner. Gotha 1925. Varnhagen: Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel. Herausgegeben von Ludmilla Assing. 6 Bde., Leipzig 1874/75. Veit: Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Aus dem Nachlaß Varnhagens von Ense. 2 Bde., Leipzig 1861.
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Empfänger Datum Quelle Seite An David Veit 18.2.1794 Veit [521 f.] An Karl Gustav von Brinckmann Juli 1800 BdA I, 202 ff. [522 f.] An Wilhelm Bokelmann 2.7.1801 ARH [523 ff.] An den Grafen zu Lippe 24.1.1803 engl. Ausgabe, 203 [525] Tagebuch 8.3.1803 BdA I, 259 [525] Tagebuch März 1803 ebenda [525] Tagebuch 1803 engl. Ausgabe, 203 [526] An Don Raphael d’Urquijo ohne Datum ARH [526] An Rebecca Friedländer Dezember 1805 engl. Ausgabe, 203 [526] An Rebecca Friedländer 1806 engl. Ausgabe, 204 [527] An Regine Frohberg (Rebecca Friedländer) 13.12.1807 BdA I, 323 ff. [527 ff.] An August Varnhagen 26.9.1808 Varnhagen I, 44 ff. [529 f.] An August Varnhagen 5.11.1808 Varnhagen I, 96 f. [530 ff.] An August Varnhagen 19.2.1809 Varnhagen I, 296 f. [532] Tagebuch 5.7.1809 engl. Ausgabe, 209 ff. [533 f.] An August Varnhagen 22.2.1810 Varnhagen II, 43 ff. [534 f.] An August Varnhagen 9.3.1810 Varnhagen II, 45 [535] Tagebuch 11.3.1810 engl. Ausgabe, 211 [535] An Pauline Wiesel 12.3.1810 Atzenbeck 140 ff. [536 ff.] An Alexander von der Marwitz 25.10.1811 Marwitz, 115 ff. [538 ff.] An Alexander von der Marwitz 23.11.1811 Marwitz, 156 f. [540 f.] An Friedrich de la Motte-Fouqué 29.11.1811 BdA I, 552 ff. [541 ff.] An August Varnhagen 1.2.1812 Varnhagen II, 325 ff. [545 f.] An Alexander von der Marwitz 9.4.1812 Marwitz, 233 ff. [547-549] An August von Varnhagen 14.2.1814 Varnhagen III, 297 ff. [549 f.] An Pauline Wiesel September 1815 Atzenbeck [551] An August von Varnhagen 11.10.1815 Varnhagen V, 70 f. [551 f.] |Arendt-II-001-00000322 An Astolf Grafen von Custine 17.12.1816 BdA II, 426 ff. [552 ff.] An August von Varnhagen 14.11.1817 Varnhagen V, 299 ff. [555 ff.] An die Schwester Rose 22.1.1819 BdA II, 563 ff. [556 ff.] Tagebuch 3.11.1819 BdA II, 599 f. [558 f.] An Karoline Gräfin Schlabrendorf 22.7.1820 BdA III, 28 f. [559] An Adam von Müller 15.12.1820 BdA III, 30 ff. [560 f.] Tagebuch 29.1.1822 BdA III, 59 f. [561] An Oelsner 28.11.1822 BdA III, 84 ff. [562 f.] Tagebuch 4.12.1822 BdA III, 87 [563] Tagebuch Mai 1823 engl. Ausgabe, 213 [563 f.] An Karl Gustav von Brinckmann 24.4.1824 BdA III, 154 ff. [564-566] Tagebuch 27.1.1825 BdA III, 180 f. [566 f.] Tagebuch 1825 engl. Ausgabe, 216 [567] An Pauline Wiesel 8.6.1826 Atzenbeck, 216 ff. [567 ff.] An August von Varnhagen 11.3.1829 Varnhagen VI, 347 f. [570] An August von Varnhagen 15.3.1829 Varnhagen VI, 356 ff. [570 f.] An August von Varnhagen 24.3.1829 Varnhagen VI 389 f. [572] An Heinrich Heine 21.9.1830 BdA III, 443 f. [572 ff.] An Friedrich von Gentz 3.10.1830 BdA III, 446 ff. [574 ff.] An Friedrich von Gentz 7.2.1831 BdA III, 481 ff. [576 ff.] An Pauline Wiesel 29.7.1831 BdA III, 507 f. [579 f.] An Friedrich von Gentz 23.11.1831 BdA III, 539 ff. [580 ff.] Tagebuch März 1832 engl. Ausgabe, 216 [583] An Leopold Ranke 15.6.1832 BdA III, 576 ff. [583 f.]
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🞽 Prinz Louis Ferdinand von Preußen
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1 Hier befand sich ein Teil des Nachlasses von Clemens Brentano, den seine Schwester, Bettina von Arnim, Varnhagen zur Verwahrung übergeben hatte. Ferner die Originale der Briefe von Friedrich Gentz, die auszugsweise von G. Schlesier (Briefe und vertraute Blätter von Friedrich von Gentz, 1838) und von Wittichen (Briefe von und an Gentz, 1909) veröffentlicht sind. Aber auch Briefe von Hegel und Wilhelm und Caroline von Humboldt, Henriette Herz, den Mendelssohn-Bartholdys, Adam Müller, Leopold von Ranke, dem Prinzen Louis Ferdinand, Friedrich und Dorothea Schlegel, Ludwig Tieck - um nur die bekanntesten Namen zu nennen - gehörten zu den Beständen des Varnhagen-Archivs. - Siehe Ludwig Stern, Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. 1911.
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2 Mein nach Vergleichung mit den Handschriften korrigiertes Handexemplar sowie alle sonst in meinem Besitz befindlichen Abschriften und Exzerpte habe ich dem Archiv des Leo-Baeck-Institutes übergeben.
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3 Die bekannteste dieser Interpolationen besteht aus einigen Sätzen in einem Brief Rahels an Varnhagen, die eine nähere Bekanntschaft zu Beethoven vortäuschen sollen. Die Absicht ist offenbar: es handelte sich darum, noch einen »berühmten Mann« in Rahels Freundeskreis erscheinen zu lassen. (Die neueste »Entdeckung« auf diesem Gebiet, die Rahel zu der »fernen Geliebten« Beethovens ernennt, bedarf wohl kaum einer Erwähnung, da der Autor gar nicht behauptet, seine These dokumentarisch belegen zu können. Nicht nur in den veröffentlichten Briefwechseln, in dem gesamten unveröffentlichten Material gab es nicht eine Zeile, die diese Vermutung nahelegen könnte. Zu Rahels Zeit war es nicht üblich, aus solchen Dingen ein Geheimnis zu machen; gerade bei ihr aber ein solches Geheimnis zu vermuten, zeugt von einer außerordentlichen Unkenntnis ihrer Person.) - Für die Verstümmelung von Briefen und ihre Motivierung siehe die Episoden mit Clemens Brentano.
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4 Siehe die Einleitung von Heinrich Meisner zu dem von ihm herausgegebenen Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz, 1925, und Augusta Weldler-Steinbergs Nachwort in Rahel Varnhagen, Ein Frauenleben in Briefen, 1917.
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5 Ungedruckte Tagebuchnotiz vom 11. März 1810.
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